Sein Leben lang nur ein Wort rufen

Wir versuchen am Morgen, per App den Regenradar zu checken, das klappt nicht recht. Kein Netz, obwohl es die letzten Tage doch erstaunlich gut ging, also für nordfriesische Verhältnisse. Es geht nur dann nicht, wenn man es braucht. Die Regenradarlandkarte auf dem Handy ist nur ein pixeliges Rechteck, in dem ein gelber Punkt blinkt, das ist vielleicht unser Standort. Die Karte ist nicht zu erkennen, es könnte jedes Land der Welt sein, am ehesten wohl eines mit viel Wüste, so gleichmäßig beige wie das alles aussieht. Unten ist etwas Schwarzblaues, das wird das Unwetter sein, von dem in den sozialen Medien alle reden, aber das bewegt sich nicht, das hängt für immer fest im Süden der Karte, im Regenland. Vermutlich da, wo Hamburg in etwa ist. Egal, wir sehen einfach zum echten Himmel.

Ein lichtes Blaugrau, hier und da an den Rändern wurde es etwas nachschattiert. In der Mitte des Bildes heller und heller werdend, kurz vor Sonnenschein sogar, aber so bleibt es dann lange und ändert sich nicht weiter. Das Dunkelgrau kommt näher oder auch nicht, wer hat Zeit und Lust, solange nach oben zu sehen und woher weht hier eigentlich der Wind. Ich hätte Lust dazu, denke ich, aber die Herzdame möchte Bewegung und die Herzdame hat immer Recht und wir fahren also zum Deich und gehen spazieren.

Ebbe. Irgendwo dahinten, wo das Grau sacht in ein etwas anderes Grau übergeht, Nuancen für Langehingucker, die Nordsee. Noch weiter weg einige Inselumrisse, Ahnungen sind das nur, hingetupft. Davor Salzwiesen und Schafe, überaus gutgelaunte Lämmer. Denen fällt plötzlich ein, dass sie Hunger haben, ein alarmiertes Mäh, durchdringend und etwas panisch, sie könnten in wenigen Minuten schon verhungert sein. Ein routiniert und tiefruhig antwortendes Mutterschaf, das guckt nicht einmal hoch dabei und grast gelassen weiter. Und dann das Lamm im gestreckten Galopp, es rast zur Mutter und dotzt gegen sie als würde man zwei außerordentlich gemütliche Kissen gegeneinanderschlagen, es prallt wollig und gut abgefedert ab, es knickt vorne kurz ein, rappelt sich wieder hoch und sucht hektisch die Zitze, es trinkt und trinkt und trinkt, was war das wieder knapp.

Einzelne Regentropfen, dann ein paar mehr, gerade genug, dass alles aufduftet. Das Heu auf den Weiden ringsum, die Schafkacke, die Wolle, der Schlick, das Kraut am Wegesrand und das Meer und es ist eine Luft, dass man immer sagen muss, was das für eine Luft ist, so eine Luft ist das, und man steht da und atmet und atmet, als würde man das sonst nicht tun. Geht weiter wie seelisch weichgespült. Wir gehen parallel zum Horizont hin und her und sagen nichts und atmen nur, und als wir wieder ins Auto steigen, sind es exakt 10.000 Schritte, keiner mehr oder weniger. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.

Zurück auf dem Hof spielen zwei Mädchen über die Wäscheleine hinweg ungelenk Federball. Nie spielt man Federball, nur im Urlaub denkt man auf einmal, ach, lass doch mal Federball spielen. Und dann geht das gar nicht, die beiden lachen und machen dermaßen tapsige Ausfallschritte, dass einem schon vom Zusehen die Knie wehtun.

Ein Kuckuck ruft, wie lange habe ich das nicht mehr gehört. Etliche Jahre ist es her. Lange ruft er. Sein Leben lang nur ein Wort rufen, das ist auch so ein Schicksal. Aber als Autor hat man am Ende auch nur eine einzige Botschaft, wer weiß. Zwei Austernfischer streiten sich lärmend zwischen den Pferden, die irritiert zu ihnen hinsehen und dann doch lieber weitergrasen. Schwalben geben im Vorbeijagen große Mengen Text in atemloser Geschwindigkeit von sich, hoch oben auf dem Dach noch die Amsel. Und das da im Gras, wenn das mal kein Kiebitz ist. Kann das ein Kiebitz sein? Das kann ein Kiebitz sein.

