Hundert fröhliche Kinder

Lang und detailreich über SUV

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Die Tagebücher von Victor Klemperer als Hörspiel

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Währenddessen findet schönster September statt, hier etwa das Katzengold der Herbstsonne auf dem früh gefallenen Laub an der Mauer des Spielplatzes. In echtere und weitere Natur habe ich es in letzter Zeit leider nicht geschafft. 

 

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Abends fährt ein Auto unsere Straße hoch, ein Cabrio, aufgemotzt und frisiert wie sonst etwas. Die Autoposer werden seit Wochen in der Innenstadt immer auffälliger, da fahren jetzt vermehrt auch Ferraris, Maseratis etc. herum, es gibt hier immer wieder Beschleunigungsangebereien in den 30er-Zonen ringsum und vor allem vor dem Hauptbahnhof, wo es schön viele Leute nervt. Dieses durchgestylte Cabrio hier fällt aber vor allem durch laute Musik auf, nicht durch den überstarken Motor. Das ist natürlich nicht irgendeine Anlage, die wurde vermutlich von Profis entwickelt und verbaut und kann wirklich etwas, die kann, wie man hört, etwa ein ganzes Stadtviertel beschallen. Allerdings hört der Fahrer nichts mit viel Bass, Bass, Digger, er hört auch keinen hochgradig versauten Rap oder irgendeine abgefahrene Form des Aggro-Speed-Metals, der Fahrer hört vielmehr in unfassbarer Lautstärke gregorianische Gesänge. Und dabei auch nicht eine der weichgespülten instrumentalisierten Versionen, die man heute auch ab und zu in Hotelfahrstühlen oder auf Spotify-Playlists findet, die irgendwas mit “Chill-” im Titel haben, nein, da läuft der wahre Stoff, das alte Zeug. Und zufällig sehe ich in der Sekunde der Vorbeifahrt gerade aus dem Küchenfenster, sehe Kirchturm und Mond und Wolken und eine eilig vorbei fliegende Krähe in immerhin halber Dunkelheit und höre dazu also einen Choral oder was auch immer das genau war, ich kenne mich da gar nicht aus, aber für eine Sekunde passt das jedenfalls alles unfassbar gut zusammen. Immerhin. 

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Eine kleine Begebenheit noch, geradezu unglaubwürdig gleichnishaft, aber wie ich immer sage, so isse eben, die olle Wirklichkeit, die hat es nicht so mit den Regeln der Ästhetik und des Stils, die haut plump einfach rein und überzeichnet, wie es ihr passt, da sind Karikaturisten gar nichts dagegen. Ich bringe einen Sohn zur Schule, da ist Treffpunkt für die Klassenfahrt. Herumtobende Kinder, Kofferberge, eine kreischende Aufgeregtheit in der Luft, man möchte auf gar keinen Fall Lehrer sein. Dem Sohn fliegt etwas ins Auge, das ist ein natürlich saublöder Zeitpunkt für so etwas. Er hat nun wirklich anderes vor, aber es ist dann doch ein einigermaßen dringliches Vorkommnis, darum müssen wir uns kümmern. Ich sehe nichts im Auge, aber das beweist nichts, weil Nahbereich und Alter. Ich bitte also andere Menschen um Begutachtung, die sehen dann schon etwas, die Beseitigung gelingt ihnen aber nicht, das Ding ist hartnäckig. Das Auge tränt und tränt und wird rot. Ich erkläre, dass dieses auch richtig sei, Tränen spülen so etwas irgendwann raus und schlimm sei das alles ja nicht, spätestens mit einem Wasserhahn sollte man es in den Griff bekommen können, oh Fülle der Lebensweisheit. Das nützt dem Sohn natürlich überhaupt nichts, denn das Auge tränt immer weiter und es ergibt sich dabei dummerweise folgendes Bild – hundert Kinder tollen fröhlich herum und freuen sich auf die Reise, eines sitzt neben seinem Vater am Rand und heult. Das heult in Wahrheit zwar gar nicht, wie ich jederzeit gerne bezeugen kann, das hat nur etwas im Auge, aber jede vorbeigehende erwachsene Person nähert sich mit lebhaften Ausdrücken des Bedauerns und des Mitleids, einige sind dabei auch noch so halb amüsiert, ach Gott, was hat das arme Kerlchen denn? Das Kerlchen wird, wer könnte es nicht verstehen, allmählich immer wütender, das hat ja immerhin auch einen Ruf zu verlieren, aber die Wut sieht man ihm leider auch gleich an und diese Mischung aus Tränen und Wut sieht in der Folge eher noch problematischer aus und es dauert eine Ewigkeit, bis sie endlich alle abfahren und er das Problem dann irgendwann alleine löst. So etwas löst sich ja immer nach einer Weile und ist dann gar keine Erinnerung mehr wert.

