Kurz und klein

Eins, zwei, Polizei

Vielen Dank für die zahlreichen Kommentare zur Schreibgerätefrage gestern, es waren sehr sinnvolle Hinweise dabei. Überhaupt großartig, wie das hier mit den Kommentaren läuft, ich freue mich jeden Tag.

Ich teste mich dann mal da durch … wobei so ein Kolbenfüller von Montblanc vermutlich schon fortgeschritten exzentrisch wirkt. Egal. Und wenn Sie jetzt auch gerade Lust auf Schreibgeräte bekommen – ich bin eben ein Infüllencer.

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Goethezitate – aber mit lol am Ende. Wie heißt es auf Twitter immer: Genau mein Humor.

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Gegen die Lausemaus. Unterschreibe ich sofort.

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Frühmorgens gehe ich zum Bahnhof, da stehen zwei von der Polizei hinter einer hölzernen Fahrradgarage und lugen immer so mit langen Hälsen um die Ecke, dass man sich gleich denkt, die beobachten da doch bestimmt irgendeinen schlimmen Finger. Oder mehrere. Weswegen auch alle Passanten total unauffällig stehenbleiben und genau dahin gucken, wo auch die Polizisten hingucken, dann wieder prüfend auf die Polizisten. Blicklinie peilen, dann wieder da hinten hinsehen. Da sieht man dann aber nur eine ganz normale morgendliche Straßenszene und fragt sich daher unwillkürlich, welche dieser kreuz und quer einhergehenden Figuren zweihundert Meter weiter denn nun verdächtig sind. Und weswegen? Was haben sie wohl vor? Und merken die eigentlich nicht, dass da jetzt schon eine kleine Menschentraube gespannt herüberstarrt, alle sehr gut zu sehen, also alle außer den beiden von der Polizei, versteht sich, die verstecken sich ja. Die Rentnerin da vor dem Kiosk, wer weiß. Alles nur Tarnung, die späht da doch was aus, der Rollator ist am Ende nur Requisite. Oder die Grundschüler, die da so brav an der roten Ampel warten. Wer weiß, was die im Ranzen haben! Also ich weiß es, weil einer von ihnen mein Sohn ist und ich ihm eben noch ein Frühstücksbrot in den Ranzen gestopft habe, aber das weiß der Rest ja nicht. Würde ich den Sohn nicht kennen, er käme mir gewiss auch verdächtig vor. Schon diese verstrubbelten, ungebürsteten Haare! Bei Boygroups z.B. weiß man ja, die mit den unordentlichen Haaren, das sind immer die, auf die man besonders aufpassen muss.

Geht es den kriminellen Elementen etwa am Ende um die Sparkasse an der Ecke gegenüber? Aber die hat noch gar nicht auf, das wäre doch blöd bei einem Überfall, müsste man erst die Tür wegsprengen, was ein Aufwand.

Ein Polizist und eine Polizistin, sie hat einen blonden Pferdeschwanz, er hat eine Durchschnittskurzhaarfrisur und keinen Bart. Er ist etwas größer als sie, sie sehen aus wie Herr und Frau Mustermannn in Uniform, im Grunde sehen sie aus wie ausgedacht. Stehen da und gucken hinterm Holzverschlag hervor wie zwei Figuren auf einer Illustration in einem Kinderbuch. Auf dem alten Einband von “Emil und die Detektive” stehen die Kinder genau in dieser Pose hinter einer Litfaßsäule, ich habe das gerade noch einmal nachgesehen, wirklich exakt so. Die Polizisten sehen aus wie zwei Nebenrollen aus der Fernsehserie Großstadtrevier, wie zwei Schauspieler im Theater, in einer modernen Inszenierung des Hotzenplotz vielleicht.

Die Passanten gehen dann irgendwann weiter, man kann ja um die Zeit auch nicht ewig warten, wer da nun was macht, man muss doch zeitig ins Büro oder wo man sonst so arbeitet. Man arbeitet jedenfalls nicht hinter hölzernen Fahrradgaragen, das machen nur die von Polizei und es hat ja Gründe, dass man einen anderen Job hat, die Entscheidung ist durch und lange her, für Detektivspiele ist es nun zu spät. Schon auch schade! Aber es steht dann morgen eh in der Zeitung oder im Internet, was da nun wieder war. Wenn es denn was war.

Und mir fallen natürlich schon wieder die Achtziger ein.

Irgendwo bellte ein Kind

Wenn ein Kind nachts wie ein alter Hofhund bellt, ist es am nächsten Morgen vermutlich krank, alte Regel. Das Home-Office übernimmt aber diesmal die Herzdame, ich fahre also wie immer ins Büro, und irgendwann endet sicher auch diese Virus-Saison. Die Etappen Magen-Darm und HNO haben wir hoffentlich in Kürze bald abgehakt, wobei wir Eltern diesmal gar nicht alles mitgemacht haben, vielleicht ist das alles daher gar nicht richtig gültig und geht in eine Wiederholungsrunde, man wundert sich über gar nichts mehr. Das Kind liegt vier Stunden etwas schlapp herum, steht dann geheilt wieder auf und will sofort zum Sport. Wir Erwachsenen würden da vermutlich drei Tage brauchen. Oder mehr.

