Links am Morgen

Das totale Jetzt – Die große Gereiztheit unserer Gegenwart. Die zweite Folge der Aula-Sendung mit Herrn Pörksen (Audio). Fängt etwas allzu bekannt an, wird dann aber interessanter. Enthält die schöne Formulierung von der “geruhsamen Wahrheitssuche.”

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Wo sonst die Scheußlichkeiten der Welt ungefiltert auf mich niederprasseln, aus allen Ecken und Richtungen, fallen mir hier nur ein paar Bucheckern und goldgelbe Blätter vor die Füße, und glänzende Kastanien.

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Ich war nie ernsthaft gefährdet, aber sollte ich das Themengebiet Depression für mich noch erschließen wollen: Jetzt ist der Moment. Der Schritt ist ein kleiner.

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Musik. Sehr novemberig. Und sehr schön.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci! 

Resturlaub, Regen

Ich habe einen Tag Resturlaub, der musste noch irgendwohin. Ich gehe durch die Stadt, es regnet. Ein feiner, quertreibender Regen, es ist egal, ob man einen Regenschirm aufspannt oder nicht, man wird nach einer Weile überall gleichmäßig nass. Aber es ist nicht kalt, es macht nichts. Woran erinnert mich das gerade? An eine Liedzeile, „es tut gleichmäßig weh“. Grönemeyer war das, ausgerechnet Grönemeyer, das werde ich jetzt wieder tagelang nicht los. Wie soll ein Mensch das ertragen? Aber das war der Poisel.

Ich habe kein Ziel, ich gehe nur so herum, ich nenne es Freizeitvergnügen. Vor dem Bahnhof streiten sich schon wieder zwei Paketfahrer um eine Parklücke und bieten sich die Verletzung diverser Körperteile an. Menschen hasten vorbei, weil sie das bisschen Regen doch unangenehm finden, weil sie zur Arbeit müssen oder weil sie von den Streitenden wegwollen, die jetzt kurz davor sind, ihre Versprechungen wahr zu machen.

Vor einer Bäckerei steht ein Schild: „Wir haben neue belegte Brötchen“. Alte wären auch blöd, denke ich. Vielleicht haben sie aber auch gar nicht nur heute neu belegte Brötchen, vielleicht sind die jetzt anders belegt als vorher. Vielleicht geht es da um Erfindungen im Bereich des Belags, das kann auch sein. Die Salami liegt jetzt andersherum oder sie haben ganz neue Zutaten entdeckt, die gab es vorher noch nie. Sie haben sich Gedanken gemacht und die Sache vorangetrieben, das kann man in jedem Beruf. Die Welt wird alt und wird wieder jung, doch der Mensch hofft immer auf Verbesserung. Das waren nicht Grönemeyer oder Poisel, das war Schiller. Auch gute Songs, so ist es ja nicht, mir fallen heute dauernd Textzeilen ein.

Der vorgezogene Novemberregen kommt auf einmal in einer schwungvollen Böe, er fegt die Menschen in den Abgang zur U-Bahn. Von unten höre ich Musik aus den Lautsprechern: Vivaldis Frühling wird da abgespielt. Vielleicht hat da jemand seltsamen Humor, vielleicht ist es nur eine endlos lange Playlist, die weichgespülte Klassik für das ganze Jahr, Musik für Fahrstühle und U-Bahnsteige. Gesamtspielzeit zehntausend Stunden, und dann dudelt das so durch. Aber es gab einmal einen Ostermorgen, es ist schon Jahre her, da spielten sie da „Stille Nacht“, deswegen bleibt mir doch ein Restverdacht bezüglich des Humors.