Aber auf dieses eindrückliche Bild – hundert fröhliche Kinder, eines heult – wäre ich vermutlich selbst auch reingefallen und ich habe mich zumindest kurz gefragt, wie oft man wohl auf eine ganz ähnliche Art völlig kenntnislos in seiner Einschätzung scheitert. 

Na, man muss es nehmen, wie es kommt, das gilt auch für die banalen Belehrungen aus dem Alltag mit Kindern. 

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Musik! Thelonious Monk.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte. 

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ICE München – Hamburg, abends vor vier Jahren

Ich sehe gerade, ich habe 2016 etwas von alten Notizen geschrieben, die ich noch verbloggen wollte, das habe ich aber vermutlich nie gemacht, ich kann mich zumindest nicht daran erinnern. Und wenn ich es doch gemacht haben sollte, dann macht das auch nichts, das weiß ja schon wieder kein Mensch mehr. Diese Notizen verarbeite ich also jetzt. Sie merken, ich ziehe das Aufräumjahr nach wie vor durch, und wie ich das durchziehe. Auch aus den letzte Ecken der Regale fallen mir dabei noch alte Notizbücher entgegen, halb gefüllt, dreiviertel gefüllt, mit nur einem Satz darin, in allen Varianten. Es sind in diesem Fall Notizen, die vielleicht trotz der verstrichenen Zeit nicht schlecht geworden sind, es geht da um eine Zugfahrt von München nach Hamburg. Das ist eine Zugfahrt, die bei uns ein jährliches Ritual ist, immer nach dem Südtirolurlaub fällt die an, und wie das bei Ritualen und Traditionen so ist, wenn man darüber in dem einen Jahr etwas schreibt, dann ist es drei oder vier Jahre später nicht zwingend ungültig und entwertet, siehe auch Weihnachten, Sie kennen das. In diesem Jahr war das weiter unten erwähnte Bier zur Abwechslung und kraft neuerer Beschlüsse alkoholfrei, das schon – aber sonst? Die Zugfahrten geraten mir in der Erinnerung ohnehin durcheinander wie die Gedanken kurz vorm Wegdösen irgendwo in der Mitte des Landes, während man im ICE an Städten vorbeifährt, die man gar nicht recht kennt, und deren Namen nicht immer so klingen, als sei es überall besser, wo ich nicht bin. Aber was weiß man schon als Durchreisender?