Ich sitze am Nachmittag in einem Wintergarten mit Glasdach, der Regen nimmt jetzt doch etwas zu. Der Mann am Schlagzeug spielt den Regen heute wieder mit einer Dezenz und einem solchen Fingerspitzengefühl, es ist unglaublich und man möchte dringend einen Drink dazu, bei dem etwas im Glas klirrt. Ich trinke so etwas gar nicht, aber jetzt würde ich. Die Herzdame sitzt seltsam eingekringelt draußen in einem Strandkorb, dass kein Tropfen sie an keinem Körperteil erwischen kann. Sie hat die Beine auf eine Art gebogen, dass es schon sportlich aussieht. Sie liest ein Buch über Agiles Arbeiten, das passt schon.

Lucia Berlin erzählt, so lese ich bei ihr, dass eine ihrer Ehemänner sie angewiesen hat, mit dem Gesicht nach unten im Kissen zu schlafen, um ihre Stupsnase zu korrigieren, ihren größten Makel, so hat er tatsächlich gesagt. Er war Künstler, er meinte sicher, einen Bick für menschliche Makel zu haben. In dem Buch sind Bilder von ihr, ich finde sie darauf ganz außerordentlich gutaussehend. Ich habe abstehende Ohren und schlafe seit Jahrzehnten darauf, das nützt nämlich gar nichts, das mit dem Kissen, denke ich. Die Ehe hatte dann auch keinen Bestand, also die von Lucia Berlin.

Lucia Berlin erzählt auch von dem Mann, der eine einsame Hütte in den Bergen bewohnte und sich die Wände darin zum Winteranfang mit Zeitungspapier tapeziert hat, mit dem Papier aus unsortierten Zeitungen. Wenn ihm langweilig war, hat er Teile der Wand gelesen, und wenn die Stelle, die er da las, der Anfang eines Artikels war, dann hat er sich das passende Ende dazu ausgedacht, und wenn es das Ende war, den passenden Anfang. Auf diese Art haben die Zeitungen länger gehalten. Das ist eine schöne Geschichte, auch wenn sie vermutlich noch nie jemand geglaubt hat. Zu schön, um sie nicht zu erzählen.

Ich habe als Kind manchmal Bücher beim Lesen über Kopf gehalten, dann hielten sich auch länger. Die Bücherei bei uns um die Ecke war nicht eben groß, der Vorrat kam mir gefährlich endlich vor.

Wir sitzen und lesen, es regnet, es regnet nicht. Wind kommt auf und duftet und tut gut und streichelt und ebbt wieder ab. Blätterrauschen und hinten die Kühe, ab und zu muht eine. Das klingt etwas gelangweilt und vielleicht so, als müsse man eben ab und zu mal muhen.

Gelegentlich kommt ein erwachsener Mensch aus einer der Ferienwohnungen, geht mit suchendem Blick über den Hof, hört in den Wind, wo die Kinder gerade spielen oder reden oder was auch immer machen. Ruft etwas von Essen oder vom Duschen oder vom Zähneputzen, ruft etwas vom richtigen Leben, geht dann kopfschüttelnd und abwinkend wieder rein.

Die Herzdame liest, ich lese, ich schreibe. Zwischen uns ein Hund, der für diese Woche beschlossen hat, dass es zwischen uns beiden entspannt und richtig ist. Er streckt sich im Schlaf und stöhnt etwas. Er sieht sehr gemütlich aus, ich kann ihn streicheln und ich muss mich nicht um ihn kümmern. Es ist ein idealer Hund.

Es ist ein idealer Tag.

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Ohne Wuchs, ohne Weg

Ich liege im Strandkorb und lese (Felix Hartlaub, Kriegsaufzeichnungen aus Paris). Zwischendurch sehe ich hoch und auf eine Eberesche, die sich attraktiv im Wind wiegt. Nachdem ich sie eine Weile angesehen habe, kommen mir allmählich Zweifel. Ist das wirklich eine Eberesche, was weiß ich eigentlich über Ebereschen, passt das. Warum denke ich eigentlich das Wort bei dem Baum, wo ist der Bezug, was macht mein Hirn da genau. Eine Frage, die man sich sowieso öfter stellen sollte. Vogelbeeren. Schmalblättrig. Schmalwüchsig, das war ich auch einmal. Es ist eine Weile her.

