Beifang vom 09.01.2018

Die Herzdame hat unter ihrem Werbetext von gestern den vermutlich längsten Kommentar gepostet, den sie je geschrieben hat, es ging wieder um die Sinnhaftigkeit dieser kommerziell ausgerichteten Artikel.

Ein Pfeifhase. Niedlich!

Eine einzige reife Frucht wurde mit den Kosten für eine Kutsche gleichgesetzt.Etwas Weiterbildung zur Ananas.

Ein höchst spezieller Nachruf auf France Gall.

Hier kann man ganz gut verstehen, warum man als Elternteil manchmal etwas länger auf eine Matheaufgabe guckt. Bevor es einem dämmert

Klebsormidium! Auch nur ein Mensch.

Macht nix, dachte ich, Hauptsache ich muss hier nicht allen die Zähne putzen!” Wer kennt es nicht.

Und nun ein junger Nat King Cole. Das Störgeräusch am Anfang ist nach ein paar Sekunden weg. 

Nord-Nordwest, Neuronen

Percanta hat unter diesem Beitrag, es ging um Ahnenforschung, ihre Sehnsucht nach dem Süden erwähnt, da lege ich noch etwas an, denn ich bin mehr so Nord-Nordwest. Ich könnte nicht erklären, warum das so ist, aber ich finde die Richtungen Süden und Osten tendenziell verkehrt. Nicht im absoluten Sinne, nur für mich. Ich kann da dennoch hinreisen, kein Problem, aber im Grunde mache ich das nicht gerne. Nordwestlich von hier liegt Nordfriesland, Nordfriesland fühlt sich sehr gut an. Oder Schottland, noch weiter in der Richtung, alles super. Dagegen Baltikum: Bestimmt interessant, aber liegt falsch. Man hat seltsame Seiten an sich, hat man nicht? Als hätte ich einen Drall.

Währenddessen hat die Ahnenforschung in unserer Familie ergeben, wo ich meine Ohren herhabe, man beachte den Herrn in der Mitte, das ist mein Urgroßvater.

Familienbild ca. 1916

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Den Tag ohne Kreislauf begonnen. Ohne Kreislauf taugen Tage aber nicht so viel, habe ich gemerkt. Insofern etwas reduziertes Erleben heute. Dennoch bei Remo H. Largo weitergelesen, Lesen geht fast immer. Da ging es um das menschliche Hirn und die Anzahl der Neuronen und neuronale Netze und Synapsen und all das, um das komplett unfassbare Leistungsvermögen unseres Hirns also. So etwas lässt mich immer mit etwas schlechtem Gewissen zurück, Sie kennen das vielleicht: Das Hirn ist auf diese geradezu aberwitzig erscheinende Leistung ausgelegt – und was mache ich damit? Genau. Schlimm. Largo schreibt da in einem Kapitel über die Entwicklung der Intelligenz: “So wurden die großen mathematischen Entdeckungen fast ausnahmslos im Alter von 15 bis 25 Jahren, oft vor dem 20. Lebensjahr gemacht. Sie sind also nicht das Ergebnis jahrzehntelanger Bemühungen, sondern beruhen vielmehr auf einer angeborenen intellektuellen Leistungsfähigkeit, die der Psychologe Raymond Cattell als fluide Intelligenz bezeichnet hat.” Im Alter zwischen 15 und 25 Jahren habe ich nur entdeckt, wie wahnsinnig heftig man verliebt sein kann, ich hatte da eher ein fluides Herz, will mir scheinen. Und hat es jemand gewürdigt? Kein Schwein. Schon gar kein weibliches.

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Das Blinddarmkind pendelt derweil zwischen Kinderkrankenhaus und Kinderarzt hin und her, man ist sich nämlich nicht einig, man weiß nicht recht, die einen sagen so, die anderen sagen so, alle drücken am Kind herum, das Kind sagt aua. Man wird nicht schlau aus der Sache, sammelt aber sehr viel Papier, weil immer überall ein Formular ausgefüllt werden muss. Quasi an jeder Tür. Morgen früh noch einmal Kinderarzt, wenn der uns wieder ins Krankenhaus schickt, verliere ich allmählich die Lust an dem Spiel.

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Everything must change, wir denken immer noch kollektiv über das Jahr nach, nicht wahr?

