Der Mann aus den Bergen und Huck Finn

Es ist wohl ein Laubenjahr. Im letzten Jahr schlief ich nicht gerne im Garten, hätte aber nicht recht erklären können, warum nicht. In diesem Jahr schlafe ich ausgesprochen gerne hier. In der Laube, in der ich auch jetzt am kleinen Tisch sitze, den ersten Kaffee trinke und schreibe und auf den Rasen vor der Tür sehe, auf dem 22 Stare im Frühdienst, es hängt noch etwas im Augenblick verwehende Restdunkelheit in den Büschen, emsig über das Grün patrouillieren und die Rasensamen wieder einkassieren, welche die Herzdame und ein Sohn gestern erst ausgebracht haben. Die Stare sind fleißig dabei, es sieht nach organisierter Gründlichkeit in großer Eile aus, sie werden nicht viel übriglassen. Dieser gute Anteil kompletter Sinnlosigkeit bei aller Gartenarbeit, aus dem wir bekanntlich lernen sollen: „Alles immer dennoch machen.“ Aber gut, jeder findet im Garten seine eigene Botschaft, nehme ich an.

Ich hätte noch im letzten Jahr den Komfort der Wohnung mehr vermisst. Es gibt hier keine Dusche, keine Heizung und nur ein Kompostklo, man wärmt sich morgens zu campingklammer Uhrzeit nur am Kaffee und es gibt auch keinen Bäcker um die Ecke, in diesem Jahr ist mir das alles vollkommen egal. Ich sehe nach drei Tagen in der Laube aus wie der Mann aus den Bergen, die Älteren erinnern sich, aber das macht nichts. Der mich begleitende Sohn hat eine dazu passende Huck-Finn-Optik, es ist alles recht harmonisch. Der andere Sohn ist mit seinen Kumpels Gott weiß wo und kommt irgendwann zurück, die Informationslage ist eher vage, und auch das ist gut, das ist so, wie es sein soll, in seinem Alter. Die Herzdame kommt und geht und fährt unentschlossen zwischen Wohnung und Garten hin und her, unstet und flüchtig ist sie in diesen Wochen.

Ich aber sitze überzeugt in der Laube.

Das Wetter war gestern und vorgestern bestenfalls mäßig, anderswo tobten Tornados durch das Land, lese ich; hier dagegen rauschte nur der Regen auf das Dach, gleichmäßiges Prasseln über dem Bett. Es gab zwischendurch genug Sonnenstunden, weswegen die Laube auch am Abend noch warm war, holzhüttenwarm, sie kennen das vielleicht. Es ist eine hervorragende Wärme, die sich sehr gut und ausgesprochen tröstlich anfühlt. Vor dem Fenster die Regentonne, glucksend fiel der Regen hinein, es blubberte und plätscherte, es perlte, es pingte. Ich hörte ein Stück Melodie, wie auf einem Xylophon gespielt, auf einem dieser Billig-Xylophone, wie wir sie damals in der Grundschule hatten. Viel zu hohe Töne hatten die, ich mochte es nicht, darauf spielen zu müssen. Fuchs, du hast die … das klimperte das Wasser in der Regentonne, ganz deutlich hörte ich es, aber weiter ging das Lied nicht, dann franste das Plätschern schon ziellos und verworren aus und ergab keine Melodie mehr. Fuchs, du hast die, murmelte ich, und es war ein guter Tag für die Gans, sie kam davon. Was für ein Fuchs jetzt, fragte der Sohn und guckte irritiert.

Ich sitze in der Laube und lese.

Ich lese Aitmatow, Geschichten von ihm. Es sind Geschichten, in denen nicht viel passiert. Ein Mensch liebt einen anderen Menschen, dann verändert sich einer von beiden und der andere liebt etwas weniger, dann leiden sie darunter, dann versuchen sie etwas. Ist das denn schon eine Geschichte? Natürlich ist das eine Geschichte, und was für eine.

Und an Handlung reicht mir das eigentlich auch. Ich bin nicht damit einverstanden, dass sich die Literatur in den letzten Jahrzehnten so handlungsgeil entwickelt hat („Es wird viel passieren“, es lag doch alles an diesem dämlichen Lied). So handlungs- und auch so krisengeil. Ich habe in der Bücherei neulich regallang Romanklappentexte angelesen, und in fast allen ging es da um schlimme, schlimme Dinge, um Desaster, Katastrophen und entsetzliche Dramen voller Grausamkeiten. Ein Paar hat ein Kind, und da weiß man gleich, mit dem Kind passiert etwas, vermutlich etwa auf Seite 50 schon, spätestens aber um 100. Es reicht nicht, dass dieses Kind dezent seltsam ist, wie es alle Kinder doch immer sind, nein, es muss viel Schlimmeres passieren. Das Grauen, das Entsetzen, der Untergang. Der Markt will es so, wird wieder irgendwer sagen.

Ein Paar liebt sich, und weil das so ist, muss er sie aber auch umbringen, oder sie ihn, das geht auch, es wäre jedenfalls sonst kein verkaufbares Buch. So scheint man das jetzt zu sehen und ich bin auch da aus der Zeit gefallen, da mir viel weniger reicht und jeder noch so durchdachte Plot an mich eher verschwendet ist. Weil mir die Grausamkeit „sie ging“ schon reicht, für mich muss man sich gar keine neuen und noch spektakuläreren Gemeinheiten ausdenken. Die alten waren ausreichend.

