Für fünf Minuten

Am Morgen hole ich Brötchen und gehe an einer riesigen Rabenkrähe vorbei, die auf einem schmalen Vordach über einem Hauseingang sitzt und mich mit schrägem Kopf genau beobachtet und dann leise lacht. Zumindest klingt es so. Ich sehe sie fragend an, da dreht sie den Kopf weg und besieht sich lieber den vielversprechenden Morgenhimmel, recht demonstrativ tut sie das. Ich bleibe etwas stehen und sie sieht mich nach einem Augenblick wieder an und schüttelt den Kopf. Dann ruft sie einer Taube, die unter einem ausgesprochen armseligen Gebüsch am Straßenrand im Dreck pickt, etwas zu, und die Taube dreht sich doch tatsächlich um und blickt ebenfalls zu mir. Tiere sehen dich an, ich sage „Ja, was jetzt.“ Aber da kommt natürlich nichts und ich gehe entschlossen weiter. Mühsam drehe ich mich nicht mehr um, man hat ja soweit seinen Stolz. Im nächsten Schaufenster, eine Ecke weiter, betrachte ich prüfend die Spiegelung, ich sehe aus wie immer. Und genau das ist es wohl.

Es folgt der erste Tag im Garten und es ist wie im letzten Jahr und wie immer, ich habe die Hände bereits in der Erde, bevor ich auch nur an Gartenhandschuhe denken kann. Ich mag es einfach, Erde anzufassen, das ist nicht mehr heilbar. Ich wühle hingebungsvoll im erstbesten Beet und ziehe die Mangoldstrünke des letzten Sommers heraus, armdicke und blutrote Aderstränge sind das, sie sehen aus wie die Requisiten eines Horrorfilms. Der gute Gartentipp: Mangold einfach mal stehen lassen, er macht dann sehr tolle Sachen, wird riesig und sieht dabei unfassbar toll aus. Fast den ganzen Winter durch.

Ich wühle in der Erde, ich schiebe Laub beiseite und ziehe Rillen mit dem Zeigefinger, ich säe Radieschen. Säen, das ist eine Tätigkeit, die weiter nach vorne weist, das ist auch mal schön. Und ja, es ist vielleicht zu früh. Vielleicht auch nicht.

Die Herzdame hat den Saisoneröffnungskuchen gebacken, American Cheesecake, der ist sensationell gut. Nachbarn kommen vorbei, wir winken sie heran und sitzen draußen und reden, es fühlt sich fast normal an. So einen Abstand hatte man doch früher auch und meine Güte, ist der Kuchen gut.

Gänse ziehen etwas später über uns hinweg. Formationsflug, wie es sich gehört. Dann eine Wende, das große V löst sich auf, was machen sie jetzt? Sie kreisen über unserem Garten und rufen uns etwas zu. Dann noch ein Kreis und noch einer. Ich habe leider nichts verstanden. Wie auch, die haben ja alle dauernd durcheinandergerufen. Nach dem dritten Kreis fliegen sie weiter, was war das wohl? Eine Botschaft, eine Verheißung, eine Warnung, ein Gruß, ein Wildganswort, im Flug gerufen. Ob es wichtig war?

Ich spiele mit einem Sohn Ball, das tut gleichmäßig weh. Also im Rücken, in den Knien, in den Armen, womöglich fehlte mir in den letzten Winterwochen doch etwas Bewegung. Der Sohn rennt und fängt und tritt und wirft sich ins Gras und rollt und springt, ich bücke mich ab und zu stöhnend nach dem Ball. Das wird demnächst wieder besser.

Die Familie fährt am frühen Abend mit dem Auto nach Hause, nur ich fahre Rad, siehe Bewegung. Missstände immer sofort beheben! Ich biege aus dem Garten auf den Weg und fahre durch die Kolonie. Andere Nachbarn sitzen zu zweit im Garten und halten Händchen, ein altes Pärchen. Ein junger Mann kommt mir entgegen, der könnte fast noch ein Junge sein. Ein Vexierbildgesicht, Junge, Mann, es kommt auf den Winkel und die Beleuchtung an. Neben ihm ein Mädchen im gleichen Alter, eine junge Frau also vielleicht. Sie sehen sich an und halten ebenfalls Händchen und lachen. Er sieht auf ihren Mund, sie sieht in seine Augen, vielleicht war es auch umgekehrt. Ich fahre vorbei und hätte ich einen Rückspiegel am Fahrrad, ich hätte den Kuss sicher noch gesehen. Auf einer Bank zwei Mädchen, etwa sechste Klasse, die werfen die Köpfe zurück und lachen gleichzeitig über etwas, nach hinten fliegende Haare. Eine Bank weiter zwei Frauen, die sehen gemeinsam auf ein Handy und kichern über etwas, das sie dort sehen. Die Bille hinter ihnen ist noch eisbedeckt, aber es taut und man riecht das Wasser, zum ersten Mal seit Wochen riecht man es.

