Ins Museum

Herr Brunotte hat hier gefragt, ob ich wieder ins Museum gehen würde, ich möchte dazu kurz meine Vorstellungen beschreiben. Und zwar, das muss man dabei verstehen, handelt es sich dabei um die Vorstellungen eines Vaters mit posthomeschoolischen Belastungsstörungen. 

Um die Wahrheit zu sagen, ich weiß gar nicht, wie es sich gerade mit den Museen verhält, sind die offen und wie genau, das habe ich komplett verpasst. Was auch jahreszeitlich bedingt ist, der Sommer ist irgendwie keine Kultursaison bei mir, da passe ich eher nicht auf. Ich habe aber schon oft über Museen geschrieben, ich gehe da gerne hin, soweit ich mich erinnere. 

Ich stelle mir also vor, ich gehe ins Museum. Das habe ich seit dem Winter nicht mehr gemacht, und wie lange ist der Winter bloß her, der war ja noch vor dem März mit seinen zehn Wochen Dauer und dann gab es noch einige andere Monate. Das Museum, in das ich in meiner Vorstellung übrigens ohne jede Begleitung gehe, es ist noch gar nicht lange wieder auf und nur mäßig gefüllt. Sowieso macht mir ein Museum nur Freude, wenn es bestenfalls mäßig gefüllt ist. Sonderschauen mit Hunderttausenden von Gästen – eher nein, ein Museum braucht Weißraum, schon gar nach Corona. Das Museum, es ist ganz gleich, um welches es sich handelt, ist vielleicht sogar eher leer, das gefällt mir dann gleich noch viel besser. Auf den Gängen höre ich daher die eigenen Schritte und das Wachpersonal sieht mir nach, wenn ich an Räumen vorbeigehe. Ich trete hier und da an Vitrinen und vor Objekte und Bilder, ich lese manchmal etwas nach. Getrieben bin ich dabei ausschließlich von Lust und einer äußerst angenehm entspannten Vorform der sonntäglichen Langeweile, nicht aber von Bildungsehrgeiz und Recherchedruck, schon gar nicht von irgendwelchen Zuständigkeiten. Ich gehe da nur so herum und muss gar nichts. Vielleicht finde ich dabei aber etwas, deswegen gebe ich etlichen Ecken ein oder zwei Chancen. In Museen findet man nämlich oft die Anfänge von Gedanken, während man sich das Ende von Dingen besieht. 

Ich habe also kein Kind dabei. Es ist überhaupt kein einziges Kind im Museum, die Museumspädagogik hat heute frei, der Kinderbereich ist geschlossen. Museumspädagogik ist super, gar keine Frage, aber heute nicht, heute stört sie meine Vorstellung. Die Ausstellungen sind in meiner Vorstellung eh ausdrücklich sterbenslangweilig für Kinder, sie sind im Grunde für sie völlig unzumutbar. Es werden Handschriften von toten Dichtern gezeigt, unleserliche Zeilen mit Federn notiert. Daneben hängen Ölgemälde mit dicken Menschen darauf, die überhaupt nichts anhaben, langweilige Tempel daneben und brave Schafe im Hintergrund. Einen Raum weiter gibt es Keramik, nichtssagende graubraune Scherben in 236 Variationen mit vielen Erläuterungen dabei, so etwas. Dinge, für die man Kinder unmöglich begeistern kann, bei keinem einzigen Objekt denke ich, dass das aber etwas für einen Sohn wäre. Nein, es ist alles nur meins, es ist alles wahnsinnig erwachsen, ich finde es großartig. 

Ich gehe ziellos entspannt durch die Gänge. Ich habe mir extra einen Anzug angezogen, das habe ich sehr lange nicht mehr gemacht, denn es gab keine Gelegenheit. Aber manchmal fühle ich mich intelligenter, wenn ich einen Anzug anhabe, und Intelligenz und Museum, das schien mir ganz passend. Ich habe ein Notizbuch dabei, damit wirke ich gleich noch geistreicher, bilde ich mir zumindest ein, auch wenn mir überhaupt nichts einfällt, was ich notieren könnte, wirklich keine einzige Zeile. Aber das macht nichts, ich bin ja auch nicht hier, um etwas zu leisten. 