Die Reisenden dämmern langsam weg, jeder auf seine Art. Hände an Wangen, Stirne auf Fäusten, verrutschte Brillen und derangierte Frisuren, sinkenden Zeitungen, Bücher auf Halbmast und auf den Tischen nicht zu Ende gegessene Brötchen, die nach zwei, drei weiteren Stationen allmählich nicht mehr gut aussehen oder sogar auf dem Boden liegen werden. Der Zug wackelt sacht und das Land rauscht in der Dämmerung vorbei, es ist sehr ermüdend. Einer liest Zeitung, einer liest etwas auf dem Handy, eine macht ein Kreuzworträtsel. Einer erstellt eine Powerpointpräsentation über Schlagbohrmaschinenmarketing, das ist wohl sein Beruf und er sieht gar nicht unglücklich dabei aus, denn dem Menschen ist wirklich fast alles möglich. Eine liest einen Krimi, der in Bozen spielt, das sieht man auf dem Titelbild. Eine im Teenageralter guckt etwas auf Youtube, lacht sich bemüht leise kaputt und sieht ab und zu auf die Eltern, die ihr gegenüber sitzen und sie die ganze Zeit todernst ansehen. Zwei Kleine gucken Bernard und Bianca auf einem Tablet. Einer hört Element of Crime über Handy und Kopfhörer und schreibt dabei einen Blogeintrag mit Kuli in ein Notizbuch, und das geht auch. 

Element of Crime schrammeln von Kaffee und Karin und der Zug schaukelt im Takt oder doch immerhin fast im Takt, das ist eine der kleinen Freuden. Draußen wird es dunkler und die Landschaft wird flacher, im Waggon wird es kälter. Die Klimaaanlage hat da wohl etwas nachzuholen, sie ist vehement bemüht und hier und da werden Strickjacken und Pullover herausgekramt. Im Speisewagen ist es noch viel wärmer und es riecht nach Kantinengulasch, am Tresen im SB-Bereich trinken Männer mit Köfferchen neben sich Bier. Die reisen beruflich und machen mit der weiblichen Servicekraft Witzchen, die nicht zünden. “Komm mit mir woanders hin”, singt Sven Regener und ich nehme das Bier mit zum Platz.

Der Zug hält und die Reisenden wachen halb auf, strecken sich, ändern knurrend die Lage und beobachten schläfrig, wie sich die Zugestiegenen auf die letzten freien Plätze verteilen. Der Zug rollt wieder an, Hochhäuser, dann Landschaft, irgendeine Landschaft, man sieht schon gar nicht mehr hin, dann ein Tunnel und die Augen fallen auch wieder zu, das Land ist weg und alles rollt vorbei, wie in meinem Lieblingsgedicht von Heine, das Geld und die Welt und die Zeiten, und Glauben und Lieb und Treu. Die beiden Kleinen schlafen jetzt auch, Kopf an Kopf, während doch Bernard und Bianca auf dem Bildschirm noch in wilder Aktion sind, der Tag war sicher anstrengend. 

Der Zugbegleiter geht lächelnd durch den ruhigen Zug und besieht sich die Schlafenden wie ein freundlicher Herbergsvater. Vielleicht mag auch er seinen Job, das kann ja sein, thank you for travelling, das muss ja nicht immer nur als Scherz taugen.”

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Vierzig Jahre später

Der Hauptteil steht heute gar nicht hier, der steht drüben beim Goethe-Institut, wo es eine neue Kolumne von mir gibt: Alles tanzt.

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Die Riffreporter über Sinn und Unsinn von Blühstreifen

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Himmelschreiende Hilflosigkeit

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Aufgebockte Häuser – Architektur und der Klimawandel

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Auf die nebenbei gestellte Frage, auf welchem Kontinent wir denn gerade herumlaufen, sagte der angesprochene Sohn, der sei jedenfalls nach einer Geliebten von Zeus benannt und ich könne ja mal selbst überlegen, was da alles in Betracht käme und ob eigentlich nur einer. Ich habe das Gefühl, ich muss das Niveau der Nebenbeifragen allmählich deutlich anpassen. 

Währenddessen eskaliert das Lernen mit den Söhnen so vor sich hin, ich fand es am Donnerstag fast schade, dass ich die Französischarbeit nicht selbst schreiben konnte – dabei war ich doch so gut! So läuft das also mit der Lernmotivation, man muss nur vierzig Jahre abwarten, dann kommt sie wie von selbst. 

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Musik! Wes Montgomery.

