Deadhead, Dorfgeschichten

Mit schönen Vokabeln durch den Januar. Heute beim Lesen von englischen Gartenblogs gelernt: to deadhead. Das klingt doch viel besser und interessanter als das deutsche Blüten zurückschneiden, das werde ich mir vormerken, um Telefonkonferenzen im Sommer geschmackvoll zu beenden: “Sorry to interrupt you, but I think I have to deadhead my astrantias.” Und dann Computer aus, den Strohhut aufsetzen und raus. Eine schöne Vorstellung.

***

Frau Nessy erlebt Dorfgeschichten.

***

Und nun John Lee Hooker mit Van Morrison an einem Fluss.

Puten und Perlhühner

Das ist doch mal eine schöne Überschrift. “Puten und Perlhühner”, so heißt eine Gruppe, die mir Facebook wieder und wieder empfiehlt, der soll ich unbedingt beitreten, ich lese den Hinweis täglich mehrmals. Puten und Perlhühner, die Begriffe kennt man in Hamburg eigentlich eher als Beleidigung für Damen aus Blankenese, gemeint ist hier aber das Geflügel. Wobei mir nicht klar ist, wieso man ausgerechnet diese beiden Arten so zusammenfasst, aber was weiß ich schon von Geflügel, ungefähr gar nichts.

Die Gruppe wird mir natürlich empfohlen, weil ich mich auf Facebook für Garten und Gemüse interessiert habe, deswegen sucht mir die Technik dort jetzt für alle Zeiten landwirtschaftliche Themen raus. Wer sich für Kohl und Karotten interessiert, der nimmt auch Puten und Perlhühner. Logisch! Und wenn er sich tausendmal nicht dafür interessiert, dann wird es eben noch einmal gezeigt, mal sehen, was dann passiert.

Mein Vertrauen in Algorithmen ist weiterhin eher eng begrenzt. Tatsächlich halte ich “dumm wie ein Algorithmus” für eine zeitgemäße Beleidigung.

***

Für die GLS Bank habe ich einige Links zu Großraumbüros und ÖPNV-Tickets und Elterntaxis zusammengestellt, bitte hier entlang.

***

Ansonsten Winterblues. In den Timelines hebt überall ein großes Wehklagen an, denn die Welt ist dunkel und schlecht, das mit den Klimazielen klappt auch nicht, après nous le déluge. Man müsste zur Aufmunterung in den Garten, aber Januar, außerdem ist da Baustelle. Im März wird alles besser, Sie kennen das. Bis dahin geben wir einfach dem Regen die Schuld an allem, denn der Regen, er regnet jeglichen Tag.

***

Auf der Fensterbank Kresse gesät, Kresse ist so einfach, Kresse kann jeder, Kresse macht man mit Kindern, Kresse kann einfach nicht schiefgehen, nicht einmal im Winter. Mir aber ist die Kresse auf der Fensterbank verschimmelt, so viel zum grünen Daumen. Schlage als neues Qualitätsprädikat für Gemüsesamen “Wächst auch bei Buddenbohm” vor.

Erntedankfest in diesem Jahr besser nur für einen kleinen Kreis planen! Für einen ganz kleinen Kreis.

Dank, Respekt und Abriss

Zwischendurch ein Dank an die Leserin B.A.K., die den Söhnen einen Film und ein, wie nennt man das denn, ein Puzzleding geschickt hat. Große Freude bei den Kindern, “Nachts im Museum” wurde sofort gesehen, allerdings ohne uns, ich kann dazu also nichts sagen, wir haben uns abends auf Partys herumgetrieben. Ich erinnere mich zwar ganz dunkel, den Film früher, viel früher auch einmal gesehen zu haben, aber ich weiß überhaupt nichts mehr davon. Das Puzzleding ist tangram-ähnlich und ich sehe gerade, zu Tangram gibt es eine Entstehungslegende auf Kalenderspruchniveau. Haben wir das auch gelernt, fein.