Geleistet haben andere, und es ist schon so dermaßen lange her, dass sie es getan haben, man muss sie gewiss nicht mehr loben dafür und man muss sie auch nicht mehr zu weiteren Leistungen motivieren. Man kann sich die Ergebnisse einfach ansehen und irgendwie finden, es ist vollkommen egal, das ist so unfassbar entspannend. Ich stehe vor einem Gemälde und denke: “Na ja”, das macht dem Künstler rein gar nichts aus. 

Ich muss mir auch nichts merken, es wird nichts abgefragt, es kommt auch nichts morgen wieder vor. Ich lese den Namen eines Malers. Ich gehe ein Bild weiter und ich weiß den Namen schon nicht mehr. Ich finde das ziemlich gut so und lächele ein blassrosa Aquarell an, das hat jemand gemalt, den ich mir auch nicht merke, und zwar tat er dies in einem Jahr, das mir total egal ist, an einem Ort, der mich nicht interessiert und das gehört dann zu einer Kunstrichtung, auf die ich nicht komme. “Hübsch”, denke ich, und das ist ja auch eine Würdigung. 

Ich muss hier mit niemandem reden, und, was noch besser ist, es wäre sogar komisch oder verdächtig, wenn ich mit jemandem reden würde. Smalltalk im Museum, soweit kommt’s noch. “Na, auch hier?” Nein, das macht man nicht. Ich schweige begeistert, ich gehe leise. Da, der Gang in den anderen Flügel ist völlig menschenleer, ich wandere sachte hindurch wie ein Geist und flackere so an den Säulen vorbei. Wo auch immer ich da hinkomme, ich weiß es gar nicht, das merke ich ja dann. 

Ich gehe ins Museumscafé und kaufe mir zwei Stück Kuchen, die teile ich mit niemandem. Dann bleibe ich da einfach nur sitzen und erkläre es keinem. Ich gucke mir die Decke an und erläutere nicht, wo ich hinsehe und warum, ich verkünde auch nicht, wann es weitergeht. Es geht weiter, wenn ich es will, und ich lehne mich zurück und will nicht.

Auf den Plakaten an den Wänden sind Zeugnisse vergangener Kulturen abgebildet. Die Angehörigen dieser Kulturen hatten Kinder, die haben jahrelang irgendwas gelernt, das weiß heute alles kein Schwein mehr. So wird es mit unserer Schulbildung auch sein, denke ich. Es dauert nur noch ein wenig und ein Bild wird im Museum hängen, darauf sind ein Vater und seine Söhne, die machen gemeinsam Mathe an einem vorsintflutlichen Notebook. Darunter steht “Home-School, etwa 2020”. Eine Besucherin wird kopfschüttelnd daran vorbeigehen, nee, was die früher alles gemacht haben! Na, das ist aber sicher lange her. Und sie beugt sich vor und liest noch einmal die kleine Jahreszahl, dann schüttelt sie sinnend den Kopf. 

Ja, ich gehe auf jeden Fall bald wieder ins Museum. Ich merke gerade, es zieht mich dahin. Ein Museum ist ein Raum, in dem mir nichts gehört – und es wird alles, alles meins sein. Das wird schön, stelle ich mir vor.

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Links am Morgen

That escalated quickly. Via Daniela Warndorf auf Twitter. Währenddessen gehen die Gymnasien in Hamburg vom “Regelbetrieb” nach den Ferien aus. Ein ganz finsteres Wort übrigens, Regelbetrieb, wirklich schlimm. Verfahrenstechnik, Fließband, Norm, Maschinen, Schichtbeginn und Ende, Werksferien. 

