In freier Natur

Obwohl es in den letzten Wochen viel zu wenig regnete, blieben uns doch immerhin die Dunkelheit und auch das große Grau, die lieferte der November verlässlich wie eh und je. Und die beiden reichten mir dann auch, um nicht rauszugehen, um noch mehr zu lesen als sonst, um einfach sitzenzubleiben. Ich finde, das gehört im November so, das ist quasi die saisonale Leitkultur. Gegen Ende des Monats fiel mir dann wieder auf, was mir in jedem November irgendwann auffällt, nämlich dass ich von der Natur und dem anderen Zeug da draußen nicht viel mitbekam. Eine Denkfalle, da kann ich noch so alt werden, jedes Jahr falle ich auf diesen Unsinn herein und denke, ach, denke ich, du könntest ja mal in die Natur. Am Ende ist es schön da, du könntest dich in den Vorjahren ja getäuscht haben oder mittlerweile empfänglicher für gewisse subtile Reize sein, für Zwischentöne im Grau und im Matsch oder so, man entwickelt sich doch weiter.

In diesem Jahr habe ich aber eisern durchgehalten und war erst am 1. Dezember in der Natur. Der 1. Dezember ist allerdings vom letzten Tag des Novembers anhand der Signale in der Natur nicht zu unterscheiden, der 1. Dezember ist im Grunde auch nur ein weiterer Novembertag mit mehr Lichtern und Deko.

Wir haben einen Tannenbaum geschenkt bekommen, das war eine Werbeaktion aus dem Kontext meines Bürojobs, wie auch schon im letzten Jahr. Einen Tannenbaum, den wir selber absägen oder umbeilen konnten, letzteres die Wortwahl von Sohn II, stolzer Beilinhaber. Das fand statt auf einem Erdbeerhof vor den Toren der Stadt, was nicht unmittelbar einleuchtet, aber gut, die müssen da auch sehen, wie sie im Winter über die Runden kommen, deswegen verkaufen die da Tannen und Weihnachtsdeko und das ganze Zeug. Und zwar verkaufen sie das, um noch eben eine alte Frage aufzuklären, die sicher viele Menschen beschäftigt, aus diesen erdbeerförmigen Erdbeerverkaufshäuschen heraus, womit wir jetzt also wissen, was mit denen im Winter passiert. Man schiebt einen Grill hinein und verkauft dann Bratwürste aus ihnen, man hängt Glitzerkugeln in sie und verkauft Dekoklimbim mit Winterbezug. In einem Erdbeerhäuschen saß einfach nur ein Mann und wartete darauf, die frisch gefällten Tannenbäume der Kunden einzunetzen, in einem anderen saß jemand und kassierte irgendwas. Es gab mal diesen berühmten Tweet von irgendwem, in dem gefordert wurde, dass alle Artikel des täglichen Bedarfs aus Erdbeerhäuschen heraus verkauft werden sollten – man muss nur einen großen Erdbeerhof im Winter besuchen, um sich ein Bild davon zu machen. Die Erdbeerhäuschen aber, die trotz aller Kreativität und Marketingraffinesse nicht gebraucht wurden, die hatten sie hinter dem Hof schräg an eine Scheunenwand gestellt, schräg, damit Regenwasser aus ihnen ablaufen konnte. Sie sahen aus wie die ausrangierten Gondeln einer riesigen Jahrmarktattraktion, ein wirklich schlimmer Novemberanblick, trost- und hoffnungslos, lieblos abgeräumte Spaßbuden, ausrangierte Reste des Sommers.

 

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Auf der Fahrt zum dem Erdbeerhof, ich habe etwas ausgelassen, pardon, kamen wir am Ahrensburger Schloss vorbei, dem die Söhne zu meiner Überraschung sofort attestierten, nicht schön zu sein. Das haben wir eine Weile diskutiert, denn ein garstiges Gebäude ist es nun auch nicht gerade, finde ich, da würden mir ganz andere Beispiele einfallen. Das mündete dann in der bemerkenswerten Feststellung der Söhne, die Herzdame und ich würden eindeutig besser aussehen als das Schloss da. Ein vielleicht etwas anstrengender Vergleich, aber man nimmt doch gerne alle Komplimente mit, die man noch kriegen kann.

Was ich aber eigentlich sagen wollte, auf diesem Erdbeerhof stand ich also eine Weile unter freiem Himmel in der Natur herum, vor mir Wiesen und landwirtschaftliche Nutzgebäude, junge Tannen und abgeerntete Felder unter einem wie immer grauen Himmel, in der Ferne Streusiedlungen, über den Bäumen zwei, drei Saatkrähen, das war ein beliebiges Stück Schleswig-Holstein in der Nebensaison. Und schön war das nun nicht, Natur hin oder her. Sondern einfach ziemlich farblos und tendenziell fürchterlich langweilig, sogar das Grün der jungen Tannen wirkte eher schmuddelig als attraktiv, es war insgesamt ein Anblick, der nicht zu stundenlangen Spaziergängen verlockte, es war insgesamt ein Anblick, nach dem man sehr gut wieder irgendwo reingehen konnte, etwa um in Ruhe zu lesen. Was sollte man verpassen?