Die Gärten riechen von der anderen Seite des Weges nach Erde und auch nach einem fernen Feuer, die Gerüche mischen sich und das rührt in dieser Mischung etwas an, etwas ganz Altes und Unbewusstes. Ich fahre eine sachte Kurve, und die ist genau richtig, es ist eine überaus angenehme Kurve. Die Kurve und die Gerüche und die lachenden Menschen, die gehaltenen Hände und dass ich das erste Mal wieder ohne Jacke fahre, nur so im Pullover, und dass die Temperatur dennoch genau richtig ist, dieses alles zusammen, das ist, was ich lange nicht mehr hatte, das ist ein schöner Moment. Das gibt es ja heute kaum noch und ich fahre einigermaßen beseligt durch die Kurve und über eine Brücke und dann über noch eine und vergesse doch glatt und immerhin kurz den Lockdown und Corona und alles und für fünf Minuten, meine Damen und Herren, hier muss ich eben eine Künstlerin zitieren, die hier vor langer Zeit schon einmal vorkam, für fünf Minuten nämlich – hatte ich keine Angst vor gar nichts. Wer kann das schon von sich behaupten.

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Links am Morgen

Wissenswertes über Stockton-on-Tees. Doch, wirklich.

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Ich bin ja nicht die Lehrerin oder die Schulbegleiterin, sondern ich bin die Mama.

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Du gehörst nicht dazu! Noch einmal zum Thema Klasse.

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Ist es gesünder, wenn ein Kind alle 42 Bücher der »Warrior Cats«-Reihe liest, als wenn es mit seinen Freundinnen chattet? Wo so viel von Smartphonesucht und explodierenden Bildschirmzeiten die Rede ist, kann es sinnvoll sein, mal auf die feinen Unterschiede zwischen Handy und Heroin hinzuweisen.

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Inventur

Dies sind meine Hausschuhe,

dies ist mein Hoodie,

hier mein Sofa

gleich vorne im Flur.

 

Smartphone,

mein Twitter, mein Facebook,

ich hab‘ die Accounts

stets offen.

 

Mein Notebook teile ich

mit einem Sohn,

immer schließen wir

alle Dateien.

 

Im Unterverzeichnis

ein paar angefangene Texte

und einiges, was ich

auch ihm nicht verrate.

 

Das Notebook dient uns

als Schreibmaschine und Tafel,

die Arbeitsblätter hier

sind für die Schule.

 

Das alte Blog aber

lieb ich am meisten

morgens schreib ich die Texte,

die nachts ich erdacht.

 

Dies ist mein Streamingdienst,

dies ist mein Ladekabel,

dies sind meine Kopfhörer,

dies ist die Maus.

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In freundlichem Gedenken an Günter Eich.

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Wilde Milderung

Draußen findet eine wilde Milderung statt, es geht zügig auf zehn Grad und mehr zu. Beim Discounter gibt es schon irgendwas mit Bärlauch und natürlich auch Ostersüßwaren in pastellig bunter Frühlingsfarbgebung, es geht voran. Und es knirscht beim Gehen. Der Streusand liegt noch überall, jeder Schritt ein Geräusch, jeder Schritt eine Mahnung, gestern noch das Eis. Die ganze Stadt hat jetzt Sand im Getriebe, und wie viel davon. Man müsste hier mal weiträumig durchfegen, man müsste hier mal alles neu machen. Den Winter oder überhaupt alles rausfegen, klar Schiff machen. Das gilt auch für die Wohnung, wie sieht es hier aus, wer hat hier gehaust. Nächste Woche kommen die Handwerker und tauschen mehrere Fenster aus, vor dieser Aktion lohnt es nicht, einen Frühjahrsputz auch nur anzufangen. Ich habe vergessen, nach dem Spaziergang die Schuhe auszuziehen, jetzt knirscht es auch in der Wohnung. Überall Reibung.