Ich sitze in der Laube und lese. Ich schlafe ein, ich wache auf, ich lese weiter. Ich lege das Buch weg und gucke so vor mich hin. Der Tag zerfällt in Einzelteile, die mir sonst zu selten auffallen. Es gibt mehr kleine Geräusche, als ich sonst mitbekomme. Es sitzen mehr Vögel in den Bäumen, als ich sonst sehe. Es sitzt auch ein Vogel auf dem Telefondraht vor dem Fenster, ich sehe genauer hin, das wird eine Grasmücke sein. Ich sehe sonst keine Grasmücken, nie sehe ich die. Es gibt sie aber hier, sie sitzt ja da, es ist doch bewiesen. Es sitzen wesentlich mehr Vögel auf den Drähten, als ich sonst mitbekomme, merke ich nach einer Weile, es sind hier überall birds on the wires.

Kennen Sie die Geschichte zu diesem Leonard-Cohen-Song, wie es zu diesem Bild kam? Er hat ihn auf der griechischen Insel Hydra geschrieben, auf der er mit der Marianne aus „So long, Marianne“ eine Weile lebte. Das war eine Insel, die damals in der Moderne noch nicht angekommen war, man saß da abends noch bei Kerzenlicht zusammen. Irgendwann waren diese Drähte vor seinem Fenster, die es vorher nicht gegeben hatte, das war also der Einbruch dieser Moderne in sein Insel-Idyll. Cohen fand das furchtbar. So furchtbar, dass er von der Insel wegwollte, wie er Marianne sagte. „But as they were speaking, a bird came and perched on the wire. Marianne told me she said to him, ‚If a bird can get used to the wire, Leonard, you can get used to the wire.

Das Zitat, das viel zu gut ist, um wahr zu sein, aber vielleicht dennoch stimmt, als Schreibender kennt man so etwas immerhin, kommt von der Seite Songfacts, vor der ich ausdrücklich warnen muss. Man kann da fürchterlich viel Zeit verbringen, wenn man Songgeschichten interessant findet.

Auf der brachliegenden Nachbarparzelle wippt Klatschmohn im Wind, es ist der erste in diesem Jahr, drei Blüten stehen nebeneinander. Im Gemüsebeet vorne fassen die Ranken der Zuckererbsen in die Luft, ob da nicht vielleicht irgendwo etwas zum Festhalten zu finden ist. Im Vorbeigehen ist das nur ein Beet mit irgendwelchen Nutzpflanzen, wenn man sich aber hinhockt und eine Weile guckt, dann sieht man dieses langsame Greifen nach dem Rankgerüst. Es ist eine grazile Bewegung über Stunden hinweg, über einen Tag und mehr. Schön ist das.

Der Sohn und ich bauen ein weiteres Hochbeet. Es ist sehr einfach, ein Hochbeet zu bauen, lassen Sie sich bloß nichts anders erzählen. Sie brauchen vier Bretter, das ist die Wahrheit. Man kann sich von da aus beliebig steigern und auch wahnsinnig viel Geld ausgeben und sich sachbuchdick fachkundig machen, aber es fängt da an und es funktioniert auch tadellos von da aus: Vier Bretter. Sagen wir ruhig auch: Vier gefundene Bretter, denn der Schrebergärtner an sich neigte immer schon zum Sparen und zum Wiederverwenden.

Hinter der Laube ist es windstill und die Sonne kommt wieder durch. Da, wo wir arbeiten, da ist es sommerlich. Drei Meter weiter, um die Ecke der Hütte, weht der Wind fast oktoberscharf.

Der Sohn baut nach einer Weile alleine weiter, ich sitze daneben und lese. Ich lese „Ombra“ von Hanns-Josef Ortheil, es ist ein Buch über seine Rekonvaleszenz nach einer schweren Herz-OP. Ich bin mit dem Buch nicht recht einverstanden. Ich finde es aber so interessant, es weiter zu ergründen, warum ich damit nicht einverstanden bin, dass ich immer weiter und weiter lese. Es liegt nicht nur an den aus meiner Sicht viel zu vielen Ausrufezeichen, die er verwendet, es ist nicht nur das. Am Ende, so denke ich, liegt es einfach daran, dass mir der Autor über alle Erlebnisse und Empfindungen hinweg zu einverstanden mit sich selbst ist. Denn das ist etwas, nach einer Weile komme ich darauf, das mir nicht statthaft vorkommt. Da mal drüber nachdenken.

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Unterwegs nach Süden

Es ist nichts passiert in den letzten Tagen, nichts jedenfalls, was einen längeren oder launigen Bericht lohnen würde und zumindest auch nichts, wovon ein Bericht im Blog statthaft wäre. Es fand lediglich ein ebenmäßiger Alltag statt, ich saß wie gewöhnlich am Schreibtisch, dabei wurde es von Tag zu Tag immer wärmer und wärmer, bis jeder in der Familie wenigstens einmal gesagt hatte, dass es jetzt aber wirklich zu warm in der Wohnung sei und dabei doch erst Mai … Und sehen Sie, so spiegelt sich die große, die ganz große Krise auch im kleinen Werktagsgeschehen. Man sitzt und schwitzt und ab und zu fällt es einem auf, dass da etwas nicht stimmt.

