Saisonal und regional

Ich habe schon diverse Male über die hohe Kunst der Essensplanung im Familienhaushalt gesprochen, aus aktuellem Anlass ein Update dazu. 

Immer noch ist es prinzipiell so, dass ich am Sonntag in stundenlanger Kreativ- und Recherchearbeit einen Plan für die kommende Woche mache, den ich dann von Montag bis Sonnabend mit teils beachtlicher Erfolglosigkeit gegen die Launen des Schicksals, der Herzdame, der Söhne und eventueller Gäste verteidige. Wobei die Herzdame, das ist neu, plötzlich ein Faible für regionale und saisonale Produkte entwickelt hat. Weswegen sie jetzt, gänzlich ungeachtet meiner detaillierten Pläne, irgendwo auf einem Wochenmarkt steht, Kürbis sieht und Kürbis kauft, denn der ist ja dran. Sonst würde er ja da nicht liegen. Er ist natürlich nicht dran, weil er nicht auf meinem Plan steht, aber da sind wir noch ganz am Anfang der Kompromissfindung.

Die Herzdame geht dabei auch geschickt vor, sie geht nämlich morgens zum Wochenmarkt, wenn ich schon im Büro bin und mich nur schlecht wehren kann. Sie steht auf dem Markt vor dem Stand mit dem Zeug aus der Region, vom Hof vor den Toren der Stadt. Sie steht und überlegt, dann schickt sie mir eine Nachricht: “Was essen wir heute?”

Ich antworte, was auf dem Plan steht, also etwa Süßkartoffelcurry. Die Herzdame schickt mir ein Bild eines Hokkaidos und schreibt triumphierend : “Über Nachhaltigkeit schreiben aber nicht wissen, was Saison hat. Ja, ja.”

Man sieht, das ist ein konfliktträchtiges Thema, das auch nicht besser wird, wenn ich mich in vorauseilendem Gehorsam orientiere, was nun gerade nach saisonalen und regionalen Gesichtspunkten dran ist und sogar noch vor ihr morgens über den Wochenmarkt schleiche, um im Bild zu sein. Denn dann kommt man auf schräge Lebensmittel, die man vielleicht noch gar nicht kennt, was übrigens einigermaßen erstaunlich ist. Ich werde bald fünfzig Jahre alt und habe immer noch nicht alles gegessen, was hier wächst und nach der Erfahrung meiner Vorfahren als essbar gilt. Verblüffend! Aber auch diese noch unbekannten Produkte bergen Risiken, die teilweise schon in der Bezeichnung liegen.

Morgendlicher Dialog per Nachricht auf dem Handy:

Die Herzdame: “Was essen wir heute?”

Ich: “Fette Henne.”

Wobei die Fette Henne, es handelt sich um einen Speisepilz, auch Krause Glucke genannt wird, was den Dialog aber auch nur ansatzweise verbessert hätte.

Das ist jedenfalls ein Pilz, ein essbarer Pilz, der ganz hervorragend schmecken soll, wohl ähnlich wie die Morcheln, wobei er allerdings ganz und gar nicht so aussieht. Er sieht eher aus wie ein todesbleicher Naturschwamm. Man steht also nicht gerade vor dem Marktstand und denkt “Hei, das wird lecker!” Nein, man denkt eher wie im Büro an Challenges, denen man einsatzbereit und hochmotiviert begegnen muss.

Kurz auf dem Handy nachgesehen, gibt es dazu auch einfache Rezepte? Natürlich, man kann die Fette Henne so vernudeln, wie in Deutschland sowieso alles zu Pasta gereicht wird, also mit Zwiebeln angebraten und mit Sahne angesuppt. Das geht mit nahezu jedem Gemüse, das geht auch mit Pilzen, das geht dann auch mit Fetten Hennen. Foodblogger, die ja auch humorige Autoren sein können, schreiben zu den Rezepten gerne noch etwas von stundenlanger Reinigung des Pilzes, na, so schlimm wird das schon nicht werden.

