Anmerkungen zur Nachlässigkeit

Wie neulich bereits erwähnt, ich war in der letzten Woche bei der Rede von Liao Yiwu – das erste Mal überhaupt, dass ich einen chinesischen Dichternamen auswendig weiß – zum Tag des Exils, nicht zufällig fand diese kurz vor einem gewissen Jahrestag statt. Ich sehe gerade, die Regierung da möchte da gewisse Vokabeln lieber nicht hören, etwa die Sache mit der Unterdrückung.

Wer das ganze Bild des Abends in journalistischer Manier haben will, der findet das im verlinkten Text, ich empfehle das natürlich. Ich bleibe aber, auch wenn das in den letzten Tagen nicht gerade einfacher geworden ist, beim Blogstyle und schreibe wie immer nur über das, was mir auffiel.

Das fing beim Publikum an. Ich gehe gerne zu früh zu Veranstaltungen, über die ich vermutlich etwas schreiben möchte, ich denn will saehen, wer da wie reingeht. Wer also besucht die Rede eines sehr bekannten chinesischen Dichters, der dem Staat dort ganz und gar nicht passt? Das war etwas schwer zu deuten, es lag zwischen einem typischen Hamburger Opernpublikum und den Besuchern einer Dichterlesung, wobei das Wort Dichter hier sehr feierlich zu betonen wäre, also im deutlichen Gegensatz zu Poetry Slam und anderen modernen Formaten. Ich habe eine Weile herumgerätselt, bis die Rede begann und etliche die Kopfhörer für die Übersetzung nicht aufsetzten, da kam ich erst darauf, dass auch etliche akademische Kennerinnen des Landes dort gewesen sein werden, Sinologinnen also, die Herren sind mitgemeint.

Interessanter noch fand ich aber, wer nicht da war. Die Rede fand in einem Saal in der Körber-Stiftung statt, der Saal war nicht gerade klein und rappelvoll besetzt, es waren allerdings kaum Menschen chinesischer Herkunft zu sehen. Wirklich fast keine. Wie kann man sich das nun erklären, kann man da überhaupt auf einen guten Grund kommen? Ich weiß das nicht zu beantworten, aber ich finde es nach wie vor unheimlich. Wobei ich natürlich völlig ahnungslos bin, was die Wirkung von Liao Yiwu angeht, was China angeht, was chinesische Literatur angeht, ich habe keinerlei tiefere Kenntnis und kann das also alles nicht einschätzen. Soweit ich es verstehe, ist Liao aber sehr bekannt, auch in China. In Berlin, wo er jetzt lebt, ist er übrigens nicht der einzige Geflohene aus diesem Staat.

Weiter mit den Bemerknissen. Der Beginn des Abends wurde von einem Herrn moderiert, der mich gedanklich stark auf Abwege brachte, weil er einen so faszinierenden Titel hatte, das war der Leiter des Bereichs Demokratie, Engagement und Zusammenhalt bei der Stiftung. Ich neige bei Berufen selten zu Neid, aber das fand ich dann doch ungeheuer kleidsam für Visitenkarten, Leiter Demokratie, Engagement und Zusammenhalt – das hat doch zweifellos etwas und ich fragte mich also doch wieder einmal, was ich sonst als Frage lieber grundsätzlich vermeide, nämlich warum ich eigentlich nichts Sinnvolles gelernt habe. Nach solchen Fragen bin ich allerdings dummerweise erst einmal zehn Minuten unbrauchbar und kriege nichts mehr mit.

Dann gab es ein kurzes Lehrstück über Diskursverschiebung, es war in der Einleitung nämlich die Rede von Menschen im Exil, es war die Rede davon, was sie brauchen, um ihre berufliche Biographie fortzusetzen, und ich habe gemerkt, dass es mich mittlerweile schon freut, wenn überhaupt einmal etwas Positives im Zusammenhang mit Fluchtgeschichten erwähnt wird, wenn es um Hilfe und Unterstützung geht, wenn das also selbstverständlich ist und auch als möglich gilt. So weit runter bin ich also auch schon selbst, dachte ich, und das muss man ja unbedingt zur Kenntnis nehmen, wenn man so etwas an sich bemerkt. Sie sollen ihre berufliche Biographie fortsetzen können, die Exilanten, selbstverständlich sollen sie das, es klingt aber wie vor 2015. Es ging dann um die Frage, was sie für diese berufliche Biographie brauchen, dazu gehört bei Dichtern auch die Öffentlichkeit. Ein normaler, ein ganz logischer Satz. Aber vor ein paar Jahren wäre er noch normaler gewesen, Diskursverschiebung findet nicht nur in den Medien, sondern auch in einem selbst statt,

Ich habe ein Video gefunden, darin stellt sich Liao Yiwu vor, es dauert eine halbe Stunde. Es enthält einen Aspekt für die literarisch Interessierten, der in der Rede nicht vorkam, den finde ich aber wichtig. Denn dieses Gedicht, dieses sehr bekannte Gedicht, das schreit er – und das ist dann schon etwas anderes, als wenn man es wie die Lyrik damals in der Schule oder im Bändchen auf dem Nachttisch schlicht abliest. Es ist etwas ganz anderes. Gucken Sie mal, das Gedicht rezitiert er mit Unterbrechungen durch die Erzählung, die aber auch die halbe Stunde wert ist:

Liao Yiwu hat an dem Abend der Rede durchgehend Chinesisch gesprochen und wurde simultan übersetzt, übrigens deutlich langsamer, als das mit englischsprachigen Gästen der Fall gewesen wäre. Liegt das an der Sprachstruktur? Das weiß ich auch wieder nicht. Sein Roman “Die Wiedergeburt der Ameisen”, den ich gerade angefangen habe, wurde in dreijähriger Arbeit übersetzt (Karin Betz), das ist auch ein etwas anderer Zeitmaßstab als sonst. Ich habe noch nie einen chinesischen Autor gelesen, aber wo ich ihn jetzt doch quasi kenne – gut, genau deswegen wollte ich ja, wie neulich beschrieben, zu mehr Veranstaltungen gehen. Im Gefängnis hat Liao Yiwu heimlich Manuskripte in winziger Schrift verfasst, kaum ameisengroße Zeichen, daher der Buchtitel.

