Brote auf der Leine, Nudeln am Straßenrand

Einer der Obdachlosen am Straßenrand sammelt laut Pappschild für ein „Odachlosenspargelessen“, vermutlich ist es scherzhaft gemeint. Ein anderer kocht sich direkt vor dem Supermarkt auf einem Gaskocher ein Nudelgericht. Er rührt gerade im Topf, als ich vorbeigehe, und er hat alles so überaus ordentlich angerichtet und aufgereiht, das Kochgeschirr, die Unterlagen, das Besteck und auch das übrige Zubehör, so adrett, wohlüberlegt und durchsortiert sieht das alles aus, dass es auf den ersten Blick eher wie ein hipstermäßiges Outdoor-Event wirkt, nicht wie eine Szene der Armut. Und ich weiß natürlich, das täuscht. Wie es neulich auch ein Sohn bei der Suppengruppe festgestellt hat: „Die sehen ja gar nicht alle arm aus.“ Nein, das sehen sie in der Tat nicht. Das ist hier kein Buch von Charles Dickens mit malerischen Lumpen auf jeder Seite, auch die Armut wurde mittlerweile tiefgreifend modernisiert. Aber sie ist noch da, und sie wächst auch wieder oder noch.

Ich gehe Brötchen holen, ich lege den neulich erst gestiegenen Preis abgezählt auf den Holzteller neben der Kasse. Das reicht aber nicht, wird mir dann gesagt, der Preis ist schon wieder gestiegen. Nur um 5 Cent diesmal, aber so ist es jetzt wohl bei allem und dauernd.

Einer der südeuropäischen Gemüsehändler ein paar Häuser weiter hat Fladenbrote so unter die Markise vor seinem Laden aufgehängt, wie andere bei Partys Lampions aufhängen, können Sie sich das vorstellen? Einen Haken durchs Brot gezogen und auf die Leine damit. Es ist frisches Brot, sehr frisch muss es sein, denn es duftet meterweit, und wie gut das duftet, es riecht so dermaßen appetitlich nach warmem Brot, man möchte sich sofort eines vom Haken pflücken. Die beste Werbung, die ich an diesem Tag wahrnehme. Ich könnte schon wieder ein Fladenbrot essen, wenn ich nur daran denke. So ein Duft war das.

Ich gehe nicht in diesen Gemüseladen, ich gehe in einen Supermarkt. Ich gehe da rein, obwohl ich einen veritablen Hexenschuss habe und am liebsten überhaupt nichts machen würde, aber das tut eben auch weh. Manchmal gehen die Schmerzen beim Gehen plötzlich weg, deswegen gehe ich gewissermaßen experimentell, manchmal habe ich Glück dabei. Und wenn ich schon herumgehe, kann ich auch gleich einkaufen gehen. Immer nützlich bleiben! Die norddeutsch-protestantische Arbeitsethik werde ich in diesem Leben nicht mehr los, obwohl ich mit der Kirche so gut wie nie etwas zu tun hatte. Es ist einfach angeboren, es ist lübsch.

Aber schön ist das alles nicht. Ich finde es sowieso schon unerfreulich, wie viele Menschen neuerdings überall im Weg stehen, das wird wieder so ein Generationending sein. Uns wurde damals noch beigebracht, nur um Gottes willen nie im Weg zu stehen, heute ist das vermutlich anders, die Zeiten ändern sich. Aber gut, ich komme aus einer Glaserei, es war in meiner Kindheit wirklich nicht ratsam, im Weg zu stehen, und andere Menschen kommen eben anderswo her.

Mit Rückenschmerzen jedenfalls wird das Einkaufen für mich gänzlich unerträglich. Dauernd muss ich abbremsen oder ausweichen, weil da wieder jemand breit vor dem Brot steht und sich erst einmal länger besinnen muss. Da liegen bloß zwei Sorten Toastbrot vor ihm, wie lange kann ein Mensch denn bloß brauchen, um sich zwischen zwei Sorten Toastbrot zu entscheiden? Ich kann an so etwas verzweifeln. Ich denke nie lange vor dem Toastbrot nach, mache am Ende ich wieder etwas falsch? Sollte ich über alles länger grübeln? Vollkorn oder nicht, ist das hier die Frage?

Der Mensch vor mir merkt schon, dass ich da durch möchte, aber das beeindruckt ihn überhaupt nicht, denn er steht da ja und muss nachdenken. Man wird doch noch im Weg herumstehen dürfen! So guckt er. Gleich macht er sich noch breiter, das ist jetzt sein Platz und er denkt da erst einmal in Ruhe fertig. Immer mehr Menschen sind so, denke ich. Oder aber ich möchte immer dringender irgendwo durch, das kann natürlich auch sein. Ich möchte durch oder ich möchte weg, vielleicht ist es das.

