Links am Nachmittag

Employees Are Quitting Instead of Giving Up Working From Home”. Ich habe jetzt die erste Woche Home-Office ohne Kinder hinter mir, das war auch interessant. Die Herzdame und ich haben gemerkt, dass wir jetzt ab und zu mittags gemeinsam zum Essen rausgehen können, das ist eine ganz neue Form der ehelichen Vergnügung für uns. Wir bleiben also dran, da gibt es noch mehr zu entdecken, glaube ich. 

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Über das künftige Tragen von Masken

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Ich mochte diese Sätze bei Frau Novemberregen sehr: “Sie wissen, dass ich den Kleiderkauf während der Pandemie verweigere, weil ich nicht weiß, wer ich nach der Pandemie sein werde. Das meine ich völlig ernst. Ich gehöre zu den Personen, die eher nicht aus sich heraus irgendwelche Erkenntnisse zu ihrer Person haben sondern die aus Erlebnissen und Begegnungen ableiten. Ich habe seit 15 Monaten keine nennenswerten Erlebnisse und Begegnungen, folglich weiß ich nicht nennenswert, wer ich gerade bin und was für Kleidung diese Person benötigt.

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Jetzt hört man schon davon, daß die ersten das Ende der Pandemie feiern.

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Über TikTok und ADHS. Noch ein paar Jahre weiter und keiner kann sich mehr vorstellen, dass wir uns damals jegliches Wissen zu jedem Fachgebiet, zu Krankheiten, Hobbys und sämtlichen Spezialinteressen im Lebenslauf, von Erziehung über Ahnenforschung bis zu Gemüseanbau, noch über Sachbücher angeeignet haben. Nicht über Erklärvideos. Sachbücher! Wie öde waren die denn, wird man denken. Und wie unfassbar langsam. Und dann erzähle ich vom Schaukelstuhl aus, dass ich in meinen jungen Jahren und auch noch in den mittleren manchmal wochenlang warten musste, bis ein Buch in der Bücherei wieder verfügbar war, und dann lachen sich alle kaputt bei dem Gedanken, auf eine Information dermaßen lange zu warten. So wird es kommen, ich bin ziemlich sicher. Und es ist weder gut noch schlecht, es ist dann einfach so. Vielleicht spiele ich das dann auf TikTok nach, wie wir früher mit diesen Büchern … auch eine Idee.

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Christian Drosten über false balance und anderes. Äußerst lesenswert.

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Kennen Sie Marvin Pontiac (der von John Lurie erfunden wurde) und sein Lied Small Car? Es fällt mir gerade ein, vermutlich weil ich in einer very small Holzhütte neben der Laube im Garten sitze und schreibe, unter der Weide, zwischen der Kornelkirsche und dem alten Apfelbaum, ein vergleichsweise romantischer Schreibplatz. Das Lied erzählt eine Geschichte und man hat, so denke ich, die Wahl, ob man den Song fürchterlich nervtötend oder seltsam anziehend und hypnotisch findet, aber die Geschichte ist in jedem Fall sehr, sehr nett und wenn sie das hier am Abend lesen, dann nehmen Sie sie ruhig als Gutenachtgeschichte. Danach schläft man vermutlich gut, wenn man an die small farmers in their small cars denkt. They had such a good day, und man möchte doch auch mal wieder einen guten Tag haben, also so einen richtig guten, an den man sich dann gerne erinnern möchte, sogar jahrelang noch.

Wann hatte ich den letzten richtig guten Tag? Vermutlich im letzten Sommer auf Eiderstedt. Es ist eine Weile her, und es wäre mal wieder dran, wenn ich mal so unbescheiden sein darf. Ende des Monats fahren wir hin, wenn alles klappt.

Davon abgesehen bin ich gut gelaunt, merke ich gerade. Ich denke schon seit zwei Tagen, dass hier irgendwas anders ist, jetzt komme ich endlich darauf, ich bin gut gelaunt. Stark. Manchmal muss man eben nur ein paar Monate warten, dann ist es auch schon wieder soweit. 

Hier das Lied jedenfalls. Ohne Video, aber mit der guten Geschichte.

 

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci! 

Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für die Zusendung von Tee einer feineren Marke in größeren Mengen, die Herzdame reagierte geradezu ekstatisch, also im Rahmen ihrer nordostwestfälischen Möglichkeiten, die womöglich noch unterhalb meiner hanseatischen anzusiedeln sind. Ganz herzlichen Dank, sehr guter Tee, sehr gute Zusendung, sogar mit hinreißenden Komplimenten im Text, wir freuen uns!

Ich habe mittlerweile auch sonst vielfach zu danken, der Trinkgeldbericht ist hier mehr als überfällig, pardon, ich kam zu nix – aber in Kürze.  Ich habe übrigens, Sie können meine Abgründe ruhig kennenlernen, bei Versprechungen aller Art immer Rod Stewart im Kopf, ausgerechnet, der einmal in einer deutschen Popsendung zu Zeiten meiner frühen Jugend in einem Interview gefragt wurde, wann er denn nach Deutschland käme. Er sagte daraufhin etwas vom nächsten Jahr und fing dann unvermittelt an hysterisch und mit kippender Stimme herumzubrüllen: „I promise! I promise!“ Ich glaube, er ging auch theatralisch in die Knie dabei. Unerfindlich, warum sich mein Hirn das so gut gemerkt hat, bis zum heutigen Tag wiederholt es diese Szene und es gibt Momente, da mag ich mein Hirn nicht ganz so gerne. Was aber wollte ich sagen? Der Trinkgeldbericht. Bald. I promise.

Vorderseite

Ein außerordentlich schlichtes Bild, ganz schnell ist es erzählt und ich vermerke dann nur noch kurz, warum es mir überhaupt auffiel, da wird es dann moralisch verwendbar.

Ein Mann steht vor dem Kofferraum eines kleinen Autos, das kein Smart ist, den würde ich nämlich erkennen. Es ist irgendein anderes kleines Auto, von denen erkenne ich nämlich mittlerweile kein einziges Exemplar mehr. Das Auto ist grau, aber das tut nichts zur Sache, das dient nur der Vollständigkeit, als ob die hier wichtig wäre. Egal. Der Kofferraum ist offen, man sieht im Auto, auf der Rückbank und im Kofferraum, mehrere große Terrakottatöpfe stehen, ohne Blumen darin, teils aber halb mit Erde gefüllt. Vor dem Auto stehen weitere Töpfe dieser Art und man muss nicht jahrelang Tetris gespielt haben, um sofort und auch im Vorbeigehen erkennen zu können, dass diese Anzahl Töpfe in dieser Größe nicht in dieses Auto passen kann, unter gar keinen Umständen, es sei denn, man würde sie für diesen Zweck zerschlagen, dann wohl schon. Aber wir nehmen mal an, das steht nicht zur Debatte, das Zerschlagen.

Der Mann jedenfalls, stellen Sie sich einfach irgendeinen Mann vor, es ist wieder eine Ausmalfigur und es kommt nicht so sehr darauf an, wie er aussieht, nutzen Sie Ihre Fantasie und nehmen Sie bitte nur an, dass er ausgesprochen nett aussieht, dieser Mann neben dem Auto, der lacht, und zwar unverkennbar. Nicht laut und übertrieben, eher für sich, aber immerhin doch gut sichtbar. Er steht da und guckt die Töpfe und den Kofferraum an, er hat die Arme auf die Hüften gestützt und lacht, denn das passt nicht, man kann es nicht übersehen, das ist unlösbar. Entspannt wirkt der Mann, nach gelöster Stimmung sieht der aus, trotz seiner offensichtlichen Schwierigkeit. Er ist alleine, er wird schwere Töpfe wieder dahin tragen müssen, woher er sie geholt hat, er wird seinen Plan ändern müssen, die Situation ist, gar kein Zweifel, nicht unerheblich vergurkt, und er lacht und lacht.

Was ich als Hinweis nehmen möchte, ich neige nämlich dazu, alles als Hinweis zu nehmen, quasi die Gamification des Lebens, dass dies eine probate und mitunter angebrachte Methode ist, einem Problem zu begegnen, nämlich sich danebenzustellen und zu lachen. Nicht hämisch, nicht verzweifelt, nein, einfach vergnügt. Vielleicht fatalistisch vergnügt, das mag sein, aber das ist ja eh meine bevorzugte Haltung, der fröhliche Fatalismus. Sisyphos als glücklicher Mensch, Sie kennen das.