Und so habe ich dann doch noch zumindest im Nachhinein die Bestätigung bekommen, den November richtig verbracht zu haben. Auch nett.

Wie man aber den Dezember richtig verbringt, das erarbeiten wir uns dann in Kürze.

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Genug vom Land. Jetzt herumhängende Musiker in Berlin.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Alte Tricks und Rituale

Die Rede vom Herrn Meyerhoff zum Jonathan-Swift-Preis, ich mochte die Stelle mit den Katzenklos (via Isa).

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Ich finde es bemerkenswert, dass die Schlagzeile bei diesem Artikel nicht “Da hängt ein Pferd auf dem Flur” lautet. Sicher war es ganz knapp, ich kann es mir einfach nicht anders vorstellen.

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Was Greta macht, das ist richtig und wichtig. Sagt Sohn I, dessen Meinung dabei viel wichtiger als meine ist.

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Dirk von Gehlen hat Thomas Bauer gelesen, das habe ich auch vor einiger Zeit, der Herr Bauer war der mit der Mehrdeutigkeit. Gutes Buch. Und guter Artikel darüber.

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Ertüchtigung.

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Im Vorbeigehen gehört: “Mama hat einen Job und wieder genug Taler, Mama kauft dir jetzt einen Burger.”

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Ich lese weiter in George Orwells Erzählungen, die finde ich aber wegen des schon wieder grauenvollen Inhalts – gerade wird ein Elefant erschossen, und das dauert auch noch seitenlang, gleich danach wird dann ein Mann gehängt – etwas anstrengend, allmählich könnte ich ein entspannteres Setting vertragen, in dem seelisches und sonstiges Leid bitte weniger hingebungsvoll zergliedert werden. Mal sehen, was ich mir da nach diesem Buch zur Erholung aussuche. Etwas Keyserling vielleicht?

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Wir haben Weihnachten aus dem Keller geholt und den Söhnen gesagt, dass hier nur dekoriert wird, wenn die Wohnung in jedem Winkel allerschönstens aufgeräumt und geputzt ist. Und siehe, es kam ein großer Fleiß über sie, dass es den Eltern eine helle Freude war. Sie sind manchmal immer noch gut, die alten Tricks.

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Apropos Weihnachten, der Dezember besteht bei mir mittlerweile aus einer ganzen Reihe von durchritualisierten Posts und Tweets. Jedes Jahr überlege ich, ob das einfach mal lassen sollte, ob es nicht mal gut ist? Dann wieder denke ich, dass Rituale oft unterschätzt werden, sie geben immerhin Halt und Sicherheit und manche Menschen freuen sich tatsächlich etwas wiederzuerkennen, wenn es noch etwas gibt, das bleibt. Der Beschluss für dieses Jahr lautet also erst einmal, dass noch eine Weile weiter mache, Sie und ich wissen damit natürlich jetzt schon, was ich am letzten Tag des Monats posten werden – wenn uns nicht vorher der Himmel auf den Kopf fällt.

Stellen Sie sich bitte einfach vor, wie ich am Morgen des 1. Dezembers den obligatorischen und nun theatererfahrenen Bademantel zurechtrücke, die Schultern durchdrücke und dem Monat dann durchseelt von einem ganz besonderen Pflichtbewusstsein entgegenblicke.

You may now serve the playlist:

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Trinkgeld November 2018, Ergebnisbericht

Jojo hat von seinem Geld Pokémonkarten – die hier plötzlich wieder en vogue sind – gekauft und außerdem einen Kugelschreiber in Kaktusform. Die Söhne können von ihrem Geld übrigens kaufen, was immer ihnen beliebt, also abgesehen von Drogen usw., nach denen es aber ohnehin noch keine Nachfrage gibt, ich rede ihnen da jedenfalls nicht hinein. Sollen sie ihr Geld ruhig für vollkommen sinnlose Kaktuskugelschreiber und dramatisch überteuerte Karten verschleudern, wer wäre ich, da zu urteilen, das ist okay. Doch, doch.

Johnny hat sich mehrere Level-Updates zu der App Birdcage gekauft, die ich übrigens für empfehlenswert halte, das ist ein sehr hübsch gemachtes Rätselspiel, das können Sie Ihren Kindern ruhig auch mal zeigen. Oder selber spielen, schon recht. Außerdem kaufte der Sohn Kuchen in größeren Mengen. 

Beide Kinder haben auf dem Hamburger Dom diverse Fahrgeschäfte leserinnefinanziert besucht und lassen dafür ganz besonders danken, während ich übrigens dem Himmel danke, dass die beiden seit diesem Jahr bei allen Fahrgeschäfte ohne erwachsene Begleitung mitfahren können. Ein großer Entwicklungsschritt.