Im Hafen tuten tief die Schiffe. Der Wind steht gerade wieder so, dass wir es deutlich hören. Nie war mir das ein Fernwehgeräusch, jetzt schon. Die Leinen losmachen, das klingt in der aktuellen Situation schön und vielversprechend. Und dann wenigstens, na, sagen wir nach Helgoland. Übers Meer, übers Meer, heute fahren wir übers Meer. Einmal dort um die Düne gehen, das wäre ja schon viel. Im Dünenrestaurant draußen sitzen und Pommes in der Sonne essen. Dann wieder rüber zur Hauptinsel, was schon viel zu groß klingt für Helgoland, in ein Hotelzimmer gehen und nichts machen müssen. Das dann aber mit Begeisterung.

Ich höre stattdessen eine Radiosendung über den Raummythos Transsilvanien (54 Minuten). Ich googele das seltsame Hotel am Borgo-Pass, um welches es da geht, es sieht nicht gerade einladend aus. Aber drüber bloggen könnte man schon, denke ich, und früher hätte ich so etwas nicht gedacht. Transsilvanien. Warum nicht. Literarische Bezüge, schöne Landschaft, reiche Geschichte. Und Untote, okay, aber irgendwas ist ja immer. Geister, die ihren Opfern zwar nicht das Blut, aber doch alle Energie rauben, wie die Rumänen in der Sendung erklären. Das kennt man auch von gewissen Pandemien, diesen Raub. Untote Viren, dennoch leben sie nicht und haben es auch nie.

Ich reise nicht, natürlich nicht. Ich gehe wieder nur knirschend einkaufen, irgendwas noch ohne Bärlauch, und pfeife dabei La Paloma, das kommt davon, wenn man große Schiffe hört. Das Geburtshaus von Hans Albers wird gerade saniert, sehe ich im Vorbeigehen.

Immer alles in Form halten, ganz wichtig.

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Vielleicht

Ich weiß nach wie vor nicht, was ich lesen soll. Ich stehe vor dem Regal, ich nehme Schnurre, also gut, ich lese Schnurre. Der hat aber damals Berlin so beschrieben, dass man genau merkt, der ist da ausgiebig herumgelaufen und durch die Stadt gestromert, der hat da Menschen gesehen, der war neben und unter ihnen, der hat in Kneipen und Cafés gesehen und an Kanälen gesessen, der hat die Leute reden gehört und das nervt alles erheblich, denn das kann man selbst ja im Moment eher nicht und alles Beschreibbare reduziert sich jeden Tag wieder auf wenige Quadratmeter, die man schon richtig, richtig gut kennt, oder aber auf die Erinnerung an andere Zeiten. Es nervt, es nervt, es nervt.

Sprich, Erinnerung, sprich, das ist auch ein Buch, das war ein anderer Autor. Erinnern könnte man sich, jederzeit könnte man das und stundenlang, tagelang, wochenlang. Aber ich will mich gar nicht erinnern. Also generell schon, aber ausgerechnet jetzt nicht, ich will eher nach vorne. Früher hatte man Termine, die waren vorne. Ich weiß noch deutlich, dass ich Termine doof und belastend fand. Die wären also eher keine Lösung, denke ich mir, aber Möglichkeiten vielleicht. Ja, Möglichkeiten, das wäre es. Beim Sitzen denken, was alles sein könnte, wenn man nur. Das wäre schön. Und dann so gelassen und wie nebenbei entscheiden, ob oder nicht. Überhaupt, gelassen sein. Unentschlossen sein, aber im guten Sinne. Mehrere verlockende Vielleichts durchgehen und sie unachtsam verwerfen, weil es einfach genug davon gibt.

Vielleicht im Sommer wieder. Oder im Herbst. Was weiß ich, es zieht sich alles ein wenig, nicht wahr.

Auf Twitter geht es darum, dass man die letzte Zeit und ihre Folgen deutlich im Spiegel erkennt, Alterungsprozesse und Augenringe. Wir kommen hier nicht heil raus, das muss man auch sehen. Lauter Versehrte werden wir sein. Freundlich müssen wir zueinander sein. Ich glaube, das ist wird immer wichtiger, je länger alles dauert. Man muss es sich geradezu vornehmen, so wichtig ist das.

Freundlich dann auch zu sich selbst sein. Aber gut, wir wollen die Anforderungen jetzt auch nicht übertreiben. Die Zeit ist anstrengend genug.

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Links am Morgen

Über Moodle. Falls Sie den Begriff nicht kennen – Schwein gehabt.

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Über digitalen Unterricht.