In den Wetterberichten geht es derweil bemüht hysterisch um den “Arctic Outbreak” und den heranbrausenden “Tiefkühlhammer” aus Sibirien, um den “Frostschock am Wochenende”, man möchte ab und zu gerne beruhigend auf die Texter der Wetterschlagzeilen einwirken. Tatsächlich ist es draußen ein wenig frischer als sonst. Aber hey, es ist Winter.

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Im Büro mache ich jetzt auch wieder öfter Notizen mit der Hand, das soll ja mnemotechnisch total super sein. Ich finde das Schreiben mit einem Kugelschreiber aber ganz schrecklich, Bleistifte liegen mir auch nicht. Was nimmt man denn dann, wenn man nicht mit einem Füller schreiben möchte, was dann doch etwas affektiert wirken würde? Ich bin bei dem Thema irgendwie raus. Lesen hier so Schönschreibleute mit? Was nehmt Ihr für ein Schreibgerät, wenn es nicht so wertvoll wie ein Kleinwagen sein soll, aber doch möglichst gut?

Es ist übrigens ein wenig mühsam, sich wieder eine verbundene Handschrift anzugewöhnen, wenn man jahrelang nur so halb unverbunden mit eingestreuter Druckschrift geschrieben hat. Aber es geht! Und man schreibt dann natürlich deutlich schneller, also wenn man es geschafft hat. Die Herzdame übt währenddessen heimlich Sketchnotes, habe ich gesehen, die ist schon wieder weiter als ich. Schlimm.

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In der SZ ein Artikel über die Deutschen, ihren Autowahn und ihre Auto-Industrie. Er enthält zwar keine Überraschungen, wenn man sich für das Thema etwas interessiert, ist aber ein gut lesbarer Rundumschlag: “Der Autoexperte Stefan Bratzel beklagt die Abgehobenheit der Branche, kritisiert das jahrzehntelange Nichtstun der Politik – und erklärt, warum Autos für jüngere Menschen immer unwichtiger werden.

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Kürzlich belauschte ich ein Gespräch im Bus; zwei ältere Frauen sprachen über „diese jungen Ingenieure“. Die hätten ja zum großen Teil gar keinen Führerschein mehr, wunderte sich eine, und wollten den auch gar nicht machen; das hätte es früher nicht gegeben. Drei Kreuze, dachte ich; es besteht wieder Hoffnung.

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“Man darf einen Menschen nicht einfach verbuddeln.” Bei SPON geht es um die Beerdigung von Menschen, die keine Angehörigen haben, zumindest keine auffindbaren. Es ist zwar verdammt lange her, aber darüber habe ich auch schon einmal geschrieben.

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Garten-Update: Ich habe keine Ahnung, wie es im Garten aussieht, wir waren gar nicht da, denn vermutlich gibt es dort eh keine Neuigkeiten, der Bagger wird immer noch herumstehen. Aber auf unserer Fensterbank treibt der Salat aus der Anzucht in faszinierender Geschwindigkeit aus, ebenso der Wasserspinat. Die Chilis und die Zwiebeln warten wohl noch etwas ab. Aber langsam und zögerlich kommt da auch ein besonders mutiger Basilikum heraus und die Dahlie im großen Topf erwacht ebenfalls programmgemäß zu neuem Leben.

Ja, andere haben Dahlien, ich weiß, ganze Beete voll sogar, wir haben “die Dahlie.” Irgendwo muss man ja anfangen.

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Und der Musikclip des Tages kommt heute von Sohn I. Was junge Leute eben so hören. Verstörend.

Mathe, Tiere, Alice

Mathematik macht schlau, da geht es um das Image und den Nutzen der Mathematik. Das schlechte Image begegnet mir gar nicht mehr so oft, es ist mittlerweile schon ganz cool, auch in Mathe was drauf zu haben. Cooler als in meiner Jugend auf jeden Fall, da war Mathe nur etwas für ausgemachte Freaks, wer in Mathe gut war, der machte auch den obersten Hemdknopf zu, solche Typen. Allerdings wird heute zumindest am Anfang der Schule, in den Grundschuljahren, Mathematik auch sinnvoller gelehrt als damals. Die Söhne haben z.B. gelernt, Ergebnisse zu schätzen, das ist sinnvoll und sofort anwendbar. Wenn ich weiß, wie weit ich in einer Stunde gehen kann, dann weiß ich auch, ob ich zu einem Ziel, das 30 Kilometer entfernt ist, zu Fuß gehen will oder nicht. Ich weiß also, wie lange ich für den Weg in etwa brauche – und diese Info reicht ja erst einmal. In Hamburg kann man so etwas praktischerweise in Alsterrunden rechnen, das versteht jeder. Wenn ich weiß, was eine Tafel Schokolade ungefähr kostet, habe ich eine Ahnung, ob ich für zehn Euro eine oder zwanzig Tafeln oder irgendwas dazwischen bekomme, das klappt und hilft sofort weiter. Wenn ich Quadratmeter schätzen kann, weiß ich, wieviel Rasensaat ich für den Garten kaufen muss usw. Keinem der Söhne kommt Mathe bisher völlig sinnlos vor, davon bin ich ganz angetan.

