Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für Dinge, die ich aus jahreszeitlichen Dingen hier gar nicht weiter benennen werde. Aber es kam also an, vielen Dank!

Vorderseite

Neulich habe ich zur Einleitung eines Bildes wie von ungefähr den Herrn Ludwig Richter erwähnt, heute muss es wohl eher der Herr Deix sein. Ganz wohl ist einem dabei natürlich nicht, denn er steht nicht für erfreuliche Motive. Aber das Genre der Karikaturpostkarte kann hier auch einmal bedient werden, finde ich, es ist immerhin an jedem Postkartenständer zu finden. Es ist allerdings keine Karikatur, die ich hier abbilde, es ist nur die Wirklichkeit, auch wenn die Trennlinie nicht recht auszumachen ist. Aber was soll ich machen, so haben sie sich eben entwickelt, die Welt und die Zeiten, der Geschmack und die Gesellschaft. Es kann vieles längst nicht mehr ernst gemeint sein – und ist es eben doch, so sehr mich das auch verstört. Die Zeit, in der wir das folgende Bild alle (tatsächlich alle) noch als Scherz empfunden hätten, die könnte ich nach einiger Recherche sogar präzise benennen, man könnte das mit etwas Einsatz herausfinden. Es ist gar nicht so lange her, wir erinnern uns.

Ich gehe vom Einkaufen nach Hause. In der Ladezone vor dem Supermarkt hält ein Auto, das kein Lieferwagen ist. Es handelt sich vielmehr um einen ungeheuerlichen SUV. Es ist ein Modell, das ich bisher noch nicht gesehen habe. Es sprengt alle mir bekannten Dimensionen, es ist also noch ungeheuerlicher als die Dinger ohnehin schon sind. Es ist vollkommen maßlos, schamlos, dreist und barock bekloppt. Es ist kein Hummer, das nicht, aber es fehlt auch nicht viel, wobei der Hummer, wir erinnern uns, zunächst auch als eher schlechter Scherz wahrgenommen wurde. Die Marke des Monsters erkenne ich nicht, auch nicht, als ich das Logo hinten am Heck sehe, das sagt mir nichts. Aber gut, ich erkenne ohnehin nur noch wenig Automodelle. Das unselige Ungeheuer ist sicher kein Meilenstein der Designgeschichte, ich möchte mich da aus meiner laienhaften Position heraus festlegen. Es ist eher schlicht gestaltet, es ist einfach nur irre groß. Keine eleganten Kurven, keine ästhetischen Wölbungen, nichts Interessantes, nur fürchterlich viel von allem. Viel Blech, viel Motor, viel Verbrauch des öffentlichen Raums. Deswegen hält es auch in der Ladezone, nehme ich an. Ich brauche mehr Platz als andere, gib her, geh weg. 

In dem SUV sitzen zwei Männer sie tragen Anzüge. Es spricht überhaupt nichts dagegen, Anzüge zu tragen, einige meiner besten Freunde tragen Anzüge, ich selbst trage Anzüge. Aber es gibt auch unter Anzugträgern solche und solche, und diese hier sind die anderen. Die Investmentbanker aus den Schlagzeilen, die Immobilienhaie der ganz großen Vorhaben, die Lokalpolitiker von der falschen Partei. Die Lobbyvertreter irgendwelcher Ekelbranchen, solche Typen sind das, schon auf den ersten Blick. Die Männer sitzen zurückgelehnt und sicher breitbeinig, man möchte es wetten, auch wenn man es natürlich nicht sehen kann, der SUV ist viel zu hoch. Sie lachen. Sie lachen gerade auf diese Art, der man gleich ansieht, dass es um ein böses “Hähä” geht, nicht etwa um ein vergnügtes “Hihi” oder um ein offenes “Haha”. So lachen in Filmen die Bösen, wenn sie gerade notleidenden MieterInnen die getürkte Eigenbedarfskündigung in den Briefkasten geschoben haben. 

Das ist, Sie sehen das vielleicht auch, schon ein Fall für Deix, nicht wahr. Das ist aber auch echt. Daran ist gar nichts übertrieben, so ist es eben. Karikaturpostkarten sind auch nur eine Abbildung der Heimat.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Links am Morgen

Mely Kiyaks Weihnachtspredigt

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Dem Wort Beherbungsverbot muss ein Saxofon-Solo folgen, das sehe ich auch so. Man sollte sich überhaupt viel entschlossener poetisieren, meine Damen und Herren. 