In der Schule, es fällt mir beim Betrachten des Baumes ein, hat ein Biolehrer immer wieder „Eiche, Espe, Esche, Linde, Ulme“ gesagt. Siebte Klasse Gymnasium etwa. Das seien die Bäume im deutschen Urwald gewesen, und nur die, sagte er, mit Ausrufezeichen. Alle anderen – Zugezogene. Neophyten. Eiche, Espe, Esche, Linde, Ulme, die waren hier, die sind echt. Noch einmal. Nachsprechen. Im Chor, wenn ich bitten darf. Dann die Träumer einzeln aufrufen, wie hießen die Bäume? Die fünf Bäume, über die wir hier die ganze Zeit parlieren? Sie sind wohl nur körperlich anwesend? Diese schwer zu beschreibende Erleichterung, wenn man nicht aufgerufen wurde. Dabei hätte ich die sogar gewusst, die Bäume. Das war der Lehrer, der in den Pausen, in denen er Innenaufsicht hatte, durch die alten Gänge strich, die Hände auf dem Rücken, an allen Missetaten der Schülerschaft entschlossen vorbeisehend und dabei mit beeindruckender Bassstimme „Es stand ein Soldat am Wolgastrand“ singend. Es hallte da so schön, zwischen den Backsteinmauern. Ich erwähne es alle paar Jahr einmal, das war in der Schule, in der auch die Schulszenen der Thomas Mannschen Buddenbrooks spielen, und die Ähnlichkeiten der Erlebnisse sind trotz der Jahrzehnte zwischen der Zeit von Hanno Buddenbrook und mir nicht von der Hand zu weisen. Der Bruch kam erst nach mir. Erst meine Kinder erleben in einer anderen Stadt eine im Grundsatz andere Schulzeit, wobei ich selbst da noch die Spuren leicht, allzu leicht zurückverfolgen kann. Aber ich, soviel steht für mich fest, war schulisch gesehen näher am 19. Jahrhundert als an der Gegenwart, und zwar bedeutend näher. Das können viele Menschen meiner Generation so bestätigen, das ist keine Einzelerfahrung. Meinen Söhnen kann ich das kaum erklären, wie es war. Es ist viel zu weit weg für sie, es war Opa erzählt vom Krieg, es war damals in den Ardennen.

Eiche, Espe, Esche, Linde, Ulme jedenfalls. Auch für Sie, junger Mann! In der nächsten Stunde dann unweigerlich: Welche Bäume standen im deutschen Urwald, sagen Sie mal schnell, das haben wir ja unlängst hinlänglich besprochen? Das war ihm nämlich wichtig, dem Herrn Doktor Lehrer, dass mit dem deutschen Urwald. Sonst nichts behalten von ihm, außer dass der ihm nachfolgende Lehrer im nächsten Halbjahr Rodewald hieß. Und es fällt mir erst jetzt auf, dass der Name eine Pointe war, zig Jahre später fällt es mir auf. Ob das mit den Bäumen im deutschen Urwald aber überhaupt stimmte – keine Ahnung. Vermutlich wurde das längst widerlegt, wie alles.

Die Ulme könnte ich heute noch am Laub erkennen. Ich weiß, wie es sich von dem ähnlichen Laub der Buche unterscheidet, die allerdings im deutschen Urwald gar nicht vorkam, wie wir gelernt haben. Es gibt hier keine Ulmen mehr, das ist alles nutzloses Wissen. Das haben wir damals nicht gelernt, dass die Ulmen gerade pilzbedingt alle wegstarben. Das war zu einer Zeit, als Umwelt noch Gegend hieß und reichlich vorhanden war, da fiel eine Art weniger noch überhaupt nicht auf.

