Grau, schön, leer

Nach der Ankunft löst sich der Nebel über der See zügig auf, gibt aber nur ein gewöhnliches Grau frei, keine Inselsonne, kein Strahlen. Das macht nichts, denn hier ist jedes Licht recht, das Meer ist bei jedem Wetter großartig und sowieso hält das Grau hier nicht so lange wie im Binnenland, wo es tagelang über der Stadt festhängen kann und sich nur zögerlich Richtung Mecklenburg verabschiedet. Hier aber wird es schnell wieder weggeweht, darauf kann man sich verlassen. Ich stehe am Südstrand und genau das hat mir gefehlt, dieser Blick.

Da nicht alle Leserinnen auf Instagram sind, baue ich unten noch ein paar Bilder ein, dann haben Sie vielleicht eine Vorstellung, warum ich hier öfter bin, das liegt nämlich nicht nur an meinem einwöchigen Wohnrecht pro Jahr, obwohl das natürlich schon schräg, sonderbar und wundervoll genug wäre.

Es gibt keinen Verkehr auf der Insel, abgesehen von ein paar Elektrowägelchen und dem großen Rettungswagen, der gemütlich unentwegt über die Insel gondelt, vielleicht fahren die da aus Langeweile den ganzen Tag mit dem Ding herum, ich weiß es nicht. Notfälle gabeln sie jedenfalls nicht auf, vielleicht üben sie langsames Fahren, das dann aber gründlich. Es gibt keinen Verkehr, keine Verbrenner, keine Raser, keinen Gestank, keinen Lärm und keine Irren, die mit Handy am Ohr über Rot fahren, die nicht blinken und wild hupen. Niemand fährt zu schnell, es gibt nicht einmal Radfahrer auf den Fußwegen. Es ist unfassbar, was es ausmacht, wenn man das nicht mehr um sich herum hat. Was wir uns mit dem Stadtverkehr antun, man merkt es erst auf solchen Inseln.

Vor dem Kochlöffel-Imbiss an der Treppe zum Oberland steht ein Mann mit Rollator, mir begegnen gerade dauernd sehr alte Menschen, ich weiß auch nicht. Der hält mir einen Zehner hin: “Hier, kannste mir mal nen halben Hahn da rausholen, machste das für mich?” Mit seinem Rollator kommt er die zwei Stufen zur Eingangstür nicht hoch. Natürlich mache ich das, und als ich die Tür öffne, rufen zwei Stammgäste schon Richtung Tresen: “Halben Hahn zum Mitnehmen!” Der kommt da also wohl öfter, der alte Mann.

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Am frühen Abend laufen einige Jogger an meinem Fenster vorbei über die Promenade, wenige nur. An der Alster laufen sie in Grüppchen oder Rudeln und reden die ganze Zeit dabei oder telefonieren, sie hören Musik oder machen kurze Pausen, nur um dann sofort wildeste Gymnastik zu treiben, angebrüllt von einem Personal Coach, hier dagegen wird noch simpel gelaufen. Da läuft gerade einer längs, der hat niemanden neben sich, niemanden vor sich oder hinter sich, der läuft einfach für sich, ernsthaft und konzentriert, er hat nicht einmal Kopfhörer auf, der hört nur die Brandung. Er läuft nach links und das Meer strömt nach rechts und weiter hinten geht die Sonne unter, da, eine Möwe, mehr passiert nicht. Fast könnte einem der Sport auf einmal sympathisch werden, so gut sieht das aus.

Man reist überhaupt viel zu wenig in der Nebensaison, es ist so dermaßen schön, dass nichts los ist. Geschäftig und eilig trippeln hier nur die Bachstelzen über die Promenade, die allerdings sind immens beschäftigt mit Picken und Gucken und Hüpfen und kurzen Flügen ein paar Meter weiter, immer sehen sie so aus, als hätten sie nur ganz wenig Zeit für alles, als wäre alles bei ihnen eilig, wahnsinnig eilig. Es ist so ein kleines Wirbeln, das man beim Spaziergang immer im Augenwinkel hat, denn es gibt viele Bachstelzen hier. Wippsteert im Plattdeutschen, ein schönes Wort. Als Kind wurde ich auch oft so genannt, weil ich einfach nicht still sitzen konnte. “Das gibt sich irgendwann”, sagten die Erwachsenen immer hoffnungsvoll, nachdem sie genug mit den Augen gerollt und mich endlos oft angepfiffen hatten, und jetzt bin ich 53 Jahre alt und möchte allmählich halbwegs sicher und nach ausreichender Bedenkzeit antworten: “Ich glaube nicht.”

