Umbau

Wir haben aufgrund einer höchst eigenwilligen und eher schrullig wirkenden Idee von Sohn II das Kinderzimmer umgeräumt, wir haben einfach am Sonntagmorgen mal eben alle Möbel bewegt und selbstverständlich auch gleich spontan durchgeputzt, warum auch nicht, man hat ja sonst nichts vor am einzigen komplett terminfreien Tag im Monat, wenn nicht sogar im Quartal, den kann man sich doch auch einigermaßen originell ruinieren, aber selbstverständlich kann man das. Nachdem das Kind schon seit gefühlten Ewigkeiten immer wieder und wieder mit dieser Idee herumgenervt hat, dachten wir jetzt, okay, dann machen wir das eben endlich einmal, dann sieht auch er ein, dass es so einfach nicht geht, gar nicht gehen kann, wozu ihm leider altersbedingt noch die Einsicht fehlt – und dann schieben wir alles sofort wieder zurück. Theaterbühne nichts dagegen, kurze Umbaupause, dann geht das Stück schon weiter. Und Schluss ist mit den ständigen innenarchitektonischen Quengeleien und Quertreibereien. Ein für alle Mal.

Nun. Der Sohn hat Recht gehabt, die Möbel stehen jetzt eindeutig besser so. Das mit dem räumlichen Denken kann hier offensichtlich nur einer in der Familie, wir hätten es wissen oder wenigstens ahnen müssen. Wir gehen ab und zu ins Kinderzimmer, sehen uns um und staunen.

Ich bringe die ganzen Interieur-Zeitschriften der Herzdame also demnächst einfach zum Altpapier, die sind alle völlig sinnlos. Wenn künftig etwas einzurichten oder umzubauen ist, wir fragen einfach den Sohn.

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Musik! Chuck Berry, You never can tell – in der nettesten aller Versionen.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen, heute dann wohl wieder für Sohn II. Herzlichen Dank!

Alles geben

“Wir lieben Passagiere am meisten, die alles geben, damit die Türen frei bleiben.” So steht es auf Plakaten in den Hamburger Bussen, ich zitiere das nur aus dem Gedächtnis, vielleicht weicht der Satz in Wahrheit minimal ab, das kann sein. Ich stelle mir vor, wie die Damen und Herren der Werbeagentur sich beim Texten scheckig gelacht haben über den Unsinn, den sie da verzapft haben. Ich stelle mir vor, wie die Zeile zuerst hieß: “Wir lieben Passagiere am meisten, die die Extrameile gehen, damit die Türen frei bleiben.” Ich stelle mir vor wie jemand, längst atemlos und knallrot im Gesicht vor Lachen, diesen Entwurf gerade eben noch wieder einkassiert hat, um dann in letzter Minute vor der Deadline noch das “alles geben” durchzusetzen und an den Kunden zu schicken, immer noch hysterisch kichernd.

Ich stelle mir vor, wie am Montagmorgen etliche Hamburger Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus allen Branchen total kaputt im Büro oder in der Werkstatt oder wo auch immer ankommen, erschöpft, verschwitzt und völlig fertig mit der Welt. weil sie im Bus doch schon alles gegeben haben, damit die verdammten Türen … und auch das erklärt vielleicht ein wenig, warum wir alle so sind, wie wir sind. Stets bemüht, aber seltsam erschöpft.

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Im Vorübergehen gehört:

“Damals hat ja Icke Häßler noch für uns gespielt. “

“Ja, damals! ”

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Nach meinem Helgolandbesuch habe ich gelesen, dass ich den neuerdings ab und zu dort vorbeifliegenden Albatros ganz knapp verpasst habe, und das wäre doch schön gewesen, so einen Vogel mal im Vorbeiflug zu erleben. “Der Albatros kam am nächsten Tag”, das ist als Kurzgeschichtentitel aber auch wieder nur so mittel.

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Wenn die kommende Woche so wird wie die letzte, erscheint hier erst Ostern oder so wieder etwas. Wissense Bescheid, wir tragen alle Helm und murmeln immer wieder die unumstößliche Wahrheit: “Es ist alles nur eine Phase.”

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Sohn II wurde verschiedentlich gefragt, wie denn nun die Sache mit dem Fasten gelaufen sei – wenn wir es schaffen, schreibt er noch etwas dazu. Aber siehe letzter Absatz.

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Musik! Erdmöbel.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen. Herzlichen Dank!