Wurde es dann aber doch. Das versteht man erst, wenn man sich den Pilz genauer ansieht, der quasi als aufgefalteter Schwamm durch den Waldboden kommt, weswegen sich auf jedem Quadratzentimeter Pilz eine ordentliche Portion Waldboden und Waldbodenbewohner befindet, die sich weder durch Schütteln, Baden, Brausen oder Übergießen mit kochendem Wasser entfernen lässt. Was daran liegt, dass der Sand teils eingewachsen ist, aber darauf kommt man erst nach sehr gründlicher Betrachtung der Pilzproblemzonen. In einem Blog finde ich den Hinweis eines Pilzfreundes, dass er die Fette Henne schließlich mit seiner Munddusche gereinigt habe, das habe zwei Stunden gedauert und es sei dann gar nicht mehr sooo viel Sand übrig gewesen. Was man nicht findet: irgendwelche Abkürzungen oder Tricks.

Es ist also ein Produkt aus der Region, das Besinnung erfordert. Da muss man das Handy einmal weglegen, sich konzentriert dem Pilz und damit auch seiner Gegend widmen, da muss man wieder einmal mit dem Boden in Kontakt kommen, mit dem Pilz und, was weiß ich, dem Universum in jedem Sandkorn oder wie das heißt, das ist eher so eine meditative Nummer. Ich kraule konzentriert die Fette Henne, Sand bröselt ins Spülbecken. Ich kratze mit dem Fingernagel, ich erforsche sorgsam die Furchen und Ritzen der Pilzoberfläche. Sand bröselt ins Spülbecken. Ich sehe genauer hin, ich atme durch, ich sammele mich, ich kratze ruhig und entschlosssen am Pilz herum. Sand bröselt ins Spülbecken. Ich stehe wie ein fleißiger Küchenmönch konzentriert mit dem Pilz in der Hand, es ist ruhig um mich herum, man hört nur ganz leise den Sand rieseln. Das mache ich lange, sehr lange. Also mindestens fünf Minuten, Geduld ist eher nicht meine wichtigste Stärke. Ich habe in dieser Zeit immerhin einen etwa centgroßen Teil des Pilzes oberflächlich vom Sand befreit. Ich starre den Pilz an und rechne hoch. Dann beschließe ich, eher nicht bis Mitternacht Zeit zu haben. Ich entsorge die Fette Henne im Mülleimer, was ihre Zubereitung natürlich dramatisch vereinfacht. Dann improvisiere ich mit dem, was sonst noch in der Küche herumliegt, irgendwas muss man ja essen. Ich schnippele grüne und saisonal korrekte Bohnen, koche sie zehn Minuten, schwenke sie etwas in einer Pfanne mit saisonal auch völlig okayen und geschmolzenen Tomaten, die auf roten Zwiebeln und frischem Knoblauch gerade in sich zusammengesackt sind, ich werfe noch etwas Bohnenkraut und ein paar Feta-Trümmer locker über die Pfanne. Ein ausgezeichnetes Abendessen, schnell gemacht, gesund und köstlich. Da wäre ich ohne die Fette Henne gar nicht drauf gekommen!

Es hat also durchaus Sinn, sich saisonal korrekt durch alle regionalen Lebensmittel zu testen, wir wollen das jetzt weiterhin so halten.

 

Woanders – Die sechste Sonderausgabe Flucht und Fremdenfeindlichkeit

Seutschland: Und es gibt natürlich eine ganze Reihe kleiner, unspektakulärer Integrationsgeschichten. Auch in den Regionalzeitungen. Vermutlich müsste jetzt jeder Verein, jeder Club, jede Initiative, jeder Freizeittreff, jede Freiwillige Feuerwehr überlegen, ob nicht zwei, drei neue Leute ganz gut wären. Dieser neue Chorsänger da kommt auch in einem Spiegelartikel vor, da klingt das dann allerdings schon wieder weniger idyllisch.

Deutschland: Martin Gommel war auf einer Nazidemo.

Deutschland: Sehr passend zum letzten Link ein paar erhellende Bemerkungen dazu, wie man eigentlich Demonstranten zählt.

Deutschland: In der NZZ geht es noch einmal um den Hippie-Staat Deutschland. Ein bisschen Hippie ist schon okay, um es kurz zu fassen.

Deutschland: Ein wenig Geschichtsunterricht, besonders interessant für den Innenminister.

Deutschland: Ein syrisches Foodblog, gefunden via Nutriculinary.

Hamburg: Noch ein Bericht über das erstaunliche Phänomen in den Hamburger Messehallen.