***

Ich nehme an, alle Eltern mit auch nur dem geringsten Schulhofkontakt in Hamburg kennen den Satz “Zeig mal Respekt, Digga”, mit dem viele Kinder ab dem Grundschulalter auf vermeintliche Unfreundlichkeiten anderer Kinder reagieren. Die obligatorische Antwort darauf ist “Zeig du mal Respekt”, mit verschärfter Betonung auf dem DU, versteht sich, und es gehört zum korrekten Sprachgebrauch des Nachwuchses, den Satz so auszusprechen, dass er nach gebrochenem Deutsch klingt, ganz egal, wo man herkommt und wie bildungsbürgerlich sich das Elternhaus gibt. Was ich nur erzähle, weil es neulich in irgendeinem Familiendialog hier auf Kinderseite eine Verwechslung von Respekt und Prospekt gab, weswegen jetzt jeder, der hier im Haushalt etwa eine Werbung aus dem Briefkasten in der Hand hat, sofort mit “Zeig mal Prospekt, Digga” angesprochen wird. Und so etwas schleift sich dann ein, irgendwann denkt niemand mehr an den Ursprung dieses Scherzes und man verwendet den Satz ganz selbstverständlich so und alle anderen halten die Familie für komplett irre, wenn sie das zufällig hören. Kann man nichts machen.

***

Wir waren kurz im Garten, wo jetzt ein ziemlich großer Bagger auf dem Rasen herumsteht, außerdem ein riesiger Container. Die Koniferen stehen dafür nicht mehr, es ist ungewohnt hell in den Beeten, da die trostlosen Nadelsäulen dem Licht nicht mehr im Weg herumstehen. Die Laube ist schon etwas demontiert, das geht jetzt vermutlich alles schnell. Den Rasen kann man nach den Bauarbeiten natürlich vergessen, ich googele also bei Gelegenheit schon mal “Rasen neu anlegen”, ich habe ja keine Ahnung von gar nichts. Dafür ist der Herr Abrissunternehmer bisher recht kunstvoll und geradezu liebevoll um meine ersten stümperhaften Gärtnerversuche herumgekurvt, das ist alles noch da, jeder Staudenrest noch am Platz, der Knoblauch steht ebenfalls weiter aufrecht und grün und irgendein einsamer Frühblüher bricht doch tatsächlich gerade durch. Keine Ahnung, was das wird, ich habe mir nicht gemerkt, welche Zwiebel im Herbst wo gelandet ist, das wäre ja auch langweilig. Es war aber so rattenkalt, wenn ich Blume wäre, ich würde noch ein wenig warten.

Die Söhne haben zum Aufwärmen eine Stunde lang Abrissunternehmer gespielt und eine weitere Laubenwand zerlegt, das ist im Grunde ein schöner und befriedigender Sport, der Kraft, Geschicklichkeit und Ausdauer verlangt und ausgezeichnet zum Aggressionsabbau beiträgt. Nur ist der Laubennachschub auf Dauer schwer zu organisieren.

Bagger vor Laube

 

(Foto: Herzdame)

***

Ein Terminhinweis für Hamburgerinnen: Das Jahresendzeitteam gastiert wieder im Politbüro, das ist empfehlenswert, aber sowas von. Bov Bjerg! Manfred Maurenbrecher! Horst Evers! Und Christoph Jungmann als Angela Merkel, viel lebensechter und überzeugender als die wahre Kanzlerin, dazu Hannes Heesch als beinahe alles. Es wird ein Fest, wie in jedem Jahr.

Kerbelrüben und Helden

Am frühen Morgen Gemüsekunde studiert, während die Familie noch schlief. Dabei überraschte mich die Existenz von Zuckerwurzeln und Kerbelrüben. Die klingen irgendwie ausgedacht, nicht wahr? Die gibt es aber wirklich. Nie gehört! Das bringt mich in Versuchung, willkürlich immer weiter Pflanzennamenbestandteile zu kombinieren und den Freundeskreis Garten mit den Ergebnissen zu irritieren, Kohlbeeren, Stecklauch, Wintertomaten, Sauerrauke, Eiskümmel und Ampfermöhre, so in der Art.