Im Bekanntenkreis und in den Timelines fahren auf einmal sehr viele Menschen Zug, fast möchte ich alle Menschen sagen, das ist dieser vermutlich trügerische und nur postpandemische scheinende Trend in der Gesellschaft, alles gerät in Bewegung und regen Kontakt, alles eilt zu endlich nachgeholten Kuchenbasaren, Konferenzen und Kundengesprächen. Aber niemandem scheint das Reisen zu gelingen. Keiner kommt planmäßig an, kein Zug ist pünktlich, nichts geht ohne Umstände, Abweichungen und Ausnahmen, es wird viel von den desaströsen Zuständen berichtet. Die Herzdame hatte die erste Dienstreise seit Gott weiß wann, seit ganz damals, und prompt hing sie in Berlin fest. Es gab keine Rückreisemöglichkeit, auch die Mietwagen waren selbstverständlich sofort alle weg, die Busse waren augenblicklich ausgebucht, und dann diese Überlegungen, wie man sich nun am besten von Berlin nach Hamburg durchschlagen könnte. Es hatte einen kleinen Abenteueraspekt, wenn man dringend etwas positiv sehen möchte.

Aber gut, sie ist wieder da. Es ist am Ende alles nicht schlimm, man steht nur länger dort herum, wo man gar nicht hinwollte. Man verpasst vielleicht einen Termin, aber hey, wir sind zwei Jahre gut ohne Termine ausgekommen. Man regt sich auf, man kommt am Ende aber doch an, kommste heute nicht, kommste morgen, und morgen ist bald genug. Das sich erwärmende Land auf dem Weg nach Süden, von der Temperatur und auch von der Haltung her. Das innere Mexiko finden, also zumindest dem alten Klischée nach, und können wir bitte noch einmal über das Prinzip Siesta reden, ich bin interessiert.

„The window she is broken and the rain is comin‘ in
If someone doesn’t fix it I’ll be soaking to my skin
But if we wait a day or two the rain may go away
And we don’t need a window on such a sunny day.“

Peggy Lee. Der Herr an der Gitarre war ihr Mann, wenn ich es recht erinnere, das Video kam hier vor Jahren schon einmal vor.

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Hier noch ein sehr gutes Buch für eine mittellange Zugfahrt mit nur kleineren Störungen im Betriebsablauf, dann hat man es auch schon durch: Dieses makellose Blau von Sarah Raich.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 18.5.2022

Nach der Kopulation trennt sich das Paar […] abschließend putzen sich beide, deuten Fressen an und gehen dann in entgegengesetzter Richtung auseinander.

Sehr gelacht.  Natürlich vollkommen unpassend, das ist ein ernsthaftes Naturblog da, und zwar ein sehr interessantes. Pardon.

Ein Farn wächst zwischen Dachrinnenrohrenn

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Mir fällt eine Gruppe Frauen mit Kindern auf, die in Spannbettlaken gewickelte Bündel tragen.

Eine Stormtrooperzeichnung in einer U-Bahn mit dem Schriftzug Stop Putin

Es hat sich übrigens jemand gefunden, der bei der von uns unterstützten Suppengruppe tatkräftig helfen möchte, das hat mich gefreut. Rückmeldung von dort aktuell: Es reicht alles hinten und vorne nicht, was nicht an den Geflohenen aus der Ukraine liegt, die sind nur ein Teil der Bedürftigen. Andere Gruppen in der Stadt melden das im Moment ähnlich, so berichten auch die Stadtmedien. Der Blick aus dem Fenster am letzten Donnerstag ging auf eine Ansammlung von vor der Kirche Wartenden, die vermutlich noch nie so groß war – richtig, ich habe mir das gerade bestätigen lassen. Die Tafeln haben ein Problem, die ausgebenden Hilfsgruppen haben ein Problem, wir als Gesellschaft haben ein Problem. Die Wartenden vor den Ausgabestellen sowieso.

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Patricia über entsetzliche Kuchenbasare und Mental Load und alles. Sie schreibt da auch über die Zeit, die das kostet, und über den betriebswirtschaftlichen Aspekt. Wozu immer wieder festzustellen ist – wenn man berufstätig ist und Kinder hat, kann die Zeit gar nicht für all das reichen. Nie. Auch nicht mit Partner oder Partnerin, ohne schon gleich gar nicht. Man kann das nachrechnen, es kann einfach nicht hinkommen, das ganze Konstrukt ist Blödsinn. Wie auch die frei entfaltete Kindheit mit sämtlichen Interessen, Hobbys, Sportarten und Freunden und kreativer Langeweile und Quality-Time mit den stets bemühten Eltern nicht in die etwa vier Stunden nach der täglichen Ganztagsschule passen kann. Unmöglich. Es geht alles nur, wenn man dauernd irgendwas outsourct und dazu phasenweise Themen ignoriert oder zumindest einigermaßen gnadenlos runterpriorisiert, was einem immer irgendwer übelnehmen und von oben herab kommentieren wird („Backen Sie denn nicht mit ihren Kindern?“), und wobei wir selbstverständlich an Menschen outsourcen, die dann wieder Themen ignorieren oder outsourcen müssen …

Es ist alles Quatsch. Wir haben da etwas als Gesellschaftsmodell entwickelt, was niemals gut werden wird. Man muss das benennen. Oft und überall. Na, aber das nur am Rande. Jetzt kochen.

