Hinterbeine und Arme

Gestern beim Orthopäden. Im Wartezimmer liegt ein räudiges, zerspieltes Stofftier auf dem Kindertisch neben dem Lego und den Bauklötzen, ein Hund wohl oder ein Fuchs, das ist von oben schwer zu erkennen. Das Tier liegt auf dem Rücken, die Beine in die Luft gestreckt, wobei zumindest eines der Hinterbeine in einem Winkel absteht, der nicht gesund und auch nicht so gemeint sein kann. Eine Mahnung für die kleinen Patienten hier, so sieht das dann aus, wenn man auf seine Knochen nicht aufpasst.

Mein Ellenbogen macht mittlerweile Karriere bei anderen Ärzten, so komme ich, da ich den ja dauernd begleiten muss, auch mal in abgelegene Stadtteile wie etwa Altona. Immer das Positive sehen! Da war ich Ewigkeiten nicht! Die Firma hat mir für die nächste Woche eine Sprechrolle angeboten, daher gehe ich auch mal wieder zur Arbeit. Das ist fürchterlich nett von der Firma, hoffentlich fällt mir vor Montag auch wieder ein, was die da eigentlich so machen und wo noch einmal das Büro liegt. Von Passwörtern, Usernamen etc. ganz zu schweigen. Ist ja alles eine Weile her mittlerweile.

Wie das dann weitergeht – unklar. Vermutlich wird es eine Operation geben. Oder zwei. Im Januar oder so. Bis dahin übe ich einfach das Leben mit chronischen Schmerzen, man gewöhnt sich an alles. Sie merken, hier wird nicht viel gejammert. Lassen Sie mich einfach hier zurück, ohne mich können Sie es schaffen.

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Genau genommen war ich jetzt acht Wochen nicht im Büro, dazu eine kleine Erkenntnisbilanz in zehn Punkten:

  1. Ich finde Ruhe und Alleinsein großartig. Noch besser als immer vorgestellt. Mir ist im normalen Alltag vieles viel zu laut und Großraumbüros sind ganz zweifellos eine Erfindung des Teufels.
  2. Es wird nicht langweilig, nichts vorzuhaben. Es wäre natürlich noch besser gewesen, wenn ich die Hände hätte vernünftig benutzen können, aber es ging auch so. Spazierengehen, lesen, diktieren, nachdenken – ich komme schon zurecht.Ich komme sogar hervorragend zurecht. Ich würde auch jahrelang so zurecht kommen.
  3. Ich vermisse die Berufstätigkeit nicht. Also abgesehen vom finanziellen Aspekt, versteht sich. Ich habe längst nicht mehr das Gefühl, mit Berufstätigkeit und Karriere irgendwem irgendwas beweisen zu müssen. Nicht einmal mir selbst.
  4. Die Familie klappt erheblich, wirklich erheblich besser, wenn mindestens ein Elternteil tiefenentspannt ist und ohne Ende Zeit hat. So dramatisch viel besser klappt das, ich müsste eigentlich sofort und dauerhaft Hausmann werden. Aber Geld, ne. Irgendwas ist immer.
  5. Ich habe erstaunlich viel Spaß daran, mit den Söhnen für die Schule zu lernen. Könnte ich tatsächlich stundenlang machen (können sie aber nicht, ihr Tag ist einfach zu kurz – Ganztagsschule und die Folgen).
  6. Ich komme so leicht ohne Twitter, Facebook etc. aus – als Sucht kann ich Social Media wirklich nicht ernst nehmen.
  7. Es gibt keine Überdosis Mittagsschlaf.
  8. Aber auch nach acht Wochen habe ich es noch nicht geschafft, einfach entspannt irgendwo zu sitzen, in einem Park oder so, an der Alster, was weiß ich. Ich sehe da immer Leute sitzen, überall sitzen Leute, die nichts machen, die sitzen einfach nur. Den Dreh kriege ich nicht, protestantische Arbeitsethik from hell, Dabei nie religiös gewesen! Schlimm. Ich muss zumindest immer so intensiv nachdenken, dass es als strebsame Bemühung durchgeht. Man hat aber auch Macken!
  9. Die wildesten Stimmungsschwankungen habe ich auch ganz ohne beruflichen und terminlichen Stress. So etwas findet man wohl ohne längere Testphase nicht heraus, man rät da sonst immer nur.
  10. Ich komme tatsächlich darauf, was ich alles gerne schreiben möchte, wenn ich nur mal genug Zeit habe. Das hat jetzt nichts genützt, weil ich ja aus medizinischen Gründen nicht viel schreiben konnte. Aber gut zu wissen ist es dennoch. Und irgendwann wird es wieder gehen, so die Theorie.