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Vom Aufräumen der Oasen. Ich schreibe dies gerade in einem Meer von Origami-Kunstwerken, Überresten, Schnipseln und Verschnitten, diese Oase wurde definitiv am Abend nicht aufgeräumt. 

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Steh anders auf als du fielst – Gunter Dueck über das Umgehen mit Krisen.

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Der Garten als therapeutische Maßnahme: Wenn wir selbst bemerken, dass unser Geist umherschwebt, hier und da eine Blüte oder besagten Rhythmus in der Pflanzung entdeckt, auf jenes Summen und Brummen gelenkt wird, dann schließt das System daraus: „Hey, da scheint ja alles in Ordnung zu sein, da können wir auch erst mal die Muskelspannung wieder runterdrehen“, und so geht es dann hoffentlich weiter.

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Und dann jedesmal zack

Ein Vater schiebt mit einer Hand einen Kinderwagen, darin sitzt in rosafarbener Pracht seine Tochter und lächelt verbindlich alle an, die an ihr vorbeikommen, und wenig sind das nicht. Die andere Hand des Vaters liegt auf der Schulter seines Sohnes, der wird etwa zwölf Jahre alt sein und der geht da nicht gerne, das sieht man gleich. Er geht weder gerne mit noch gerne in die Richtung. Der geht so steifbeinig und mit eingezogenem Kopf, die Hände so tief in die Taschen vergraben, der will nicht, der guckt auch ganz finster, doch, das fällt sofort auf. Ich gehe neben dem Trio her, und weil der Weg hier eng ist, bekomme ich ein paar Schritte lang ihr Gespräch mit. Da fallen gerade entscheidende Sätze und es ist wohl so: Sie gehen zur neuen Freundin oder Frau des Vaters – und der Sohn guckt an dieser Stelle filmreif düster. Nein, der Vater findet die Mutter nicht schlecht, darum geht es doch auch gar nicht, der Vater sieht in den Himmel und sucht Sätze, die dort nicht stehen. Er liebt den Sohn und das sagt er auch, die Mutter liebt den Sohn auch, sowieso, aber darum geht es ja auch gerade nicht. Es ist aber nun jedenfalls, wie es ist, und er zieht den Jungen versuchsweise ein wenig zu sich heran. Der ist allerdings nicht biegsam, wie es aussieht. Der Vater schwitzt vor Anstrengung, der Sohn macht weiter sein Weltuntergangsgesicht, die Tochter winkt weiter vergnügt. Der Vater sieht kurz zu mir und wirkt einigermaßen verzweifelt, alle Erklärungsnot der Welt im Blick.

Das waren vielleicht zehn Schritte neben ihnen. Es kann viel passieren, wenn man zehn Schritte geht. Bei Anne Tyler reicht das dann vielleicht schon für ein Romankapitel, komplett mit Wendepunkt und allem. Bei mir reicht es nur für ein paar Zeilen auf dieser Seite, es beweist aber wieder einmal, dass der gute alte Blogsport manchmal auch ohne viel Bewegung auskommt. 

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Ein Paar steigt aus einem Bus. Er geht sofort weiter, sie reißt ihn abrupt am Arm zurück, bleibt stehen und schimpft. Weil da doch ein Fahrradweg ist, also wirklich, was ist er denn bitte wieder für ein Trottel? Die Frau regt sich ziemlich laut auf. Denn das macht der Mann ja immer, so sagt sie, nie achtet er auf die gottverdammten Fahrradwege, immer wieder latscht er da drüber, dabei sind die extra so rot, die sieht man doch wohl, guck doch mal hin, also gerade hier, die sieht doch wirklich jeder, aber es ist ihm ja einfach egal, völlig egal! Kann doch nicht sein! Aber er muss das jetzt einfach lernen, denn sie haben immerhin ein Kind, und wenn er das nicht lernt, dann lernt das Kind das ja auch nicht, echt jetzt mal, und was gibt es da zu grinsen. Sie will, so hören die Umstehenden noch, so ein Elektroding kaufen, so ein Elektroding wie für Hunde, weißte, und dann jedesmal zack, gleich so einen Schlag, wenn er einen Radweg betritt und dann soll er mal sehen, ob er das nicht doch noch ganz schnell lernt, wo er so hintritt. Der Mann guckt, wer alles guckt, und er hat es jetzt ziemlich eilig.

