Hilda (Werbung)

(Ein Text von Jojo Buddenbohm, elf Jahre alt)

Der Verlag Reprodukt hat uns vier Bände der Comicreihe Hilda von Luke Pearson zugeschickt (Deutsch von Matthias Wieland), die haben mein Bruder und ich gelesen.

Comicbände Hilda

In den ersten Bänden lebt Hilda auf dem Land und zieht dann später in die Stadt Trollberg. Es geht um Hildas Abenteuer, in denen sie immer neue Fantasy-Wesen trifft und sich meistens auch mit ihnen anfreundet. Die Wesen sind nicht gruselig, eher grimmig, auf den ersten Blick jedenfalls nicht unbedingt anziehend. Hilda versucht, den Wesen zu helfen, manchmal redet sie auch einfach mit ihnen. Die Geschichten haben aber keine Moral, die beim Lesen lästig wird.

Comicbände hilda

Die Zeichnungen sind sehr genau und gut, mit vielen tollen Details, der Stil der Zeichnungen ist auch ziemlich originell. Manchmal sieht es nach Erwachsenencomics aus, das finde ich gut.

Die Geschichten sind präzise erzählt und spannend, auch oft lustig, mein Bruder und ich haben die Bände sehr schnell durchgelesen. Die Geschichten sind sehr unterschiedlich, sie bestehen nicht nur aus Wiederholungen der gleichen Figurenmerkmale wie etwa bei Donald Duck.

Comic-Szene Hilda

Die Comics passen ab etwa acht Jahren und nach oben … naja. Meine Mutter fand sie auch gut. Und auch wenn die Titelfigur ein Mädchen ist, das ist ganz sicher kein Comic nur für Mädchen, nicht einmal besonders für Mädchen.

Comicszene Hilda

Zu den Comics gibt es auch eine Serie auf Netflix dazu, aber ich fand die Bücher viel besser, ich kann gar nicht genau sagen, warum das so ist.

 

 

So viele Töne

Wir haben einen neue Nachbarn. Bisher dachten wir, man würde in diesem Haus nie die Nachbarn hören, super Wände und Decken und so, jetzt müssen wir aber umdenken, den Herrn hört man. Vermutlich konnten die vorigen Bewohner der Wohnung einfach nicht so gut singen wie der, denn das zeichnet ihn aus, er singt. Laut und viel und gut, so gut immerhin, wie Sie und ich vermutlich nicht singen können. Also ich ganz sicher nicht, Sie wahrscheinlich nicht, denn wer singt schon gut, wer singt schon publikumstauglich, chorgeeignet, bühnenreif? So singt der aber. Zur Zeit singt er Weihnachtslieder. Dauernd singt er die, rauf und runter, er übt sicher für irgendwelche adventlichen Auftritte. Wenn ich gloria in excelsis deo auch nur summe, dann wird es tendenziell schnell peinlich, bei ihm höre ich mit dem Staubsaugen auf, höre durch die Wand zu und wundere mich. Was Menschen alles können! So viele Töne! Und alle an der richtigen Stelle!

Wie weit weg das von mir ist. Ich kann mir mühelos vorstellen, einen Tausendseitenroman zu schreiben, aber ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, vor anderen richtig zu singen.

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Acht Stunden Arbeit.

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Der Weihnachtsmann ist gar nicht fair. Oder nur ein wenig.

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Klimaschutz zum Mitmachen.

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Ich finde hier die Stelle mit dem Gullideckel sehr nachvollziehbar.

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Ich habe vorgestern über Ragoutfinpasteten (Königinpasteten) getwittert, an den zahlreichen Reaktionen sah ich, dass die wohl kein Mensch mehr macht. Daher sei es hier noch als Tipp für Eltern betont – die Dinger sind erstaunlich kinderkompatibel, versuchen Sie das ruhig mal. Milder Geschmack, seltsame Konsistenz, eigenartige Form, mehr Krümel als bei jedem Croissant, das ist doch was. Und man kann auch endlich mal wieder die Worcestersauce einsetzen, die aus ansonsten völlig unklaren Gründen ganz hinten im Schrank steht.

(Ich habe sie mit Huhn gemacht, etwa so)

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Die ganze Familie war im Kino, auf besonderen Wunsch von Sohn I gab es “100 Dinge”.

Ein Film mit ein paar zuverlässigen Lachern, um mir einen positiven Satz abzuringen. Doch, es gibt noch etwas Gutes zu vermelden, man kann nach dem Film prima mit Kindern über Konsum reden, das ist auch willkommen, schon recht.