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Ich habe das Feld von Robert Seethaler zu Ende gehört. Das Hörbuch ist in 78 Abschnitte eingeteilt, bei mindestens einem dieser Abschnitte bin ich mir ganz sicher, dass ich über die meiste Zeit komplett abgelenkt war, ich könnte nichts davon nacherzählen. Ich habe während des Hörens an Gott weiß was gedacht, ich habe auf den Verkehr geachtet oder ich stand vor einem Joghurtregal im Supermarkt und dachte intensiv über die Auswahl nach, ich habe Bekannten auf der Straße zugewunken oder beim Portugiesen Kaffee bestellt, was weiß ich, ich habe jedenfalls nicht ordnungsgemäß auf den Text geachtet. Dennoch bin ich, auch wenn es komplett verrückt klingt, sogar bei diesem Abschnitt sicher, dass er mir gut gefallen hat. Was mich natürlich an meinem Urteilsvermögen bei Hörbüchern noch mehr zweifeln lässt, man sollte sich selbst aber ohnehin nicht zu viel vertrauen. Vielleicht reicht es mir tatsächlich, wenn etwas gut klingt? Um der Sache auf den Grund zu gehen, müsste mir jemand mit der Stimme von Robert Seethaler bitte mal testweise einen Konsalik vorlesen. Dann wüsste ich mir.

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Neues Hörbuch angefangen: Die Pest von Camus, gelesen von Ulrich Matthes, übersetzt von Uli Aumüller. Das muss ich immerhin nicht gut finden, bei dem Werk sind sich die Literaturwissenschaftler einig, das ist definitiv gut, das kann ich einfach glauben, so weit, so einfach. Camus ist bei mir eine größere Bildungslücke, warum auch immer. Zu meiner Schulzeit war der irgendwie auf dem Lehrplan nicht vorgesehen, danach war nie die Gelegenheit. Jetzt aber. Scheint auch ganz gut zu passen, wo wir doch die Pest wieder im Land haben.

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Außerdem angefangen: “Einfach gehen” von Steven Amsterdam, übersetzt von Marianne Bohn. Das wollte ich gar nicht lesen, ich wollte nur mal kurz hineinsehen, aber gleich in der ersten Szene geht es um Sterbehilfe. Das ist nicht gerade das verlockendste Thema, aber das ist so geschildert, dass man unwillkürlich ein paar Minuten dranbleibt und zack, hat man kurz darauf schon ein Drittel des Buches durch. Der Autor arbeitet als Palliativpfleger, der kennt sich aus und das merkt man. Es reißt einen nicht runter, es gibt nur zu denken, sehr gut gemacht.

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Ein Fleet in Hamburg Hamm

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Rote Wirbel

Das Wetter: Nach wie vor furztrocken, um es mal deutlich auszudrücken. Bei der Kaltmamsell kann man gucken, wie die Isar gerade aussieht.

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Zwischendurch ein herzlicher Dank an die Leserinnen, die den Hut gerade auf anderen Wegen als via Paypal befüllt haben – ich bin hocherfreut und begeistert, das ist ja alles keineswegs selbstverständlich.