Bei den Beschreibungen der geeigneten Standorte für verschiedene Gemüsesorten fällt mir in den Büchern außerdem immer wieder der Begriff “selbstunverträglich” auf, mit dem ausgedrückt wird, dass man das betroffene Gemüse lieber nicht dort anbauen sollte, wo man es schon im letzten Jahr gepflanzt hat. Es ist also nicht gerne da, wo es schon war, das unstete Kraut, es wandert lieber weiter. Und selbstunverträglich zu sein, wer kennt das nicht?

Wobei das Gemüse da immer noch pflegeleichter als wir Menschen ist, denn wenn wir selbstunverträglich sind, bezieht sich das meistens auf die Gegenwart, nicht auf das Vorjahr, das wäre ja einfach. Wir wollen bei Selbstunverträglichkeit aber nicht auf dem Sofa sein, auf dem wir gerade sind. Und eine Standortänderung hilft da nicht, das ist alles eher kompliziert. Gemüse ist vermutlich auch sonst viel entspannter als wir, ich werde das im Sommer genauer beobachten.

***

Eine weiterführende Schule besichtigt, und die wird es dann wohl auch. Da gab es Vorführungen in der Aula, Schülerbands und Tanzgruppen und dergleichen und meine Güte, kann so etwas gut sein! Man hat direkt gesehen, dass Lernen Spaß machen kann. Das hatte eindeutig Format und wenn so etwas bei dem Unterricht da rauskommt, dann habe ich gar keine weiteren Fragen mehr. Im Treppenhaus eine Ausstellung mit Bildern zu den persönlichen Helden der Schülerinnen, je ein Bild mit Beschreibung und kurzer Begründung. Da hingen u.a. Che Guevara, Michael Jackson, Anne Frank, Barack Obama, Nelson Mandela, mir unbekannte Kinderfernsehmoderatoren und Waris Dirie, ich hätte mich da festlesen können.

Wen hätte ich da im Gymnasialalter hingehängt? Ich kann mich gar nicht erinnern, wer mir damals helden- oder vorbildhaft vorkam. Vielleicht jemand wie er hier, der passt auch ausgezeichnet zum dunkelgrauen Wetter heute. Ich komme ja noch aus der Liedermacherzeit, und damals war das für uns kein Gesinnungskitsch, damals war das ganz groß. Jahrelang rauf- und runtergehört das Zeug, auf aus der Bücherei entliehenen Musikkassetten, die wir aus der Erwachsenenabteilung holten, in der wir sonst gar nichts verloren hatten.

Auch schon verblichen, der Ludwig. Aber er hat sich nicht umsonst echauffiert, finde ich.

***

Jetzt Mathe mit dem Blinddarmkind machen. “Stelle die gerundeten Einwohnerzahlen der Millionenstädte in einem Diagramm dar.” Ohne Excel! Die haben es auch nicht immer leicht, die Schulkinder.  

12 von 12 im Januar

(Die 12-von-12 der anderen Bloggerinnen wie immer hier bei Caro)

Morgens ins Büro, die Herzdame bleibt mit dem kranken Kind zuhause. Der Hamburger Hauptbahnhof zeigt sich in schönstem “Hier spricht Edgar Wallace”-Licht.


Ich fahre nach Hammerbrook. Wenn man da konzentriert auf die Fleete guckt und den Rest verbissen ausblendet, sehen einige Quadratmeter manchmal fast gut aus.


Arbeit im Büro, wie immer fotofrei, das wären aber auch bemerkenswert langweilige Bilder. Die Rollladen vor den Fenstern gehen wegen eines technischen Fehlers unmotiviert hoch und runter, es wird dunkel, es wird hell, das ist immerhin ganz unterhaltsam. Also wenn man keine hohen Ansprüche hat.

Das Wetter vor dem Fenster, wenn man denn gerade mal rausgucken kann, es ist grau, öde und bleiern, wie von einer GroKo beschlossen. Niemand will es, aber so ist es nun einmal, das nehmen wir jetzt also.