Lompönen, Nachtigall, Madden-Fluch

In der taz gab es einen Artikel über Familiengeschichte und Migrationserfahrungen. Mein Bruder beschäftigt sich gerade mit Ahnenforschung, das passt ganz gut, denn natürlich sind auch unsere Vorfahren weit verstreut gewesen. Er stößt auf interessante Ortsnamen, Lompönen etwa klingt doch hinreißend, das ist im Memelgebiet, bzw. war, heute heißt es natürlich anders, Lumpénai, was fast noch besser klingt. Cammin in Pommern, dann Gerresheim tief im Westen, Polen war eh dabei, Mecklenburg, Vorpommern, mit Komma, nicht mit Bindestrich. Interessant ist dabei, wie wenig in der Familie überliefert wurde, es gibt fast gar keine alten Geschichten über früher und noch früher, keine wie auch immer gearteten Heimatsehnsüchte, die sich auf die Gegenden beziehen, die doch vor zwei, drei Generationen erst verlassen wurden. Vom Memelgebiet wusste ich gar nichts. Und das ist ja faszinierend, wie schnell so ein Wissen um Herkunft ausgelöscht werden kann. Wie oft mag das in jedem Stammbaum passiert sein, wie vollkommen unklar ist, wo man herkommt? Übrigens schon zwei Nachtwächter unter den Vorfahren gefunden, ich weiß schon, warum ich immer so früh ins Bett gehe. Alles Wiedergutmachung.

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In den Büschen auf dem Spielplatz vorm Balkon singt am späten Samstagabend eine Nachtigall, und zwar dergestalt, dass die ganze Familie ergriffen in der Balkontür steht und lauscht, abzüglich des Kindes im Krankenhaus, versteht sich. Aber wieso jetzt eine Nachtigall im Januar? Zugvogel? Hallo? Was ist das wieder für ein allgemeines Durcheinander in der Welt. Schlimm. Am Morgen haben wir dann an der Stunde der Wintervögel teilgenommen, da ließ sich aber nur eine lumpige Kohlmeise auf dem sonst so reich besuchten Balkon blicken. Sich wochenlang füttern lassen und dann nicht zum Zählappell antreten! Hm. Das Krankenhauskind kam, dieses Update fehlt noch, heute am Nachmittag wieder nach Hause, mit dem Blinddarm noch an Bord. Man staunt und weiß nicht recht. 

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Weiter in Remo H. Largos “Das passende Leben” gelesen, das liest sich für ein Sachbuch recht fluffig. Dabei gelernt, was die “Regression zur Mitte” ist, auch spannend. Effekte wie beim Madden-Fluch (im Wikipedia-Artikel erklärt) sind doch zu und zu schön.

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“Na, Papa, träumste von Trillionen Likes?”

“Diese Wohnung hat ein Kinderzimmer! Da kann man auch reingehen!”

Penstemon, Friedewalde, Appendizitis

Das erste Wort in der Überschrift kommt Ihnen vielleicht rätselhaft vor, das ist verständlich, ich kannte es bis vor ein paar Stunden auch nicht. Es dient mir auch nur als Beispiel für das, was ich gerade durch den verschärften Konsum englischsprachiger Gartenblogs lerne. Denn man hat zwar die gängigen Gemüsesorten, Kräuter und Blumen vielleicht noch als Vokabel parat, wenn es aber etwas spezieller wird, ist es schnell zappenduster, zumindest bei mir. Gärten erreichen Stellen im Hirn, da kam die Schulbildung nie hin. Und oft begegnen mir bei dieser Lektüre sogar Vokabeln, deren Bedeutung ich schnell google – und dann die deutsche Übersetzung auch nur mit “Hä?” ansehe. Weil nie gehört. Penstemon, das jedenfalls ist der Bartfaden, können Sie sich gleich merken, super Vokabel um dezent anzugeben, etwa wenn man bei englischen Gastgebern einen Blick in deren Garten wirft und beiläufig die Schönheit der Penstemons lobt. Da darf man sich dann gleich ein paar andere Fehler im Englischen erlauben, denke ich. Die Penstemons oder Bartfäden kann man sich natürlich auch in der Google-Bildersuche ansehen, die sind gar nicht mal so hässlich! Gleich vorgemerkt (und zwar den Bronze-Bartfaden von hier, das soll ein sehr guter Versand sein, sagen andere Gartenfreunde, aber noch nicht getestet).