Felix Hartlaub übrigens (der hier) macht etwas, das mich interessiert, der macht Urban Sketching in Schriftform. Steht also irgendwo in Paris und beschreibt, was er sieht. Es ist eine Übung, es ist ein Journal, es ist Literatur. Da ist eine Kirche, wie sieht die Kirche aus? Schwer ist das. Ob nun mit Worten oder mit dem Zeichenstift, immer die unendliche Faszination, dass da gerade ein Bild entsteht. Ein Bild, das zum Gesehenen passt oder nicht, wer will das wissen oder messen. Ein Bild, ein Bild.

Zeichnungen von ihm sind da auch drin. Hingeworfene Zeichnungen, unvollendet, skizzenhaft. Die sehe ich mir lange an.

„Blick aus dem Hotelfenster: Der Himmel unerreichbar weit weg, ein verschleierter behauchter Opal, bedeckt oder lose übersponnen. Im Westen, wo man nur mit verdrehtem Hals und an die Scheibe gepresstem Gesicht hinsehen kann, ein feuervergoldetes Rot, das sich von Minute zu Minute verstärkt. Ganz weit weg im Süden treten breithingelagerte Tafelgebirge hervor, beginnen gedämpft zu glühen. Windstille über den Dächern, doch die Wolkenzone ist noch durcheinandergerührt. Ein wenig Kaminhauch hängt kraftlos im Luftraum, ohne Wuchs, ohne Weg ins Alloffene. Die Dächer eines weitläufigen alten Hotels mit mehreren Höfen, niederen Anbauten. Teils mit Zink belegt, der in regelmässigen Abständen dicke weissliche Wülste-Rippen vorantreibt. Oder matter grauer Schiefer ohne jeden Reflex des Sonnenuntergangs“

(Felix Hartlaub, Dächer – Quartier Saint Germain)

Das ist was, das mit dem Kaminhauch, nicht wahr, haben Sie es gemerkt. Ohne Wuchs, ohne Weg ins Alloffene. Da braucht man an dem Tag kein Gedicht mehr zu lesen, da kann man gleich sagen: Danke, ich hatte schon. So eine schöne Stelle.

Ulmen kommen bei Felix Hartlaub nicht vor, aber die Pariser Platanen natürlich. Mit ihren unendlichen Schattierungen von Schwarz und Gelb, mit ihrer Rindenstruktur, die nach Versteinerungen aussieht. Platanen kann ich auch erkennen. Immerhin.

Ich könnte passagenlang den Hartlaub zitieren, merke ich gerade. Aber egal, die Sonne sinkt im Buch, ganz tief das rote Licht über den abendlichen Dächern. Schluss damit also:

„Sogar auf den Grund der Straße ergiesst sich eine Bronzezunge. Ein Abbé, der sie gerade durchquert, hat goldene Schuhe.“

Felix Hartlaub, meine Damen und Herren, Da ruhig einmal hineinsehen.

An einem der letzten Kriegstage 45 ist er in Berlin spurlos verschollen.

Und manchmal dann so Zufälle – ich schlage das nächste Buch auf. Georg Hermann, November Achtzehn. Georg Hermann ist nicht verschollen, er wurde in Auschwitz umgebracht. Und dieser Roman von ihm geht so los: „Man muss feststellen, daß die Ulmen am Wasser auch keine Blätter mehr hatten. Das heißt, das stimmt nicht ganz. Sie hatten schon noch Blätter. Jeder Ast so drei bis fünf. Jeder hohe Baum mindestens vierzig bis sechzig. Aber sie waren eben von einem toten Grün und verschrumpelt schon. Oder sie waren braun und zitterten da hoch oben an den dünnen Zweigspitzen über dem Wasser, wie Kinder auf dem Turmbrett in der Badeanstalt, die sich fürchten ins Nasse, Kalte hinunterzuspringen.“

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Odysseus erkennt sich nicht wieder

Noch in Hamburg habe ich „Annette – ein Heldinnen-Epos“ von Anne Weber durchgelesen. Vermutlich liegt es an meiner unzureichenden Allgemeinbildung, dass ich das mit dem Epos nicht recht verstanden habe. Ich müsste die Begrifflichkeiten erst einmal nachschlagen, um das zu verstehen, was ein Epos ist und was nicht, aber es ist eigentlich auch egal. Es war eine Geschichte, die es wert war, erzählt zu werden, es war eine gut erzählte Geschichte, das reicht dann auch schon.