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Zahlengemurmel um mich herum

Auf dem Sweatshirt der Frau neben mir an der Ampel steht: „SOS Humanity – Seeenotrettung im Mittelmeer.“ Auf dem Pullover des Arbeiters drüben am Haus, der einem Kollegen gerade Eisenstangen runterreicht, steht: „Vertrau mir, ich bin Gerüstbauer.“ Der zerzauste Rentner mit dem taumeligen Gang, der aussieht, als könne er schon beim nächsten Schritt umfallen, hat einen verbeulten Rucksack auf, auf dem steht: „Et kütt, wie et kütt.“ Auf meinen Sachen steht nichts, ich habe überhaupt keine Sachen, auf denen etwas steht, ich schreibe nur selbst. Nicht einmal meine Unterhosen sind mit Text bedruckt, obwohl es immer schwerer wird, unbeschriftete Unterhosen zu bekommen. Es steht bei fast allen groß und werbend der Hersteller- oder Designername auf dem Bund, wobei ich immer denke, dass das bei mir – aber gut, ich lebe im Moment eher konservativ -, doch nur eine recht kleine Zielgruppe zur Kenntnis nehmen kann, was da knapp unterhalb meines Bauchnabels zu lesen ist. Wirbt das denn? Wo ist der Sinn?

Egal. Aber apropos Unterhosen. Neulich war ich in einem Textilkaufhaus, man hat doch ab und zu gewisse Notwendigkeiten. Ich wunderte mich über die langen, langen Schlangen an den Kassen, auch darüber, dass da nicht viel Bewegung in den Schlangen zu sein schien, es dauerte alles entsetzlich lange, fast wartezimmerlang. Und ich stand und stand, wir alle standen und standen dort. Erst als wir nahe genug an der Kasse waren, bekamen wir allmählich mit: „Heute keine Kartenzahlung.“ Die Frau an der Kasse sagte das jedem Kunden einzeln, leise, freundlich und erst, wenn er dran war. Statt das mal durchzusagen und große Warnschilder aufzustellen, und dann wundern sich wieder alle, warum die Menschen so gerne online bestellen. Denn natürlich hatten etliche nicht genug Bargeld dabei, fingen dann also an hektisch nachzurechnen, addierten Preise und zählten Scheine, fragten auch schon einmal begleitende Menschen, ob sie nicht vielleicht … und die kramten dann ebenfalls nach Geld und zählten und rechneten, Zahlengemurmel um mich herum.

Vor mir noch etwa sechs Kundinnen oder Kunden, von denen hat es dann niemand geschafft, die Preise der Ware auf dem Arm auch nur halbwegs richtig zu überschlagen. Lachen, Ratlosigkeit, erstaunte Blicke auf den Preis an der Kasse: „Echt jetzt? So viel?“ Wir sind komplett lost, vergessen Sie PISA und das Nachdenken über MINT-Fächer, es ist alles zu spät.

Nein. Es war selbstverständlich keine vernünftige Stichprobe, und ich hatte keine Zeit, sie an den nächsten hundert Kunden sorgfältig zu überprüfen. Es war nur anekdotische Evidenz, die beweist rein gar nichts, die erzählt sich nur nett.

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Heute. Auf dem Weg zum Einkaufen sehe ich den bekannten Theaterschauspieler, der auf den gleichen Wegen, die ich täglich gehe, immer seine Texte übt, manchmal stimmlos, manchmal halblaut deklamierend. Er hat seinen eleganten Hut tief in die Stirn gezogen, er trägt schwarze Kleidung, er spricht mit finsterer Miene. Ich höre gerade die Novelle Carmen von Prosper Merimée als Hörbuch, als ich ihn neben mir gehen sehe, et voilà, da habe ich meinen Don José leibhaftig vor mir.

Ich sehe mich um – keine Carmen weit und breit. Die Inszenierung des Tages ist seltsam unvollständig. Aber das Gefühl habe ich seit zwei Jahren ohnehin immer öfter.

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Es geht los

Ich ernte die ersten Radieschen, vier Stück, es geht los. Saisoneröffnung. Ich werde die Erbsen bald stützen müssen, die Himbeeren auch. Die Akelei blüht jetzt, der Beinwell, die Schneebälle, der Rhododendron. Die Lichtnelken kommen, die Weigelie. An den Obstbäumen die grünen Früchte und die Blattläuse, über dem Rasen die schaukelnden Aurorafalter, die wollen zur Knoblauchrauke. Ich zeige den Weg, man hilft, wo man kann.

Es riecht nach Rauch. Es riecht abends immer nach Rauch, weil irgendein Gartennachbar wieder etwas grillt, räuchert oder verbrennt. Es ist aber noch so früh im Jahr, dass niemand laute Partymusik im Garten hört, politische Gespräche hinter Hecken führt oder Beziehungen im Gebüsch anbahnt, das ist angenehm. Man geht abends doch lieber früh rein. Es wird nachtfrisch, man macht Fröstelgesten und verschwindet im Gehäuse, darin ist es noch tagwarm von der Sonne auf dem Holz.

Es ist ruhig hier, tatsächlich ruhig. Es wird immer ruhiger mit der Dunkelheit. Ab und zu noch ein zaghafter Vogellaut, vielleicht im Traum schon aus einem Nest gepiepst. Ein dezentes Rascheln auf der Terrasse, vielleicht ein Igel. Ein sachtes Tasten an der Bretterwand, vielleicht ein Fliederzweig.

Vorräte einräumen, die Süßigkeiten nach hinten, Wasserkisten davor stapeln. Die erste Melone halbieren. Schon einmal Bücher für Sommerabende ins Regal stellen, die Chansontexte von Brassens, die gesamten Kaléko-Gedichte, auch die vom Krolow und die von der Kirsch, die ich nie verstehe, aber das macht nichts.