Am Straßenrand sitzt ein bettelnder Mann, auf einem Schild steht: „Ich sammele für meinen Jungen.“ Dazu ein Kinderbild. Der Mann weint. Ich werfe etwas in seinen Becher, da schreckt er auf, vermutlich hat lange kein Geld mehr vor ihm geklingelt. Er will mir spontan die Hand geben, aber dann fällt ihm ein, das macht man ja nicht mehr, Pandemie. Auf halbem Wege zieht er die Hand zurück und wir führen ein paar etwas alberne Bewegungen auf, schließlich verbeugt er sich im Sitzen und ich mich im Stehen, dann gehe ich weiter. Es sind immer mehr Situationen, die etwas komplizierter als vor dem März werden.

Auf dem Fußweg liegt ein nasser Adventskalender, ein bestickter Wandbehang mit 24 Täschchen. Vielleicht ist er aus einem Fenster geflogen, vielleicht gab es einen frühen Familienkrach um die Weihnachtsplanung, wisst ihr was, dann macht euren Scheiß doch alleine in diesem Jahr, Fenster auf und weg damit. Die große 24 liegt nach oben ausgebeult da, das ist sicher Zufall. Demnächst dann die Versöhnung, aber der bestickte Kalender wird dann längst weg sein. Es wird in diesem Haushalt künftig nur noch billige Adventskalender vom Discounter geben, halb ironisch, und immer wird es bei der Übergabe heißen: „Weißt du noch.“ Und dann wird erzählt, wie der Kalender flog, und die Geschichte wird mit jedem Jahr besser.

Vor einem Café stehen zwei junge Frauen und rauchen, die arbeiten da, wie ich an der Bekleidung erkenne. „Ich habe mal in einem Büro gejobbt“, sagt die eine, „mit Excel und so. Das war ätzend.“ Ich nicke verständnisvoll im Vorbeigehen, das sieht aber niemand.

Überall hängen Zettel an den Schaufenstern und an den Eingangstüren zu den Geschäften. Hinweiszettel, Anweisungszettel, Ermahnungen, Bitten, Verbote, Piktogramme und Skizzen. Hygienekonzepte. Auf einem Blatt steht: „Bitte jetzt Rücksicht nehmen auf andere.“ Ich weiß nicht genau, seit wann die Menschheit Hinweisschilder irgendwo aufhängt, aber ich vermute doch, dieser Zettel wäre von allem Anfang an sinnvoll gewesen.

Vor einem der verbleibenden Kaufhäuser stehen Menschen in einer Traube und warten, es wurde noch nicht geöffnet. An der Seite des Kaufhauses, neben den Wartenden, das Lager eines oder einer Obdachlosen, sorgsam arrangierte Pappkartons, Styroporteile als Kopfkissen. Auf dem Karton, der alles oben abschließt, steht groß: „Maisons du monde“.

Ich gehe ein paar Minuten später in das nun geöffnete Kaufhaus und kaufe Tinte, denn ich schreibe ab und zu gerne mit einer Feder. Ich finde, das beruhigt. Die Tinte ist braun und ich merke zuhause erst, dass sie aromatisiert ist und nach Schokolade riecht, wer denkt sich denn bitte so etwas aus. Aber stellen Sie sich vor, alles, was Sie hier lesen, es riecht in der ersten Version nach Schokolade, wie schön ist das denn.

Es passiert nichts mehr. Ich gehe nur immer weiter stundenlang herum und finde das herrlich. Alle müssen irgendwohin, ich nicht. Dazu höre ich die Winterreise, mit Ian Bostridge als Stalker: „Schreib im Vorübergehen ans Tor dir gute Nacht.“ Schubert und Regen, das kann man sich auch einmal merken, das geht gut.

Aber der Resturlaub ist jetzt verbraucht.