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Helgoland Südstrand

Helgoland Hafen

Helgoland Hafen

Helgoland Unterland

Helgoland Oberland

Helgoland Oberland

Helgoland, Basstölpel

Helgoland, Lange Anna

Helgoland, Promenade

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen. Herzlichen Dank!

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Geltende Regeln und schöne Schrift

Der Wirtschaftsteil endet hier. Also da. Na, Sie wissen schon. Das wird jedenfalls signifikante Folgen für meinen Alltag haben, darauf komme ich noch einmal zurück. Oder mehrfach.

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Imbisse in Pompeji.

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Am Morgen meiner Abreise nach Helgoland ist der Himmel grau, es hat nachts geregnet und die Zierkirsche auf dem Spielplatz vor unserem Haus hat viele Blütenblätter verloren, die liegen jetzt in einem seltsam hingemalt wirkenden und ausgesprochen schön geschwungenen Bogen um den Baum im Sand. Rosa auf Beige, es sieht aus wie ein Detail auf einem riesigen Sandbild, ein etwas verwischter, rosafarbener Lidstrich nach einer langen Nacht voller Dramen und Tränen vielleicht. Egal, der Wind schminkt das am Morgen ab.

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Im Vorübergehen gehört:

“Ist er nicht ein fürchterlicher Fettsack?”

“Ja, aber er ist auch Veganer.”

Im Grunde kann man aus diesem Gesprächsfetzen überhaupt nichts schließen, rein gar nichts, und doch klingt er wie schlechte Stand-Up-Comedy, so ist das nämlich bei den Ernährungsthemen mittlerweile. Alles mit Bedeutung aufgeladen bis zum Platzen.

Auch im Vorbeigehen beim Einkaufen gehört:

“Alter, die ist voll die fancy Bitch, da kannst du kein billiges Zeug kaufen, die steht auf sauteure Guacamole und so, nimm das hier.”

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Weil ich neulich doch diesen Kolbenfüller wiedergefunden habe und weil Sohn II gerade so viel Schreibschrift übt (mit so schönen Sätzen wie etwa “Bernd bürstet seine Beine”), um auch mehr mit dem Füller zu schreiben, habe ich in den letzten Tagen etwas Zeit investiert und mir wieder eine verbundene Schreibschrift bei halbwegs entspannter Handhaltung angewöhnt. Das dauert gar nicht so lange, man muss nur ein paar Seiten mit irgendwas füllen, schon geht das wieder und, was natürlich klar ist, es schreibt sich doch erheblich besser so. Also auch bei den Unterwegsnotizen, es wird alles deutlich lesbarer. Wenn jetzt allerdings jemand mein Notizbuch finden würde, er würde den Schreiber gewiss für komplett irre halten, weil ich beim Üben alle Wörter endlos wiederholt habe, in denen mir eine Buchstabenverbindung nicht ganz geglückt vorkam, seitenlang steht da etwa Freiheit, weil ich es unbedingt hinbekommen wollte, die I-Punkte erst nach dem ganz geschriebenen Wort zu setzen, nicht nach jedem kleinen i, das fand meine rechte Hand aber ganz erstaunlich schwer, geradezu unmöglich fand sie das, die wollte immer wieder zwischendurch absetzen. Freiheit, Freiheit, Freiheit, irgendwann geht es dann aber doch. Ich hätte natürlich auch Libido oder Minimalismus nehmen können, aber das sind so Zufälle, es war eben die Freiheit, die in dem einen Satz da vorkam. Das ist jedenfalls, was man so Zufall nennt, ja, ja, da lacht der Psychologe.

Aber, und das wollte ich eigentlich nur sagen, es ist sehr schön, wenn man es wieder schafft, manierlich mit der Hand zu schreiben, es entspannt. Eine wunderbar langsame Beschäftigung ist das. Guter Füller, gute Schrift, gutes Papier. Habe ich doch glatt mal so ein Wellnessding für drinnen entdeckt, ich kann ja nicht jeden Tag besinnlich im Garten herumbuddeln. Nach all den Jahren doch noch auf etwas gekommen!

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Ich fahre mit dem Katamaran nach Helgoland, mit dem neuen und größeren Katamaran, auf dem man jetzt bequemer sitzt. Leider werden alle paar Meter irgendwelche touristisch interessanten Dinge entsetzlich laut durchgesagt, in diesem fröhlichen Privatradiomoderatortonfall, bei dem ich sofort Mordgelüste bekomme, wird auf dies und das hingewiesen, an Steuerbord sehen Sie, an Backbord sehen Sie, und die einen gucken dann ratlos nach beiden Seiten, die anderen demonstrativ weg, diese Durchsagen nerven wirklich sehr. Andere finden die natürlich interessant, ich weiß.

