Das Imperfekt war auch nicht perfekt

Ich gehe morgens Brötchen holen, es regnet, es sind 12 Grad, natürlich sind 12 Grad. Ich denke Heimat, ich denke Auswandern, ich denke ach lass mal. Viel zu kompliziert und wohin überhaupt. Andere Länder, andere Menschen, da fangen die Probleme ja schon an.

Irgendwo in meinem Schrank sind so farbige, leichte Sommersachen, die liegen immer noch ganz unten, gleich neben meiner Stimmung.

Das Home-School-Kind – wir haben jeden Tag ein Home-School-Kind und ein Präsenztagkind im Wechsel – bewirft währenddessen auf dem Balkon ein mit Mehl und Kakao bedecktes Backblech mit Steinen. Es sagt, das sei Physik und das müsse so, ein Versuch, ein Versuch. Ich sage fein, fein, mit Physik kenne ich mich leider nicht aus, mach mal, aber lass mich nach Möglichkeit in Ruhe damit. Gleich habe ich wieder den Physiklehrer von damals vor Augen, der immer so herzzerreißend verzweifelt geguckt hat, wenn wieder ein Versuch nicht geklappt hat, der hat uns tatsächlich oft leidgetan. Alles war so gut gemeint, und dann war es doch wieder nichts und dann dieser verzagte Blick auf all das Zeug, das nicht funktioniert hat. So gucke ich heute nach misslungenen Erziehungsversuchen.

Ich mache meine Firmenmails auf, ich lese und verstehe nichts, oh, eine berufliche Sinnkrise. Oh, sie ist schon wieder vorbei, denke ich eine Minute später, eine kurze Aufmerksamkeitsspanne hat eben auch ganz entschieden ihre Vorteile.

Ich arbeite, ich gehe zwischendurch schnell in den Drogeriemarkt um die Ecke. Die Kassiererin fragt mich: „Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?“ Heimat, denke ich schon wieder, Heimat ist, wo die Drogeriemarktkassiererin weiß, wer deine Familie ist. „Es geht uns gut“, sage ich, „alles gedeiht bestens bei 12 Grad und Regen.“

Das Home-School-Kind macht währenddessen Grammatik, Futur II, wir werden Home-School gehabt haben. Das Plusquamperfekt dann später für die Enkel, wir hatten Home-School gehabt. Und im Partizip, so doziere ich weiter, wird es dann beschreibend, das home-schoolende Kind. Er, sie, es wurde homebeschoolt. Na, was man so macht.

Das Präteritum übrigens lief in meiner Schulzeit noch unter Imperfekt. Ich bin so alt, sogar die Grammatikbücher aus meiner Schulzeit wirken mittlerweile steinzeitlich, vielleicht waren sie auch noch in Fraktur gedruckt, das kann sein. Ich lese das nach, das mit dem Präteritum, und siehe da, die Bezeichnung Imperfekt war im Grunde nie ganz richtig, da sie aus der romanischen Grammatik kommt und für germanische Sprachen einfach nicht passt. Daher jetzt Präteritum, Präteritum ist besser und logischer.

Nur Unsinn fürs Leben gelernt! Das aber gründlich.

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Auch von den Küsten

In den Medien sehe ich Berichte über das erste Wochenende mit Lockerungen, ich lese den Satz: „Auch von den Küsten gab es wenig Klagen“, und finde ihn seltsam schön, der Satz klingt doch geradezu literarisch. Dieser Anklang von van Hoddis, doch, das gefällt mir.

Andererseits: „… doch deuten aktuell keine Wettermodelle eine Einkehr des Sommers mit deutlichen höheren Temperaturen an.“ Beim NDR steht das so, und der Freundeskreis 12 Grad zieht wieder Rollkragen an, stellt die Heißgetränke bereit und reibt sich die Hände warm.