Ich merke mir das jetzt wieder eine Weile. Ab und zu einfach an den Terrakotta-Mann denken.

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Die Welt hat heute etwas zu bieten

Ich sehe runter auf den Spielplatz, dort krabbelt gerade ein Kleinkind durchs Bild. Und weil der Spielplatz vom Rand her üppig begrünt ist, sehe ich nur die Mitte der Fläche, sehe also die Bänke nicht, auf denen die Eltern sitzen. Ich nehme jedenfalls an, dass sie dort sitzen. Sie sitzen da immer, ich saß da ja früher auch dauernd. Ich sehe jetzt aber nur das Kleinkind, es ist ganz allein auf einer ziemlich großen Fläche und macht ordentlich Strecke. Die Eltern lassen es einfach krabbeln, sie sehen es ja. Es ist nicht allein, sicher nicht, es sieht nur von hier oben so aus. Für einen Moment, das ist ein seltsamer Zufall, ist überhaupt kein anderer Mensch zu sehen, auch nicht auf den Fußwegen ringsum, auch nicht vor der Kirche, ich sehe nur dieses eine kleine Kind da. Es kann noch nicht laufen, ist aber kurz davor, da fehlt nicht mehr viel. Aber heute noch nicht. Es krabbelt und richtet sich zwischendurch versuchsweise auf, was aber nicht klappt, dann sackt es wieder zusammen und krabbelt entschlossen weiter, ein Staubwölkchen in Fahrt. Viele interessante Dinge am Weg, die dringend begutachtet werden müssen, da, eine Taube, ein Stein, ein Baum, ein Ast, eine Plastikschaufel! Noch eine! Und hier, ein Irgendwas, das kann man anfassen und befühlen. Toll.

Es ist alles überaus interessant, die Welt hat heute etwas zu bieten und das Kind dreht sich nicht um und zieht eine Bahn, eine Spur. Eine deutlich sichtbare Spur zieht es im Sand, immer voran, weiter und weiter, was kommt noch, was kommt noch? Kein Blick zurück, kein einziger. Da vorne die riesige Schaukel, das ungeheure Spaßgerät! Da muss es jetzt hin, denn Schaukeln ist lustig, vermutlich weiß es das längst. Natürlich kann es ohne Hilfe nicht auf die Schaukel, gar kein Gedanke. Aber es kann immerhin schon ein Ärmchen heben und der Schaukel Schwung geben, kräftig sogar. Wie die sich in Bewegung setzt, wie eine Bewegung eine Bewegung macht!

Und dann natürlich das Elend mit der Physik, die Schaukel kommt direkt nach der schönen Vorwärtsbewegung zurück und haut dem Kind eins auf die Nase, dass dem kurz Hören und Sehen vergeht, bevor dann andere das Kind recht deutlich hören und aus dem Grün am Spielplatzrand ein Papa auftaucht, der tröstet und wiegt und mit ihm schaukelt und auf die Tauben zeigt, die auffliegen und den Blick des Kindes nach sich ziehen, nach oben, über die Dächer und weiter, dorthin, wo noch andere Straßen und Häuser sein müssen. Da später auch mal hin!

Aber erst einmal schaukeln. Ganz wichtig.

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Zugvögel

Es geschah tatsächlich von einem Tag auf den anderen, am Montag waren sie plötzlich wieder da, all die jungen Männer in Anzügen. Wie Zugvögel kamen sie in Schwärmen, auf einmal waren sie überall und jetzt halten sie die Gegend hier wieder für ihr Revier. Im ganzen Stadtteil liefen sie auf einmal herum, wie im letzten Sommer auch. Eilige Schritte in neu aussehenden Schuhen mit teils laut klackernden Absätzen, lautes Telefonieren, wichtig, wichtig, nebenbei gestikulierend irgendwas bestellend, Espresso in der Außengastronomie stürzend, dabei immer weiterredend, laut, immer so laut, und über so wichtige Sachen, aber es war alles not rocket science, das wussten sie genau und das sagten sie auch, mehrmals sagten sie das. Die Anzüge superslimfit, die Hosenbeine viel zu kurz, also aus meiner altmodischen Sicht jedenfalls, ich weiß, dass man das heute so trägt, aber ich werde mich nicht mehr daran gewöhnen, es sieht falsch aus. Die hat man jetzt also wieder rausgelassen, diese hungrigen Jünglinge, die so überaus dringend etwas werden wollen, dass man sich als älterer Mensch unwillkürlich etwas darüber amüsiert.

