Bemerknisse aus der Bandscheibenwoche

Ich soll also nicht sitzen, ich soll liegen oder gehen. Ich gehe weisungsgemäß herum. Viel. Beim Friseur um die Ecke steht eine Trockenhaube am Fenster. Mir fällt zum ersten Mal auf, dass da groß „Voyager“ draufsteht. Ist das nicht schön? So ein statisches Gerät, so ein in die Ferne weisender Name. Setzen Sie sich hin, dann sind Sie weg. Gefällt mir.

Den einen Tag gehe ich zu Fuß in den Garten. Da ich keine Gartenarbeit machen kann, besehe ich mir da alles nur ein wenig, danach gehe ich zurück. Dann ist der Tag auch schon vorbei. Wie langsam man werden kann.

Sowohl hier auf dem Balkon als auch im Garten, im Geäst der immer noch leuchtrosablühenden Tulpenmagnolie, sitzen wieder Amseln. Nach dem großen Amselsterben sind es die ersten, die mir wieder etwas vorsingen, und wie schön das ist, es hat doch gefehlt. Die Magnolienamsel guckt, was ich im Garten mache. Sie legt den Kopf schief und wartet ab, was steht der da nur so herum? Macht der was? Gärtner machen doch sonst immer was? Macht der vielleicht gleich noch was, wobei am Ende ein Wurm auftaucht? Das mal abwarten. Ganz genau besieht die Amsel sich, wie ich da sinnlos herumstehe. Plustert sich einmal auf, macht sich wieder schlank und geht etwas tiefer in die Hocke, also wenn du da nur so stehst – ich kann das auch. Und dann guckt sie und wartet wippend. Vögel sehen dich an. Vorne auf der Weide die Heckenbraunelle, singend. In der Hecke randaliert das Rotkehlchen, im Weißdorn toben die Meisen. Oben in der Birke sitzt auf schwankendem Zweig eine ungeheure Rabenkrähe, durch den Ginster stiebt hastig der Eichelhäher, da funkelt es bunt im Vorbeiflug.

Die Äpfel, die Birne, die Kirschen, die Pflaume, alles blüht. An den Stachelbeeren, an den Heidelbeeren, an den Johannisbeeren schon die grünen Früchte. Auch winzige Erdbeeren gibt es, noch keine Spur von Farbe haben sie, Anfänge sind es erst. Der Rittersporn nimmt großspurig Anlauf für den großen Auftritt. Die Maiglöckchen sind pünktlich in Paradestellung angetreten. Dazwischen überall die Knoblauchrauke, die im letzten Jahr Pause gemacht hat.

Die Radieschen kommen, die Zuckererbsen, die Zwiebeln. Der Liebstöckel steht da als Hochbeetherrscher, mit ausgeprägtem Interesse auch am Nachbarbeet. Die ersten Kartoffelblätter kommen, und da steht noch junger Kohlrabi, den die Schnecken bisher nicht gefunden haben.

Vergessener Mangold aus dem letzten Jahr treibt wieder aus, die schönsten Stiele weit und breit. In frischer Farbe leuchten sie, irgendwas zwischen Pink und Lila, psychedelisch rauschhaft, solche Farben kann es an Pflanzen gar nicht geben.

Der Rasen dagegen wird allmählich dürregelb, es regnet immer noch nicht.

Ich habe einen Arzttermin in Harvestehude und stehe da an einer Ampel und lache, weil es so komplett absurd ist, wie sich hier von Stadtviertel zu Stadtviertel die Mode unterscheidet. Wie drastisch das abweicht, was im Alltag getragen wird. An dieser Ampel drei Männer, etwa zehn, fünfzehn Jahre älter als ich werden sie sein. Vom Typ her – der eine privatisierender Notar, hin und wieder betreut er noch ein paar Mandanten. Ein Apotheker, er wird das Geschäft bald seinem Sohn übergeben. Ein Privatbankier, da vorne im Eckhaus sein Büro mit dem dezenten güldenen Schild. Diese Art Männer. Sie tragen faltenfreie Hosen in Herrenausstatterfarben, die im kleinen Bahnhofsviertel bei uns einfach nicht vorkommen. Ein ungewöhnlich leuchtendes Curry, eine Art Kraftcurry, vielleicht auch Signalsenf, es variiert je nach Licht. Ein intensives Dunkelrot, Ahornoktober, Indiansummerverdichtung zur Abendstunde. Daneben Pastellmint, so ein Edelblassgrün. Kaschmirpullover über den Schultern, Wildlederschuhe, Hornbrillen. Im Grunde Einheitslook auf hohem Niveau.

Ich höre einen Podcast über die Lage in der Ukraine, den finde ich interessant: Freiheit Deluxe von Jagoda Marinic mit Katja Petrowskaja, Juri Andruchowytsch und Timothy Snyder.