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Mit Hackbällchen

Währenddessen fragt mich ein Sohn, ob die Hälfte von Unendlich nicht auch unendlich sein müsste, denn wenn man diese ominöse Zahl durch zwei dividiert, dann hört das ja nicht auf, die Rechnung geht immer weiter. Da sind wir also wieder im Bereich des sportlichen Nachdenkens und kommen schließlich darauf, dass die Hälfte der Hälfte dann doch auch … und dass man also Unendlichkeiten durch Teilung vervielfältigen kann, hätten Sie das gewusst? Wenn es etwas Unendliches gibt, ist am Ende alles unendlich. Wir überlegen noch eine Weile, ob und wo wir jetzt wieder gedanklich falsch abgebogen sind, aber da die eigene Dummheit bekanntlich auch unendlich sein kann, kommen wir nicht darauf und beschließen sicherheitshalber, lieber ganz ohne weiteren Tiefgang durch die Stadt zu gehen. Der Weg endet an einer Turnhalle, vor der Menschen stehen und „Nächste Woche ist hier aber nichts mehr“ sagen. „Wir sehen uns im Dezember wieder“, sagt einer dann noch und andere sagen, dass sie darauf aber lieber nicht wetten würden.

Das ist aus Sicht des Sohnes jedenfalls unendlich schade, dass mit dem ausfallenden Sport. Ich setze mich in die Umkleide und warte wieder sein Training ab. Um mich herum liegt hereingewehtes Herbstlaub. Vermutlich sehe ich in den leeren Raum etwas seltsam aus, wie ich da ganz alleine sitze, mein Notebook anstarre und auf Ideen warte, die heute nicht kommen, auf dieser altmodischen Bank aus der Schulsteinzeit, über mir all die leeren Garderobenhaken an den Wänden, um mich herum die Blätter, locker ausgestreute Deko. Wie auf einer Bühne sitze ich hier, denke ich, gleich tritt jemand auf und sagt irgendwas. Tatsächlich schließt dann jemand die Halle auf und guckt in die Umkleide, ein Hausmeister vermutlich. Er sagt aber nichts, er guckt mich nur einen Moment schweigend an, schüttelt den Kopf, winkt ab und geht weiter. Passt schon, denke ich, das passt ins Stück. Irgendwie.

Wir gehen nach dem Sport nach Hause, vor der Tür treffe ich eine Nachbarin. Die trägt eine Tüte mit einem Paket darin in der Hand. Da seien, so sagt sie, Nudeln drin. Sie sagt es so, als sei das eine ungemein wichtige Mitteilung. Und sie erklärt weiter, es ist fast ein verschwörerisches Raunen, sie kommt auch etwas näher dabei: „Mit Hackbällchen.“ Ich sage, dass das ja schön sei, denn ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll, was interessieren mich denn bitte ihre Hackbällchen, soll sie doch essen, was sie will, ich kenne die Frau überhaupt nicht weiter. Aber hey, man kann ja auch freundlich sein und ich wünsche also guten Appetit und sie freut sich und kichert. Vorfreude auf Hackbällchen, die wird vielleicht auch allgemein unterschätzt. Man kann das demnächst einmal nachspielen, es wird in diesem Land wohl viel Essen zum Mitnehmen geben im November.

Das immerhin war einfach an diesem Tag. Und einfach soll ja das Beste sein. Sagt man.

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Umbra, Umbra

In der Sonntagsstunde, in der es nicht regnet, fahren wir in den Garten. Die Herzdame harkt in sportlicher Ambition große Mengen Bilderbuchlaub vom Rasen, ich betätige mich als Prachtgreifer und sammle alles ein. Altmetallfarben, viel Kupfer dabei heute, Messing auch, Gold und Bronze und rostiges Eisen, ich nehme alles, wie es kommt. Am Beetrand die dunkle Erde. Umbra, denke ich,und das Wort habe ich lange nicht gedacht, vielleicht jahrelang nicht. Es macht aber Spaß, das zu denken, Umbra, Umbra, was für ein großartiges Wort, gleich möchte man ein weißes Blatt vor sich haben und eine geschwungene Linie in wunderbarem Umbra pinseln. Aber danach wüsste ich dann leider nicht weiter und würde beim Malen nur alberne Sätze wie Umbra, Umbra, tätera denken, ich kenne mich genug. Immer Abzüge in der seriösen Note. Ich schlage Umbra nach, weil ich alles nachschlage. Man nennt es auch Römischbraun, das klingt ebenfalls gut. Aber: “Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands nutzt den Farbton Umbra in ihrer Werbung seit der Bundestagswahl 2005.” Das wiederum klingt zu sehr nach Nachrichten, das will ich nicht wissen. Angewidert stecke ich das Handy wieder weg.

