Durch den abgeräumten Sommer

Das Wanderprojekt “Einmal um Schleswig-Holstein”, dieses betont langsame Projekt, es ist tatsächlich wieder etwas in Bewegung geraten. Es gab vor einiger Zeit ein kleines Zwischenspiel in Hamburg (der Text hieß “Krass mittel”), der korrekte Anschluss an den letzten Ostseeaufenthalt in Sierksdorf findet sich aber hier.

Es war natürlich Zufall, dass Sohn II und ich uns wieder einen der heißesten Tage des Jahres für die Wanderung ausgesucht haben, aber allmählich scheint es doch zu einem Muster zu werden. Wir stiegen morgens in Hamburg in den Zug, in einen reichlich überfüllten Zug voller Menschen mit dem Ziel Strand, es war an ihrem Gepäck eindeutig zu erkennen. Um uns herum saß eine große Gruppe von Kindern und Jugendlichen mit Betreuerinnen und Eltern, das wird so etwas wie die Ferienfahrt eines Jugendzentrums gewesen sein. Es wurden mindestens drei Sprachen gesprochen und oft wurden Sätze in der einen Sprache in einer der beiden anderen beantwortet, das war ganz normal, so etwas finde ich immer faszinierend. Eine junge Frau lief mit einem großen Plastikeimer voller Klumpen von einer Art Schmalzgebäck durch die Gänge und bot allen etwas an, der Zug roch auf einmal nach Rummelbude und Volksfest. Das kleine Mädchen neben uns hatte einen großen aufblasbaren Schwimmring mit Vogelkopf auf dem Schoß, ein Tukan war das wohl, wenn ich es recht gedeutet habe, jedenfalls küsste das Mädchen die ganze Fahrt über die Figur immer wieder auf den Schnabel, das war ein sehr geliebter Schwimmring, der auch sehr fest gehalten wurde. Die daneben sitzenden Kinder guckten das Spielzeug eher skeptisch an, auch weil es viel Platz beanspruchte.

Sohn II und ich überlegten während der Fahrt, wie weit wir eigentlich wandern wollten und wie müde wir waren, denn es war am Abend vorher dummerweise etwas spät geworden und wir waren  früh unterwegs. Selbstverständlich hatte der Sohn große Pläne, wie es sich für etwa Zehnjährige gehört, selbstverständlich rechnete ich mit etwas weniger Strecke, wie es sich für mein Alter gehört. Man wird mit den Jahren etwas konservativer, auch in den Schätzungen. Wir besprachen, wie müde wir genau waren, denn so einfach ist das ja gar nicht. Man steht dabei immer vor der Frage, wie weit man sich und seinen Zuständen eigentlich glaubt, auch das verändert sich im Laufe des Lebens und seiner Phasen erheblich. Wenn man nicht mehr kann, dann hat man noch ein Drittel seiner Kraft übrig, so heißt es im Sport und beim Militär, das ist das eine Extrem. Wenn man als Kind auch nur ansatzweise nicht mehr kann, dann geht man keinen einzigen Schritt mehr, das ist das andere Extrem, und irgendwo dazwischen muss man immer wieder seine eigene Wahrheit finden. Auf den Körper hören, Bedürfnisse erkennen und richtig bewerten, simpel ist das nicht, auch nicht für Erwachsene, die schon viele Meinungen dazu konsumiert und versucht haben.

Wir nahmen uns jedenfalls vor, am Vormittag dem ersten und am Nachmittag dem zweiten Extrem zuzuneigen, das passte auch gut zum Wetter, so dachten wir.

Die Jugendgruppe hatte einen Fahrradanhänger für den Kindertransport dabei, so ein riesiges Ding mit Deichselstange und Überbreite und recht großen Rädern. Beim Versuch, dieses Ungetüm irgendwie sinnig im Zug unterzubringen, konnten wir beobachten, wie mehr und mehr Menschen die Nerven verloren, Betreuerinnen, andere Fahrgäste, Kinder und Zugbegleitung, es kam zu Gebrüll und Gekeife, die Rede war mehrmals von dem “gottverdammten Ding”, wobei man zur Entschuldigung aller darauf hinweisen muss, dass die Deutsche Bahn in vielen Zügen bemerkenswert schlecht darauf eingerichtet ist, dass ihre Gäste eventuell Gepäck, Fahrräder oder Kinderwagen dabei haben, am besten fährt man nur mit einem kleinen Notizbuch oder einem Smartphone.

Jemand ging mit einer Checkliste herum und fragte, zu welchen Gruppen die Kindern gehörten, der Junge neben mir verstand die Frage nicht. “Na, wozu gehörst du, woher kommst du?” Und der Junge sagte ganz ernsthaft: “Aus Jugoslawien.” Es hat sich nicht aufgeklärt, wie ein Kind heute aus Jugoslawien kommen kann, vielleicht wurden die Gruppen da nach untergegangenen Ländern benannt, Jugoslawien, Trapezunt und Babylon oder so, wir werden es nicht erfahren. Der Mensch mit der Checkliste machte jedenfalls einen Haken und alles war in Ordnung, dabei müssen wir es belassen. Sohn II wollte wissen, was ich an Jugoslawien denn so seltsam fand, das war dann nicht so einfach zu erklären.