Als älterer Mensch, der natürlich auch einmal so war, und wie, keine Überheblichkeit an dieser Stelle, bitte. Modisch war ich vielleicht sogar schlimmer, ich sage nur bunte Seidenhemden und Bundfaltenhosen, es waren die späten Achtziger, ich hatte da auch Pech. Andererseits hatte ich aber vielleicht auch Glück, es gibt kaum Bildbeweise. Ich hatte auch kein Handy zum Hineinbellen, diese Phase habe ich verpasst, vielleicht hätte mir sonst alles noch mehr Spaß gemacht. Vermutlich wäre mir aber heute auch noch viel mehr peinlich als ohnehin schon. Ich konnte jedenfalls damals nur laut auf der Schreibmaschine herumhämmern, wir hatten ja nichts. Ich erinnere mich noch an die erste Geschäftsreise, auf der ein Kollege ein Handy herausholte und beim Aussteigen aus dem Flugzeug, pardon, aus dem Flieger, sofort da hineinsprach, noch auf der Gangway, wie unvorstellbar abgefahren das damals war, die uns begleitende Vorgesetzte guckte mit steiler Falte auf der Stirn, und die Leute im Hamburger Büro waren vermutlich wie vom Donner gerührt, jetzt ruft der Blödmann auch noch von unterwegs an! Keine Ruhe hat man mehr!

Ich trage heute noch Anzüge, gerne sogar, aber sie wirken schon lange nicht mehr neumodisch schick, das gewiss nicht. Ich trage sie auch nicht als Berufsuniform und Karriereabsichtsmerkmal, auch das schon lange nicht mehr. Ich trage sie einerseits, weil ich beim Anziehen eines Anzugs immer in Snoopy-Manier denken kann: „Hier kommt ein normaler Erwachsener mit vernünftigen Plänen und sinnigen Vorhaben.“ Dann stelle ich mich vor den Spiegel und glaube mir manchmal kurz, das ist dann ganz schön. Zum anderen trage ich aber gerne Anzüge wegen der Taschen. Anzüge haben überall Taschen und ich brauche die auch alle, das ist dann aber eher Tom Sawyer als Snoopy. Immer alles dabeihaben, immer alles mitnehmen, Pokémonkarten von vor drei Jahren, Schnur, Notizbuch, sieben Stifte, eine Feder, eine Kastanie, Schokolade, was man so findet und kauft.

Ich trage also heute noch Anzüge, aber ich trage sie ganz anders als diese jungen Männer, die so überaus souverän rocket science definieren können. Ich sehe sie an mir vorbeihasten, die jungen Männer, ich denke: „Das verwächst sich.“ Und dann versuche ich, mich lieber nicht mehr zu erinnern.

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Links am Morgen

Das Portal in Wilna (Via Markus Trapp auf Twitter)

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I’m still interested.

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Sind Sie auf Tiktok? Ich folge da z.B. diesem Herrn, einem “classics professor at Earlham College”, der über Mythen aus der Antike, ihre Wirkung und ihre Rezeption spricht. Oder Stuart Rojstaczer, Autor, Sohn von Hoocaust-Überlebenden, Sänger, Jiddisch-Kundiger und überzeugend freundlich wirkender Mensch. Oder Abraham Piper, von dem ich nicht mehr weiss, wie ich auf ihn kam, hier die Wikipedia über ihn. Der sprach neulich über die Frage, ob das Verhältnis des Menschen zu seiner Existenz, also zum Leben an sich, eigentlich umfassend mit dem Stockholm-Syndrom erklärt werden könne. Faszinierende Idee, das hat mir gefallen. Den gibt es auch auf Twitter, by the way. Er hat dort einen schönen Anfang in seiner Bio: „Please don’t take me seriously. It’s exhausting.“  Das auch mal an die Wand hängen. 