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Ansonsten habe ich den Tag größtenteils im Kinderkrankenhaus verbracht, Verdacht auf Blinddarmentzündung, aber eben nur Verdacht, vielleicht auch nicht, die einen sagen so, die anderen sagen so, alle warten auf den Chef, der dann aber gar nichts sagt, und zwischen denen, die da etwas oder nichts sagen, liegen jeweils ein paar Stunden. Das Kind liegt da jetzt noch etwas zur Beobachtung und spielt Nintendo bis zur völligen Umnachtung, so hat die Sache wenigstens einen Vorteil. Also für den Sohn. Ich habe im Krankenhausbistro etwas gegessen, was mich vermutlich noch lange in meinen Träumen verfolgen wird, der Sohn dagegen darf gar nichts essen, weiß aber nicht, wie gut das im Krankenhaus ist. Schwierig.

Gottseidank hatte ich ein Buch dabei: Remo Largo, “Das passende Leben”, das ist ja schon mal ein anziehender Titel, wer hätte das nicht gerne, ein passendes Leben. Remo Largo kennt man vielleicht als Autor von Büchern zur Kindermedizin und kindlichen Entwicklung, in diesem Buch hier geht es um den auch erwachsenen Menschen, um dessen Vielfalt und Möglichkeiten, und nach den ersten hundert Seiten zu urteilen, lohnt die Lektüre. Sie führt natürlich zu den Fragen, die sich auch im Wirtschaftsteil für die GLS Bank (hier die letzte Ausgabe, gute Texte zum Thema Stau!) dauernd stellen: Was machen wir hier eigentlich und warum? Wie gestern bereits festgestellt, sind das gar keine unpassenden Fragen am Jahresanfang, ich lese also mal weiter. Aus gärtnerischen Gründen freut mich zwischendurch schon mal die Erwähnung der genetischen Verwandtschaft des Menschen mit dem Kohlgemüse, da sät man doch gleich mit noch innigeren Gefühlen. Das Buch ist übrigens frei von jedem Esoterikverdacht, der Titel klingt vielleicht danach? Nein, das ist ganz down to earth, es mündet eher in gesellschaftlichen Überlegungen und naheliegenden Fragen nach den Möglichkeiten des menschlichen Glücks, es sind ähnliche Fragen, die neulich bei der Kaltmamsell diskutiert wurden, als es dort um die Entwicklung seit unserer Großelterngeneration ging, Stichwort hedonistische Adaption. Sehr faszinierendes Thema!

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“Na, schreibste da Lügengeschichten, Papa?”

“Mir widerstrebt dieser zunehmend laxe Umgangston hier, in dem sich familieninterne Imageprobleme unschön spiegeln, junger Mann.”

“Äh, was?”

“Schon gut. Ich blogge.”

Jahresanfang (enthält Beifang)

Der Weihnachtsbaum ist mittlerweile von unserem Balkon geflogen, das ist natürlich immer eines der wenigen Highlights im Januar, der Monat hat ja sonst meist nicht viel zu bieten. Wir haben den Rest von Weihnachten in den Keller geräumt. Ich verschreibe mich, nanu, schon nach drei Werktagen nicht mehr beim Datum und die erste Arbeitswoche wurde allgemein mit großer Tapferkeit ertragen, zumindest sahen die Leute in der morgendlichen S-Bahn danach aus, so bleich und doch gefasst.

Aus unklaren Gründen habe ich das Jahr übrigens im Anzug begonnen, das fühlt sich ganz seltsam an, wenn man lange keinen Anzug getragen hat, ganz fremd – aber auch nicht schlecht. Oder, wie die Söhne sagen würden: “So viele Taschen sind doch toll.” Daraufhin prompt am ersten Werktag mit dem Anzug ins Büro gegangen, wo mich dann alle irritiert fragten, was ich denn jetzt wieder vorhätte, mit diesem seltsamen Unterton, der mir die wildesten Eskapaden zutraut, warum auch immer. Dabei kennen mich diese Kollegen erst ein paar Jahrzehnte! Schlimm. Wobei mir einfällt, dass einige wenige mich sogar noch in der Mode der Achtziger Jahre erlebt haben, da darf man gar nicht länger drüber nachdenken, man möchte sonst sofort Zeugen beseitigen. Die einzige Kollegin, die noch Fotos aus der Zeit hat und diese gelegentlich sogar herumgezeigt hat, ist allerdings gerade in Rente gegangen. Manches erledigt sich quasi von selbst, man muss nur etwas warten.