Im Gang stand ein telefonierender Mann, der wiederholt und deutlich sagte: “Mein Bruder existiert nicht.” Ich besprach wieder mit dem Sohn, wie viele angefangene Geschichten man überall hört und sieht.

Dann sahen wir aus dem Fenster. Es verbot sich, auf dem Handy zu spielen oder zu lesen, wir mussten Akku sparen. Wir hatten auch keine Bücher dabei, denn wir haben an jedem Gramm Gepäck gespart. So kamen wir einmal dazu, eine ganze Zugstrecke zu sehen, es war ein wenig wie früher, als alle beim Reisen aus dem Fenster gesehen haben. Als wir Hamburg vollständig hinter uns hatten, sagte der Sohn: “Jetzt kommen endlich diese Häuser aus alten roten Steinen”, er beobachtet nämlich genau. Wir sahen auf ein Bild, bei dem ich nicht anders kann als innerlich “gelb die Stohoppelfelder” zu singen, es war ein Augustanblick. Ein bereits abgeräumter Sommer mit staubigen Feldern unter knallblauem Himmel in noch voller und brütender Hitze, wir fuhren durch ein glühendes Schleswig-Holstein.

In Sierksdorf stiegen wir aus und dort folgte dann die erste Wanderetappe, die ich zweimal gegangen bin. Im letzten Jahr wanderte ich da bereits in erwachsener Begleitung, ich bin nie dazu gekommen, darüber zu schreiben. In diesem Jahr nun in Kinderbegleitung und auch noch etwas weiter. Und obwohl sich die beiden Begleiter im Alter um mehrere Jahrzehnte unterschieden, kamen wir doch zu ganz ähnlichen Beobachtungen und blieben wir staunend vor den gleichen Panoramen stehen.

Zu dieser sozusagen doppelt belichteten Etappe dann im nächsten Eintrag mehr.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Der Zug war pünktlich

Was schön war

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Autokauf. Es ist kompliziert.

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Die Arktis beschneien.

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Das große Wegwerfen.

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Eine kleine Meldung nur zwischendurch, im Zug geschrieben, irgendwo in Bayern, nehme ich jedenfalls an, Höhe Augsburg vielleicht, man saust ja so durch. Der Zug war pünktlich. Er fuhr am richtigen Gleis los, die Reservierungen hatten alle Gültigkeit und passten auch noch zu den Sitznummern. Der Lokführer war rechtzeitig da, das ganze Zugpersonal war anwesend und dienstbereit und auf die Sekunde rollte der Zug also los, raus aus München, die Söhne konnten es gar nicht fassen.

Denn das kann man ja zwischendurch auch einmal zur Kenntnis nehmen, für die Kinder ist die Bahn in diesem Land mittlerweile ein Symbol für Chaos und Unzuverlässigkeit geworden, weil bei unseren Reisen mit Zügen in den letzten Jahren vieles nicht funktioniert hat, sehr eindrücklich nicht funktioniert hat. In meiner Kindheit galt noch “Pünktlich wie die Bundesbahn”, und es war gar kein Witz. Heute haben die Kinder keinen ähnlichen Satz für die Deutsche Bahn parat, auch nicht als Scherz, aber für ein tolles Verkehrsmittel halten sie die Bahn ganz sicher nicht.

Einen Bahnhof weiter dann eine Durchsage, eher eine Durchfrage, ob ein Arzt an Bord sei, ein Sanitäter, jemand mit Medizinkenntnissen, ein Notfall, der Stimmlage konnte man schon entnehmen, das ist ernst, das ist richtig ernst, dann fiel auch schon das Wort Herzstillstand. Zehn Minuten dauerte es, bis ein Krankenwagen kam, das kann man gut oder schlecht finden, ich weiß da keine Benchmarks. Zwischendurch sagten hörbar gestresste Menschen mit bebender Stimme Zwischenstände durch, noch ein paar Minuten, noch eine Viertelstunde. Niemand stöhnte genervt, niemand beschwerte sich, alles saß ganz ruhig und wartete ab, es sah nicht einmal jemand auf seine Uhr und rechnete nach, man saß und hoffte vehement für einen Menschen, von dem man nichts wusste, überhaupt nichts. Zumindest den Teil darf man vielleicht sogar  erfreulich finden an dem Vorfall, zumindest erfreulicher als die allgemeine Gehässigkeit, die sich überall gerade so reich ergießt.

Als der Zug schließlich wieder losfuhr, gab es noch eine Durchsage, in der auf einmal ein förmliches Sie fehlte: “Einen herzlichen Dank an die Ärzte, die an Bord waren und geholfen haben – das habt ihr gut gemacht.” Es muss natürlich nicht stimmen, aber wir haben das als gutes Zeichen gedeutet.