Noch zwei Aspekte, die mir auffielen. Zum einen spricht der Herr kein Deutsch, obwohl er seit Jahren hier ist, also zumindest spricht er es nicht öffentlich. Er sagte, er sei damals im Deutschkurs der Schlechteste gewesen, was wohl alle für einen Scherz hielten, es wurde allgemein gelacht, ich habe nicht ganz verstanden, warum. Wenn jemand Schriftsteller ist, muss er ja nicht zwingend auch gut in Fremdsprachen sein, das hat doch keinen garantierten Zusammenhang? Er kann wohl das Deutsche etwas verstehen und vielleicht auch lesen, er würde aber nicht sprechen und schreiben in der Sprache, er sagte: “Auch wenn ich lebenslang Deutsch lernen würde, ich könnte nie ein Gedicht in dieser Sprache schreiben. Das bringt mich zur Verzweiflung.”

Schließlich ging es um sein Flötenspiel, er hat bei der Lesung auch musiziert. Das Spielen hat er im Gefängnis von einem alten Mönch gelernt, was wie in einem Drehbuch klingt, aber es kommt noch besser – wenn er spielt, dann klingt es nämlich tatsächlich genau so. Wenn Sie sich kurz mal das Flötenspiel eines alten chinesischen Mönches in einem abgelegenen Gefängnis wie in einem Film vorstellen, genau das war es, und das war einigermaßen unheimlich, weil in diesem Spiel Bilder und Situationen mitklangen, die man ganz sicher nicht gesehen und erlebt haben möchte.

 

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Hängengeblieben ist mir schließlich noch ein Satz über den chinesischen Überwachungsstaat, Yiao Liwu erinnerte in einem Nebensatz daran, dass China die grundlegende Technik dazu importiert habe. Aus dem Westen, von uns. Das passte zu dem neulich gehörten Vortrag von Aral Balkan, ich berichtete, und endete mit dem freundlichen Hinweis, dass die Menschen in den freien Gesellschaften oft nachlässig gegenüber der Demokratie und den Menschenrechten seien.

Wozu fast nichts weiter zu ergänzen ist, außer vielleicht, dass ich den abschließenden Satz, der hier gleich unter dem Text kommen wird, Sie wissen schon, der Satz, der da immer kommt, dass ich den also einfach so hinschreiben kann. Ist das nicht toll? Es folgt darauf keine Einladung zum Tee, wie in China die verhängnisvollen Vorladungen zur Polizei heißen, es folgt darauf im besten Fall einfach nur ziemlich bald der nächste Eintrag. Ich kann meine Meinung einfach so da hinschreiben, es war mir ein Bedürfnis, das nach dieser Rede wieder einmal festzustellen.

Denn Nachlässigkeit lässt man sich ja nicht gerne nachsagen.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Es folgt Werbung:

 

Trinkgeld Mai, Ergebnisbericht

Wir haben im Garten eine Kupfer-Felsenbirne, einen Zierapfel, zwei Blutjohannisbeeren und einen Flieder gepflanzt, daran waren Sie wieder maßgeblich beteiligt. Die Pflanzsaison ist damit auch erst einmal beendet – mehr dazu dann wieder im Herbst.

Den immerhin im Sinne des friedvollen Lesens erfreulichen Ausflug in ein Spaßbad im Speckgürtel Hamburgs haben wir ebenfalls vom Trinkgeld bezahlt.

Sohn I hat den ersten Teil der “Herr der Ringe”-Verfilmungen erworben, bei dem sowohl die Söhne als auch ich bestens mittendrin eingeschlafen sind. Das war zwar nicht ganz im Sinne des Vorhabens, aber es war gleichwohl friedlich, gemütlich und kuschelig, da kann man auch nicht meckern. Auf die weiteren Teile werden wir aber verzichten, denke ich. Ferner gab es für ihn einen Mangaband aus der Reihe “Fairy Tail” (kein Schreibfehler) die Zentralbücherei hatte die Nummer 10 nicht vorrätig und so geht es ja nicht. Weiter kaufte er den mittlerweile dritten Band der Reihe “Dämonen-Akademie”, da er kein Harry-Potter-Fan ist, stellt das jetzt seine größte Leselangstrecke dar, es muss wirklich enorm spannend ein. Für mich gab es von Yuval Harari: Homo Deus – a brief history of tomorrow, hier die Seite zur deutschen Ausgabe. Ich lese es aber in der englischen Version, ab und zu auch sprachlich etwas Weiterbildung,

Sohn II kam nicht zu kurz, hatte aber gerade keine Wünsche und beschäftigt sich eher mit Verzicht, auch so etwas kommt vor.

Wie immer in den wenigstens halbwegs warmen Monaten gab es mehrfach Eis für alle, die Söhne tendieren dabei gerade zu irgendwas mit Milchreis drin, ich weiß ja nicht. Das Verpflegungseis auf der Stadtwanderung von Sohn II und mir war natürlich auch dabei.

Ausdrücklich gab es ferner Geld für Gebäck von “Oriental Sweets”, einem Laden aus unserem kleinen Bahnhofsviertel, ich habe das schamlos ganz alleine ausgegeben und die Einkäufe ohne alle Zuschauer verzehrt, das war auch einmal schön. Und nahrhaft, verdammt nahrhaft. Weiter gab es etwas Geld ausdrücklich für Wanderschokolade, das wurde selbstverständlich auch entsprechend auf Vorrat umgesetzt.