Egal, es liegt so viel Schönheit in tausend Varianten auf dem Rasen, ich kann mich gar nicht sattsehen. Ich umarme die Laubhaufen, wie ich sie greifen kann und viel von dem Laub fällt wieder zurück aufs müdgrüne Gras, das macht nichts.

Zwischendurch gibt es für die Herzdame und mich noch vier Himbeeren, die teilen wir uns sorgsam ein und essen sie feierlich. Es riecht nach Moder und November im Garten. Unter der kleinen Trauerweide steht ein eleganter Pilz, der hat sich eine Elsterfeder schick an die Hutkrempe gesteckt, Herbstmode ist überall.

Wir packen die Bettwäsche aus der Laube ein und nehmen sie mit, da schläft jetzt keiner mehr. Im März wieder, im April vielleicht, wie lange ist das hin. Bis dahin nur ab und zu mal reinsetzen in die Hütte und mit einem Kaffee auf den schlafenden Garten sehen, das ist auch gut. Bach dabei, dann ist es noch besser. Herz und Mund und Tat und Leben oder andere Stücke, die einen so tiefgreifend durchorgeln. Und Buxtehude! Den auch mal komplett hören. Vielversprechende Titel dabei, etwa “Gott hilf mir, denn das Wasser geht mir bis an die Seele.” Das in einem kahlen Garten, neben einem Komposthaufen, das muss doch schön sein? Es muss. 

Ich stehe im Garten und lausche, aber es ist wenig zu vernehmen. Die Vögel sind still und kein Nachbar feiert mehr irgendwas, nirgendwo liegt noch eine Wurst auf dem Grill. Weiter hinten rattert ein Zug, weiter hinten tutet ein kleines Schiff auf der Bille, die beiden fahren irgendwohin. Und ich sitze da und bleibe und träume. Und schreibe vielleicht, das kann auch sein.

Am Montagmorgen aber stehen sechs Mann in Signalorange vor meiner Haustür, die laubblasen mir den Buxtehude gründlich weg und den Alltag wieder ins Gehör. 

Muss ja.

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Links am Morgen

Macht uns Lesen gesünder? (Audio)

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Nicola macht was selbst.

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Frau Herzbruch kauft ein. Logisch.

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Alles muss raus

Die Hamburger Linden haben auf einmal alle gleichzeitig das Laub schön. Im mäßigen und erstaunlich warmen Südwest wehen ihre Äste wogend hin und her, sie winken uns lässig durch und wir fahren durch baumbestandene Straßen in überbordender Pracht. Wir werden von Linde zu Linde freundlich weitergereicht, von Gold zu Gold und die Straßenränder sind in dieser Saison sämtlich brokatverziert, das macht das Laub und es schmückt ungemein. Wenn man sich auf das Lichte und Helle konzentriert, auf das Sonnenbeschienene, ist an so einem Oktobertag fast die ganze Stadt schön. Lauter Prachstraßen führen freundlich durch jedes Viertel. Also zumindest da ist es schön, wo die Bäume stehen – den Rest der Stadt kann man eh vergessen, wie immer.