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Klasse durchdringt alles. Passend dazu: Wie wohlhabend sind Sie? Allein das Wort schon. Ich frage mich ja auch oft, was ich wohl habe. 

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So herum auch gut

Bevor es Frühling wird, das Morgenrot ändert sich von Tag zu Tag doch verdächtig, noch eben ein Winterbild mitnehmen, schnell, schnell, das noch wegspeichern. Die Lichter nämlich, die abendlichen Lichter im ganzen Block, die Straßen entlang und rund um die Plätze. Es sind alle, es sind nahezu alle Fenster der Wohnungen erleuchtet. Er, sie, es ist zuhause, wir sind zuhause, ihr seid zuhause, sie sind zuhause, alle sind zuhause. Niemand geht irgendwohin, die Häuser sind hell wie in keinem Jahr, in alle Wohnungen kann man sehen und feststellen, was andere Menschen für Bilder aufhängen und meine Güte, was sind die manchmal seltsam. Die anderen dürfen das von unseren Bildern auch denken, versteht sich, aber wir wohnen zu hoch, hier kann eh keiner hereinsehen.

Das jedenfalls auch merken und später erinnern, den Enkeln später davon erzählen, diese Lichtfassaden über dunklen Absätzen. Denn unten, unten leuchtet nichts, kein Schaufenster, keine Werbung. Kaum Werbung. Die Stadt ist andersherum beleuchtet, und das sieht so herum auch gut aus, was bin ich heute wieder positiv.

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Am Morgen fragt eine Frau in der Bäckerei nach Berlinern. Da lägen nur so wenige in der Auslage, und es sei doch Karneval, sagt sie, sie brauche mehr. Wie jetzt, denke ich, Party oder was, das wäre ja dezent Anlass zur Verwunderung, wenn nicht zur Empörung. Und die Verkäuferin fragt in ehrlichem Erstaunen das, was noch viel naheliegender ist, richtig entgeistert fragt sie das: „In Hamburg?!“

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Gleich drei Eichelhäher sitzen im Holunder vor der Haustür und marodieren pöbelnd durch alte Nester kleinerer Vögel. Das ist schon Bandenkriminalität und die Meisen zwitschern höchst aufgeregt vom Verfall der Wohnlage, neulich auch schon dieser Bussard, tagelang war der da, man muss doch sehr bitten und was ist hier eigentlich neuerdings los.

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Ich stelle beim Nachrichtenhören fest, dass ich schon wieder vergessen oder vielleicht auch eher verdrängt habe, ab wann nun was wo wieder öffnen darf. Es war aber ohnehin eher wenig, glaube ich, und in jedem Bundesland irgendwie anders. Ich habe da eine seltsame Merkverweigerung und mache einfach weiterhin nichts, das wird man ja noch machen dürfen. Irgendwo machen irgendwann Blumenläden auf, Gartencenter und Friseursalons und Grundschulen, was auch immer. Die Zahlen gehen runter, die Zahlen gehen rauf, Mond und Sterne ziehen über uns hinweg.

Diess Blog bleibt dauerhaft geöffnet, ich habe ein Hygienekonzept, immerhin sitzen Sie sicher vor einer Scheibe.

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Zwei machen hier Home-Office, zwei machen hier Home-School. In der Wohnung unter uns reißen sie die Wände raus oder den Fußboden oder beides und die Badezimmerkacheln müssen womöglich auch weg, was weiß ich. Jedenfalls schweres Gerät und Gerumpel und Geratter ganztägig, frag nicht. Ich kann mich nicht konzentrieren. Ich weiß gerade noch, wie ich heiße, würde aber auch darauf nicht wetten. Auch wenn ich mich konzentrieren könnte, ich könnte auch dann nichts richtig machen. Zu viele Themen zur gleichen Zeit, alles ist zerfleddert und zerfieselt. Wer nichts richtig macht, der macht alles falsch, ich fühle mich wie seit Wochen, nein, seit Monaten wie damals in der siebten Klasse. Die habe ich wiederholt – und besser war das. Sohn I ist auch gerade in der siebten Klasse, mit ihm mache ich die also zum dritten Mal im Leben und allmählich reicht es mir auch, danke. Einführung in die Algebra zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten, kann sich die bitte jemand rektal einführen, die gottverdammte Algebra. Pardon, es geht gleich wieder.