Update

Ruhig auch mal etwas Positives sehen und beschreiben. Ich muss ja nicht lange suchen, ich habe Söhne, die haben noch eine recht intakte Verbindung zum Guten, zum Schönen und zum Mutigen, da kann man sich ab und zu etwas abgucken, auch als Erwachsener. Etwa bei Sohn II, der, wie Stammleserinnen wissen, recht eindeutig dem Freundeskreis Nachdenken zuneigt und ab und zu gerne mal alles durchgrübelt, das Sosein im Hiersein, das Warum und Wohin und andere Themen, mit denen man sich prima auch lebenslang beschäftigen kann. Der hat gestern wieder einmal über sein Verhalten und sein Verhältnis zur Welt nachgedacht, es ist ganz unerheblich, worum es da genau ging, er hat sich jedenfalls gefragt, was er richtig macht und was falsch. Und er ist nach etwas Grübelei zu Schlüssen gekommen, zu Maßnahmen und zu neuen Zielen. Er hat das alles kurz bilanziert und die Übung dann bei einem Spaziergang mit einem bemerkenswerten Satz beendet, den ich mit freundlicher Genehmigung hier zitieren darf. Darüber nachdenken darf ich vermutlich auch. So also klingt es, wenn man sich entschlossen hinterfragt und dann fix etwas anders als vorher justiert:

“Ich bin jetzt eine neue Variante von mir. Du sprichst bereits mit dem Update.”

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen, heute selbstverständlich für Sohn II. Herzlichen Dank!

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One of those days

Als die Söhne noch in der Kita waren, gab es da eine Erzieherin, die uns die Kinder nachmittags immer mit diesen Worten überreicht hat: “Gut gegessen, gut geschlafen, gut gespielt.” Jeden Tag. Und wenn man das über hundertmal und jahrelang gehört hat, dann merkt man sich das natürlich und behält es im Familiengedächtnis. Gut gegessen, gut geschlafen, gut gespielt, das beschrieb einen gelungenen, vollkommen sorglosen Tag und ich will mal beiseite lassen, dass sie es auch dann und zu allen Eltern gesagt hat, wenn es nicht ganz zutraf. Immer aber wäre es doch wirklich schön gewesen, wenn es so gewesen wäre, ein seliger Tag, gut gegessen, gut geschlafen, gut gespielt, das haben sich alle Eltern immer für die Kleinen gewünscht. Manchmal sagen die Herzdame und ich das abends heute noch auf, wenn wir hysterisch lachend den Tag resümieren.

Heute z.B. habe ich den Tag so dermaßen an die Wand gefahren, dass ich hier schon seit einer halben Stunde vor dem Bildschirm sitze und mich ab und zu leise frage: “Was bitte war das denn?”

Und nach solchen Tagen gibt es so eine kleine Sehnsucht in mir nach einer simplen und vollkommen befriedigenden Beschreibung der Abläufe, nach einem pappeinfachen Resümee. Gut gegessen, gut geschlafen, gut gespielt. Das wäre ihr Preis gewesen, wie Rudi Carrell gesagt hätte, aber das war auch schon wieder sehr damals, fürchte ich.

Aber nun, es kommen ja neue Tage. Sogar am laufenden Band.

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Musik!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen. Herzlichen Dank!

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Terminhinweis: Europacamp der Zeitstiftung (Werbung)

Im letzten Jahr hat Jojo (Sohn I) beim Europacamp der Zeitstiftung am Kinderprogramm teilgenommen und ausführlich darüber geschrieben (Artikel hier), das war die Veranstaltung, bei der er der Jüngste von der Presse war, was ihm natürlich enorm gut gefallen hat. Den Veranstaltern wohl auch, denn in diesem Jahr ist er als Teil des Presseteams wieder dabei und macht da diesmal was mit Interviews und Videos. Die jungen Leute! Ich staune. Und gehe da also gewissermaßen nur als sein Anhang mit hin, denn bei Videos bin ich inhaltlich raus. Bewegtbild ist nicht meine Welt, er aber hatte das schon in der Schule, offensichtlich lernen sie da lauter sinnvolle Sachen. Schön!