Nach wie vor offen sind weiterhin Posten für “Unsinn und Verwegenes” und auch “gegen Schwerkraft”, aber mir fällt dazu noch im Laufe des Jahres etwas ein, da bin ich sicher.

Die Herzdame hat von der ihr zugewiesenen Summe diesmal den Eintritt ins Schloss Schönbrunn in Wien bezahlt, dort auch das Fahren mit Elektro-Rollern getestet, ein Schnitzel bei Figlmüller gegessen sowie “richtig guten Kuchen” bei Prückel. Und hat sie darüber gebloggt? Keine Zeile. Zustände sind das, wirklich schlimm.

Wie immer gilt: Verbindlichen Dank für jeden eingeworfenen Euro und auch jeden Cent! Weltbeste Leserinnenschaft, echtjetztmal, die Herren sind mitgemeint.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Krass mittel

Die Fortsetzung zu diesemText

Die Wandersaison ist da und ich habe mit Sohn II eine kleine Testwanderung unternommen, einen überschaubaren Fitness- und Teamtest sozusagen. Das war eine Großstadtregenwanderung, so etwas geht auch. Nachdem ich im letzten Jahr erhebliche Probleme mit den Armen hatte, habe ich jetzt ein kleines Fußproblem, Macken am Bewegungsapparat kann ich nämlich wirklich gut. Aber es hält mich noch nicht auf, hat sich gezeigt. Na gut, Drei-Tagestouren würde ich im Moment nicht gerade machen, aber egal, das muss ich ja auch nicht. Wir sind einfach mit der U-Bahn in Richtung Garten gefahren und nicht wie immer ausgestiegen, wir sind bis zur Endstation Mümmelmannsberg sitzen geblieben und dann von da aus ohne Karte oder Plan zurückgegangen, bescheidene neun Kilometer, etwas mehr vielleicht.

Das ist natürlich keine besonders aufregende Strecke, Stadt eben, wenn sie auch durch den Wechsel der Bebauung dennoch einigermaßen unterhaltsam ist. Besonders der Sohn ist immer wieder davon beeindruckt, dass die Stadt mal schön ist und mal nicht, in dem Alter nimmt man das noch nicht einfach so hin, sondern steht alle paar Schritte vor der Frage: “Wie isses nun bloß möglich?” Ja, warum eigentlich gibt es so unfassbar hässliche Stellen in der Stadt. Warum gibt es andererseits plötzlich ganz zauberhafte Winkel und waldartige Grünstellen, dann wieder Betonklötze und Auftürmungen in Deprigrau, warum? Es liegt nicht nur am Geld, stellen wir fest, es gibt auch arm-schön und reich-hässlich, und zwar ganz eindeutig. Wie bei allen Wanderungen fragen wir uns oft, ob  man da wohl leben wollen würde, also etwa genau in dem Haus da, guck mal:

“Man kann auch besser wohnen.”

“Aber auch viel schlechter!”

“Ja, es ist mehr so krass mittel.”

Und dann überlegen wir, ob krass mittel okay ist oder eher knapp unterhalb von okay, das ist im Grunde ein großes Thema, und große Themen passen sehr gut zu Wanderungen. Wir kommen irgendwie auf Berufe und Karrieren, aufs Schreiben und Dichten, wir kommen auf tausend Umwegen auf Dichterlesungen, er findet das Wort so witzig, Dichterlesung, meine Güte, das kann doch keiner ernst nehmen. Er fragt, wo ich schon überall gelesen habe und wo demnächst, er stellt ganz richtig fest: “Du bist ja eher kein Dichter. Du bist mehr so der Geschichter.” Ich muss mal wieder über neue Visitenkarten nachdenken.

Das Hamburg um uns herum wirkt auf einmal kreisstadtklassig, ich denke an das Begemannsche “Bad Salzuflen weltweit”. Wir kaufen ein Eis in einer Konditorei, in der die letzten zwanzig bis dreißig Jahre nicht stattgefunden haben, eine Verkäuferin erklärt einem sehr alten Herren gerade, dass das mit dem Mürbeteig hier immer schon so gewesen sei, wirklich immer schon, und ich verstehe sofort, warum ringsum nur CDU-Plakate hängen.

Wir gehen über eine Autobahnbrücke und dann noch einmal zurück, weil die Wirkung der gigantischen Lärmschutzwand sehr faszinierend ist. Wir stellen uns davor und daneben und hören, wobei der Sohn unentwegt schimpft und flucht, diese Generation wird nicht als autoverliebt in die Geschichte eingehen. Die Autobahnbrücke zieht runter, die hässlichen Ecken der Stadt auch, so etwas möchte er gar nicht sehen, ich eigentlich auch nicht, die nächste Wanderung soll dann doch bitte an der Ostsee oder irgendwo draußen stattfinden.

Wir gehen durch Kleingärten. Wir beide haben eine fachmännisches Interesse an Kleingärten und gehen jetzt einen Kilometer mit Kennerblick, das haben wir uns im letzten Jahr verdient. Völlig entsetzt stehen wir vor überfrachteten Wahnsinnsgebilden durchgedrehter Dekorationskunst in Laubenfenstern. Da müssen wir natürlich schon wieder einiges besprechen, nämlich was der Mensch schön findet und was tatsächlich zweifellos schön ist, also etwa der Baum da. Gut, dass wir verglichen haben.

