Leaving Bövinghausen

So, wieder da. Das hat Spaß gemacht, da im sommerlichen Dortmund zu lesen! Ob es aber auch dem Publikum gefallen hat, das müssen natürlich andere befinden.

Weil ich an dem Abend gefragt wurde, zwei schnelle Anmerkungen in eigener Sache. Erstens: Ja, man kann mich für Lesungen buchen, selbstverständlich doch. Das kostet dann zwar Geld, versteht sich, aber jede drittklassige Band ist teurer als ich und braucht erheblich, wirklich erheblich mehr Zeit für den Soundcheck und Musiker verbrauchen auch einfach viel mehr Platz als schreibende Menschen. Im Grunde habe ich viele Vorteile, wenn ich es recht bedenke, das ist doch auch mal ein interessanter Gedanke, so unter uns Anhängern des bestenfalls mittleren Selbstwerts.

Zweitens und apropos Wert: Nein, man kann mir nicht nur Geld über den Paypallink unter jedem Text  zukommen lassen, das geht auch auf die ganz altmodische Art mit Überweisung und so, die Älteren erinnern sich. Schreiben Sie mir eine Mail (Adresse im Impressum) ich schicke Ihnen die Daten und den Dank, versteht sich. Vielleicht könnte ich die Kontodaten auch auf der Seite veröffentlichen, das kann durchaus sein – ich habe aber nach einiger Recherche nicht vollumfänglich verstanden, ob es total normal ist, seine Kontodaten auf der Seite zu veröffentlichen oder ob es irgendwie hirnverbrannt ist. Und dann hatte ich keine Zeit mehr für das Thema, Sie kennen das.

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Ich hatte mich vor der Lesung in Dortmund gewundert, dass es so schwer war, dort ein Zimmer zu bekommen und dass die wenigen verfügbaren so irre teuer waren, Dortmund war mir als Touristenattraktion gar nicht in Erinnerung. Des Rätsels Lösung war ein Pokémon-Festival mit etwa 100.000 Gästen, man staunt. Also nicht nur ich staune, auch die Söhne zum Beispiel, denn Pokémon? Ist das nicht lange durch? Offensichtlich nicht.

Dortmund war also ausgebucht, ich landete in Bövinghausen, viertel vor Castrop-Rauxel, wobei ich mich in der Gegend da überhaupt nicht auskenne. Ein leicht ranziges Hotel am Ende der Stadt, so fangen auch Geschichten oder Filme an, es ist dann aber gar nichts passiert. Ich bin nur am nächsten Morgen eine Stunde zu früh am mausetoten Vorstadtbahnhof gewesen. Das geschah allerdings mit Absicht, denn eine Bank am Gleis war mir immer noch lieber als der Aufenthaltsraum im Hotel, der so aussah, als hätten Menschen darin irgendwann mal Spaß gehabt, in den Achtzigern etwa. Es hat seitdem aber auch keiner mehr aufgeräumt. Ich saß also am Gleis unter Bäumen und es war sehr ruhig und sehr friedlich und geradezu schön, also wenn man etwas Ruhe mal schön finden kann. Ich bekomme ja bekanntlich wüste Aggressionen von vorgesetzter und geplanter Wellness, aber so erschlichene Stunden im Irgendwo, die kann ich gut ab. Etwas Bövinghausen zur Erholung, das geht. Das geht sogar gut.

Ich hatte von meiner Bank aus Blick auf die vollkommen uninteressante Rückseite einer Fressnapf-Filiale, auf einen ähnlich spannenden Pennymarkt von hinten und auf ein schlichtes Gebäude mir unklaren Verwendungszwecks, das einen enorm großen Sendemast auf dem Dach trug. Am Penny sagte ein rotes Schild “Auf Wiedersehen” und ich sagte ehrlich: “Ich weiß ja nicht.” Vor mir das Gleis, daneben noch ein Gleis, das wurde vor einiger Zeit aufgegeben. Durch das Gleis wuchsen lilablühende Stauden und junge Birken. Irgendwo gurrten Tauben die ich nicht sehen konnte. In der Ferne fuhr ab und zu ein Auto vorbei, aber in sehr moderater Folge, das war da eine ruhige Gegend, zumindest am frühen Sonntagmorgen. Vor dem Fahrkartenautomaten stand ein junger Mann, drückte auf dem Bildschirm herum und las, was da stand. Das machte er lange, nach einer Weile dachte ich, dass er das einigermaßen erstaunlich lange machte.Ich schrieb ganze Absätze, während er da drückte und las und drückte und las, vermutlich studierte er sämtliche Angebote der Bahn zum Thema “Leaving Bövinghausen” durch, er war in dem Alter und der Sonntagmorgen, sieben Uhr, war vielleicht auch einfach ein guter Zeitpunkt für den Aufbruch, das dachte ich ja auch.

 

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Auf dem Gebäude mit dem Sendemast waren gesprühte Tags, die konnte ich nicht verstehen. Aus einem Einfamilienhaus schrie ein wütendes Kind, das konnte ich auch nicht verstehen, die Welt wurde mir nicht klarer in Bövinghausen, aber das störte mich nicht. Ich wollte da einfach nur sitzen, ich musste da gar nichts verstehen. Auch mal schön.

Auf dem noch befahrenen Gleis lag eine Plastiktüte, die bewegte der milde Wind von Dortmund ab und zu ganz sachte, und mehr bewegte sich nicht. Über mir die Wolken, sie hingen wie festgetackert. Der Zug fuhr alle Stunde, das ist ja eigentlich recht oft. Ich habe aber, so schön es da auch war, dann doch den nächstbesten genommen.