Ansonsten ein Film für die Freunde des verfilmten Kalenderspruchs, um die moralische Tiefe des Werks kurz anzudeuten. Und er ist sicher auch empfehlenswert, wenn man selbstverliebte männliche Hauptdarsteller mit erstaunlichen Muskeln gerne nackt sieht. Und schließlich muss man ihn lieben, wenn man wie die Filmemacher davon ausgeht, dass befreundete Männer sich zwischen ihren rührseligen Kumpelmomenten immer mal wieder kurz prügeln müssen. Warum auch immer. Na egal, nicht meine Welt.

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Dialog beim Wecken im Kinderzimmer:

Sohn II: “Fass meine Decken nicht an! Jetzt hast du mir die ganze Gemütlichkeit hier versaumeiert!”

Ich: “Versaumeiert? Tolles Wort, kannte ich gar nicht.”

Sohn II: “Dann geh das doch verbloggen und lass mich hier in Ruhe liegen, verdammt!”

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In einem Kaufhaus in der Innenstadt steht ein Punk in der Damenstrumpfabteilung, es ist ein Punk alter Schule, mit Iro und allem, die sieht man ja heute kaum noch. Er steht vor einer ganzen Wand höchst damenhafter Strümpfe, die in Packungen mit kryptischen Bezeichnungen und unverständlichen Abkürzungen darauf stecken, sein Gesicht ist ein einziges Fragezeichen. Mit spitzen Fingern nimmt er eine Packung und liest, seine Augenbrauen erreichen Höhen, da kommen sie vermutlich nicht jeden Tag hin. Weihnachten kann herausfordernd sein.

Bei den Parfums steht ein bulliger Mann, der direkt von einer Baustelle kommt, zumindest lässt seine Kleidung samt Warnweste (nicht gelb, wie man jetzt wohl ergänzen muss) diesen Schluss zu, der ist wohl nur kurz zwischendurch mal rein, schnell ein Geschenk besorgen, dann geht es weiter mit dem Straßenbau oder mit etwas in der Art. Er steht vor einer ganzen Batterie von Flakons, Düfte für Frauen. Er besprüht seinen linken Arm, an dem er für diesen Zweck die Jacke bis über den Ellenbogen hochgeschoben hat. Er sprüht, riecht, überlegt einen Moment. Dann nimmt er den nächsten Flakon, sprüht, riecht überlegt. Dann macht er so weiter, von Oberarm bis Handgelenk besprüht er sich nach und nach, und er macht das sehr konzentriert, ernsthaft und zügig. Er wird nach dieser Aktion ganz außerordentlich und meilenweit rosa duften, denn er nimmt nicht gerade wenig von dem Zeug. Er hat schon nach zwei Flakons einen ganz routinierten Bewegungsablauf, würden da hundert Flakon stehen, er würde sie vielleicht alle abarbeiten, so sieht das aus – nur sein Arm wäre natürlich nicht lang genug, er müsste bald den anderen Arm und auch die Beine dazunehmen. Ein Mann der Tat und des planvollen Beschlusses. Weihnachten kann eine lösbare Aufgabe sein.

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Musik!

 

Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Alte Regel, frischer Schnee

Ich war mit den Nerven so runter, dass es weder zum Lesen noch zum Schreiben gereicht hat, jetzt ist es aber auch mal gut, let’s call it a year.

Ich habe noch eine Weihnachtskolumne zu schreiben, wofür ich aber erst noch stimmungsmäßig etwas beidrehen muss. Mal sehen, welche Hilfsmittel mir da noch einfallen und nein, Glühwein ist keine Option, Glühwein ist einfach nur furchtbar. Schnee würde mir vielleicht helfen. Es roch hier auch tatsächlich schon nach Schnee, was immer wieder erheiternd ist, weil der gewöhnliche Großstadtmensch ohne die geringste Bindung an die Natur plötzlich nach Feierabend witternd vor seinem Büroturm oder seinem Wohnklotz steht, die Nase wie ein Jagdhund in den Wind hält und von Wetterphänomenen murmelt, als müsste er gleich noch fliehendes Wild in der Tundra erlegen. Da kommt eine archaische Regung durch, da klingeln die rudimentären Neandertalergenreste, wenn wir Schnee riechen. Besonders klingeln sie natürlich, wenn wir den ersten Schnee des Winters riechen. Und es wird uns so, als müssten wir mit dieser Information etwas anfangen, Schnee, Schnee, es gibt Schnee, was machen wir denn jetzt? Wir denken eine Weile darauf herum, ein, zwei Atemzüge lang. Weil wir aber gut geheizte Wohnungen und Streudienste und Supermärkte und Winterreifen haben, machen wir doch einfach nur die Jacke etwas weiter zu und erzählen es dann dem nächstbesten Menschen, wobei wir vermutlich unbewusst nach uraltem Brauch den Stamm oder die Horde warnen. “Es riecht nach Schnee”, sagen wir kenntnisreich, jedenfalls sagen wir es dann, wenn dieser nächstbeste Mensch uns damit nicht zuvorkommt, denn wenn es nach Schnee riecht, dann sagen es sich mit großer Gewissheit alle Menschen gegenseitig, dass es nach Schnee riecht, alte Regel, also im Sinne von: uralte Regel. Und wir gucken kurz in die Wolken, als könnten wir sie lesen und deuten wie damals, als es darauf noch ankam. Wir fühlen uns für einen kurzen Moment so, als könnten wir ganz genau benennen, wann, wieviel und auf welche Art es schneien wird, gut fühlt sich das an, wir nicken ungeheuer vielsagend. Und aus uns nicken in diesem Moment tausend Generationen Erfahrung mit Schnee, das ist doch, wenn man drüber nachdenkt, auch ein wenig beeindruckend.