Schließlich kommen wir im eigenen Garten an, es regnet mittlerweile in Strömen. Wir werfen uns aufs Bett und halten Mittagsruhe, während hinter der Holzwand Wasser in die Regentonne plätschert, fröhlich plätschert hätte ich fast geschrieben, denn so klingt es tatsächlich, es plätschert und plätschert und es ist das allerbeste Einschlafgräusch der Welt, zumindest heute. Weiter hinten am Himmel wird es schon wieder hell, die Temperatur in der Laube ist genau richtig und für einen kleinen Moment ist einmal alles gut. Das braucht man auch ab und zu, stellen wir fest und merken wieder, die Pausen nach den Wanderungen, die gehören ganz klar zu den schönsten, die man machen kann.

Dann finden wir Schokolade in den Schränken und es wird alles noch besser.

Die Fortsetzung des Wanderberichtes ist hier.

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Schulhofvokabeln

Return to sender.

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Die Unterschätzung des digitalen Raumes durch die Medien. Man beachte darin den Clip mit dem Vortrag von Luisa Neubauer und Jacob Blasel. Wirklich interessant.

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Johnny Haeusler dagegen dreht die ganze Lage etwas ins Positive, das ist auch nicht verkehrt.

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Was Felix sagt.

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Sven kauft ein E-Bike. Also theoretisch.

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Hier drüben endet ein Eintrag mit den Worten “Im Übrigen bin ich der Meinung …”, und wenn ich in den letzten Jahren nichts weiter erreicht habe, als diese Tradition in Blogs zu begründen – nun. Besser als nichts.

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Da mal drüber nachdenken, wie der olle Kempowski gesagt hätte. Also ich sage das zu mir selber, versteht sich, nicht zu Ihnen. Sie kommen ja vielleicht ganz gut klar mit dem Konzept. Ich überhaupt nicht.

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Gestern fiel mir wieder auf, dass einige Erwachsene gewisse Schulhofvokabeln gar nicht kennen. Genau genommen fiel es mir bei der Herzdame auf, was natürlich erstaunlich ist. Vielleicht spricht sie nicht mit den Söhnen, das muss ich noch genauer eruieren. Jedenfalls Schulhofvokabeln. Etwa das bei den Söhnen völlig übliche “sich maulen”. Das meint, sich aufs Maul zu legen. Wenn man also mit dem Tretroller stürzt, weil man etwa einen Salto über den Kantstein macht, dann hat man sich gemault: “Ey, ich hab mich da vorhin voll gemault, Alter.” Wenn Sie das nicht kannten, das können Sie ab jetzt auch so verwenden, das ist normal. “Mit ihrer Äußerung zur Meinungsregulierung hat sich AKK heftig gemault.” Der Satz, ich nehme ihn nur als völlig willkürliches Beispiel, würde hier auf dem Schulhof so durchgehen.

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Gleich mehrfach habe ich in letzter Zeit gesehen, dass Menschen morgens vor Bürohäusern Selfies machen. Ausgesprochen schlechtgelaunte Selfies ohne auch nur den geringsten Versuch eines Lächelns waren das, da wurden graue Momente des werktäglichen Elends festgehalten, Sekunden vorm Reingehen, guckt doch mal, wie unfassbar mies ich heute wieder drauf bin. Mit diesen Gesichtern, die man aus den morgendlichen S-Bahnen kennt, mit den immer weiter nach unten drängenden Mundwinkeln und dem trüben Blick. Ist das ein neuer Trend? Macht man das jetzt so? Landet das auf Instagram oder nur in Whatsapp-Familiengruppen, in denen damit demonstriert wird, was man wieder alles tut, nur um zum Haushaltseinkommen beizutragen? Ich weiß es nicht.

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Auf einem Bildschirm an einem U-Bahngleis erscheint die Meldung, in der vor dem Tragen der Kippa gewarnt wird. Zwei Männer stehen davor und lachen, die Meldung erheitert sie auf denkbar unschöne Art. Dann sehen sie sich kurz um, ob ihr Lachen womöglich irgendwie auffällt. Ich könnte jetzt kurz auf das Aussehen der Männer eingehen und wir könnten gemeinsam raten, wo sie wohl herkamen, das sind ja ganz naheliegende Gedanken, könnte man meinen, aber sinnvolle Gedanken sind das nicht. Denn man sieht es eben nicht, wo sie herkamen, man nimmt da nur Wahrscheinlichkeiten an. Wenn Sie jetzt als Leserin gerade an bestimmte Typen gedacht haben, an stramme blonde Nazis oder doch an eher dunkle Araber, das sind auch nur so Gedanken. Zwei Männer stehen da, so viel wissen wir, mehr nicht. Sie stehen da und lachen, es ist völlig egal, wo sie herkamen. Es ist auch so schon schlimm genug.

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Ein Instagram-Tipp von Sohn I, den fand ich auch gut:

 

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#ruthe #cartoon #zocken #spielen

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Ich denke übrigens nach wie vor über meine Vorsätze 2019 nach, womit ich vermutlich einer strebsamen Minderheit angehöre. Aber es ist für mich weiterhin interessant, da weiter zu justieren, auch kurz vor der Halbzeit. Einiges läuft, einiges läuft überhaupt nicht oder bestenfalls so mittel. Immerhin denke ich noch nicht daran, einen Punkt – handliche zehn hatte ich mir im Januar notiert – komplett sausen zu lassen. Einen hatte ich tatsächlich eine Weile lang ganz vergessen oder eher verdrängt, mit einem habe ich noch gar nicht begonnen, das ist aber in Ordnung, der war jahreszeitlich beschränkt und ist ein rein sommerliches To-Do, der kommt noch. Ein Punkt klang total einfach, nämlich das überschaubare Vorhaben mehr rauszugehen, mehr Veranstaltungen zu besuchen, das fiel damals auch mit der Komfortzonendiskussion zusammen, also andere Themen zulassen usw. – na gut, dachte ich, dann gehste eben mal irgendwo hin, was weiß ich, öfter mal ins Theater, ins Kino, zu Barcamps und Podiumsdiskussionen. So etwas. Das hat nicht gut geklappt, das hat fast überhaupt nicht geklappt, was mich in den letzten Wochen schwer genervt hat. Sie kennen das, diese nagende Unzufriedenheit mit der Alltagsgestaltung. Ich meine, es klingt doch leicht und einladend, einfach mal rauszugehen, was soll daran schwer sein, ich kann hinterher sogar drüber bloggen, das ist doch super? Die Gewohnheit, die Müdigkeit, das Wetter, die Schwerkraft, was sind denn das bitte für Gründe dagegen.