Aber apropos Schule. Der Sohn ist ein Ganztagsschüler und kann den Teil des Camps, der am Freitag stattfindet, deswegen nicht besuchen – aber ich kann das. Und das mache ich auch, schon um mich auch noch irgendwie sinnvoll zu fühlen. Mal sehen, ob ich da etwas Blogbares finde, im Zweifelsfall sehe ich mir einfach die Leute an, da geht ja immer was. Aber im Programm findet sich auch die eine oder andere interessante Stelle, das kann man hier nachlesen. Yanis Varoufakis und Sophie Passmann etwa, das kann doch etwas werden.

Die Veranstaltung ist kostenlos (bis auf das Abendprogramm) und findet am 26. (Freitag) und 27. (Sonnabend) April auf Kampnagel in Hamburg statt. Wenn Sie da vielleicht auch Interesse entwickeln? Dann sieht man sich.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Vollsortiment mit Weichzeichner

Auf dem Katamaran zurück nach Hamburg. Einen Tisch weiter kniffelt ein Paar und sie schüttelt die Würfel in den Händen viel zu lange, als wäre alles unter einer Minute ungültig oder so. Einen Becher haben sie immerhin nicht, das wäre noch viel lauter. Aber es klackert auch so ohne Ende zwischen ihren Fingern, warum schüttelt man denn Würfel bloß so lange? Dann würfelt sie endlich und freut sich laut jauchzend und klatscht entzückt in die Hände, dass das ganze Oberdeck Bescheid weiß. Warum sind alle Menschen so laut oder warum werde ich immer geräuschempfindlicher? Vermutlich liegt es am Alter, vermutlich geht es allen so. Sagen Sie jetzt nichts.

Noch einen Tisch weiter spielt ein Dreigenerationenverbund Karten, die reden dabei aber kaum ein Wort, das ist auch wieder erstaunlich. Die gucken nur ernst und spielen und spielen, es nimmt überhaupt kein Ende, immer wieder wird wortlos aufgenommen und abgelegt, ich erkenne nicht, was das sein kann, was sie da spielen, und das Spiel scheint sie weder zu freuen noch zu ärgern, sie bleiben alle ganz ausdruckslos. Während der ganzen Überfahrt holt keiner von denen auch nur einmal ein Handy heraus, die sitzen da wie in den Achtzigern, dazu passende Frisuren haben sie auch. Seltsam.

Die Familie neben mir hat drei Kinder und das vergisst man auch erstaunlich schnell, nein, das verdrängt man erstaunlich schnell, wie intensiv man in der Kleinkindphase als Familienrudel durchdringend nach Feuchttuch riecht.

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Ich sitze mit dem Notizbuch im Anschlag auf dem Katamaran. Die Leute hinter mir:

“Guck mal, der malt.”

“Nee, der schreibt.”

“Na, das ist ja auch ganz schön.”

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Auf Helgoland gibt es einen Edeka-Markt, der ist gar nicht mal so groß, jedenfalls nicht, wenn man ihn mit Großstadtmaßstab betrachtet, aber doch immerhin ziemlich groß für Helgoland, wo alles sonst recht klein ist. Der ist so vollgestopft, dass es in ihm vermutlich alles gibt, was es in unserem Riesenedeka im kleinen Bahnhofsviertel auch gibt, nur jeweils viel weniger Exemplare davon. Es gibt sogar eine winzige Käse- und Wursttheke und die Gäste schieben sich beim Einkauf mit kleinen Schritten und erhobenen Armen aneinander vorbei, weil kaum Platz irgendwo ist, es muss ja alles mit Waren vollgestellt werden, jeder Meter und jede Ecke, jeder Winkel, die Menschen können hier nicht mal eben irgendwo anders einkaufen, sie müssten dafür erst Schiff fahren. Und dieser Laden, das wollte ich eigentlich sagen, der riecht wie die kleinen Läden meiner Kindheit. Ein zusammengestopftes Vollsortiment auf gefliestem Fußboden, alle Waren so eng beieinander, dass sich sämtliche Gerüche und Düfte überlagern, die Äpfel und der Käse und das Fleisch und die Kräuter und die Blumen, die Brötchen und die zurückgebrachten Bierflaschen und der Fisch, der Kaffee und das Suppengrün, das ballt sich alles dicht zusammen und riecht im Ergebnis nach „Einkauf, etwa 1972“.  Und so roch auch später noch der kleine Laden in Travemünde, in dem ich meinen allerersten Job hatte und in dem mir beigebracht wurde, wie man beim Bedienen mit dem Daumen auf der Waage – na egal. Opa erzählt vom Krieg. Wenn Sie jedenfalls nach Helgoland kommen, dann achten Sie mal darauf, dann schnuppern Sie mal, ich denke, das geht nicht nur mir so.