Deutschland: Andere fragen sich, ob die freiwilligen Hilfstruppen den Traum der FDP leben. Nachvollziehbare Wut und drängende Fragen, was die Leistungen des Staates angeht. Fragen übrigens, die in den Medien gar nicht mal so intensiv gestellt werden. Es ist irritierend, ist es nicht? Ich finde es höchhst irritierend, die letzten Wochen haben mein Bild von diesem Staat tatsächlich verändert. Und ganz gewiss nicht zum Vorteil.

Deutschland: Im Abendblatt geht es um den Zusammenstoß von Ordnung und Realität. Und um Formulare, immer schön und wichtig.

Hamburg: Ein Film über die Helfer am Hauptbahnhof.

Hamburg: Und da dann etwas länger nachdenken – ist es einfach eine Nachricht, wenn die Stadt laut überlegt, Flächen zu beschlagnahmen? Ist es Stimmungsmache, wenn ja, in welcher Richtung eigentlich, ist es am Ende ein guter Plan? Schwer zu sagen. Aber nebenbei bemerkt, ich komme schon auf meinem eher kurzen Arbeitsweg von St Georg nach Hammerbrook an ausreichend Leerstand für alle vorbei, so isses ja nun nicht.

Berlin: Eine etwas genauere Erklärung der Schlangen vor dem Lageso. Flüchtlinge versinken im Behörden-Chaos.

Osteuropa: In der NZZ versucht man noch einmal, die ablehnende Haltung in den osteuropäischen Ländern gegenüber den Migranten historisch zu erklären.

Serbien: Kekse in Belgrad.

Griechenland: Eine Reisebloggerin schreibt über Kos.

Jordanien: Ein Interview zur Lage in den jordanischen Lagern. Da ist jemand wütend, undman kann es verstehen.

Syrien: Bei der Tagesschau geht es um die Lage in Syrien, um die Städte Damaskus und Aleppo.

Syrien: Der Krieg führt auch zur ersten “Abhebung” aus dem Saatguttresor der Menschhheit, eine Szenerie fast wie aus einem James-Bond-Film.

Migration weltweit: Im Standard werden noch einmal die 3% betont, die auch schon in anderen Medien vorkamen, eine Zahl, die einem vielleicht erstaunlich niedrig vorkommt: “Der gesamte Anteil der nicht im Geburtsland lebenden Menschen beträgt laut Uno etwa drei Prozent.

Migration weltweit: Wer sich mit dem Thema Flucht befasst, der kennt das Logo unter dem Schriftzug “Refugees welcome”. Hier ein wenig mehr zu der Grafik und ihrer Geschichte.

 

Woanders – Die fünfte Sonderausgabe Flucht und Fremdenfeindlichkeit

Und noch einmal die Texte der letzten Woche, die mir besonders aufgefallen sind. Da sich das Thema vermutlich in den nächsten Tagen nicht in Luft und Wohlgefallen auflösen wird, habe ich jetzt für die Texte und Links dazu auch eine Kategorie im Blog eingerichtet, siehe hier.sendu

Hamburg: Ein Artikel über die Lage am Hauptbahnhof, wo die Stadt organisatorische Mängel offenbart, die man sich so gar nicht vorstellen konnte oder wollte.  Zum gleichen Thema auch die taz, mit dem schönen Satz “Die Behörden halten sich zurück.” Das kann man wohl sagen, möchte man als Anwohner da ergänzen, die halten sich in der Tat extrem zurück, die sind so wahnsinnig dezent, die sind womöglich gar nicht existent. Was man da am Bahnhof sieht, das ist ein Festival der Nichtzuständigkeit. Unfassbar. Jede Freiwillige Feuerwehr aus einem Vorortkaff hätte die Lage da vermutlich in Kürze im Griff. Die Stadt hofft aber lieber auf Freiwillige (die es immerhin gibt und die es dann auch mit viel Improvisation und Engagement hinkriegen, so isses ja nicht – aber dennoch).

Deutschland: Martin Kaul über Fluchthelfer damals und heute.

Deutschland: Endlich willkommen in Deutschland – wie es sich anfühlt, wenn man für einen Flüchtling gehalten wird.

Deutschland: Ein sehr lesenswerter Text über die, die immer da sind. Die ehrenamtlichen Helfer, die ohne Applaus einfach machen.

Deutschland: Sven verweist auf den Film über die Hilfstruppen in den Hamburger Messehallen. Er stellt im Text die für wohl viele naheliegende Frage, warum denn die Geflüchteten nicht auch helfen. Bitte  dazu dann auch den ersten Kommentar von Malte lesen.