Wir gehen in einen Laden für gebrauchte Möbel und Zeug, da stehen lauter wundersame Dinge und genau danach ist uns. Eine Frau vor mir nimmt begeistert eine Vase aus einem Regal: „Guck mal, wie toll!“ Das sagt sie so zu ihrem Mann und der sieht sie an, sieht die Vase an, schüttelt den Kopf und sagt: „Die ist hässlich wie die Nacht.“ Die Frau sieht den Mann an und der Mann sieht die Frau an, lange sehen sie sich an und dann lächeln sie beide und streiten nicht. So ein Tag ist das.

Die Herzdame wiederum sieht eine Vase und sagt: „Die?“ und ich sage: „Aber ganz genau die.“ Heute ist alles möglich.

Wir haben beschlossen, in der Wohnung einiges zu verändern, was jetzt eine ziemlich starke Untertreibung ist, und mit dieser Vase für 4 Euro fängt es an, es ist ohnehin kein Jahr für große Budgets. Aber es war ein guter Tag für größere Beschlüsse, fanden wir.

Stammleserinnen wissen mittlerweile, dass dies einem festgefügten Ritual folgt, bis Weihnachten werde ich hier also wieder auf einer Baustelle sitzen und bloggen. Alles muss raus! Nein, raus natürlich nicht, aber was rechts ist, das muss doch nach links oder erst einmal mehr in die Mitte, und was in diesem Raum ist, das könnte auch in jenen und überhaupt könnte das alles anders organisiert sein, die Söhne zum Beispiel, sie brauchen endlich eigene Zimmer. Und wenn es dann anders ist, dann ist es sicher auch besser und es wird uns wie immer unbegreiflich sein, wieso wir nicht vorher darauf gekommen sind, es wird nur damit zu erklären sein, dass man auch im fortgeschrittenen Alter immer noch weiter heranreift, auch in Fragen des Interieurs.

Ich gebe zu, es ist ein äußerst seltsamer Trieb oder Tic, den die Herzdame und ich damit haben. Jedes Jahr im frühen Herbst meldet er sich verlässlich und wir danken zum wiederholten Mal dem Himmel, dass wir den beide in annähernd gleicher Ausprägung haben, wir wären ansonsten aneinander schon komplett wahnsinnig geworden. Also noch wahnsinniger.

Und damit Schluss für heute, der Tisch muss hier weg.

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Ohne Erklärung ins Bett

In der Fußgängerzone steht wieder einer und weiß, wie Gott alles gemeint hat, als er damals die Bibel per Diktat schreiben ließ. Und weil er das so genau weiß, verkündet er es natürlich auch prompt. Er tut dies laut, mittels Mikro und Verstärker sogar, nicht so altmodisch wie der andere Typ, der da sonst steht und von Jesus erzählt, den er dabei immer betont norddeutsch mit Dsch vorne ausspricht: Dschesus aber sagt euch! Man hört den neuen Laienprediger, der auch viel jünger ist und ein T-Shirt mit Jesus-Merch trägt, die ganze Straße entlang und die Passanten gucken daher ziemlich genervt, die meisten jedenfalls. Einige hören kurz zu, sehr kurz in der Regel, dann gehen sie weiter, ach, das ist nur wieder so einer, ja, ja. Die Bibel, die Bibel, immer wieder erwähnt er die Bibel, die er immerhin komplett richtig ausdeuten kann. Endlich kann das mal jemand, darauf ist ja in den letzten zweitausend Jahren niemand sonst gekommen. Er aber weiß genau, was richtig ist, er weiß auch, was mit allem gemeint ist. Richtig ist es etwa, vehement auf den Zorn Gottes hinzuweisen. Auf den Zorn! Er erwähnt das Wort mit einem Ausrufezeichen dahinter, besonders laut und mit bebender Stimme, vermutlich mag er den Zorn, pardon, den Zorn! Gott liebt zwar auch, das räumt er schnell zwischendurch und etwas pflichtgemäß ein, aber nur in einem Nebensatz hat er kurz Zeit dafür, viel entscheidender und auch besser findet er ganz klar den Zorn. Den Zorn! Er runzelt die Stirn bei dem Wort und guckt böse, seine Miene ist ein Abglanz des zürnenden Gottes. Und er erklärt allen Vorbeigehenden, was nach diesem Leben sein wird, denn er weiß es. Ganz genau weiß er das.