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Beim Frühstück im Hotel sehe ich die Senioren des Tages. Vielleicht gehört es zur alternden Gesellschaft, dass mir neuerdings jeden Tag beschreibenswerte Rentner auffallen, es laufen eben sehr viele davon herum. Also nicht nur auf Helgoland, überall im Land. Die Senioren des Tages jedenfalls betreten den Frühstücksraum etwas mühsam, weil sie gebeugt gehen, da stimmt etwas mit den Rücken nicht mehr, sie sind weit vornübergebeugt und das Besondere ist, dass sie parallel gebeugt gehen. Beide in der genau gleichen verschobenen Körperhaltung, als hätten sie das so einstudiert, als sei das hier Kleinkunst, komm, wir spielen mal Senioren, aber natürlich ist das kein Spiel. Die machen einfach auch das noch gemeinsam, das Gebeugte und das Schwere, das andere haben sie ja auch alles gemeinsam gemacht, nehme ich jedenfalls an. Und als sie ihren Tisch erreichen, können sie sich nicht einigen, wer wem beim Hinsetzen helfen soll, er schiebt ihren Stuhl zurecht, sie langt nach seinem. Als sie endlich stöhnend niedergesunken sind, lachen sie beide: Haben sie das auch wieder geschafft.

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Ich habe auf Helgoland wieder mit etwas begonnen, was einem in Zeiten des Internets leicht abhanden kommt, nämlich mit dem völlig inputfreien Herumdenken. Einfach so in die Gegend gucken und abwarten, was vielleicht kommt, das habe ich in letzter Zeit sicher zu wenig gemacht. Aber da ich jetzt den Wirtschaftsteil nicht mehr mache, muss ich auch keinen Links mehr hinterherjagen, ich muss nicht mehr irgendwo dranbleiben, ich kann auch einfach wegbleiben, das ist auch mal schön. Wegbleiben und abwarten, ob dann was übrig bleibt.  Oder so. Ich lese weiterhin Blogs, weil ich Blogs nun einmal mag (zur Melodie von „weil ich „Paris nun mal so mag“, die Älteren erinnern sich), ich sehe morgens auch kurz in die Hauptnachrichten, und alle anderen Artikel sind mir jetzt erst einmal für eine Weile egal. Ich erwarte aber nicht, dass dabei etwas Geistreiches herauskommt, das ist eher Kurbetrieb und dient nur der Normalisierung.

Das mit dem Geistreichen ist ja ohnehin so eine Sache, finde ich. In einer Mail an mich wurde ich gerade (vielen Dank noch einmal!) überaus freundlich als “scharfsinnig” bezeichnet, ich möchte da in aller Deutlichkeit widersprechen. Nicht als fishing for compliments, nein, ich denke tatsächlich, ich bin eher bemerkenswert unscharfsinnig. Ich möchte fast sagen, ich denke meistens mehr so mit Weichzeichner. Also wenn ich mir dafür mal einen freundlichen Ausdruck zubilligen möchte.

Aber nun, Weichzeichner haben auch Vorteile, in gewissen Momenten.

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Noch ein paar Bilder von der Insel? Bitte sehr.

Helgoland, Promenade

Helgoland, ein Poller mit Tauen

Helgoland, ein Poller

Helgoland, Hafenbecken

Helgoland, Nordostland

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Musik! Heute eine Zigarettenlänge Ravel.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen, ich spare schon einmal für die nächste Überfahrt. Herzlichen Dank!

Grau, schön, leer

Nach der Ankunft löst sich der Nebel über der See zügig auf, gibt aber nur ein gewöhnliches Grau frei, keine Inselsonne, kein Strahlen. Das macht nichts, denn hier ist jedes Licht recht, das Meer ist bei jedem Wetter großartig und sowieso hält das Grau hier nicht so lange wie im Binnenland, wo es tagelang über der Stadt festhängen kann und sich nur zögerlich Richtung Mecklenburg verabschiedet. Hier aber wird es schnell wieder weggeweht, darauf kann man sich verlassen. Ich stehe am Südstrand und genau das hat mir gefehlt, dieser Blick.

