Sie kam nicht, die er rief

Der DAX sei weiter auf Richtungssuche, so lese ich es am Morgen in den Nachrichten, und das ist doch endlich eine Wirtschaftsnachricht, die ich zutiefst nachempfinden kann. Auf Richtungssuche, wer ist es nicht, gerade zu dieser Zeit, wenn der Kalender neu aufmunitioniert wird. Aber erst einmal sehen alle gründlich zurück, in den Blogs, in den Medien, überall. So war das Jahr 2022, mein schönstes Ferienerlebnis, die meistgeklickten dies, die am häufigsten gelesenen das, Haare kürzer, Haare länger, das neu entdeckte Rezept und schau, dies war der Bücherstapel. Ich könnte nicht sagen, warum ich so etwas nicht mache, auch noch nie gemacht habe, vermutlich befürchte ich, in der Bilanz zu unzufrieden mit den eigenen Bemühungen zu sein, mit dem Lauf der Welt sowieso. Der Rückblick als kaum erheiternde Vorstellung. Vorausschau auch eher heikel, ich bin mehr der Fachmann für sofort, glaube ich. Über die einzelnen Tage denke ich gerne nach und schreibe ich auch gerne, in der Reihenfolge ihres Auftretens.

Ansonsten das steindumme Theater der Corona-Politik, ich mag nicht mehr hinsehen und finde es furchtbar, wie exakt man die Reaktionsmuster der diversen Knallchargen mittlerweile vorhersagen kann, wie berechenbar die Inszenierung von Expertenzitat und Politikerkommentar ist. Volle 100 Punkte beim Schlagzeilenraten hatte ich gestern. Etwas mehr Niveau wäre eine angenehme Überraschung, mit der wohl niemand mehr rechnet.

Ich höre „Angelika“ von Theodor Storm, das ist ein simpler Fall von „Sie lieben sich, aber sie kriegen sich nicht“, aber eben in Erzählungslänge. Erst hat er nicht genug Geld, dann hat sie einen anderen, dann klappt die Kommunikation nicht, es ist ein Elend und das Elend müsste eigentlich „Ehrhard“ heißen, denn es geht mehr um ihn als um sie. „Er sank auf seine Knie, er streckte die Arme nach ihr aus und rief stammelnd vor Schmerz und Leidenschaft ihren Namen. – Aber sie kam nicht, die er rief, sie konnte nicht mehr kommen; der Zauber ihres Wesens, wie er noch einmal vom Abendschein erinnernder Liebe angestrahlt erschien, war in der ganzen Welt nur noch in seiner Brust zu finden.“ So nämlich geht es zu in der Welt der Liebenden. Es ist sicher nicht Storms bester Text, aber nun kenne ich ihn auch.

Wir verkaufen nebenbei ein Bett über eine Online-Kleinanzeige, da hier ein Kinderzimmer langsam weiter in Richtung Jugendzimmer gewandelt wird, das klappt sehr gut und problemlos. Freundliche Menschen, fairer Preis, sie kommen pünktlich, sie zerlegen das Möbelstück selbst, alles läuft bestens. Ich schreibe das nur, weil in den sozialen Medien eher die gegenteiligen Fälle berichtet werden, was da alles grandios schiefgehen kann, wie zäh und unfreundlich da verhandelt wird, mit welch abgefahrenen Freaks man es zu tun hat – die normalen, die guten Fälle, sie kommen auch vor, ich wollte es eben angemerkt haben.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe vom 28.12.2022

Heiterkeit findet in diesen Links heute nicht statt, mir fielen nur Texte auf, die eher stärker runterziehen, ich wollte sie aber nicht unverlinkt lassen. Wenn Sie das gerade nicht abkönnen, biegen Sie lieber ab, man muss gar nicht alles mitnehmen, das ist manchmal eine beruhigende Erkenntnis. Wenn Sie es aber abkönnen, weil Sie gerade stimmungsstabil die Welt und ihre Vorkommnisse zur Kenntnis nehmen können:

Eine Verlustbeschreibung (Obacht, wirklich sehr traurig).

Unter Corona (ebenfalls sehr traurig)

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Und Frau Büüsker über das Töten von Tieren.