Umso mehr habe ich mich jedenfalls gefreut, dass genau in diese Gedanken eine Möglichkeit fiel, mit einem neuen Kunden zu kooperieren, der passt da nämlich fast schon unheimlich gut in diese Situation, im Grunde ein Fall für den Freundeskreis Zufall. Die Hamburger Körber-Stiftung wird hier ab und zu per Banner auf Projekte und Termine aufmerksam machen, was ich zum Anlass nehmen werde, mir die Veranstaltungen der Stiftung öfter anzusehen. Wobei “öfter” leicht gesagt ist, denn bisher war ich da noch nie, habe das aber seit Ewigkeiten schon vorgehabt, weil ich beim Programm manchmal “Ach guck” gedacht habe, “das könnte ja interessant sein.“ Okay, nun aber wirklich.

Die Körber-Stiftung beschäftigt sich mit Themen wie Leben im Exil, Innovation, Internationale Verständigung, Europa, es gibt eine Unzahl von Projekten, Veröffentlichungen und Vorhaben. Von denen war übrigens auch die Instagram-Reihe Gesichter des Exils, die hatte ich hier im Blog bereits vor einiger Zeit verlinkt, das haben Sie vielleicht gesehen.

Gestern war ich in diesem Zusammenhang bei der Rede zum Exil von Liao Yiwu, dazu dann in Kürze mehr.

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Völlig unpassend zum Dichter aus dem Osten kommt der Musik-Tipp von Sohn I heute weit aus dem Westen: Old Town Road.

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Ein hübscher Satz nur

Für das Goethe-Institut habe ich über Streckensperrungen geschrieben. Warum auch nicht.

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Sohn I erlernt in der Schule gerade das Schreiben von Rezensionen und hat dabei festgestellt, dass er ja beim Bloggen schon eine ganze Menge darüber gelernt hat.

 

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Ich habe “Was uns stark macht” gelesen, das ist ein Interview-Band der Journalistin Annick Cojean (Le Monde), aus dem Französischen übersetzt von Kirsten Gleinig. Interviews mit 21 Frauen, etwa mit Amélie Nothomb, Patti Smith, Juliette Gréc0, Claudia Cardinale, Joan Baez, Vanessa Redgrave, Cecilia Bartoli. Nicht alle waren mir bekannt, aber doch viele. Es geht immer um die Frage und den Einstieg: “ Ich wäre nicht die, die ich heute bin, wenn …”

Fast alle Frauen beantworten das mit Geschichten, eine einzige verweigert sich in intellektueller Überlegenheit der Antwort, Vanessa Redgrave macht das, die – natürlich völlig und irgendwie langweilig korrekt – darauf hinweist, dass man das so doch gar nicht beantworten könne,  weil das Leben so nun einmal nicht sei. Aber diese Korrektheit ist etwas bedauerlich, weil die von den anderen erzählten Geschichten viel interessanter sind, die wunderbar konstruierten und oft erzählten, romanhaft ausgestalteten Selbstbilder mit den klar erkennbaren Dreh- und Angelpunkten, ich habe das ausgesprochen gerne gelesen. Eine einzige Frau, Cecilia Bartoli, geht sogar auf einen Tag, auf einen Moment herunter, auf eine Minute und das Wetter darin – wenn da die Sonne geschienen hätte, sagt sie, dann … und auch das ist eine sehr gute Geschichte. Was nicht davon ablenken sollte, dass auch niederschmetternde  Geschichten in dem Buch stehen, etwa zu sexueller Gewalt, Unterdrückung und Erfahrungen mit uralten Rollenbildern, und nicht gerade wenig davon. Aber es sind Interviews mit sehr erfolgreichen Frauen, die Entwicklungen hin zu einer Karriere oder einem Lebensziel stehen im Vordergrund.

Natürlich ist es nebenbei auch interessant, den Einstiegs-Satz selbst anzuwenden. Ich hatte da spontan eine Antwort parat, auf die ich noch gar nicht gekommen war, manchmal bringt es eben die Formulierung der Frage, das können Sie selbst ja auch mal eben im Geiste durchspielen, dass sie also nicht die oder der wären, wenn …

Im Buch las ich außerdem einen Satz von erstklassiger und postkartentauglicher Kalenderspruchgüte. So etwas überlese ich normalerweise genervt, aber manchmal spricht mich dergleichen auch an, so wird es wohl jeder und jedem gehen, und dann trifft es eben gerade etwas. Delphine Horvilleur ist eine französische Rabbinerin, eine von nur dreien übrigens, und sie sagt da: “Ein chassidischer Satz besagt, man solle niemals jemanden nach dem Weg fragen, der ihn kennt, man würde sich sonst womöglich nicht verirren.”

Nun, das ist tatsächlich nur so ein hübscher Satz. Aber er ist mir gerade sehr dienlich. Und wenn ich lange genug drüber nachdenke, komme ich vielleicht sogar noch darauf, warum ich das so empfinde.

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Musik! Die oben genannte Cecilia Bartoli.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte. Wobei auch gewisse Parteivorsitzende … ach, egal.