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Ich sitze also einfach herum

Ich nehme an, es ist erschöpfungsbedingt, es ist aber eigentlich auch egal, woran es liegt, aber mich interessiert gerade nichts. Das finde ich nicht schlimm, eher schon faszinierend, und ich sitze das entschlossen aus, statt mich irgendwie auch nur im Geringsten zu bemühen. Ich sitze also einfach herum und interessiere mich weder für ein Thema noch für meine Gedanken oder die von irgendwem, für kein Medium und keine Kultur, ich sitze da nur so herum und warte gespannt ab, was mich wohl als nächstes interessieren wird. Und wann. Irgendwas wird es irgendwann schon sein, vermutlich gleich schon oder übermorgen oder in einer Woche, ich habe daran gar keine Zweifel. Aber ich habe es überhaupt nicht eilig, denn ich freunde mich mit dem Nichts ja gerade erst an.

Abends auf dem Bett liegen und nichts machen, nur zusehen, wie es allmählich dunkel wird und zuhören, wie die Vögel auf den Dächern ringsum singen – neuerdings ist eine Mönchsgrasmücke dabei – oder der immerwährende Regen ans Fenster klopft. Keine Erleuchtung während dieser Stunde haben, nicht einmal mittelgute Erkenntnisse verzeichnen, auch keine Bilanzstriche im Sinn haben. Nicht zurücksehen und nicht nach vorne. Nur so zum Fenster und auf den sachte wehenden weißen Vorhang sehen und später dabei einschlafen. Auch mal schön. Andere Menschen können das vermutlich, ohne sich vorher wie bekloppt zu überfordern, und ich glaube, ich beneide die jetzt doch ein wenig.

Doch noch einmal wach werden und aufs Handy sehen. Die üblichen Apps öffnen, alles furchtbar uninteressant finden. Wieder umdrehen. Nicht gelangweilt sein, nicht gespannt sein, nur sein.

Auf dem Boden ein aufgebautes Monopoly-Spiel, ein Sohn spielt tagsüber eine lange Partie gegen sich selbst nach hochkomplizierten Sonderregeln. Ich nehme eine Ereigniskarte, auf der steht: „Rücken Sie vor bis auf Los.“

Ja, denke ich, so in etwa fühlt es sich an. Ab Montag gehen beide Söhne wieder normal zur Schule, also zumindest bezogen auf Zeit und Ort, die Umstände bleiben noch etwas speziell. Jedenfalls werden sie beide weg sein und ich werde zum ersten Mal seit November wieder ganz alleine dafür zuständig sein, mich permanent von irgendwas abzulenken. Ich weiß gar nicht mehr, wie das geht!

Na, aber mir wird dazu schon etwas einfallen.

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Links am Morgen

Zur Theorie des Hashtags

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Christian über Rasterpsychotherapie

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Frau Brüllen über Kunst

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Das Imperfekt war auch nicht perfekt

Ich gehe morgens Brötchen holen, es regnet, es sind 12 Grad, natürlich sind 12 Grad. Ich denke Heimat, ich denke Auswandern, ich denke ach lass mal. Viel zu kompliziert und wohin überhaupt. Andere Länder, andere Menschen, da fangen die Probleme ja schon an.

Irgendwo in meinem Schrank sind so farbige, leichte Sommersachen, die liegen immer noch ganz unten, gleich neben meiner Stimmung.

Das Home-School-Kind – wir haben jeden Tag ein Home-School-Kind und ein Präsenztagkind im Wechsel – bewirft währenddessen auf dem Balkon ein mit Mehl und Kakao bedecktes Backblech mit Steinen. Es sagt, das sei Physik und das müsse so, ein Versuch, ein Versuch. Ich sage fein, fein, mit Physik kenne ich mich leider nicht aus, mach mal, aber lass mich nach Möglichkeit in Ruhe damit. Gleich habe ich wieder den Physiklehrer von damals vor Augen, der immer so herzzerreißend verzweifelt geguckt hat, wenn wieder ein Versuch nicht geklappt hat, der hat uns tatsächlich oft leidgetan. Alles war so gut gemeint, und dann war es doch wieder nichts und dann dieser verzagte Blick auf all das Zeug, das nicht funktioniert hat. So gucke ich heute nach misslungenen Erziehungsversuchen.

Ich mache meine Firmenmails auf, ich lese und verstehe nichts, oh, eine berufliche Sinnkrise. Oh, sie ist schon wieder vorbei, denke ich eine Minute später, eine kurze Aufmerksamkeitsspanne hat eben auch ganz entschieden ihre Vorteile.