Nach der Arbeit zur Bücherei, in der Gartenbuchabteilung könnte es ja neue Bücher geben. Der Rücknahmeautomat nimmt ein Buch von mir nicht an, ich stecke es wieder und wieder rein, Medium nicht erkannt, immer wieder, Medium nicht erkannt. Was soll der Unfug, ich stecke es mit links rein, ich stecke unter einem Bein durch und über die Schulter, langsam und schnell und mit Gefühl, es geht nicht. Stelle mich schließlich in der Schlange bei den Problemfallbehandlungsmenschen an, die mich freundlich lächelnd und mit beruhigender Stimme darüber aufklären, dass das Buch mir gehört, nicht der Bücherei, weswegen es der Automat auch gar nicht erkennen kann. Ich könne das Buch aber gerne spenden. Wo man hinkommt, wird man gedemütigt. Schlimm.


Ich nehme ein Gartenbuch mit, das mir bisher immer zu dick war. Schluss mit der Faulheit! Das wird jetzt abgeschleppt. 630 Seiten Gemüsekunde, großartig.


Zuhause verweigert das Blinddarmkind seinen Kinderberliner, dann esse ich den eben. Was tut man nicht alles! Aber wieso isst das Kind keinen Kuchen? Sehr verdächtig. Das Kind möchte lieber einen Kräutertee, aber bitte ohne Kräuter. Hm. Immerhin gibt es auch dazu einen Asterix-Band.


Beim aufopfernden Kuchenessen störe ich, wo auch immer ich sitze, die Herzdame in einem akuten Anfall von Aufräumwahn und sehe mich gedrungen, den alten Loriotdialog mit “Ich wohne hier!” aufzuführen. Da mein Humor hier aber nur selten geteilt wird, verlasse ich noch kauend fluchtartig die Wohnung und gehe einkaufen. Nehme bei Edeka willenlos Küchenkräutertöpfe mit, damit in meiner Umgebung wenigstens irgendwas grünt und wächst, es ist doch eine wahre Last mit dieser drängenden Frühlingserwartung.


In der Wohnung werde ich neuerdings übrigens dauernd beobachtet, die Söhne haben gebastelt. Die Frisur entspricht in etwa meinen Haaren, wenn ich morgens aufstehe.


Ein Sohn studiert einen Bildband über Keith Haring, “weil der so ähnlich malt wie ich.” Es geht doch nichts über das Selbstbewusstsein in den Jahren vor der Pubertät.


Das andere Kind macht so eine Art Malen nach Zahlen per App, Kunst ist hier offensichtlich gerade Thema. Diese App (Pixelart Colour by number für iPhone) ist übrigens super zur Beruhigung geeignet, sagen die Söhne.


Traditionell ist hier ein Bild gar keines, es gibt meist ein Video. Heute Seasick Steve mit Gentle on my mind. Gute Version, das.

Insgesamt ein Tag mit Luft nach oben, wie mir scheint. Aber nun, der 12. ist eben irgendein Tag, so ist die Aktion ja gemeint, immer mitten rein ins Leben. Darauf ein Feierabendbier in frühlingsgrünem Design.

Die Magnolie, das Muskeltraining

In unserem kleinen Bahnhofsviertel gibt es zwischen zwei Straßen einen kleinen Weg, der ist nur für Fußgänger und Radfahrer, nicht aber für Autos. Dieser kleinen Weg wird ziemlich stark frequentiert, weil er eine wichtige Abkürzung ist, er hat dennoch keinen Namen und wird allgemein nur der Durchgang genannt. Das ist bemerkenswert unspezifisch, aber wenn man bei uns vom Durchgang spricht, dann wissen vermutlich fast alle im Stadtteil sofort, welcher gemeint ist. Und in diesem Durchgang steht eine Magnolie. Die ragt da so hinein, und es ist egal, von welcher Seite man hineingeht, man sieht sie sofort, die Äste hängen sozusagen immer im Bild.