Es fällt mir tatsächlich schon seit längerer Zeit auf, dass mir vermehrt Menschen so dermaßen selbstbewusst im Weg stehen, wie ich nie gewesen bin. Ich finde das fast kränkend, aber was soll ich machen, ich muss mich irgendwie damit abfinden. Ich umkurve also innerlich fluchend dauernd andere, die anscheinend ganz genau wissen, wo sie jetzt gerade hingehören. Das passt schon, wenn ich so darüber nachdenke, ich weiß es nämlich eher nicht.

Zuhause lernt die Herzdame mit einem Sohn Französisch. Das merke ich aber erst, als ich ebenfalls in das Kinderzimmer gehe um zu fragen, ob ich vielleicht Französisch mit ihm lernen soll, woraufhin die Herzdame sagt, dass wir das nun nicht unbedingt zu zweit, und da hat sie ja auch Recht. Ich hatte den Satz aber schon im Mund, als ich in der Tür stand, der musste also noch raus. Und der Sohn befindet freundlich, dass es für ihn ohnehin am besten sei, wenn ein Elternteil mit ihm lerne und das jeweils andere ab und zu so als Sidekick dazukommen würde.

Das mal als Ziel für Eltern festhalten! Verhalte dich stets so, dass du auch als Sidekick für den Partner oder die Partnerin brauchbar bist. Man braucht Leitlinien im Leben.

Der Sohn tippt dann später die unregelmäßigen Verben auf der ollen mechanischen Schreibmaschine ab, die ansonsten eher dekorative Zwecke im Flur erfüllt. Öfter mal das Tool wechseln, das kann helfen, solche Methoden kennt man auch aus der Kurzzeittherapie, und ich mag so etwas. Je vais, tu vas, il/elle va, ich bin mir nicht sicher, was ich davon noch könnte.

Aber dieser Sohn … Er sieht so aus wie ich in dem Alter. Er tippt seine Aufgaben auf einer alten Maschine, genau wie ich in dem Alter.

Er versteht gar nicht, wieso ich so seltsam gucke. Und ich stehe da und habe jetzt auf einmal nicht mehr den Geruch des Brotes vom Vormittag in der Nase, sondern den meiner Travemünder Schreibmaschine. So ein metallisch-öliger Geruch war das, nach Hausaufgaben und Deutschaufsatz roch das Ding, etwa 1982 war das.

Vermutlich stand da auch schon ein voller Aschenbecher daneben, aber ich muss den Söhnen auch nicht alles erzählen. Es war eine andere Zeit in einem anderen Land.

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Es wird schon geh’n

Die drei Obdachlosen vor dem Modegeschäft in der Fußgängerzone, die gemeinsam den Song „Ich will Spaß, ich will Spaß“ mitsangen, den einer laut auf einem kleinen, blechern klingenden Gerät abspielte, sie waren mit Abstand die vergnügtesten Menschen, die ich heute gesehen habe. Ihr grelles Lachen nach der Zeile: „Kost‘ Benzin auch drei Mark zehn – scheißegal, es wird schon geh’n!“ Halb lagen sie auf den Gehwegplatten, halb saßen sie da, und sie lachten und lachten, je indignierter die Passanten guckten, desto mehr.

Auf einem Stromkasten ein paar Meter weiter ein Aufkleber: „Lass deine Kryprowährung für dich arbeiten.“

„Deutschland, Deutschland, spürst du mich – heut‘ Nacht komm ich über dich“ – die Hände der drei Männer auf dem Boden wurden bei dieser Textstelle zum Himmel gereckt, einer hielt eine Bierpulle hoch, einer machte mit beiden Händen das Victoryzeichen.

In der Außengastro trugen die Bedienenden die Masken nach einer langen, langen Phase der Korrektheit mehrheitlich und wie verabredet wieder halbmast, denn in drei Tagen enden die Maßnahmen und was ist schon dabei.

An einer Hauswand stand: „Aufbau Kiew oder was“, und da weiß man dann nicht, wie man das deuten soll, wenn man es im Vorübergehen sieht. Ist es eine Kritik, ist es eine Aufforderung? Ich hatte keinen Rotstift dabei, ich hätte sonst ein strenges „Mehr Kontext!“ an den Rand gemalt.

An einen Ampelmast dagegen hatte jemand mit Edding nur „Ukraine“ geschrieben und darunter einen traurigen Smiley gemalt. Das ist doch eine klare und konsensfähige Botschaft, so gehört das.

Bei dem Kiosk im Bahnhof, der immer so bemerkenswert trendgerechte Dinge verkauft, gab es Pop-its in blaugelbem Design, die hatte ich noch nicht gesehen.

Das waren die Bemerknisse da draußen. Ich lese Jurij Wynnytschuk: „Im Schatten der Mohnblüte“, Deutsch von Alexander Kratochvil, hier eine Rezension dazu. Der Roman ist nicht eben einfach konstruiert, was für mich tendenziell ein Problem ist, da ich abends müde lese und also dauernd Anschlussstellen und Handlungslogik verpeile oder nicht weiß, auf welcher Zeitebene ich gerade bin, aber egal. Interessant ist es dennoch, empfehlen kann ich es auch.