Etwas weiter steht ein kleiner Wagen auf dem Bahnhofsvorplatz, eine Art Zirkuswagen. Der kommt ohne aufwändige Dekoration aus, man sieht nur einige goldene Ornamente an den Fensterläden, dunkelrote Vorhänge im Innenraum, mehr nicht. Ein eher kleines und zurückhaltendes Schild weist darauf hin, dass hier eine Wahrsagerin ihre Dienste anbietet. Man könnte mal eben an die Tür des Wagens klopfen, dann würde sie einem die Karten lesen. Zumindest nehme ich das an, denn an einer Wand des Wagens sind Spielkarten abgebildet. Man könnte sich also vermutlich etwas über gezogene Karten erzählen lassen, über Herzdamen, Herzbuben oder über die Pik Sieben, die vermutlich eher schlecht wäre, aber was weiß ich schon. Oder es sind Tarotkarten, das kann natürlich auch sein, das wirkt dann vermutlich auch gleich romantischer. Der Wagen der Wahrsagerin steht schon seit Wochen da. Noch nie habe ich jemanden an die Tür klopfen sehen, noch nie habe ich gesehen, dass die Dame vor der Tür auf Kunden wartet. Und doch muss sie Kundinnen oder Kunden haben, der Betrieb läuft ja fort und wer früher auf dem Hamburger Dom war, der erinnert sich gewiss, diese Bude gab es da immer schon, es ist ein Traditionsbetrieb. Es muss sie also geben, die Interessierten. Und denen erklärt sie, was in diesem Leben sein wird, denn sie weiß es. Ganz genau weiß sie das.

Ich aber gehe an beiden schnell vorbei, am Prediger und an der Wahrsagerin. Ich höre nicht zu, ich gehe vorbei und nicht rein, ich gehe – wie jeden Tag! – einfach so und ohne jede Erklärung nach Hause und ins Bett. Ich rätsele an diesem und am nächsten Leben ganz alleine herum, das ist auch so eine Gewohnheit.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ein herzlicher Dank in die Nachbarschaft für die Zusendung von Fahrradschläuchen und auch einer Spezialtasche für Wassersport. Für so ein wasserdichtes Ding also, das uns den ganzen Sommer über gefehlt hat, denn man muss ja mit dem Handy irgendwohin, wenn man da so auf dem SUP oder im Kajak herumpaddelt. Und Fahrradschläuche werden hier übrigens in einem Ausmaß verbraucht, das mir vollkommen unbegreiflich ist, in meiner Kindheit brauchte ich nicht dauernd Fahrradschläuche. Aber wir hatten früher ja nichts, nicht einmal Mountainbikes, was weiß ich schon.

Vorderseite

Ich füge hier ein Bild ein, das thematisch passt, denn es geht um einen Nachmittag auf dem Wasser. Dafür muss man sich bitte kurz erinnern, dass neulich noch Sommer war. Draußen war es heiß und die Stadt glühte flimmernd, die Bille war verlockend warm und wenn man auf ihr ruderte, bekam man fast Lust hineinzuspringen. Also ich bekam fast Lust, die Söhne beließen es natürlich nicht nur bei dem Impuls, die gaben dem auch nach, tauchten bei unseren Fahrten unter dem Kajak durch wie Wassertiere und robbten dann geschmeidig wieder an Bord, wo sie in der Sonne schnell wieder trockneten. Drei Buddenbohms in einem Kajak gehören zum heutigen Bild, einer fehlte an diesem Tag. Ich ruderte vorne, dann die Herzdame, auch rudernd, dann ein Sohn, lang ausgestreckt über der Bordwand und mit einem Arm tief im Wasser, der Kühlung wegen.