Ich mache einem Sohn und mir, wir sind nur zu zweit, Toasts im Sandwichmaker zum Abendessen. So etwas essen wir nur im Garten, also schmecken die Toasts auch verlässlich nach Sommer, nach diesem besonderen Laubenübernachtungsgefühl zwischen Ferienhaus und Camping. „Das schmeckt wieder so wie letztes Jahr“, sagt der Sohn zufrieden, und ich weiß, was er meint. Dann fragt er, wie lange wir den Garten schon haben, das sind fünf Jahre. Er rechnet nach, wieviel Anteil die Gartensommer an allen seinen Sommern haben, doch schon so viel. Weißt du noch dies, weißt du noch jenes, bei fünf Jahren geht das schon. Damals noch in der alten Laube, und dann dieser Tag, wo es so unfassbar geregnet hat. Da standen die Koniferen noch, da gab es die Birne noch nicht, da haben wir die Beete gerade erst gebaut. Da war dieser Nachbar noch da, da lebte diese Nachbarin noch. Vorne an der Weide hängt die alte Schaukel, die ist noch von den Vorpächtern. Deren Kinder sind zu groß für die Schaukel geworden, meine Kinder sind zu groß für die Schaukel geworden.

Das erste Mal Zähneputzen zwischen Beeten, in denen man am Abend nichts mehr erkennen kann. Das erste Mal spät noch raus, barfuß durch taunasses Gras, eiskalte Füße, dass man mit einem Satz schnell wieder ins Bett springt.

Ein voller, lampenheller Mond scheint in das Laubenfenster. Ich drehe mich um, dass ich ihn besser sehen kann. Er zieht von Pappel zu Pappel, er überspringt den wolkig blühenden Weißdorn, er hängt sich ins mächtige Geäst der Eiche, das kann viel tragen. Er sieht in die Fenster der Hütten, er macht den Nachtvögeln Flatterschatten. Dann steigt er langsam die Notenlinien der alten Telefon- und Stromdrähte hinauf, die sich noch durch die Schrebergartenkolonie ziehen und so sehr nach dem letzten Jahrhundert aussehen, sie ziehen sich auch an meinem Fenster vorbei. Eine aufsteigende Tonleiter der Nacht geben sie vor, bedächtig wird sie vom Mond gespielt. Ich lege das Buch weg, ich schlafe früh ein.

Die erste Nacht im Garten. Mitte Mai, wie pünktlich ist das denn.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 13.5.2022

Eine kurze Ausgabe, ich finde gerade nichts, was natürlich immer auch an mir liegen kann. Womöglich bin ich zu abgelenkt, etwa durch einen ungewohnt schmerzfreien Rücken. Ich muss dauernd im Sitzen so mit den Hüften kreisen, um zu prüfen, ob das immer noch so ist. Wie gut, dass ich das im Home-Office ungehemmt machen kann, die KollegInnen würden im Büro doch seltsam gucken, wenn ich so herumturne und dann dauernd „Yeah!“ murmele, weil es schon wieder nicht wehtut. Es ist überraschend angenehm, wenn man mal schmerzfrei ist.

Aber gebloggt wird, so kommt es mir vor, im Moment ohnehin etwas weniger und wenn, dann thematisch eher unentschlossen, was ganz und gar kein Vorwurf ist. Ich bin seit Jahren thematisch entschieden unentschlossen, ich verstehe das.

Davon abgesehen war ich gestern den ganzen Tag nicht nur mit dem Rücken, sondern auch damit beschäftigt, irritiert zu gucken, denn alle Familienmitglieder außer mir waren in anderen Städten, ja, sogar in anderen Bundesländern. Auf Ausflügen, Reisen, Dienstreisen. Nur ich saß da am selben Schreibtisch wie immer und pflegte die Routine.

Ab und zu rief ich ein leicht angebittertes „Lasst mich ruhig hier zurück!“ in die leere Wohnung um mich herum. Es hallte seltsam durch die Zimmer.

Ein zerfetzter "Love Hamburg"-Aufkleber auf einem Brückengeländer in Hammerbrook

Egal. Die Korrespondentin aus dem Odenwald schreibt:

In der Idylle.

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Und ich habe übrigens für das Goethe-Institut wieder etwas über die Lage geschrieben, über Ereignisse und Meldungen, die vielleicht zusammenpassen.

Ein Aufkleber an einem Laternenmast in St. Georg: "Lieb sein"

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Die neue Monatsnotiz von Nicola. Immer lesenswert, ich sagte es bereits.

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Während die Foodblogs saisonbedingt leider mit Grillrezepten geflutet werden, die mich nicht einmal ansatzweise interessieren, hier immerhin ein Bericht aus Albanien. Das ist doch einmal etwas anderes. Und heute gibt es, gerade habe ich es beschlossen, Fisch mit polnischem Dill-Gurkensalat. Warum auch nicht, das sieht einfach und machbar aus.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für die Zusendung eines klassenfahrttauglichen Hoodies für Sohn II, der sich ob der Auswahl sehr begeistert zeigte, sowie für eine Lichterkette für den Garten. In diesem Fall lag die Freude hauptsächlich bei der Herzdame, die bezüglich abendlicher Illumination des Gartens ohnehin, wie soll ich sagen, stark verhaltensauffällig ist. Aber gut, es gibt natürlich Schlimmeres. Lichterketten – schon schön! Es hängt da sogar etwas Glück an der Strippe. Also für manche.

Es kam auch ein „Zustupf“ für die erwähnte Klassenfahrt, und der Sohn war selbstverständlich vom Geld begeistert, ich aber vom Wort. Zustupf, das ist doch sehr hübsch, und ich habe es Ewigkeiten nirgendwo mehr gelesen.