Für den Sonntag ist hier eine Schneeflocke in der Wetter-App, die riecht nach gar nichts.

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Musik! Ich mag die Gesichter im Publikum. Die Herzdame aber fragte: “Wer sind denn Peter, Paul and Mary?” und eventuell bin ich doch schon über hundert Jahre alt.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Forcierte Traulichkeit

Ich hole Sohn II abends von seinem Kumpel ab, der wohnt einen Stadtteil weiter. In einem Wohnblock, drei Etagen hoch, drei Eingänge breit, sind die Fenster aller Wohnungen geschmückt und mit Lichterketten beleuchtet. Glühschmuck aller Art hängt dort, was man in dieser Jahreszeit eben so nimmt, um die Gemütlichkeit und Traulichkeit der Abende zu forcieren, um der Dunkelheit etwas abzugewinnen. Da hat ein Nachbar es dem anderen nachgemacht und dann ist es etwas eskaliert, das kennt man. Nur die Fenster einer einzigen Wohnung sind gänzlich undekoriert, nichts ist an ihnen zu erkennen, nur ein schwacher Lichtschein aus der Wohnung dahinter. Auf dem Balkon zu dieser Wohnung steht ein Mann, es ist nur seine Silhouette in der Dunkelheit zu erkennen, danach ist er ein großer, kräftiger Typ. Der Mann raucht. Seine Zigarette leuchtet rot im Dunkeln, er steht und guckt, sein Blickfeld wird wohl vollständig vom Block gegenüber eingenommen, der sieht exakt so aus wie der, in dem er wohnt, in dem sind aber ausnahmslos alle Wohnungen irgendwie mit Weihnachtsschmuck versehen, leuchtende Rentiere, Schlitten, Sterne, Tannenbäume, alles. Zwischen den Blöcken ein nichtssagendes Stück Rasen, winterabenddunkel.

Als ich vorbeigehe, höre ich den Mann laut “Ha!” sagen. Das gilt nicht mir, er wird mich gar nicht gesehen haben, nehme ich an, das sagt er ganz für sich. So ein “Ha!” wie in “Hab ich’s doch gewusst!”, vielleicht auch ein wenig wie in “Nicht mit mir, Freunde!” oder auch wie in “Das wollen wir doch mal sehen!”, so ein ”Ha!” ist das, und mehr sagt er nicht. Die Silbe ist dem Klang nach gar nicht so einfach zu klassifizieren, wenn man dazu nur eine Silhouette auf einem Balkon sieht und einen kleinen, roten Lichtpunkt, der genau im Moment des Wortes allerdings recht energisch nach unten bewegt wird. Ich höre genau hin, noch als ich außer Sichtweite bin, aber da kommt nichts mehr nach. Es bleibt bei dem „Ha!“, das mich, so unter uns im Freundeskreis Küchenpsychologie, auch deswegen fasziniert, weil mir nach diesem Jahr gerade kein Grund für ein deutliches und auch nur halbwegs selbstzufriedenes „Ha!“ einfallen will. Ich wäre auch nach längerer Überlegung eher bei “Hä?”

Wir brauchen jetzt natürlich noch einen stimmigen, aber bitte möglichst friedlichen und dezembertauglichen Grund für diese aus dem Rahmen fallende Wohnung und ihren Bewohner, für das “Ha!” natürlich auch, denn der Mensch sucht Zusammenhänge, so ist er nun einmal.