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In diesem Text der Kaltmamsell geht es neben einem Tierparkbesuch auch um die Revision unserer Apokalypse-Kenntnisse, denn wir wissen jetzt bekanntlich etwas mehr zu dem Thema.

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Alles mit so Tanne und Schnee und Stern

In den Foodblogs sehe ich Rezepte für vegane Berliner und Karpfen blau, es geht auf Silvester zu. In den Läden wird Weihnachten verramscht, zumindest der Teil, der aus Zucker war. 50% auf alles mit der entsprechenden Optik, einer Kassiererin wird gerade eingeschärft, dass es allerdings auch andere Süßigkeiten gibt, ganz gewöhnliche Süßigkeiten, auch aus Marzipan, und die sind eben nicht billiger geworden. Nur das andere! Da mal aufpassen! „Alles mit so Tanne und Schnee und Stern und Weihnachtsmann drauf, nur das ist billiger. Das ganze Zeug.“ Viel ist davon allerdings nicht mehr da, sehe ich.

Bei meinem Großeinkauf stehen mir noch deutlich mehr Menschen als sonst sinnlos im Weg herum, das sind wieder die Amateure, die Supermärkte sonst nicht betreten und jetzt beim Urlaubseinkauf ratlos feststellen, dass es mehrere Sorten Milch gibt und dann grübelnd vor der Vielfalt verharren, in der Psychologie spricht man von einer Freeze-Reaktion. Schlimm.

Vor dem Fachgeschäft für Deko- und Geschenkartikel steht der Chef selbst auf einer Leiter und malt mit einem Pinsel große Prozentzeichen in roter Farbe auf die Schaufenster, hinter denen noch der prächtige Weihnachtsbaum leuchtet. Nicht mehr lange. Der Chef malt den Querstrich des Prozentzeichens für die Rabattaktion mustergültig exakt, vermutlich hat er langjährige Übung. Und weil er einen Pinsel nimmt und nichts aus Plastik klebt, hat die Szene etwas anrührend Ali-Mitgutsch-haftes, es ist ein altmodisch anmutendes Detail dieser Straße, das von Kindern und Eltern zu entdecken ist.

Es kommt letzte Weihnachtspost, freundliche Karten, es kommen auch einige administrative Zumutungen, und es kommt die Nebenkostenerhöhung, mit wenig Abstand nach der Mieterhöhung neulich. „Das ist ja …“, sage ich, und „Oh!“, sagt die Herzdame, denn wir sind beide eloquent und von schneller Auffassungsgabe. Ich höre auf meinen Einkaufswegen gerade Märchen von Andersen, dort würde es wohl heißen: So zahlten sie denn fortan jeden Monat einen ganzen Scheffel Taler mehr.

Man hat es gewusst und auch kommen sehen, natürlich, aber dennoch. Die Zahlen etwas länger ansehen, auf Jahreswerte multiplizieren, staunen. Aber es ist nun so, wie es ist, und es geht einem ja noch gold, wenn man es bezahlen kann. Und am Ende wird wieder jemand fragen, warum man denn für dies und das nicht gespart habe? Hm?

Manchmal bin ich als Hellseher gar nicht so schlecht, denke ich.

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Durchfegen

Während ich gute Vorsätze weiter lieber nur im scherzhaften Bereich habe, ergeben sich immerhin halbwegs realistische Vorhaben aus den Aufräumtätigkeiten, die ich zum Jahresende, an den toten Tagen also, siehe Text von gestern, gerne angehe, darunter auch digitale Sortieraktionen. Und Löschaktionen, versteht sich.