Ich höre wahllos irgendwas von Hanns Dieter Hüsch, er beschreibt da gerade, wie er Zug fährt und am Abend hinaussieht auf die vorbeiziehenden Vorstädte. Er verwendet dabei das Wort „Lichtermarmelade“, es wirkt bei mir seltsam fernwehauslösend. Lichtermarmelade. Die würde ich jetzt auch gerne sehen.

Ich fahre nicht Zug. Ich gehe an der Alster entlang langsam nach Hause, eine halbe Runde ist das immerhin. All die Menschen, die da spazieren und Zeit zu haben scheinen. Gehen da so gemächlich herum, gucken über das Wasser, zeigen auf Segelboote, sitzen auf Bänken, essen Eis. Seltsam.

Haben vielleicht alle Bandscheiben, denke ich mir, das könnte es erklären.

Nächste Woche wieder versuchsweise ins Büro.

„So it’s goodbye to the sunshine
Goodbye to the dew
Goodbye to the flowers
And goodbye to you
I’m off to the subway
I must not be late
I’m going to work in tall buildings“

Das ist von John Hartford, den Sie vielleicht nicht kennen. Der hat aber „Gentle on my mind“ geschrieben, das kennt vermutlich jede und jeder in der Version von Glenn Campbell oder von Frank Sinatra oder von Dean Martin oder Elvis usw. (es gibt auch eine hervorragende Version von Seasick Steve). Aus der Wikipedia: „Die Einnahmen aus „Gentle on My Mind“ erlaubten es ihm 1972, eine Auszeit zu nehmen und sich seinen Jugendtraum zu erfüllen, ein Steuermann auf einem Mississippi-Raddampfer zu werden.“ Von wo aus er dann die Lichtermarmelade am Ufer gesehen hat, nehme ich an.

Der zitierte Satz passt jedenfalls sehr schön zu diesem Song von ihm, den man wunderbar im Berufsverkehr summen kann.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 7.5.2022

Bandscheibenbedingt fiel hier einiges aus. Pardon. Ich sehe mal, was noch gespeichert herumfliegt:

Schulen, Corona und das hohle Hauptargument.

Hier geht in der nächsten Woche ein Sohn auf Klassenreise, und das ist die erste Veranstaltung in dieser Art seit dem Ausbruch der Pandemie, also seit damals. Sie haben sehr viel verpasst, diese SchülerInnen, wenn man es mit den Jahrgängen davor vergleicht. Es ging ihnen immer noch gold, wenn man es mit anderen Jahrhunderten oder Weltgegenden vergleicht, schon klar. Was mich etwas umtreibt – sie wissen gar nicht recht, was sie verpasst haben. Sie haben da ein Stück Normalität nicht erlebt, das für alle anderen Jahrgänge in den letzten zig Klassen vor ihnen garantiert und gegeben war. Nicht nur bezogen auf Klassenfahrten, nein, auch bezogen auf Kino, Jahrmarkt, Theater, erste Partys, Wochenendausflüge, Herumlungern in Kaufhäusern, Sportartenversuche, Vergnügungsparks, Strand, Pauschalurlaub usw. So dermaßen vieles haben sie nicht gehabt, stattdessen gab es diese zwei Jahre zuhause vor dem Computer. Da wird man später noch viel, viel drüber lesen können, nehme ich stark an. In Romanen und auch in Sachbüchern.

Ein Pappschild in einem Fenster: "Irgendwas mus sich verändern"

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Frau Novemberregen über Sport und anderes, bei dem man vielleicht keinen Erfolg, dennoch aber Spaß haben kann. Nachdem anderswo viel über traumatisierende Erfahrungen bei den Bundesjugendspielen berichtet worden ist, die ich gewiss nicht bestreiten möchte, schließe ich mich doch eher der hier geschilderten Variante an – ich habe zwar nie etwas gewonnen, fand es aber immer gut, dass an dem Tag keine „richtige“ Schule war. Einfach alles war so viel besser als das.

Im Grunde ist es für mich bis heute gar nicht adäquat auszudrücken, wie sehr ich die Schule gehasst habe.

Ein Schriftzug auf einem Stromkasten. "It's human to have negative emotions"

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Es wird gerne Zug gefahren. Und zwar mit Spirit. Auch das teile ich inhaltlich.

Ein Hamburger U-Bahn-Gleis (Hbf)

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Frau Gröner wird beim Backen geradezu unerträglich streberhaft. Ich sehe die Bilder und weiß, ich würde das niemals können, muss mir das aber fasziniert ansehen. Es ist wie die Sache mit dem Unfall auf der Autobahn, nur in positiv. Gaffend stehenbleiben.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 2.5.2022

Etwas über den Geschenkten Gaul von der Knef. Die Knef schrieb sehr gut, in der Tat. Es gibt Stellen bei ihr, da bin ich lebhaft neidisch.

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Den Roman „Internat“ von Serhik Zhadan hatte ich bereits lebhaft als Lektüre zum Donbass empfohlen, ich fand noch eine neue Rezension dazu.