Es ist sehr viel Lemberg in dem Buch, man kann etwas lernen.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 27.4.2022

Pardon, es war und ist gerade zeitlich einfach nicht zu lösen, die Tage sind nicht lang genug, es passt nicht mehr alles rein, irgendwas stimmt mit den 24 Stunden nicht. Verknappung, wohin man sieht.

Hier jedenfalls noch ein Nachtrag zur Wahl in Frankreich, naturellement direkt von unserer Korrespondentin aus Frankreich.

Sie erinnern sich vielleicht, ich hatte hier neulich diese Werbung für Not- und Ernstfälle erwähnt, und ich hatte dann nachfolgend auch den dazu passenden Artikel bei Christian verlinkt, in dem der Ernst der Lage vertieft wurde. Ich achte also gerade mehr auf die Anzeichen der Großkrise(n) im Alltag.

Auf Twitter wurde mir vorgestern eine vollkommen unironische Anleitung für das Packen eines Fluchtrucksacks in die Timeline gespült – mit allem, auch mit Stofftieren für die Kinder, Taschenmesser etc. Über mehrere Tweets wurde das verteilt, genaue Vorgaben waren es, von Expertinnenwissen begleitet. Ich finde es nicht wieder, ich kann es nur schildern.

Ich stelle das nur fest, ich bewerte nichts. Ich lese das nur so und murmele dabei vor mich hin: „Also ich bin auf gar nichts vorbereitet.“ Vielleicht ist es falsch, vielleicht ist es richtig. Zusammenfassend glaube ich aber im Moment: Wenn die Lage so eskaliert, dass ich einen Fluchtrucksack brauche, dann brauche ich auch keinen Fluchtrucksack mehr. Das klingt nur sinnlos, das ist aber ernstgemeint.

Na, was man heute noch so denkt.

Ein Aufkleber an einer Ampel: Stop Putin

 

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Bei Frau Brüllen kann man dagegen lesen, wie es ist, wenn man sich aufs Büro und auf die Kantine freut. Man beachte die Erwähnung der neuen Flexibilität. Ein Pandemiepausentext ist es, ein Text von den Krisen weg, das gibt es ja heute kaum noch.

Hätte meine Firma eine Kantine, ich ginge da vielleicht auch lieber hin.

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Was noch? Ich habe zum Mittag im Home-Office etwas grünen Spargel aus dem Ofen als Snack gereicht, in etwa nach diesem Rezept, aber eher vage. Tomaten kamen im Rezept nicht vor, statt Mozzarella lag hier Cheddar herum, aber generell – super Sache. Gerne wieder. Besonders wenn die Söhne nicht da sind und einem mit gewissen Blicken alles verderben.

Überbackener grüner Spargel

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 24.4.2022

Nachdem ich neulich gerade die krisenorientierte Werbung erwähnt habe, das Abhauen, die Notfälle, hier ein passendes Anlegestück von Christian: „Wann ist der Punkt um dieses Haus zu verkaufen und in ein möglichst autarkes Wohnmobil zu investieren? Wann ist der Punkt damit aufzuhören, einfach hier immer weiter zu machen und an dem Glauben festzuhalten, der Tausch meines Benziners gegen ein E-Auto würde irgendwie bestimmt alles gut machen?

In den letzten zwei Tagen habe ich keine weitere Werbung in der Richtung gesehen, aber ein Bemerknis gab es dennoch da draußen, und zwar im Hauptbahnhof, bei einem der Kioske im Unterbau des riesigen Gebäudes, im Getunnel – da kann man nämlich jetzt kaufen, was man wohl etwas bitter Ukraine-Merch nennen müsste. Schlüsselanhänger, Handyhüllen, Winkefähnchen etc. – alles in blaugelber Farbgebung. Und zwar in dem Kiosk, in dem es bei Beginn der Pandemie auch die ersten Stoffmasken gab – da passt jemand genau auf. Auch interessant, da mal öfter vorbeisehen und die Weltlage ablesen.

Die Flagge der Ukraine weht an einem Kirchturm

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Etwas über Venezuela

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In den regulären Foodblogs kreist immer noch der Bärlauch, aber es gibt im Moment noch ein anderes Kochthema. Es fing mit einem Twitter-Thread bei Miriam Vollmer an, es ging da um „radikal unmoderne Rezepte“ (hier entlang), mittlerweile greift es auch auf Blogs über. Man könnte es psychologisch deuten, man kann es natürlich auch lassen. Man kommt ohnehin nicht zum Deuten, man muss ja dauernd essen:

Dann fällt mir noch der Nudelsalat von früher ein, den ich auch häufiger zubereite, und den erst heute TochterJ schnell gezaubert hat. Hörnchennudeln, Dosenchampignons, ErbsenMöhrchen, früher Fleischwurst, heute ohne, Curry, SalzPfeffer, Miracelwhipp balance (sonst spielten beim Kochen bei meinen Eltern kalorienreduzierte Zutaten keine Rolle, keine Ahnung, weshalb das hier anders ist) etwas Essig und Öl, voila!