In Interviews hat die proträtierte Heldin zu dem Epos gesagt, sie erkenne sich darin gar nicht wieder. Ich habe leider keine Erläuterung zu dieser Aussage gefunden, warum erkennt sie sich nicht wieder? Dabei ist das doch interessant. Ist sie zu gut dargestellt, zu schlecht, war es alles ganz anders, harmloser, wilder, unmoralischer oder noch anders wahrheitsgemäß abweichend? Das würde mir selbstverständlich nichts ausmachen, es ist schließlich nicht die Aufgabe der Literatur, hyperrealistische Bilder zu liefern. Aber interessieren würde es mich.

Der alte Odysseus, wie er den Homer liest, die Seiten sinken lässt und mit einem schwer zu deutenden Grinsen sagt: „So war das gar nicht.“ Und dann blickt er versonnen zur Decke und sagt eine Weile nichts mehr. Im Grunde ein gutes Ende für das Ganze.

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Nach Eiderstedt gefahren. Wie ich immer, wenn ich hier ankomme und dann in der Landschaft herumstehe, denke, dass mir die Luft so guttut. Als sei das hier Aromatherapie. Herumstehen und atmen. Und dann hinlegen und lesen.

Ich lese Lucia Berlin, ich lese ihre Erinnerungen und Briefe und ihre Kurzgeschichten, sehr gute Kurzgeschichten übrigens. Aber auch die Erinnerungen. Die Frau hat in fürchterlich vielen Wohnungen gewohnt, also aus meiner spießigen Sicht betrachtet, und wenn sie zurückblickt, dann bleibt von einer Wohnung, in der vor zig Jahren einmal kurz gelebt hat, ein Absatz, dann bleiben ein paar Zeilen, die sind wie Gedichte, so bildklar und schön.

New York:

„Zuerst wohnten wir in einer lächerlich kleinen Einzimmerwohnung auf der Thirteenth Street, im fünften Stock. Sie war hell und sonnig mit Fenstern, die auf Dächer mit Belüftungsauslässen hinausgingen, die wie Minarette aussahen. Tauben und verloren gegangene blaue Sittiche.

 Am ersten Abend saß ich am Fenster, schaute hinaus auf eine echte Feuerleiter, flüchtige Blicke auf den rosafarbenen Sonnenuntergang zwischen den Backsteinhäusern. In den anderen Apartments schrien sich Leute an oder unterhielten sich leise miteinander, nett. Ich war begeistert. Das ist das Leben. Das ist New York! Dann wurde mir klar, dass ich die Leute im Fernsehen reden hörte, was ich zuvor nicht gekannt hatte.“

(Lucia Berlin, Welcome Home, Erinnerungen und Briefe. Deutsch von Antje Rávik Strubel.)

Ich liege im Strandkorb und lese. Über mir die Schwalben, den ganzen Tag höre und sehe ich sie. Sie sind weit gereist, sie haben viel zu erzählen und das machen sie auch. Ich bin im letzten Jahr nicht gereist. Ich liege nur herum und sage gar nichts. Eine Schwalbe jagt über mich hinweg und sagt „Ts!“

Aber es ist nun einmal so, wie es ist.

Ein Sohn will Billard spielen. Ich sage „Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel“, denn das haben Erwachsene auch zu mir gesagt, als ich in meiner Kindheit Billard gespielt habe, das macht man so. Der Sohn ist begeistert, so ein herrlicher Klugscheißerausdruck, den gleich mal abspeichern. Dann beugt er sich über den Tisch und sagt „Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel“, das klingt jetzt etwas schwarzmagisch. Spielt man besser, wenn man diese Regel kennt? Die Söhne und ich einigen uns auf „Theoretisch ja.“ Dann reiben wir wie Queues mit Wachs ein und blicken dabei nachdenklich auf den Tisch.

Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass das am coolsten ist. Da so besonnen stehen und die Kugeln mit kritisch-kundigem Blick ansehen, so als hätte „Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel“ irgendwas in einem gemacht, als sei man schon ein Level weiter.

Dann der Stoß und das Glück, wenn eine Kugel irgendwo in ein Loch rollt. Das war dann Berechnung.