Ich gehe abends als Spurenleser durch den Stadtteil. Ich sehe, dass der Alkoholkonsum überall ansteigt. Die Flaschen am Wegesrand, die zertretenen Plastikbecher, ja, es ist endlich wieder Party-Time. Die Menschen brauchen das jetzt oder meinen es zu brauchen, sich endlich einmal wieder richtig die Kante geben, unter Freundesbeobachtung und mit 1,50 Meter Abstand, also im Rahmen der Messgenauigkeit, versteht sich, die gerade allerdings schnell abzunehmen scheint, wenn ich mir die Menschengruppen so ansehe.

Es gibt Diskussionen in der Stadt, ab wann denn ein Pavillon vor einem gastronomischen Betrieb ein Zelt ist, ab wann der Mensch also eigentlich draußen ist, wenn er genau was über und um sich hat – ein Dach und eine Plastikwand, zwei Wände, drei? Ist man in einem Zelt draußen oder drinnen, Nomaden im Sturm kennen diese Frage. Der Senat sagt auf Nachfrage, vier Zeltwände dürfen es nicht sein, wer da aber weniger Wände habe, der sei frei, draußen und gut gelüftet. Wenn Sie jetzt zuhause testweise eine Wand aus ihrem Wohnzimmer stemmen, dann finden Sie das gewiss auch.

Egal, alle finden jetzt alles gut, alle sind herrlich zufrieden. Nicht einmal der FDP-Vorsitzende hat heute etwas gefordert, vielleicht sitzt er – sich ruhig einmal gemein machen! – sternhagelvoll wie alle unter einem Pavillondach draußen und ist wunschlos glücklich, das wollen wir ihm gönnen. Er hat sehr viel gefordert im letzten Jahr, es muss anstrengend gewesen sein. Ja, es ist gut jetzt. Dürfen ist gut, Machen ist gut, Feiern ist gut, Zusammensein ist gut. Ich möchte da auch gar nicht bewerten, verstehen Sie mich nicht falsch, und der Mensch heißt Mensch, weil er sich zusammendrängt.

Auch von den Küsten, liest man, gab es wenig Klagen.

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Korrekt geschaukelt

Ich gehe zu Fuß vom Garten nach Hause, eine Stunde durch die Stadt, viel davon durch einen langen Park, der heute ausnahmsweise fast sommerlich wirkt, zumindest wenn man sich die wüsten Wolkengebirge darüber wegdenkt, die heranbrausende nächste Kaltfront. Morgen wieder 12 Grad, es muss alles seine Ordnung haben.

Einer kommt mir entgegen, der trägt ein Skateboard auf der Schulter, ein junger Mann. Das Skateboard fährt er nicht, weil er liest, das ist gerade wichtiger. Im Gehen liest er, das habe ich früher auch gemacht, es fällt mir wieder ein. Er hält das Buch so hoch, dass ich es erkennen kann. Es ist eine Ausgabe, die ich einmal hatte oder sogar noch habe, ich müsste einmal nachsehen: Malcolm Lowry, Unter dem Vulkan. Gutes Buch.

Einer sitzt auf einer Bank, sieht entspannt aus und liest auch, auf dem Buch kann ich aber nur den Namen des Schriftstellers erkennen, nicht den Titel: Ismail Kadare. Den habe ich früher gelesen, es fällt mir auch wieder ein, aber keinen einzigen Titel könnte ich auf Anhieb nennen. Alles umsonst, nichts gelernt! Merkwürdig ist das aber, diese beiden Lesenden, heute ist Literaturtag. In meinem Rucksack der Stevenson, das ist doch eine Auswahl, diese drei, die kann sich schon sehen lassen. Als ob man irgendwas sehen lassen müsste, was für ein unsinniger Gedanke.

Eine macht auf dem Rasen Yoga und dabei eine Pose, die könnte ich nicht. So zusammenklappen, so den Po in die Höhe: Einfach nein. Eine andere geht vorbei und guckt hin und schüttelt dann den Kopf, auch nein.

Eine sitzt im Gras und spielt mit zwei Hundewelpen und lacht und lacht, während die Welpen immer wieder übereinander purzeln.

Zwei sitzen auf einer Decke und beugen sich über ein Baby.