Ich arbeite, ich gehe zwischendurch schnell in den Drogeriemarkt um die Ecke. Die Kassiererin fragt mich: „Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?“ Heimat, denke ich schon wieder, Heimat ist, wo die Drogeriemarktkassiererin weiß, wer deine Familie ist. „Es geht uns gut“, sage ich, „alles gedeiht bestens bei 12 Grad und Regen.“

Das Home-School-Kind macht währenddessen Grammatik, Futur II, wir werden Home-School gehabt haben. Das Plusquamperfekt dann später für die Enkel, wir hatten Home-School gehabt. Und im Partizip, so doziere ich weiter, wird es dann beschreibend, das home-schoolende Kind. Er, sie, es wurde homebeschoolt. Na, was man so macht.

Das Präteritum übrigens lief in meiner Schulzeit noch unter Imperfekt. Ich bin so alt, sogar die Grammatikbücher aus meiner Schulzeit wirken mittlerweile steinzeitlich, vielleicht waren sie auch noch in Fraktur gedruckt, das kann sein. Ich lese das nach, das mit dem Präteritum, und siehe da, die Bezeichnung Imperfekt war im Grunde nie ganz richtig, da sie aus der romanischen Grammatik kommt und für germanische Sprachen einfach nicht passt. Daher jetzt Präteritum, Präteritum ist besser und logischer.

Nur Unsinn fürs Leben gelernt! Das aber gründlich.

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Auch von den Küsten

In den Medien sehe ich Berichte über das erste Wochenende mit Lockerungen, ich lese den Satz: „Auch von den Küsten gab es wenig Klagen“, und finde ihn seltsam schön, der Satz klingt doch geradezu literarisch. Dieser Anklang von van Hoddis, doch, das gefällt mir.

Andererseits: „… doch deuten aktuell keine Wettermodelle eine Einkehr des Sommers mit deutlichen höheren Temperaturen an.“ Beim NDR steht das so, und der Freundeskreis 12 Grad zieht wieder Rollkragen an, stellt die Heißgetränke bereit und reibt sich die Hände warm.

Ich gehe abends als Spurenleser durch den Stadtteil. Ich sehe, dass der Alkoholkonsum überall ansteigt. Die Flaschen am Wegesrand, die zertretenen Plastikbecher, ja, es ist endlich wieder Party-Time. Die Menschen brauchen das jetzt oder meinen es zu brauchen, sich endlich einmal wieder richtig die Kante geben, unter Freundesbeobachtung und mit 1,50 Meter Abstand, also im Rahmen der Messgenauigkeit, versteht sich, die gerade allerdings schnell abzunehmen scheint, wenn ich mir die Menschengruppen so ansehe.

Es gibt Diskussionen in der Stadt, ab wann denn ein Pavillon vor einem gastronomischen Betrieb ein Zelt ist, ab wann der Mensch also eigentlich draußen ist, wenn er genau was über und um sich hat – ein Dach und eine Plastikwand, zwei Wände, drei? Ist man in einem Zelt draußen oder drinnen, Nomaden im Sturm kennen diese Frage. Der Senat sagt auf Nachfrage, vier Zeltwände dürfen es nicht sein, wer da aber weniger Wände habe, der sei frei, draußen und gut gelüftet. Wenn Sie jetzt zuhause testweise eine Wand aus ihrem Wohnzimmer stemmen, dann finden Sie das gewiss auch.

Egal, alle finden jetzt alles gut, alle sind herrlich zufrieden. Nicht einmal der FDP-Vorsitzende hat heute etwas gefordert, vielleicht sitzt er – sich ruhig einmal gemein machen! – sternhagelvoll wie alle unter einem Pavillondach draußen und ist wunschlos glücklich, das wollen wir ihm gönnen. Er hat sehr viel gefordert im letzten Jahr, es muss anstrengend gewesen sein. Ja, es ist gut jetzt. Dürfen ist gut, Machen ist gut, Feiern ist gut, Zusammensein ist gut. Ich möchte da auch gar nicht bewerten, verstehen Sie mich nicht falsch, und der Mensch heißt Mensch, weil er sich zusammendrängt.

Auch von den Küsten, liest man, gab es wenig Klagen.