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Im Zug nach Hamburg las ein Herr neben mir seiner Frau etwas über Thoreau vor, “der mit Walden und so.”

“Gott, wie kommst du denn jetzt auf den?”

“Na, den kenne ich eben.”

“Was du alles kennst.”

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Ich saß im Zug und schrieb in mein Notizbuch, ein alter Mann setzte sich mir gegenüber hin und besah sich meine Aufzeichnungen: “Ist da Steno dabei? Sie schreiben ja wunderschön!” Dazu muss ich erwähnen, dass der Herr sehr schwachsichtig war, denn wunderschön schreibe ich ganz gewiss nicht, schon gar nicht im wackelnden Zug.

Dann holte der Herr auch ein Notizbuch und ein Buch heraus, wir setzten uns versetzt, so dass wir beide genug Platz hatten, und wir lasen beide und schrieben dann ab und zu einen Satz, er in Steno, ich in Krakel. Wir sprachen kein weiteres Wort, es war sehr harmonisch, beste Reisegesellschaft.

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Noch ein Hinweis, ich habe die letzte Woche vor dem Urlaub erreicht, es wird wie immer hektisch und die letzten Werktage kommen vollgepackt wie Lastesel daher. In den nächsten vier Wochen wird hier also etwas seltener etwas erscheinen, das könnte durchaus sein. Eventuell mache ich zwischendurch auch einfach mal nichts und setze mich nur so aufs Sofa und gucke in die Luft, dann werde ich zu mir sagen: “Wie in Bövinghausen!”

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Rolltreppe abwärts

Mussten Sie das Buch mit dem Titel auch einmal im Deutschunterricht lesen und haben es furchtbar gefunden? Hier kommt ein Text, um davon abzulenken. Nach all den Jahrzehnten! Für manche Ausgleichsmaßnahmen braucht man eben länger.

Ich fahre die Rolltreppe zur U-Bahn am Hauptbahnhof hinunter, auf der Zwischenetage mit dem Bäcker und dem Kiosk und den Fahrkartenautomaten steht eine Frau. In der Mitte dieser Fläche steht sie, vor den beiden Buden, mitten im Gewimmel steht sie da, und sie guckt in meine Richtung und wartet und freut sich. Und zwar freut sie sich über mich. Über mich, auf den sie gewartet hat, und jetzt bin ich gleich da. Das ist ziemlich toll, das sieht man ihr an. Ihr Gesicht strahlt, die Mundwinkel wandern immer höher und ihr Blick ist, man kann es fast nicht beschreiben ohne anzugeben, geradezu verzückt, weil ich da endlich angerollt komme. Ihre ganze Körperhaltung sagt, das wird gleich eine Umarmung, die hast du auch nicht jeden Tag, einen schnellen Schritt geht sie schon auf mich zu. So eine Erwartung strahlt diese Frau also aus und das Dumme ist nur, ich habe nicht die leiseste Ahnung, wer das ist. Nie gesehen, nicht einmal ansatzweise bekannt. Selbstverständlich lächele ich aber dennoch zurück, schon aus Höflichkeit und weil stets bemüht.

Die Rolltreppe schiebt mich immer weiter auf sie zu und allmählich merke ich, ihre Begeisterung über mich ist ein Scheinriese von Gefühl, denn ich beobachte ein allmähliches Erlöschen der Freude und der ganzen Munterkeit, ein langsames Sinken der Mundwinkel, eine Änderung in der Körperhaltung, je näher ich komme, desto weniger ist von dem ganzen schönen Zauber übrig, desto mehr Zeichen der Freude verblassen, bis nur noch ein ganz normales und eher ödes Warten übrig bleibt. Die kennt mich nämlich auch nicht, die hielt mich einfach für einen anderen und während ihre Freude immer kleiner und kleiner wird, wird die Enttäuschung durch mich immer größer, denn hey, ich bin es nur, also schlicht irgendwer, das ist fast schon ärgerlich. Als ich schließlich an ihr vorbeigehe, sieht sie längst angestrengt woanders hin und hat sich sicherheitshalber auch etwas weggedreht. Vielleicht kommt er ja aus einer anderen Richtung, also der andere, und sie sieht so entschlossen weg, als hätte es die gerade eben noch so vorschnell an mich verschwendete Freude nie gegeben.

Um die Umarmung war es ja etwas schade, fand ich.

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Musik! Kevin Johansen.


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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Die Zeitlupe des Spätsommers in der Provinz

Wie es dem Arm geht, wurde in den Kommentaren gefragt. Vielen Dank für das Interesse, ich habe die Operation gerade abgesagt. Wie erwartet, wurden die Symptome sofort wieder schlimmer, manchmal ist diese Vorhersehbarkeit wirklich ein wenig nervtötend. In Kürze gibt es noch einen Therapieversuch – und dann weiß ich auch nicht. Neues Jahr, neues Glück – oder so.