Der Zug hat dreiundvierzig Minuten Verspätung und es ist völlig in Ordnung, wie auch die Söhne sagen.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Wo ist das alles hin

Ich habe hier eine neue Kolumne beim Goethe-Institut geschrieben: Ganz gechillt. Passend dazu wurde ich gestern von den Söhnen gefragt, ob denn eine Clique – das Wort ist mittlerweile bei Kindern ungebräuchlich – so etwas wie ein Chillkreis sein. Ein Chillkreis! Ist das nicht ein wundervoller Begriff? Man möchte ab sofort zu gar keinen Partys mehr, man möchte bitte künftig nur noch in Chillkreise gehen, nicht wahr, gerne auch ohne Nudelsalat.

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Verknautschung

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Und es wird mal wieder Zeit.

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Über das Bahnfahren in Deutschland, der Schweiz und in Japan.

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Die Arktis brennt.

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Ein Dorf muss dem Meer weichen.

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Nachzutragen ist noch eine kleine Begebenheit aus einer Hamburger U-Bahn, an der zwei ältere Damen beteiligt waren, von denen die eine ganz der Typ Heidi Kabel war. Die kamen da so ins Gespräch, die beiden Damen, und sie sprachen über dies und das und wohin des Wegs und dass ja früher alles besser gewesen und wie heute alles so schlecht – und wie so teuer der Kaffee und wie so rar das Geld, um wieder einmal Heine zu zitieren, das war also eines dieser  Gespräche unter älteren Damen, wie es sie seit Generationen und Jahrhunderten gibt, und allmählich kamen sie sich näher. So nahe kamen sie sich, wie man sich als völlig Fremde zwischen ein paar Stationen in einer Bahn in der großen Stadt nur kommen kann.

Sie entdeckten Gemeinsamkeiten bei der Wahl der Bekleidungsgeschäfte und beide hatten früher einmal viel mit jenem Stadtteil zu tun, in den diese Fahrt gerade ging, da war es früher aber auch schöner, also viel schöner sogar, wo das alles bloß hin sei, das fragten sie sich und erwarteten voneinander keine Antworten. Die eine beugte sich vor und fragte vorsichtig nach, ob sie denn die paar Andeutungen in den letzten Sätzen so verstehen dürfe, dass die andere ihren Gatten bereits verloren habe, sehr freundlich und fürsorglich fragte sie das, trostbereit und warm. Die zweite Dame bejahte das und wehrte dann energisch die sofort aufbrandenden Beileidsbekundungen ab, das sei ja nun schon viele Jahre her und sie sei auch viel zu beschäftigt, um noch groß zu trauern. Man hatte es sich damals alles anders vorgestellt, so sei es nun eben nicht gekommen. Aber es sei doch ihr Leben und, um ganz ehrlich zu sein, das rutschte ihr so heraus, als sei die andere schon jahrelang ihre beste Freundin, der größte Sympath sei der Mann ja nun auch nicht gerade gewesen.

Sie sagte es ohne jede Bosheit, das darf man sich nicht falsch vorstellen, es war eher eine rein sachliche Feststellung, eine notwendige Erklärung der Umstände. Die Dame ihr gegenüber erwiderte mit einem ganz leichten, mit einem wirklich nur hauchdünnen Lächeln, das weit davon entfernt war, ein Grinsen zu sein, dass sie das auch selbst kenne und für eine Sekunde sahen sie sich dann verständnisinnig an und nickten stumm. Es war kein Triumph in ihren Blicken, auch keine Schadenfreude, es war nur der für ein paar Meter geteilte Gedanke, es hätte alles auch wesentlich schlimmer kommen können.

Dann sprachen sie über das Wetter und die Wochenendplanung, es wurden Enkel und Neffen erwartet, die Tage waren und sind wohl randvoll. Und es könnte jetzt bald auch wieder richtiges Sommerwetter werden, so hörte ich.

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Musik! Ins Bett mit Ben Caplan.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Kurz und klein

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Apfel und Stamm vor Bagger

Die Ökologie der Digitalisierung

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Und nebenbei ist die Rita zuständig für alle komplett aussichtslosen Anliegen und Unterfangen, das macht sie mir mindestens so sympathisch wie die Sache mit der Wurst.

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Böse Jugend ist gemein zu älteren Headhuntern. Schlimm. (Ich habe den Link am Morgen auf Twitter geteilt, wo es eine geradezu unfassbare Reaktionswelle gab, die nicht gerade zugunsten des Headhunters und seines Weltbildes ausfiel.)

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Ein Thema , das mich mehr und mehr beschäftigt, Meinungsbildung noch nicht abgeschlossen: Wie Eltern zu Hilfslehrern werden.

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Ich habe – schon wieder eine Bildungslücke – gemeinsam mit Kollegen nachgegrübelt, wie eigentlich “Freut euch des Lebens” weitergeht. Und dann guckten wir etwas verblüfft auf den Vers: “Weil noch das Lämpchen glüht”, das hatten wir so nicht in Erinnerung. Wie auch immer, jetzt kann ich jedenfalls kein nächtliches Stand-By-Licht mehr sehen, ohne “Freut euch des Lebens” zu denken, so kommt man also auch zu einer positiven Grundstimmung. That was easy!