Ein nachgereichter Dank (pardon!) auch für die Zusendung zweier Bücher mit ausdrücklichem Gartenverwendungszweck, ich bitte um Entschuldigung, das ist dezent verspätet.

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Ich höre weiter Robert Seethalers “Das Feld”, gelesen von ihm selbst, und finde es immer noch gut. Ich höre selten Bücher, ich habe da also keine Routine. Ich bin ein altmodischer Leser, immer noch gerne Papier und stapelweise und abends im Bett bis zum Einschlafen. Was jetzt aber nicht so leicht herauszufinden ist: Hätte ich das Buch anders gefunden, wenn ich mich auf ganz herkömmliche Weise in das Buch vertieft hätte? Also nicht nur in Details, das versteht sich ja, das man da ganz andere Stellen besonders wahrgenommen hätte, sondern auch grundsätzlich? Hat man womöglich einen ganz oder wenigstens leicht anderen Geschmack, wenn man Texte nur übers Ohr wahrnimmt? Das hat bestimmt schon einmal jemand untersucht, aber das habe ich dann verpasst. Zwischen dem mit den Fingern verfassten Text und der diktierten Version liegen doch auch Welten, zumindest am Anfang, spiegelt sich das am Ende bei der Lektüre, beim Hören?

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Ich lese Mark Mazower: “Was du mir nicht erzählt hast”, übersetzt von Ulrike Bischoff. Ein Historiker klärt seine Familiengeschichte mit den Werkzeugen seines Fachs und alter Schwede, ist das ergiebig. Wenn man dachte, man kennt sich in der Geschichte Europas vor 33 einigermaßen aus, bei der Lektüre wird man wieder ganz bescheiden.

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Ich gehe auf den Spielplatz und wirbele wie die Kinder Laubhaufen mit den Füßen auf. Es ist heute kein einziges Kind da, aber Laub gehört nun einmal gründlich verwirbelt, das haben wir hier schon immer so gemacht. Ich trete an die große Eiche, in der die Eichhörnchen wie komplett irre hin- und her rennen, seit Stunden schon. Sie rasen immer wieder den Stamm hinauf und hinab und umkreisen ihn, sie springen über die Äste und von Baum zu Baum und über den Platz, sie balancieren in stürmischer Eile über die den Kirchhof begrenzende Mauer. Sie suchen in aller Hektik die Eicheln zusammen und lassen sie gleich wieder fallen, wenn sie die nächste oder eine größere sehen, fliegende Wechsel, diese Eichel, nein, diese, vielleicht haben sie den Zweck der Übung auch längst aus den Augen verloren. So eilig suchen sie, als würde der Winter in der nächsten Woche schon mit ganzer Härte ausbrechen, Schnee bis ins Flachland, Eis und Hagel – dem ist aber gar nicht so, sagt der Wetterbericht. Sie gönnen sich jedenfalls keine Minute Pause, sie sind rote Wirbel im gelb leuchtenden Laub. Wie lange kann man auf diese atemlose Art einer Aufgabe nachgehen? Der Eichelhäher, die Ringeltauben und die Amsel gucken immer wieder irritiert zu ihnen hin, wenn sie wie besessen durchs Bild stieben. Ich klopfe an die Eiche und sehe zu ihnen hoch. “Guten Tag”, sage ich und versuche, seriös und vertrauenserweckend zu klingen, “ich möchte mit ihnen über Burn-out sprechen.” Die Tierchen denken gar nicht daran, auf mich zu reagieren, die Tierchen haben zu tun. Dann eben nicht. Aber soll keiner sagen, ich würde mich nicht kümmern.

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Egal. Musik!

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Der Vogelzug

Gelesen: “Die Flut war pünktlich”, Erzählungen von Siegfried Lenz. Gar nicht mal so gut gefunden. Hm. Aber egal. das kann man machen, einfach was von einem Großmeister nicht gut finden, das ist okay. Es ist nur Literatur, da passiert nix. 