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Dortmund und dicke Berliner

Ein Terminhinweis in eigener und auch noch in guter Sache – ich lese mit Vanessa Giese in Dortmund am 6. Juli, alle Details hier bei ihr.

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Sven war bei Friday for future.

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Meine Heimatstadt Lübeck jetzt auch mit Klimanotstand.

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Plastik und Basstöpel auf Helgoland.

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Zäune und Mauern, diesmal mein Heimatbundesland, bzw. nebenan.

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Christa Pfafferott fährt Bus.

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Auch ein Ausweg aus dem Anthropozän. Das Beispiel Schweiz ist dabei egal, es sieht in anderen Ländern ähnlich aus.

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Ich habe am Morgen einen Vogel gesehen, den ich hier sonst nicht sehe, einen grauen Vogel mit schwarzem Kopf, eine Mönchsgrasmücke, wenn ich mich nicht irre. Ist das nicht ein schöner Name? Mönchsgrasmücke, wie toll ist das denn. Sie ist wohl auch gar nicht so selten, aber gesehen habe ich sie noch nie.

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In der Bäckerei bedient eine ältere Verkäuferin, ich habe mehrere Kinder dabei. Sie fragt die Kinder nach ihren Wünschen, blickt dann anschließend zu mir und fragt: “Na, und der Herr Papa? Noch einen dicken Berliner vielleicht?”

Mal davon abgesehen, dass ich nicht gerne als “Der Herr Papa” von fremden Leuten angeredet werde, sind die Berliner in der Auslage dieser Bäckerei gar nicht besonders dick, sondern ganz normal, so wie sie eben überall aussehen. Wenn so ein rundes Gebäckstück überhaupt dick sein kann, mir kommen da gerade Zweifel. Durchschnittsberliner eben. Ich sage jedenfalls: “Der Herr Papa ist schon selbst dick, nein danke.” Die Verkäuferin sieht mich kurz prüfend an – und widerspricht mir nicht. Es gibt wirklich keine Höflichkeit mehr auf der Welt.

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Musik! Und morgen wollen wir einen Termin nicht vergessen, nicht wahr.

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Bekritzelt, erklärt und mit Anmerkungen versehen

Die Bücherei-Ausgabe der Erzählungen von Gabriele Wohmann, die ich gerade gelesen habe, ist von 1968, sie ist also fast so alt wie ich. Das Buch wurde vermutlich mehrfach neu gebunden und beschnitten, es ist jetzt alles etwas zu eng geraten. Wenn man das Buch aufklappt, dann sieht es aus, als müssen man die Zeilen immer über zwei Seiten hinweg lesen, denn den Spalt und den Weißraum in der Mitte gibt es nicht mehr, der fiel dem Buchbinder zum Opfer. “Wie geht denn dieses Buch”, fragen die Söhne, man kann es tatsächlich kaum aufklappen.

“Gesetzt in der Garamond Antiqua”, das steht noch hinten drin, und dass der Verlag Luchterhand heißt, das muss man dann schon wissen, entziffern kann man es kaum noch, da fiel der Schnitt etwas zu rabiat aus. Ein stark genutztes Büchereibuch ist das, vielfach malträtiert und durch tausend Hände und Haushalte gegangen. Mitten im Buch prangt ein roter Stempel: “Zentralbücherei Mönckebergstraße”. Da war die Bücherei bis 1971, das heute klein wirkende Gebäude mit dem Brunnen davor war das einmal, die Volkslesehalle. Da hat das Buch also noch gestanden und dann hat es zwei oder drei Büchereiumzüge mitgemacht, nie hat es jemand aussortiert, denn die Wohmann, die liest man doch.

Es sind Geschichten voller Bosheiten in dem Buch, wenn die Wohmann Menschen beschreibt, dann gerne mit vorzüglichen Beleidigungen, das habe ich gar nicht gewusst. Es sind aber auch sehr ernste Geschichten, sehr auf Wirkung berechnete und äußerst kunstvoll konstruierte dabei, alle Achtung, was ich da neulich gelesen habe, von der Großmeisterin der Erzählung, das verstehe ich jetzt schon besser.

Manche Stellen klingen vielleicht aus heutiger Sicht etwas arg so, als sei die nächste Deutscharbeit nicht weit, Interpretation Kurzprosa, 45 Minuten Zeit, bitte sehr, es schaudert einen schon beim Lesen. Was für ein Glück, aus dieser Lebensphase heraus zu sein. Dass man das erfolgreich hinter sich gelassen hat! Dass man jetzt beim Lesen in aller Seelenruhe irgendwas überlesen und komplett verpassen darf, eine Andeutung, einen Bezug, einen Wink mit dem Zaunpfahl, völlig egal. Ich habe gerade nicht aufgepasst, macht nichts, wie entspannend ist das bitte. Immer wieder stoße ich auf gewisse Stellen und denke, früher hättest du da mal zwei Seiten lang drüber nachdenken müssen, auch im Studium ja noch.

Alle paar Seiten kommen Absätze, Stellen, Zeilen und Begriffe, die sind markiert, unterstrichen, besternt, mit Frage- und Ausrufezeichen hervorgehoben, die sind bekritzelt, am Rande erklärt und mit Anmerkungen versehen. Mit Bleistift, Kuli und Textmarker, in kindlichen Handschriften und steilen Altherrenschriften. Mit butterweichen Buchstaben wurde sorgsam etwas notiert, in unlesbaren Hieroglyphen wurde etwas hingeschmiert. Unwillkürlich denkt man beim Lesen mit, wenn da jemand das Wort “Haus” unterstrichen hat, warum denn jetzt das? Ist das Haus metaphorisch, was ist an dem Wort da jetzt das Besondere, ist es ein Fehler, ein Hinweis, was hat sich der andere Mensch denn dabei bloß gedacht? Ist der schlauer als ich oder aber noch argloser und verpeilter? War das ein ratloser Oberschüler mit mangelhaften Leistungen im Fach Deutsch oder war es eine Deutschlehrerin auf der Suche nach einem abgründigen Abi-Thema? Wer ist da warum über das Wort gestolpert? War es am Ende ein unseriöser Spaßvogel, der sich dachte, pass auf, ich unterstreiche hier mal irgendein Wort und dann  denken künftig alle Leserinnen zwanghaft genau darüber nach, wie cool ist das denn? Man weiß es nicht.