Da nicht alle Leserinnen auf Instagram sind, baue ich unten noch ein paar Bilder ein, dann haben Sie vielleicht eine Vorstellung, warum ich hier öfter bin, das liegt nämlich nicht nur an meinem einwöchigen Wohnrecht pro Jahr, obwohl das natürlich schon schräg, sonderbar und wundervoll genug wäre.

Es gibt keinen Verkehr auf der Insel, abgesehen von ein paar Elektrowägelchen und dem großen Rettungswagen, der gemütlich unentwegt über die Insel gondelt, vielleicht fahren die da aus Langeweile den ganzen Tag mit dem Ding herum, ich weiß es nicht. Notfälle gabeln sie jedenfalls nicht auf, vielleicht üben sie langsames Fahren, das dann aber gründlich. Es gibt keinen Verkehr, keine Verbrenner, keine Raser, keinen Gestank, keinen Lärm und keine Irren, die mit Handy am Ohr über Rot fahren, die nicht blinken und wild hupen. Niemand fährt zu schnell, es gibt nicht einmal Radfahrer auf den Fußwegen. Es ist unfassbar, was es ausmacht, wenn man das nicht mehr um sich herum hat. Was wir uns mit dem Stadtverkehr antun, man merkt es erst auf solchen Inseln.

Vor dem Kochlöffel-Imbiss an der Treppe zum Oberland steht ein Mann mit Rollator, mir begegnen gerade dauernd sehr alte Menschen, ich weiß auch nicht. Der hält mir einen Zehner hin: “Hier, kannste mir mal nen halben Hahn da rausholen, machste das für mich?” Mit seinem Rollator kommt er die zwei Stufen zur Eingangstür nicht hoch. Natürlich mache ich das, und als ich die Tür öffne, rufen zwei Stammgäste schon Richtung Tresen: “Halben Hahn zum Mitnehmen!” Der kommt da also wohl öfter, der alte Mann.

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Am frühen Abend laufen einige Jogger an meinem Fenster vorbei über die Promenade, wenige nur. An der Alster laufen sie in Grüppchen oder Rudeln und reden die ganze Zeit dabei oder telefonieren, sie hören Musik oder machen kurze Pausen, nur um dann sofort wildeste Gymnastik zu treiben, angebrüllt von einem Personal Coach, hier dagegen wird noch simpel gelaufen. Da läuft gerade einer längs, der hat niemanden neben sich, niemanden vor sich oder hinter sich, der läuft einfach für sich, ernsthaft und konzentriert, er hat nicht einmal Kopfhörer auf, der hört nur die Brandung. Er läuft nach links und das Meer strömt nach rechts und weiter hinten geht die Sonne unter, da, eine Möwe, mehr passiert nicht. Fast könnte einem der Sport auf einmal sympathisch werden, so gut sieht das aus.

Man reist überhaupt viel zu wenig in der Nebensaison, es ist so dermaßen schön, dass nichts los ist. Geschäftig und eilig trippeln hier nur die Bachstelzen über die Promenade, die allerdings sind immens beschäftigt mit Picken und Gucken und Hüpfen und kurzen Flügen ein paar Meter weiter, immer sehen sie so aus, als hätten sie nur ganz wenig Zeit für alles, als wäre alles bei ihnen eilig, wahnsinnig eilig. Es ist so ein kleines Wirbeln, das man beim Spaziergang immer im Augenwinkel hat, denn es gibt viele Bachstelzen hier. Wippsteert im Plattdeutschen, ein schönes Wort. Als Kind wurde ich auch oft so genannt, weil ich einfach nicht still sitzen konnte. “Das gibt sich irgendwann”, sagten die Erwachsenen immer hoffnungsvoll, nachdem sie genug mit den Augen gerollt und mich endlos oft angepfiffen hatten, und jetzt bin ich 53 Jahre alt und möchte allmählich halbwegs sicher und nach ausreichender Bedenkzeit antworten: “Ich glaube nicht.”

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Helgoland Südstrand

Helgoland Hafen

Helgoland Hafen

Helgoland Unterland

Helgoland Oberland

Helgoland Oberland

Helgoland, Basstölpel

Helgoland, Lange Anna

Helgoland, Promenade

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen. Herzlichen Dank!

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Geltende Regeln und schöne Schrift

Der Wirtschaftsteil endet hier. Also da. Na, Sie wissen schon. Das wird jedenfalls signifikante Folgen für meinen Alltag haben, darauf komme ich noch einmal zurück. Oder mehrfach.