Einer radelt mir freihändig entgegen, Kopfhörer auf wehenden Locken, und das an ihm, was gerade nicht treten muss, das tanzt, und zwar wild.

Einer fährt Inlineskates und trägt dazu ein Achtzigerjahresportoutfit in Achtzigerjahrerot. Gut fährt er, sehr schnell und energisch, und die Farbe der neu aussehenden Inlineskates, also wenn die mal nicht unter Apricot fällt.

Zwei Mädchen, zehnjährig vielleicht, schaukeln. Ganz ernst machen sie das und mit großem Einsatz. Sie schaukeln so, wie man schaukelt, wenn man einmal korrekt geschaukelt haben will, also so, dass es hinterher überhaupt keinen Zweifel geben kann, dass man aber so etwas von geschaukelt hat, und die Beine fliegen hoch, die Köpfe senken sich nach hinten, wirklich, auch das ist Sport, das sieht man und die Trainingseinheit ist noch lange nicht beendet. Sie reden nicht, sie lachen nicht, sie schaukeln.

Wann die Söhne wohl zuletzt auf einer Schaukel gesessen haben? Das fällt mir nicht mehr ein. Irgendwann war die Spielplatzzeit bei ihnen einfach vorbei. Und ist schon lange her.

Drei joggen vorbei, eine Mutter mit zwei Töchtern vermutlich, Teenies sind es schon. Sie laufen alle drei im Gleichschritt und finden das höchst vergnüglich. Sie gucken auf ihre Füße und amüsieren sich. Wippende Pferdeschwänze, drei im gleichen Rhythmus.

Ich komme zuhause an, ich setze mich auf dem Balkon. Ich habe in diesem seltsamen Jahr noch nicht einmal auf dem Balkon gesessen, wie absurd ist das denn. Ein Rotkehlchen landet auf dem Balkongeländer und sieht mich an. „Wie war dein Tag“, frage ich, denn Smalltalk mit Tieren finde ich komischerweise okay. Das Rotkehlchen hüpft auf den Boden, landet vor meinen Füßen und pickt Krümel auf.

Vermutlich finde ich Smalltak mit Tieren okay, weil sie meistens nicht antworten, denke ich. Vielleicht denke ich es sogar laut, denn das mache ich oft, wenn ich alleine bin. Das Rotkehlchen zwitschert empört und fliegt weg.

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Was dann alles geht

Der Akkuschrauber ist das Gerät der Woche. Wenn ich durch die Straßen gehe, sehe ich alle paar Meter Menschen vor Kneipen, Cafés und Restaurants an den Terrassen, Bänken, Stühlen, Markisen und Pavillons werkeln. Überall wird geschraubt, wir bauen eine neue Stadt. Also zumindest in Leichtbauweise und zumindest bezogen auf den Konsum von Latte Macchiato und Bier und Pizza. Plastikstuhlstapel, an Wände gelehnte Bänke, Seifenlauge. Trennwände aus allen denkbaren Materialien. Frisch befüllte Blumenkübel, schwarze Erde auf dem Pflaster. Das kratzende Geräusch roter Straßenbesen. Absperrgitter, die zurechtgeschoben werden.

Vor einem Café stellen sie zu dritt einen Sonnenschirm auf, dann decken sie einen Tisch darunter komplett ein und rücken Stühle zurecht und gucken dann so prüfend, kann man das so machen? Ja, man kann, nicken sie sich dann zu, selbstverständlich kann man, aber es ist alles lange her und eben ungewohnt, so ungewohnt. Der Sonnenschirm wird noch einmal testweise auf- und zugeklappt, ja, das läuft alles. Eine Speisekarte wird auf den Tisch gestellt, schließlich noch einmal prüfende Blicke auf die Deko und das Gesamtarrangement, da fallen auch schon die ersten Tropfen, da greift der Wind unter den Schirm, da schaudert es die vorbeieilenden Passanten vor Kälte und Nässe und alles wird schnell wieder weggeräumt und verstaut, jetzt nicht, jetzt gerade geht es nicht. Aber generell geht es schon.