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Vor unserer Haustür hängt ein Rudel Jugendliche herum. Sie hören Musik, kiffen und lassen Flaschen kreisen, es ist fast so lässig wie in irgendeinem Sommer v.C., als das hier noch an jedem Abend so war. Nur dass die Jugendlichen jetzt zwischendurch geradezu vorbildlich ihre Hände desinfizieren, bevor sie sich die Drogen weiterreichen. Die letzten Wochen sind an niemandem ganz spurlos vorbeigegangen. 

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Links am Morgen

Wir lernen für den Smalltalk: Doom Scrolling.

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Beim Anne-Tyler-Marathon bin ich jetzt bei “Fast ein Heiliger” angekommen. Es sind aber noch einige Romane übrig. Passt schon. 

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How cities can keep air clean after coronavirus. Ganz komisch, Hamburg kommt in solchen Texten nie vor.

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Nordfriesland steht in meiner Wahrnehmung ja mehr für Urlaubsidyll und friedlichen Sommer, aber da gibt es auch abstoßende Entwicklungen. Hier noch mehr zum geschichtlichen Hintergrund.

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Links am Morgen

Was Lars hier von Deichmann erzählt, das ist mir bisher noch nicht begegnet und ich finde es sehr abgefahren.

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Ich habe mit einer Koch-App herumgespielt, gar nicht uninteressant, Plant Jammer. Kostet nix, gibt es auf Deutsch, für Android und Apple und das Programm entwickelt Rezepte für das, was gerade im Kühlschrank ist – auf den ersten Blick macht es das sogar ziemlich gut. Spaß mit künstlicher Intelligenz.

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Marathon-Woman

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In der SZ geht es um Thomas Pynchon

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Wenn man Kurse gibt

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Christian erklärt die Sache mit den Computern, den LehrerInnen und den Schulen.

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Und hier noch ein gutes Bild von Jonny Hogg. Fast möchte man mal wieder Zug fahren.

 

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Halbzeit

Nachdem ich schon die Tatsache, dass wohl ein Sonntag ist, eher mühsam ableite als einfach weiß, verliert sich jetzt auch noch das Wetter zusehends im seltsam Unbestimmbaren. Es fühlt sich im Garten schon den ganzen Tag an, als sei es kurz davor oder kurz danach, wobei mir unklar bleibt, vor oder nach was eigentlich, nach einem Unwetter oder vor dem Durchbruch der Sonne, vor Sommeranfang oder Herbst, wer weiß, wer fühlt. Es ist warm, es ist schwül und drückend, es regnet und es regnet nicht, die Luft ist waschlappenfeucht. Es regnet im Grunde nur, wenn man sich bewegt, aber man muss sich ja gar nicht bewegen. Glaube ich. 

Es könnte acht Uhr morgens oder acht Uhr abends sein, man sieht es nicht. Der Himmel ist nicht blau und nicht grau, der Himmel ist irgendwie licht und dicht, Habichtskraut und Lichtnelken leuchten bei diesem Wetter auf. Die Möwen fliegen tief, aber das ist ja nicht wie bei den Schwalben, also zumindest war es das früher nicht. Heute ist alles anders, vielleicht also auch das. Im Apfelbaum zanken sich die Meisen schon seit einer Stunde, die kommen auch nicht zur Klärung oder zu was auch immer, und eben hat eine Hummel eine Malvenblüte neben mir glatt verfehlt und ist gegen die Holzwand der neuen kleinen Hütte gedengelt, vor der sie jetzt sitzt und vermutlich Kopfweh hat. Ich frage höflich, wie es ihr geht, sie winkt mit dem zweiten Bein von vorne rechts ab. Die Malve wiederum sieht ums Laub herum geradezu verboten unordentlich angezogen aus, vollkommen verlaust und verlottert, aber die Blüte ist so lilaschön und leuchtend, man möchte sie lange betrachten und vielleicht heimlich küssen. Also ich jedenfalls, ich alter Hummelversteher. 