Die beiden winken jedenfalls hocherfreut und grüßen, ich schließe mich gerne an.

Vorderseite

Es ist ein schnell beschriebenes Bild, es hat eine vielleicht etwas cartoonhafte Anmutung. Und zwar stand ich da auf dieser wie immer nur imaginierten Aufnahme im Garten, vor den Beeten, wobei ich allerdings auffällig unpassende Bürokleidung trug. Ein weißes Hemd, Anzug, auch die blankgeputzten Büroschühchen, ich kam kurz vorher direkt von diesem Berufsdings. Und stand da also dezent deplatziert wirkend im Garten und goss Radieschen. Und die Kürbispflanzen goss ich auch, ebenso wie Zucchini, Möhren, Liebstöckel, Zwiebeln, Rhabarber, Kartoffeln, Erdbeeren, Rettich, Kohlrabi, Petersilie, Bohnen, Gurken und Paprika. Das ganze essbare Zeug, denn das fällt bei uns in meine Zuständigkeit.

Ich goss alles mittels einer großen, lilafarbenen Gießkanne. Rein theoretisch hätte ich auch mit einem Schlauch gießen können, das wäre wesentlich effizienter gewesen. Aber ich gehe wirklich gerne mit der Kanne hin und her und nein, ich habe nie behauptet, normal zu sein. Wir haben einen großen und langen Garten, ich mache also ordentlich Strecke beim Gießen, und ich mag das.

Bis hier wäre es aber immer noch ein außerordentlich langweiliges Bild, man muss noch wissen, dass ich da im Regen stand und ging und goss. Es regnete sogar recht ordentlich, es wolkenbrach fast, jedenfalls ein paar Minuten lang, und ich stand da also wie ein sprichwörtlicher Depp und trug Eulen nach Athen und Gießwasser hinaus in den pladdernden Regen. Und ich grinste breit, denn ich freute mich, dass es regnete, dass es dabei ganz großartig frühlingsintensiv roch, dass die Vögel in den Büschen schier ekstatisch ausflippten vor Freude, dass das Maigrün um mich herum in der frischen Nässe jäh aufleuchtete.

Ich machte da alles nass, ich wurde dabei sehr nass, ich fand das gut. Menschen gingen vorbei und grüßten freundlich. Man ist hier meist nett zu Narren. Ich meine, es ist eine Schrebergartenkolonie, es gibt also ein paar mehr von uns.

Man muss zu dem Bild allerdings auch wissen, wie es kurz vorher war. Sagen wir: Zwanzig Minuten vorher. Da war der Himmel noch etwas gelblich, die Luft war schwüldrückend und der Wind war seltsam afrikanisch heiß, sonderbar sonnensatt südlich anmutend, so wie man ihn hier eher nicht kennt. Die Vögel verschwanden in den Hecken, waren auffällig leise und klangen bedrückt. Die ganze Stimmung war eigentümlich bedrohlich und das Atmen fiel schwer, plötzliche Schweißausbrüche, es war Kreislaufwetter. Katastrophenfilme fangen so an, man kennt das. Auf der Terrasse vor der Laube drehte der Wind kleine Kreise, in denen die gerade herabfallenden Blütenblätter der Magnolie strudelten, pinkleuchtender Wahnsinn im rasenden Rund, und die nur gedachte Kamera schwenkte auf ein Außenthermometer, das stieg und stieg. Aus einem Radio hörten wir die Klimameldungen, und es klang nicht gut, was da gesagt wurde, es klang ganz und gar nicht gut. Im Wetterbericht für die nächste Woche wurden Temperaturen über dreißig Grad für möglich gehalten, zumindest in der einen App.

Ich sah auf Twitter nach. Die ganze Timeline schrieb gerade über das seltsame Wetter, über die Hitze, die Wärme, über das Drücken und die befremdliche Stimmung. Einige meldeten Regen, kurz darauf ergänzten sie aber schon, dass der Regen wieder aufhörte. Durchjagende Schauer, flüchtiger Sprühregen, mehr war das bei manchen nicht.

Man kann es sicher übertrieben finden, aber es war ein Nachmittag, an dem ich die Klimakrise nicht nur rational wahrgenommen habe. Ich habe sie auch gefühlt. Vermutlich war es ein Fehlgefühl, es war am Ende wieder einfach nur Wetter, aber das ist ja egal. Es war zu warm und es war endzeitlich. Wir brauchen wohl alle solche Momente, nehme ich an, wir verstehen es sonst nie.

Der Regen hielt dann über unserem Garten sogar länger als zehn Minuten, der Regen hielt eine ganze Weile. Ich ging schließlich zu einem der Beete und hob eine Schaufel Erde aus: Die Feuchtigkeit war keinen Zentimeter tief eingedrungen. Der Regen hatte bis dahin nichts erreicht, alles war noch mehlstaubtrocken. Es müsste hier lange, so lange regnen, bis der Boden durch und durch nass wird, bis wieder reichlich Wasser da ist. Deswegen also stand ich da mit der Gießkanne im Anzug im Regen. Als Wasserverstärker, als After-Work-Zusatzberegner, als Maiwetterimitator und personifizierte Schauerneigung.

Denn dieser Mai, den wir hier erleben, der ist nicht von hier. Dieser Mai fühlt sich fremd und etwas unheimlich an.

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Bemerknisse aus der Bandscheibenwoche

Ich soll also nicht sitzen, ich soll liegen oder gehen. Ich gehe weisungsgemäß herum. Viel. Beim Friseur um die Ecke steht eine Trockenhaube am Fenster. Mir fällt zum ersten Mal auf, dass da groß „Voyager“ draufsteht. Ist das nicht schön? So ein statisches Gerät, so ein in die Ferne weisender Name. Setzen Sie sich hin, dann sind Sie weg. Gefällt mir.