Deutschland: Im Tagesspiegel ein Bericht über die Hilfe durch die Behörden, bzw. über den bürokratischen Wahnsinn dabei.

Österreich: Und noch ein Hilfsbericht, diesmal aus Wien.

Deutschland: Und was auch hilft: Frisuren.

Deutschland: Bei der Deutschen Welle gibt es eine Sonderseite mit Filmen zum Lager Friedland.  “Es fallen keine Bomben mehr, und ich muss mich nicht mehr verstecken.”

Deutschland: Die NZZ mit einer heftigen Kritik an den deutschen Medien und ihren Berichten zur aktuellen Lage. Eine naheliegende Kritik, auch wenn man mit der “Refugees Welcome”-Haltung vollkommen einverstanden ist. Wenn man sich vorstellt, die Medien verhielten sich so wie jetzt bei einem Thema, bei dem man zufällig mal eine andere Meinung hat … weia. Ganz ähnlich dazu auch W&V. Es ist kompliziert.

Deutschland: Werden wir also sofort wieder sachlicher, sehen wir uns Zahlen an.

Deutschland: Und da viele gerade mehr Frauen aus arabischen Ländern als bisher auf den Straßen sehen: Ein erläuternder Text über Burkas, Kopftücher, Verschleierung und Feminismus. Eins von diesen Dingen passt nicht zu den anderen? Es ist kompliziert und lesen lohnt.

Deutschland: Bei Nils Markwardt in der Zeit kann man etwas lernen. Über Zornbanken und “subversive Resignifikation”. Das kannte ich auch nicht, obwohl man sich als Mensch mit Blog direkt ein wenig zuständig fühlt.

Baltikum: Ein paar Informationen zur Lage im Baltikum, warum man da nicht gerade begeistert hilft.

Europa: “Europa ist ein ideen- und visionsloser Kontinent, auf dem sich eine überalternde Gesellschaft mit unveränderter Gier und Uneinsichtigkeit unverantwortlich schützend über ihre Pfründe und Ansprüche wirft.” Recht deutlich formuliert.

Syrien: In der NZZ geht es noch einmal um die Frage, warum die Syrer eigentlich nicht einfach in ein Flugzeug steigen.

Syrien: Bilder aus Syrien bzw. aus Refugee Camps, das zweite von oben unter der Überschrift sollte man sich vielleicht etwas länger ansehen. Es sieht aus wie aus irgendeinem Apokalypse-Thriller, es ist aber wohl echt.

 

Kleine Szenen (3)

Es ist später Abend, ich fahre in der S-Bahn zwischen Holstenstraße und Hauptbahnhof. Ein fortgeschritten betrunkener Mann brüllt herum, allerdings muss er dabei so harmlos verrückt aussehen, dass sich niemand von ihm wegsetzt, obwohl er ab und zu lärmend gegen die Sitze schlägt und tritt und an den Haltegriffen rüttelt. Ich kann ihn von meinem Platz aus nicht sehen, aber er sitzt da, wo noch etliche andere um ihn herum sind. Ich sehe nur das genervte Kopfschütteln der Menschen neben ihm. Ein alter Mann vermutlich, die Stimme ist etwas dünn und brüchig. Er hält Reden über Ausländer und Deutsche. Er beleidigt niemanden direkt, soweit ich es verstehen kann, er ist aber gegen alles, was anders ist, das soll hier nicht anders werden. “Als Deutscher stehe ich hier unter Naturschutz” brüllt er mehrfach. Die Leute neben ihm lachen.

Eine Station weiter gleich der nächste mit Alkoholproblem, er steigt ein, hebt die Arme und deklamiert: “Helmut Schmidt ist die intelligenteste Person Deutschlands. Hel-mut Schmidt! Hel-mut Schmidt!”