Dafür reicht meine Zeit aber heute nicht, das denkt sich besser jeder selbst aus, Sie mögen doch Geschichten.

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Mit Stevensons Schatzinsel komme ich gut voran, gerade wird Long John Silver in die Handlung eingeführt und die Hispaniola sticht schon in Kürze in See. Dummerweise gibt es unangenehme Nebenwirkungen, denn im Vergleich mit Stevenson wirken Heines Reisebilder eher nicht mehr so süffig und lesbar. Viel mehr als einen weiteren Abend gebe ich ihnen nicht, dann müssen sie weichen. Der Sinn des Wiederleseprojektes ist es ja, nur die für mich wichtigsten und besten Bücher zu behalten, ungeachtet aller literaturgeschichtlichen Vorgaben. Und bis auf wenige Ausnahmen werden die bleibenden Bücher bei mir auch gut lesbar sein müssen.

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Haben Sie übrigens auch diese Meldung gesehen, die gerade durch diverse Medien gereicht wurde, die mit dem uralten Docht? Da hat man also einen Docht ausgegraben, 1.500 Jahre alt, in Israel war das. Einer der ältesten Dochtfunde weltweit, wobei ich bis zum heutigen Tag nie damit gerechnet hätte, jemals das Wort “Dochtfunde” zu schreiben. Schön, wenn das Leben eine noch überraschen kann! Der Docht, es geht noch weiter, pardon, besteht aus Leinenfasern und wurde eigentlich schon 1930 ausgegraben, aber jetzt erst richtig erkannt und -Moment! Nicht einschlafen! – das alles wurde also erstaunlich breit gemeldet, gipfelnd in der Aussage, dass dieser Docht nun in einem Museum ausgestellt wird, zusammen mit anderen Funden.

Sehen Sie bei diesen Zeilen auch schon die Schlangen der Besucherinnen vor sich, die geduldig am Museum anstehen, um einen Docht zu sehen? Einen Docht! Nein, den Docht! Je länger ich darüber nachdenke, desto besser wird es, ich möchte fast sagen, die Vorstellung erhellt meinen Abend. Wie kommt es denn bloß zustande, dass so etwas ziemlich prominent gemeldet wird, was läuft da? Wie viele Archäologen mag es weltweit geben, die fortwährend etwas ausgraben, und dann meldet man etliche Zeilen zur vergleichenden Dochtforschung. Was graben denn um Gottes willen die anderen aus, dass es noch langweiliger ist und also keine Zeile wert? Wie schafft es ausgerechnet diese Meldung in die Weltpresse? Man darf da allerdings nicht zu lange drüber nachdenken, sonst ist man ganz schnell bei der Frage, warum überhaupt welcher Text wo erscheint und es wird furchtbar tiefschürfend und grundsätzlich und man steht händeringend vorm Schreibtisch herum und wirkt albern theatralisch, das möchte man nicht. Denn ist es vielleicht eine einfache Frage, was überhaupt als Meldung ausgewählt wird? “Nein!” “Docht!” “Orrr.”

Falls Sie jedenfalls ab dem 24. Januar in Haifa sein sollten, das wollte ich nur sagen, nehmen Sie das hier bitte als Veranstaltungstipp. Den Sie nicht brauchen werden, schon klar, die Stadt wird ja doch mit Dochtplakaten zugegepflastert sein.

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Musik!

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Die Größe des Bösen

Öfter mal eine Schüssel für alle auf den Tisch stellen.

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Man wird unser Zeitalter anhand von Hühnerknochen nachweisen können.

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Loslassen.

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Ich habe beschlossen, beim Wiederleseprojekt etwas zu schummeln und mir einige Werke als Hörbuch vorlesen zu lassen, so gewinne ich durch den Arbeitsweg immerhin etwa 40 Minuten Lesezeit am Tag, da passt vieles hinein. Klaus Nägelen hat mir daher in nur zwei Tagen “Der seltsame Fall des Dr. Jekyll & Mr. Hyde” von R. L. Stevenson vorlesen können, das ist eines der Bücher, die ich tatsächlich alle paar Jahre mal lese. Das ist außerdem zum heutigen Stand meine Lieblingserzähung, die wurde in meinem Lieblingstonfall von meinem Lieblingsautor geschrieben, es ist für mich ein geradezu heimatliches Gefühl, die einleitende Beschreibung von Mr. Utterson zu lesen, hier zitiert nach der Ausgabe im Gutenbergprojekt:

“Der Rechtsanwalt Utterson hatte ein strenges, von tiefen Falten durchfurchtes Gesicht, das nie durch ein Lächeln erheitert wurde, kalt, kurz und verlegen in seiner Unterhaltung, zurückhaltend im Ausdruck seiner Gefühle; lang, dürr und schwermütig war er – und doch konnte man nicht umhin, den Mann lieb zu haben.