Ich gehe am Vormittag rastlos von einem Zimmer zum anderen, hier ein Thema, dort ein Thema, links ein Problem, rechts ein Problem. Ich treffe die Herzdame im Flur, wir sehen uns an, wir wollen beide etwas sagen. Wir sagen nichts, wir haben beide schon wieder vergessen, was wir sagen wollten. Goldfische im Glas, immer im Kreis, voll schön hier und guck, eine Kurve, da mal rum! Dann biegen wir ab.

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Süd, Südwest

Im Drogeriemarkt haben sie den Drehständer mit den Gemüsesamen wieder in den Gang gestellt, beim Discounter gibt es nächste Woche Gartengeräte und Komposter. Im Wetterbericht steht etwas von sagenhaften 13 Grad schon am nächsten Wochenende und als ich am Sonntag in der Küche stehe und Unmengen Kartoffelsuppe mit Mettenden für eisige Tage zubereite, höre ich die Glocken unserer Kirche, danach noch weitere Glocken von einer Kirche in einem anderen Stadtteil und dann sogar noch mehr, die müssen weit weg sein. Ich öffne das Fenster, ich halte den Kopf in die Kälte und versuche, die Richtung zu bestimmen, aus der die fernen Glockenschläge kommen, die ich sonst nie höre. Ich glaube, sie kommen vom Hafen. Der Wind hat also gedreht, das ist Südwest, da liegt Sibirien nicht. Etwas Neues kommt vom Hafen her, das kann einem als Hamburger auch willkommen sein, so gehört das. Eine Unwetterwarnung piept auf dem Handy. Schnee und Regen auf Helgoland, viel davon. Wenn die Unwetterwarnungen zuerst für Helgoland kommen, dann ist es aber so etwas von West.

Das sind so die Frühlingszeichen. Adere sehe ich nicht, andere höre ich nicht, fühle ich nicht. Die Luft ist noch eisig, es riecht nach Winter. Es sieht auch nach Winter aus, weiter hinten das Alstereis, ein strahlendes Krankenhauslaken, frisch aufgezogen. Auf dem Spielplatz vorm Haus hüpfen die Eltern im Kreis, um sich aufzuwärmen. Ein kleines Kind im dicken Schneeanzug hüpft mit, fällt um und lacht sehr, rollt gut gepolstert über den Boden. Spielplatzsand und Schnee in unschöner Mischung, Wintertarnfleck.

Aber doch, da kommt was, ich will es gerne glauben.

Ich gehe um den Block. Ein paar Häuser weiter bleiben Menschen vor den Fenstern eines Restaurants stehen, dann noch andere Menschen und auch die, die nach denen kommen. Was gibt es da zu sehen? Die Tische wurden komplett eingedeckt. Als würde es da morgen wieder losgehen, so sieht das aus. Alles ist auf einmal wieder auf den Tischen, Kerzen, Gläser, Servietten, Dekoklimbim. Gestern standen die Tische und Stühle noch zusammengeschoben in einer Ecke. Üben die da? Machen die vielleicht Fotos? Das können sie doch so nicht liegenlassen, bis sie irgendwann wieder öffnen, das staubt doch alles ein, die Teller und die Gläser.

Die Menschen stehen draußen vor den Scheiben und einer sagt: „Sieht aus wie normal“, jemand antwortet: „Ja, früher normal.“

Ein paar Meter weiter hat jemand neben den geplünderten Mülleiner gekotzt. Das ist immer normal, damals, heute, morgen. Pandemie hin oder her. In der Nacht wird das frieren, der Winter hat auch Vorteile.

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Wir in der nächsten Zeit und kurz darauf

In den Nachrichten jetzt wieder überall Annahmen und Voraussagen zum Ende der Pandemie, zur nächsten Zeit und zu kurz darauf. Die Läden werden demnächst Mode zu Spottpreisen verkaufen, so lese ich. Bis zu 90% Preisnachlass, das wird alles quasi gar nichts mehr kosten, alles wird verramscht werden und doch noch gut sein, und wenn die Läden erst wieder geöffnet sein werden, dann stürmen wir da rein und kaufen alles, alles. Verdammt gut werden wir dann aussehen, wie neu werden wir aussehen und so werden wir uns auch fühlen, durch und durch wie neu. Viele Unfälle wird es geben, das ist eine andere Meldung auf einer anderen Seite, das klingt nicht so gut. Weil wir uns so dermaßen lange nicht bewegt haben, weil wir keinen Sport gemacht haben, weil wir eingerostet sind auf dem Sofa, das wir durchgesessen haben. Aber erst einmal gehen wir in die Innenstadt, erst kommt noch etwas Shopping, das ist so gefährlich nun auch wieder nicht, das kriegen wir schon noch hin, auch nach Monaten auf den Sitzmöbeln, die wir nicht mehr sehen können. Und wir werden in der Umkleide stehen und denken geil, wir stehen in einer Umkleide, das ist ja der Hammer, dass wir das noch erleben dürfen! Wir lassen alle Klamotten aus den Angeboten gleich an und gehen neu und farbig und topaktuell raus auf die Straße, wo alle anderen auch so aussehen wie wir, sehr gut sehen sie aus, sexy auch und sympathisch, überaus sympathisch, wir leben am Ende doch in einer guten Gegend.