Ja, Stand-by ist böse, schon klar. Es ist also doch wieder kompliziert.

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Apropos positive Grundstimmung. Auf einem Werbeplakat im Hauptbahnhof, es warb für eine Firma, deren Namen mir schon wieder entfallen ist, von wegen Werbung wirkt und so, stand: “Muschelschmuck bringt das ultimative Urlaubsfeeling zum Ausdruck”. Was vielleicht der Grund ist, warum ich bisher nie so der euphorische Reisende war, warum Urlaub mich nie leicht zum Reden und Schreiben über das Glück verleitet hat, manchmal sogar eher im Gegenteil – ich habe einfach nie Muschelschmuck getragen, da konnte das ja auch nie richtig zur Geltung kommen, das wahre und ultimative Urlaubsfeeling, welches gewiss ein ganz besonders schönes Feeling ist.

Wollen wir doch mal sehen, ob ich vor der Abreise noch schnell ein Miesmuscheldiadem oder etwas in der Art bekomme, oder was man eben so trägt in dieser Saison, ich bin noch ganz ahnungslos.

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Ich hatte ein langes Gespräch mit Sohn II, es ging unter anderem um gegenseitige Hilfe. Denn ich möchte ihm gerne beim Lernen für die Schule helfen, und er überlegte, was er mir im Gegenzug anbieten kann. Das ist erstens ein überraschender und schöner Gedanke, das ist zweitens ein spannendes Thema, denn wenn man das ernst nimmt, was man im Falle von Sohn II unbedingt tun sollte, dann wird das auch in aller Gründlichkeit erörtert. Was hilft und wie hilft man sinnvoll, wer hilft wem und warum? Wir verblieben so, dass er mir beibringen kann, mehr Spaß zu haben, womit er sich tatsächlich vergleichsweise gut auskennt, vermutlich auch besser als ich. Außerdem wird er mir aber auch wieder mehr helfen, Szenen und Geschichten zu finden, wir haben da immerhin beide die gleiche Grundhaltung. Wir sehen etwas, das ins Blog passt, “weil wir da gleich ticken”, das haben wir schon oft bemerkt. Er weiß, was eine Szene ist, ich weiß es auch, glaube ich jedenfalls, und wir wissen es beide auch auf die gleiche Art, manchmal kommt das mit Apfel und Stamm ja doch hin. Und gemeinsam Geschichten jagen gehen, das gefällt uns gut.

“Aber ich sehe eben noch mehr als du, weil ich das ja alles als Kind sehe. Das ist anders.”  Und da hat er auch wieder Recht.

Das besprachen wir in einem Bus, der im Stau stand, und als wir das fertig verhandelt hatten, sahen wir aus dem Fenster. Da war eine große Baustelle, der Straßenbelag wurde erneuert, und einer der Bauarbeiter zog gerade seine Jacke aus und warf sie hinter sich auf den Boden. Es war tatsächlich recht ruckartig wieder warm geworden in Hamburg, auch die Menschen in dem Bus zogen nach und nach Jacken und Pullover aus. Der Mann auf der Baustelle arbeitet dann im T-Shirt weiter und sah nicht, wie der Bagger hinter ihm langsam heranrollte und bemerkte auch nicht, wie der Baggerfahrer kunstvoll und behutsam mit der großen Schaufel die Jacke aufnahm, den Bagger wendete, ein Stück fuhr und die Jacke dann mit einer nur minimalen Öffnung der Schaufel zielsicher und ordentlich über den Bauzaun legte, so selbstverständlich und lässig, wie alle Elternteile der Welt die in die Gegend geworfenen Jacken des Nachwuchses jeden Tag nach der Schule aufsammeln und an Haken hängen.

Sohn II und ich sahen uns an und klatschten uns grinsend ab.

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Vier weitere Wochen

Mein Handy klingelt im Büro, es ist Sohn II. Vermutlich ist er vom Orthopäden zurück und der verdammte Gips ist endlich ab, denke ich und gehe in fröhlicher Erwartung ran. Ich höre allerdings schon bei der Begrüßung das Beben der Unterlippe und ja, das kann man wirklich hören, wenn man Kinder hat, man lernt das im Laufe der Jahre. Es war nicht so gut, sagt der Sohn sehr leise, kaum zu verstehen, und vor meinem inneren Auge ziehen in einer Sekunde all die Bilder und Szenen aus den letzten Wochen vorbei, in denen er sich nicht weisungsgemäß geschont hat, eher im Gegenteil. Also die vielen Szenen, in denen er mit dem Gips auf Bäume geklettert und wieder heruntergesprungen ist, in denen er damit auf einem Trampolin war oder an Pollern Bockspringen mit Krücken geübt hat und danach auch Handstand an Krücken und Sprint über 100 Meter und all das, sehr schnell ziehen diese Bilder vorbei, sie flackern so durch. Und als er sagt, dass der Knochen jetzt leider ganz durch sei und keineswegs programmgemäß zusammengewachsen, da knicke ich innerlich doch etwas ein, obwohl es also keine völlig überraschende Nachricht ist. Ich gehe, noch bevor der Sohn die Sache weiter erklären kann, die nächsten Wochen durch, ich erweitere jeden Programmpunkt um das Feature “jetzt mit Gips”, und als er sehr kleinlaut sagt, dass er noch weitere ganze vier Wochen einen neuen Gips tragen muss, vielleicht sogar noch länger, da bin ich in meinen Gedanken und Plänen auch schon fast am Ende dieser vier Wochen angekommen. Ich atme auch schon fast wieder normal und halbwegs regelmäßig.