 

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Irgendwo anheuern

Täglich bis zu einer Tonne Ernte – ein etwas größerer Dachgarten

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In einer Gesellschaft, in der Markt und Wettbewerb als Lösung fast aller Probleme favorisiert werden, muss man für den Erhalt und den Ausbau solidarischer Institutionen kämpfen.” Ein Artikel über Stressmanagement, was ist das für ein fürchterliches Wort. Ein Stress- und ein Parkraummanager kommen in eine Bar …

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Der Faschismus hat keinen moderaten Flügel. Haben schon alle verlinkt, macht aber nix.

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Ich habe mir weiter Daudets “Briefe aus meiner Mühle” vorlesen lassen, aber das Buch entfernte sich langsam von mir, da es draußen mit dem September über Nacht kühler und sogar etwas regnerisch geworden ist, es im Text aber weiterhin heiß und sonnig glühend blieb. Na egal, ich höre das jetzt zu Ende und suche mir danach vielleicht etwas, das besser zu diesem Monat passt. Ich habe so die Vermutung, es wird ein Hörbuchherbst, warum auch nicht, das hatte ich noch nie. Und im November, im November passt dann auch wieder der Anfang von Moby Dick, darauf freue ich mich schon. Der Anfang ist sensationell, was für ein Einstieg, denn lasse ich mir dann gleich mehrfach vorlesen. Zumal ich hier ja in einer besonders angenehmen Lage bin, denn ich kann mir diesen Anfang vorlesen lassen und direkt danach mal eben runter zum Hafen gehen, das ist sehr, sehr gut und stimmig. Und ungefährlich ist es auch, man kann heute vermutlich gar nicht mehr mal eben irgendwo anheuern, man kann nur lässig auf eine Hafenfähre springen und vielleicht noch La Paloma pfeifen. 

Zuerst aber kommt noch eben Alexander von Humboldt, habe ich gerade beschlossen, mit seinen Ansichten der Natur (gelesen von Wolfgang Bütttner), da kann man sich Südamerika vorstellen, wie es nicht brennt. Das Problem dabei ist, man bekommt wahnsinnig Lust auf Natur und Gegend und Landschaft, muss also rausgehen. Gut und schön, aber wann?

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Musik! Die Piaf in toller Qualität. L’amour, ganz wichtiges Wort, das hatte der Sohn noch gar nicht, glaube ich. Aber récréation kam schon vor, da sind wir dann schon wieder bem Stressmanagement. 

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Hör mal, hör mal

Ich lerne gerade erhebliche Mengen Vokabeln, also eigentlich nicht ich, eher die Söhne, mein Lernen ist da nur ein Nebenbeigewinn. Ich frage ab und sage vor und schreibe auf und lasse buchstabieren und bilde lustige Beispielsätze, was man eben so macht. Dauernd fallen mir dabei zu allen möglichen Vokabeln Songs ein, in denen das zu lernende Wort im Refrain oder sonstwie prominent vorkommt, und dann kennen die Kinder den Song natürlich nicht, weil der wieder von Dean Martin oder von Jacques Brel oder so ist. Dann spiele ich ihnen den Song vor und sage “Hör mal, hör mal, da kommt es, jetzt, hörst du?”, und die Söhne gucken mich groß an und sagen ratlos: “Na und?”

Da steht man dann mit seinen musikalischen Erinnerungen und sharing ist gar nicht immer caring.

Comment soll der Junge lernen, also das französische comment, nicht das englische, comment wie in „Comment te dire adieu“ sage ich sofort und da guckt er schon wieder so. Schlimm.

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Hier ein Gespräch mit Thomas Bauer (Audio), dessen Buch über den Verlust der Mehrdeutigkeit ich mit großem Interesse gelesen und erhellend gefunden habe, es waren einige wirklich originelle Gedanken darin, fand ich. Ich habe dieses Interview auf der Autobahn zwischen Nordostwestfalen und Hamburg gehört, weswegen der  Rest der Familie unfreiwillig ebenfalls zuhören musste; ich habe aber nach all den Jahren mit Leo Lausemaus und Konsorten auch ein gewisse Bedürfnis nach Revanche, das gebe ich gerne zu. In dem Interview wird irgendwann die Würde des Menschen erwähnt, wozu es von der Rückbank den Kommentar “Ah, Artikel 1” gab, woraus ich zufrieden schließe, dass die Söhne in den Schulen also tatsächlich etwas lernen. Schön!