In der Innenstadt sitzen am Sonnabend Menschen unter improvisierten Regendächern aus zusammengekoppelten Schirmdächern. Um sie herum die Schlangen vor den Geschäften, die sind lang, winden sich durch die Fußgängerzone und überlagern sich hier und da, Interferenzzonen. Stehen Sie hier oder da? Ich weiß gar nicht! Verwirrte Blicke, welche Schlange führt hier eigentlich wohin? Die Gäste des Restaurants sitzen vor Heißgetränken, haben Decken über dem Schoß und beugen sich über den Dampf aus den Tassen und löffeln rettenden Eintopf. Zwölf Grad, Regen und auffrischende Winde, man kann draußen sitzen, und wie man kann, siehste ja. Da, ein Bild auf Instagram, wir waren dabei. Einkaufstüten, die auch im Bild, die ersten Tüten seit man weiß gar nicht mehr wann. Es ist alles etwas komisch, aber es ist Einkaufen, wir waren in der Stadt. Ein Selfie, ein Selfie. Die Haare stehen wirr im Wind, Sylt nichts dagegen.

Da dann auch mal wieder hin! Es geht ja alles. Und wenn es erst warm wird, was dann alles geht. Die Leute vergraben sich tiefer in ihre Jacken.

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Verweilen

Auf den großen Platz scheint die Abendsonne, es ist unerwartet einen Moment warm, eine ganze Stunde lang vielleicht. Es ist sogar maiwarm, es ist, wie es eigentlich gehört und jetzt gerade, genau in dieser Stunde, findet also der Frühling statt. Die Menschen reißen die Jacken auf und verweilen, Winterjacken sind es bei manchen noch. Diese dicken Jacken wirken auf einmal seltsam unpassend und gerade eben noch waren sie doch normal und, ein Blick in den Wetterbericht, normal werden sie gleich wieder sein. Dahinten schon die Wolken, da kommt was. Egal, jetzt die Sonne, jetzt die Milderung, jetzt ist alles gut. Endlich. Hier und da Grüppchengeplauder auf dem Platz, die Leute sitzen auf Stufen, auf Kisten und Blumenkübeln, sie sitzen auf allem, was man in der Stadt als Sitzgelegenheit so findet. Viel ist das nicht und manche sitzen oder liegen daher auch einfach so auf dem Pflaster, zwei ältere Herren sitzen auf ihren Rollatoren. To-Go-Becher haben die Menschen in den Händen, Bierflaschen, Essen vom Inder in Aluschalen, Dönerboxen. Möwen stolzieren herum und warten mit Kennerblick auf die Pommesreste. In den Restaurants und Kneipen ringsum wird geräumt und dekoriert, Plastikstühle werden geschrubbt, die Vorbereitungen laufen, es wird geöffnet. Bald schon.

Wo die Gesichter der Menschen auf dem Platz hinzeigen, da ist Westen, das ist einfach. Leise Feierabendgespräche überall, die Szene sieht ungeheuer entspannt aus. Zwei Frauen lachen laut auf und gießen sich Prosecco in bunte Plastikbecher nach. Ein Mann lehnt sich behaglich auf einer Bank vor einer geschlossenen Kneipe zurück und reckt das Gesicht weiter in die Sonne. Links ein Freund, rechts ein Freund, ist das eine schöne Stunde. „Eigentlich“, sagt er grinsend, als ich gerade vorbeigehe, „eigentlich darf ich gar nicht raus. Quarantäne, weißte.“ Die Freunde nicken, ja, das kennt man. Ärgerliche Sache.

Aber auf einer Bank unter Freunden kann man das aushalten. Weißte.

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Links am Abend

Über die Resozialisierung

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Über das Home-Office

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Über Impfungen bei Kindern. Bis zum Ende lesen. Bitte keine Kommentare zu dem Thema, ich bin nervlich gerade schon genug beansprucht. 