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Imbisse in Pompeji.

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Am Morgen meiner Abreise nach Helgoland ist der Himmel grau, es hat nachts geregnet und die Zierkirsche auf dem Spielplatz vor unserem Haus hat viele Blütenblätter verloren, die liegen jetzt in einem seltsam hingemalt wirkenden und ausgesprochen schön geschwungenen Bogen um den Baum im Sand. Rosa auf Beige, es sieht aus wie ein Detail auf einem riesigen Sandbild, ein etwas verwischter, rosafarbener Lidstrich nach einer langen Nacht voller Dramen und Tränen vielleicht. Egal, der Wind schminkt das am Morgen ab.

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Im Vorübergehen gehört:

“Ist er nicht ein fürchterlicher Fettsack?”

“Ja, aber er ist auch Veganer.”

Im Grunde kann man aus diesem Gesprächsfetzen überhaupt nichts schließen, rein gar nichts, und doch klingt er wie schlechte Stand-Up-Comedy, so ist das nämlich bei den Ernährungsthemen mittlerweile. Alles mit Bedeutung aufgeladen bis zum Platzen.

Auch im Vorbeigehen beim Einkaufen gehört:

“Alter, die ist voll die fancy Bitch, da kannst du kein billiges Zeug kaufen, die steht auf sauteure Guacamole und so, nimm das hier.”

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Weil ich neulich doch diesen Kolbenfüller wiedergefunden habe und weil Sohn II gerade so viel Schreibschrift übt (mit so schönen Sätzen wie etwa “Bernd bürstet seine Beine”), um auch mehr mit dem Füller zu schreiben, habe ich in den letzten Tagen etwas Zeit investiert und mir wieder eine verbundene Schreibschrift bei halbwegs entspannter Handhaltung angewöhnt. Das dauert gar nicht so lange, man muss nur ein paar Seiten mit irgendwas füllen, schon geht das wieder und, was natürlich klar ist, es schreibt sich doch erheblich besser so. Also auch bei den Unterwegsnotizen, es wird alles deutlich lesbarer. Wenn jetzt allerdings jemand mein Notizbuch finden würde, er würde den Schreiber gewiss für komplett irre halten, weil ich beim Üben alle Wörter endlos wiederholt habe, in denen mir eine Buchstabenverbindung nicht ganz geglückt vorkam, seitenlang steht da etwa Freiheit, weil ich es unbedingt hinbekommen wollte, die I-Punkte erst nach dem ganz geschriebenen Wort zu setzen, nicht nach jedem kleinen i, das fand meine rechte Hand aber ganz erstaunlich schwer, geradezu unmöglich fand sie das, die wollte immer wieder zwischendurch absetzen. Freiheit, Freiheit, Freiheit, irgendwann geht es dann aber doch. Ich hätte natürlich auch Libido oder Minimalismus nehmen können, aber das sind so Zufälle, es war eben die Freiheit, die in dem einen Satz da vorkam. Das ist jedenfalls, was man so Zufall nennt, ja, ja, da lacht der Psychologe.

Aber, und das wollte ich eigentlich nur sagen, es ist sehr schön, wenn man es wieder schafft, manierlich mit der Hand zu schreiben, es entspannt. Eine wunderbar langsame Beschäftigung ist das. Guter Füller, gute Schrift, gutes Papier. Habe ich doch glatt mal so ein Wellnessding für drinnen entdeckt, ich kann ja nicht jeden Tag besinnlich im Garten herumbuddeln. Nach all den Jahren doch noch auf etwas gekommen!

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Ich fahre mit dem Katamaran nach Helgoland, mit dem neuen und größeren Katamaran, auf dem man jetzt bequemer sitzt. Leider werden alle paar Meter irgendwelche touristisch interessanten Dinge entsetzlich laut durchgesagt, in diesem fröhlichen Privatradiomoderatortonfall, bei dem ich sofort Mordgelüste bekomme, wird auf dies und das hingewiesen, an Steuerbord sehen Sie, an Backbord sehen Sie, und die einen gucken dann ratlos nach beiden Seiten, die anderen demonstrativ weg, diese Durchsagen nerven wirklich sehr. Andere finden die natürlich interessant, ich weiß.

Noise-Cancelling-Kopfhörer, die wären noch einmal eine sinnvolle Investition, glaube ich.