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Der von mir sehr geschätzte Club der toten Dichter von Reinhardt Repke hat sein nächstes Projekt bekannt gegeben. Ich kannte das titelgebende Gedicht nicht, aber schön ist es.

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Knöpfe

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Ich reiße mich gerade zusammen, nicht alles mit einem diesem hier ähnelnden Schlussakkord auf Pause zu stellen, weil das für mich vermutlich doch keine gute Idee ist, aber den Impuls verstehe ich durchaus und ich halte es außerdem für ein geradezu historisch interessantes Dokument, wie die Blogsaison hier und da endet. So ein schöner Schlusssatz.

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Ich habe auf arte die ersten beiden Folgen von Inside No. 9 gesehen und gut gefunden.

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Ich habe das Hörbuch zu “Erkenntnis und Schönheit” von Ian McEwan gehört und interessant gefunden. Deutsch von Bernhard Robben und Hainer Kober, Sprecher Dirk Hardegen.

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Links am Morgen

Die Links bestehen im Moment fast nur aus Verweisen auf Audio-Dateien, was auch daran liegt, dass ich kaum zum Lesen komme – und wenn doch, dann eher nichts finde. Die Unduldsamkeit! Ich lese quer und möchte überall dranschreiben: “Was interessiert mich das!”, wobei das selbstverständlich kein qualifizierter oder inhaltlich weiterführender Kommentar ist, sondern nur Ausdruck meiner chronifiziert schlechten Laune. In Wahrheit und mit Wohlwollen betrachtet wird vieles interessant und gut und schön sein. Wenn Sie auch gerade so drauf sind wie ich, es wäre nach diesem Jahr immerhin nicht erstaunlich, schreiben Sie es ruhig gleich hier an den Bildschirmrand, mit Ausrufezeichen und allem: “Was interessiert mich das!” Wirklich, es befreit und es macht mir nichts. 

Ich lese also eher wenig, ich höre nur, und das auch nur auf dem Weg von und zur Arbeit, woanders gehe ich gerade gar nicht hin. Morgens zwanzig Minuten, nachmittags zwanzig Minuten. Einmal hin, einmal her, ein Tag rum, das ist nicht schwer.

Abends lese ich dafür gerade exzessiv vor und komme also auch deswegen nicht zum Sichten frischer Links. Das Vorlesen beruht auf dem Zufall der Bücherunordnung nach dem großen Umräumen, ein Stapel alter Insel-Taschenbücher rückte dabei nach vorne und als Sohn II neulich nach Lektüre fragte, also nach vorgelesener Lektüre, griff ich danach und bin jetzt also wieder, ich glaube, es ist bereits das dritte Mal, in der alten Schenke zum Admiral Benbow über den englischen Klippen und lese von der Schatzinsel, warte auf das Auftauchen des einbeinigen Seemanns und wieder ist es mir und dem Kind ein Fest. Billy Bones singt stockbesoffen von den fünfzehn Mann auf des toten Mannes Kiste, aber in dem Moment fährt unten auf der Straße ein Auto vorbei, aus dem wir laut die Beatles hören, deswegen wird es jetzt bei uns für alle Zeit heißen: “Fünfzehn Mann in dem Yellow Submarine, johohohoo, und ne Buddel voll Rum.” Es singt sich auch so sehr gut und überhaupt ist es gut, sehr gut sogar, im Winter Stevenson zu lesen und sich auf dem Sofa kuschelnd zusammenzurotten, aber das sage ich ja seit Jahren. Egal, das nur am Rande. Was wollte ich schreiben? Ich wollte Links posten, pardon.

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Deutschland hat die Digitalisierung nicht verschlafen

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Über das Köln Concert, mit dem ich auch groß geworden bin, weil es wirklich in jedem Plattenschrank stand (Audio).

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Noch einmal Audio, hierbei etwas gelernt: “Alles misslingt nach Plan”, über den Soziologen Robert K. Merton. Ich mochte besonders gerne den Begriff des antizipatorischen Plagiats.