Unter alten Freunden, nach einem guten Diner, wenn der Wein ihm besonders schmeckte, strahlte etwas unbeschreiblich Liebevolles aus seinen Augen, etwas, dem er in seiner Rede nie Ausdruck zu geben vermochte, aber das sich oft und laut in seinen Handlungen aussprach. Er war streng mit sich selbst; wenn er allein war, trank er gewöhnlichen Gin, um seine Vorliebe für gute Weine abzutöten. Er war ein großer Verehrer des Dramas, doch hatte er seit zwanzig Jahren kein Theater besucht. Er hatte aber grundsätzlich eine große Duldsamkeit für die Schwächen anderer; er schien fast mit Neid das Ueberfließen von Temperament zu bewundern, das die Ursache ihrer Untaten war, und in allen Fällen war er geneigt, lieber zu helfen, als zu tadeln. »Ich folge Kains gottloser Ketzerei,« pflegte er in seiner eigentümlichen Weise zu sagen, »und lasse meinen Bruder seinen eigenen Weg zum Teufel gehen.« Daher kam es denn auch häufig, daß er die letzte und einzige anständige Bekanntschaft von verkommenen Menschen war; und diesen gegenüber bezeigte er, wenn sie ihn besuchten, auch nie die geringste Veränderung in seinem Wesen.”

Deutsch von Gisela Etzel.

Es ist eine außerordentlich fein konstruierte Erzählung, bei jeder neuen Lektüre bewundere ich wieder das Geschick von Stevenson. Während die meisten Menschen grob wissen, was es mit Jekyll & Hyde auf sich hat, haben vermutlich gar nicht mal so viele das Buch gelesen, dabei ist das ein wirklich erheblicher Spaß und der Herr Stevenson für mich einer der Erzähler schlechthin. Ich war erneut so verzückt, ich habe sofort danach wieder mit seiner Schatzinsel angefangen, es ist ganz und gar herrlich.

Eine Anmerkung zu Jekyll & Hyde noch. In der Wikipedia fand ich den Hinweis, dass in den zahllosen Verfilmungen des Buches der böse Hyde stets größer als Jekyll dargestellt wird, im Buch ist das umgekehrt. Aus Stevensons Sicht war das auch richtig so, Hyde musste schwächer entwickelt, jünger und kleiner als Jekyll sein, er hatte ja als verdrängte Persönlichkeit viel weniger Zeit gehabt, sich zu entwickeln und zur Blüte zu gelangen. Aber Stevenson ist in diesem Punkt ein korrigierter Erzähler, die Filmemacher haben durch die Bank erkannt, dass das Böse groß sein muss, um Angst zu machen, dass die Größe vollkommen untrennbar zu seiner Macht gehört und ein kleiner Hyde nicht zu vermitteln ist. Und ob bedacht oder unbedacht, sie haben so auch noch den Umstand verstärkt hervorgehoben, dass Verdrängung Monster gebiert – und Monster stellt man sich nun einmal nicht mager und schwach vor, fragen Sie ruhig mal das nächstbeste Kind nach präzisen Größenangaben, die Kinder wissen verlässlich Bescheid.

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Ich hatte mehrere Termine in einer Praxis für Radiologie, weitere liegen noch vor mir. Die waren in meinem Fall völlig harmlos, im Falle etlicher anderer Patienten aber unübersehbar überhaupt nicht. Alle Formen des seelischen und körperlichen Elends, weinende Patienten und Angehörige, da spielen sich Szenen ab, die so nah an den jeweils heiligsten Gefühlen und wichtigsten Gedanken der Betroffenen sind, solche furchtbaren seelischen Dramen, es gehört sich nicht, sie zu beschreiben, man möchte sich eher entschuldigen, überhaupt etwas gesehen zu haben.

Nur so viel, man möchte beim Rausgehen sofort ein besserer Mensch werden, weil das unvermeidbare Leid doch ganz gewiss schon für alle ausreicht, es kann gar keinen Grund geben, es noch durch vermeidbaren Varianten zu vermehren. So gehe ich nach diesen Besuchen jeweils zwanzig Minuten frisch geläutert durch die Straßen, bis ich schließlich doch wieder in die moralische Durchschnittlichkeit zurückfalle, die uns nun einmal alle unweigerlich auszeichnet.

Aber so ist der Mensch, ist er nicht?

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Musik. Heute mit etwas mehr Schwung. 

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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