Und selbstverständlich verkneife ich mir jeden pädagogisch sein sollenden Hinweis, dieses Kind ist ganz klar schon fertig genug, denke ich mir. Ich komme aber sowieso auch mit höchster Konzentration auf gar keinen konstruktiven Satz, denn Sommerferien mit Gips am Fuß, wie doof ist das bitte, das möchte niemand erleben. Es ist aber auch gar nicht notwendig, auf konstruktive Sätze zu kommen. Denn der Sohn gibt jetzt wirklich erstaunliche Geräusche von sich, meine Güte, das sind ja Heulkrämpfe erster Klasse, denke ich noch, bevor ich darauf komme, dass er allmählich einfach nicht mehr kann vor Lachen.

Okay, Kapitel durch. Der Gips ist also ab und Sohn II hat einen erstaunlich treffsicheren Humor. Das eine ist gut, das andere ist manchmal etwas schwierig. Ich werde wohl noch einmal grundsätzlich klarstellen müssen, dass in dieser Familie nur ich für den Humor zuständig bin.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Leaving Bövinghausen

So, wieder da. Das hat Spaß gemacht, da im sommerlichen Dortmund zu lesen! Ob es aber auch dem Publikum gefallen hat, das müssen natürlich andere befinden.

Weil ich an dem Abend gefragt wurde, zwei schnelle Anmerkungen in eigener Sache. Erstens: Ja, man kann mich für Lesungen buchen, selbstverständlich doch. Das kostet dann zwar Geld, versteht sich, aber jede drittklassige Band ist teurer als ich und braucht erheblich, wirklich erheblich mehr Zeit für den Soundcheck und Musiker verbrauchen auch einfach viel mehr Platz als schreibende Menschen. Im Grunde habe ich viele Vorteile, wenn ich es recht bedenke, das ist doch auch mal ein interessanter Gedanke, so unter uns Anhängern des bestenfalls mittleren Selbstwerts.

Zweitens und apropos Wert: Nein, man kann mir nicht nur Geld über den Paypallink unter jedem Text  zukommen lassen, das geht auch auf die ganz altmodische Art mit Überweisung und so, die Älteren erinnern sich. Schreiben Sie mir eine Mail (Adresse im Impressum) ich schicke Ihnen die Daten und den Dank, versteht sich. Vielleicht könnte ich die Kontodaten auch auf der Seite veröffentlichen, das kann durchaus sein – ich habe aber nach einiger Recherche nicht vollumfänglich verstanden, ob es total normal ist, seine Kontodaten auf der Seite zu veröffentlichen oder ob es irgendwie hirnverbrannt ist. Und dann hatte ich keine Zeit mehr für das Thema, Sie kennen das.

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Ich hatte mich vor der Lesung in Dortmund gewundert, dass es so schwer war, dort ein Zimmer zu bekommen und dass die wenigen verfügbaren so irre teuer waren, Dortmund war mir als Touristenattraktion gar nicht in Erinnerung. Des Rätsels Lösung war ein Pokémon-Festival mit etwa 100.000 Gästen, man staunt. Also nicht nur ich staune, auch die Söhne zum Beispiel, denn Pokémon? Ist das nicht lange durch? Offensichtlich nicht.

Dortmund war also ausgebucht, ich landete in Bövinghausen, viertel vor Castrop-Rauxel, wobei ich mich in der Gegend da überhaupt nicht auskenne. Ein leicht ranziges Hotel am Ende der Stadt, so fangen auch Geschichten oder Filme an, es ist dann aber gar nichts passiert. Ich bin nur am nächsten Morgen eine Stunde zu früh am mausetoten Vorstadtbahnhof gewesen. Das geschah allerdings mit Absicht, denn eine Bank am Gleis war mir immer noch lieber als der Aufenthaltsraum im Hotel, der so aussah, als hätten Menschen darin irgendwann mal Spaß gehabt, in den Achtzigern etwa. Es hat seitdem aber auch keiner mehr aufgeräumt. Ich saß also am Gleis unter Bäumen und es war sehr ruhig und sehr friedlich und geradezu schön, also wenn man etwas Ruhe mal schön finden kann. Ich bekomme ja bekanntlich wüste Aggressionen von vorgesetzter und geplanter Wellness, aber so erschlichene Stunden im Irgendwo, die kann ich gut ab. Etwas Bövinghausen zur Erholung, das geht. Das geht sogar gut.