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Ich lese außerdem in “Der Freund und der Fremde” von Uwe Timm, die Erinnerungen an seinen Freund Benno Ohnesorg (ja, genau der). Das wollte ich schon seit dem ersten Erscheinen 2005 mal lesen, aber man kommt ja zu nix.

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Für den Freundeskreis Insel: Eine geschichtentaugliche Meldung von Baltrum. Ich schreibe ja gerade nix, aber das müsste doch bitte jemand verarbeiten, so eine wunderbare Vorlage. Der schießwütige Hotelier, der auf Vogeljagd am Strand geht und das erlegt, was wegziehen kann, während er aus Gründen, die man sich noch erarbeiten müsste, die Insel nie länger verlassen hat, dazu eine frei erfundene Hassliebe mit einer Umweltschützerin und das alles auf einer in grandioser Natur gelegenen Insel, die mit steigendem Meeresspiegel eh nicht mehr lange … das ist doch wirklich einladend. Titel: “Der Vogelzug”, in etwa Novellenlänge, das klingt doch geradezu schulbuchtauglich.

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Den Satz “Unter jedem Dach ein Ach” (hier gefunden) kannte ich nicht, den finde ich aber ganz wunderbar. So einfach, so gut, den merke ich mir, den denke ich jetzt bei jedem abendlichen Spaziergang durchs Viertel vor jedem Haus. Ich habe mich, so allerdings die bittere Wahrheit, zuerst verlesen und dachte da steht: “Unter jedem Dach ein Arsch”. Was die Formulierung nicht zwingend unzutreffender macht, nicht wahr. 

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Aufkleber "I am loved"

Sohn II: “Das hat bestimmt jemand da hingeklebt, der überhaupt nicht geliebt wird. Und der macht das nur, damit es dann jemand wie du fotografiert, jemand, der ein Blog hat oder Instagram. So läuft das doch. Und es klappt ja auch.”

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Wie auch immer. Musik!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Was schön war

Patricia schreibt über normale Leute, ich möchte etwas anlegen. Nämlich eine frühabendliche Hamburger Stunde auf einem quadratischen Platz. Wir hatten hier in der letzten Woche leider keine Demo in Berliner Dimensionen zu bieten, wir hatten nur ganz normales Stadtleben, nehmen wir also einfach das, vielleicht geht es ja auch. Den Platz, um den es gleich gehen wird, muss man sich bitte leer vorstellen, da ist nichts. Keine sogenannten Stadtmöbel, also keine Bänke, keine Werbeaufsteller, keine Bäumchen, Büsche oder Beete, keine Schilder, nicht einmal Verbotsschilder, da ist wirklich gar nichts, nur Fläche, und die ist bemerkenswert glatt ausgelegt, keine Höcker oder Kanten oder Lücken im Boden, alles ist eben. Der Platz liegt etwas erhöht zwischen der Kunsthalle und der Galerie der Gegenwart, Treppen und rampenartige Wege führen dort hinauf. Der Platz ist so leer, er wirkt ein wenig wie ein Platzhalter, da könnte irgendwann noch etwas kommen, ein weiteres Galerietrumm oder sonst etwas – aber erst einmal ist da nichts. Und wenn man Tourist in dieser Stadt ist, dann geht man natürlich wegen der Kunst links und rechts davon dorthin, nicht wegen des Platzes, denn auf dem ist ja nichts. Aber man bleibt vielleicht doch mal kurz stehen und guckt, denn viel großstädtischer wird es nicht.