Kurz darauf sind dann alle im Auto eingeschlafen. Also alle außer mir.

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Ein langer Artikel über Plastik im Boden und im Salat und überhaupt. Am Wochenende haben wir zufällig im Heimatdorf der Herzame gesehen, was für eine Plastikorgie ein Bauernhof heute sein kann, das Zeug wird da in so krassen Mengen eingesetzt, man kann seine Bilderbuchvorstellung vom Land unmöglich noch im Kopf behalten. Aber wenn Sie jetzt in einen Buchladen gehen und sich die Bilderbücher dort ansehen, da werden immer noch drei freilaufende Hühner von der rotbäckigen Bäuerin mit der Hand gefüttert und das herrlich dreckige Schwein strahlt durch den heimeligen Holzzaun und die taufrisch geerntete Karotte wird sanft in den Korb aus Weidengeflecht gebettet und per Kutsche oder immerhin Oldtimer-Traktor von dem Bauern mit dem lustigen Strohhut auf dem Kopf gemütlich in Ihren Edeka gefahren, es ist allerliebst. Man liest das kleinen Kindern an der Bettkante vor und zeigt die gefälligen Illustrationen und  leistet damit seinen Beitrag zum Erhalt des Systems, denn es ist ja alles gut, und wie gut das ist. Guck, das niedliche Kälbchen, guck, die goldenen Strohballen, sag, wie macht der Hahn? Und wenn er dann Kikeriki macht, dann können wir schon Bauernhof, hurra. Es ist eine so festgefahrene und für die Ewigkeit aufgeschriebene Kollektivlüge, sie ist unbedingt zu hinterfragen, und wenn man das nur lange genug tut, dann kommt man vermutlich darauf, dass es die schlicht auch deswegen gibt, damit wir sie selbst immer weiter an schöne Bilder glauben können. Vielleicht ist das sogar der Hauptzweck und diese Bilderbücher retten uns somit immer wieder das nächste Schnitzelchen.

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Der Obstanbau im Alten Land und der Klimawandel.

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Irland und der Klimawandel.

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Über autofreie Straßen, Stadtviertel, Innenstädte. In der Hamburger Innenstadt gibt es jetzt auch ein autofreies Sträßchen, das sehe ich mir demnächst mal an. Und in Ottensen geht auch etwas los, sogar ein paar Straßen mehr, und da war ich ohnehin schon lange nicht mehr.

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Aber wie willst Du den Leuten erklären, dass man auf unserem Planeten nicht mehr wird leben können? Das kann man sich eben nicht vorstellen. Und deswegen ist es so schwer den Menschen die Konsequenzen begreifbar zu machen.”

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Und manche halten es nicht mehr aus. Ich finde das verständlich. Und hoffe sehr, die Pause hört auch wieder auf. Denn eine Pause ist ja kein Ende.

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Musik! September! Da haben wir doch so eine Tradition, die Älteren erinnern sich.

Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Trinkgeld August, Ergebnisbericht