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Franco Battiato ist gestorben. Ein schönes Lied von ihm hier drunter, seit langer Zeit ist es auf meiner Abendplaylist. Ich muss mich beim Bespielen von Playlists ja immer sehr zusammenreißen, weil mein Hirn das sonst für sinnvolle Arbeit hält und ebenso gerne wie dringend ein paar hochkonzentrierte und überzeugend engagierte Tage mit der Auswahl und dem Sortieren von Songs verbringen möchte. Aber mein Hirn hat nicht immer Recht, glaube ich. Mit welchem Teil von mir auch immer ich das glaube, da wird es schon wieder enorm kompliziert.

Von dem Herrn ist jedenfalls auch das “Prospettiva Nevski”, welches eine junge Alice dergestalt damals in den Achtzigern vorgetragen hat, dass ich vor dem Fernseher in Anbetung geschmolzen bin. Ich hatte das schon einmal im Blog, es ist eine Weile her. Wenn ich heute nachsehe, was sie damals getragen hat, es ist nur noch begrenzt nachvollziehbar. Hier eine viel spätere Version mit einem wunderbar entspannt wirkenden Franco Battiato. Mir gefällt diese Aufnahme jetzt besser als der Hochglanz aus den Achtzigern, ich altere also korrekt.


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Zeichen und Wunder

Vor einem Café liegen vier schwere Platten aus Beton am Wegesrand, die sind in Metall gefasst und haben in der Mitte ein rundes Loch, da gehört etwas hinein. Ein Sonnenschirm nämlich. Und so groß wie diese Platten sind, so schwer auch, wird das ein ziemlich großer Schirm. Die Platten lagen da gestern noch nicht, möchte ich als revierkundiger Mensch mit Spaziergangszwang meinen, die sind da neu und die sind also ein Zeichen. An denen sehen wir jetzt, es geht bald wieder etwas los. Außengastronomie, so fängt das nämlich an. Ich gehe im Stadtteil herum, es ist sonst nichts zu sehen, auch nicht für versierte Spurensucher, aber die Platten da, die haben wir jetzt registriert und wissen Bescheid. Uns kann nichts mehr überraschen.

Auf dem Spielplatz hängen am frühen Abend Teenies herum, die weder mit ihren seltsam unsortierten Gliedmaßen noch mit ihren wüsten Gefühlen wissen, wo sie heute hinsollen. Einer setzt sich auf die Schaukel, eine setzt sich auf ihn, ihm zugewandt. Also sie will sich so auf ihn setzen, sie ist aber, bei allem Respekt, nicht der gelenkigste Mensch und die Schaukel ist schmal, für Kinder eben. Es ist ein Angang, es ist schwierig und mühsam, nichts geht, wie es gedacht war, es ist im Grunde ein einziger Krampf wie der ganze Frühling und dann sitzt sie am Ende doch richtig auf ihm und das Knutschen geht los, wie es nicht anders zu erwarten war und als ich kurz nicht hinsehe, liegen die beiden schon umschlungen unter der Schaukel, wie haben sie das jetzt so schnell geschafft? Das sind die Wunder der Liebe, die man da sieht. Kurze Wunder sind das allerdings, denn sie stehen schon wieder auf, er hat nassen Sand in der Hose und überall, das geht so nicht, alles hat Grenzen.

Er schüttelt seine Hosenbeine, er flucht, sie geht lachend weg, er geht ihr nach. Natürlich geht er ihr nach. Am Ende ist es doch Frühling, es sieht nur nicht so aus.

Ich stehe am Fenster, ich vermerke Zeichen und Wunder, es ist ein Montag im Mai. Die Woche wird anstrengend, kompliziert und überaus heikel, ich werde nicht viel schreiben können. Aber kurz mal raussehen und etwas aufpassen, das wird schon gehen, nehme ich an.

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Was schön war

Gestern fuhr ich mit der Herzdame über die Autobahn, ich am Steuer, sie daneben. Denn auf der Autobahn fahre immer ich, in der Stadt dagegen fährt immer die Herzdame. Wir haben für viele Situationen solche einfachen Regeln, das hat sich für uns bewährt. Ich koche immer, sie kocht nie, das ist einfach, da gibt es nichts zu diskutieren. Wenn das Auto kaputt ist, regelt sie die Reparatur, keinesfalls ich. Wir müssen darüber nicht reden. Wir haben oft auch keine Zeit, über so etwas noch zu reden, so etwas muss bei uns einfach laufen.