Wir haben Hunger und gehen in einen Imbiss, das geht auch wieder. Wir essen Pommes, ungesunde Pommes, und zwar viel davon, rotweiß unbedingt, wir brauchen enorm viel Energie, und zwar sofort, das spüren wir deutlich. Es ist erst elf Uhr am Vormittag, aber wir trinken Alkohol dazu, weil wir es brauchen, weil wir es feiern wollen, weil wir alles jetzt sofort feiern wollen. Wir sehen uns um, die anderen Gäste im Imbiss sehen alle nett aus, super Leute, das merken wir gleich, und wir machen Smalltalk mit denen, als hätten wir Smalltalk immer schon gut gefunden. Wir fragen, was sie im Lockdown gemacht haben. Wir fragen nach ihren Vornamen und nach ihren Berufen und Hobbys, wir trinken Brüderschaft. Nach dem Lockdown ist Köln weltweit und wir singen gemeinsam alles mit, was im Radio läuft. Wir gehen wieder raus und sehen auf einmal all die neuen Plakate, Veranstaltungen!

Weißt du noch, weißt du noch, und wir machen Fotos von den ganzen Plakaten und speichern sie ab und wollen überall hingehen. Freilichtbühne, bestuhlt oder unbestuhlt, Arena und Club und Privattheater, wir nehmen alles mit. Wir wollen in der ersten Reihe sitzen und jubeln, wir wollen die besten Plätze, genau das wollen wir und wir gehen immer schneller, weil wir noch etwas wollen, weil wir alles wollen, und zwar heute noch. Wir gehen zur U-Bahn, wir telefonieren dabei, wir gehen einfach das Adressbuch komplett durch und verabreden uns mit allen und für alles, wir lachen und reden und lachen immer mehr. Da, die Treppen runter zur U-Bahn, und wir hören sie unten schon einfahren, wir laufen jetzt, einmal wieder einer U-Bahn hinterherrennen und das Herz schlägt, wie das schlägt!

Wir stolpern über die vielen Einkaufstüten, wir fallen wie die Leute aus dem Stuntteam, nur ohne die geschickte Landung, aber sogar der Flug fühlt sich gut an, man wird davon erzählen müssen, denken wir noch, allen wird man davon erzählen müssen, da haben wir schon wieder ein Thema. Und wir brechen uns am Fuß der Treppe das Genick und sterben, so lebendig wie nie.

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Links am Morgen

Ein Phänomen, das die mir bekannte Jugend tatsächlich kennt und auch nutzt – chillige Lofi-Endlos-Session. Wired geht dem Trend nach. Bei mir wird währenddessen die Musik, die mich vermeintlich entspannt, immer schneller und wüster, was kommt eigentlich nach Tribal Techno? Egal, in absehbarer Zeit stelle ich mich aus Wellnessgründen einfach mal an der nächsten Baustelle neben einen rabiat ratternden Presslufthammer. Das hilft dann auch gegen Tinnitus, also zumindest für den Moment.

Und im Moment soll man ja leben. 

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Welcher Innenraum wie ansteckungsgefährlich ist. Das Theater ist also viel weniger bedenklich als die Schulen, entnehmen wir der Grafik da – vielleicht sollte man die Schülerinnen und Schüler einfach ins Theater schicken, oft und mehrfach, sämtliche Klassiker durch, Goethe bis Dürrenmatt, nicht unerhebliche Anteile des Deutschlehrplans wären damit doch ein für allemal gefixt. Alle hätten sogar Spaß, haha, okay, allein deswegen wird es nicht gehen, wo kämen wir da hin. Schon klar. Meine Güte, was bin ich gerade genervt von allem.

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Lassen Sie mich die Stimmung ansonsten mit dem Refrain des folgenden Stückes zusammenfassen. Passt schon. 

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