Gerade als ich denke, jetzt ist weder an Steuerbord noch an Backbord irgendwas, jetzt ist überall nur noch graue Nordsee, jetzt kann das hier endlich mal eine Weile ruhig sein, da lassen sie Rolf Zuckowski durch die Lautsprecher singen, natürlich mit der Finkwarder Speeldeel dabei, und sie singen in sich überschlagender Vergnügtheit von Helgoland, da reimt sich “eine Reise, die sich lohnt” auf irgendwas mit “Horizont”, ich weine in meinen Kartoffelsalat.

“Und denken Sie bei ihrem Einkauf bitte an die geltenden Zollbestimmungen”, das wird auch noch durchgesagt, und Gottseidank wird es so durchgesagt, denn wenn man nicht an die geltenden, sondern an die nicht geltenden Zollbestimmungen denken würde, wie lange und wie sinnlos wäre man da beschäftigt. Über die Jahrhunderte kommen da enorm viele Bestimmungen zusammen, die alle längst nicht mehr gelten, und nein, an die wollen wir wirklich nicht denken. Ja, ich höre schon auf.

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Hinter Wedel bestellen die ersten Passagiere Bier und Sekt, ich halte mich zurück.

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Helgoland liegt im Nebel, wir fahren durch ein freundliches Weiß auf den Hafen zu und ich lasse die anderen Fahrgäste allesamt vor und stehe erst nach dem Anlegen mit betont cooler Stammgastlangsamkeit auf. Wie ich immer wieder feststelle: Es sind die kleinen Freuden.

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Musik! Fuck all the perfect people.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen. Herzlichen Dank!

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Haben wir das geklärt

Im Bus hat die Frau mir gegenüber einen winzigen Hund auf dem Schoß. Die Frau, die sich neben sie setzt, spricht den dösenden Hund an, wobei sie ihn mit dem Zeigefinger an die Nase stupst: “Na, bist du müde?” Sie sagt es in diesem überdrehten und überhöhten Quietschtonfall, den manche auch bei Babys verwenden, “Na, bist du müde?” Viel zu viel Melodie im Satz, alles übertrieben betont, jede Silbe randvoll mit Ausdruck und Lautstärke, es ist ein Albtraum. Und sie hört nicht auf, es wird eher noch lauter, sie stupst immer wieder und fragt noch einmal und noch einmal: “Na, bist du müde?” Ich muss mich so dermaßen zusammenreißen, sie nicht anzubrüllen: “DAS IST EIN HUND, DER ANTWORTET NICHT!”, es kostet mich wirklich unangemessen viel Kraft. Eventuell bin ich nervlich etwas verbraucht, das schließe ich nicht aus. Die Hundebesitzerin jedenfalls sieht ganz beglückt aus, toll, da ist jemand nett zum Hund.

Ich setze mich schließlich weg, weil ich Angst habe, dass diese Frau da mich auch an die Nase stupst und mich fragt, ob ich müde sei, ich kann in solchen Situationen ungemein lebhafte Wahnvorstellungen bekommen. Ich setze mich also weit weg, nur um neben einer Person zu landen, die mit einem Arzt telefoniert und in epischer Breite Symptome schildert, die sie alle so formuliert, als seien sie ganz toll, was vermutlich daran liegt, dass sie Privatpatient ist, wie gleich am Anfang des Telefonats betont wurde, und da kann man sich eben Symptome leisten, da kommt der Rest der Bevölkerung gar nicht drauf.

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Morgen fahre ich nach Helgoland und mache eine Pause, die ich aus diversen hier kaum beschreibbaren Gründen auch nötig habe. Also so war es jedenfalls gedacht. Es wird allerdings eine etwas herausfordernde Pause, jedenfalls wenn es nach der Herzdame geht:

Herzdame: “Fährst du eigentlich zum Lesen oder zum Schreiben nach Helgoland?”

Ich: “Äh, was?”

Herzdame: “Also wenn du nur liest, dann kommst du bitte so dermaßen tiefenentspannt wieder, dass es sich hier sofort auf alle Familienmitglieder überträgt und wochenlang hält. Wenn du aber schreibst, dann kommst du bitte mit einem fertigen Roman zurück.”

Ich: “Also das sind nur zwei Tage Aufenthalt …”

Herzdame: “Haben wir das geklärt.”

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Musik! Heute mal etwas Bach.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Kurz und klein

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen. Herzlichen Dank!

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