Etwa bei den im Laufe des Jahres gespeicherten Rezeptlinks aus den Foodblogs, also bei all den Links zu Gerichten, bei denen ich zumindest kurz einmal dachte, als sie im Feedreader auftauchten: Kannste ja mal machen. Klingt doch gut. Und dann war die Spargelzeit schon wieder vorbei, die Erdbeerzeit auch, die Pflaumenzeit, die Pfifferlingszeit, die Kürbissaison, Sie kennen das. Es kommen sicher genug neue Spargelrezepte nach, denke ich, oder die alten werden neu angeschwemmt, ich lösche sie jetzt erst einmal. Als ob ich Platz brauchen würde, was natürlich Unsinn ist. Egal, es geht mir ohnehin mehr um ein halbwegs besinnliches Herumklicken, ich mag das in dieser Zeit. Tweets lösche ich auch, alte FB-Einträge, Instagrambilder, die gar nicht gut waren und dann noch die Links zu Podcastfolgen, die ich vermutlich nie hören werde, bei denen ich teils schon längst nicht mehr weiß, warum mich das überhaupt einmal interessiert haben könnte. Auch eigene Blogeinträge, die nicht mehr passen, also mir nicht mehr passen, es gibt viele davon. Auch solche Einträge, die zentral Links zu Seiten enthielten, die es schon seit Jahren nicht mehr gibt und dergleichen. Ein wenig hinter sich aufräumen und durchfegen, das passt gut jetzt. „Hier muss man mal feucht durchwischen“, wie meine Oma gesagt hätte, und wie immer hätte sie Recht gehabt.

Ich lösche dabei auch alle Rezepte, in denen irgendwelche Zutaten sind, die hier jemand nicht mag. Die kann ich eh nur sinnig als Abendessen einplanen, wenn der oder die nicht da ist, das ist mir alles zu kompliziert. Einfacher werden. Ich bin, was das Essen angeht, eher der Typ Müllschlucker, ich nehme so gut wie alles. Die anderen Familienmitglieder sind sämtlich in irgendeiner Art eher heikel, mögen dies nicht, mögen das nicht, und da zwei von ihnen noch jung sind, wechselt das auch noch dauernd. Was sie heute noch mögen, mögen sie morgen schon nicht mehr und umgekehrt, man nennt es wohl Entwicklung. Außerdem sind sie unregelmäßige Esser, mal brauchen Sie Portionen für mehrere Personen, mal essen sie gar nichts, das kommt bei Jugendlichen wohl öfter vor, besonders wenn sie auf dem Weg von der Schule nach Hause schon versehentlich in einen Imbiss abbiegen. Ich habe es aber auch schon erlebt, dass wir gegessen haben, gut und reichlich gegessen haben, also zumindest für mein Verständnis, und dass danach ein Sohn wortlos aufstand, in die Küche ging und sich eine Dose Ravioli aufmachte, um sie dann komplett und nur eben halb erwärmt zu vertilgen. Ich erinnere mich dunkel, dass ich als Teenager ähnlich war, vielleicht gehört es auch so.

Aber man kann für diese Lagen schwer passend kochen. Mal brauche ich nur zwei Portionen, mal brauche ich sechs, im Grunde ist ein großer Topf Suppe da immer die beste Lösung, aber wie oft kann man Suppe essen und am Ende sagt auch wieder jemand: Nein, meine Suppe esse ich nicht.

Ich stelle regelmäßig fest, dass ich da mehr oder weniger genervt ins Nachlässige abrutsche, ins Mirdochegal, und dann gibt es wochenlang nur noch Simpelküche auf unterstem Niveau, auf dem kleinsten gemeinsamen Geschmacksnenner sozusagen, Rahmspinat mit Spiegelei und Kartoffelpüree etc. Nichts gegen den Rahmspinatklassiker, den gab es auch gestern, weil es mir nach den Weihnachtsexzessen passend erschien, aber es ist alles eine Frage der Frequenz.

Ich lese Rezepte durch, ich lösche, ich sortiere. Ich habe guten Willen, wenn schon keine guten Vorsätze. Herr Buddenbohm war stets bemüht, auch in der Küche.

Und hier, was so alles wieder zu Tage kommt, wenn man räumt. Das alte Rosenkohlrezept vom Trific. Das mal aufbewahren, das mal wieder nur für mich machen und den anderen hier, während sie noch angewidert bis entsetzt gucken, einfach Brot hinstellen, mit guten Tipps zum Selberbelegen und sinnigen Serviervorschlägen.

Und da, ich sehe nur die Überschrift aus dem Augenwinkel, Rosenkohl mit Parmesan, das ist doch auch interessant, guck an, das mal lieber noch nicht löschen, die Saison dauert noch etwas.

Plötzlich Hunger.