Den einen Tag gehe ich zu Fuß in den Garten. Da ich keine Gartenarbeit machen kann, besehe ich mir da alles nur ein wenig, danach gehe ich zurück. Dann ist der Tag auch schon vorbei. Wie langsam man werden kann.

Sowohl hier auf dem Balkon als auch im Garten, im Geäst der immer noch leuchtrosablühenden Tulpenmagnolie, sitzen wieder Amseln. Nach dem großen Amselsterben sind es die ersten, die mir wieder etwas vorsingen, und wie schön das ist, es hat doch gefehlt. Die Magnolienamsel guckt, was ich im Garten mache. Sie legt den Kopf schief und wartet ab, was steht der da nur so herum? Macht der was? Gärtner machen doch sonst immer was? Macht der vielleicht gleich noch was, wobei am Ende ein Wurm auftaucht? Das mal abwarten. Ganz genau besieht die Amsel sich, wie ich da sinnlos herumstehe. Plustert sich einmal auf, macht sich wieder schlank und geht etwas tiefer in die Hocke, also wenn du da nur so stehst – ich kann das auch. Und dann guckt sie und wartet wippend. Vögel sehen dich an. Vorne auf der Weide die Heckenbraunelle, singend. In der Hecke randaliert das Rotkehlchen, im Weißdorn toben die Meisen. Oben in der Birke sitzt auf schwankendem Zweig eine ungeheure Rabenkrähe, durch den Ginster stiebt hastig der Eichelhäher, da funkelt es bunt im Vorbeiflug.

Die Äpfel, die Birne, die Kirschen, die Pflaume, alles blüht. An den Stachelbeeren, an den Heidelbeeren, an den Johannisbeeren schon die grünen Früchte. Auch winzige Erdbeeren gibt es, noch keine Spur von Farbe haben sie, Anfänge sind es erst. Der Rittersporn nimmt großspurig Anlauf für den großen Auftritt. Die Maiglöckchen sind pünktlich in Paradestellung angetreten. Dazwischen überall die Knoblauchrauke, die im letzten Jahr Pause gemacht hat.

Die Radieschen kommen, die Zuckererbsen, die Zwiebeln. Der Liebstöckel steht da als Hochbeetherrscher, mit ausgeprägtem Interesse auch am Nachbarbeet. Die ersten Kartoffelblätter kommen, und da steht noch junger Kohlrabi, den die Schnecken bisher nicht gefunden haben.

Vergessener Mangold aus dem letzten Jahr treibt wieder aus, die schönsten Stiele weit und breit. In frischer Farbe leuchten sie, irgendwas zwischen Pink und Lila, psychedelisch rauschhaft, solche Farben kann es an Pflanzen gar nicht geben.

Der Rasen dagegen wird allmählich dürregelb, es regnet immer noch nicht.

Ich habe einen Arzttermin in Harvestehude und stehe da an einer Ampel und lache, weil es so komplett absurd ist, wie sich hier von Stadtviertel zu Stadtviertel die Mode unterscheidet. Wie drastisch das abweicht, was im Alltag getragen wird. An dieser Ampel drei Männer, etwa zehn, fünfzehn Jahre älter als ich werden sie sein. Vom Typ her – der eine privatisierender Notar, hin und wieder betreut er noch ein paar Mandanten. Ein Apotheker, er wird das Geschäft bald seinem Sohn übergeben. Ein Privatbankier, da vorne im Eckhaus sein Büro mit dem dezenten güldenen Schild. Diese Art Männer. Sie tragen faltenfreie Hosen in Herrenausstatterfarben, die im kleinen Bahnhofsviertel bei uns einfach nicht vorkommen. Ein ungewöhnlich leuchtendes Curry, eine Art Kraftcurry, vielleicht auch Signalsenf, es variiert je nach Licht. Ein intensives Dunkelrot, Ahornoktober, Indiansummerverdichtung zur Abendstunde. Daneben Pastellmint, so ein Edelblassgrün. Kaschmirpullover über den Schultern, Wildlederschuhe, Hornbrillen. Im Grunde Einheitslook auf hohem Niveau.

Ich höre einen Podcast über die Lage in der Ukraine, den finde ich interessant: Freiheit Deluxe von Jagoda Marinic mit Katja Petrowskaja, Juri Andruchowytsch und Timothy Snyder.

Ich höre wahllos irgendwas von Hanns Dieter Hüsch, er beschreibt da gerade, wie er Zug fährt und am Abend hinaussieht auf die vorbeiziehenden Vorstädte. Er verwendet dabei das Wort „Lichtermarmelade“, es wirkt bei mir seltsam fernwehauslösend. Lichtermarmelade. Die würde ich jetzt auch gerne sehen.

Ich fahre nicht Zug. Ich gehe an der Alster entlang langsam nach Hause, eine halbe Runde ist das immerhin. All die Menschen, die da spazieren und Zeit zu haben scheinen. Gehen da so gemächlich herum, gucken über das Wasser, zeigen auf Segelboote, sitzen auf Bänken, essen Eis. Seltsam.

Haben vielleicht alle Bandscheiben, denke ich mir, das könnte es erklären.

Nächste Woche wieder versuchsweise ins Büro.