Aktuell lese ich den „Blauwal der Erinnerung“ von Tanja Maljartschuk, ein ukrainischer Name, den ich schreiben kann, ohne dreimal genau hinzusehen, das ist auch gut. Deutsch von Maria Weissenböck. Hier eine Rezension bei Read-Ost.

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Kiki über den Twitter-Deal und die Alternativen.

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Herein zum 1. Mai. (Wir lernen das Wort Geschirrhangerl)

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Der Nussecken-Index.

Ein von Kindern gemalter Zettel an einem Zaun: Das Wort Frieden mit einem Herz darunter

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Für den Freundeskreis Kleingarten: Alles (wirklich alles) über die Zaunrübe. Nichts davon hätte ich gewusst, gar nichts.

Der Blick aus unserer gartenlaube auf Grün und Blüh

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Der Monat April ist durch, hier schon einmal die Fundstücke aus den Literaturblogs. Im Bild unten das Ohnsorg-Theater bei mir um die Ecke.

Ein Schriftzug am Ohnsorg-Theater: Wi seggt nee ton Krieg

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Ich finde es ganz charmant, BloggerInnen als KorrespondentInnen aus ihren Lebensbereichen zu betrachten. Man muss es sich im Fernsehstil vorstellen, also die abendliche Anmoderation in der Nachrichtensendung, etwa „Aus dem kleinen Bahnhofsviertel berichtet Maximilian Buddenbohm“, und genauso auch: „Friederike Kroitzsch war für uns im Wald.

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Brote auf der Leine, Nudeln am Straßenrand

Einer der Obdachlosen am Straßenrand sammelt laut Pappschild für ein „Odachlosenspargelessen“, vermutlich ist es scherzhaft gemeint. Ein anderer kocht sich direkt vor dem Supermarkt auf einem Gaskocher ein Nudelgericht. Er rührt gerade im Topf, als ich vorbeigehe, und er hat alles so überaus ordentlich angerichtet und aufgereiht, das Kochgeschirr, die Unterlagen, das Besteck und auch das übrige Zubehör, so adrett, wohlüberlegt und durchsortiert sieht das alles aus, dass es auf den ersten Blick eher wie ein hipstermäßiges Outdoor-Event wirkt, nicht wie eine Szene der Armut. Und ich weiß natürlich, das täuscht. Wie es neulich auch ein Sohn bei der Suppengruppe festgestellt hat: „Die sehen ja gar nicht alle arm aus.“ Nein, das sehen sie in der Tat nicht. Das ist hier kein Buch von Charles Dickens mit malerischen Lumpen auf jeder Seite, auch die Armut wurde mittlerweile tiefgreifend modernisiert. Aber sie ist noch da, und sie wächst auch wieder oder noch.

Ich gehe Brötchen holen, ich lege den neulich erst gestiegenen Preis abgezählt auf den Holzteller neben der Kasse. Das reicht aber nicht, wird mir dann gesagt, der Preis ist schon wieder gestiegen. Nur um 5 Cent diesmal, aber so ist es jetzt wohl bei allem und dauernd.

Einer der südeuropäischen Gemüsehändler ein paar Häuser weiter hat Fladenbrote so unter die Markise vor seinem Laden aufgehängt, wie andere bei Partys Lampions aufhängen, können Sie sich das vorstellen? Einen Haken durchs Brot gezogen und auf die Leine damit. Es ist frisches Brot, sehr frisch muss es sein, denn es duftet meterweit, und wie gut das duftet, es riecht so dermaßen appetitlich nach warmem Brot, man möchte sich sofort eines vom Haken pflücken. Die beste Werbung, die ich an diesem Tag wahrnehme. Ich könnte schon wieder ein Fladenbrot essen, wenn ich nur daran denke. So ein Duft war das.

Ich gehe nicht in diesen Gemüseladen, ich gehe in einen Supermarkt. Ich gehe da rein, obwohl ich einen veritablen Hexenschuss habe und am liebsten überhaupt nichts machen würde, aber das tut eben auch weh. Manchmal gehen die Schmerzen beim Gehen plötzlich weg, deswegen gehe ich gewissermaßen experimentell, manchmal habe ich Glück dabei. Und wenn ich schon herumgehe, kann ich auch gleich einkaufen gehen. Immer nützlich bleiben! Die norddeutsch-protestantische Arbeitsethik werde ich in diesem Leben nicht mehr los, obwohl ich mit der Kirche so gut wie nie etwas zu tun hatte. Es ist einfach angeboren, es ist lübsch.

Aber schön ist das alles nicht. Ich finde es sowieso schon unerfreulich, wie viele Menschen neuerdings überall im Weg stehen, das wird wieder so ein Generationending sein. Uns wurde damals noch beigebracht, nur um Gottes willen nie im Weg zu stehen, heute ist das vermutlich anders, die Zeiten ändern sich. Aber gut, ich komme aus einer Glaserei, es war in meiner Kindheit wirklich nicht ratsam, im Weg zu stehen, und andere Menschen kommen eben anderswo her.