Die Äpfel und Birnen schwellen an, ich esse Franzbrötchen und mache es ihnen nach. Es wird noch wärmer, es wird lichter. Und irgendwann wird es wieder Montag. Also früher war das jedenfalls immer so. Die Pappeln hinten am Weg rauschen auf, eine Bö fährt hindurch und hört gleich wieder auf zu sein. Nichts kommt an und die Malve nickt im winzigen Windchen so dezent, es ist gar nichts gewesen, es war gar nichts dabei. 

Der Mohn macht die Blüten nur bei gutem Wetter auf, der Mohn macht die Blüten heute halb auf. Vielleicht ist schon halb Montag, vielleicht ist schon ein halbes Jahr vorbei. 

Ich bleibe hier einfach sitzen und nennen es die 2020-Strategie. Mit einer Strategie kommt man nämlich zum Ziel. Zu welchem auch immer. 

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Links am Morgen

Falls Sie auf die eine oder andere Art etwas mit ADHS zu tun haben, Constantin Seibt setzt seine hervorragende Reihe dazu fort. Er ist mittlerweile bei Folge 7 und die mag ich besonders – über das Leben auf einem protestantischen Planeten.  Langer Text, vielleicht zu lang – und auch das passt sehr gut.

Dazu noch etwas Gesang, der ergänzt es gefällig:


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Und gleich noch einmal die Republik: Über das Mitmeinen.

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Seite 12, Aufgaben 1 bis 15

Ich habe heute keine Links am Morgen für Sie, ich hatte nämlich keine Zeit zum Suchen. Und das kam so: Freunde von uns haben im Garten vor ihrem Haus eine Hütte gebaut, so eine kindgerechte Hütte aus Holz, ein Miniblockhaus, richtig mit Tür und Fenstern und schrägem Dach. Viele Bretter, viele Schrauben. Ein Corona-Bauprojekt, ein Tom-Sawyer-Träumchen für den Nachwuchs. Und sie ist so dermaßen gut geworden, diese kleine Hütte – also geradezu beneidenswert gut, die könnten glatt Hüttenbaukurse geben, die BaumeisterInnen. Diese stabile und auch schöne Hütte für Kinder musste bei denen aber weg, aus sehr erwachsenen Wohnungsverwaltungsgründen, denn sie war ja kein amtlich zugelassenes Spielgerät mit TÜV-Prüfmarke, sondern so ein Wildwest-Selbstbauabgrund. Sie war im Grunde aus lauter Gefahrenquellen zusammengenagelt, nicht aus normalem Holz. 

Die hatten also eine Hütte, wir haben einen großen Garten – und gestern haben wir sie dahin transportiert, denn es wäre doch zu und zu schade gewesen, diese Hütte abzubauen und entsorgen zu müssen. Das war aber ein ziemlich schwieriges Unterfangen, ein Hüttenzauber geradezu. Es erforderte viele Menschen, ein Auto mit Anhänger, viele Träger und Hände, denn das Ding ist zwar nur kindgerecht groß, aber ganz klein sind die Kinder im Freundeskreis mittlerweile nicht mehr. Das Bauwerk ist also sauschwer und auch nicht gerade handlich. Man kann sie zu viert zwar kurz tragen, die Hütte, aber wirklich nicht weit, nur mit großer Mühe koordiniert geradeaus und danach hat man Rücken. Aber alles zerlegen und dann wieder komplett neu aufbauen? Das wollte auch keiner, das wäre ja wie Aufgeben gewesen.