Übrigens fiel mir neulich auf, dass heute schon Erstklässler ein recht genaues Verständnis von Prozentwerten haben, ganz anders als wir damals. Das kommt durch die Akku-Ladestandsanzeigen überall, die verstehen sie sehr gut.

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Auf dem gefrorenen Fleet vor dem Bürofenster liegen Taubenfedern, viele sogar, dazwischen blutige Reste eines Vogelkörpers und auch Knöchelchen. Welches Tier hier wohl auf dem schmutzigen Fleeteis Tauben reißt? Greifvögel in Hammerbrook, zwischen all den Büroklötzen, man kann es sich kaum vorstellen. Ratten? Möwen? Man müsste wie son Tierfilmer stundenlang aus dem Fenster sehen, die Kamera im Anschlag. Aber das fällt im Großraumbüro dann auch wieder unangenehm auf. Nix darf man, wie die Söhne sagen würden.

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Ich lese weiter im Echolot von Kempowski, eine anstrengende Lektüre, ich muss es zwischendurch etwas weglegen, weil die Inhalte kaum zu ertragen sind. Bei den Texten aus Leningrad geht es gerade auf das unvorstellbare Grauen der Belagerung zu – zwischendurch habe ich die Tagesschau gesehen, da geht es um die geplante Belagerung von Afrin. Der Mensch lernt vielleicht Mathe in der Schule, aber gesamt betrachtet lernt er gar nix.

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Endlich mal wieder Topinambur-Kartoffel-Pilz-Gulasch gekocht, ich habe vor Jahren einmal drüber geschrieben. Schmeckt super, auch im Wiederholungsfall. Ausdrückliche Empfehlung.

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Passend zum Eis überall gibt es heute Musik mit Russlandbezug. Das war damals, das waren die Achtziger und meine Güte, was fand ich die Dame schön.

Ein paar Jahrzehnte weiter singt sie es übrigens wie folgt. Sehr interessanter Vergleich.

Apropos Achtziger: Die Herren von Soft Cell geben ihr Abschiedskonzert. Und jetzt alle:

“Sometimes I feel I’ve got to

Run away I’ve got to

Get away from the pain that you drive into the heart of me

The love we share

Seems to go nowhere

And I’ve lost my light

For I toss and turn I can’t sleep at night.”

Lange her, nicht wahr.

Kalt, Schnaps, Triebe

Die morgendliche Kälte geht nicht nur mir, sondern auch anderen Leuten allmählich schwer auf die Nerven, man sieht es etwa daran, wie sie morgens in der S-Bahn gekleidet sind. Die tägliche Frage “Was ziehe ich denn heute an?” beantworten immer mehr offensichtlich einfach mit “Alles.” Und sitzen dann da mit einem spätwinterlich sturen Mir-doch-egal-wie-ich-aussehe-Blick, vergraben in Schals von Teppichformat, mit mehreren Jacken an und mit selbstgestrickten Mützen auf dem Kopf, die doch eigentlich längst aussortiert waren, zumindest sehen sie so aus. Die Dame mir gegenüber hatte gestern sogar einen dampfend heißen Tee dabei, das kommt natürlich öfter vor, allerdings hatte sie den in einem normalen, offenen Keramikbecher, aus dem der Teebeutel noch heraushing. Und das ist dann schon seltener, dass jemand den vom heimischen Frühstückstisch im Hinausgehen einfach so mitnimmt, weil der Mensch eben auch unterwegs etwas Warmes braucht. Aber irgendwie ist es auch recht stilvoll, den Becher da so stoisch durchs wilde Gedränge im Hauptbahnhof zu balancieren.

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Im Garten treibt trotz der Kälte die Fette Henne aus und ich habe irgendwo gelesen, dass man diese Triebe essen kann. Stimmt das? Aber wenn ich sie esse, dann habe ich ja keine Fette Henne mehr? Pflanzen die Menschen, die das essen, etwa extra welche für den Speiseplan an? Was es alles gibt! Egal, ich warte doch lieber auf den Löwenzahn. Oder was da sonst noch kommt. Giersch! Auf den ist Verlass. Noch ist kein Gemüse gepflanzt, noch steht der Bagger im Weg.

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Wenn ich demnächst einmal wieder im Heimatdorf der Herzdame bin und von da aus eher wirre Zeilen poste, es könnte daran liegen, dass meine geschätzte Schwiegermutter jetzt Spirituosen im Wohnzimmer verkauft. Man beachte im Text bitte die Verwendung des Begriffes “Schluck” für Schnaps, eine nordostwestfälische Spezialität, die ich sehr liebenswert finde.