Nun findet in diesem Stadtteil nicht so viel Natur statt, wenn man nicht gerade runter zur Alster geht oder weiß, wo der eine Park ist, das ist hier eben die Stadtmitte, etwas zugebaut, etwas eng, etwas viel Mensch und entschieden zu viele Autos. Aber es gibt die Magnolie! Die kennt jeder. Da gucken alle immer hin, und die ist hier für den Frühling zuständig. Weil Krokusse nun einmal nicht auf Straßen wachsen und Vorgärten nicht vorgesehen sind. An der Magnolie sind jetzt schon Knospen dran, ziemlich dicke Knospen sogar, die sind ganz gut zu erkennen, auch wenn man noch weiter weg ist. Und es ist, das wollte ich eigentlich nur sagen, sehr schön zu sehen, wie alle, alle, die da im Laufe des Tages durch den Durchgang schlendern, hetzen, joggen, spazieren, radeln, Hunde hinter sich herziehen, Kinderwagen vor sich herschieben oder dort an Rollatoren gelehnt kurz mal verweilen, wie die also alle mindestens einmal nach oben sehen, wenn sie gerade unter der Magnolie sind. Kurzer Knospen-Check, hui, doch so dick schon, dann weiter und dabei kurz überlegen – sind wir nicht noch mitten im Winter?

Und in ein paar Wochen, ich mache das ja schon achtzehn Jahre mit, ich kenne das, bleiben dann alle auch kurz mal stehen, wenn sie da unter dem immer wieder überraschend schönen rosaweißen Blütendach vorbeikommen, sehen hoch und lächeln und sind kurz verzückt. Was natürlich bedeutend ist, denn wann ist man schon verzückt, das gibt es ja heute kaum noch, man hat doch gar keine Zeit, verzückt zu sein. Ich komme heute später ins Büro, ich bin noch zu verzückt – so geht das nun einmal nicht. Man müsste diese Magnolie also schon deswegen unter Schutz stellen, weil es so eine hohe Verzückungsdichte unter ihr gibt.

Na, aber das dauert noch. Erst einmal die Knospen, die schwellen noch den ganzen Februar über an, das zieht sich alles wieder, es ist ein Elend. So viel zur Naturbeobachtung! Weiter im Text.

***

Dieses Nachdenken über die Bloggerei, das zu Jahresanfang so einige umgetrieben hat, das hat nun also, das muss ja auch zwischendurch mal erklärt werden, dazu geführt, dass hier auf einmal ziemlich viel und ziemlich unsortiert erscheint. Und da fragt sich die eine oder andere Leserin vielleicht: Warum ist das so? Was ich wie folgt beantworten möchte: Es ist kompliziert.

Und nun die Langversion. Als Blogs vor etwa 15 bis 20 Jahren aufkamen, gab es lustigen Spott über sinnlose private Internettagebücher, die dann eine ganze Weile brauchten, um auf die eine oder andere Weise anerkannt zu werden. Erst galten sie als alberner Spielkram, dann galten einige als womöglich irgendwie literarisch, andere als ergiebig für irgendein Spezialthema, viel später galten sie in gewissen Kreisen als aufregend influencend – und heute gelten sie vielen einfach als irgendein weiteres Medium, ob das nun Blog heißt oder peng. Irgendwer schreibt irgendwo, alle können es lesen, so ist das eben heute, get over ist, wie man so sagt.

Ich habe aber, und das ist doch irgendwie ein historisches Versäumnis, eigentlich über die ganze Entwicklung hinweg nie so ein Internettagebuch geführt. Obwohl ich großen Respekt vor z.B. der Tagebuchleistung der Kaltmamsell habe, ich halte so ein Journal für eine großartige Quelle, auch für die, die nach uns kommen übrigens. Und ich finde es sehr sportlich, jedem Tag etwas Bemerkenswertes abzuringen, denn das ist doch im Grunde der gute alte Blogsport, den gibt es heute ja kaum noch. Ich habe aber meist nicht in diesem Journalsinne geschrieben, sondern eher formatorientiert, wobei die Formate und Themen über die Jahre wild gewechselt haben. Dabei kann es auch spaßig sein, einfach stur jeden Tag zu schreiben und ihn damit zu beschreiben, wie ich gerade mit ein paar Jahren Verspätung merke, ich brauche eben manchmal länger. Deswegen erscheinen hier also im Moment und auch noch eine Weile lang recht unsortierte Beiträge, die aus mehreren Themen bestehen, die mehrere Kategorien erschlagen, die vielleicht ohne Pointe oder sogar Sinn auskommen müssen, die mir aber eben an dem Tag einfallen, heute einfallen. Warum auch nicht, ich kann hier ja machen, was ich will. Ich hatte bis zum ersten Eintrag dieser Art gar keine Ahnung, wie so etwas Tägliches oder Fast-Tägliches bei mir aussehen würde, aber allmählich sehe ich klarer und das bewusst Formatlose wird mir dabei also wieder zum Format, das ist auch interessant. Zumindest für mich. Das ist das eine.