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Beim Kochen gehört: Witch Hunter – Grimms Märchen in der Popkultur. Ein Feature beim Deutschlandfunk. Danach noch das Grimm-Märchen „Die Gänsemagd“ gehört, aber die Sprecherin betonte in dem berühmten Satz „Oh Fallada, da du hangest …“ den Namen Fallada auf der zweiten Silbe, das war wieder mit meinem sprachlichen Weltbild nicht zu vereinbaren, selbst wenn es richtig sein sollte.

Zu dem Märchen gibt es einen Brecht-Titel:

Man kann das kaum hören, ohne topaktuelle Aufsatzthemen im Sinn zu haben, nicht wahr, Gegenwartsbezüge, Neudeutungen, historische Klärungen … Ach, es ist eine Last: „Wenn das deine Mutter wüsste, ihr Herz tät ihr zerspringen.

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Genug

Ich lese, denn manchmal halte ich mich sogar an eigene Pläne, ganz wie ein Mensch mit formaler Funktionsweise, tatsächlich „Wiedersehen mit Brideshead“ von Evelyn Waugh, ich lese es nach vielen, vielen Jahren wieder. Und ohne den geringsten Bezug zu den Umständen zu haben, die das zentrale Nostalgiedilemma im Roman auslösen und abbilden, fühle ich das dermaßen mit, bis weit in den schmerzhaften Bereich hinein, dass ich, wäre ich meine Therapeutin, darüber gerne noch etwas länger mit mir reden würde, allerdings bitte erst beim nächsten Treffen, denn das schaffen wir heute sicher nicht mehr. Aber, und das dann im Tonfall dieses hyperaktiven Italieners aus der Kaffee-Werbung von damals gesagt: Isch abe gar keine Therapeutin.

Ein wohliges Lesen, ich mag das Buch sehr.

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Auch mal ein chinesisches Wort lernen: Tangping, Flachliegen.

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Ansonsten stellt sich am zweiten Feiertag nach einem gelungenen Fest programmgemäß allmählich der Gedanke ein, der sich zwingend einstellen muss, weil es seit immer schon so gehört: „Reicht jetzt auch.“ Genug Lebkuchen, Klingelingeling, Braten und Glühweinduft, genug Bilder von Weihnachtsmännern, Schneemännern, Engelchen und Rentieren, genug Tannengrün, genug von all dem, wirklich, auch wenn es sehr gut war. Jetzt noch eben die allgemeine Silvesterhysterie, die ich so überhaupt nicht nachfühlen kann, und dann war es das schon wieder. Es werden bald neue Werktage nachgelegt, nehme ich an. Okay. Was soll man auch machen.

Zwischen den Jahren werde ich wieder die Disintegration Loops hören, jedem sein seltsames Ritual. Etwas meditativ zerfallen lassen, es passt schon, es passt vortrefflich. Es von sich abfallen lassen. Andere gießen später Blei und hoffen herum, und das ist auch in Ordnung, ich verstehe grundsätzlich den Hang zu Hilfsmitteln und Traditionen. Auf Tiktok werden die Raunächte zelebriert, seltsame Rituale, arg bemühtes Hexenwerk. Diese Zeit nannte man früher auch die toten Tage, das ist gut und eigentlich sprechender als unser „zwischen den Jahren“. Was machst du an den toten Tagen? An den toten Tagen mache ich gar nichts, und dann nämlich klingt es gut und richtig so. Tangping, Flachliegen.

Rückgriffe in die Vergangenheit werden in diesen Filmchen auf Tiktok von jungen Menschen vorgespielt und nachgestellt, bis hin zu befremdlichem Brauchtum, das bis in dunkelste Zeiten zurückreicht, bis hin zur wilden Jagd der Wesen von der anderen Seite, bis hinein also ins Geisterreich und weiter zu sprechenden Tieren. Das ist natürlich alles Unsinn für uns moderne und wenigstens halbwegs aufgeklärte Menschen, das ist nur als Allgemeinbildung von Interesse.

Die Katze hier findet das auch.