Siehe auch bei Frau Novemberregen: „Es gab mal so ein Gericht, das eine Freundin von mir aus Uni-Zeiten immer gemacht hat, wenn sie Besuch erwartete: Hähnchenfilet in Stücken anbraten, mit einer Dose „Tropischer Fruchtcocktail“ ablöschen, gar ziehen lassen und einen Becher Schmand unterrühren. Würzen mit Pfeffer, Salz, evtl. Currypulver, dazu Reis.

Plötzlich Hunger. Hm.

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Excellensa greift den selten bekloppten Satz von Schröder auf, I don’t do mea culpa, wozu ich eine Erinnerung ergänzen möchte. Als ich anfing in einem Büro zu arbeiten, 1987 war das und ich habe es seither versäumt, die Firma zu wechseln, gab es da eine Chefin mit einem äußerst stabilen Ego und einer Gutsherrinnenart, die mir in den Jahren danach lange nicht mehr so begegnet ist (heute wird sie allerdings in Business-Kreisen wieder modern, fürchte ich.) Die hatte mal gegenüber einer Angestellten fürchterlich Unrecht und tat das dann schließlich ab mit einem Satz, den ich mir bis heute gemerkt habe: „Entschuldigungen sind nicht mein Stil.“ Lange, lange habe ich darüber nachgedacht, wie man bloß so werden kann.

Im Grunde habe ich nie aufgehört, darüber nachzudenken.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 21.4.2022

Frau Novemberregen über Krümel auf dem Küchenfußboden in den Zeiten großer Krisen.

Apropos große Krisen. Es ist insofern ein bemerkenswerter Tag, im Chroniksinne unbedingt festzuhalten, als mir heute zum ersten Mal großkrisenorientierte Werbung angezeigt wurde, auf Facebook war es. Da wurde eine überdimensionierte Powerbank beworben, um Notebooks etc. zu betreiben, und der Verwendungszweck war da so halb unschuldig mit „Für Camping und Notfälle“ beschrieben. Also für den Fall, dass man abhauen muss, dass das Haus weggespült wird, dass Putin kommt, dass alle im Umspannwerk Corona haben, was auch immer. „Für Camping und Notfälle“, ich lasse mühsam beherrscht den Witz aus, dass auch Camping ein Notfall ist. Egal. So also fängt es an. Morgen dann vielleicht schon die Werbung für Einmannpackungen, kugelsichere Westen und anderes Zubehör irgendwo zwischen Pfadfinder, Partisan, Prepper und MacGyver. Ich bin gespannt.

Und für den Freundeskreis Paranoia: Nach diesen Zeilen gehe ich auf eine beliebige Website und denke noch, ich gucke mal, was da jetzt für Werbung ist, am Ende fügt sie sich nett in den Kontext. Und was kommt? Eine Versicherung mit dem Slogan: „Was auch passiert. Wir sind für dich da.“

Ein Plakat in einem Fenster der Kunsthalle: Make art not war

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Hier noch eine Fortsetzung aus Frankreich.

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Tulpen, Erdbeeren, Italopop

Der Montag ist ein Dienstag, deswegen ist morgen schon übermorgen. Ich bin terminlich leicht verwirrt, zerlege mir gekonnt den Kalender und mache morgen daher mehrere nicht zusammenpassende Dinge gleichzeitig. Egal, irgendwann ist Freitag, dann renkt sich das wieder ein.

Ich arbeite im Home-Office. Ich mache das mit offenem Fenster, das ist auch eine Saisoneröffnung. Anfenstern, siehe Anspargeln, Angrillen etc. Zwischendurch gehe ich raus, es ist weiterhin frühlingshaft und verlockend. Der Bettler vor dem Drogeriemarkt hört lauten Italopop aus den Achtzigern, und ich erkenne im Vorbeigehen sogar, was da läuft. Ricchi e Poveri hört er, während Passanten ihm Geld zuwerfen, wie passend ist das denn. Mamma Maria hieß der Song, 1982 war das. Der hing als Ohrwurm damals etwa ein Jahrzehnt fest. Grauenvoll.

Schrift an einer Laterne: Wer hat, der gibt

Vor dem Drogeriemarkt steht jetzt der saisonale Aufsteller mit Straßenkreide und Strandspielzeug, die Kinder müssen wieder gelüftet werden.

An einer Ecke das erste Erdbeerbüdchen, es ist noch geschlossen. Ein Zettel verweist auf den Mai. Die große Magnolie verliert ihre Blütenblätter, die bei Bodenkontakt sofort furchtbar hässlich werden, ein abstoßender Brei auf dem Weg, Unfarben, brauner Schmodder. Und wie schön war das da oben.