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Über dicke Schwarten. Das hat Spaß gemacht, ein nettes Feature über besonders dicke Bücher.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken, denn ersten kamen noch einmal Blumensamen an, von denen ich jetzt nicht weiß, ob sie zu einer Sendung neulich gehörten und also enorm lange unterwegs waren oder ob sie als Einzelpack ein separates Geschenk ganz anderer Herkunft waren. Aber egal, die Blumen, die man aus diesen Samen ziehen kann, sie klingen ohnehin so, also könne man unter solche Fragen einen eleganten Schlussstrich italienischer Prägung ziehen: Verbene. Und dann ist es, so hört es sich doch eindeutig an, sowohl egal als auch gut. Vielen Dank! Verbene!

Zweitens kam ein Ding, für das ich die Fachbezeichnung gerade nicht parat habe, es handelt sich aber um so etwas, mit dem man ein Notebook auf einem Sofa besser handhaben kann. So ein Klapptischdingens also, auf dem neben der Notebookablage auch Platz zum exzessiven Herummausen ist. Wenn Sie jetzt ein ein jüngerer Mensch sind, mit Netflix-Affinität und so, dann könnten sie so ein Dingens vielleicht brauchen, weil man den Winkel zwischen Beinen und Bildschirm ganz hervorragend verstellen kann, viel besser und sinnvoller, als wenn man nur eine olle Decke auf den Beinen hätte. Wenn Sie aber schon älter sind und daher, so wie ich, allmählich entzwei gehen, besonders was die Gelenke oben herum betrifft, dann wissen sie gewiss auch diese kleine Ablage für die Maus zu schätzen, denn da freuen sich Ellenbogen und Handgelenk, und wie die sich freuen. Eine gute Sache, ich habe das jetzt getestet, da, gerade schon wieder, quasi mit jedem Wort hier teste ich das. Läuft! Ganz herzlichen Dank, das Dingens ist super.

Vorderseite

Ein Adventsfrühstück im Hause Buddenbohm, ich gehe nicht allzu sehr ins Detail. Einen gedeckten Tisch wird sich jeder vorstellen können, auch so ein dekoratives Kerzenarrangement, nur eine von vier Kerzen brennt, versteht sich. Die Familie isst, es läuft in erheblicher Lautstärke und aus gutem Grund “Deck the halls” von Nat King Cole. Es handelt sich dabei um das Lieblingsweihnachtslied eines Sohnes, damit beginnt hier also nach altem Brauch die Adventszeit. Danach läuft Erdmöbel für das andere Kind, Klingelingeling, ding dong, Jesus weint schon. Das Fairytale of New York für die Herzdame, und ich halte mich, unverstanden wie immer, an die Instrumentals von Vince Guaraldi. Oder wie die Söhne sagen: “Mach mal ein Lied weiter.” Egal.

 Die Herzdame sieht gedankenversunken aus, sie ist irgendwie nicht ganz bei der Sache, also beim Frühstück. Eine Brötchenhälfte liegt vergessen auf ihrer Handfläche, sie hat das Kauen eingestellt und guckt angestrengt aus dem Fenster, wo es nichts Besonderes zu sehen gibt. Es handelt sich aber auch mehr um einen Blick, der ganz ungeachtet der tatsächlichen Aussicht in die Ferne geht, durch die Zeiten, ins Unergründliche. Sie zählt etwas, merke ich nach einer Weile, sie murmelt etwas. Sie überschlägt vielleicht eine längere Strecke durch längst abgelegte Kalender, so etwas in der Art muss es sein. Schließlich kommt sie zu einem Ergebnis. Sie ist, so erfahren wir, alle Adressen ihres Lebens durchgegangen, alle ihre ihre WGs und Wohnsituationen. “Es ist schon komisch”, sagt sie nachdenklich, “aber seit ich damals zuhause ausgezogen bin, habe ich nur noch mit Verrückten zusammen gewohnt.”

 Und wir merken uns für das Bild heute bitte einfach nur die anderen drei Buddenbohms am Tisch, die ihr freundlich und verbindlich zulächeln und auch weiterhin gerne mit ihr wohnen wollen.