Wenn ich vorne rudere, habe ich immer eine etwas irritierende Erinnerung an ein Jugendbuchcover, auf welchem Indianer in einem Kanu rudern und der ganz vorne gerade den Arm mit dem Paddel erhebt. Vermutlich war es ein Band von Karl May oder etwas in der Art. Es ist jedenfalls so, und das fühlt sich einigermaßen seltsam an, dass ich beim Rudern auf einem Fluss immer eine innere Jugendbuchfigur erahne, die sich da schwach regt, aber viel deutlicher wird das dann nicht, es ist nur eine Ahnung von Abenteuer. Ich sehe auf die Uferseite der Bille, die wild und in dichtem Grün bewachsen ist, da lauern die Feinde mit Pfeil und Bogen, so viel steht natürlich fest, wenn man auch nur ein paar Bücher als Kind gelesen hat. Da kann ich später in der Dämmerung aber auch unter den herabhängenden Ästen einer alten Weide leise anlegen, angeln, ein Feuer machen und mit den Gefährten flüsternd besprechen, wie die nächsten Gefahren zu überstehen sind. War das Karl May? Ich grübele beim Rudern etwas darauf herum, während die Ufer des Orinokkos langsam vorbeiziehen, die Ufer des Mississippis, ich weiß es nicht, es fällt mir nicht mehr ein, aber das Land um uns herum ist groß und weit, so viel steht fest und die Schrebergärtner am anderen Ufer sind die ersten Siedler in dieser Gegend.

Da zieht in Höhe meines gerade mit dem Paddel erhobenen Arms ein Geschoss in schillerndem Blaumetallic und flirrendem Orange an uns vorbei und ich rufe „Da! Da!“ und die Herzdame ruft „Wo! Wo!“ und der Sohn erkennt richtig: „Ein Eisvogel!“

Lange Jahre habe ich keinen mehr gesehen. Wunderschön sind sie im Flug und wie anders dieser Flug aussieht als bei unseren anderen Vögeln. Sie fliegen so schnurgerade und besonders kraftvoll und schnell, als hätte man sie sportlich geschleudert, ein fedriges Wurfgeschoss, ein Vogel mit Raketenabtrieb. Dieser Flug ist ganz anders als das spiralige Fliegen einiger Singvögel, als die Wellenlinien der Tauben, als das gemächliche Segeln der Möwen und das hektische Flugbahngekritzel der Spatzen. Der Eisvogel zog eine Linie sauber und gerade durch, parallel zur Oberfläche des Flusses, es war ein fantastisches Bild, sekundenkurz nur und es war vorbei, ehe wir es auch nur genauer wahrnehmen konnten, leider auch ehe die Herzdame wusste, wo denn nun überhaupt.

Am Ende der Linie hörte der Eisvogel auf zu sein und wir sahen ihn nicht wieder, wie lange wir auch in die Büsche und Bäume am Ufer starrten. Aber ein Sohn und ich, wir haben ihn doch gesehen, den Eisvogel, und das war, wenn ich an die letzten Monate zurückdenke, vielleicht der Höhepunkt des Sommers für mich.

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Abendspaziergang

Der nun für immer geschlossene Kaufhof hat ringsum verhangene und verklebte Fenster, aber vorne ist doch eines frei, da kann man hineinsehen in den ausgeweideten Kaufhauskadaver. Man sieht die paar gründlich gefledderten Regale, die überhaupt noch verbliebenen sind, die ausgenommenen Verkaufsstände und die schwarze Bodenfläche, dreckig, weitläufig und sehr leer. „Wir werden unsere Kunden vermissen“ steht auf etlichen Zetteln, die an den Fenstern kleben. Daneben, auch auf Zetteln, ein paar Kreuze wie auf Beileidskarten und einige Botschaften der Trauer und des Mitgefühls von den Kolleginnen und Kollegen aus anderen Kaufhäusern.