Egal, bei näherem Hinsehen brauche ich eh einen neuen Anzug oder zwei, die Modeentscheidung 2018 wird also erst einmal einfach verschoben. Ich sage dann schon noch Bescheid, was jetzt Trend ist, das bleibt hier selbstverständlich serviceorientiert.

Wie das Jahr 2018 überhaupt zu nehmen ist, das ist auch anderweitig vollkommen unklar, es scheinen gerade recht viele etwas irritiert innezuhalten, zumindest in meiner kleinen Filterbubble. Es ist eine seltsame Welle, da denken so viele gerade z.B. über das Bloggen an sich nach, etwa hier, es wird einem ganz retro zumute. Und an anderer Stelle dann diese kleine Randbemerkung: Vermutlich müsste ich eigentlich in einer Punkband spielen. Oder Bloggen. Ja, Bloggen, das wärs.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich ein Journal, also ein eher klassisches Tagebuch, mit einer App führen wollen würde, aber vielleicht ist das in Bezug auf den Garten gar keine schlechte Idee? Da mal drüber nachdenken! So ein Journal in Papierform neigt nämlich dazu, nicht da zu sein, wo ich gerade bin, habe ich in den letzten Wochen gemerkt. Das ist für beliebige Notizen natürlich egal, weil ich mittlerweile in jeder Tasche ein Notizbuch habe, nahezu wahnhaft, aber bei einem Journal zu einem bestimmten Thema ist das doch eher blöd. Außerdem probiere ich neue Apps gerne aus, quasi Spieltrieb. Bei diesem Herumspielen schon gesehen: wenn man bei der im Artikel erwähnten Momento-App die Streams von Instagram und Twitter reinliest und nur ein, zwei Stichwörter pro Tag ergänzt, dann ist das als gut sortierte Erinnerungsliste nur für den Privatgebrauch schon mal ganz fein. Wenn man so etwas denn braucht.

Aber braucht man das? Also abgesehen von Spezialthemen, bei denen das ziemlich klar der Fall sein kann? Ändert das denn was, wenn man alles so nachlesen kann? Ich könnte eigentlich ganz gut im Blog nachsehen, was ich wann gemacht habe, das habe ich den letzten dreizehn Jahren genau nullmal gemacht. Hm.

Dieser Text hat gar keinen vernünftigen Bogen und kein ordentliches Ende, merke ich, aber ich lasse das jetzt so, warum auch nicht, ich kann hier ja so unausgegoren sein, wie ich möchte, nicht wahr. Das Jahr ist es immerhin auch noch, das passt schon.

Zum Schluß nur noch – und auch das ohne jeden Zusammenhang – die Haifischbarpolka, mir ist gerade so. Leichtes Schunkeln nicht unangemessen!

Beifang vom 04.01.2018

Der steigende Meeresspiegel vor St. Peter-Ording. Also quasi um die Ecke.

Neues zum Bahnhof Altona. Es bleibt spannend. Die Argumente der Umbaugegner klingen nicht direkt völlig unlogisch, to say the least.

Ich folge beim Thema Garten mittlerweile ziemlich vielen englischen Quellen, faszinierend sind etwa die Gartenseiten des Guardians. “If you believe trend forecasters, ultra violet is the colour of 2018. Now it’s probably complete coincidence, but three of the most exciting fruit and veg varieties in the seed catalogues right now also happen to come in this dazzling shade.” Dass es überhaupt “most exciting veg” gibt! So schön. Hätte mir vor einem Jahr auch keiner erzählen können.

Und apropos Garten: Am Wochenende ist die “Stunde der Wintervögel”, da machen wir diesmal natürlich mit.

Auch interessant für mich: Kiki denkt übers Bloggen nach.

Danach etwas Blues Blues. Und wie.