Wir haben uns im Auto unterhalten, wir hatten Zeit. Wir fuhren durch Niedersachsen, da gab es links und rechts nicht viele ablenkende Inhalte, da gab es nur das große Flach. Wir hatten Ideen, wir machten Pläne. Wir arbeiteten auf und grübelten zusammen etwas durch, etwas sehr Schwieriges, das in der kommenden Woche zu bewältigen ist. Wir wogen ab, wir dachten voraus und zurück und um einige Ecken – und zwischendurch stellten wir fest, fast gleichzeitig stellten wir es fest und sprachen es auch aus, dass wir mit uns verdammt gut reden können, dass wir uns enorm hilfreich finden, echtjetztmal, und dass wir zusammen vermutlich ziemlich gut sind, also unserer Meinung nach zumindest. Wir stellten mit Nachdruck fest, dass wir aller Wahrscheinlichkeit nach genau den jeweils richtigen Menschen geheiratet haben, und wie schlau von uns war das denn bitte? Bei all den Dummheiten, wenigstens einmal gut aufgepasst. „Es war richtig so“, sagte ich, und meinte so ziemlich alles, „es war wirklich richtig so.“ „Und ob es das war“, sagte die Herzdame. Und dann sagten wir ein paar Kilometer nichts und haben uns nur so vor uns hin gefreut. Über uns.

Dann hielt ich ihr grinsend meine Hand zum High-Five hin, was sie allerdings eher blöd fand, weswegen sie nur so halb reagierte, etwas zu lasch also, was ich eher blöd fand, und dann fanden wir uns ein paar Kilometer nicht so gut.

Wenn man auf diese Art viele Kilometer und Jahre schafft, also richtig viele, dann ist das ein guter Weg. Finden wir.

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Fortgesetzte Verwirrungen

Es gab, vor allem auf Twitter, etliche zustimmende Kommentare zu meiner kleinen Anmerkung zu Ostern neulich, also zur nur halb scherzhaft gemeinten Frage, ob das denn schon war oder nicht. Diese kurze saisonale Verwirrung, die ich im letzten Text beschrieben habe, die teilten wohl etliche Menschen. Bei mir geht es gerade in dieser Form weiter.

Ich habe nämlich, um das eben zu erklären, den zweiten Impftermin Anfang August. Anfang August ist das Jahr aber schon klar abschüssig, da läuft ja alles schon auf den Frühherbst zu, da sieht man es in der Natur schon kippen, also normalerweise jedenfalls. Da ist es tagsüber noch heiß, aber abends vielleicht schon nicht mehr, es wird auch schon wieder früher dunkel usw., Sie kennen das. Der Sommer hat da bereits diese gewisse Ahnung von Endlichkeit, und mit jedem Tag wird sie deutlicher, bis man sich endlich Anfang September hinsetzt und mit viel Ach und wohligem Weh im Herzen wieder Herbstgedichte schreibt.

Da ich da jetzt einen Folgetermin habe, ist das aber quasi demnächst. Gleichzeitig hat das Jahr noch gar nicht richtig angefangen, denn es war ja kein Frühling, es war immer nur 12 Grad und bedeckt, es war Novembermärz. Ich habe keinen Frühling gefühlt und gehabt.

Und dann gleich noch eine Steigerung. Wir sind aufs Land gefahren, in wilde Nordostwestfalen. Über die Autobahn, durch ein knallgrünes Land im blendenden Sonnenschein, von dem im Wetterbericht gar nichts stand. Blühende Rapsfelder in Leuchtgelb, bunte Blumen an Feldrändern, königsblauer Himmel gleich hinter den Elbbrücken. Farben wie in der naiven Malerei, Norddeutschland als Postkarte, der bekannt menschenfreundliche Spargelbauer winkt heiter aus seinem Verkaufswägelchen an der Autobahnabfahrt. Und das kann ja auch alles so nicht sein. Wieso ist denn eigentlich alles grün, wieso gibt es Spargel und Erdbeeren, wann ist das bloß passiert, in welchen Wochen soll das denn so gekommen sein? Ich habe definitiv noch in keinem Jahr vorher als Erwachsener so wenig davon mitbekommen. Ich habe doch sonst ab März Knospen beobachtet wie Sherlock Holmes mit der Lupe, um nur ja kein Ergrünen zu versäumen, ich habe erste Blätter regelrecht gefeiert, ich habe jede Blüte verbloggt.