Mit Rückenschmerzen jedenfalls wird das Einkaufen für mich gänzlich unerträglich. Dauernd muss ich abbremsen oder ausweichen, weil da wieder jemand breit vor dem Brot steht und sich erst einmal länger besinnen muss. Da liegen bloß zwei Sorten Toastbrot vor ihm, wie lange kann ein Mensch denn bloß brauchen, um sich zwischen zwei Sorten Toastbrot zu entscheiden? Ich kann an so etwas verzweifeln. Ich denke nie lange vor dem Toastbrot nach, mache am Ende ich wieder etwas falsch? Sollte ich über alles länger grübeln? Vollkorn oder nicht, ist das hier die Frage?

Der Mensch vor mir merkt schon, dass ich da durch möchte, aber das beeindruckt ihn überhaupt nicht, denn er steht da ja und muss nachdenken. Man wird doch noch im Weg herumstehen dürfen! So guckt er. Gleich macht er sich noch breiter, das ist jetzt sein Platz und er denkt da erst einmal in Ruhe fertig. Immer mehr Menschen sind so, denke ich. Oder aber ich möchte immer dringender irgendwo durch, das kann natürlich auch sein. Ich möchte durch oder ich möchte weg, vielleicht ist es das.

Es fällt mir tatsächlich schon seit längerer Zeit auf, dass mir vermehrt Menschen so dermaßen selbstbewusst im Weg stehen, wie ich nie gewesen bin. Ich finde das fast kränkend, aber was soll ich machen, ich muss mich irgendwie damit abfinden. Ich umkurve also innerlich fluchend dauernd andere, die anscheinend ganz genau wissen, wo sie jetzt gerade hingehören. Das passt schon, wenn ich so darüber nachdenke, ich weiß es nämlich eher nicht.

Zuhause lernt die Herzdame mit einem Sohn Französisch. Das merke ich aber erst, als ich ebenfalls in das Kinderzimmer gehe um zu fragen, ob ich vielleicht Französisch mit ihm lernen soll, woraufhin die Herzdame sagt, dass wir das nun nicht unbedingt zu zweit, und da hat sie ja auch Recht. Ich hatte den Satz aber schon im Mund, als ich in der Tür stand, der musste also noch raus. Und der Sohn befindet freundlich, dass es für ihn ohnehin am besten sei, wenn ein Elternteil mit ihm lerne und das jeweils andere ab und zu so als Sidekick dazukommen würde.

Das mal als Ziel für Eltern festhalten! Verhalte dich stets so, dass du auch als Sidekick für den Partner oder die Partnerin brauchbar bist. Man braucht Leitlinien im Leben.

Der Sohn tippt dann später die unregelmäßigen Verben auf der ollen mechanischen Schreibmaschine ab, die ansonsten eher dekorative Zwecke im Flur erfüllt. Öfter mal das Tool wechseln, das kann helfen, solche Methoden kennt man auch aus der Kurzzeittherapie, und ich mag so etwas. Je vais, tu vas, il/elle va, ich bin mir nicht sicher, was ich davon noch könnte.

Aber dieser Sohn … Er sieht so aus wie ich in dem Alter. Er tippt seine Aufgaben auf einer alten Maschine, genau wie ich in dem Alter.

Er versteht gar nicht, wieso ich so seltsam gucke. Und ich stehe da und habe jetzt auf einmal nicht mehr den Geruch des Brotes vom Vormittag in der Nase, sondern den meiner Travemünder Schreibmaschine. So ein metallisch-öliger Geruch war das, nach Hausaufgaben und Deutschaufsatz roch das Ding, etwa 1982 war das.

Vermutlich stand da auch schon ein voller Aschenbecher daneben, aber ich muss den Söhnen auch nicht alles erzählen. Es war eine andere Zeit in einem anderen Land.

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Es wird schon geh’n

Die drei Obdachlosen vor dem Modegeschäft in der Fußgängerzone, die gemeinsam den Song „Ich will Spaß, ich will Spaß“ mitsangen, den einer laut auf einem kleinen, blechern klingenden Gerät abspielte, sie waren mit Abstand die vergnügtesten Menschen, die ich heute gesehen habe. Ihr grelles Lachen nach der Zeile: „Kost‘ Benzin auch drei Mark zehn – scheißegal, es wird schon geh’n!“ Halb lagen sie auf den Gehwegplatten, halb saßen sie da, und sie lachten und lachten, je indignierter die Passanten guckten, desto mehr.

Auf einem Stromkasten ein paar Meter weiter ein Aufkleber: „Lass deine Kryprowährung für dich arbeiten.“

„Deutschland, Deutschland, spürst du mich – heut‘ Nacht komm ich über dich“ – die Hände der drei Männer auf dem Boden wurden bei dieser Textstelle zum Himmel gereckt, einer hielt eine Bierpulle hoch, einer machte mit beiden Händen das Victoryzeichen.