Ein Hörbuch, ein Buch

Ich habe “Wiener Straße” gehört, Sven Regener liest seinen Roman und natürlich macht er das großartig, wie nicht anders zu erwarten. Äußerst unterhaltsam ist das, ich warne allerdings vor einer Nebenwirkung: Man bekommt beim Hören auch zu völlig unpassenden Tageszeiten Lust auf Bier und Kneipe. Man bekommt ferner Lust, fremde Menschen im Berliner Dialekt grundlos anzupampen und das Wort Grabgabel ohne jeden Sinnzusammenhang mehrfach zu wiederholen. Ich habe es ja nicht so mit Hörbüchern, die funktionieren bei mir so wenig wie Podcasts, aber das hier war großartig.

Ich habe außerdem in “nachts” gelesen, Erzählungen von Mercedes Lauenstein, hier eine Rezension in der Zeit. Das sind Konzepterzählungen, in allen Texten geht es darum, dass eine Frau nachts durch Straßen zieht und dort klingelt, wo zur Unzeit noch Licht brennt. Und dann erfragt, wer da warum noch wach ist, wie und in welchem Zustand, das sind also kleine Schicksalsskizzen, was eben in einen kurzen nächtlichen Besuch passt. Ein hervorragendes Nachttischbuch, besonders für Menschen, die beim Lesen im Bett schnell unmenschlich müde werden, das soll ja ein verbreitetes Leiden sein. Denn die Texte umfassen durchweg jeweils nur ein paar Seiten, da kann man also bequem ein, zwei Szenen schaffen und sich ein wenig Gedanken machen, warum andere nachts wach sind. Vielleicht sieht man aus dem eigene Schlafzimmerfenster auch noch irgendwo Licht brennen da draußen, das ist ein ideales Arrangement zum Einschlafen. Für Sie getestet! Am nächsten Abend muss man sich nicht fragen, wo man beim Wegdämmern den Faden verloren hat, es gibt einfach keinen längeren Faden, das ist auch mal schön. Außerdem sind die Wohnungsbeschreibungen gut, das hat man gar nicht mal so häufig, wenn man mal drauf achtet. Wohnungen sind schwierig, Zeichner kennen das von Händen, die sind auch schwierig. Bestimmt gibt es auch eine Entsprechung in der Musik, aber da kenne ich mich nicht aus.

#reading

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Egal. Jetzt wieder ein Buch über Gemüse lesen (Cora Leroy: “Gemüsesamen selbst gezogen”. Auch interessant!)

Gehört

Die Fundstücke kommen diesmal fast alle aus der S-Bahn, nur den letzten Kurzdialog habe ich in einer Buchhandlung gehört. Zuerst ein Winterklassiker, auch wenn in Hamburg von winterlichen Temperaturen überhaupt keine Rede sein kann.

“Du hast drei Paar Socken an?”

“Ich kann ja wohl so viele Socken tragen, wie ich will.”

Und immer wieder diese Dialogtrümmer, in denen Familiendramen durchscheinen, wie Gespräche aus einem Roman, so zielgenau auf den Punkt:

“Pass bloß auf. In New York ist so ein Koffer ja sofort weg, wenn Du Dich nur umdrehst. Sofort!”

“New York. Das ist hier nicht New York, Mama.”

Wer hätte danach nicht einen spontanen Tocotronic-Uhrwurm?

Man muss aber nicht nur an Romane denken. Ich drehe mich in der S-Bahn nicht einmal nach den Leuten um, ich konzentriere mich nur aufs Hören und habe also ähnlich wenig Hintergrundinformationen wie Sie als Blogleserin, Blogleser sind mitgemeint. Und wenn man nicht hinsieht, dann kann man die Zeilen später auch wie in einem Drehbuch lesen, sich die Schauspielerinnen dazu vorstellen und wechselnde Besetzungen, Kostüme und Alterskonstellationen durchgehen:

“Ich meine das alles gar nicht so. Na ja. Eigentlich doch.”

“Du redest genau wie dein Vater.”

“Bitte!?”

Zwischendurch auch mal etwas Positives, ein Gesprächsfetzen voller Liebe und Zuwendung:

“Guck mal, die da hat voll schöne Haare.”

“Du hast viel schönere Haare, Baby. Und die Alte ist auch noch zu dünn.”