Noise-Cancelling-Kopfhörer, die wären noch einmal eine sinnvolle Investition, glaube ich.

Gerade als ich denke, jetzt ist weder an Steuerbord noch an Backbord irgendwas, jetzt ist überall nur noch graue Nordsee, jetzt kann das hier endlich mal eine Weile ruhig sein, da lassen sie Rolf Zuckowski durch die Lautsprecher singen, natürlich mit der Finkwarder Speeldeel dabei, und sie singen in sich überschlagender Vergnügtheit von Helgoland, da reimt sich “eine Reise, die sich lohnt” auf irgendwas mit “Horizont”, ich weine in meinen Kartoffelsalat.

“Und denken Sie bei ihrem Einkauf bitte an die geltenden Zollbestimmungen”, das wird auch noch durchgesagt, und Gottseidank wird es so durchgesagt, denn wenn man nicht an die geltenden, sondern an die nicht geltenden Zollbestimmungen denken würde, wie lange und wie sinnlos wäre man da beschäftigt. Über die Jahrhunderte kommen da enorm viele Bestimmungen zusammen, die alle längst nicht mehr gelten, und nein, an die wollen wir wirklich nicht denken. Ja, ich höre schon auf.

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Hinter Wedel bestellen die ersten Passagiere Bier und Sekt, ich halte mich zurück.

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Helgoland liegt im Nebel, wir fahren durch ein freundliches Weiß auf den Hafen zu und ich lasse die anderen Fahrgäste allesamt vor und stehe erst nach dem Anlegen mit betont cooler Stammgastlangsamkeit auf. Wie ich immer wieder feststelle: Es sind die kleinen Freuden.

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Musik! Fuck all the perfect people.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Haben wir das geklärt

Im Bus hat die Frau mir gegenüber einen winzigen Hund auf dem Schoß. Die Frau, die sich neben sie setzt, spricht den dösenden Hund an, wobei sie ihn mit dem Zeigefinger an die Nase stupst: “Na, bist du müde?” Sie sagt es in diesem überdrehten und überhöhten Quietschtonfall, den manche auch bei Babys verwenden, “Na, bist du müde?” Viel zu viel Melodie im Satz, alles übertrieben betont, jede Silbe randvoll mit Ausdruck und Lautstärke, es ist ein Albtraum. Und sie hört nicht auf, es wird eher noch lauter, sie stupst immer wieder und fragt noch einmal und noch einmal: “Na, bist du müde?” Ich muss mich so dermaßen zusammenreißen, sie nicht anzubrüllen: “DAS IST EIN HUND, DER ANTWORTET NICHT!”, es kostet mich wirklich unangemessen viel Kraft. Eventuell bin ich nervlich etwas verbraucht, das schließe ich nicht aus. Die Hundebesitzerin jedenfalls sieht ganz beglückt aus, toll, da ist jemand nett zum Hund.

Ich setze mich schließlich weg, weil ich Angst habe, dass diese Frau da mich auch an die Nase stupst und mich fragt, ob ich müde sei, ich kann in solchen Situationen ungemein lebhafte Wahnvorstellungen bekommen. Ich setze mich also weit weg, nur um neben einer Person zu landen, die mit einem Arzt telefoniert und in epischer Breite Symptome schildert, die sie alle so formuliert, als seien sie ganz toll, was vermutlich daran liegt, dass sie Privatpatient ist, wie gleich am Anfang des Telefonats betont wurde, und da kann man sich eben Symptome leisten, da kommt der Rest der Bevölkerung gar nicht drauf.

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Morgen fahre ich nach Helgoland und mache eine Pause, die ich aus diversen hier kaum beschreibbaren Gründen auch nötig habe. Also so war es jedenfalls gedacht. Es wird allerdings eine etwas herausfordernde Pause, jedenfalls wenn es nach der Herzdame geht:

Herzdame: “Fährst du eigentlich zum Lesen oder zum Schreiben nach Helgoland?”

Ich: “Äh, was?”

Herzdame: “Also wenn du nur liest, dann kommst du bitte so dermaßen tiefenentspannt wieder, dass es sich hier sofort auf alle Familienmitglieder überträgt und wochenlang hält. Wenn du aber schreibst, dann kommst du bitte mit einem fertigen Roman zurück.”