Ich hatte von meiner Bank aus Blick auf die vollkommen uninteressante Rückseite einer Fressnapf-Filiale, auf einen ähnlich spannenden Pennymarkt von hinten und auf ein schlichtes Gebäude mir unklaren Verwendungszwecks, das einen enorm großen Sendemast auf dem Dach trug. Am Penny sagte ein rotes Schild “Auf Wiedersehen” und ich sagte ehrlich: “Ich weiß ja nicht.” Vor mir das Gleis, daneben noch ein Gleis, das wurde vor einiger Zeit aufgegeben. Durch das Gleis wuchsen lilablühende Stauden und junge Birken. Irgendwo gurrten Tauben die ich nicht sehen konnte. In der Ferne fuhr ab und zu ein Auto vorbei, aber in sehr moderater Folge, das war da eine ruhige Gegend, zumindest am frühen Sonntagmorgen. Vor dem Fahrkartenautomaten stand ein junger Mann, drückte auf dem Bildschirm herum und las, was da stand. Das machte er lange, nach einer Weile dachte ich, dass er das einigermaßen erstaunlich lange machte.Ich schrieb ganze Absätze, während er da drückte und las und drückte und las, vermutlich studierte er sämtliche Angebote der Bahn zum Thema “Leaving Bövinghausen” durch, er war in dem Alter und der Sonntagmorgen, sieben Uhr, war vielleicht auch einfach ein guter Zeitpunkt für den Aufbruch, das dachte ich ja auch.

 

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Auf dem Gebäude mit dem Sendemast waren gesprühte Tags, die konnte ich nicht verstehen. Aus einem Einfamilienhaus schrie ein wütendes Kind, das konnte ich auch nicht verstehen, die Welt wurde mir nicht klarer in Bövinghausen, aber das störte mich nicht. Ich wollte da einfach nur sitzen, ich musste da gar nichts verstehen. Auch mal schön.

Auf dem noch befahrenen Gleis lag eine Plastiktüte, die bewegte der milde Wind von Dortmund ab und zu ganz sachte, und mehr bewegte sich nicht. Über mir die Wolken, sie hingen wie festgetackert. Der Zug fuhr alle Stunde, das ist ja eigentlich recht oft. Ich habe aber, so schön es da auch war, dann doch den nächstbesten genommen.

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Im Zug nach Hamburg las ein Herr neben mir seiner Frau etwas über Thoreau vor, “der mit Walden und so.”

„Gott, wie kommst du denn jetzt auf den?”

“Na, den kenne ich eben.”

“Was du alles kennst.”

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Ich saß im Zug und schrieb in mein Notizbuch, ein alter Mann setzte sich mir gegenüber hin und besah sich meine Aufzeichnungen: “Ist da Steno dabei? Sie schreiben ja wunderschön!” Dazu muss ich erwähnen, dass der Herr sehr schwachsichtig war, denn wunderschön schreibe ich ganz gewiss nicht, schon gar nicht im wackelnden Zug.

Dann holte der Herr auch ein Notizbuch und ein Buch heraus, wir setzten uns versetzt, so dass wir beide genug Platz hatten, und wir lasen beide und schrieben dann ab und zu einen Satz, er in Steno, ich in Krakel. Wir sprachen kein weiteres Wort, es war sehr harmonisch, beste Reisegesellschaft.

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Noch ein Hinweis, ich habe die letzte Woche vor dem Urlaub erreicht, es wird wie immer hektisch und die letzten Werktage kommen vollgepackt wie Lastesel daher. In den nächsten vier Wochen wird hier also etwas seltener etwas erscheinen, das könnte durchaus sein. Eventuell mache ich zwischendurch auch einfach mal nichts und setze mich nur so aufs Sofa und gucke in die Luft, dann werde ich zu mir sagen: “Wie in Bövinghausen!”

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Der Modus Vivendi

Ich hatte ein Gespräch mit der Herzdame, denn die Söhne sind weiterhin nicht da, wir können also einfach mal reden, sogar stundenlang, so wie normale Erwachsene es dauernd machen, also dem Hörensagen nach jedenfalls. Am Anfang des Gesprächs kamen Pferde vor, das ist wichtig. Wir haben einen Reiter in der Familie, da liegt das Thema nahe. Es ging dann aber auch noch um hundert weitere Themen, weil wir in diesen seltenen Gesprächen ja enorm viel in kurzer Zeit abhandeln müssen, es war sozusagen eine Unterhaltung mit vielen Spiegelstrichen, sie war friedlich, konstruktiv und bemerkenswert zügig. Es hakte aber irgendwann ganz seltsam, als ich gerade sagte “wir müssen da einen Modus Vivendi finden …”. Wobei es gänzlich unerheblich ist, worum es da gerade ging, jedenfalls sah die Herzdame mich auf einmal an, als hätte ich nicht mehr alle Latten am Zaun, was mir auch nach ein paar Sekunden Bedenkzeit einigermaßen unpassend erschien.