Vor vielen Jahren saß ich einmal in einem Café an den Landungsbrücken, ich war noch gar nicht so lange in Hamburg. Der Ober brachte die Karte und ging wieder, nach der üblichen Zeitspanne kam er wieder und fragte in einem speziell für die Touristen optimierten und also betont hamburgisch klingenden Tonfall, mit spitzem S vor dem T und der Breite und Weite der nahen See in jedem offenen Vokal: “Na, schon ein Wunsch entstanden?” Der Hans Albers der Hafengastronomie. Aus irgendeinem Grund habe ich mir diese Abweichung zur sonst üblichen Frage, was es denn sein dürfe, jahrzehntelang gemerkt, weil ich es für ein ganz spannenden Thema halte, nicht nur persönlich, auch gesellschaftlich, wie und ob Wünsche entstehen, wenn man irgendwo so sitzt. Da ist man ja ruckzuck bei Blaise Pascal und seinem berühmten Satz vom Unglück, welches nur daher kommt, dass der Mensch nicht ruhig in einem Zimmer bleiben könne, da ist man ruckzuck knietief in der Philosophie. Na, schon ein Wunsch entstanden? Und dann sagt man eben ja, und es geht um Apfelkuchen oder um viel, viel mehr.

Was ich nur eben sagen wollte, das ging mir in diesem Monat eher nicht so, es drängte und zog mich zu nichts oder nur zu wenig, es entstanden wenig Wünsche und auch wenig Gelegenheiten. Im Garten war keine Pflanzzeit, da geht es im September wieder weiter, und die Zeit zwischen den Sommerferien und den beiden Kindergeburtstagen ist bei uns traditionell terminlich die dritte Sturmzeit des Jahres, nach der Woche vor den Sommerferien und vor den Wochen vor Weihnachten, da kommen wir zu noch weniger als ohnehin schon. Zwei Sachen also nur. Ich war erstens mit Sohn I auf dem Dom, für das Blog fiel das Wort “Billig-Adrenalin” dabei ab und für den Sohn und mich ferner noch die Erkenntnis, dass mit etwa zwölf Jahren der Dom dann doch einmal deutlich an Zauber verliert. Es gab da diese gewisse Ratlosigkeit, was mache ich denn, was mache ich denn, und wenn ich das einmal kurz verallgemeinere, dann ist das vermutlich ein typischer und auch wichtiger Schritt für nachwachsende Hamburger. Er hat dann irgendwann wieder mit den eigenen Kindern dort Spaß, also wenn.  Und das dauert erst einmal.

Davon abgesehen gab es zweitens gewisse Anzüglichkeiten, was die Verwendung der Trinkgelder betrifft, denn sowohl die Herzdame und ich haben uns davon ausgerüstet und in Form gebracht, ich mit einem Anzug, ich berichtete bereits, die Herzdame mit einem sehr schicken Hosenanzug. Das Beweisbild, nach dem an dieser Stelle einige fragen werden, es folgt sicher noch in diesem Monat. Die Leserinnen haben in beiden Fällen erheblich beigetragen, da gibt es geradezu ein Recht auf ein Bild. Zumindest in meinem Fall übrigens hat der Anzug auch etwas mit dem Blog zu tun, viel sogar, denn ich brauchte gerade ein wie auch immer geartetes Hilfsmittel to carry on, und so ein Anzug, nicht wahr, den zieht man an und fühlt sich gleich viel pflichtgemäßer, sortierter, klarer, leistungsfähiger … Ja, schon klar, das klingt übertrieben, aber es ist doch so – wenn ich mir das einbilden kann, dann reicht das vollkommen aus, da können Sie ruhig irritiert den Kopf schütteln, das macht gar nichts. Snoopy und ich, wir kennen uns da aus.

Kurzum, es ist aus dem Monat noch Geld für den Garten übrig, im September wird gepflanzt. Wir haben immer noch keinen Holunder, so geht es ja nicht.

Wie immer sehr herzlichen Dank für jede Münze! Es bleibt ein Fest, auf diese Art etwas zu bekommen.

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Briefe aus meiner Laube

Ich bin nicht Euer Feigenblatt.” Die neue Landtagsvizepräsidentin in meinem Heimatland. Da singe ich doch heute zum Sendeschluss wieder einmal in alter Tradition die Schleswig-Holstein-Hymne, wie früher. Für die Südelbier: Der erste Privatsender in diesem Land hat damals, als es noch den Sendeschluss gab, tatsächlich immer diese Hymne gespielt, und ich habe das – natürlich ironisch! – stramm mitgesungen. So lange, bis ich sie versehentlich tatsächlich irgendwann gut fand. Nun, die ersten drei Wörter vom Text kann man stehen lassen, die gehen glatt durch: Schleswig-Holstein meeheeruhumschluhungen. Kann man nichts dagegen sagen. Danach wird es deutlich schwieriger.