Ich: “Also das sind nur zwei Tage Aufenthalt …”

Herzdame: “Haben wir das geklärt.”

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Musik! Heute mal etwas Bach.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Kurz und klein

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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15

Ich habe “Tauben fliegen auf” begonnen, das ist ein Roman von Melinda Nadj Abonji, bei dem gefallen mir schon die ersten Seiten so gut, der sei hier daher gleich empfohlen. Mehr zum Buch hier, allerdings mit ganz vielen  Spoilern.

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Die Kinder sind noch längst nicht wütend genug.

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Der Schrittzähler sagt, ich sei vorgestern 16 Kilometer gegangen, wie alle Menschen in dieser Stadt rechne ich das abends immer in Alsterrunden um, dann kann ich es mir besser vorstellen. Mehr als zweimal rum! Dabei war ich nirgendwo, nur hin und her. Mit dem Leihhund um den Block, mit dem Leihhund in den Park, einkaufen, mehr einkaufen und noch mehr einkaufen, zum Garten und zurück, mehrere Besuchskinder abholen, Kinder irgendwo hinbringen, zurückbringen und wieder von vorne, man kommt herum, man kommt im Grunde unfassbar viel herum, aber das soll ja auch gesund sein. Mehrere der beteiligten Kinder sangen beim Gehen immer wieder im Chor eine besondere lyrische Perle der Schlagerdichtkunst, weil bei denen wohl gerade dumpfe Partykracher in sind, es handelte sich dabei um die nicht gerade altersgemäße Zeile “Radler ist kein Alkohol” zur Melodie von “Ja, wir san mit’m Radl da”. Ich habe diese Zeile jetzt so oft gehört, dass ich sie beim nächsten Kneipenbesuch vermutlich zwanghaft von mir geben werde. Schlimm.

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In den Kommentaren hier wurde auf die Petition zum Tempolimit hingewiesen, mir ist ganz entgangen, dass die von der evangelischen Kirche kam. Guck an. Der Herr Verkehrsminister ist dagegen, dann wird es wohl richtig sein, dafür zu sein. That was easy.

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Dieses Blog wird heute 15 Jahre alt, nur den ganz neuen Leserinnen und Lesern muss ich dabei erklären, dass das keineswegs ein Aprilscherz ist, die Älteren wissen eh Bescheid. 15 Jahre, allmählich klingt es irgendwie alt, nicht wahr? In den letzten Jahren habe ich zum Bloggeburtstag oft einen recht ausführlichen Rück- und Ausblick gepostet, der fällt diesmal dem eskalierenden Familienterminkalender und einer nahezu komplett schlaflosen Nacht zum Opfer, meine Konzentration reicht heute nur knapp bis zum nächsten Satzzeichen, pardon.

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Musik! The Walker Brothers, der Song wurde von Bob Dylan geschrieben.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Trinkgeld März, Ergebnisbericht

Ich hatte es in den Wintermonaten bereits erwähnt, es war noch etwas Geld über, das wir in den dunklen Monaten nicht ausgegeben haben. Das haben wir jetzt gründlich nachgeholt, daher ist der Bericht diesmal etwas ausführlicher und wirkt womöglich etwas großkalibrig. Daher lieber noch einmal – wir hatten gespart. Ich erläutere die generelle  Verwendungsmöglichkeiten der Trinkgelder wieder in den nächsten vier Absätzen, wenn Sie das schon oft genug gelesen haben, dann überspringen Sie die doch bitte einfach.

Noch einmal zur Klarstellung also, das Geld wird von uns auf verschiedene Arten wieder in Umlauf gebracht. Entweder es steht ein mehr oder weniger genauer Betreff dabei wie etwa “Für leckeres Eis”, dann kaufe ich auch tatsächlich leckeres Eis von dem Betrag – und nichts anderes. Oder es steht nichts dabei, dann gebe ich es, wie nenne ich das am besten, in aller Regel contentnah aus. Also etwa für Ausflüge, über die ich dann schreiben kann, so gibt es z..B. nach wie vor gespartes Spesengeld aus 2018 für die Wanderung an der Ostsee, mit der ich natürlich auch in 2019 weitermache, das gebe ich also erst dann aus. Oder es ist für Blogzubehör wie etwa eine neue Tastatur oder eine Diktiersoftware und dergleichen, das hatten wir gerade im letzten Monat tatsächlich.

Oder ich gebe es für den Garten aus, der ist als kategorisch contentnah zu betrachten und dient übrigens auch dem Schreiben, immerhin steht eine Hütte darin, in der ich tippen kann. Sehr gut sogar!