Unter einer Geschichte, die damit endet, dass es um die Nachbarn ging, was also die Pointe ausmacht, ohne das jetzt erklären zu wollen, steht in Bleistift die zarte und noch sinnende Frage: “Waren es die Nachbarn?” Da möchte man “Ja”, drunter schreiben, “Ja, du hast es verstanden. Herzlichen Glückwunsch.” Aber nie würde jemand diese Antwort lesen. Wir lesen alle nur die Fragen und Vermutungen der anderen in Büchereibüchern, wir raten und ahnen ihre Gedanken und antworten im Geiste, es ist ein sehr stilvolles und zurückhaltendes Social Reading.

Ein wenig ist es wie im Öffentlichen Personennahverkehr – man sieht die anderen, man kommuniziert aber nicht, man macht sich nur Gedanken. Ich mag das.

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Musik! BAP mit einem Dylan-Cover. Sehr gelungen, finde ich, aber was weiß ich schon. Ich würde mit Bleistift “toll” dran schreiben.

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Solopart

Wie schnell sich die Dinge ändern.

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Entrepreneurs for Future. Warum auch nicht.

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Im Vorübergehen gehört:

“Ich hänge mich da jetzt profimäßig rein und ziehe das durch, ich ziehe das gerade so dermaßen durch, da kommen einige aus der Abteilung schon gar nicht mehr mit.”

“Alter, was laberst du.”

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Die Unsympathen des Tages waren passend zum letzten Absatz heute wieder jene jungen Business-Kasper, die im Supermarkt in der Kassenschlange telefonieren, betont laut telefonieren, damit auch ja alle von ihren Heldentaten hören, und die, wenn sie endlich dran sind, auch dann ihr Handy nicht wegstecken, sondern in verrenkter Körperhaltung, das Handy an die Schulter geklemmt, immer weiter blöken und alle pflichtgemäßen Fragen der Kassiererin nach Kundenkarte und Bon etc. mit einer lediglich wegwedelnden Handbewegung und hochgradig genervten Blicken beantworten, weil ihre Werbe-Online-Consulting-Tralala-Projekte ja wichtiger sind – erheblich wichtiger! – als alle Grundformen der Höflichkeit gegenüber aus ihrer Sicht unbedeutenden Randfiguren in anderen Berufen. Es widert mich an.

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Die Herzdame ist für fünf Tage auf Reisen, die Söhne und ich absolvieren hier weiter den Alltag. Und wenn Sie schon lange mitlesen, es gibt da ja ein paar Spezialexpertinnen, die das Blog quasi von Anfang an kennen, wenn Sie das hier also schon jahrelang verfolgen, dann wundert Sie der gleich folgende Satz vielleicht gar nicht, mir fiel es auch gestern erst auf, dass es dabei vermutlich um eine Besonderheit geht, um etwas, dass in so altgedienten Beziehungen wie der unseren nicht gerade häufig vorkommt, nehme ich an, aber wissen Sie, es ist jedenfalls so: So lange waren wir noch nie getrennt. Romantik!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Lila 79

Man wird ab einem gewissen Alter bekanntlich immer öfter von Erinnerungen angeweht, die jahrelang komplett verschüttet waren. Plötzlich auftauchende Bilder, die sind einfach da, manchmal ohne dass man auch nur ansatzweise einen Zusammenhang mit irgendwas erahnen könnte. Man geht beim Discounter an der Milch vorbei und weiß auf einmal wieder ganz genau, wie die Küche damals bei Oma aussah und welcher Topf da in welchem Schrank gestanden hat. Daran hat man immerhin über vierzig Jahre nicht gedacht, aber jetzt – zeichnen könnte man das, so irritierend genau ist das Bild und man fühlt auch wieder den Knopf der Schranktür in der Hand.

Aber auch ungenaue Bilder tauchen auf, vage Ahnungen von etwas. Die sind tendenziell unangenehmer, weil sie sich anfühlen, als sei an ihnen noch zu arbeiten, als sei da etwas zu ergründen und zu ergrübeln. Gestern überkam mich im Büro: Ich bin etwa dreizehn Jahre alt und ich lese ein Buch aus der Erwachsenenabteilung der Bücherei in Travemünde. Die es übrigens gar nicht mehr gibt, habe ich neulich gemerkt, das Gebäude ist verschwunden. Ich stand etwas betroffen vor dem Grundstück, denn es gehört sich ja nicht, die Erinnerungen anderer Leute einfach ungefragt abzureißen. Ich habe eine seltsam lebendige Erinnerung an die beiden Bibliothekarinnen dort, ganz genau sehe ich die vor mir, eine große und eine kleine Dame, manchmal habe ich die täglich gesehen, jahrelang. Bücherstapel raustragen, Bücherstapel reintragen. Auch die ganze Bücherei habe ich noch parat, die Anordnung der Sachgebiete und alles, ich könnte heute noch zeigen, wo bei den Romanen die Autorinnen mit S und wo die Drehständer mit Science-Fiction und Krimis stehen. Standen. Das Buch, das ich da in diesem Erinnerungsmoment lese, das ist jedenfalls nur so ein Versuch. Mit den Kinderbüchern bin ich irgendwie durch, jetzt doch mal was anderes, mal sehen, was die Großen eigentlich so lesen. Es sind Kurzgeschichten, sie sind von Gabriele Wohmann und auf dem Einband des Taschenbuchs ist irgendwas mit Lila. Ich lese eine Geschichte, die auch tatsächlich interessant ist, der Rest des Buches überfordert mich dann aber doch. Vermutlich geht es um Probleme in Ehen und Beziehungen, ich bin zu der Zeit allerdings noch mit Stofftieren und Fantasiegebilden liiert und kann nicht recht mitdenken.

