Wir nicken uns anerkennend zu …

.. die Herzdame und ich. Denn im Onlinefamilienkalender steht auch in diesem Jahr Mitte November wieder etwas sehr Kluges drin. “Ab hier keine Termine mehr”, das steht da wörtlich. Und eindeutig wie eine klare Anweisung steht das da, ganz so als könne man sich daran halten, als wäre das möglich oder überhaupt nur denkbar. Einfach so und mitten aus dem Alltag heraus und zu viert. Ab hier keine Termine mehr.

Gemeint ist natürlich bis Jahresende, das wissen wir, auch wenn das da nicht ausdrücklich steht. Das Jahr besinnlich ausklingen lassen, die ruhige Zeit, solche Phrasen haben uns da vermutlich umgetrieben, als wir das in den Kalender eingetragen haben.Irgendwann im Januar war das sicher, als wir über die jährlich wiederkehrenden Termine nachgedacht haben, über die Geburtstage und Jahrestage und Feiertage und was da so alles immer wieder anfällt und erinnert oder irgendwie bedient werden will.

Ab hier keine Termine mehr, weil es ja die langen Winterabende gibt, noch so eine Phrase, die langen Winterabende, an denen man endlich alles machen kann, was man immer schon machen wollte. Irgendwas mit Gemütlichkeit oder mit hygge, wie man jetzt sagt. Oder wenigstens mit einer nice cup of tea. Irgendwas mit draußen ist es dunkel und drinnen ist es warm, mit Selbstgebackenem und leiser Musik im Hintergrund, mit ruhig spielenden Kindern und einem Bücherstapel auf dem Nachttisch, der mit jeder Woche ein wenig kleiner wird. Irgendwas mit schaurigen Graupelschauern am Fenster und heulendem Wind ums Haus und man rückt auf dem Sofa ein wenig enger zusammen und guckt dann einen familientauglichen Film mit schönen Menschen, flauschigen Hunden und Happy End. So denkt man sich das doch.

Ab hier keine Termine mehr, das steht da zwischen den ganzen Terminen, das steht da wie irgendein beliebiger anderer Termin, und danach kommen noch gefühlte tausend Termine bis Jahresende. Und wenn der Tag um ist, an dem das da steht, dann klicken wir das weg, wie man eben Sachen wegklickt, zu denen man eh nicht kommt, die überholt sind, fehlgeplant, längst von anderen Prioritäten überrollt, doch nicht so wichtig.

Ab hier keine Termine mehr, das steht da und wir klicken es also weg, aber vorher nicken wir uns kurz anerkennend zu und stoßen vielleicht sogar mit irgendwas an, ein Prost auf die gute, auf die wirklich sehr gute Absicht.

Denn doof sind wir ja nicht, die Herzdame und ich. Wir machen schon ganz gute Pläne. Jedes Jahr wieder.

Zwischendurch ein Dank …

… an den Leser Michael S., der uns den vermutlich sinnvollsten Adventskalender geschickt hat, den wir hier je hatten. Nämlich diesen Saatgutadventskalender vom Versandhaus “Mohnblume”.

Das ist doch mal durch und durch vernünftig. Und auch noch wiederverwendbar! Gefällt mir sehr, ganz herzlichen Dank. Oder, wie Sohn II sagte: “Das können wir nächstes Jahr auch mal für andere machen.” Recht hat er. Aber das hat er meistens. 

Beifang vom 12.11.2017

Eine etwas lapidare Antwort auf die alte Frage, warum die Dinosaurier ausgestorben sind, sie könnte von den Söhnen kommen: “Pech gehabt.

Bei der Autobranche reden wir eher nicht von Pech, da geht es um ein ganz anderes Problem.

“Wenn man auf dem Deich steht, während es regnet, steht man auf dem Deich, während es regnet.”

Jo Lendle über Teheran.

Bei History Reloaded geht es in zwei Artikeln um die Reformation und die Rolle der Frau, der erste Text ist im zweiten verlinkt. Finde ich ja spannend, solche Betrachtungen.

Eine Meldung, mit der man nichts anfangen kann, aber irgendwie klingt es so nett: Spermien navigieren musikalisch.

Gentrification in Altona. Völlig überraschend sind die Anwohner irgendwie dagegen.