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Aber apropos Arm. Das dämliche Gelenk hat mich im September und Oktober davon abgehalten, die Wandererzählung korrekt zu beenden, da fehlen immer noch drei Tage. Mittlerweile habe ich allerdings den Eindruck, es ist einigermaßen egal, ob ich nun stundenlang schreibe oder nicht, der Arm richtet sich mit den Schmerzen eher nach dem Wetter, dem Mond, den Dieselpreisen oder nach Gott weiß was, ich kann also auch einfach schreiben. Das Jahr neigt sich dem Ende zu und nach alter Gewohnheit sind noch vor der Silvesternacht alle alte Themen abzuarbeiten, jeder hat eben so seine Marotten. Erst muss das Alte weg, dann geht es an die Fortsetzung, gerade gestern erst erkundigte sich der Sohn nach der Möglichkeit einer Winterwanderung, “aber ohne Zelt”, wie er sicherheitshalber hinzufügte. Es ist sogar noch Geld für Fahrkarten da, das haben Leserinnen uns bereits freundlich vorfinanziert. Das Projekt der Umrundung Schleswig-Holsteins bewegt sich also wieder etwas, aber zunächst erst einmal zum geordneten Abschluss der Sommerwanderung.

Dafür müssen wir zurück in die Hitze, das wird jetzt bei aktuell drei Grad in Hamburg etwas Fantasie erfordern, aber die haben Sie ja und ich bin immerhin stets bemüht. Sommer, Sonne, Strand also, Sie erinnern sich vielleicht, der Sohn hatte einen seligen Tag am Meer, das war bei Sierksdorf in der Lübecker Bucht an einem der heißesten Tage des Jahres und der letzte Eintrag zum Thema endete so:

“Der Sohn schwimmt, der Sohn steht am Meer, der Sohn sammelt Steine und setzt sich kurz neben mich. Der Sohn macht Strandjugenddinge, denke ich, es ist ganz schön, dass er das einmal so kennenlernen kann. Frierend aus der Ostsee kommen und in der prallen Sonne langsam wieder warmglühen. Auf dem Bauch im Sand liegen und in die Gegend sehen, sonst nichts. Am Meer stehen und Schiffe ansehen, wie sie von Travemünde aus nach Norden fahren. Und immer wieder auch ins Meer gehen, einmal, zehnmal, zwanzigmal an nur einem Vormittag. Er kommt zwischendurch zu mir und will wissen, ob es hier Feuerquallen gibt, die Frau aus dem Nachbarstrandkorb hört das und verneint: “Hier gibt es gar nichts. Also außer Tang.” Sie sagt es, als sei das eine gute Nachricht, dass es im Meer nichts gibt, nicht nur keine gemeingefährliche Feuerquallen, sondern auch keine Krebse oder andere Untiere, im Meer ist einfach nur Wasser.”

Hier war das.

Viel später am Tag werden wir im Zug sitzen und diskutieren, wie lange wir nun eigentlich in Sierksdorf am Strand gewesen sind. Dieser Tag ist jetzt mehrere Monate her, wir diskutieren das gelegentlich immer noch. Denn der Sohn, der in euphorischer Ferienekstase den vermutlich besten Strandtag seines Lebens hatte, er fand das da etwas kurz. Ich aber, der ich mehrere Stunden ohne Lektüre und mit leerem Handyakku in einem Strandkorb bei lächerlich hohen Temperaturen aushalten musste, ich fand das da eher etwas zu lang. Wenn ich also von diesem Tag spreche und darauf verweise, wie lange ich in Sierksdorf für ihn und sein Kinderglück durchgehalten habe, sagt er in einem Tonfall, der mir nicht recht gefällt: “Ist klar, Papa, richtig lange.” Mit diesen beiden Sichtweisen im Kopf und unter Berücksichtigung einiger Fakten wie etwa der späteren Zugabfahrzeit, waren wir nach bestem Wissen etwa sechs Stunden an diesem Strand. Wie auch immer das nun zu bewerten ist, ich jedenfalls war seit 1987 nicht mehr so lange in einem Strandkorb. Und da um mich herum Menschen in allen Stadien der Verbrennung lagen, kann das so empfehlenswert auch nicht sein. Aber da steigen wir also wieder ein in den Bericht:

Nach diesen sechs Stunden ist der Sohn endlich so oft im Meer gewesen, dass er keinen einzigen Zug mehr schwimmen kann. Die Sonnencreme geht langsam zur Neige, wir haben weder Getränke noch Essen dabei, und um etwas zu besorgen, müssten wir erst eine Bank finden, das Bargeld wird auch knapp, das ist alles etwas ungünstig. Der Gedanke, heute noch weiter zu wandern, er kommt uns beiden vollkommen grotesk vor, da sind wir uns einig. Also packe ich alles zusammen und wir gehen langsam zum Bahnhof. Wir gehen zum einen langsam, weil der Sohn sich nicht trennen kann und bei jedem Schritt überlegt, ob er nicht doch noch einmal schnell zum Meer rennt und reinspringt, wir gehen zum anderen langsam, weil ich wieder beide Rucksäcke trage, meinen heute aber viel schwerer als am Vortag finde und den Verdacht nicht loswerde, dass der Sohn heimlich mehrere ihm attraktiv vorkommende Steine beträchtlicher Größe hineingepackt hat.