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Mit Katze und Kamin

Graublaue Dämmerung über Nordostwestfalen, kaum zu erkennen. Sonnenaufgang 08:34, das klingt spät, jedenfalls für mich. Feingezeichnete schwarze Zweige vor eher schluderig verwischten Wolken, letzte welke Blätter an den Büschen zittern wie frierend im aufkommenden Wind. Der wird sie später wohl mitnehmen, entnehme ich dem Wetterbericht. Sturm bei zehn Grad, es ist nicht das Winterwetter der ersten Wahl. In den Nachrichten die Bilder aus den USA, das möchte man allerdings auch nicht.

Die Katze kommt leise durch die Klappe herein, sie war nachts beruflich unterwegs und geht grußlos an mir vorbei. Morgens nicht reden, ich verstehe das. Der Hund, der als Stolperfalle vor der Treppe liegt, stöhnt im Schlaf, er ist alt und hat Zipperlein. Eine tickende Uhr an der Wand und ein paar Geräusche, die ich nicht zuordnen kann, so ist es immer in fremden Häusern. Ein Brummen, ein dezentes Zischen, ein kaum hörbares Pfeifen, etwas knackt, etwas knarrt. In der Küche die Reste des Festessens, leere Flaschen auch. Geschenkpapierfetzen im Wohnzimmer vor dem Tannenbaum.

Ich überlege nach dem Weihnachtsabend, ob ich meine Lebensplanung, mit der ich zugegebenermaßen arg spät beginne, dahingehend ausrichte, dass ein Kamin und eine Katze darin vorkommen, denn ich fand beide sehr förderlich für das Gefühl der Gemütlichkeit, mit dem ich es sonst nicht so habe. Allerdings, so muss ich gleich einschränken, möchte ich zwar gerne einen Kamin und eine Katze, vorzugsweise am Abend, ich möchte mich aber keinesfalls um eines von beiden kümmern müssen. Ich glaube, das sind schwer erreichbare Ziele, oder Challenges, wie man heute so gerne sagt. Ich werde bei der Planung sicher irgendwo Abstriche machen müssen, ich ahne es schon.

Egal. Irgendwo beginnen. Probleme nach und nach lösen und im Zweifelsfall erst einmal weitermachen. Wie immer.

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Ein Augenzeuge

Eine Kleinigkeit aus den letzten Tagen nur, kurz gesehen, schnell erzählt, alltäglich und nebenbei. Ich gehe durch die Wandelhalle des Hauptbahnhofs. Falls Sie die nicht kennen, stellen Sie sich die in etwa wie die Hauptpasssage eines Einkaufszentrums vor, mit Gleisanschluss, das trifft die Ausstrahlung in etwa. Es ist voll, natürlich ist es voll, es ist kurz vor Weihnachten. Die Menschen brauchen noch Geschenke, die Menschen bringen sich Geschenke, kaufen Geschenke. Sie haben Verwandte im Schlepptau, sie stehen herum und warten auf weitere Verwandte, sie fahren selbst zu Verwandten, schwer bepackt, sie starren auf digitale Tafeln mit Abfahrtzeiten. Sie haben es natürlich eiliger als in normalen Einkaufszentren, sie müssen ja alle irgendwohin, einige rennen auch, immer rennen hier einige durchs Bild. Sie machen Fotos von der prächtigen Weihnachtsdeko, sie essen Franzbrötchen und Donuts und belegte Brötchen und Frikadellen und Sushi und Hamburger, sie stehen sich essend im Weg. Sie trinken Latte Macchiato und Bier und Sekt und Glühwein und guck mal, da gibt es Waffeln, wer will eine Waffel. Sie stehen vor Blumen und Parfüm und Notizbüchern, vor Schuhen und vor Hamburg-Souvenirs mit Stadtwappen, sie gehen herum und im Kreis und von rechts nach links und umgekehrt, es ist hier Betrieb, und wie hier Betrieb ist, es brummt nur so und über allem liegt das unaufhörliche Grollen der Rollkoffer.

Security mit und ohne Schäferhund. Bahnpolizei, Bundespolizei, Wachdienste, alle möglichen Leute in Uniform, man streift aufpassend durch die Menge, die Hände am Funkgerät oder am Gürtel, in dem sehr viel Zubehör steckt, Handschellen, Taschenlampen etc., ich denke immer an Playmobil, wenn ich das sehe, so viele kleine Dinge, die mitgeliefert werden.