Die glatte Fläche wird oft von jungen Menschen genutzt, die mit Bikes, Boards oder sonstwas Kunststücke üben, vermutlich kann ich mittlerweile gar nicht mehr alle Fortbewegungsmittel korrekt benennen. Aber das kennt man auch von anderen Plätzen, das ist noch nichts Besonderes. Hier kommen jedoch manchmal auch Menschen aller Alters- und Kulturgruppen her, die diverse Tänze üben, so ist es an diesem Tag auch. Ein unentwirrbares Musikgemisch aus kleinen und kleinsten Boxen hängt über dem Platz, den Sie sich eben noch leer vorgestellt haben, pardon, der ist nämlich in Wahrheit doch voll, voller Menschen nämlich. Die Tanzenden hören vermutlich nur mit einiger Mühe die für sie jeweils passenden Rhythmen aus dem wüsten Durcheinander der Musikstücke heraus, aber sie schaffen es irgendwie. Vorne Tango Argentino, das erkennt man gleich. Die Runde übt recht fortgeschritten aussehende Schrittfolgen und schön sieht das nicht unbedingt aus, aber das gehört eben dazu, wenn man gut sein will, man muss durch die Technik irgendwann durch. Da starren also Menschen auf Füße, stehen sich selbst und Tanzpartnern im Weg und diskutieren, zwischendurch gibt es ab und zu die berauschenden Erfolgserlebnisse, für die man das alles macht, ach so muss das! Dann sieht man zwei, drei sehr elegante Drehungen schnell nacheinander, bevor es wieder stockt. Das Durchschnittsalter beim Tango ist eher etwas fortgeschritten. Gleich dahinter eine jugendliche Gruppe, die tanzen irgendwas vermutlich afrikanischen Ursprungs, da rät man so herum, was das nun sein könnte, die sind auch noch ganz am Anfang. Daneben eine große Gruppe junger Mädchen, einige im Cosplayer-Look, die üben eine Choreografie, wie man sie aus Musikvideos kennt. Es sind noch nicht alle schnell genug, aber es wird, noch zwei Abende und dann klappt das, dann wird es auch ziemlich gut aussehen, es reicht locker für jede Schulaufführung. Dann ein kleiner Kreis von Mädchen, die sich nur ab und zu und eher zögerlich überhaupt zu Tanzbewegungen durchringen können, und die kann man dann nicht einmal recht erkennen, das ist alles etwas schüchtern dahergestolpert und geht sowieso im altersbedingten Gekicher und Herumgealber gleich wieder unter. Aber die haben Spaß, was auch immer das bei denen einmal werden soll. Zwei junge Männer machen weiter hinten Breakdance vor einigen Zuschauern, da guckt man auch als Passant etwas länger hin, die können das nämlich nicht nur ein wenig, die sind ausdrücklich super. Die könnten damit auch anderswo auftreten, vielleicht machen sie das auch. Eine anderen Gruppe schließt sich denen jetzt spontan an, Tänzerinnen stellen sich neben die Männer, machen nach und machen mit, ich habe gar nicht gewusst, dass Breakdance wieder in ist. Wenn man nicht dauernd rausgeht!

Die Söhne üben Waveboard zwischen den Gruppen, sehen sich ab und zu an, was da so vorgemacht wird, wer weiß, sie könnten ja etwas davon gebrauchen, sie kurven dann aber wieder weiter. Der ganze Platz ist in Bewegung, es wimmelt und wogt, ein Knäuel aus Musik, Sprachen und Kulturen. Ich könnte übrigens bei allen Menschen und Gruppen auch geratene Herkunftsvermutungen dranschreiben, aber wie würde sich das lesen? Stellen Sie sich einfach irgendwas vor, das ist ja ohnehin der Witz beim Lesen. Die einen sehen so aus, die anderen ganz anders, also wirklich ziemlich anders. Das ist eine großstädtische Menge da, die ist natürlich vielfältig.