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Ich habe bei weiterhin großer Hitze in der Laube gesessen und mir, da es sogar zum Lesen entschieden zu warm war, die “Briefe aus meiner Mühle” von Alphonse Daudet (übersetzt von Curt Noch, gelesen von Alexander Bandilla) vorlesen lassen, zumindest ein paar Kapitelchen. Ringsum Schrebergärten, also Natur, außerdem Sommer, wie es in Hamburg nur Sommer sein kann, vor dem Fenster immerhin ein einsamer Lavendel, stellvertretend für alle lilafarbenen Felder der Provence, die heutzutage übrigens auch gerne von Touristen für schicke Instagrambilder zertrampelt werden, wie ich gerade in irgendeinem Podcast gehört habe. Vor der offenen Tür ein Schmetterling an sacht wippender Schafgarbe, außerdem kein Mensch weit und breit, denn es war ein früher Werktagnachmittag, die ganze Stadt war noch fleißig, nur ich nicht. Ich stehe aber auch früher auf als der Rest, macht nichts. Das war insgesamt eine sehr stimmige Angelegenheit, es war sozusagen der Wellness-Moment der Woche. Wobei der Herr Daudet in Wahrheit niemals in dieser Mühle gewohnt hat und die Texte alle in Paris entstanden sind, im ach so furchtbaren Paris, das im Buch stets als Inbegriff der Unruhe erwähnt wird.

Dann habe ich schließlich doch noch einen Nachbarn getroffen, der mir über die Hecke eine traurigschöne Geschichte erzählte, die so dermaßen mustergültig kurzgeschichtentauglich war, ich brauche nur noch zwei, drei in dieser Art und ich schreibe die “Briefe aus meiner Laube.” Notiz gemacht!

Apropos Notiz. Es gab Nachfragen nach diesem dauernden Verfertigen der Notizen, nach System und Methode, ich habe also angefangen, mir dazu Gedanken zu machen, denn ich neige ja dazu, Leserinnenfragen ernsthaft zu beantworten. Allerdings sind Notizen ein verblüffend abgründiges Thema, man kommt schnell aufs Merken und aufs Denken und auch auf auf manches Warum, eine korrekte Beantwortung der Fragen scheint mir daher auf den ersten Blick nur in geradezu epischer Breite möglich. Jetzt muss ich mir erst einmal überlegen, ob ich das tatsächlich so möchte oder ob ich doch noch zu einer blogtypischen Kurzform finde.

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Das Wort “arg” ist aus der Mode gekommen, dennoch wird es noch hier und da in der Umgangssprache verwendet. Wenn ich es richtig rate, wird es im Süden des Landes wesentlich mehr verwendet als im Norden, aber da kann ich auch falsch liegen. Das ist aber auch egal, denn es geht mir nur darum, hier kurz festzuhalten, dass ein Sohn gerade die ihn überraschende Erkenntnis hatte, dass “arg” gar keine beschönigende Umschreibung für “arsch-” ist, sondern ein richtiges und eigenständiges Wort. Er hatte bisher immer angenommen, dass ein Satz wie etwa: “Das ist aber arg lustig” nur eine erwachsenentaugliche Version für “Das ist aber arschlustig” ist, also gewissermaßen ad usum Delphini. Wieder eine Illusion weniger, was soll man machen.

Lesen hier Juristinnen mit? Dann bitte vor diesem Hintergrund die Sache mit der arglistigen Täuschung noch einmal neu durchdenken. Passt schon.

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Musik! Zwölf Beatles-Minuten, die Sie vielleicht so noch nicht kennen. Ist das nicht großartig?