In der Außengastro trugen die Bedienenden die Masken nach einer langen, langen Phase der Korrektheit mehrheitlich und wie verabredet wieder halbmast, denn in drei Tagen enden die Maßnahmen und was ist schon dabei.

An einer Hauswand stand: „Aufbau Kiew oder was“, und da weiß man dann nicht, wie man das deuten soll, wenn man es im Vorübergehen sieht. Ist es eine Kritik, ist es eine Aufforderung? Ich hatte keinen Rotstift dabei, ich hätte sonst ein strenges „Mehr Kontext!“ an den Rand gemalt.

An einen Ampelmast dagegen hatte jemand mit Edding nur „Ukraine“ geschrieben und darunter einen traurigen Smiley gemalt. Das ist doch eine klare und konsensfähige Botschaft, so gehört das.

Bei dem Kiosk im Bahnhof, der immer so bemerkenswert trendgerechte Dinge verkauft, gab es Pop-its in blaugelbem Design, die hatte ich noch nicht gesehen.

Das waren die Bemerknisse da draußen. Ich lese Jurij Wynnytschuk: „Im Schatten der Mohnblüte“, Deutsch von Alexander Kratochvil, hier eine Rezension dazu. Der Roman ist nicht eben einfach konstruiert, was für mich tendenziell ein Problem ist, da ich abends müde lese und also dauernd Anschlussstellen und Handlungslogik verpeile oder nicht weiß, auf welcher Zeitebene ich gerade bin, aber egal. Interessant ist es dennoch, empfehlen kann ich es auch.

Es ist sehr viel Lemberg in dem Buch, man kann etwas lernen.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 27.4.2022

Pardon, es war und ist gerade zeitlich einfach nicht zu lösen, die Tage sind nicht lang genug, es passt nicht mehr alles rein, irgendwas stimmt mit den 24 Stunden nicht. Verknappung, wohin man sieht.

Hier jedenfalls noch ein Nachtrag zur Wahl in Frankreich, naturellement direkt von unserer Korrespondentin aus Frankreich.

Sie erinnern sich vielleicht, ich hatte hier neulich diese Werbung für Not- und Ernstfälle erwähnt, und ich hatte dann nachfolgend auch den dazu passenden Artikel bei Christian verlinkt, in dem der Ernst der Lage vertieft wurde. Ich achte also gerade mehr auf die Anzeichen der Großkrise(n) im Alltag.

Auf Twitter wurde mir vorgestern eine vollkommen unironische Anleitung für das Packen eines Fluchtrucksacks in die Timeline gespült – mit allem, auch mit Stofftieren für die Kinder, Taschenmesser etc. Über mehrere Tweets wurde das verteilt, genaue Vorgaben waren es, von Expertinnenwissen begleitet. Ich finde es nicht wieder, ich kann es nur schildern.

Ich stelle das nur fest, ich bewerte nichts. Ich lese das nur so und murmele dabei vor mich hin: „Also ich bin auf gar nichts vorbereitet.“ Vielleicht ist es falsch, vielleicht ist es richtig. Zusammenfassend glaube ich aber im Moment: Wenn die Lage so eskaliert, dass ich einen Fluchtrucksack brauche, dann brauche ich auch keinen Fluchtrucksack mehr. Das klingt nur sinnlos, das ist aber ernstgemeint.

Na, was man heute noch so denkt.

Ein Aufkleber an einer Ampel: Stop Putin

 

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Bei Frau Brüllen kann man dagegen lesen, wie es ist, wenn man sich aufs Büro und auf die Kantine freut. Man beachte die Erwähnung der neuen Flexibilität. Ein Pandemiepausentext ist es, ein Text von den Krisen weg, das gibt es ja heute kaum noch.

Hätte meine Firma eine Kantine, ich ginge da vielleicht auch lieber hin.

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Was noch? Ich habe zum Mittag im Home-Office etwas grünen Spargel aus dem Ofen als Snack gereicht, in etwa nach diesem Rezept, aber eher vage. Tomaten kamen im Rezept nicht vor, statt Mozzarella lag hier Cheddar herum, aber generell – super Sache. Gerne wieder. Besonders wenn die Söhne nicht da sind und einem mit gewissen Blicken alles verderben.

Überbackener grüner Spargel

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 24.4.2022

Nachdem ich neulich gerade die krisenorientierte Werbung erwähnt habe, das Abhauen, die Notfälle, hier ein passendes Anlegestück von Christian: „Wann ist der Punkt um dieses Haus zu verkaufen und in ein möglichst autarkes Wohnmobil zu investieren? Wann ist der Punkt damit aufzuhören, einfach hier immer weiter zu machen und an dem Glauben festzuhalten, der Tausch meines Benziners gegen ein E-Auto würde irgendwie bestimmt alles gut machen?