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Ich packe meinen Koffer

Ich packe für den Urlaub auf Eiderstedt. Sieben Tage, da brauche ich nur ein paar Minuten, um die Kleidung aus dem Schrank zu nehmen. Die meiste Zeit kostet dabei die Suche nach der Badehose, die ich ohnehin nicht brauchen werde. Egal. Ein Stapel Wäsche, bitte sehr, bitte gleich, fertig. Nie verstanden, warum Menschen mit dieser Aufgabe lange zubringen können, was soll daran schwer sein, man zählt sieben T-Shirts und sieben Paar Strümpfe etc. ab. Aus.

Dann wird es deutlich schwieriger, denn ich brauche auch Lektüre, und zwar brauche ich auf alle Fälle genug Lektüre. Es gehört schon seit der Kindheit zu den Grundängsten in meinem Leben, nicht genug zu lesen dabei zu haben, ich betreibe da also akribisch Vorsorge. Es ist mir egal, wenn ich dann im Urlaub gar nicht zum Lesen komme oder einfach keine Lust dazu habe, ich will nur, dass Bücher da sind. Unbedingt will ich das. Ausreichend viele Bücher. Ich habe es bisher nur einmal erlebt, dass ich tatsächlich nicht genug Bücher dabeihatte, das war allerdings eine dermaßen schreckliche und tief prägende Erfahrung – einmal hat gereicht.

Ich checke in diversen Apps Lesezeichen aus den letzten Monaten, irgendwelche Vermerke, die ich mal gespeichert habe, weil mich hier und da eine Rezension oder ein Hinweis flüchtig interessiert haben. Ich lese das alles noch einmal gründlich nach, ich spüre meinem Interesse nach, das sich selbstverständlich längst wieder geändert hat. Teils unbegreiflich, was ich da aufbewahrt habe, wie war ich denn da bitte drauf? Man ändert sich, in solchen Momenten fällt es wieder auf. Ich gewichte die gefundenen Titel neu und sortiere sie durch. Ich schreibe auf einen Zettel, was davon übrigbleibt, ich gehe zur Bücherei. Dort prüfe ich, was alles da ist und nehme das mit. Den Gang wiederhole ich nach ein paar Tagen noch einmal, denn es war ja nicht alles beim ersten Mal da. Dann grase ich zuhause akribisch die Regale ab, dabei finde ich sicher etwas, das ich noch nicht gelesen habe, nur halb gelesen habe, nur angelesen habe, längst vergessen habe. Da nochmal reinsehen! Ich lege schließlich die Bücher aus meinen Regalen zu den Büchereibüchern, ich sehe alles noch einmal durch. Ich gebe mir redlich Mühe, mich dabei nirgendwo festzulesen. Das ist nicht immer einfach, aber es ist doch an zwei, drei zurückgezogenen Abenden mit höchster Konzentration zu schaffen, eine vernünftige Auswahl aus der unüberschaubaren Menge zu treffen, vernünftig also im Sinne von überreichlich.

Ich nehme nicht viele Bücher mit in den Urlaub, ich nehme lächerlich viele Bücher mit in den Urlaub, und ich finde es richtig so. Denn nur dann kann ich mich dort aufs Sofa oder in den Strandkorb werfen, ein Buch anfangen und nach zehn Seiten in aller Gelassenheit sagen: „Ach nee, passt gerade nicht.“ Und einfach ein anderes Buch vom Stapel nehmen. Ich möchte das eventuell fünfmal oder öfter wiederholen können, das ist literarische Freiheit und Sorglosigkeit, das ist wichtig. Nie verstanden, wie Menschen mal eben so Lektüre für den Urlaub raussuchen können.

Dann muss ich noch die Auswahl der Notizbücher überdenken, denn ich möchte auf jeden Fall verschiedene Formate dabeihaben. Ich weiß doch vorher nicht, wie da an der Nordsee die Sitzgelegenheiten und die Lichtverhältnisse sind und was da also am besten passen wird. Große Notizbücher und kleine, solche mit flexiblem Einband und solche in festerer Struktur. Je nachdem, welchem Schreibgerät ich gerade zuneige, ist es auch gut, solche mit Linien und Karos und Pünktchen und blanko zu haben. Ich kann das aber vorher nicht wissen, was ich nächste Woche am besten finden werde. Bin ich Hellseher oder was, das variiert doch und wer weiß, ich wollte außerdem schon seit Jahren wieder anfangen, das Zeichnen zu üben. Wenn das eintreten sollte, und warum sollte es nicht irgendwann oder eben nächste Woche eintreten, dann brache ich dafür natürlich ganz andere Materialien als zum Schreiben. Was ich alles bedenken muss! Ich schichte Zeug und murmele „generalstabsmäßig.“ Ich mag das Wort.