Und schließlich noch der Dialog aus der Buchhandlung, gehört kurz vor dem Jahreswechsel, ungeheuer passend zum Abschluss der letzten zwölf Monate:

“Würden Sie denn dem Autor zustimmen, dass ein Leben nicht für alles reicht?”

“Ach ja, man vermasselt doch so einiges, junge Frau.”

Raben und Zippen


Thomas Bannerhed: “Die Raben”, aus dem Schwedischen von Paul Berf. Die Zitronen haben mir dem Buch nichts zu tun die lagen da einfach nur gerade herum. Ein Buch, das in den deutschen Feuilletons seltsam wenig vorkam, ich habe nicht verstanden, warum das so war. In Schweden viel gerühmt und mit Preisen beworfen, hier eher unter ferner liefen. Nanu? Mir hat es sehr gut gefallen, es kommt meiner etwas befremdlichen Aversion gegen komplexe Handlungsstränge weit entgegen. Es gibt einen Sohn und es gibt einen Vater, Figur hier, Figur da, das reicht ja manchmal schon. Der Vater ist wirtschaftlich versagender Kleinbauer, der pubertäre Sohn soll demnächst übernehmen, guckt aber viel lieber Vögel im Wald. Oder Bäume und Blümchen. Oder überhaupt Natur. Der Vater versinkt langsam in Depressionen, man ahnt den Bezug zum Titel, der Sohn lernt ein Mädchen kennen mit all den Folgen, die das in dem Alter so hat, und das ist alles dicht, beeindruckend und überzeugend geschrieben. Ob der verhängnisvollen Schwere der seelischen Verwicklungen ist es auch ein gutes Winterbuch, das passt gerade jetzt ganz hervorragend in den sinnlosen Restwinter nach den Feiertagen. Feines Buch, klare Empfehlung, auch wegen der Naturbeschreibungen.

Denn da ist, logisch, enorm viel Natur im Buch, sonst könnte das Konzept auch nicht aufgehen. Der Vater fährt über die Felder und sprüht Gift, der Sohn sucht Nester und liest über aussterbende Falken und andere Vogelarten, darunter solche, die mir nicht einmal bekannt waren. Und bei den Zippen habe ich dann doch einmal gegoogelt. Die kommen im Buch häufig vor, singen da im Gebüsch und sind überhaupt bei jedem Spaziergang präsent. Mir war beim ersten Lesen der Begriff seltsam vertraut, haben wir nicht damals, also vor hundert Jahren etwa, die Freundinnen der Jungs so genannt? “Da kommt Sven mit seiner neuen Zippe.” War das nicht so? Je länger ich darüber nachdachte, desto fragwürdiger kam mir das aber vor, haben wir das denn wirklich so gesagt? Und war es eigentlich abwertend gemeint? Das gibt es ja, dass ein Wort beim Herumgrübeln immer komischer wird, immer bedeutungsleerer, immer fragwürdiger. Es gab damals, die Älteren erinnern sich, nur drei Fernsehsender, das Zappen war in Deutschland noch nicht bekannt, sonst hätte man das häufige Wechseln der Freundin als Zippenzappen benennen können, das ist doch eine verpasste Chance, also sprachgeschichtlich gesehen. Wobei bei mir von Zippenzappen eh keine Rede sein konnte, in dem Alter, in dem wir das Wort in Jungskreisen mutmaßlich benutzt haben, fanden meine Beziehungen zu Mädchen noch komplett im Konjunktiv Irrealis statt.

Was beim Googeln jedenfalls herauskam: Die Zippe, das ist ein veralteter Ausdruck für die Singdrossel. Und von der hat man natürlich sehr wohl schon einmal gehört, sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Das Buch spielt in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts, vielleicht ist das Wort erst seit der Zeit veraltet, so dass der Übersetzer es hier also korrekt verwendet, was ich ihm sofort zutrauen würde, denn das liest sich alles ganz hervorragend.

Ich weiß es aber nicht genau. Wobei ich schwören würde, in den Siebzigern garantiert nichts von der ornithologischen Bedeutung des Wortes Zippe gewusst zu haben. Egal. Lesen bildet jedenfalls, das wäre damit wieder bewiesen.