In den letzten zwei Tagen habe ich keine weitere Werbung in der Richtung gesehen, aber ein Bemerknis gab es dennoch da draußen, und zwar im Hauptbahnhof, bei einem der Kioske im Unterbau des riesigen Gebäudes, im Getunnel – da kann man nämlich jetzt kaufen, was man wohl etwas bitter Ukraine-Merch nennen müsste. Schlüsselanhänger, Handyhüllen, Winkefähnchen etc. – alles in blaugelber Farbgebung. Und zwar in dem Kiosk, in dem es bei Beginn der Pandemie auch die ersten Stoffmasken gab – da passt jemand genau auf. Auch interessant, da mal öfter vorbeisehen und die Weltlage ablesen.

Die Flagge der Ukraine weht an einem Kirchturm

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Etwas über Venezuela

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In den regulären Foodblogs kreist immer noch der Bärlauch, aber es gibt im Moment noch ein anderes Kochthema. Es fing mit einem Twitter-Thread bei Miriam Vollmer an, es ging da um „radikal unmoderne Rezepte“ (hier entlang), mittlerweile greift es auch auf Blogs über. Man könnte es psychologisch deuten, man kann es natürlich auch lassen. Man kommt ohnehin nicht zum Deuten, man muss ja dauernd essen:

Dann fällt mir noch der Nudelsalat von früher ein, den ich auch häufiger zubereite, und den erst heute TochterJ schnell gezaubert hat. Hörnchennudeln, Dosenchampignons, ErbsenMöhrchen, früher Fleischwurst, heute ohne, Curry, SalzPfeffer, Miracelwhipp balance (sonst spielten beim Kochen bei meinen Eltern kalorienreduzierte Zutaten keine Rolle, keine Ahnung, weshalb das hier anders ist) etwas Essig und Öl, voila!

Siehe auch bei Frau Novemberregen: „Es gab mal so ein Gericht, das eine Freundin von mir aus Uni-Zeiten immer gemacht hat, wenn sie Besuch erwartete: Hähnchenfilet in Stücken anbraten, mit einer Dose „Tropischer Fruchtcocktail“ ablöschen, gar ziehen lassen und einen Becher Schmand unterrühren. Würzen mit Pfeffer, Salz, evtl. Currypulver, dazu Reis.

Plötzlich Hunger. Hm.

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Excellensa greift den selten bekloppten Satz von Schröder auf, I don’t do mea culpa, wozu ich eine Erinnerung ergänzen möchte. Als ich anfing in einem Büro zu arbeiten, 1987 war das und ich habe es seither versäumt, die Firma zu wechseln, gab es da eine Chefin mit einem äußerst stabilen Ego und einer Gutsherrinnenart, die mir in den Jahren danach lange nicht mehr so begegnet ist (heute wird sie allerdings in Business-Kreisen wieder modern, fürchte ich.) Die hatte mal gegenüber einer Angestellten fürchterlich Unrecht und tat das dann schließlich ab mit einem Satz, den ich mir bis heute gemerkt habe: „Entschuldigungen sind nicht mein Stil.“ Lange, lange habe ich darüber nachgedacht, wie man bloß so werden kann.

Im Grunde habe ich nie aufgehört, darüber nachzudenken.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 21.4.2022

Frau Novemberregen über Krümel auf dem Küchenfußboden in den Zeiten großer Krisen.

Apropos große Krisen. Es ist insofern ein bemerkenswerter Tag, im Chroniksinne unbedingt festzuhalten, als mir heute zum ersten Mal großkrisenorientierte Werbung angezeigt wurde, auf Facebook war es. Da wurde eine überdimensionierte Powerbank beworben, um Notebooks etc. zu betreiben, und der Verwendungszweck war da so halb unschuldig mit „Für Camping und Notfälle“ beschrieben. Also für den Fall, dass man abhauen muss, dass das Haus weggespült wird, dass Putin kommt, dass alle im Umspannwerk Corona haben, was auch immer. „Für Camping und Notfälle“, ich lasse mühsam beherrscht den Witz aus, dass auch Camping ein Notfall ist. Egal. So also fängt es an. Morgen dann vielleicht schon die Werbung für Einmannpackungen, kugelsichere Westen und anderes Zubehör irgendwo zwischen Pfadfinder, Partisan, Prepper und MacGyver. Ich bin gespannt.

Und für den Freundeskreis Paranoia: Nach diesen Zeilen gehe ich auf eine beliebige Website und denke noch, ich gucke mal, was da jetzt für Werbung ist, am Ende fügt sie sich nett in den Kontext. Und was kommt? Eine Versicherung mit dem Slogan: „Was auch passiert. Wir sind für dich da.“

Ein Plakat in einem Fenster der Kunsthalle: Make art not war

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Hier noch eine Fortsetzung aus Frankreich.

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Tulpen, Erdbeeren, Italopop

Der Montag ist ein Dienstag, deswegen ist morgen schon übermorgen. Ich bin terminlich leicht verwirrt, zerlege mir gekonnt den Kalender und mache morgen daher mehrere nicht zusammenpassende Dinge gleichzeitig. Egal, irgendwann ist Freitag, dann renkt sich das wieder ein.