An der Westkante des Platzes sitzen die Unersättlichen aufgereiht, die trotz des unfassbar langen Sommers heute noch einmal Sonne brauchen, da sitzt auch die Herzdame und wartet, dass die Söhne genug geübt und ich genug gesehen habe. Lindy-Hop, Balboa oder Shag tanzt heute niemand, ihre Fraktion fehlt also leider. Um den Platz herum gehen staunend und fotografierend oder filmend die, denen so etwas sonst nicht geboten wird. Wenn man von unten gegen den Sonnenuntergang hoch zum Plateau guckt, sieht man nur noch die sich drehenden und wiegenden Silhouetten der Tanzenden. Und wenn man es ganz geschickt macht, sich einen besonderen Winkel sucht und den Hals etwas lang macht, dann tanzen sie im Bildausschnitt genau vor der Binnenalster, solche Bilder hängt man dann gerne in Ausstellungen, druckt sie auf Kalender oder taggt sie zumindest mit #welovehh auf Instagram.

Ein Vater bringt seinen Kindern Eis, und während er damit durch die Menge geht, sieht man in vielen Gesichtern, an denen er vorbeikommt, interessierte Blicke – wo bitte gibt es hier denn Eis? Zwei, drei vier gehen los, in die Richtung, aus der der Vater kam, man kann ja mal gucken. Auf dem Boden des Platzes stehen Bier-, Wein- und Wasserflaschen, die Luft riecht eindeutig so, als würden hier und da auch gewisse Kräuter geraucht werden. Besoffen oder breit wirkt allerdings niemand, das passt auch nicht zum Tanzen, jedenfalls nicht zum gemeinsamen Tanzen.

So war das da also, auf dem kleinen Platz bei Sonnenuntergang an einem bemerkenswert warmen Tag im Oktober, golden wie nur was.

Einer dieser Momente, für die ich in der Großstadt lebe, weil ich genau diese Vielfalt so möchte. Weil es sich hier dann wie ein Stück Welt anfühlt – nicht nur wie ein kleines Stück Hamburg-Mitte. Kleine Stücke Hamburg-Mitte sind auch toll, gar keine Frage, aber die Auswahl zu haben, das ist noch besser. Weil solche Momente doch das Versprechen der Millionenstadt sind.

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Und übrigens bin ich zur Überraschung aller nach wie vor der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Seriös, ernsthaft und stets bemüht

Die Menschen freuen sich wie die Lemminge über eine Hitzewelle im Oktober, ich stehe fluchend in der schon wieder stickig-heißen Dachgeschoßwohnung: “Dieser Herbst ist nicht von hier.”

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In unserem kleinen Bahnhofsviertel gibt es da, wo der Stadtteil nach Nordosten in Ausfallstraßen unästhetisch zerfranst, einen neuen Porscheladen. Was natürlich viel zu niedlich klingt, es gibt eher so einen modernen Prachtbau für Luxusautos, viel Fenster, viel Licht, viel Schwung in der Fassade, und der Bau ist lustigerweise auf einer Fläche entstanden, die den Charme einer riesigen Verkehrsinsel hat. Ich wüsste auf Anhieb gar nicht, wie man da eigentlich hinkommt, es ist ein Platz, den man als Autofahrer immer nur umfährt, aber nie anfährt. Egal, ich wüsste auch nicht, warum ich da jemals hin sollte. Gestern spielten wir ziemlich lange am frühen Abend Stau vor diesem neuen Gebäude, so wie es enorm viele andere auch taten, ich weiß schon, warum ich das Autofahren so hasse. Wir ruckelten also schrittweise am Porschedings vorbei, das noch hell beleuchtet war, die Menschen darin machten gerade Feierabend, Reinigungskräfte schoben schon Staubsauger. Auf einem gigantischen Bildschirm liefen noch Werbefilme, man konnte das von der Straße aus ganz gut sehen. Werbefilme, in denen diverse Porschemodelle über leere Straßen durch schöne Landschaften bretterten, selbstverständlich von oben gefilmt, wie man es aus den letzten dreißig Jahren Autowerbung kennt, Fahrspaß galore. Das Auto neben uns war zufällig ein neuer SUV von Porsche, der schob sich im gleichen Takt wie wir durch städtisches stop and go, ab und zu sah der Fahrer nach rechts, auf diesen Bildschirm, auf die freie Fahrt, dann sah er wieder nach vorne und auf den Pizzaliefersmart vor sich, der alle paar Sekunden kurz mal nach vorne rollte.