Am Bahnhof steht ein Häuschen in fragwürdigem Zustand, in dem Toiletten und Fahrkartenautomaten sind, die zu meiner Überraschung sogar funktionieren. Unter einer Bank im Wartebereich finde ich eine Steckdose, ich krieche darunter und stöpsele das Handy ein, aber es passiert nichts, es gibt keinen Strom. Ich umrunde das Haus auch von außen, es ist aber keine weitere Steckdose zu finden. Man findet überhaupt sehr wenig Steckdosen in Schleswig-Holstein, wenn man einmal wirklich eine braucht, das ist wie mit dem Handynetz. Auf dem Bahnsteig warten zwei, drei Familien auf einen Zug, man sieht auf den ersten Blick, dass sie da schon zu lange stehen oder eher lagern. Eingedöste Kinder, fortgeschrittenes Wartekoma in brutal heißer Spätnachmittagsluft. Eine Mutter gräbt leise fluchend in mehreren Gepäckstücken nach Wasserflaschen, findet endlich eine und hält sie hoch, es ist nur noch ein Tropfen darin. Sie sieht sich um.

Neben dem Bahnsteig steht eine Baracke, vor der sitzt ein Mann in Uniform auf einem runtergerockten Drehstuhl. Er hat beide Beine lang ausgestreckt und die Dienstmütze der Deutsche Bahn so western-like in die Stirn geschoben, Detlev Buck hätte es auch nicht schöner inszenieren können, wie der da sitzt, unbeweglich und mit starrem Blick in der grillheißen Sonne, spiel mir das Lied vom Zug. Die Mutter geht zu dem Mann zu und fragt: “Bitte, haben Sie hier Wasser?” Der Mann schiebt die Mütze mit einem Finger höher und guckt, es ist herrlich, wie langsam er das tut, die Zeitlupe des Spätsommers in der Provinz, genau so stellt man sich das vor. Aber er sitzt da beruflich, er möchte nicht gestört werden. Er sitzt sehr gründlich und im Dienst, das müsste man eigentlich erkennen. Jeder müsste das erkennen, nur die Touristen wieder nicht. Er sieht die Frau an und sagt dann: “Jo.”

Die Frau hebt ihre leere Flasche, nach wie vor läuft alles wie in einem Drehbuch ab. Der Mann sieht die Frau an, die Frau sieht den Mann an. Aus dem benachbarten Freizeitpark hört man kreischende Kinder auf der Achterbahn. Langsam lässt die Frau die Flasche wieder sinken, denn das müsste der Typ ja allmählich verstanden haben, was sie will, jeder hätte das jetzt verstanden. Der Mann atmet tief ein, legt den Kopf zurück und sagt: “Aber es ist kein Trinkwasser.” Dann schiebt er die Mütze wieder über die Augen und verschränkt die Arme vor der Brust.

Eine Viertelstunde später steht er ächzend auf und stellt sich an die Bahnsteigkante, ein Zug fährt durch. Ein Zug, der nur in Städten einer respektablen Größe hält. Er fährt enorm schnell durch und der Mann steht wirklich dicht am Zug, der Fahrtwind reißt und zerrt an seinem Hemd. Der Mann guckt stoisch auf die Wartenden, bei denen die Eltern jetzt unwillkürlich die Kinder festhalten, als der Zug auf einmal so dicht an ihnen rasend vorbeilärmt. Der Mann aber steht da und passt auf, das ist sein Job. Nur er darf da so stehen und immerhin weiß er: Die Kinder im Freizeitpark kreischen auf der Achterbahn wegen der vermeintlichen Gefahr, aber das, was er da macht – das ist echt. Und dann setzt er sich langsam wieder hin, auf seinen uralten Bürostuhl.

Der Sohn und ich fahren nach einer schier ewigen Wartezeit an diesem Bahnsteig mit dem Zug zurück nach Hamburg, nur um gleich am nächsten Morgen wieder aufzubrechen. Denn sofort nach dem Aufwachen ist ihm klar, dass er immer noch nicht ganz strandsatt ist. “Wir könnten Brötchen kaufen und im Zug frühstücken”, sage ich. “So machen wir das”, sagt der Sohn. Und so haben wir es dann auch wirklich gemacht.

Fortsetzung hier.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, das geht heute natürlich in die Wandersparte.

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Ich komme aus Lübeck, aber heute nicht

Der Anfang der Wandertour scheitert fast am Fahrkartenautomaten der Bahn, der möchte nämlich unbedingt, dass Lübeck mein Startbahnhof ist, nicht mein Zielbahnhof. Da kann ich drücken, was ich will, das interessiert den Automaten einfach nicht, Lübeck, meint er, ich komme aus Lübeck. Ich komme zwar tatsächlich aus Lübeck, also gebürtig, ich brauche dahingehend aber keine Belehrung durch einen DB-Automaten, ich möchte heute bitte mal aus Hamburg kommen. Da wird man ja noch herkommen dürfen! Nein, sagt der Automat, ich komme doch aus Lübeck. Ich gehe ins Reisezentrum um mit echten Menschen zu reden, da sind aber unendlich viele andere Reisende vor mir dran, natürlich, es ist Ferienzeit, alle sind unterwegs. Ich gehe zurück zu den Automaten, da stehen mittlerweile lange Schlangen vor jedem Gerät. Einige schütteln die Köpfe, vielleicht haben die auch alle ein Lübeckproblem, ich kenne das. Es dauert zehn Minuten, bis endlich ein anderer Automat frei wird, der mich auch noch aus Hamburg kommen lässt, viel länger hätte es nicht dauern dürfen, dann wäre unser Zug weg gewesen.