Das andere ist Muskeltraining. Wie schon manchmal anklang, war das letzte Jahr und war besonders das letzte Halbjahr etwas suboptimal für mich, was sich auch darin zeigte, dass ich sehr wenig geschrieben habe. Das habe ich mir mit meiner Laune und den Umständen erklärt, es geht eben alles nicht, ich kann so nicht arbeiten, mimimi, die Welt ist schlecht, Sie kennen das. Und das ist falsch. Denn wenn man schreiben möchte, und das möchte ich praktisch immer, dann muss man das auch machen – ganz egal, unter welchen Umständen man gerade herumkräpelt. Weswegen ich gerade wieder übe, unter allen Bedingungen zu schreiben. Das ist mir nämlich irgendwie abhanden gekommen, aber das ist für mich nicht richtig so, habe ich gemerkt. Also ändere ich es. Und auch deswegen steht hier gerade dauernd was. Sie müssen also entschuldigen, ich trainiere hier. Das Blog als Muckibude betrachtet, so geht es eben auch.

***

Gestern am Abend in der S-Bahn gehört, junge Leute haben ganz andere und überraschende Probleme:

“Schnürsenkel machen mir mega Stress, deswegen finde ich Klettverschlüsse geil.”

“Ja, kenne ich.”

Heute morgen im Vorbeigehen gehört, zwei junge Männer vor dem Hauptbahnhof mit seltsamen Vögeln im Freundeskreis:

“Digga, der hat seinen Tannenbaum noch nicht weggeschmissen. Stell dir mal vor!”

“Alter! Krass.”

***

Ansonsten nach der Arbeit mit dem kranken Kind Englisch geübt. Überlege, mich dabei künftig etwas stilvoller anzuziehen.

 

Kurz und klein

Schnittlauch und der Rest vom Tag

Am frühen Morgen kurz auf Saatgutversandseiten herumgeklickt, dabei wieder ein wundervolles Wort entdeckt. Ganz sicher noch nie vorher gesehen oder gehört, ich hätte nicht einmal vermutet, dass es überhaupt Begriffe gibt, mit denen man das hohle Innenleben des Schnittlauchs klassifiziert, wer kommt denn auch auf so etwas. Aber da stand bei der einen Sorte als Beschreibung doch tatsächlich “mittelgrobröhrig”. Ist das nicht schön? Mittelgrobröhrig, man muss es mehrfach sagen, gerne auch im Tonfall des Meisters von Werner aus den Filmen damals, die Älteren erinnern sich, es wird dann immer besser. Mittelgrobröhrig.

In sehr feinen Hotels kann man es morgens im Frühstückssaal bei der Bestellung verwenden: “Ich hätte gerne ein Frischkäsebrötchen mit Schnittlauch, den Käse aus Heumilch und den Lauch bitte mittelgrobröhrig.” Und dann mal sehen!

Ansonsten ist das Wort im Alltag fern des Gartens natürlich schwer zu verwenden, was sollten einem für Anwendungsbeispiele einfallen? Also wenn man nicht gerade Urologe ist. Pardon.

***

Home-Office mit dem kranken Kind gemacht. Ich mag Home-Office nicht, ich gehe morgens gerne raus und durch frische Luft irgendwo hin, der Tag fühlt sich sonst immer irgendwie an, als sei ich nicht richtig wach geworden und es würde noch etwas fehlen, ein eher unangenehmer Zustand. Außerdem ist mir die Arbeit auf diese Art räumlich zu nah, als würde man nach dem Schlafen direkt hineintreten, das möchte man doch auch nicht. “Als Maximilian Buddenbohm eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Konzernangestellten verwandelt.” Morgen wieder ins Büro!

***

Danach mit dem kranken Kind stundenlang Deutsch für die Schule geübt und mit ihm Arbeitshefte ausgefüllt. Fühle mich jetzt höchst unwohl damit, in diesem Text hier die Verben nicht grün und die Adjektive nicht blau markiert zu haben. Hoffentlich stimmt wenigstens die Groß- und Kleinschreibung.