Vor einem Restaurant sitzt eine Frau in der Sonne und sagt: „Das ist dann Visual Merchandising.“ Der Mann ihr gegenüber sieht sie an und sagt: „Ja.“

Am Weg liegen die Pappmöbel. Ich habe schon mehrfach erwähnt, dass im Laufe der letzten zwei Jahre deutlich mehr Obdachlose im Stadtteil aufgetaucht sind, viel mehr als je zuvor. Sie schlafen unter, auf, in und zwischen Kartons und schützen sich mit kaputten Regenschirmen und zerschlissenen Schlafsäcken vor dem Wind, sie liegen in Hauseingängen, in Durchgängen, vor dem Kirchenportal, wir haben hier teils auch möblierte Straßenränder. Jemand hat heute Tulpen auf die Kartons gelegt, überall. Je zwei, drei welke Tulpen pro Karton, es sieht sehr traurig aus und war vielleicht doch gut gemeint. Was weiß man schon.

Vor einigen Restaurants stehen Schottertöpfe. Die sind das urbane Pendant zu Schottergärten, die es hier in der Stadtmitte natürlich nicht gibt. Aber die nett bepflanzten Blumentöpfe, die hier früher die Außenflächen der Cafés etc. begrenzt haben, die hat man nach zu viel Vandalismus gegen Schottertöpfe getauscht. Weiße Kiesel in Blumentöpfen, manchmal steckt auch noch eine blassgrüne Plastikpflanze drin, und der routinierte Großstadtmensch ist so symbolkundig, dass er da vorbeigeht und gleich denkt: „Ach guck, Gartenambiente.“ Und dann setzt er sich dahin, neben so einen mit Steinchen gefüllten Blumentopf, und entspannt sofort und tief. Terrassenfeeling, summer in the city

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Ich lese Die Zimtläden von Bruno Schulz. Er kam aus einer Stadt, die heute in der Ukraine liegt, wirkte aber im polnischen Kulturraum. Gucken Sie mal, wie das Buch anfängt: „Im Juli fuhr mein Vater alljährlich ins Bad und gab mich samt der Mutter und den älteren Brüdern den weißglühenden und betäubenden Sommertagen preis. Wir blätterten, verrückt vom Licht, in dem großen Ferienbuch, dessen Blätter sämtlich vor Hitze brannten und auf ihrem Grund den bis zur Ohnmacht süßen Matsch goldener Birnen hatten.“ Ist das schön? Ich denke doch. Die deutsche Übersetzung ist von Josef Hahn.

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Ich höre ein Buch von Thomas Hüetlin: Berlin, 24. Juni 1922 – Der Rathenaumord und der Beginn des rechten Terrors in Deutschland. Das ist ein definitiv in unheimlichster Weise aktuell wirkendes Buch. Hier eine Rezension zum Buch. Ich zitiere daraus: „ … und wenn man einmal mit diesem blendend erzählten Buch angefangen hat, liest man es in einem durch. Es erzählt von Menschen, die nicht mehr leben und nur noch wenigen bekannt sind, aber es betrifft das Publikum des Jahres 2022 unmittelbar. Da ist die Koalition der Feinde der parlamentarischen Demokratie mit ihrem offenen Hass gegen Vertreter der Politik, des Staates und des öffentlichen Lebens. Da ist das schon in Weimar aktive Querdenker-Milieu, auch diese irrsinnige Trägheit bei der strafrechtlichen Verfolgung von rechter Gewalt, die Neigung, das Thema kleinzureden: Einzelfälle, Alkohol, verwirrte junge Leute. Da ist der fatale Mechanismus, die Schuld für rassistische und antisemitische Anfeindungen bei den Opfern zu suchen: Hätten sie sich mal besser integriert! Wären sie mal nicht so frech!

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Constantin Seibt über Putin, den Krieg und die Lage.

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Drei Tiere unserer Heimat

Immer das Gefühl, ich müsste, wenn ich aus Hamburg fahre, auch aus der Nachrichtenlage fahren. Aber dem ist nicht so. Ich nehme sie mit, die Nachrichtenlage, auf dem Smartphone, auf dem Computer, ich kann das Ohr jederzeit an die Geräte halten und die Nachrichtenlage rauschen hören.

In Nordostwestfalen steht der Raps auf den Feldern und blüht schon sattgelb, darüber der maienhaft blaue Himmel: Ukraine. Gegenüber vom Feuerwehrgerätehaus weht eine Fahne: Ukraine.

Die Menschen reden auch hier vom Krieg und von der Teuerung. Preisabenteuer werden erzählt, was wo wieviel kostet. Ich fahre zu einer Gärtnerei, ich will vorgezogene Gemüsepflanzen kaufen, ein Kunde dort sagt: „Dieses Jahr nehmen wir mehr Tomaten, die werden bestimmt noch viel teurer.“ Seine Kinder suchen die Sorten aus, es gibt also etwas mit „Schoko“ im Namen.

Ich lese John Steinbeck, Logbuch des Lebens (Deutsch von Henning Ahrens). Ich denke, ich muss mal was anderes haben. Irgendwas ohne Nachrichten. John Steinbeck schreibt, dass der Mensch wie die Languste sei, er sei zwar prinzipiell ohne Aggression und Krieg vorstellbar, er müsse nur vorher erst etwas mutieren. Man könne ansonsten beobachten: „dass sich die Mordlust des Menschen ebenso regelmäßig Bahn bricht wie seine unterschiedlichen sexuellen Bedürfnisse.“ Es läuft nicht so gut mit der Ablenkung.