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Links am Morgen

Zum ersten Advent – einige Erläuterungen zur Entstehung des “Fairytale of New York” (Audio)

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Hier was gelernt (Audio): Die Rattenlinie nach Argentinien

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Der Autor vom Latte Igel ist gestorben.

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Marktlücke Nüchternheit

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Ein völlig verdienter Verriss der Buddenbrooks.

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Bei arte die “Saga der Schrift” gesehen. Auch interessant, und am besten gleich die Entwicklung hin zu den Emojis mitdenken, dann macht es noch mehr Spaß.

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Zehn, vier, zehn, fünf, zwei, vierzehn

Ich möchte kurz die Tagesschau zitieren, also die Online-Ausgabe der Tagesschau, da heißt es im Corona-Newsticker von gestern:

“Hamburg beschränkt die erlaubten Kontakte zur Eindämmung der Corona-Pandemie in der Weihnachts- und Silvesterzeit auf zehn Personen aus maximal vier Haushalten. In der Zeit davor werde die Zahl der maximal zulässigen Personen von derzeit zehn auf fünf aus zwei Haushalten reduziert, sagte Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) im Anschluss an eine Sondersitzung des Senats. Ausgenommen seien Kinder bis 14 Jahre.”

Jetzt habe ich vor ein paar Minuten gerade erst verstanden, was in meinem Kopf bei solchen Sätzen passiert. Mein Hirn fängt nämlich ganz routinemäßig an, das zu verarbeiten, wie andere Meldungen auch. Aber etwa ab der zweiten Zahlenangabe hält es die Meldung dann für eine Textaufgabe. Und weil ich nun eine erhebliche und traumatische Textaufgabenschädigung aus meiner Kindheit habe, schaltet mein Denkvermögen umgehend ab. Das ist eine Art Not-Aus, dagegen kann ich nichts machen, das ist auch nach mehreren Jahrzehnten ohne jeden Matheunterricht nie ganz geheilt und kriselt erneut, seit ich den Söhnen bei Mathe helfen muss. Der Rest des Satzgefüges rauscht also vollkommen unverstanden an mir vorbei. 

Wenn dann die Pause nach dem abschließenden “14 Jahre” lang genug ist, fährt mein Hirn vorsichtig wieder hoch, um zu prüfen, ob die Gefahr vorbei ist und sucht nach normalen Sätzen ohne Zahlenangaben, nach Sätzen also, die es routiniert durchdringen und vielleicht auch kurz abspeichern kann.

Ich werde leider nie ganz verstehen, wer was wann mit wem darf. Aber das ist egal, da entsteht kein Schaden, ich mache eh einfach nichts. Nichts in nur einem Haushalt. 

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In einer winzigen Nebenrolle

Auf dem Weg zum öffentlichen Bücherschrank geht ein älterer Mann vor mir her. Der hat das gleiche Ziel wie ich, er öffnet den Bücherschrank und stellt ein Buch hinein. Dann macht er dann Schrank wieder zu und geht weiter, recht energisch geht er. Er geht so, wie vielleicht jemand geht, der vor wenigen Momenten erst entschieden „So!“ gesagt hat. Ich öffne den Schrank kurz nach ihm, ich sehe nach, welches Buch von ihm kam: „Die Kunst, Recht zu behalten“ ist es, ein Band von Schopenhauer. Ja, so ging er vielleicht auch, denke ich, wie jemand, der Recht hat, das kommt hin. Ich lasse den Band aber stehen, ich habe es nicht so mit der Rechthaberei. Ich sehe die Bücher durch und stelle sie wieder gerade und ordentlich hin. Ich habe mal im Buchhandel gearbeitet und bin studierter Bibliothekar, das sitzt bei mir also tief, dass Bücher vernünftig stehen müssen. Ein Band Platon steht auf dem obersten Regalbrett, es ist ein öffentlicher Bücherschrank mit manchmal schon anstrengendem Niveau. Hinter dem Schrank der katholische Mariendom, gerade eben haben da die Glocken geläutet. Die großen Türen stehen weit offen, einige wenige Menschen mit Masken ziehen gerade in die Höhle, pardon, wollte sagen in die Kirche. An der Seite des Doms, das wissen viele gar nicht, steht eine Statue des Johannes Paul II. Davor wurde üppige Blumenpracht auf dem Boden arrangiert. Manchmal liegen da auch Flaschen, Champagner oder Sekt, manchmal liegen da Krücken, die jemand nicht mehr gebraucht hat, und das war dann ein Wunder, ein Segen war das, ein Fingerzeig Gottes. Die Gemeinde der Katholiken aus Polen hat hier ihren Heiligen, der wird jederzeit gut versorgt.