Geld für die Söhne schließlich geben die Söhne selbstverständlich allein nach ihren Vorstellungen aus, da mische ich mich nicht ein, entsprechend verhält es sich bei der Herzdame.

So viel zur Erklärung, was war jetzt aber alles im März?

Im März gab es tatsächlich, das war da oben gerade gar kein Witz, Geld “für leckeres Eis”. Ich habe das in Schokoladeneis umgesetzt, das erste Eis des Jahres, hervorragend. Buchgeld war auch wieder dabei, davon kaufte ich mir Mariana Leky: “Die Herrenausstatterin”.

Das Gartengeld hat die Herzdame fast komplett alleine geregelt und einen Vertikutierer gekauft, denn die Herzdame hat ein seltsam intensives Verhältnis zu unserem Rasen, um es milde, zurückhaltend und freundlich auszudrücken. Sie erzählte von dem Kauf mit einem etwas irren Glitzern in den Augen, ich dagegen weiß bis heute nicht, was ein Vertikutierer eigentlich ist, der kam in meinem Leben bisher nicht vor und ich verstehe auch nicht, warum ein Rasen nicht vermoosen soll, Moos ist doch toll. Aber gut, das war ihre Sache, vielleicht schreibt sie ja noch darüber.

Außerdem gab es in kleiner Menge Saatgut. Und immerhin zwei Euro waren tatsächlich noch seit dem Sommer 2018 mit dem Betreff “Säulenobst” auf Vorrat, die haben jetzt Anteil an einer frisch gepflanzten Säulensüßkirsche. Endlich!

Wir haben ferner die Schauspielschule von Sohn I im März von dem Geld bezahlt, wozu man jetzt natürlich zwei bis drei Fragen stellen könnte. Nämlich erstens, seit wann und warum geht das Kind auf eine Schauspielschule, was ist daran denn bitte contentnah und wieso bloggt der Nachwuchs nicht darüber? Ich möchte das wie folgt beantworten: Jojo hat sich im letzten Jahr bereits mit großer Begeisterung am Ohnsorg-Theater ausgetobt, was er sich übrigens ganz alleine organisiert hat, und auch jetzt kam er nicht etwa mit einem zögerlichen Wunsch “könnte ich nicht vielleicht mal” – sondern mit einem deutlichen “Ich mache das jetzt.” Und ich finde, das sind so die Sachen, die müssen dann auch sein, wenn es irgend geht. Da hat jemand eine heiße Spur, so etwas soll man nach Möglichkeit nicht aufhalten. Die Schauspielschule ist nun dummerweise nicht gerade um die Ecke und sie ist auch noch nach der Ganztagsschule und sorgt daher regelmäßig für fürchterlich lange Tage – aber das schreckt ihn alles nicht, das zieht er jetzt durch, und ich finde es großartig. Und wenn die Begeisterung  in absehbarer Zeit plötzlich wieder nachlässt – machts nichts, so ist das eben bei Kindern, so war das bei mir auch. Na, in Wahrheit ist es bei mir immer noch so. Nur ohne Schauspielschule.

Warum aber ist das contentnah? Bei den ersten zwei Besuchen bin ich noch mitgefahren und habe da dann jeweils anderthalb Stunden auf ihn gewartet. In diesen anderthalb Stunden hatte ich überhaupt nichts zu tun und es gab auch kein WLAN. Ich habe also mein Notebook aufgeklappt und es waren die produktivsten Stunden seit langem. Manchmal ist es ja einfach! Und bloggt der Sohn nun noch irgendwann darüber? Er sagt ja.

Da wir aber bei dem Geld auch nicht ungerecht sein wollen, ging ein gleich hoher Betrag in die Reiterferien von Sohn II, der hat nämlich schon zum zweiten Mal ganz alleine eine Woche auf so einem Hof verbracht und dabei sogar ein Reitabzeichen gemacht, in der Motivation ähnlich klar und energisch wie Sohn I. Einer brennt also zum Theater durch, einer zu den Tieren, mir gefällt beides gut. Der Reiterhof übrigens war der hier, und er kann den sehr empfehlen, sagt er. Vielleicht wird das ja auch noch ein Blogeintrag? Er sagt ja. Genau genommen sagt er: “Ja, selbstverständlich!”

In ein paar Tagen fahre ich ganz ohne Familie nach Helgoland, auch das Ticket für die Überfahrt mit dem Katamaran hat die Leserschaft mitfinanziert.