Im Zug ist der Sohn verständlicherweise etwas aufgeregt, immerhin ist es seine erste große Wanderung, mit Übernachtung und so, also mit allem. Wir sind zwar schon einmal in Hamburg gewandert, bis Blankenese etwa, aber das war nicht ganz richtig, da war man ja nicht wirklich aus der Stadt weg und hat nicht übernachtet, das kann ja jeder, das war quasi nur ein Spaziergang in lang. Aber jetzt! Es hält ihn keine zehn Minuten auf seinem Sitz, er geht den Zug erkunden und läuft bis zum Ende und dann bis zum Anfang, dann noch einmal und noch einmal, den ersten Kilometer geht er auf diese Art schon während der Hinfahrt.

In Travemünde steigen wir aus, der Bahnhof ist heruntergekommener als zu meiner Zeit. Ein Gleis wurde aufgegeben und liegt brach, da wachsen Sträucher und Bäume durch die Anlagen. Nach der Wende ging es damals mit Travemünde erst einmal bergab, das sieht man heute noch, auch wenn die Immobilienpreise längst wieder steigen und überall “Exklusiv” dransteht, wo gebaut wird, und gebaut wird nicht wenig.

Der Bahnhofsvorplatz ist für mich verwirrend, das ist der Platz, wo früher mein Schulbus abfuhr, da war ich jeden Tag. Als ich aus dem Zug stieg, hätte ich noch sagen können, wie es dort früher aussah, jetzt stehe ich da vor dem umgestalteten Platz und alles ist sofort überlagert und weg, was war denn noch einmal da, wo jetzt der Bäcker ist? Und war da nicht ein Gebäude, hieß das Lokal da nicht anders und war an dieser Ecke früher auch schon eine Ampel? Nach ein paar Minuten ist mir das egal, vergangen ist vergangen, der Sohn sieht eh nur den neuen Ort, dem schließe ich mich jetzt einfach an. Bis er an einem Kiosk eine Limo kaufen möchte, da sehe ich den Namenszug auf der Markise, das ist immer noch der alte, ist es denn zu glauben. Alles vergeht, der Kiosk bleibt, ich könnte da immer noch einen Comic kaufen, genau wie als Zwölfjähriger. Die Dame vor mir kauft Saft und fragt nach großen Flaschen, ist dann aber überrascht vom Preis des Einkaufs und lässt sich die Addition vorrechnen. “Das ist ja alles sehr, sehr teuer”, sagt sie kopfschüttelnd, und die Verkäuferin im Kiosk sagt, dass es ihr leid tut: “Aber so ist das nun einmal.”

Wir gehen zur Promenade am Strand und machen eine kleine Pause für reichlich Sonnenschutz, es ist früh am Morgen und schon heiß. Es ist viel heißer als ich dachte, der Wetterbericht hatte eigentlich einen frischeren Tag vorhergesagt und hat erst am Vorabend auf Hitze gedreht. Hitze, nicht Wärme. Egal, habe ich gedacht, an der See geht ja immer etwas Wind, das wird schon passen. Wir stehen am Geländer der Promenade und sehen auf die Ostsee, da geht allerdings kein Wind, kein Lüftchen, kein Hauch, da geht gar nichts. Das Meer liegt so ruhig wie ein Meer nur ruhig liegen kann, also etwa so ruhig, wie ich ruhig liege, wenn ich mal ganz bewusst ruhig liegen will. Irgendeine Kleinigkeit bewegt sich da immer noch, es kribbelt hier, es zuckt da, ab und zu ein winziger Wellengang. Aber im Großen und Ganzen bewegt sich tatsächlich nichts. Ich finde es immer ein wenig anstrengend so zu liegen, und die Ostsee wirkt auch nicht gerade so, als würde es ihr Spaß machen, die liegt da wie niedergedrückt und von der Hitze gebügelt. Die Möwen vom Dienst segeln lustlos und tief, das ist ohne Brise wohl auch auch nicht so ein Vergnügen wie sonst.

Der Strand ist schon voll, obwohl es immer noch früh ist, wir sehen uns die Strandkörbe von der Promenade aus an. Es gibt nicht mehr so viele Burgen wie früher, das ist wohl zwischenzeitlich etwas aus der Mode gekommen, sich mit Schaufeln einzugraben und abzugrenzen. Dafür gibt es jetzt ungeheuer großes Plastikspielzeug zum Aufblasen, überdimensionierte Rettungsringe mit hoch aufragenden Einhornköpfen vorne dran, mit Flamingoköpfen, mit Schwänen und weiß Gott welchen Tieren und Fabelwesen, alles natürlich in schreibunt. Und es sind nicht nur Kinder, die damit ins Wasser gehen. Ich denke an die Luftmatratze, die ich als Kind lange benutzt habe, die war oben dunkelblau und unten dunkelrot, die würde man heute gar nicht mehr wahrnehmen, so unauffällig war die.

Keine der Frauen am Strand läuft oben ohne herum, das fällt mir auch auf. In den Siebzigern war das normal, das macht heute niemand mehr, ich weiß gar nicht, wie das kam. Wieso werden Gesellschaften eigentlich wieder prüder? Ist das eine Wellenbewegung, sind das soziale Zyklen? Neben den Strandkorbverleihkabäuschen gibt es aufgestellte Wände, das sind Umkleidekabinen. Die hat früher keiner vermisst, heute werden sie rege besucht. Später am Tag werden wir in anderen Orten noch mehr von diesen Kabinen sehen, manche sind sogar historisierend gestaltet, das Wort “Umkleide” daran in Fraktur geschrieben. Aber die verweisen nicht auf das Neunzehnte Jahrhundert, diese Kabinen, die verweisen nur auf eine Zeit vor den Siebzigern.