Ich nehme ein Buch von Hans Werner Kettenbach aus dem Schrank mit, da mal hineinsehen. Zsuszsa Bánk, die auch. Dieser Schrank ersetzt mir noch für einige Zeit die Bücherei, und guck an, das geht auch. Ich befülle ihn natürlich auch regelmäßig, das Zeug geht dann fast immer gut weg und findet noch einmal Interessenten. Öffentliche Bücherschränke sind toll, es sollte sie überall geben.

An einer Ladentür ein paar Meter weiter lehnt eine Dame. Sie sieht nach gehobener Gesellschaft aus, sie trägt so Sachen, denen man gleich ansieht, dass sie etwas mehr gekostet haben. Die Sachen sitzen so perfekt, sie sind so raffiniert aufeinander abgestimmt, sie sind so dezent farbig und dazu dann aber ein so exzentrisch wildblumiger Schal, das hat alles Stil und Format. Die Dame sieht aus, wie man sich eine Dame vorstellt, der etwa, was weiß ich, eine Agentur gehört, ein oder zwei Apotheken, ein paar Häuser auf Sylt oder auf Rügen, so etwas in der Art.

Sie steht allerdings, wenn man genauer hinsieht, etwas schief. Das wiederum liegt daran, dass sie, wie man im Näherkommen dann unschwer feststellt, sternhagelvoll ist und ohne den Halt der Ladentür längst flach auf dem Rücken liegen würde. Sie sieht mich freundlich an, als ich an ihr vorbeigehe, und sie grinst. Es ist das vermutlich zufriedenste Grinsen, das ich in diesem Jahr gesehen habe. So aus ganzem Herzen grinst man vielleicht nur, wenn gerade alles, alles genau richtig ist und man dazu auch noch angemessen betankt ist. Wobei mein Fachwissen dazu allmählich verblasst, sternhagelvoll war ich seit Ewigkeiten nicht mehr.

Aber wenn wir uns jedenfalls ihr Grinsen als Ende einer Episode oder Geschichte vorstellen, dann ging sie sicher gut und heiter aus und nein, Hilfe braucht sie nicht und da lacht sie und lacht und lacht. So komme ich also in einer winzigen Nebenrolle im vermutlich allerletzten Satz ihrer aktuellen Geschichte vor: „Ein Mann mit zwei Büchern unter dem Arm ging an ihr vorbei und sah sie an …“

Warum auch nicht. Sie kommt bei mir vor, ich komme bei ihr vor, es ist alles fair und in Ordnung, und es war mir ein Vergnügen. Aber ihr Vergnügen, da gibt es nichts, war mit Entschiedenheit noch viel größer.

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Links am Morgen

Menschen an Bushaltestellen. Eine Fotoreihe.

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Speziellere Tiere

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Noch ein Tier. Ziemlich tot.

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Die Essex und Moby Dick

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Gebt niemals auf!

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Medien und Corona. Via Heike Flemming auf Twitter.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für die freundliche Zusendung der Memoiren von Brigitte Schwaiger: Wenn Gott tot ist. Sehr willkommen ist mir das Buch, das passt mir gerade hervorragend in mein ansonsten vollkommen wirres Lektürekonzept. Herzlichen Dank!

Vorderseite

Ich bastele Ihnen heute, das hatten wir noch gar nicht, so eine dreigeteilte Karte. Oben ein Bild über die ganze Breite, darunter zwei kleinere, Sie kennen das. Und apropos Kennen! Sie kennen sicher auch Ludwig Richter. Den erwähne ich hier einfach mal und überlasse es dann zwanglos Ihrem Assoziationsmechanismus, ob Sie den mit den drei Bildern im Folgenden irgendwie zusammenbringen. Wenn nicht – macht überhaupt nichts. Es sind, das versteht sich aber jetzt, besinnliche und friedliche Bilder. Es sind Ansichten der Erholung und des Feierabends. Meine Woche war anstrengend, Ihre vielleicht auch, da brauchen wir jetzt so etwas, da brauchen wir einen kleinen Bilderbogen des bürgerlichen Friedens.