Was man dagegen in Hamburg eher selten liest. Es sollen neue Kleingärten entstehen.

Luna zeichnet. Man bekommt direkt Lust, sich auch ein Blatt und einen Stift zu nehmen.

Und nun Albin de la Simone: “Dans la tête”.

Was schön war

In der Zentralbücherei war wieder jeder Platz, jeder Tisch, jeder Treppenabsatz mit Lernenden besetzt. Auf meinem Weg zur Gartenabteilung sah ich überall Menschen, die sich über Bücher, Zettel, Hefte, Karteikarten beugten, manche flüsternd in Gruppen, manche gedämpft diskutierend, manche im konzentrierten Zwiegespräch, manche leise lesend, Textmarker in der Hand, Lineale, Radiergummis, Kugelschreiber. Die meisten lernten Sprachen, viele Deutsch. Ich ging an ihnen vorbei in die etwas entlegene Abteilung meines Interesses, ich lerne in der Zentralbücherei gerade nur Gemüse. Aber es hat doch immer wieder eine schöne Wirkung, dieses allgemeine Lernen, man möchte gleich noch viel konzentrierter in sehr dicke Bücher sehen und sich auch Notizen machen, man möchte mehr wissen, mehr verstehen, schlauer aus dem Gebäude rausgehen, als man reingekommen ist.

Überall um mich herum waren lernende Menschen aus wer weiß wie vielen Ländern, Menschen, die hier arbeiten, studieren, gelandet sind, hergeflohen sind, zu Besuch sind, was auch immer, man sieht es ihnen nicht an, auch wenn man manchmal glaubt, es ihnen anzusehen. Man sollte sich da selbst aber erst einmal gar nichts glauben, erst recht nicht in der Mitte einer Millionenstadt.

Einer redete Russisch mit einem, der in deutscher Sprache antwortete, das war dann wohl eines dieser Lerntandems, dachte ich. Vielleicht war es aber auch etwas ganz anderes, vielleicht war es auch gar kein Russisch, was versteht man schon, wenn man nur mal eben vorbeigeht. Jedenfalls sah das alles nach großer Wissbegierde aus, wie auch immer motiviert.

Zwei junge Männer, gerade mal achtzehn oder neunzehn vielleicht, Berufsanfänger wohl, standen neben einer älteren Dame zwischen zwei Regalen. Sie redeten sehr leise, sie hatten sich extra in diese Ecke zurückgezogen, um niemanden zu stören. Ab und zu sahen sie sich um, ob auch wirklich niemand in der Nähe war, sie entschuldigten sich schon einmal bei mir, obwohl ich ein paar Meter entfernt stand. Die Männer schienen viele Fragen zu haben, es ging da gerade um deutsche Sätze, die man im Restaurant sagt, als Kellner, als Gast. Die Karte, die Getränkekarte, das Menü, was darf es sein und darf es noch etwas sein und ich möchte bitte zahlen. Beiden redeten ganz langsam, aber in ziemlich gut sortierter Grammatik. “Wie sagt man”, hörte ich, “Was kann man noch sagen?” Die Dame erklärte einen Satz, erklärte ihn noch einmal und sagte dann, wie es noch höflicher geht. Und noch höflicher und noch höflicher, also schon ganz fein. Die Männer murmelten, wiederholten und nickten, einer schrieb etwas auf. Dann verabschiedete sich die Dame und drehte sich um, diese Lektion schien beendet, aber einer der jungen Männer ging ihr schnell einen Schritt nach, ihm fehlte noch etwas. “Bitte”, sagte er nur halblaut, immer noch bemüht, bloß niemanden zu stören, “bitte – haben Sie noch ein paar Adjektive?”

Und das war schön. Fragt da jemand nach Adjektiven, als seien es erstrebenswerte Kostbarkeiten.

Beifang vom 08.11.2017

Ein Text über das Und. So einfach ist es nämlich.

Über Attachment Parenting und Normal Parenting. Herrje.

Das Internet ist weg, das Käsebrot ist da.

In diesem Artikel ist die Rede von der Apfelsorte “Roter Rosmarin” – und wenn man so etwas liest, dann will man das doch haben. Schlimm. Wo kriegt man diese Äpfel jetzt her? Roter Rosmarin. Klingt großartig.

Ich glaube ja, dass Entwicklungen wie dieses Tretmobil gerade unterschätzt werden.