Drei junge Männer in angeheitertem Zustand und in Weihnachtsmannkostümen schieben sich durch die Menge, leere Säcke tragen sie über den Schultern. Einer von den Männern hat etwas Überlänge, so ein Zweimetermann ist das, vielleicht ist er auch noch größer, ein Riese im roten Mantel. Sie halten sich an den Schultern und stören dadurch die Passanten, sie sind in der Gruppe zu breit. Sie wühlen sich dennoch durch, vermutlich glühweinselig und auf dem Weg zu mehr Alkohol. Drei aus dem Umland sind es vielleicht, die einen spaßorientierten Hamburg-Tag machen, so etwas in der Art, oder gibt es auch zu dieser Zeit noch Junggesellenabschiede, es würde passen. Jetzt singen sie auch noch, passend zu ihren Kostümen, Jingle Bells singen sie, arrangiert für trunkene Fußballfans. Einige Menschen gucken prüfend hin, einige gucken schnell weg. Sie sind ein Ärgernis, werden manche denken, die hier versehentlich angerempelt werden, aber ein eher gewöhnliches Ärgernis, denn sie ziehen ja weiter, sie machen nichts, sie wollen nicht einmal spielen. Schon sind sie weit hinten in der Halle, man sieht nur noch den Kopf des einen, von dem mit der Überlänge, der ragt deutlich über die anderen hinaus, auch über die wabernde Menge, eine rote Mütze mit wippendem Weihnachtsbommel. Sie gehen sicher zum nächsten Weihnachtsmarkt.

Neben mir ein Kind an der Hand seiner Eltern, ein Vierjähriger, so ungefähr jedenfalls, und der guckt kurz hoch und sieht, da ganz hinten, kurz vorm Verschwinden schon, unerreichbar auf jeden Fall und auch nur einen Blick lang, den Kopf des übergroßen Mannes, diese Weihnachtsmannmütze von hinten, und er macht sich los, er zeigt dorthin, man hört ein triumphierendes: „Da!“ Und er sieht sehr, sehr zufrieden aus. Die Eltern wiegen die Köpfe und lächeln, ja, nein, man weiß es nicht, könnte sein, meinst du?

Der Junge grinst. Er weiß ja, was er gesehen hat.

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Last-Minute-Spende

Ein Text der Herzdame

Es ist zwei Tage vor Weihnachten, ich bin mit einer Freundin zum Glühwein trinken auf dem Weihnachtsmarkt verabredet. Als ich mir die Jacke anziehe, fällt mir auf, dass es erst der zweite Glühwein in dieser Weihnachtszeit ist und es nun auch dabeibleibt. Der Gatte war kein einziges Mal auf einem Weihnachtsmarkt. Wir hatten einfach keine Zeit für so etwas und haben uns zu sehr mit uns selbst beschäftigt. Nun ist es zu spät. Ich tue mir kurz ein bisschen selbst leid, aber neues Jahr, neuer Versuch.

Auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt komme ich an unserer Kirche vorbei. Auf dem Vorplatz steht ein festlich beleuchteter Weihnachtsbaum, darum herum stehen viele Menschen und warten auf Einlass. Es sind wirklich viele Menschen, die in die Kirche wollen. Für einen kurzen Moment fühlt es sich schon an wie Heiligabend, endlich ein bisschen Weihnachtsstimmung. Dann erst fällt mir ein, dass heute Donnerstag ist und die Menschen hier nicht in festlicher Stimmung für einen Gottesdienst oder ein Weihnachtskonzert Schlange stehen, sondern für ihr Weihnachtsessen. Denn wie jeden Donnerstag findet heute die Lebensmittelausgabe der Suppengruppe unserer Kirchengemeinde statt. Es sind so viele Menschen, und seit Beginn des Ukraine-Krieges sind es auch immer mehr geworden, sie stehen teils zwei Stunden an.

Noch kommt die Suppengruppe mit Unterstützung der Hamburger Tafel und den umliegenden Hotels mit der Versorgung knapp hinterher, aber es wird immer schwieriger und jede noch so kleine Spende ist herzlich willkommen.