Alle drei Bilder wurden an einem Abend aufgenommen. Ein Abend im November, neulich erst war er, Sturm kam da gerade auf. Aber diesen Sturm darf man sich jetzt nicht bedrohlich vorstellen. Der Sturm gehört immerhin in den November, es ist alles richtig so. Es kommt eben Wind auf, viel davon, das ist bei uns in Ordnung in diesem Monat. Die Tage vor diesem Abend waren allerdings ungewöhnlich sonnig und strahlend schön, deswegen ist das gefallene Laub trocken, staubtrocken und ganz hart. Ich trete aus der Tür und der aufbrisende Wind treibt mir diese gedörrten Blätter entgegen, große Mengen davon, das ist ungewöhnlich laut. Ein großer Laubhaufen wird von den Böen auf die ganze Länge der Straße verteilt, und jedes Blatt macht dabei ein Geräusch. Es ist ein tausendfaches Zischeln, Flüstern und Wispern. Das klingt wie der Anfang eines dieser Stücke, die Sie hören, wenn Sie bei Streamingdiensten Playlists mit „Late Night Jazz“ oder ähnlichen Bezeichnungen aufrufen, Stücke also, bei denen sich der Drummer vorweg so dezent und zurückhaltend in Ihren Gehörgang schmeichelt und Sie merken gar nicht recht, dass da gerade ein Song beginnt. So weht und so klingt und so raunt das Laub heute und es wirbelt mir um die Füße und tanzt und kreist so dermaßen auffällig, in jedem Mary-Poppins-Film wüsste man, jetzt hat der Wind aber sicher gedreht.

Ich gehe ziellos durchs kleine Bahnhofsviertel. Die Straßen sind dunkel, weil die Restaurants und Cafés und Kneipen alle geschlossen sind und also deren Beleuchtung fehlt. Es ist auch leise, denn es sind weniger Autos und Menschen als sonst unterwegs. Es ist kälter geworden, es sieht nach Regen aus und ausgehen kann man eh nicht, es ist heute kleinstadtleise mitten in der Millionenstadt. Vor die breite Fensterfront eines Restaurants hat man schwere Vorhänge gezogen. Die haben nur einen schmalen Spalt offengelassen, aus dem sieht man Licht. Ich gehe da mal näher ran, ich bin immerhin aus Berufsgründen neugierig. Drinnen sitzen vier Menschen an einem Tisch. Auf dem Tisch stehen Flaschen und Gläser. Die Vier stoßen an und stecken die Köpfe zusammen. Dieses Bild legen wir oben quer, wie sich die vier Personen da zutrinken wie in einer anderen Zeit. Man sieht es so selten im Moment. Und selbstverständlich werden das die Betreiber des Restaurants sein, das Personal oder die Menschen, die da gerade einen Umbau planen, etwas anderes wollen wir nicht für möglich halten und sowieso sieht man eigentlich nichts, wenn man nicht direkt vor dem Spalt stehen bleibt.

Dann ein Friseursalon. Es gibt hier enorm viele davon, gefühlt gibt es sogar in jedem zweiten Haus einen. Dieser hier ist ganz klein und liegt in einer dunklen Nebenstraße. Der Salon ist schon geschlossen, die Deckenbeleuchtung ist aus. Nur kleine Lampen neben den Spiegeln brennen noch. Auf einem der Frisierstühle sitzt einer in betont entspannter Haltung und spielt Gitarre. Vor ihm sitzt, auf einem niedrigen Schemel oder so etwas, die Friseuse und singt. Sie hält dabei ein Blatt in der Hand und liest etwas ab, Noten, Text oder beides. Zwischendurch lacht sie. Man kann nichts davon hören, gar nichts, man sieht es nur.