Wie immer gilt: Die Trinkgelder sind mir die liebsten Gelder und ich danke sehr und mit großer Begeisterung für jeden Cent, jeden Euro und jede freundliche Betreffzeile.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen, das hat dann Folgen wie oben erläutert. Herzlichen Dank!

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Was man so verlangt

Beim Elternabend in der Grundschule hat die Mathelehrerin drei Verfahren der Subtraktion erklärt, das hat die Zuhörerinnen und Zuhörer teilweise sichtlich etwas mitgenommen. Faszinierend, wie außerordentlich unangenehm es sich im Hirn anfühlt, von den gelernten Rechenwegen abweichen zu müssen, egal wie kurz. Das soll so nicht! Um Gottes willen! Man kriegt förmlich Augenzucken, wenn da etwas falsch herum an der Tafel steht, wobei Tafel, haha, das ist natürlich ein Smartboard heutzutage. Ich mit meinen Steinzeitbegriffen! Auffüllverfahren, Ergänzungsverfahren, Bündelungsverfahren, wenn man sich die mal besonnen einen Tag später ansieht, dann ist das alles ganz easy, wenn es einen aber so unvermutet anspringt, hat man einen tollen Trigger für das Mathe-Trauma in enorm vielen von uns. A faint cold fear thrills through my veins …

Und nebenbei bekommt man auch wieder ein Gefühl dafür, durch was die Kinder sich da eigentlich jeden Tag mühen und manchmal auch kämpfen, das vergisst man nämlich gerne, was man da eigentlich dauernd verlangt. In diesem Zusammenhang finde ich es übrigens immer wieder amüsant, dass die Kinder 45 oder 60 Minuten durchgehend lang aufpassen sollen und jede und jeder das ganz normal findet, während die Aufmerksamkeitsspanne der meisten Erwachsenen heutzutage erheblich darunter liegt, wie jeder weiß, der einmal – in welcher Rolle auch immer – vor Menschen gesprochen oder ihnen etwas beigebracht hat.

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Ich bin ganz entzückt, dass mein neuer Kunde, das Goethe-Institut, meine Kolumnen ins Englische übersetzt. How nice!

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Ansonsten war das heute ein ganz außerordentlich hektischer Tag, da habe ich einen passenden Song. Ruhig ganz ansehen oder wenigstens, bis der Herr singt – das hat was. Hocus Pocus.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Der olle Theaterzauber

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Bei der GLS Bank gibt es einen neuen Wirtschaftsteil von mir.

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Ich war mit Sohn I im Theater, in einem ganz normalen Stück für Erwachsene. Er möchte das gerne alles kennenlernen, also  kommt das jetzt womöglich öfter vor. Es gab “Die Nervensäge” von Francis Veber (Deutsch von Dieter Hallervorden) in den Kammerspielen, eine Komödie mit viel Slapstick und Situationskomik, da konnte also nicht viel schiefgehen. Ein Killer mietet sich in einem Hotel ein, um vom Fenster aus jemanden zu erschießen, im Nebenzimmer möchte aber jemand aus Liebeskummer seinem Leben selbst ein Ende setzen. Um seinen Job in Ruhe machen zu können, muss der Killer den Selbstmörder aufhalten und sich um ihn kümmern, was natürlich nicht gerade zu seinen Kernkompetenzen zählt.

Sohn I ist elfeinhalb, der Rest des Publikums war nennenswert älter als ich, da hat er schon gestaunt. Es war außer ihm keiner, wirklich kein einziger auch nur annähernd junger Mensch im Saal, es ist immer wieder betrüblich. Als wir in den Saal kamen, wurde auf der Bühne noch gearbeitet, es gab keinen Vorhang, man konnte alles sehen, wie da noch einer schnell mit dem Staubsauger durchs Bühnenbild – und dann kam so langsam die Erkenntnis, dass das schon zum Stück gehörte. Das ist für Erwachsene vielleicht nicht so originell, das ist nur ein kleiner Spaß nebenbei, aber für Kinder ist es ganz neu und das ist dann ein erheblicher Spaß, so etwas mitzubekommen. Der olle Theaterzauber, wie er wieder und wieder funktioniert, auch bei der nächsten Generation.

Wir hatten vorher überlegt, welche Rolle wohl einfacher zu spielen ist, die des eiskalten Killers (Sewan Latchinian, der künftig auch der künstlerische Leiter des Hauses ist) oder die des hysterischen Selbstmörders (Jacques Ullrich), wir haben uns vorgestellt, dass der ungerührte Killer wohl  nennenswert leichter zu geben ist. Damit lagen wir gründlich falsch, und das war auch gut so, die Überraschung hat den Abend noch verbessert.