Dann noch die Stifte und die Füller und die Patronen, man macht sich keinen Begriff, was da alles zu bedenken ist. Ich betreibe einen irren Aufwand, ich bin vermutlich auch völlig irre, und ich habe sogar irren Spaß dabei. Aber wissen Sie was, die grauen Patronen von Kaweco (keine bezahlte Werbung, nein) sind nicht rechtzeitig eingetroffen und ich glaube, ich werde sie schmerzlich vermissen.

Irgendwas ist wirklich immer.

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Regen

Am Montag regnete es fast durchgehend. Stundenweise war es so ein gewisser Regen, ruhig, ergiebig und langanhaltend, dass irgendwer in meiner Nähe zwangsweise hätte „Landregen“ sagen müssen, und zwar in einem anerkennenden Tonfall. Immer war das nämlich bisher so, dass dieses Wort irgendwann fiel, wenn es so regnete. Es war aber an diesem Tag niemand in meiner Nähe außer den Söhnen, und die sagten es natürlich nicht, es ist doch ein ziemlich erwachsenes Wort. Ich hätte es schon selbst sagen müssen. Ich sagte es nicht, was vielleicht falsch war, denn so lernen die Söhne das Wort ja nicht, zack, wieder eine Tradition weniger, das Land geht vor die Hunde, die Kultur, die Kultur.

Mir fiel aber immerhin während des Nachdenkens darüber, ob ich das nun sagen musste oder nicht, wieder ein, dass ich als Kind den Landregen immer in Bezug auf Bauern und Dörfer verstanden habe. Als sei es für uns in der Stadt etwas Besonders, wenn etwas so Gutes vom Dorf einmal – und nur ausnahmsweise! – in unseren Mauern zur Aufführung gebracht wurde. Für uns, die die wir doch normalerweise nur den ollen Stadtregen hatten, was eben jeder Regen war, der nicht Landregen war, und das sagte dann aber niemand anerkennend, oh nein. Das Wort Stadtregen gab es vielmehr nicht einmal, so wenig war unser normaler Regen wert.

Warum es aber auf dem Land überhaupt einen anderen Regen gab als bei uns, wo das Land doch gar nicht weit weg war, ein paar Minuten mit dem Auto nur – es war vollkommen unerfindlich. Ich habe so etwas damals aber nicht laut hinterfragt. Ich hätte auch, was weiß ich, Ostzonenregen als Begriff so hingenommen. Man hat als Kind damals vielmehr einfach so hingenommen. Ein Umstand, den ich meinen Kindern kaum noch erklären kann.

Landregen jedenfalls – der war und ist gut und wertvoll, wie etwa ein Bauerngarten, wie Ackergold, wie Katenschinken. Immer dieses anerkennende Nicken. Die gute Butter, der Landregen. Ausgesprochen freundliche Assoziationen bei dem Wort. Wenn es das nicht schon als Marke gibt, man müsste mal drüber nachdenken, was man damit gut vermarkten könnte.

Egal. Es fiel also ein Landregen auf die Stadt an der Elbe, es fiel ein Stadtlandflussregen. Und das habe ich dann doch anerkennend und am Fenster stehend gemurmelt, mit Blick auf den nassen Spielplatz, auf nasse Büsche und nasse Ringeltauben. Die Elster aber flog meckernd auf den Knick der Regenrinne oben unter dem Dachvorsprung am Nachbarhaus und stellte sich dort unter. Haben Sie das gewusst, dass Elstern sich unterstellen?

Man kann so oft aus dem immer gleichen Fenster sehen, wie es Corona im Laufe der Monate und Jahre nur hergibt, es gibt dennoch ab und zu etwas Neues zu entdecken.

 

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