An der Landstraße immerhin blühen die alten Apfelbäume üppig, wie weiße Wölkchen am Stiel sehen einige aus. Im Feld dahinter ein Storch, ein Reh, ein Hase, wie in einem Suchbild für Grundschulklassen wurden sie arrangiert, finde drei Tiere unserer Heimat.

Auf der Laterne über der Straße sitzt ein Greifvogel, guckt und hat Zeit.

Wir fragen die Söhne, ob wir Ostern noch Eier verstecken sollen. Nein, sagen sie und lachen. Dann überlegen sie und sagen: „Vielleicht doch.“ Oder nicht? Es ist so an der Grenze.

Nächstes Jahr nicht mehr, man wächst da irgendwann raus.

Es gibt Kaffee und Kuchen im Garten, man kann endlich draußen sitzen. Oder nicht? Es wird im Wind und im Schatten schnell kalt von unten, es wird in der Sonne schnell warm von oben, es ist auch so an der Grenze. Pfauenaugen flattern vorbei. Ein Mensch führt langsam ein Pferd über einen Weg und die Herzdame sagt: „Ein Pferd.“ Es macht uns Stadtmenschen aus, dass wir „Ein Pferd“ sagen, wenn wir ein Pferd sehen.

Am Feldrand Löwenzahn und Taubnesseln, tausendfach. Die Stachelbeeren sind schon verblüht, der Rhabarber vom Urgroßvater der Söhne lebt immer noch und treibt aus. Kompott hätte es bald bei ihm gegeben, nehme ich an.

Wir bekommen Geschirr aus Altbeständen für die Laube geschenkt. Der gerade erst erwähnte Begriff Grandmacore scheint mir deutlich zu passen, ich finde das ganz hervorragend.

Altes Geschirr

Jemand fragt uns, was er als Tourist in Hamburg machen könne. Wir haben keine Ahnung, wir wohnen da ja nur. Wir überlegen etwas, was machen wir eigentlich so? Dann fällt uns erst ein, dass wir seit zwei Jahren nichts gemacht haben, dass wir nur zu viel zu tun hatten und Pandemie.

Als wir neulich auf Eiderstedt waren, sind wir zum Westerhever Leuchtturm gefahren, wie wir es immer machen, wenn wir dort sind. Wie es alle machen, wenn sie dort sind, es ist einer der nordfriesischen Momente schlechthin. Abends haben wir das dort einem Einheimischen erzählt, der beiläufig sagte: „Ach, der Leuchtturm. Da war ich noch nie. Zu so etwas komme ich immer nicht.“

Ich mache Mittagsschlaf, eine Katze legt sich zu mir. „Macht zwei, drei, viele Mittagsschläfchen“, denke ich, und die Katze schnurrt. Die Söhne hacken Holz auf dem Hof. Sie machen es in einem gewissen Rhythmus, man kann sehr gut dabei einschlafen.

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Mittwoch, Wallungen

Ein Frühlingstag, fast ist es schon ein Sommertag, es geht alles etwas schnell und hopplahopp. Die Kastanie ein paar Häuser weiter ist auf einmal üppig ergrünt, und ich könnte schwören, das war sie doch gestern noch nicht. Dieses Grün wirkt wie angeknipst, das kann sich unmöglich langsam entfaltet haben. Reichlich Deko ist da auf einmal über Nacht, mach das mal alles sommerlich da, hat die Natur gesagt. Das unübersichtliche Menschengewimmel in der Außengastro, Gesichter in der Sonne, es werden noch mehr und noch mehr Stühle rausgetragen. Neue Mode trägt man unübersehbar, der ganze Stadtteil sieht frisch eingekleidet und ausgestattet aus. All diese Sachen, die heute zum ersten Mal getragen werden, alles sieht so gebügelt, faltenfrei, leuchtend und farbfrisch aus, und wie sie alle im Vorbeigehen ihr Spiegelbild in den Schaufenstern prüfen, das Wippen der neuen Sachen und der Frisur. Sehr junge Männer mit sehr lauter Musik in Cabrios, das auch wieder.

Am Straßenrand jetzt hier und da der blühende Löwenzahn, ein gelbes Leuchten aus Steinritzen, summer in the city. Spatzen mit Nistmaterial in den Schnäbeln fliegen herum, dermaßen schwer beschäftigt, da kommt kein Workaholic gegen an.

Vor dem Bürohaus, in dem die besonders strammen Consultingmenschen arbeiten, in deren Offices auch nachts und am Wochenende immer noch Licht brennt, steht eine junge Frau und dreht den Nacken und hält ihn in die Sonne, ach, diese Verspannungen! Die Sechzigstundenwoche macht sich doch bemerkbar. Und ihr Kollege fragt, ob er nicht einmal, und dann sagt sie tatsächlich ja und er drückt beflissen seine Zigarette aus und massiert. Sie rollt die Augen und schnurrt, und er erklärt, was er da Tolles kann, so eine spezielle Massagetechnik, die hat er mal gelernt, sagt er, und sein Kollege neben ihm guckt etwas sparsam, der hätte sicher auch gerne einmal.