Das Stück läuft noch bis 18. April, Sohn I fand den Abend hervorragend.  Es gibt keine Pause, man ist also recht früh wieder draußen und weit vor Mitternacht im Bett, das ist für Kinder ja auch nicht ganz unwichtig.

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Gelesen und gemocht: “Königinnen” von Elke Naters. Hier mehr dazu.

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Musik! Ein Tanz, den man heute eher nicht mehr sieht.

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Nabokov steht sicher

Falls Sie es nicht mitbekommen haben – die aktuelle Reihe bei HONY ist ganz wunderbar.

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Ein Déjà-vu, an der Ecke, an der die Menschen hier im kleinen Bahnhofsviertel ab und zu ihre Bücher aussetzen, damit andere sie mitnehmen können, liegt ein neues Buch, es sieht allerdings eher aus wie im Vorbeigehen hingeworfen als gelegt: “Zeitmanagament im Alltag”. Da ist wohl jemand nicht dazu gekommen, und ich habe das Gefühl, genau das schon einmal geschrieben zu haben, vielleicht mit einem leicht abweichenden Buchtitel, es ist sicher mindestens ein Jahr her. Egal, ich hänge die Pointe von damals einfach noch einmal dran und nehme das Buch jedenfalls auch diesmal nicht mit – wer hat denn Zeit für so etwas.

In der Nähe aber steht der neunte Band aus der feinen Nabokov-Gesamtausgabe, der wurde säuberlich etwas erhöht auf einem Mauervorsprung unter einem Dach so abgestellt, dass er gewiss keinen Schaden nehmen kann, nicht durch pinkelnde Hunde und auch nicht durch Regen. Nabokov-Leser sind sorgsame Menschen.

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Im Garten habe ich Dill gesät und 2o Meter Beetkante aus Stein gesetzt, das war eine ausgesprochen angenehme Tätigkeit fürs Wochenende. Leicht, machbar, mit vorzeigbarem Ergebnis. Klare Sache und damit hopp.

Heute haben wir dann zwischen zwei Schauern die Obstbäume 17 und 18 gepflanzt, und nun sind wir mit Bäumen auch durch, mehr gehen nicht. Jetzt sehen wir zu, wie sie wachsen, und das ist ja auch mal ein vernünftig klingender Plan.

Der Pfirsich übrigens blüht jetzt, und wie der blüht.

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Schnell noch ein Buchtipp. Ich habe es ja nicht so mit langen Rezensionen, aber wenn Sie einen Hang zu Kurzgeschichten haben und sich vielleicht auch freuen, wenn es mal Kurzgeschichten gibt, die tatsächlich kurz sind, dann greifen Sie doch bitte zu “Signalstörung” von Kirsten Fuchs. Hier etwas mehr dazu. In Sachen Geschichten hatte ich lange kein besseres Buch in der Hand.

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Musik! Take on me in der Plüschversion. Warum auch nicht, es klingt irgendwie frühlingshaft.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Die Wahl des Ladens und des Schadens

Auf dem Rückweg vom Büro kann ich zwischen mehreren Läden wählen, in denen ich einkaufen kann. Je nachdem, in welchen ich gehe, mache ich Erfahrungen mit armen oder mit reichen Menschen, mit diesen oder jenen Klischees. Ich kann auch Läden wählen, in die gehen fast nur Menschen, die noch nicht allzu lange im Land sind, es gibt einen, in dem sind ungewöhnlich viele Menschen mit heftigen Alkoholproblemen und es gibt einen, in dem sind fast nur Menschen, die es wahnsinnig eilig haben. Ich kann mir aussuchen, welche Geschichten ich erleben möchte. Was ich eher nicht bieten kann, ist ein durchschnittlicher Laden mit durchschnittlichen Kunden. Im kleinen Bahnhofsviertel ist alles etwas speziell, unser Mainstream hier ist kein langer, ruhiger Fluß.