Bei dem Gedanken daran, zwei Tage vor Weihnachten noch für Lebensmittel anstehen zu müssen, relativiert sich mein Selbstmitleid ein wenig und ich bin dankbar für all das, was ich habe.

Was ich sagen möchte, für alle die bis jetzt genauso gestresst waren wie ich, sich nur mit sich beschäftigen konnten, aber jetzt vielleicht doch Zeit und den Kopf frei haben, sich auch einmal um andere zu kümmern und noch eine Möglichkeit für Spenden suchen, ich hätte da eine Empfehlung:

Sankt-Georg hilft

Per Paypal oder Überweisung möglich, jeweils mit regulärer Spendenquittung der Kirche.

Fröhliche Weihnachten!

Früher war das anders

Eine kleine Szene noch einmal zur Verdeutlichung dessen, was Ihnen ebenso wie mir sicher längst bewusst ist, was aber doch noch ab und zu markant auffällt, wie lange nämlich die Zeit vor Corona her ist. Das ist bei Erwachsenen schon ein ergiebiges Thema und mit allem, was wir zum ersten Mal nach dem März 2020 wieder machen, gewinnt es weiter an Bedeutung. Bei Kindern hat es aber eine Dimension, die wir uns kaum vorstellen können.

Wir gehen in ein Café um die Ecke, wir wollen dort frühstücken. Das haben wir früher oft gemacht, früher also im Sinne von präpandemisch, von ganz damals, vor gefühlt vielen Jahren. Während der Hauptphase der Pandemie waren wir dann nirgendwo, es hatte ja auch phasenweise alles zu, Sie erinnern sich vielleicht noch, und danach waren wir nicht die Ersten, die wieder irgendwo waren. Dann saß man eine Weile kategorisch nur draußen. Dann wurden alle bei uns krank, dann wurden die anderen krank, dann ging man wieder nirgendwo hin und zack, waren zwei Jahre und noch mehr vorbei. Der Alltag lief längst anders, lief an Cafés vorbei oder zumindest an diesem Café, wir waren in der Gestaltung der Tage irgendwie abgebogen. Es geriet in Vergessenheit.

Wir gehen jetzt doch einmal wieder in das Café und ein Sohn sitzt und staunt, denn hier ist das Früher. Er sitzt in seiner und unserer Vergangenheit. Hier waren wir früher oft, sehr oft, hier war das ausgelagerte Wohnzimmer. Hier ist er spielend unter den Tischen und Stühlen durchgekrabbelt, wofür er jetzt längst zu groß ist. Tobend zwischen den Beinen der Gäste – unvorstellbar ist das. Hier hat er den und die getroffen, und die leben mittlerweile gar nicht mehr hier. Hier hat er das und das gegessen, und das kostet jetzt fast den doppelten Preis. Hier lief früher immer ein Fernseher, und den gibt es seit einer Renovierung nicht mehr. Der Raum ist auch seltsam anders, aber wie genau, mit den Größenverhältnissen stimmt etwas nicht. Wie war das. „Früher war das anders“, sagt er, und er sagt es wie ein Erwachsener und sieht sich immer wieder um, „früher war das doch anders.“ Es stehen Speisekarten auf den Tischen, früher gab es hier keine Speisekarten, nur Plastikschilder an der Wand, was sind das alles für Veränderungen.

Hier ist es wie früher, aber nur so ungefähr. Es ist ein Nostalgieflash erster Klasse. Das war ein anderes Leben, eine andere Zeit, mit anderen Leuten und anderer Ausstattung und Stimmung. Wir essen Toast vom Sandwich-Grill, und dieser Toast schmeckt nicht wie früher, natürlich nicht. „Früher war alles besser“, sagt der Sohn und lacht über seinen Satz, zumindest beim Toast meint er es aber doch ernst. Ich probiere den Toast und weiß nicht recht. Wir überlegen, ob alle Bilder an den Wänden immer schon so hingen wie jetzt, wir sind uns nicht sicher.