Dieses Jahr aber habe ich Home-Office und Home-School gemacht, draußen war es grau bei 12 Grad. Immer wieder, repeat, repeat, repeat.

Ich stehe höchst irritiert im Garten der Schwiegermutter. Die Johannisbeeren sind hier mindestens vier Wochen weiter als die in unserem Garten. Als sei ich bis nach Freiburg oder über die Alpen gefahren. Was ist hier eigentlich los? Das wird, ich habe da so eine Ahnung, die Frage des Jahres. Nein, sie ist es längst.

Wie auch immer. Das Jahr 2021 ist kalendarisch, saisonal und gefühlt für mich noch wesentlich kaputter als 2020. Faszinierend.

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Retromax

Am Montag war es nach wie vor geradezu ungebührlich heiß in der Stadt, was für mich auch deswegen ein Problem ist, weil ich an solchen Tagen seit meiner Jugend zwanghaft „Hot in the city“ von Billy Idol im Kopf und im brülllauten Endlos-Loop höre, das ist nach mittlerweile mehreren Jahrzehnten doch etwas belastend, to say the least.

Egal. Es war also hot in the city, es war entschieden zu hot für Hoodies und ich habe deswegen mal wieder ein Hemd angezogen, was ich lange nicht gemacht habe. Eventuell seit dem 13. März 2020 nicht mehr, das kann tatsächlich sein. Es war eindeutig eine Hoodie-Zeit, die Monate nach diesem März im letzten Jahr, und nicht nur für mich. Jetzt also das Hemd. Das war seltsam.

Natürlich erinnere ich mich noch an meine Hemden. Ich weiß, wie sie aussehen und wie sie sitzen und alles, aber was waren die fremd! Als läge das Tragen nicht etwa ein Jahr, als läge das mindestens zehn Jahre zurück. Und mit dem Tragen auch die Umstände, die Stimmungen, der Alltag, die Epoche, v.C., vor Corona. Ich ging vor den Spiegel und sah nach damals aus, nur deutlich verbrauchter und müder. Das da im Spiegel – das war ein verkleideter Retromax. Ich hätte, da bin ich wieder bei Affekten, gerne alle Hemden mit ausholender Theatergeste aus dem Schrank genommen und glattweg entsorgt. Ich wäre gerne spontan in einen Laden gegangen und hätte zehn Hemden und zwei Anzüge gekauft, alle neu, alle frisch, alle anders, alle jetzt. Das habe ich selbstverständlich nicht gemacht, hier wird aufgetragen, was im Schrank hängt. Es hat auch gar kein Laden auf, noch lange nicht, und ich bin nicht einmal durch die Pandemie ein besonderer Fan des Onlinehandels geworden. Wie ich bereits einmal schrieb, schon deswegen nicht, weil nach so einer Bestellung immer irgendwann jemand hier klingelt. Ich lehne das ab.

Aber ich fand es interessant, dass mir diese Relikte des präpandemischen Zeitalters in meinem Schrank da irgendwie abgehangen vorkamen, was Hemden zwar ohnehin sind, aber eben noch abgehangener und abgetragener. Älter. Einige der Hemden waren vor 15 Monaten noch gar nicht alt. Jetzt schon, jetzt sind sie sehr alt.

Vielleicht ein Hinweis darauf, dass ich als Anderer aus der Pandemie komme. Vielleicht auch in stärkerer Ausprägung, als es mir bisher bewusst ist.

Ich habe daran eigentlich keinen Zweifel, das wird so sein. Aber faszinierend, woran das zu bemerken ist.

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