Ich sitze also im Büro und sehe auf einmal vor mir und fühle auch, wie ich dieses Buch aufschlage, mehr nicht, es geht nicht weiter. Ein winziger Moment aus einem Sommer etwa 1979, ein Sekundenteil nur, kein Zusammenhang mit irgendwas fällt mir ein. Es ist auch weder schön noch schrecklich, es ist einfach nur. Ich gehe nach der Arbeit in die Hamburger Zentralbücherei und sehe mir den Regalmeter Wohmann an, die Dame war beeindruckend produktiv. Ich nehme einen Kurzgeschichtenband mit Lila auf dem Einband, “Ländliches Fest und andere Erzählungen”. Ich habe den Verdacht, wenn ich die ersten Zeilen der Geschichte von damals lese, dann fällt sie mir wieder ein, nein, das ist gar kein Verdacht, das ist nur eine wirre Hoffnung. Und natürlich kommt es auch nicht so, bei der ersten Geschichte klingelt rein gar nichts. Gut ist sie dennoch.

Ich überlege, was ich über Gabriele Wohmann weiß, das ist wenig bis nichts, ich googele ihr hinterher und guck an, Meisterin der deutschen Kurzgeschichte, eine ungeheure Anzahl davon hat sie geschrieben. Ich habe sie seit damals nie wieder gelesen, die war auch eher so Mütter-Literatur. Also zumindest in meiner Wahrnehmung, das muss nichts mit dem tatsächlichen Werk zu tun haben. Wirkt Wohmann nach, liest man die noch? Ich weiß es nicht.

Aber auch egal, ich kann mir ihre Bücher ja mal ansehen. Also zumindest die mit irgendwas in Lila auf dem Titelbild.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Kawummgewinn

Alle Welt teilt heute das bemerkenswerte Video eines jungen Youtubers, der sich aus politischen Gründen nachvollziehbar in Rage redet, ich mache das auch. Wenn man sich viel später einmal fragen wird, wie das denn damals genau war, als die “Fridays for Future”-Kampagne allmählich deutlich an Kawumm gewann – ich denke, das kann als Quelle dienen. Und wenn man sich heute fragt, ob dieser Stil und dieser Inhalt bei der jungen und sehr jungen Zielgruppe auch ankommt – aber hallo.

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Ich habe “Die Glut” von Sándor Márai durchgelesen, übersetzt von Christina Viragh. Der Herr war mir nicht geläufig und die k.u.k.-Zeit ist auch nicht gerade mein Lieblingsthema, aber wie bei fast allen Büchern, die sich mit dieser Epoche beschäftigen, spricht mich das geringere Tempo an, my special kind of wellness. Ironisch-nostalgisch oder wie man das dann korrekt benennt. Wenn im Roman eine Kutsche fährt, dann werde ich ruhiger, es wirkt eben. Zugegeben, ich könnte mir auch Bildbände ansehen, so wenig geistreich ist dieses Lesen. Macht nichts.

Man kann das Buch natürlich intellektuell nennenswert ambitionierter als ich lesen und es dann ebenfalls gut finden, habe ich jedenfalls im Internet gesehen. Und da ich dem Herrn Márai damit vielleicht eher gerecht werde, sehe ich demnächst auch noch schnell in seine Tagebücher.

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Im kulturellen Gegensatz dazu war ich mit den Söhnen neulich erst in einem Skater-Park und direkt danach in einem Fachgeschäft für Graffiti-Ausrüstung und Street-Style-Fashion für den Urban Jungle, wo ich mich dann konsequenterweise so fühlte, als sei ich der Urgroßvater der beiden. Selbstverständlich war ich aber hauptsächlich als Zahlmeister anwesend, und das bekommt man auch bei der größten inhaltlichen Fremdheit hin.

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Am Sonntag hat die Herzdame in der Laube Vorhänge montiert, hier die Bildbeweise:

 

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Ich habe mich derweil in eine frühsommerliche Pflanz- und Sä-Ekstase gearbeitet, alles, was nach den Eisheiligen raus oder in die Erde konnte, ist jetzt auch tatsächlich am Start und im Boden. Außerdem habe ich, da sämtliche Beete schon seltsam voll waren, reihenweise sinnlos und leer herumstehende Blumentöpfe und Kübel bepflanzt, bis ich vier große Sack Erde verbraucht hatte. Jetzt müsste in ein paar Tagen überall etwas sprießen.

Es gibt, soweit ich sehe, tatsächlich nur eine einzige offensichtliche Lücke im Buchmarkt für den Gartenfreund, nämlich ein Buch, das freundlich erklärt, wie man mit verdammt wenig Zeit einen Garten halbwegs ansehnlich betreiben kann. Es gibt mehrere Bücher über das Gärtnern mit verdammt wenig Geld, aber wenig Zeit zu haben, das scheint in Gartenkreisen nicht verbreitet zu sein. Seltsam, als ob den Menschen mit dem Garten auch die Muße und die Freizeit zuwachsen würden, bei mir ist das nicht so.

Was ich sagen wollte: Mit einem Wochenende in der zweiten Maihälfte kann man schon recht weit kommen, die nächsten paar Tage wird es bei uns wieder nichts werden.

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Der Musiktipp heute von Sohn I: Pretty Girl.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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