Währenddessen, so sagen die Söhne beim Toast, war es in der Schule furchtbar langweilig in den letzten Tagen. Weil so wenig andere da waren. Es sind dermaßen viele noch krank oder schon wieder. Früher war auch das anders.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für die überaus freundliche Zusendung von Füllfederhaltern, von einer Fleece-Decke und einem Puzzle, in einem Paket war auch das neue Buch von Bob Dylan: „Die Philosophie des modernen Songs“, Deutsch von Conny Lösch. Es gab ferner auch noch einmal Beträge, die sicher als Weihnachtsgeld oder Jahresendbeitrag gemeint waren. Ich war wiederum hocherfreut und begeistert, ganz herzlichen Dank an alle!

Vorderseite

Das Bild ist ein schnell geknipstes, nur nebenbei aus dem Fenster geschossen am Abend, einfach raus ins Dunkel. Und was sieht man da? Kaum etwas, es ist eben winternachtschwarz. Den Kirchturm ahnt man, ein aufragendes Schwarz im etwas anders getönten Schwarz der Nacht, der Weihnachtsstern oben im Fenster, etwas blass, eher zurückhaltend. Wenige beleuchtete Fenster ringsum, nur vereinzelte Lichterketten, sparsam und dünn fallen sie aus. Und ganz hinten sehen wir das, worum es mir heute geht, das sind aber auch nur zwei Glühbirnen. Zwei Lichter im fernen Dunkel sehen wir da, eines leuchtet rot, eines blau. Die Lichter sind, aber das weiß ich, das kann man nicht sehen, Teil der mäßig kreativen und auf eine altmodische Art bunten Außendekoration einer Kneipe, eines Kneipenrestaurants oder wie man das auch immer korrekt benennt. So ein rustikaler Laden mit eher bodenständiger Küche, Bratkartoffeln, Schnitzel, Gulasch und dergleichen, überraschungsfrei und verlässlich. Ich sehe nur diese beiden Lichter, ich weiß, die haben geöffnet. Ich war schon lange nicht mehr da, Jahre ist es her, obwohl es das erste Etablissement in Sichtweite ist, obwohl ich mit dieser Kneipe den Vornamen teile.

Es gibt dort gerade, ich habe es neulich im Vorbeigehen auf einem Schild im Fenster gesehen, Grünkohl. Mit Kochwurst und Kasseler (auch mal interessant: die Herkunft des Namens Kasseler), für 14,50. Und ich möchte jetzt nicht darauf herumreiten, dass das früher mal billiger war, nein. Ich möchte lieber erwähnen, dass es einen auch trostreichen, angenehmen Aspekt hat, dass es das dort gibt. Denn es ist ja so – ich könnte es mir leisten. Ich könnte da auch tatsächlich hingehen, es ist nur einen Steinwurf entfernt, ich kann da sogar jederzeit hingehen. Ich könnte es nämlich auch zeitlich einrichten. Wie lange braucht man zum Grünkohlessen, das geht schnell, das geht zwischendurch, eine halbe Stunde wird man etwa dort sitzen, wenn man es eilig hat, und wer hat es nicht eilig. Ich mag Grünkohl gerne. Ich hatte in diesem Winter auch noch keinen Grünkohl, und er schmeckt in der Kneipe vielleicht besser als bei mir, wahrscheinlich wird es so sein.

Ich gehe da nicht hin, nein. Aber ich könnte. Jetzt etwa, jetzt könnte ich gehen. Einfach so. Jetzt auch. Und ich stehe am Küchenfenster, sehe in die Dunkelheit und finde es ganz hervorragend, dass ich könnte. Nicht im Sinne einer sachbuchgerechten Übung in Achtsamkeit und Dankbarkeit, eher im Sinne der ab und zu wiederholten Erkenntnis, dass es doch auch Sinn hat, in der Stadt zu wohnen, wo alles ist, und wo alles sogar um die Ecke ist, und wo man es schon leuchten sieht, sogar beim Schreiben, wenn man nur kurz hochsieht. Überall diese Optionen, und sei es nur eine auf Grünkohl.

Von hier aus, denke ich, von hier aus, und kurz fühlt es sich an, als könnte ich das halbwegs geistreich fortsetzen, aber dann überwiegt doch der beim Schreiben entstandene Hunger und ich gehe in die Küche, öffne den Kühlschrank und vergesse den Gedanken, der wie auch immer hätte enden sollen.

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