Und es dauerte dann etwas, bis wir darauf kamen, dass man nach gesprächseinleitendem Pferde-Framing den Modus Vivendi auch ganz anders verstehen kann, besonders wenn man einmal ein Mädchen mit entsprechender Literaturversorgung gewesen ist, denn dann findet man vielleicht tatsächlich eher einen Modus wie Wendy – und ich lache wahrscheinlich in ein paar Stunden immer noch darüber, ja, das ist gut möglich. Wir müssen einen Modus wie Wendy finden!  Ich kriege mich gar nicht mehr ein.

Und ich hoffe sehr, ich hör den Ausdruck in naher Zukunft nicht im beruflichen Umfeld, ich wälze mich sonst vermutlich höchst unpassend auf dem Boden vor Lachen. Meine Güte, man macht was mit.

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Morgen lesen Vanessa und ich Dortmund etwas vor, da wird hier mit einiger Sicherheit nichts erscheinen, weil man beim Lesen ja nicht schreibt, das wäre unhöflich.

Für Kurzentschlossene hier noch einmal der letzte Terminhinweis bei der geschätzten Kollegin.

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Moped, Roller und Rollator

Der Sommer 2019 könnte als die große Umbruchszeit in die Menschheitsgeschichte eingehen, in der das Überschreiten der Kipppunke des globalen Klimasystems evident wurde – falls in den kommenden Dekaden überhaupt noch so etwas wie Geschichtswissenschaft betrieben werden sollte.

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Im Vorübergehen gehört, vor einem Fachgeschäft für E-Bikes:

„Alter, die Preise! Da kann ich mir ja gleich ein Moped kaufen!“

„Ja geil, ein Moped!“

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Neues von den E-Rollern: Ich habe hier noch einen Hamburger Testbericht gefunden. Und vor unserer Tiefgarage stand heute einer wildwest abgestellt in der Einfahrt und im Weg. Den hat sich ein heimkommender Nachbar wütend gegriffen und weggestellt, wobei das ein stark beschönigender Ausdruck ist, sagen wir ehrlicher, er hat ihn zwei Meter weiter mit Schmackes gegen die Wand geknallt. So sammele ich jeden Tag einen weiteren Moment ein, positiven Szenen mit den Dingern fehlen aber nach wie vor.

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In einer etwas stillen Nebenstraße in unserem kleinen Bahnhofsviertel kommt mir ein etwas seltsames Gespann entgegen, zwei alte Männer sind es. Einer sitzt in abenteuerlicher Haltung auf seinem Rollator, es sieht ein wenig aus, als würde er ihn gleich zureiten wollen, der andere schiebt das Ding mit vollem Einsatz, was bei beim Passieren von Kantsteinen ziemlich halsbrecherisch aussieht. Um Unwuchten auszugleichen, werden etliche Körperteile eingesetzt und bei Bedarf hochgeworfen – wenn man sich Senioren als Vertreter von Würde und Ruhe vorstellt, dann verhalten sich die beiden da eindeutig unziemlich.

Der Rollator wird gerade mit Schwung hinter ein parkendes Auto geschoben, als ich die beiden erreiche, aus der Position hinter dem Wagen strecken beide Herren kichernd die Köpfe vor und fragen: „Kommt er? Kommt er? Sieht er uns?“ Es ist recht eindeutig, die spielen da Verstecken mit irgendwem, den ich jedenfalls nicht sehen kann.

Und das ist dann also die beruhigende Nachricht des Tages, man kann noch so alt und klapperig werden, das ist noch lange kein Grund, dabei nicht albern und vergnügt zu sein. Wir wollen darauf hinarbeiten, nicht wahr.

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Ich schreibe offline in der Laube. Der Himmel ist grau und es ist windig und kühl, es ist zudem ein Werktag, in den Gärten ringsum ist kein Mensch. Nur die Herzdame und ich betrachten das hier heute als Gartenspaß, wir müssen zudem die Woche ohne Söhne unbedingt nutzen. Ich sitze drinnen und mache was mit Text, sie steht vor der Laube und entkernt kiloweise frisch geerntete Kirschen mit so einem seltsamen Gerät, das vermutlich nur die Menschen kennen, die zur privaten Marmeladengewinnung neigen. Es klackt und klackt, sie ist sehr schnell damit, und manchmal, für einige Sekunden nur, passt ihr Klacken genau zu meinem Tippen. Das ist harmonisch und schön, diese Momente muss man auch mitbekommen, das ist ganz wichtig.

1.750 Kirschen sind dann eine Kolumne. In etwa.

Dafür hat der Wind heute den Ast mit der einzigen Birne abgebrochen. Irgendwas ist immer.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Aus der Zeit und aus dem Hier

Frau Novemberregen parkt umsichtig

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Zurück bleibt der Fels

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Hier etwas Ergänzung zur Logik der dünnen Barfußschuhe.