Da, wo man von der Promenade zum Strand runtergeht, hängen Automaten, an denen man eine Beach User Fee bezahlen soll. In den anderen Orten später am Tag wird das Strandkarte heißen, Gästekarte, Ostseekarte, Kurkarte, wie auch immer, überall anders. Das lässt der Sohn sich erklären und ist hell empört, Eintritt für den Strand, das geht doch nicht? Der ist doch Natur? Alle verrückt oder was? Ich erzähle ihm, dass in einer Nordseegemeinde jemand gerade erfolgreich gegen diese überall erhobene Gebühr geklagt hat, das findet er super. Es lässt ihm gar keine Ruhe, so unglaublich findet er das, muss man da bezahlen, um ans Meer zu dürfen, also echt jetzt mal, das geht nicht. Er findet, ich müsse dagegen demonstrieren oder wenigstens was im Blog dazu schreiben, ich sage, dass das klar geht. Bald schon.

Wir stehen noch eine Weile oben auf der Promenade und sehen uns das Treiben an, wir stimmen uns erst einmal ein, eilig haben wir es sowieso nicht. Uns fällt auf, dass sich viele zu streiten scheinen, Urlaub ist auch nicht immer ganz einfach. Da werden Kinder angekeift, da wird auch unter Erwachsenen gezickt und gebrüllt und ermahnt und streng angewiesen, du kannst doch das Handtuch da nicht einfach so in den Sand legen! Also wirklich! Entspannung am Strand ist am Ende auch eine höhere Kunst. Ein fast erwachsener Sohn spielt Beachtennis mit seiner Mutter, nach drei Schlagwechseln  wird er aber schon ungeduldig, die Mutter trifft einfach nichts. “Du musst dich kontrollierter bewegen, Mutter”, ruft er ihr zu, das klingt wie ein Liedtitel von Tocotronic und die Mutter sieht für eine Sekunde so aus, als würde sie den Schläger dem Sohn kontrolliert über den Schädel ziehen wollen, aber dann nimmt sie nur den Ball, wirft ihn hoch und macht eine Angabe, die vielleicht ein klein wenig zu stark ausfällt, so dass der Sohn fluchend über den Strand stapft, dem verdammten Ball hinterher, der da ganz hinten irgendwo gelandet sein muss.

Die meisten anderen machen keinen Sport, die meisten anderen machen gar nichts. Sie sitzen in glutheißen Strandkörben und gucken in einem Martin-Parr-mäßigen Licht auf die anderen, die auch alle so sitzen, wenige im Schatten, die meisten in der Sonne, fettglänzend vor Sonnencreme. Man brät allgemein vor sich hin, wozu geht man bitte sonst an den Strand.

Das Licht ist heute tatsächlich etwas speziell, die bunten Segel der wenigen Schiffe da ganz hinten leuchten greller als sie eigentlich sein können, das sieht nicht realistisch aus, das ist völlig überzeichnet. Auch der DLRG-Turm mit seiner Signalfarbe, die Menschen darin in ihren signalfarbenen T-Shirts, alles leuchtet wie irre und knallt ins Auge, das kann doch so nicht gehören. Wir gehen an der großen Liegewiese vorbei, die leuchtet nicht, die liegt stumpfgelb und staubig da, verdorrt wie alle Rasenflächen in diesem Sommer. Wir gehen weiter am Strand entlang zum Steilufer, der Rucksack sitzt gut, die Laune ist bestens, nur die Hitze ist etwas besorgniserregend.

Am Golfplatz vorbei weiter zum Steilufer, wir gehen ins erste Wäldchen, da ist Schatten, da machen wir schon die erste Pause und gucken von oben über die Ostsee. Von hier sieht man keine Menschen mehr, man sieht nur noch die Fährschiffe weit draußen und der Sohn sagt, dass er genau da jetzt ab sofort öfter sein möchte, an dieser Steilküste und in diesem Wäldchen, denn da sei es ja wohl wirklich, wirklich schön. Womit er natürlich Recht hat. Ich sage ihm, dass ich da früher andauernd war, das kann er sich nicht vorstellen.

Die Hermannshöhe ist heute ein Erlebnisrestaurant, was immer das genau ist, die lassen wir links liegen und gehen weiter in Richtung Niendorf. Wir suchen uns den nächsten Schatten unter Bäumen und setzen uns schon wieder hin, in der Sonne ist es jetzt endgültig zu heiß, viel zu heiß. Wir beschließen, jeden auffindbaren Schatten mitzunehmen, und wenn wir dafür alles im Zickzack gehen müssen, das ist egal. Den ganzen Weg in der Sonne würden wir ziemlich sicher nicht schaffen, “die Sonne will uns erschlagen”, sagt der Sohn. Auf einem Acker am Weg stehen Pflanzen, ich erkenne nicht einmal, welche Kultur das ist, jedenfalls ist alles noch vor der Ernte zu Stroh geworden. Es ist auch ziemlich egal, was es ist, verwerten wird man das trockene Kraut nicht können. “Der Bauer hat aber nicht gegossen”, sagt der Sohn und ich erkläre ihm, dass es fast überall so aussieht. Wir gucken uns die Landschaft an, die Büsche am Wegesrand, die Bäume, die Wiesen, es ist alles struppig und wirkt wie zerzaust und räudig, wo man nur hinsieht, auch die Gärten sehen alle so aus, der letzte Regen ist wer weiß wie lange her. Leuchtend grün ist nur der Seetang unten im flachen Wasser der Ostsee, der sieht herrlich frisch aus. Ein sommerliches Grün, vor gar nicht langer Zeit gab es diesen Farbton auch noch an Land.