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Lastender Spätsommer

Lastender Spätsommer, wie eine viel zu dicke, allzu warme Bettdecke, und so kuschelig es darunter auch sein mag, der Gedanke, sie irgendwann von sich zu werfen, aus dem Bett und in den Tag, nein, in den Herbst zu springen, dieser Gedanke ist schon auch ganz schön.

Hier gab es etliche schlaflose Nächte, so schlaflos wie zuletzt in den wilden Kleinkindjahren der Söhne (siehe hier, lange her), da kamen gerade diverse ungünstige Umstände zusammen, denen nur gemein war, dass sie alle nichts mit mir zu tun hatten und ich mich also mit Fug und Recht als komplett unschuldiges Opfer der Situation betrachten kann, was auch einmal erleichternd ist, dann spart man sich diese ganzen Umstände mit dem schlechten Gewissen. Aber wenn man sich nachts die Hände in Unschuld wäscht, dann schläft man dabei auch wieder nicht, irgendwas ist immer. Aber egal, schlaflos ist also schlaflos, woraus auch immer das resultiert, das Ergebnis issteckt doch immer gleich, man leidet schon nach zwei, drei Nächten ohne ausreichenden Schlaf zusehends unter fortschreitender Hirnerweichung und durch die gottverdammte, pardon, durch die übermäßige Hitze wird es auch nicht gerade besser, denn im Freundeskreis Dachgeschosswohnung weiß man natürlich Bescheid, wenn im Wetterbericht wieder von “Tropennächten” die Rede ist. Die Söhne schlafen seit ein paar Tagen wieder mit Kühlakkus im Bett. Wenn sie denn schlafen.

Ich erinnere mich ganz dunkel an eine Geschichte von Ephraim Kishon, die habe ich gelesen, als ich etwa dreizehn Jahre alt war, nehme ich an. Da ging es um eine Hitzewelle in Israel und darum, wie der angeschmolzene Autor da allmählich das Denken einstellte und zusehends an Wahrnehmungsstörungen litt. Er ging durch die Straßen von Tel Aviv (das ist geraten, aber es wird schon passen) und führte Selbstgespräche, ich kann das natürlich auch völlig falsch erinnern, aber egal, und er kommt dann jedenfalls nicht mehr darauf, ob es korrekt Afrika oder Arfika heißt. Es klingt plötzlich beides völlig plausibel, er sagt sich mehrmals verblüfft beide Varianten auf und bleibt ratlos, sein Hirn kann das einfach nicht mehr leisten, es ist alles durchgeschmort.

Was ich nur sagen wollte, in dem Zustand bin ich mittlerweile auch und wenn ich mir das Wort Arfika noch länger ansehe, wird es sich mir gefährlich gut einprägen. Oder Arfica. Bekannt auch als Lied von Toto.

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Wir haben im Garten Kartoffeln geerntet, das ist auch noch eine Erwähnung wert, denn die habe ich so angebaut, wie es wohl in keinem Lehrbuch steht. Ich hatte zwei neue Komposter aus Holz, diese einfachen Stecksysteme, für die ich nicht genug Füllmaterial hatte, um sie als regulären Kompost oder sogar als ordnungsgemäß geschichtetes Hochbeet zu nutzen. Die habe ich einfach mit frischem Rasenschnitt gefüllt und diesen mit etwas Kompost vom Recyclinghof vermischt. Da hinein habe ich im Mai Kartoffel gepflanzt und mich dann nicht mehr darum gekümmert, keine Minute lang – und es waren die dicksten und schönsten Kartoffeln, viel besser als die im Beet, das mache ich jetzt immer so.

Warum aber neben den Kartoffeln in diesen Kästen auf einmal auch prächtigster Topinambur wächst – es ist vollkommen unerfindlich. Aber was soll’s, der schmeckt auch gut.

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Musik! Dave Brubeck, Paul Desmond, Gerry Mulligan. Zehn wunderbare Minuten.

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