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Korrekt geschaukelt

Ich gehe zu Fuß vom Garten nach Hause, eine Stunde durch die Stadt, viel davon durch einen langen Park, der heute ausnahmsweise fast sommerlich wirkt, zumindest wenn man sich die wüsten Wolkengebirge darüber wegdenkt, die heranbrausende nächste Kaltfront. Morgen wieder 12 Grad, es muss alles seine Ordnung haben.

Einer kommt mir entgegen, der trägt ein Skateboard auf der Schulter, ein junger Mann. Das Skateboard fährt er nicht, weil er liest, das ist gerade wichtiger. Im Gehen liest er, das habe ich früher auch gemacht, es fällt mir wieder ein. Er hält das Buch so hoch, dass ich es erkennen kann. Es ist eine Ausgabe, die ich einmal hatte oder sogar noch habe, ich müsste einmal nachsehen: Malcolm Lowry, Unter dem Vulkan. Gutes Buch.

Einer sitzt auf einer Bank, sieht entspannt aus und liest auch, auf dem Buch kann ich aber nur den Namen des Schriftstellers erkennen, nicht den Titel: Ismail Kadare. Den habe ich früher gelesen, es fällt mir auch wieder ein, aber keinen einzigen Titel könnte ich auf Anhieb nennen. Alles umsonst, nichts gelernt! Merkwürdig ist das aber, diese beiden Lesenden, heute ist Literaturtag. In meinem Rucksack der Stevenson, das ist doch eine Auswahl, diese drei, die kann sich schon sehen lassen. Als ob man irgendwas sehen lassen müsste, was für ein unsinniger Gedanke.

Eine macht auf dem Rasen Yoga und dabei eine Pose, die könnte ich nicht. So zusammenklappen, so den Po in die Höhe: Einfach nein. Eine andere geht vorbei und guckt hin und schüttelt dann den Kopf, auch nein.

Eine sitzt im Gras und spielt mit zwei Hundewelpen und lacht und lacht, während die Welpen immer wieder übereinander purzeln.

Zwei sitzen auf einer Decke und beugen sich über ein Baby.

Einer radelt mir freihändig entgegen, Kopfhörer auf wehenden Locken, und das an ihm, was gerade nicht treten muss, das tanzt, und zwar wild.

Einer fährt Inlineskates und trägt dazu ein Achtzigerjahresportoutfit in Achtzigerjahrerot. Gut fährt er, sehr schnell und energisch, und die Farbe der neu aussehenden Inlineskates, also wenn die mal nicht unter Apricot fällt.

Zwei Mädchen, zehnjährig vielleicht, schaukeln. Ganz ernst machen sie das und mit großem Einsatz. Sie schaukeln so, wie man schaukelt, wenn man einmal korrekt geschaukelt haben will, also so, dass es hinterher überhaupt keinen Zweifel geben kann, dass man aber so etwas von geschaukelt hat, und die Beine fliegen hoch, die Köpfe senken sich nach hinten, wirklich, auch das ist Sport, das sieht man und die Trainingseinheit ist noch lange nicht beendet. Sie reden nicht, sie lachen nicht, sie schaukeln.

Wann die Söhne wohl zuletzt auf einer Schaukel gesessen haben? Das fällt mir nicht mehr ein. Irgendwann war die Spielplatzzeit bei ihnen einfach vorbei. Und ist schon lange her.

Drei joggen vorbei, eine Mutter mit zwei Töchtern vermutlich, Teenies sind es schon. Sie laufen alle drei im Gleichschritt und finden das höchst vergnüglich. Sie gucken auf ihre Füße und amüsieren sich. Wippende Pferdeschwänze, drei im gleichen Rhythmus.

Ich komme zuhause an, ich setze mich auf dem Balkon. Ich habe in diesem seltsamen Jahr noch nicht einmal auf dem Balkon gesessen, wie absurd ist das denn. Ein Rotkehlchen landet auf dem Balkongeländer und sieht mich an. „Wie war dein Tag“, frage ich, denn Smalltalk mit Tieren finde ich komischerweise okay. Das Rotkehlchen hüpft auf den Boden, landet vor meinen Füßen und pickt Krümel auf.

Vermutlich finde ich Smalltak mit Tieren okay, weil sie meistens nicht antworten, denke ich. Vielleicht denke ich es sogar laut, denn das mache ich oft, wenn ich alleine bin. Das Rotkehlchen zwitschert empört und fliegt weg.

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