Auf dem Spielplatz sehe ich am frühen Abend das erste Liebespaar der Saison, sie treten schon dermaßen innig knutschend auf, dass sie dabei kaum geradeaus gehen können. Stolpern da kichernd durch den Sand und dann bleiben sie vor dem Spielhäuschen stehen. So ein Spielhaus für kleine Menschen, etwa für Dreijährige. Zwei von denen passen da rein und können dann Haus spielen, also rausgucken und andere nicht reinlassen und aus dem Fensterchen winken zum Beispiel. Er zeigt auf das Haus und sie lacht auf, sie bückt sich, sie sieht rein, sie lacht wieder. Dann schüttelt sie aber den Kopf, ist sie ein Schlangenmensch oder was. Er beugt sich da testweise rein, ob man nicht doch, es würde einen ja immerhin keiner sehen, da drinnen. Er zieht probehalber von halb drinnen an ihrem Arm und sie zeigt ihm einen Vogel, und dann küssen sie sich wieder vor dem winzigen Häuschen, dass es eine Art hat, und sie drücken sich die Luft ab, so sieht es jedenfalls aus. Verschmelzungsküsse, und die Körper der beiden wollen so unübersehbar zueinander, aber wo, aber wo denn bloß. Unter der Rutsche geht es auch nicht, und die Büsche ringsum sind doch noch nicht belaubt genug. Sie gehen sich küssend weiter, sie bleiben alle paar Meter stehen und umschlingen sich neu, und ich hoffe für sie, dass sie etwas finden, denn es ist einigermaßen dringend, das sieht man.

Auf meinem Balkon prügeln sich währenddessen zwei Spatzen um einen langen Halm, der gut in ein Nest passen könnte. Den hat der eine zuerst gesehen, was der andere allerdings nicht glaubt, denn er war doch vorher da, und er hat ihm deswegen gleich angeboten, dass er auch ein paar auf den Schnabel bekommen könnte, und das klären sie jetzt aber mal gründlich, dass die Federn nur so fliegen, und es werden dabei Beleidigungen getschilpt, dass die Ringeltauben im Holunder gegenüber indignierter gucken denn je.

Die beiden Liebenden auf dem Spielplatz gehen ab und ein Mann tritt auf, der einen so schlurfenden Gang hat, dass man gleich sieht, der ist stimmungsmäßig nicht unproblematisch. Er wirkt nicht betrunken, das nicht, aber doch irgendwie reichlich angeschlagen, und wenn man sich einen todtraurigen Gang vorstellen kann, dann geht er so. Er hat ein Gerät dabei, das ich von oben nicht sehen kann, aber es macht jedenfalls laut Musik, das kann ich hören, er beschallt den ganzen Platz. Er geht langsam, er geht mit gebeugtem Rücken und hängendem Kopf, er geht enorm belastet durch diesen so sommerlichen Abend und er hört „Woman“ von John Lennon, das Lied ist mir seit Ewigkeiten nicht mehr begegnet.

„Woman, I know you understand the little child inside the man. Please remember, my life is in your hands.“

Und wenn sein Leben in ihrer Hand ist, dann gibt es da, soweit man es als Außenstehender und nur von oben und vom Balkon Betrachtender annehmen kann, ein kleines Problem.

Vielleicht sollte er auch mal eine spezielle Massagetechnik lernen. Oder so.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 14.4.2022

Bei Croco geht es um Vorräte: „Wo sollte ich da größere Vorräte anlegen? Im Keller? Und dann vergesse ich sie bestimmt. Ich muss Dinge sehen, sonst sind sie verschwunden, für immer.

Dem kann ich mich anschließen. Ich habe keine oder kaum Vorräte, nichts was ernsthaft wochenlang reichen würde, ich habe nicht einmal eine Kolumne auf Vorrat, das sagt ja schon alles. Ich erinnere mich noch mit Heiterkeit daran, dass in der ersten Corona-Mehlkrise das Zeug hier immer noch im Stadtteil verfügbar war – man musste nur ein paar Meter weiter in die Läden gehen, in die die deutsche Mehrheitsgesellschaft eher nicht so häufig geht, und bekam dann noch so einen verschwörerisch kumpelhaften Blick an der Kasse kostenlos dazu. That was easy!

Davon abgesehen habe ich den starken Verdacht, nein, eher die Gewissheit, dass die unbeholfenen Versuche des Preppens bei vielen, vielen Menschen irgendwann schlicht zu Mehlmotten, abgelaufenen Dosen und letztlich weggeworfenen Lebensmitteln führen werden. Aber beim Einräumen der Regale haben sie sich kurz gut gefühlt, doch, doch.