Die vorbeikommenden Menschen bleiben kurz stehen, lesen sich die Zettel durch und treten dann ein, zwei Schritte zurück. Sie sehen prüfend an der Fassade hoch und die Front entlang, aber da ist nichts mehr, keine dekorierten Fenster, keine Angebote, keine Werbung, da ist wirklich alles weg. Kopfschütteln. Man sagt sich kurze Sätze, die kann ich nur raten, aber alle machen das, dieses Gucken, Kopfschütteln und dann ein Satz. Vermutlich ist es nur etwas wie „Das gibt es doch nicht“ oder „Also sowas“ oder „Mensch, Mensch, Mensch.“ Was man eben so sagt, wenn etwas schlimm ist. Die Menschen, die hier auf den Bus warten, die Station ist gleich vor ihnen, die stehen da am Straßenrand und einige drehen sich, bevor sie in den Bus steigen, noch einmal kurz nach dem großen und seltsam stillen Haus hinter ihnen um, als könnte da doch noch etwas passieren. Da passiert aber nichts mehr.

Am toten Kaufhof sind draußen immerhin noch Lichter an. Schräg gegenüber, beim gleichfalls verstorbenen Karstadt Sport, ist nicht einmal mehr die Außenbeleuchtung an. Da scheint nichts mehr und da sieht man auf einmal, wie dunkel so ein Stück Stadt wird, wenn diese Häuser nicht mehr betrieben werden. Wie dort rund ums Gebäude sofort eine Problemzone entsteht, ein Bild der Düsternis und des drohenden Verfalls, den man noch gar nicht sieht, aber doch ahnt. Da geht man als Tourist vermutlich besser nicht entlang, da kommt ja nichts mehr, da in der Dunkelheit. Touristen zieht es zum Licht und zum Leben.

Vor dem Haupteingang des ehemaligen Sporthauses steht ein vom Hamburger Dom wegen Corona ausgewilderter Churro-Stand. Der leuchtet hier gegen die große Dunkelheit an, die sich plötzlich neben ihm aufgetan hat. Es sieht etwas traurig und tapfer aus.

Ein paar Meter weiter die Straße runter der C&A, der macht weiter, als sei nichts geschehen. Ich gucke in die Schaufenster, man trägt jetzt also Braun. Die Herbstmode 2020, so originell.

Ich gehe durch die abendlichen Einkaufsstraßen. Es gibt noch mehr Jahrmarktstände mit Jahrmarktsüßigkeiten in der Stadt. Es ist kein Weihnachtsmarkt, vielleicht wird es in diesem Jahr auch gar keinen geben, aber den Geruch von Schmalzgebäck gibt es dennoch in den Fußgängerzonen. Bald wird wohl noch der von Glühwein dazu kommen – oder auch nicht, ich komme bei der Nachrichtenlage schon nicht mehr hinterher. Wenn man mit Maske an den Ständen vorbeigeht, hat man länger etwas von diesem Schmalzgebäckduft, er verfängt sich darin und wird ein paar Meter mitgetragen. Man kann darauf mehrere Schritte lang herumschmecken und überlegen, ob man nicht doch Hunger hat.

Eine Verkäuferin an einem der Jahrmarktstände liest den breit auseinandergefalteten Beipackzettel eines bekannten Mittels gegen Halsschmerzen. Ein Obdachloser in einem Hauseingang hinter ihr vergräbt sich hustend und fluchend in seinen Schlafsack.

Die Stadt kränkelt, die Menschen auch.

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Links am Morgen

Auf Sand laufen lernen

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Mehr über Eichhörnchen

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Die große Gereiztheit unserer digitalen Gegenwart (Audio). Fand ich gut. “Das Zögern neu lernen.” Jo.

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Lesen und lesen lassen

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Jochen isst Buttermakrele

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