Das Berliner Radwegmodell sieht ganz einladend aus.

Und nun noch The Milk Carton Kids: “Poison Tree”.

Kurz und klein

Beifang vom 06.11.2017

Drei von mir zusammengestellte Links zum Handel und zum Wirtschaftssystem drüben bei der GLS Bank.

Ich habe auf Twitter neulich einen Scherz über die Fibonacci-Folge gemacht, weil Sohn I eine Frage dazu hatte, ich aber erst googeln musste, was das denn nun wieder ist. In meiner Schulzeit kam das nicht vor, wie ich zu meiner Entschuldigung anmerken möchte. Julia Schulz gab mir dazu den Hinweis auf dieses Rezept mit Romanesco und Fibonacci. Ganz groß.

The cities that will be drowned by global warming.

Apropos Klimawandel, den findet man immer öfter auch auf Seiten, auf denen man ihn gar nicht vermutet, etwa bei “Mein schöner Garten”. Während andere noch diskutieren, ob es ihn gibt, findet er dort einfach statt.

Das sagt der Cowboy nicht.” Katharina Borchert über Sexismus und Diversity.

Restaurationsökologie ist ein schönes Wort.

Die Liebe, die Liebe.

Und falls jemand noch Nachhilfe bei der Novembermelancholie braucht: Conor Oberst mit “Next of kin”.

Gartenvideos

Ich lerne nach wie vor viel Gartenzeug, das ist natürlich auch notwendig, da ich im Sommer bei Null angefangen habe. Nachdem ich mich mittlerweile in der Zentralbücherei einmal komplett durch die Gartenabteilung gefräst und wie damals zu Studienzeiten reichlich Notizen gemacht habe, nachdem ich mir auf Instagram Tausende Gemüsegartenbilder angesehen habe, denn bei dem Thema sind auch Bilder wirklich lehrreich, bin ich jetzt in der Youtubephase und sehe mir also Gartenvideos an. Viele.

Zu meiner Überraschung finden das auch die Söhne spannend, weswegen wir also zu dritt vor den Filmchem des Selbstversorgers Rigotti sitzen, vor Selfbio oder vor dem Gartenkanal usw., es gibt da einige zu finden. Bei den Söhnen liegt übrigens Rigotti weit vorne, der hat aber auch mit Abstand am meisten Geräte und Bastelmöglichkeiten. Und Hühner! Es wird hier zunehmend zum Problem, dass wir keine Hühner haben, zumindest nach Sohn II, aktueller Berufswunsch Selbstversorger und Gärtner. Der ist der Familie weit voraus und gedanklich schon beim Getreideanbau und Mühlenerwerb, weil man auch Brot unbedingt selbst machen sollte, findet er zumindest.

Von den deutschen Gartenvideos kam ich zu den englischen Gartenvideos, denn auch dort gibt es Schrebergärten, allotments. Vielleicht liegt es daran, dass ich ohnehin gerade sehr viel lerne, es macht mir plötzlich wieder Spaß, Vokabeln zu lernen. Beim Gartenvokabular habe ich größere Lücken, das kam alles so in der Schule nicht vor und in meinem späteren Leben erst recht nicht, aber jetzt freue ich mich über Begriffe wie comfrey tea oder, noch banaler, parsnips, das sind so Vokabeln, die habe ich längst vergessen.

Das finden die Söhne dann nicht mehr ganz so interessant, es schadet ihrer Allgemeinbildung aber auch nicht, wenn sie die Filme ab und zu bei mir mitbekommen, ganz im Gegenteil.

Ich: “Was machen wir jetzt?”

Sohn I: “A nice cup of tea.”

Die nice cup of tea aus den englischen Gartenvideos wird hier gerade zum Familienkult, es wird ein Winter mit unfassbar viel Tee in allen Varianten. Warum auch nicht, wir trinken jetzt vor allen Vorhaben erst einmal eine nice cup of tea, es entschleunigt ungemein.