Dieser kollektive Verknappungswahnsinn übrigens wird auch in einem Buch erklärt, das ich gerade höre. Ein Buch, das ich als nützlich empfinde, weil es schön Gedanken ordnet und all das, was man schon weiß oder wenigstens immer geahnt hat, noch einmal sauber durchsortiert und angenehm verständlich aufbereitet: „Konsum – Warum wir kaufen, was wir nicht brauchen“ – vielleicht ist es auch das passende Buch zur gerade eintretenden Teuerung. Von Carl Tillessen ist das Buch, eine Empfehlung ist es, denn ich finde es erhellend, zumindest den ersten Teil. Man rutscht beim Lesen aber schon wieder unwillkürlich etwa nach links, gucken Sie lieber vorher, ob da überhaupt noch Platz ist.

Eon Spruch auf einem Geländer am Bahnhof: No war but class war

Wobei der Umstand, dass viele Menschen ihren Konsum gar nicht ändern können, dass viele Menschen schlicht zu arm für Auswahl und Alternativen sind, auch in diesem Buch eher keine Rolle spielt.

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Bei Vanessa geht es u.a. um die ebenfalls gerade im Preis steigende Gutebutter, die von meiner längst verstorbenen Großmutter noch regelmäßig als ihr Lebenselixier bezeichnet wurde. Butter und Speck, diese beiden. Ich verwende beides eher nicht beim Kochen, das hätte sie komplett ratlos zurückgelassen. Kindheitserinnerung, wie sie am Tisch neben mir Speck schneidet und mir ab und zu ein Stück rüberschiebt: „Iss!“ Speck schmeckt und riecht nach Oma, und schlecht ist das nicht. Auf Tiktok begegnete mir neulich der Begriff „Grandmacore“, nicht zu verwechseln mit Cottagecore, und was das ist, so denke ich, das hätte ich meiner Großmutter nicht erklären können.

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Dienstag, Garten

Ich fahre mit dem Rad in den Garten, ich will Rillen ziehen und Samenkörner versenken. Radieschen, Zuckererbsen, dicke Bohnen, so etwas. Speisezwiebeln stecken, das auch. Ich bin spät dran, ich bin spät im Jahr wie nie. Das Wetter war speziell, die Terminlage war speziell, es wird generell nicht so einfach mit dem Garten in diesem Jahr. Aber auf der kleinen Weide neben den Hochbeeten sitzt zuverlässig die Heckenbraunelle und singt, während ich in der Erde wühle, und dafür kann man auch mal kurz in den Garten radeln, dafür lohnt es sich doch. Heckenbraunellen sind stark unterschätzte Vögel, so ein wunderbarer Gesang. Weiter hinten singen Rotkehlchen und Kohlmeise, die sind auch nett, aber die Heckenbraunelle! Weit vorne.

Die Hecke, die wir neulich gepflanzt haben, macht Blättchen, das sieht alles gut aus, vivat, crescat, floreat. Die Pflaume blüht, die Birne und die Äpfel blühen demnächst, die Kirschen bereiten gerade noch etwas Dickknospiges vor. Eine rote Tulpe leuchtet im Beet. Die Blutjohannisbeere gibt auch schon mit roten Accessoires an, der Edelflieder macht wieder etwas mit Lila und die Purpurmagnolie unternimmt einen zweiten Versuch nach den herben Verlusten im Sturm, im Schnee, im Hagel.

Eine Pflaumenblüte in unserem Garten

Ich führe mit der Pfingstrose schon einmal das routinemäßige Gespräch über Pünktlichkeit, in dem ich aber auch deutlich mache, dass meine Hoffnungen nur noch begrenzt sind, nach den Erfahrungen in den letzten Jahren. Saumselig, das Wort habe ich lange nicht mehr benutzt, dabei ist es ein schönes Wort. Auch mal bei den Söhnen verwenden!

Die Herzdame macht währenddessen emsig die Biotonne voll, denn zu ihren großen Ängsten gehört die Vorstellung, dass Mülltonnen abgeholt werden könnten, ohne randvoll zu sein und dass, meine Damen und Herren, ist heutzutage eine schön entspannte Angst, und vielleicht auch schon selten geworden.

Ich streue noch Kompost in die Beete, ich liebe Kompost. Kompost ist tröstlich. Hatten Sie mitbekommen, dass man jetzt auch selbst nach dem Ableben zu Kompost werden kann? Mit dem äußerst einladenden Werbetext „Werde Erde“. Das spricht mich an. Hier ist das. Ich stelle mir das vor, also ohne es besonders eilig damit zu haben, aber ich stelle es mir doch vor, ich finde es ungeheuer anziehend. Und dann, wenn man schließlich Kompost geworden ist, dann, und da muss man bitte einmal ernsthaft drüber nachdenken, dann wird man endlich, endlich – nach all den Jahren! – sinnvoll eingesetzt. Wie schön wird das denn.

Im Supermarkt jetzt der Spargel, im Wetterbericht etwas mit über zwanzig Grad. Atemlos durch das Jahr.

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