Im Hauptbahnhof sitzen wieder Durchreisende auf dem Boden, verschoben zwischen  Erstaufnahmeeinrichtungen und irgendwelchen Heimen, vielleicht auch schon seit Tagen oder Wochen unterwegs, von welcher Grenze aus auch immer, auf der Fahrt nach Skandinavien oder in irgendwelche deutschen Städte, unter denen sie sich nichts vorstellen können. Manche haben Zettel, auf denen wohl Ziele stehen, die halten sie in der Hand und gucken immer wieder drauf. Es sind Menschen aus verschiedenen Ländern, es sind Frauen, Männer, Familien,von Säugling bis Greis. Sie alle eint die Müdigkeit, die man in keinem Gesicht übersehen kann, eine unendliche Müdigkeit. Die privat organisierten Helfer reichen Tee und Bananen. Auf dem Boden in der Wandelhalle sitzt auch einer der russischen obdachlosen Trinker vom Bahnhofsvorplatz, ein bekanntes Gesicht, an dem gehe ich oft vorbei, wenn ich von der Arbeit komme. Während in Diskussionen gerade dauernd irgendwelche Schlaumeier fragen, was denn mit den Obdachlosen sei, wer sich denn um die kümmere, wieso denn Hilfe nur für die Syrer und so weiter, während also in Gesprächen gerne Gruppen gegeneinander ausgespielt werden, sitzen die hier gerade friedlich bei einem Tee beieinander, es ist genug Tee für alle da, die Helfer kriegen auch das hin. Ein großer Kerl ist der Russe, kahlrasierter Schädel, breite Schultern, blutige Kratzer im Gesicht. Er ist stockbesoffen wie immer, und  er sitzt da einen Meter entfernt von einem vermutlich arabischen Mann, der neben ihm noch zierlicher wirkt als ohnehin schon. Sie können nicht miteinander reden, und das nicht nur wegen der Sprachschwierigkeiten, auch sonst liegen sicher Welten zwischen ihnen. Der Russe versucht ein paar Sätze, das klappt aber nicht. Er hätte ohnehin zu dieser Tageszeit und nach diesem Alkoholpensum in keiner Sprache mehr die Konsonanten im Griff. Er zeigt auf das Gepäck des Syrers – oder wo immer der Mann herkommen mag -, er gestikuliert irgendwas, sagt noch einmal etwas. Ganz langsam. Ratlose Blicke. Was will der? Der Syrer schüttelt den Kopf und winkt ab, er weiß offensichtlich nicht, was er von diesem Typen da halten soll. Der Russe gibt schließlich auf, pustet in seinen Tee und schüttelt auch den Kopf. Dann sieht er doch noch einmal zu seinem Sitznachbarn, beugt sich rüber zu ihm, stößt ihn behutsam mit dem Ellenbogen an und zeigt ihm einen nach oben gerichteten Daumen, nickt ihm energisch zu. “Wird schon”, sagt er mit seinen Blicken, mit dem Daumen und auch mit einem breiten Grinsen, “wird schon”.  Bei ihm selbst wird vermutlich gar nichts mehr, aber für andere reicht das Wünschen dann doch noch.

Es ist nachts gegen zwei Uhr, ich wache auf, weil die Herzdame nach Hause kommt, sie hat am Bahnhof geholfen. Sie erzählt, dass die Helfer dort keinen Strom haben, wenn der letzte Laden in der Wandelhalle schließt. Sie können dann für die Geflüchteten keinen Tee mehr kochen und keine Handys laden. Der meistfrequentierte Bahnhof Deutschlands, und niemand kriegt es hin, nachts eine Steckdose zu organisieren.

Tage später werden endlich große Zelte auf dem Bahnhofsvorplatz aufgebaut, um von dort aus die Geflüchteten zu versorgen, die in Hamburg für ein paar Stunden oder auch für eine Nacht Station machen. Es ist früher Nachmittag, in den Zelten ist nicht viel los, die Lage ist ruhig und halbwegs entspannt. Vor den Zelten sitzen ein paar Kinder und machen Seifenblasen oder pusten Luftballons auf, da wird jemand gerade Spielsachen gespendet haben. Eine Betreuerin hockt bei den Kindern und verteilt die kleinen Geschenke. Die Seifenblasen kommen im leichten Hamburger Nieselregen nicht weit, aber das macht wohl nichts. An den Kindergesichtern sieht man, dass die Seifenblasen dennoch ziemlich toll sind. Sie sind kindgerecht, und das war bei diesen Kleinen sicher nicht viel in den letzten Wochen. Ein paar Meter weiter sitzen die Mütter, denen die Augen zufallen.

 

Zwischendurch ein Dank …

… an die Leserin B.A.K., die den Jungs den Film “Die wilden Kerle” geschickt hat. Auf der DVD die schöne Unterzeile “Alles ist gut, solange du wild bist”.  Das wird schon passen! Ganz herzlichen Dank.