Die Steilküste senkt sich jetzt langsam etwas ab, wir gehen allmählich auf Niendorf zu.

Fortsetzung hier.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, Sie müssen aber gar nichts. So geht es hier zu.

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Berlin (2)

Die Fortsetzung von diesem Text.

Berlineer Kronkorken

 

Wir standen also gut durch vor dem Brandenburger Tor, die Kraft der Kinder reichte nur noch, um in die nächste Eisdiele zu fallen. In eine ganz normale Eisdiele, noch schlimmer: in die Filiale einer Kette. Uns waren zwar mehrere hochspezielle Berliner Eisläden – sagt man schon Craft-Ice? – empfohlen worden, aber dazu hätten wir irgendwo hinfahren müssen, und dazu wiederum hätten wir durch die Sonne gemusst. Keine Chance.

In der Eisdiele hielten mich sämtliche anwesenden Kunden für mindestens milde irre, weil ich mir einen Latte Macchiato bestellte. Ein Heißgetränk. Aber hey, ich lass mir doch vom Wetter nicht meine Kaffeezeiten vorschreiben. Ich trank meinen Kaffee, die Söhne aßen Eis und verschwanden auf der Toilette. Nachdem ich in Ruhe ausgetrunken hatte, ging ich nachsehen, warum sie eigentlich nicht wiederkamen. Und sah nicht ohne Stolz, dass die kleinen urbanen Überlebenskünstler mit den Köpfen im Waschbecken steckten, unter dem kalten und voll aufgedrehten Wasserstrahl, mit dem sie auch schon ihre Kleidung und, nicht ganz absichtlich, auch sonst alles im Raum runtergekühlt hatten. Patente Kinder, das gibt es ja heute kaum noch.

Nachdem die Söhne durch diese Prozedur wieder halbwegs auf Normaltemperatur und etwas erfrischt waren, mussten wir uns entscheiden. Was macht man denn bloß, wenn es für alles zu heiß ist? Wenn man selbst bekannte und gekühlte Orte einfach nicht erreichen kann, ohne erst einmal minutenlang durch die abartige Gluthölle zur nächsten Station zu laufen? Und fünf Minuten Weg schon nach übler Zumutung klingen? Wir hatten vor der Fahrt wirklich reichlich Tipps für Berlin bekommen, die meisten über Twitter, das kann ich sehr empfehlen. Einfach mitschreiben, was da kommt, wenn man um Hinweise bittet. Das ist als Reiseführer so schlecht nicht. Was wurde uns empfohlen? Zum Beispiel:

Der Spreebogen, das Brandenburger Tor, der Reichstag (mehrfach), der Fernsehturm, der Alexanderplatz, der Potsdamer Platz, die Pfaueninsel, das Naturkundemuseum (mehrfach), eine Spreefahrt (mehrfach), das Tempelhofer Feld, der Klunkerkranich, die Roboter im Foyer des Museums für Post und Kommunikation, der künstlicher Wasserfall auf dem Kreuzberg, Tretbootfahren im Treptower Park, der Krausnickpark, der Hackesche Markt und die Höfe, das Scheunenviertel, der Kletterpark hinterm Mahnmal für Maueropfer, der Panoramapunkt Potsdamer Platz, das Wannsee-Hofcafé, Mutter Fourage, Shiso-Burger am Koppenplatz, Clärchens Ballhaus (mehrfach), die Berliner Eismanufaktur, Jockels Biergarten mit Spielplatz, Hokey-Pokey-Eis, der Schlachtensee, der Wannsee, Strandbad Weissensee. Und vermutlich habe ich noch einiges übersehen.

Wenn wir weitergefragt hätten, es wäre noch mehr zusammengekommen, gar keine Frage. Vermutlich würde es auch klappen, wenn man nur kurz vermeldet, wo man sich gerade befindet, und dann nach Zielen um die Ecke fragt, so eine Art Social Travelling. Vielleicht wäre es ganz interessant, sich einmal nur so durch eine Stadt zu bewegen,da werden die Follower zu Leadern, warum auch nicht. Gleich mal vormerken! Ich fand allerdings auch die Marcopolo-Reiseführer-App gar nicht schlecht, die es seltsamerweise kostenlos in den Appstores gibt – hier bei iTunes. Ich habe nicht einmal In-App-Käufe gefunden, und der Inhalt der einzelnen Städteführer scheint den Büchern doch sehr zu ähneln. Womit wollen die dann noch Geld verdienen? Ich verstehe es nicht. Ebenfalls kostenlos und brauchbar ist die Citymapper-App, die einem (nicht nur in Berlin) bei den Bus- und Bahnlinien und Fußwegen und generell bei der Navigation hilft. Das klappt sehr gut, verbraucht aber anscheinend reichlich Akku.