In einem großen Laden, in dem viele Menschen einkaufen, die nicht ganz so viel Geld haben, steht ein schwankender Trinker vor mir an der Kasse, der stützt sich schnaufend auf seinen Rollator, der seltsam fragil wirkt, weil der Mann über ihm ein erhebliches Format hat. So einer war einmal Seemann oder Türsteher, Preisboxer oder sonstwas, so einer hat immer noch die Reste der Muskeln, die er sicher einmal gut genutzt hat, aber das ist schon eine Weile her. Jetzt kämpfen die Muskeln gegen das Schaukeln und gegen die verdammte Schwerkraft, und einfach ist das nicht. Er will nur schnell einen Flachmann kaufen, ungeduldig schiebt er ihn über das elend langsam ruckelnde Kassenband. Er kickt ihn mit dem Finger immer weiter vorwärts bis er endlich dran ist, er murmelt dabei Flüche und stöhnt. Die Kassiererin ist von stoischer Verkaufsfreundlichkeit, sie grüßt korrekt und spult alles ab, was die Lehrgänge nur hergegeben haben, da gibt es nichts. Sie fragt nach der Kundenkarte und nach den gesammelten Punkten und ob der Herr denn auch den Bon … und bei der dritten Frage reicht es dem Kerl, dessen Not jetzt endgültig nicht mehr im aushaltbaren Bereich ist, er grapscht nach dem rettenden Fläschchen: “Mensch, halt endlich die Fresse und gib her das Ding!” Was sie ohne sichtbare Regung mit “Schönen Tag noch” beantwortet, denn in diesem Laden lernt man auch das. Der Mann geht zwei, drei Meter weiter, dann schüttet er sich den Schnaps schon in den Hals. Das ist so ein Typ, vor dem haben Kinder Angst.

Im anderen Markt, in dem die Menschen mit mehr Geld und auch die mit sehr viel mehr Geld verkehren, gibt es an der hochgelobten Fleischtheke mehrere Sorten exquisiten Rindfleischs. Das Kilo kostet manchmal so viel, wie die Leute im anderen Laden in einer Woche für alle Lebensmittel ausgeben, vielleicht kostet es auch mehr. Diese Ware läuft hier wirklich gut, wenn man öfter in diesem Laden einkauft, gewinnt man den Eindruck, dass sich ab einem gewissen Einkommen alle von Steak ernähren, und zwar von feinsten und allerfeinsten Steaks. Wenn man da etwas so Banales wie Mett kauft, das wirkt schon arm, so eine Fleischtheke ist das. Dort arbeiten natürlich auch nicht irgendwelche Leute, da arbeiten Experten, die sich bestens auskennen. Die können zu jedem Stück Fleisch eine Geschichte erzählen, die wissen auch alles zu den sinnvollen Zubereitungsarten, zur Lagerung und überhaupt, die wissen, welches Rind wo und was gegrast hat, die wissen womöglich alles, was man überhaupt über Fleisch wissen kann.

Vor mir steht ein Paar, ungefähr Renteneintrittsalter. Beide sind für die Kundigen nach einem Dresscode gekleidet, der nach Herrenausstatter und Boutique aussieht, nach Jaguar, Landhaus, Golf und dergleichen, unbedingt aber auch nach wir haben nicht erst seit ein paar Jahren Geld. Und die beiden haben Fragen. Sie fragen nach dem Fleisch, nach dem teuren Fleisch und auch nach dem allerteuersten. Sie lassen sich die Geschichten ausführlich erzählen, einen Tick zu ausführlich vielleicht, wenn man bedenkt, dass hinter ihnen noch zehn Leute stehen, aber gut, sie sind ja dran. Und das will eben sorgfältig gewählt sein, dieses Fleisch, das ist ja nicht wie beim Discounter mit den abgepackten Billigfleischbrocken, die man so im Vorbeigehen wahllos mitnimmt. Es ergibt sich ein freundlicher Austausch mit der Fleischereifachverkäuferin, man unterhält sich in verbindlichstem Tonfall. Auf der Waage liegen schließlich zwei gar nicht so dicke Scheiben Fleisch, beim Preis werden 58 Euro und ein paar Cents angezeigt. Gerade will die Frau, es wird wohl die Ehefrau sein, doch noch einmal etwas fragen, gerade will die Fleischereifachverkäuferin noch ein letztes Mal etwas erklären, da hat er auf einmal genug davon, das Thema ist jetzt durch, man kann ja auch nicht den ganzen Tag einkaufen. Und er redet mit einer fürchterlichen Routine nur einen knappen Satz lang auf einmal etwas lauter als die beiden Damen, gerade nur so laut, dass die sofort merken, was Sache ist: “Wir haben das dann jetzt entschieden”, sagt er. Und sie verstummen beide sofort, nicken und sagen “Gut”, weil es auch gar keinen Zweifel daran geben kann, dass das jetzt tatsächlich entschieden ist.

Das ist so ein Typ. vor dem haben Kinder noch keine Angst. Das kommt erst viel später.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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