One of those days

Morgens mit dem Blinddarmkind zum Kinderarzt, warten, warten, warten. Wir lesen immerhin Bücher im Wartezimmer und spielen nicht auf mitgebrachten Elektrogeräten herum, so weit, so bildungsbürgerlich, man muss auch die kleinen Erfolge sehen. Und veröffentlichen. Im Wartezimmer ein Holzboot zum Spielen, daran hängt ein Rettungsring. Ein kleiner Junge fragt, was das denn sei? Die entgeisterte Mutter sagt „Das ist ein Rettungsring, aber das musst du doch wissen.“ Und dann sagt sie es immer wieder: „Du musst doch wissen, was ein Rettungsring ist!“ Das Kind ist etwa drei jahre alt. Andere Eltern, ein ewiges Rätsel. Im Gespräch mit dem Arzt kommen wir dann auch nicht recht weiter. 

Ich: “Wenn das jetzt doch noch einmal schlimmer, wird, wo gehen wir dann hin, wieder zu Ihnen oder gleich ins Krankenhaus?”

Kinderarzt: “Da haben Sie freie Auswahl.”

Ich: “Endlich mal, davon träumt man doch immer. Toll!”

***

Danach fliegender Wechsel mit der Herzdame, Stunden zu spät ins Büro gerannt. Zwischendurch hektische Abstimmung, wer im Laufe der Woche wann und wie lange beim Kind auf dem Sofa bleiben kann, Home-Office, verschobene Arbeitszeiten und sonstige Optionen, Sie kennen das. Also wenn Sie Kinder haben zumindest.

***

In der S-Bahn zum Büro liest der Mann mir gegenüber eine beachtlich dicke “Histoire de l’Allemagne” in einer Taschenbuchausgabe. Er ist noch ganz vorne, auf den ersten drei Seiten, und guckt dann aber gar nicht weiter ins Buch, sondern aus dem Fenster, wobei er das Stück Allemagne, das da vorbeigleitet, mit einem Gesichtsausdruck betrachtet, der mir kurz vor Ekel zu sein scheint. Aber gut, wir fuhren durch Hammerbrook, da gucken alle so, die versehentlich den Blick heben.

***

Nach der Arbeit noch schnell zur Bücherei, das kranke Kind braucht Bücher. Danach Termin mit dem anderen Kind am anderen Ende des Stadtteils, danach noch ein Termin nicht mit ihm, aber doch seinetwegen. Danach ist der Tag schon vorbei,  ganz komisch.

Sitze auf dem Sofa und hänge wüsten Vereinbarkeitsphantasien nach.

***

Ansonsten trägt hier ein Kind ein weißes Hemd von mir und ist damit ein Pirat. Komisch, wenn ich das trage, bin ich damit Controller. Nächstes Mal genauer hinfühlen.

***

Weiter in Remo H. Largos “Das passende Leben” gelesen, diesmal nirgendwo hängengeblieben. Es ging aber auch hauptsächlich um Kompetenzen, damit habe ich es ja nicht so. Nachdenken über passende Bücher.

Beifang vom 09.01.2018

Die Herzdame hat unter ihrem Werbetext von gestern den vermutlich längsten Kommentar gepostet, den sie je geschrieben hat, es ging wieder um die Sinnhaftigkeit dieser kommerziell ausgerichteten Artikel.

Ein Pfeifhase. Niedlich!

Eine einzige reife Frucht wurde mit den Kosten für eine Kutsche gleichgesetzt.Etwas Weiterbildung zur Ananas.

Ein höchst spezieller Nachruf auf France Gall.

Hier kann man ganz gut verstehen, warum man als Elternteil manchmal etwas länger auf eine Matheaufgabe guckt. Bevor es einem dämmert

Klebsormidium! Auch nur ein Mensch.

Macht nix, dachte ich, Hauptsache ich muss hier nicht allen die Zähne putzen!” Wer kennt es nicht.

Und nun ein junger Nat King Cole. Das Störgeräusch am Anfang ist nach ein paar Sekunden weg.