The same procedure …

Kein Silvester ohne dieses Bild und die erklärenden Zeilen dazu, eh klar. Die Erinnerung an eine norddeutsch-ausgelassene Silvesterparty in einem Hamburger Vorort, der Abend ist bereits viele, viele Jahre her. Deutlich erkennt man die sogenannte Hanseaten-Ekstase in meinem Blick. Denn man muss gerade die süddeutschen und auch die rheinländischen Leserinnen und Leser gelegentlich daran erinnern: wir hier oben, wir sind gar nicht so. Wir können auch ganz anders.

Hanseaten-Ekstase

Gleicher Abend, nur einen Meter weiter: Die Herzdame, liebreizend und strahlend gelaunt wie immer.

Die Herzdame

Im Jahr 2017 habe ich mich von der oben im Bild zu sehenden Frisur verabschiedet, siebzehn Jahre damit waren einfach genug. Ich trage jetzt schulterlang und offen.

Ansonsten war 2017, wie aufgefallen sein dürfte, das Jahr, in dem wir zum Garten kamen, um die markanteste Entwicklung gleich vorab zu erwähnen. Das Thema wird uns auch im nächsten Jahr reichlich beschäftigen. Als wir den Garten übernommen haben, erkannte ich auf den ersten Blick ganze zwei Pflanzen darin, nämlich Erdbeeren und Äpfel. Das war auch einfach, da hingen nämlich Früchte dran, die mir aus dem Supermarkt bekannt vorkamen. Mittlerweile habe ich immerhin 73 Arten gezählt, davon gar nicht so wenige selbst gepflanzt. Im nächsten Jahr wird diese Zahl sicher dreistellig werden und nach und nach, es lebe der Projektgedanke, sollen alle Pflanzen hier einmal vorkommen – mit einer Besonderheit, einer Story, einer Assoziation, einem schicken Bild, wie auch immer. Darüber hinaus müssen sowieso wieder mehr Geschichten geschrieben werden, das kam in diesem Jahr ja schändlich zu kurz, genau genommen so kurz wie nie, seit ich überhaupt schreibe. Gleich morgen werde ich einmal nachsehen, ob ich das Passwort zum aktuellen Manuskript überhaupt noch weiß, es ist eine geradezu nervenzerfetzende Spannung.

Die Herzdame hat Vollzeit gearbeitet, das wird sich in 2018 vermutlich nicht wiederholen. Dafür wird sie im Blog nach aller Wahrscheinlichkeit mit eigenen Artikeln recht präsent bleiben, mir gefällt diese Entwicklung sehr gut. Und das braucht man ja ab und zu, dass einem etwas gut gefällt. Das war nämlich in diesem Jahr nicht allzu oft der Fall, das Jahr 2017 war irgendwie nur die Fortsetzung von 2016 mit etwas anderen Mitteln, wobei 2016 überhaupt kein gutes Jahr war, eher im Gegenteil. Da besteht Optimierungsbedarf in diversen Lebensbereichen, und zwar erheblicher. Und nachdem ich, nein, wir darauf jetzt ein halbes Jahr intensiv herumgegrübelt haben, wird es Zeit, daran etwas zu tun. Keine Ahnung, was da genau zu tun ist, man grübelt schließlich nicht immer erfolgreich herum. Irgendwas eben! Abwarten reicht jedenfalls einfach nicht mehr aus. Und schon der Garten wird uns sicher mehr zum Machen bringen, da nimmt man schließlich einen Spaten oder eine Harke in die Hand und tut etwas. Ich glaube, das wird uns guttun. Und vielleicht auch auf neue Gedanken bringen.

Sohn I wird im nächsten Jahr die Schule wechseln, was ziemlich erstaunlich ist, da er ja gerade eben erst eingeschult worden ist. Wie isses nun bloß möglich?

Sohn II wird schon in die dritte Klasse kommen. Beide Söhne werden sicher weiter zum Parkour-Training gehen und dort ziemlich krasse Sachen lernen, ich werde mir das ab und zu mit gewissem Neid ansehen und vielleicht auch mal ein Filmchen dazu posten.

Und sowieso gilt generell und weiterhin: Wir werden berichten.

Wir wünschen einen guten Rutsch und ein wundervolles Jahr 2018 – bewahren Sie bitte unbedingt Haltung!

Bis nächstes Jahr.