Ich arbeite im Home-Office. Ich mache das mit offenem Fenster, das ist auch eine Saisoneröffnung. Anfenstern, siehe Anspargeln, Angrillen etc. Zwischendurch gehe ich raus, es ist weiterhin frühlingshaft und verlockend. Der Bettler vor dem Drogeriemarkt hört lauten Italopop aus den Achtzigern, und ich erkenne im Vorbeigehen sogar, was da läuft. Ricchi e Poveri hört er, während Passanten ihm Geld zuwerfen, wie passend ist das denn. Mamma Maria hieß der Song, 1982 war das. Der hing als Ohrwurm damals etwa ein Jahrzehnt fest. Grauenvoll.

Schrift an einer Laterne: Wer hat, der gibt

Vor dem Drogeriemarkt steht jetzt der saisonale Aufsteller mit Straßenkreide und Strandspielzeug, die Kinder müssen wieder gelüftet werden.

An einer Ecke das erste Erdbeerbüdchen, es ist noch geschlossen. Ein Zettel verweist auf den Mai. Die große Magnolie verliert ihre Blütenblätter, die bei Bodenkontakt sofort furchtbar hässlich werden, ein abstoßender Brei auf dem Weg, Unfarben, brauner Schmodder. Und wie schön war das da oben.

Vor einem Restaurant sitzt eine Frau in der Sonne und sagt: „Das ist dann Visual Merchandising.“ Der Mann ihr gegenüber sieht sie an und sagt: „Ja.“

Am Weg liegen die Pappmöbel. Ich habe schon mehrfach erwähnt, dass im Laufe der letzten zwei Jahre deutlich mehr Obdachlose im Stadtteil aufgetaucht sind, viel mehr als je zuvor. Sie schlafen unter, auf, in und zwischen Kartons und schützen sich mit kaputten Regenschirmen und zerschlissenen Schlafsäcken vor dem Wind, sie liegen in Hauseingängen, in Durchgängen, vor dem Kirchenportal, wir haben hier teils auch möblierte Straßenränder. Jemand hat heute Tulpen auf die Kartons gelegt, überall. Je zwei, drei welke Tulpen pro Karton, es sieht sehr traurig aus und war vielleicht doch gut gemeint. Was weiß man schon.

Vor einigen Restaurants stehen Schottertöpfe. Die sind das urbane Pendant zu Schottergärten, die es hier in der Stadtmitte natürlich nicht gibt. Aber die nett bepflanzten Blumentöpfe, die hier früher die Außenflächen der Cafés etc. begrenzt haben, die hat man nach zu viel Vandalismus gegen Schottertöpfe getauscht. Weiße Kiesel in Blumentöpfen, manchmal steckt auch noch eine blassgrüne Plastikpflanze drin, und der routinierte Großstadtmensch ist so symbolkundig, dass er da vorbeigeht und gleich denkt: „Ach guck, Gartenambiente.“ Und dann setzt er sich dahin, neben so einen mit Steinchen gefüllten Blumentopf, und entspannt sofort und tief. Terrassenfeeling, summer in the city

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Ich lese Die Zimtläden von Bruno Schulz. Er kam aus einer Stadt, die heute in der Ukraine liegt, wirkte aber im polnischen Kulturraum. Gucken Sie mal, wie das Buch anfängt: „Im Juli fuhr mein Vater alljährlich ins Bad und gab mich samt der Mutter und den älteren Brüdern den weißglühenden und betäubenden Sommertagen preis. Wir blätterten, verrückt vom Licht, in dem großen Ferienbuch, dessen Blätter sämtlich vor Hitze brannten und auf ihrem Grund den bis zur Ohnmacht süßen Matsch goldener Birnen hatten.“ Ist das schön? Ich denke doch. Die deutsche Übersetzung ist von Josef Hahn.

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Ich höre ein Buch von Thomas Hüetlin: Berlin, 24. Juni 1922 – Der Rathenaumord und der Beginn des rechten Terrors in Deutschland. Das ist ein definitiv in unheimlichster Weise aktuell wirkendes Buch. Hier eine Rezension zum Buch. Ich zitiere daraus: „ … und wenn man einmal mit diesem blendend erzählten Buch angefangen hat, liest man es in einem durch. Es erzählt von Menschen, die nicht mehr leben und nur noch wenigen bekannt sind, aber es betrifft das Publikum des Jahres 2022 unmittelbar. Da ist die Koalition der Feinde der parlamentarischen Demokratie mit ihrem offenen Hass gegen Vertreter der Politik, des Staates und des öffentlichen Lebens. Da ist das schon in Weimar aktive Querdenker-Milieu, auch diese irrsinnige Trägheit bei der strafrechtlichen Verfolgung von rechter Gewalt, die Neigung, das Thema kleinzureden: Einzelfälle, Alkohol, verwirrte junge Leute. Da ist der fatale Mechanismus, die Schuld für rassistische und antisemitische Anfeindungen bei den Opfern zu suchen: Hätten sie sich mal besser integriert! Wären sie mal nicht so frech!