Wir haben an diesem Tag in Berlin aber keinen einzigen der zahlreichen oben gelisteten Tipps befolgt, wir haben dann notgedrungen und hitzebedingt etwas gemacht, was uns kein Mensch empfohlen hat. Weil es total uncool ist, spießig, profan und pauschaltouristisch anmutend. Weil so etwas eigentlich immer nur die anderen machen, die mit den Funktionswesten und den Strümpfen in den Sandalen. Wir haben also eine Stadtrundfahrt gemacht. Zweieinhalb Stunden lang. Mit einem dieser alten Doppeldeckerbusse, da haben wir uns natürlich unten hingesetzt, in den Schatten. Oben saßen genug Wahnsinnige im rötlichen Hummerlook, man muss ja nicht überall mitspielen. Wir saßen unten mehr oder weniger im Schatten, es war dennoch heiß. Aber wir waren immerhin fast die ganze Fahrt über aus der Sonne und es gab Fahrtwind, es war okay. Sohn II schlief sofort ein, das Motorengebrumm und das Schaukeln des Busses wiegten und wogten ihn ein, er wachte erst am Ende der Fahrt wieder auf. Das war auch sicher das Beste für ihn. Sohn I ging nach einer Weile dann doch einmal gucken, wo der unentwegt redende Erklärbär mit seinem Mikro eigentlich saß und merkte dabei, dass der oben unter einem Stück Verdeck saß, daneben noch ein freier Platz. Da hat er sich natürlich hingesetzt und der Erklärbär, ein etwas nostalgischer Altsozi mit bemerkenswert schrägem Humor und überzeugender Verzweiflung an den Zuständen in der Stadt, hat ihn die ganze Fahrt über direkt angesprochen und ein paar besonders kindgerechte Hinweise gegeben, das fand er ausgesprochen großartig.

Die Herzdame und ich saßen unten, passten auf, dass der schlafende Sohn II nicht von der Bank rollte, beschatteten je nach Sonnenstand das Kind und ließen die hitzetyrannisierte Stadt langsam an uns vorbeirollen. Ich glaube ja, Stadtrundfahrten werden etwas unterschätzt. Wenn man eine Stadt überhaupt nicht kennt, ist es doch ausgesprochen nett, vor den weiteren Erkundungen einmal alle Highlights so mühelos abgespult zu bekommen. Auch wenn im Bus um einen herum lauter, igitt, Touristen sitzen. Fast könnte man sich selbst wie einer fühlen! Man macht wirklich was mit, auf Reisen.

Haus in Berlin

 

Von der Teilung der Stadt ist übrigens so wenig übrig, dass sich das Thema auch einem interessierten Kind nicht mehr erschließt, nicht einmal ansatzweise. Checkpoint Charlie, was war das gerade? Wer gegen wen? Warum? Wie genau? Wie lange? Das kriegt man auf einer Stadtrundfahrt nicht geklärt, da würde man Tage und mehrere Museen brauchen. Was hängen bleibt: In Berlin ist irgendwie noch mehr vom letzten Krieg und der seltsamen Zeit danach zu spüren, die Geschichte springt einen hier an jeder Ecke an, das merken auch Siebenjährige.

Checkpoint Charlie

 

Nach der Stadtrundfahrt holten wir den Koffer aus dem sauteuren Schließfach und fuhren wir mit der Tram ins Hotel. Wir brauchten drei Stationen, um den Fahrkartenautomaten in der Tram zu verstehen, nach drei Stationen mussten wir allerdings auch schon wieder aussteigen. Mehrere Berliner Fahrgäste haben versucht, uns beim Ticketkauf zu helfen, gaben aber ziemlich gegensätzliche Hinweise und mehrfach welche auf Fahrkarten, die es vielleicht irgendwo gab, nicht aber an diesem Automaten der, wie wir kurz vor dem Aussteigen noch merkten, eh nicht in Betrieb war. Bei den Fahrkarten in Berlin gilt, was in Hamburg allerdings auch und sogar noch mehr gilt: es ist kompliziert. Wenn ich es recht erinnere, war das System in New York pappeinfach, ich werde nie verstehen, wozu man in deutschen Städten 46 Ticketvarianten braucht. Es nervt. Simplify your Nahverkehr, dem Demonstrationszug würde ich mich jederzeit spontan anschließen.

Berliner Hochhaus

 

Dann ins Hotel. Wir waren im Ramada Berlin Mitte. Das liegt an der Oranienburger Straße, und wie man hier nachlesen kann, ist das für touristische Zwecke gar nicht verkehrt. Wobei ich mich etwas ärgere, dass ich das mit der Gespenstermauer jetzt erst gelesen habe, so etwas will man doch sehen! Das wäre auch für die Kinder ausgesprochen toll gewesen. Jedenfalls solange da nicht tatsächlich zwei andere, eher schemenhafte Kinder erschienen wären. Nächstes Mal dann, denn nach Berlin müsssen wir aus noch zu erklärenden Gründen bald wieder. Im Hotel gibt es WLAN und, für mich am Morgen fast noch wichtiger, Wasserkocher und Kaffee auf dem Zimmer. Wenn ich König von Deutschland wäre, das wäre in allen Hotels längst Pflicht, denn als Frühausteher bin ich in fast jedem Haus lange vor dem Frühstück wach. Und eine Klimaanlage gab es auch, selten im Leben habe ich mich so über eine Klimaanlage gefreut. Die Klimaanlage lief auf Hochtouren, das Zimmer war geradezu nordisch frisch und wir standen eine ganze Weile einfach nur so in dem kühlen Raum herum, drehten uns im eisigen Luftstrom und gaben äußerst geistreiche Bemerkungen von uns wie etwa “Schön kühl.” “Ja, voll schön. Und kühl.” “Papa, hier ist es kühl. So schön.” “Toll, keine Sonne, Papa!”

Denn gerade auf Reisen kommt man als Familie viel mehr ins Gespräch als sonst im Alltag, und das ist natürlich auch ganz wichtig.

(Fortsetzung folgt)