Da war also diese Holzhütte (“Wir berechnen zunächst die Grundfläche und den Rauminhalt unter besonderer Berücksichtigung der Dachschräge.”), die musste auf den Anhänger (“Können wir die Hütte so ausrichten, dass sie auf den Hänger passt? Beachte die Höhe der Hütte und die der Planenabdeckung des Hängers!”) gewuchtet werden (“Wie viele Menschen brauchen wir, um diese Hütte etwa hundert Meter weit zu tragen?”) und es erforderte erstaunlich viel räumliches Vorstellungsvermögen (“Wir drehen die Hütte anderthalbmal um ihre Achse und prüfen, wo dann das Dach ist”), um sie auf den Hänger zu bekommen, der dabei übrigens die ganze Zeit eine Straße vollständig blockierte (“Wenn diese Straße in der Stunde von durchschnittlich 36 Autos befahren wird, wie viele mussten dort warten, wenn die Ladezeit …”). Das Beladen dauerte unerwartet lange und es erforderte etliche Versuche und auch Werkzeuge (”Was für eine Wortart ist “Beladen” in diesem Satz? Erkläre mit einer Probe.”). 

Ohne weitere harte Maßnahmen ging es auch gar nicht, es musste doch etwas vom Dach entfernt werden (“Wie viele Bretter vom Dachüberstand müssen mindestens abgebaut werden, damit der Anhänger mit der Hütte darauf komplett geschlossen werden kann und wie viel Prozent aller Bretter sind das?”). Dazu mussten etliche Schrauben entfernt werden (“Der Akkuschrauber hat noch Ladung für 16 Minuten. Für eine Schraube braucht man 20 Sekunden. Wie viele …”)

Dann fuhren die Freunde die Hütte mit Auto und Anhänger zum Garten. Sohn I und ich fuhren dagegen mit dem Fahrrad dorthin (“Berechne die Fahrzeit mit den Durchschnittsgeschwindigkeiten in der Tabelle auf Seite 11 und beachte die abweichenden Strecken zum Ziel – wer ist früher dort?”).

Im Schrebergarten (“Informiere dich im Internet über Moritz Schreber”) haben wir die Hütte dann mit weniger und anderen Personen abgeladen, was natürlich ähnlich heikel war wie das Aufladen, schließlich haben wir sie noch an ihre neue Position gebracht (“Findest du einen Weg für den Transport durch den Garten, so dass alle Pflanzen und Zäune stehen bleiben können? Zeichne in blauer Farbe ein.”). 

Da steht sie jetzt und sieht sehr gut aus (“Wie würde deine Hütte aussehen? Skizziere mit Buntstiften!”). Es fehlt nur noch etwas Dachpappe (“Wie viel Dachpappe müssen wir kaufen, wenn sie in Rollen à 1,20 m Breite verkauft wird und das Dach folgende Maße …”) und Farbe (“Wie viele Eimer Farbe müssen wir kaufen, wenn ein Eimer 12,5 Liter …”).

Das ist aber alles eigentlich egal, darum geht es gar nicht. Es geht hier einzig allein um die Frage – werde ich nach all diesen Homeschool-Wochen (“Was war dein schönstes Erlebnis während der Corona-Zeit? Schreibe mindestens eine Seite.”) jemals wieder normal denken können? Oder werde ich als Folgeschaden dieser Zeit auch in den kommenden Jahren vor allem Textaufgaben und Arbeitsblättertexte im Kopf haben? 

(“Wie viele Jahre genau wird das anhalten? Begründe deine Annahme!”)

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Links am Morgen

Was schön war. Die Rubrik gibt es hier theoretisch auch, die habe ich aber schon lange nicht mehr bedient. Schwierigkeiten beim Schönfinden, Sie kennen das. Okay, jetzt mal wieder mehr darauf herumdenken.