Ich konnte den SUV-Fahrer aber nicht lange beobachten, da wir ihn mit unserer arg zerdellten Familienkutsche vorsintflutlicher Bauart bald souverän überholten und die nächsten fünfzehn Minuten ein paar Meter vor ihm verbrachten. Es sind die kleinen Freuden.

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Abends auf der Langen Reihe, auf der Promeniermeile des Stadtteils. Alle Stühle vor den zahlreichen Lokalen sind besetzt, auch die Stufen vor den Hauseingängen und überhaupt alles, worauf man noch sitzen kann, sogar die Stromkästen. Es ist warm, da muss man doch draußen sitzen, so glaubt man, was würde man sonst verpassen. Nächste Woche ist Schluss mit lustig, sagt der Wetterbericht. Also noch ein Getränk und danach ist es tatsächlich immer noch warm, man muss sich nicht einmal in die überall bereitliegenden Decken wickeln, man kann einfach so sitzen und staunen und ab und zu das sagen, was alle sagen: “Im Oktober!” Die Gäste, die nach althergebrachter kalendarischer Vorgabe bereits Herbstmode tragen, sie öffnen Jacken und Mäntel.

An den Lokalen vorbei ein Strom von Menschen, die suchen Plätze oder ihre Freunde oder beides, die wechseln das Café, haben Hunger oder Durst oder wandeln einfach so herum, die haben vielleicht gerade irgendwo gelesen, dass man hier auf die Lange Reihe geht, die wollen jetzt auch mal gucken. Mitten im Strom eine allein gehende Frau im schwarzen Kleid, Typ französische Romanschönheit. Sie sieht unglücklich aus, was bei französischen Romanen ja nicht ausbleibt. Sie hat ein schwarzes Kleid an, das womöglich sogar ein Abendkleid ist, sie geht barfuß und ohne Blick für das Leben in den Lokalen. Und das sieht man dann im Vorbeigehen und erfährt die Geschichte nicht, es ist im Grunde fast unerträglich. Aber was gehe ich abends auch raus! Besser zuhause bleiben, besser ein Buch lesen, da erfährt man in aller Regel die ganze Geschichte, da weiß man dann, warum sie so guckt, wo sie herkommt und wo ihre Schuhe sind, das ist doch alles wichtig, das will man doch wissen. Da liest man auch, wo sie hingeht und welches Kapitel danach kommt.

Nächste Woche wieder Lesewetter, und das ist auch gut so.

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Mein Bademantel ist wieder da, er ist aus dem Theater geflogen mit dem Vermerk: “Nicht witzig genug.” Jetzt sitzen wir hier wieder beide, der Bademantel und ich, durch und durch seriös, ernsthaft und stets bemüht. Wie es sich gehört.

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Sohn I geht morgens in seinen Theaterworkshop, wobei er “Heute HP3 und GP” murmelt, was auf Nachfrage lässig entschlüsselt wird: Hauptprobe 3 und Generalprobe. So lernt man immer dazu, wenn die Kinder was machen, und muss nicht einmal selbst vor die Tür. Das hat Vorteile, siehe oben.

Update einen Tag später hierzu: Wir haben die Vorführung jetzt gesehen, der Sohn auf der Bühne des Ohnsorg-Theaters – un he hett Platt snackt! Alle haben das beeindruckend gut gemacht (acht Kinder nach nur zehn Tagen Proben). Ich bin eventuell ein wenig stolz, aber ich freue mich am meisten, dass er das alles selbst gesucht und gemacht hat, dass das komplett sein Ding war und ist. Und die großartige Betreuung der Kindertruppe im Ohnsorg-Theater soll natürlich auch nicht unerwähnt bleiben, das lief dort ganz wunderbar.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, zum Dank blogge ich morgen wieder. Oder übermorgen. Oder so.

 

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