„So it’s goodbye to the sunshine
Goodbye to the dew
Goodbye to the flowers
And goodbye to you
I’m off to the subway
I must not be late
I’m going to work in tall buildings“

Das ist von John Hartford, den Sie vielleicht nicht kennen. Der hat aber „Gentle on my mind“ geschrieben, das kennt vermutlich jede und jeder in der Version von Glenn Campbell oder von Frank Sinatra oder von Dean Martin oder Elvis usw. (es gibt auch eine hervorragende Version von Seasick Steve). Aus der Wikipedia: „Die Einnahmen aus „Gentle on My Mind“ erlaubten es ihm 1972, eine Auszeit zu nehmen und sich seinen Jugendtraum zu erfüllen, ein Steuermann auf einem Mississippi-Raddampfer zu werden.“ Von wo aus er dann die Lichtermarmelade am Ufer gesehen hat, nehme ich an.

Der zitierte Satz passt jedenfalls sehr schön zu diesem Song von ihm, den man wunderbar im Berufsverkehr summen kann.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 7.5.2022

Bandscheibenbedingt fiel hier einiges aus. Pardon. Ich sehe mal, was noch gespeichert herumfliegt:

Schulen, Corona und das hohle Hauptargument.

Hier geht in der nächsten Woche ein Sohn auf Klassenreise, und das ist die erste Veranstaltung in dieser Art seit dem Ausbruch der Pandemie, also seit damals. Sie haben sehr viel verpasst, diese SchülerInnen, wenn man es mit den Jahrgängen davor vergleicht. Es ging ihnen immer noch gold, wenn man es mit anderen Jahrhunderten oder Weltgegenden vergleicht, schon klar. Was mich etwas umtreibt – sie wissen gar nicht recht, was sie verpasst haben. Sie haben da ein Stück Normalität nicht erlebt, das für alle anderen Jahrgänge in den letzten zig Klassen vor ihnen garantiert und gegeben war. Nicht nur bezogen auf Klassenfahrten, nein, auch bezogen auf Kino, Jahrmarkt, Theater, erste Partys, Wochenendausflüge, Herumlungern in Kaufhäusern, Sportartenversuche, Vergnügungsparks, Strand, Pauschalurlaub usw. So dermaßen vieles haben sie nicht gehabt, stattdessen gab es diese zwei Jahre zuhause vor dem Computer. Da wird man später noch viel, viel drüber lesen können, nehme ich stark an. In Romanen und auch in Sachbüchern.

Ein Pappschild in einem Fenster: "Irgendwas mus sich verändern"

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Frau Novemberregen über Sport und anderes, bei dem man vielleicht keinen Erfolg, dennoch aber Spaß haben kann. Nachdem anderswo viel über traumatisierende Erfahrungen bei den Bundesjugendspielen berichtet worden ist, die ich gewiss nicht bestreiten möchte, schließe ich mich doch eher der hier geschilderten Variante an – ich habe zwar nie etwas gewonnen, fand es aber immer gut, dass an dem Tag keine „richtige“ Schule war. Einfach alles war so viel besser als das.

Im Grunde ist es für mich bis heute gar nicht adäquat auszudrücken, wie sehr ich die Schule gehasst habe.

Ein Schriftzug auf einem Stromkasten. "It's human to have negative emotions"

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Es wird gerne Zug gefahren. Und zwar mit Spirit. Auch das teile ich inhaltlich.

Ein Hamburger U-Bahn-Gleis (Hbf)

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Frau Gröner wird beim Backen geradezu unerträglich streberhaft. Ich sehe die Bilder und weiß, ich würde das niemals können, muss mir das aber fasziniert ansehen. Es ist wie die Sache mit dem Unfall auf der Autobahn, nur in positiv. Gaffend stehenbleiben.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 2.5.2022

Etwas über den Geschenkten Gaul von der Knef. Die Knef schrieb sehr gut, in der Tat. Es gibt Stellen bei ihr, da bin ich lebhaft neidisch.

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Den Roman „Internat“ von Serhik Zhadan hatte ich bereits lebhaft als Lektüre zum Donbass empfohlen, ich fand noch eine neue Rezension dazu.

Aktuell lese ich den „Blauwal der Erinnerung“ von Tanja Maljartschuk, ein ukrainischer Name, den ich schreiben kann, ohne dreimal genau hinzusehen, das ist auch gut. Deutsch von Maria Weissenböck. Hier eine Rezension bei Read-Ost.

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Kiki über den Twitter-Deal und die Alternativen.

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Herein zum 1. Mai. (Wir lernen das Wort Geschirrhangerl)

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Der Nussecken-Index.

Ein von Kindern gemalter Zettel an einem Zaun: Das Wort Frieden mit einem Herz darunter

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Für den Freundeskreis Kleingarten: Alles (wirklich alles) über die Zaunrübe. Nichts davon hätte ich gewusst, gar nichts.

Der Blick aus unserer gartenlaube auf Grün und Blüh

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Der Monat April ist durch, hier schon einmal die Fundstücke aus den Literaturblogs. Im Bild unten das Ohnsorg-Theater bei mir um die Ecke.

Ein Schriftzug am Ohnsorg-Theater: Wi seggt nee ton Krieg

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Ich finde es ganz charmant, BloggerInnen als KorrespondentInnen aus ihren Lebensbereichen zu betrachten. Man muss es sich im Fernsehstil vorstellen, also die abendliche Anmoderation in der Nachrichtensendung, etwa „Aus dem kleinen Bahnhofsviertel berichtet Maximilian Buddenbohm“, und genauso auch: „Friederike Kroitzsch war für uns im Wald.

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