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Constantin Seibt über Putin, den Krieg und die Lage.

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Drei Tiere unserer Heimat

Immer das Gefühl, ich müsste, wenn ich aus Hamburg fahre, auch aus der Nachrichtenlage fahren. Aber dem ist nicht so. Ich nehme sie mit, die Nachrichtenlage, auf dem Smartphone, auf dem Computer, ich kann das Ohr jederzeit an die Geräte halten und die Nachrichtenlage rauschen hören.

In Nordostwestfalen steht der Raps auf den Feldern und blüht schon sattgelb, darüber der maienhaft blaue Himmel: Ukraine. Gegenüber vom Feuerwehrgerätehaus weht eine Fahne: Ukraine.

Die Menschen reden auch hier vom Krieg und von der Teuerung. Preisabenteuer werden erzählt, was wo wieviel kostet. Ich fahre zu einer Gärtnerei, ich will vorgezogene Gemüsepflanzen kaufen, ein Kunde dort sagt: „Dieses Jahr nehmen wir mehr Tomaten, die werden bestimmt noch viel teurer.“ Seine Kinder suchen die Sorten aus, es gibt also etwas mit „Schoko“ im Namen.

Ich lese John Steinbeck, Logbuch des Lebens (Deutsch von Henning Ahrens). Ich denke, ich muss mal was anderes haben. Irgendwas ohne Nachrichten. John Steinbeck schreibt, dass der Mensch wie die Languste sei, er sei zwar prinzipiell ohne Aggression und Krieg vorstellbar, er müsse nur vorher erst etwas mutieren. Man könne ansonsten beobachten: „dass sich die Mordlust des Menschen ebenso regelmäßig Bahn bricht wie seine unterschiedlichen sexuellen Bedürfnisse.“ Es läuft nicht so gut mit der Ablenkung.

An der Landstraße immerhin blühen die alten Apfelbäume üppig, wie weiße Wölkchen am Stiel sehen einige aus. Im Feld dahinter ein Storch, ein Reh, ein Hase, wie in einem Suchbild für Grundschulklassen wurden sie arrangiert, finde drei Tiere unserer Heimat.

Auf der Laterne über der Straße sitzt ein Greifvogel, guckt und hat Zeit.

Wir fragen die Söhne, ob wir Ostern noch Eier verstecken sollen. Nein, sagen sie und lachen. Dann überlegen sie und sagen: „Vielleicht doch.“ Oder nicht? Es ist so an der Grenze.

Nächstes Jahr nicht mehr, man wächst da irgendwann raus.

Es gibt Kaffee und Kuchen im Garten, man kann endlich draußen sitzen. Oder nicht? Es wird im Wind und im Schatten schnell kalt von unten, es wird in der Sonne schnell warm von oben, es ist auch so an der Grenze. Pfauenaugen flattern vorbei. Ein Mensch führt langsam ein Pferd über einen Weg und die Herzdame sagt: „Ein Pferd.“ Es macht uns Stadtmenschen aus, dass wir „Ein Pferd“ sagen, wenn wir ein Pferd sehen.

Am Feldrand Löwenzahn und Taubnesseln, tausendfach. Die Stachelbeeren sind schon verblüht, der Rhabarber vom Urgroßvater der Söhne lebt immer noch und treibt aus. Kompott hätte es bald bei ihm gegeben, nehme ich an.

Wir bekommen Geschirr aus Altbeständen für die Laube geschenkt. Der gerade erst erwähnte Begriff Grandmacore scheint mir deutlich zu passen, ich finde das ganz hervorragend.

Altes Geschirr

Jemand fragt uns, was er als Tourist in Hamburg machen könne. Wir haben keine Ahnung, wir wohnen da ja nur. Wir überlegen etwas, was machen wir eigentlich so? Dann fällt uns erst ein, dass wir seit zwei Jahren nichts gemacht haben, dass wir nur zu viel zu tun hatten und Pandemie.

Als wir neulich auf Eiderstedt waren, sind wir zum Westerhever Leuchtturm gefahren, wie wir es immer machen, wenn wir dort sind. Wie es alle machen, wenn sie dort sind, es ist einer der nordfriesischen Momente schlechthin. Abends haben wir das dort einem Einheimischen erzählt, der beiläufig sagte: „Ach, der Leuchtturm. Da war ich noch nie. Zu so etwas komme ich immer nicht.“

Ich mache Mittagsschlaf, eine Katze legt sich zu mir. „Macht zwei, drei, viele Mittagsschläfchen“, denke ich, und die Katze schnurrt. Die Söhne hacken Holz auf dem Hof. Sie machen es in einem gewissen Rhythmus, man kann sehr gut dabei einschlafen.

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