Dann, wir sind schon beim dritten Bild, eine Änderungsschneiderei. Auch dort ist schon Feierabend. Es brennt in dem Ladengeschäft nur eine historisch anmutende Schreibtischlampe, die war etwa in den Siebzigern mal modern, und billig war sie auch. Über diese alte Lampe beugt sich gerade der Herr Änderungsschneider. Weil es im restlichen Laden stockdunkel ist, sieht man im eher schwachen Lichtkreis der Lampe nur sein Gesicht und eine Hand, die er dicht vor die Augen hält. In den Fingern hält er mehrere Garnrollen, und wir können es zwar nur raten, aber er wird dort gerade Farben prüfen oder vergleichen. Er hält die Rollen ganz dicht vor seine Augen und er guckt genau. Dann bewegt er sich von der Lampe weg und verschwindet im schwarzen Raum und taucht nicht wieder auf. Die Lampe aber brennt weiter und beleuchtet einen Schreibtisch aus einem anderen Jahrzehnt. Vielleicht macht sie das die ganze Nacht.

So nämlich geht es hier zu, wenn es Abend wird und etwas Wind aufkommt.

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Zu viert auf dem Sofa

Zu den Neuerungen, die hier auf einmal stattfinden, weil wir endlich alles umgebaut haben, gehört etwa, dass wir in den letzten Tagen gleich mehrfach zu viert vor dem Fernseher gesessen haben. Das kam bei uns bisher so gut wie nie nicht vor, das kennt hier keiner, so haben wir nicht gelebt. Die Söhne kannten Fernsehen nur von den Großeltern, haben ansonsten gestreamt wie alle und wenig oder eher gar nichts vermisst. Nun aber haben wir auf einmal einen äußerst gemütlichen Platz vor dem Fernseher, und da die Söhne sich tagsüber auf einmal verblüffend dauerhaft in ihre Zimmer wegsortieren, kann man sich abends auch mal irgendwo zentral treffen. Von Zeit zu Zeit seh‘ ich die Jungen gern, warum nicht auf dem Sofa vor dem Fernseher. Eine interessante Anordnung, das hätte uns auch früher einfallen können. Egal.

Ich bin, das ist naheliegend, etwas geschockt von dem, was es da zu sehen gibt, denn ich habe wirklich lange nicht ferngesehen, fünfzehn Jahre etwa. Ich erkenne also fast niemanden und sitze staunend davor, verkneife mir nur äußerst mühsam die ganzen „Früher …!“ Kommentare und mache mir emsig Notizen, um die geistreiche Fassade wenigstens vor mir selbst zu wahren. Auf diese Art sehen wir so etwas wie diese Show mit, wie heißt das denn, Voice of Germany? Oder das mit dem Supertalent und irgendwas mit Freizeitninjas und dergleichen, die Söhne lieben diese Shows alle. Ich liebe sie nicht, diese Shows, ich bin hier beim Fernsehen aber nur ein harmloser Mitläufer.

Ich kann einiges aber auch ausdrücklich gutheißen, gerade als Vater, denn es ist ja nicht so, dass diese Shows nur ein reines Unterhaltungsprogramm wären. Sie sind vielmehr auch eine brauchbare Vorbereitung auf das spätere Leben der beiden jungen Zuschauer hier. Denn, so denke ich in meiner beginnenden Altersmilde, es ist doch tatsächlich alles recht lebensecht inszeniert. Ich gucke und nicke. Und ich kann das auch beurteilen, ich bin mittlerweile alt genug, ich weiß, dass es so ist:

Du legst dich fest, du machst dein Ding, du gibst dir irrsinnig viel Mühe. Du fühlst dich zu irgendwas geeignet, du fühlst dich zwischendurch sogar gut bis großartig dabei und du hoffst so sehr, dass du tatsächlich gut bist, denn aus irgendeinem Grund wollen wir alle immer gut sein, oder besser noch besser als andere. Wenn uns bloß jemand sagt, dass es gut ist! Dann ist es nämlich gut. Und wir zappeln uns immer wieder ab und mühen uns und streben und treten gegen andere an und investieren alles Mögliche, Zeit, Geld, Lust und Kraft, ach, so viel Kraft.

Dann kommt so ein Typ wie Bohlen, versteht es nicht recht und guckt kritisch, und das war dann also nichts. Ist das für Fernsehunterhaltung nicht fast schon zu nah an der Wirklichkeit? Ich meine, so ist es doch immer.

Na, fast immer.

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