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Im Bereich Kurzarbeit, wo besonders auch Männer betroffen sind, wurde der Betrag innerhalb kürzester Zeit unbürokratisch erhöht. Bei der Lohnfortzahlung allerdings, der überwiegend von Frauen in Anspruch genommen wird, wurde noch über die Verlängerung diskutiert, als die Frist schon abgelaufen war. Die Lohnfortzahlung muss der Arbeitgeber vorstrecken, das Kurzarbeitergeld kommt direkt vom Staat. Wenn eine Mutter ihren Job verliert, weil das für den Arbeitgeber alles zu kompliziert ist, steht sie schlecht da, wenn die Kitas wieder öffnen. Dann verliert sie den Kitaplatz nämlich, wenn sie nicht innerhalb von acht Wochen einen neuen Job gefunden hat. Das ist unfassbar.

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 Eine ziemlich privilegierte Sichtweise, was im Lockdown alles super war, bzw. was sogar so bleiben soll. Ich nehme an, das wird später einmal sozial- und kulturgeschichtlich interessant sein.  Wiedervorlage in einem Jahr, mal sehen, was dann noch übrig ist.

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Gib mir Text

Ich finde es rasend unangenehm, nichts Lesbares in greifbarer Nähe zu haben. Ich fand das immer schon unangenehm, also seit ich lesen kann zumindest. Ich bin nicht smartphoneabhängig, ich bin textabhängig, ich bin da als Kind schon hineingeraten. Ich hing an Kinderbüchern, an Jugendbüchern, an Literatur, ich hing auch am Bildschirmtext (Seite 111), an Reclambändchen und jahrelang natürlich an gedruckten Zeitungen und Zeitschriften, ich hing später auch an den ersten SMS, damals, als die noch ein Heidengeld kosteten. Egal, es ist eine gesellschaftlich recht anerkannte Sucht, damit kann man gut und in etablierter Manier leben, immer so den Textpegel halten, und ich habe lange, lange gebraucht, um zu merken, dass es vielleicht auch auf ein Problem hinweisen kann, wenn man diese Sucht hat, also tatsächlich hat, auch wenn es alle immer nur für einen Scherz halten. 

Ich gehe einkaufen und vergesse das Handy, das passiert mir aus naheliegenden Gründen selten. Auf dem Rückweg stehe ich im Fahrstuhl, der muss bis ganz rauf in den vierten Stock, das ist also eine verdammt lange Fahrt, so ganz ohne Text. Ich lese notgedrungen, was eben da ist, das ist eine Packung Toilettenpapier, da steht etwas drauf, na Gott sei Dank. So etwas lese ich sonst nicht mehr, das ist ja wie unreiner Stoff im Drogenhandel, ich kann mir längst besseres Zeug leisten. So etwas habe ich früher gelesen, damals, als ich nichts hatte. Zutatenlisten auf Tütensuppen und Duschgelflaschen und so etwas, das lässt man ja normalerweise irgendwann hinter sich und wendet sich anderem Stoff zu, seit es Handys gibt sowieso. Aber gut, es gibt in diesem Fahrstuhl wirklich nichts anderes, nur diese Packung, was steht da? 

Da steht, wie toll das Papier ist, natürlich, was soll da auch sonst stehen. Da steht aber auch eine Schlussfolgerung, die mich etwas erstaunt, da steht nämlich: “Po müsste man sein”. Darüber könnte man vermutlich länger nachdenken, also wenn man sonst überhaupt nichts zu tun hat jedenfalls, aber das trifft auf mich ja nicht zu, ich muss dringend etwas lesen. Irgendeinen anständigen Text muss ich lesen, das ist so wie bei Alkoholikern, die es unbedingt zum guten Rotwein drängt, man lässt sich eben nicht gerne mit dem zitternd aufgerissenen Tetrapack in der Hand blicken. 

Ohne Handy gehe ich so schnell nicht mehr aus dem Haus, das wollte ich nur eben sagen. Das ist ja furchtbar, was man dann lesen muss.  

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