Bei Sean James Cameron (Kanal hier) habe ich mich zuerst gewundert, wieso er zwischendurch völlig ungeniert seine Parzellennachbarin filmt, bis mir klar wurde, dass die auch Gartenyoutuberin ist: Vivi. Und Vivi hat eine Begeisterungsfähigkeit, die mich wieder an meine verstorbene Freundin J. erinnert, so Menschen, die sich vor Freude über eine Pastinake gar nicht mehr einkriegen, ich finde das ja sehr belebend. Hier ein beispielhafter Film von Vivi, in dem sie eine pappeinfache Suppe kocht, sich dabei aber über alles so freut – man möchte sie sofort als Nachbarin haben und ab und zu bei ihr in der Küche sitzen. Die Suppe muss schmecken, schon wegen der Freude, die sie daran hat.

Beifang vom 04.11.2017

Luna bloggt jetzt auch.

Bevor es in den Kommentaren zum letzten Text untergeht, eine Leserin empfahl dort diesen faszinierenden Sportfilm: “Extreme Wheelbarrowing”.

Der Spiegel mit einer vernichtenden Kritik an den Bahnhofsplanungen in Hamburg

Und apropos Verkehr in Hamburg, da gibt es etwas Neues: Ampeln auf Autobahnauffahrten. Da sich aber enorm viele hier nicht mehr für rote Ampeln interessieren, werden die vermutlich auch egal sein.

Der Klimawandel in Kiribati.

Der Klimawandel in Alaska.

Der Klimawandel und die Gesundheit.

Don Dahlmann über Löhne, Bürgergeld und warum sich nichts ändert.

Und nun noch Lhasa mit “Rising”.

Gehört

Ich mache noch etwas weiter damit, im Vorbeigehen gehörte Sätze und Dialogtrümmer hier zwar ohne Kontext aus der Situation, aber doch mit etwas Gedankengarnitur wiederzugeben. Es ist in den letzten Wochen allerdings nicht viel zusammengekommen, vielleicht liegt es an der Jahreszeit, vielleicht habe ich gerade einfach kein Sammlerglück.

Dafür gibt es vorweg zwei schöne Beispiele für Sätze oder Wörter, die falsch gehört wurden.

Die Söhne interessieren sich gerade für die Sportart Parkour, es gibt demnächst sogar ein Probetraining. Ein anderes Kind aus dem Bekanntenkreis, so hörten wir, macht das auch, schon länger sogar. Allerdings passten die Erzählungen dieses Kindes so überhaupt nicht zu dem, was wir uns unter Parkour vorstellen, das war alles eher abwegig. Mit Verbeugung vor Trainingsbeginn? Hä? Es dauerte eine Weile, bis wir verstanden haben, dass das andere Kind gar nicht Parkour macht – sondern Pa-Kua, eine Kampfsportart. Pa-Kua, Parkour, zumindest für Norddeutsche ist das überhaupt nicht unterscheidbar. Wir treffen uns an der Parkuhr, wir gehen zum Pa-Kua und dann noch zum Parkour. Meine Güte.

Ebenfalls wunderschön war ein Verhörer von Sohn II, dem ich etwas damit erklärte, dass es aus Tradition so gemacht wird, wie es gemacht wird. Er verstand nicht “… das wird aus Tradition so gemacht”, er verstand “… drei Idioten haben das gemacht”. Und wenn das keine wunderschöne Definition für die Tradition ist? Wir haben das sofort in die Familiensprache übernommen. Das gehört alles so, das haben schon drei Idioten so gemacht. Großartig.

Ansonsten im Vorbeigehen auf der Straße von großen Vorhaben gehört:

“Wenn wir heiraten, dann fliegt jeder von der Party, der Stress macht. Ob nun aus deiner oder aus meiner Familie.”

“Haha.”

Manchmal hört man auch Sätze, da möchte man spontan stehenbleiben und einen kleinen Vortrag aus dem Stegreif halten, aber man ist ja nun einmal nicht zuständig:

“Später, wenn ich erst Kinder habe, dann wird alles einfacher.”

Und goldene Lebensregeln, wohlfeil wie eh und je:

“Es ist ja so, du musst es einfach machen. Du machst es oder du machst es nicht. Mehr ist es nicht. Mehr ist es nie.”

“Ach, ich weiß nicht.”

Und manchmal Sätze aus höchst realen Kurzgeschichten, irgendwo aus dem vorderen Drittel, die Spannung nimmt gerade Fahrt auf:

“Willst du das wirklich machen, Birgit, willst du das wirklich machen? Jetzt gehen?”

Im November wird weiter gesammelt.