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Kayfabe (gefunden via Kaltmamsell)

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Bis zum ersten Zusammenprall mit einem E-Roller hat es nicht lange gedauert, am Wochenende stieß ich als Fußgänger vor meiner Haustür mit einer Dame zusammen, die auf dem Gehweg damit ungebremst um eine Ecke fuhr, über die Lenkstange einen Stadtplan ausgebreitet. Das giftige “Mensch!”, das sie mir zuzischte, hätte deutlich eher mir zugestanden, fand ich.

Weiter habe ich gesehen, dass Rollerfahrer tatsächlich damit morgens zum Bahnhof fahren, am Eingang der Wandelhalle abbremsen, abspringen und das Ding da dann stehen lassen, genau im Eingang des Gebäudes, mittig im Weg von hunderttausend Leuten, wobei diese Zahl im Falle des Hauptbahnhofs gar keine polemische Übertreibung ist. Wirklich seltsam, was ist denn mit den Leuten los? Aber auf diese Frage kann ich meine Verwunderung über das Verhalten im Verkehr ohnehin immer wieder herunterbrechen. Ein Krückstock, sie alle zu befuchteln!

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Gestern war Gartengeburtstag, der dritte schon. Wenn ich den Zustand mit den Bildern vom letzten Jahr vergleiche, dann können wir wohl zufrieden sein. Ein wenig was gelernt, ein wenig was zufällig richtig gemacht, ein wenig Glück gehabt. Oder weniger Pech als erwartet, das kann natürlich auch sein. Der Blick bleibt jetzt immer öfter an den Ecken hängen, die bisher noch nicht so wichtig waren, das ist wie ein Levelwechsel – da wird es dann etwas trickreicher.

Die ersten Kartoffeln geerntet, nur eine Handvoll und eher zufällig. Dicke Bohnen, rote Zwiebeln, Johannisbeeren, Himbeeren. Die Erbsen und die geschossenen Radieschen abgeräumt. Verblühtes weggeschnitten. Kirschen vom Baum gegessen, das ist auch eines der Highlights im Gartenjahr, einer der allerbesten Momente. Am Basilikum gerochen, am Salbei, am Oregano, am Thymian, an der Zitronenmelisse und am Rosmarin. Die Petersilie wiedergefunden. Die wachsende Birne bestaunt, also die eine Frucht, die da am Baum hängt. Die drei, vier Nektarinen. Die Braeburn-und die Kürbis-Babys, die schon jugendlichen Zucchinis. Über die Höhe der Echinacea gestaunt, die Sohn II immer Raketenblume nennt.

Wir waren ohne Söhne im Garten, endlich einmal Zeit, sich in Ruhe umzusehen. Ich habe in der Laube gesessen und geschrieben, das schaffe ich immer noch zu selten, das ist zu bemängeln. Aber sonst: Läuft.

In den Gärten stehen noch alte Holzmasten, an denen Kabel hängen, Telefon und Strom, das gibt es sonst in der Hamburger Innenstadt wohl kaum noch irgendwo, das liegt sonst alles unter der Erde. Einige dieser Kabel sind vor langer Zeit etwas unordentlich an die Masten getüdelt worden, das sieht immer etwas südlich aus, dieses lässige Gestrippe, als sei man auf einmal in einem Dorf viel weiter unten auf der Karte. Oder aber irgendwo in der Vergangenheit, in den Sechzigern oder so, als noch nicht alles so streng genormt war. Von der Laube aus sehe ich zwei dieser Mastenspitzen vor irgendwann gemauerten Hauswänden, die sind noch aus einer Zeit, als die Menschen ihre Häuser selbst gebaut haben, die sind aus einem Nachkriegsirgendwann. Das sind nur ganz kleine Bildausschnitte aus den Laubenfenstern, etwas blauer Himmel, etwas Grün von Obstbäumen, Häuserecken mit ein wenig schadhaftem Flachdach und diese Masten mit den Drähten, auf dem einen Bild auch noch Weinlaub und eine alte Laterne. Zwei kleine Bildausschnitte sind das also nur, die gehen auf seltsame Art aus der Zeit und aus dem Hier heraus. Es macht ein wenig sehnsüchtig, diese Ausschnitte länger anzusehen, sehnsüchtig nach irgendwas, worauf ich nicht einmal komme – aber man muss auch gar nicht auf alles kommen. Man kann auch einfach gucken und sich unbestimmt sehnen – und dann zieht es eben etwas an einem, in diese oder in jene Richtung. Es zieht nach Süden oder nach gestern, das macht ja nichts.

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In der Bücherei stand ein älterer Mann vor der Dame an der Auskunft, der sprach nur wenig und langsam Deutsch, es fiel ihm wirklich nicht leicht, sein Anliegen loszuwerden. Über jedes Wort musste er wohl erst einmal nachdenken und das war ziemlich anstrengend, er bekam kaum Luft dabei. Aber es musste doch sein, es musste gesagt werden: „Diese Bücherei ist sehr schön und ich wünsche ihnen alles Glück. Auf Wiedersehen.“

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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