Jojo und ich haben ferner den Eintritt in “Johnny English – Man lebt nur dreimal” von dem Hutgeld bezahlt und für die ganze Bande gab es noch den Eintritt zum Barcamp Hamburg, dieser Besuch gehört für die Söhne fest zur Jahreszeit.

Das Buchgeld verwendete ich in diesem Monat für den Kahneman: “Schnelles Denken, langsames Denken”, und das war eine gute Wahl. Ich lese immer noch darin, es ist eine lehrreiche Lektüre, wie bereits berichtet.

Die Herzdame hat, so sagt sie, so dermaßen viel gearbeitet, dass sie gar keine Zeit zum Geldausgeben hatte, das macht sie jetzt im Dezember. Da wir anderen drei die Herzdame im November auch kaum gesehen haben, ist das vermutlich sogar die reine Wahrheit.

Noch einmal, herzlichen Dank!

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Über die Herkunft

Ich hatte bei den Wanderberichten einmal erwähnt, wie aus meiner Sicht mit der Herkunftsfrage im Alltag umzugehen ist, das war eine Thema, das im Sommer kurz in den sozialen Medien eine Rolle spielte. Und ich schrieb da, dass man Reisende immer fragen darf, wo sie herkommen, aber alle anderen lieber nicht. Ganz einfach. Weil, falls das noch einmal erklärt werden muss, auch der Mensch, der irgendwie vermeintlich so aussieht, als sei er ferner Herkunft, seit zwei oder drei Generationen aus Bochum kommen kann – und wenn das so ist, dann ist die Frage nach der Herkunft natürlich ebenso abwegig wie nervtötend wie ausgrenzend, das kann man sich leicht vorstellen, das kann man leicht lernen und auch anwenden, etwas gute Absicht vorausgesetzt, und die haben wir ja alle.

Wie leicht man dennoch in alte Denkmuster zurückfällt, habe ich bei diesem Grundschulfest gestern gemerkt. Da stand ein kleines Mädchen auf der Bühne, ich werde gleich mal einen neuen Namen für sie erfinden. “Ich bin Lucy, sagte sie, “ und ich komme aus …” woraufhin sie sich vor Aufregung etwas verhaspelte und erst einmal Luft holen musste. Das war nur eine ganz kleine Pause, einige wenige Sekunden, aber ich merkte doch, wie mein vorschnelles Hirn schon einmal passende Länder in den Satz einsortierte, Vietnam oder so, passend zu ihrem Aussehen eben, man glaubt gar nicht, wie schnell das Hirn da sein kann, nach nur einem einzigen Blick. Das Mädchen holte dann noch einmal Anlauf und Luft: “Ich bin Lucy, und ich komme aus der 4b.”

Woher man eben so kommt, wenn man in einer Hamburger Grundschule auf der Bühne steht. Normal. 

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Präsent, alltäglich und gewöhnlich

In der Grundschule gab es eine Feier, das bringt die Jahreszeit so mit sich, es gibt überall gerade Feiern. Da war auch ein Vater anwesend, der sonst noch nie da war. Es ging ein Raunen durch die Kinderschar, schon  als er hereinkam, das ist er, das ist er. Denn der Herr ist nicht irgendwas, der Herr ist Profifußballer. Also ganz in echt, wie die Kinder jetzt ergänzen würden. Also so richtig! Der spielt für Geld. Das muss man sich mal vorstellen! Es bildete sich sofort eine kleine Schlange von Kindern, die ein Autogramm haben wollten. Das sahen wiederum andere Kinder, die dann, logisch, auch ein Autogramm haben wollten, was wiederum andere Kinder sahen – und immer so weiter. Der Mann lachte, als es mehr und mehr Kinder wurden, der Mann lachte und unterschrieb, was man ihm alles hinhielt, Hefte, Zettel, Arme, T-Shirts, frisch gebastelte Weihnachtssterne und Servietten und Mitteilungshefte. Es kamen immer noch Kinder, die erst in der Schlange erfuhren, worum es überhaupt ging, aber wenn da alle Kinder stehen, dann wird das ja schon einen Grund haben.

Ich fragte irgendwann, für welche Mannschaft der Herr denn überhaupt spielt, das konnte mir allerdings niemand beantworten, das war in der Schlange gar nicht bekannt, und das war auch nicht so wichtig, irgendein Profifussballer eben. Aus dem Ausland! Es wurden drei Länder genannt, eines von denen! Oder aber ein anderes! Ich fragte den Sohn des Sportlers, den strahlenden Sohn, der endlich auch einmal seinen Papa dabei hatte, seinen Papa, der doch sonst immer weg ist, richtig weit weg und auch richtig lange weg. Der Sohn brachte es dann vor lauter Aufregung auch nicht raus, aber egal, ein Profifußballspieler eben. Und sowieso egal – sein Vater! Guck mal! Der Vater lachte und schrieb und lachte und schrieb.

Die anderen Väter und ich waren erst einmal abgemeldet. Wir überlegten dann, ob wir uns nicht vielleicht auch lieber einen Job im Ausland suchen sollten, um wenigstens einmal solche spektakulären Beliebtheitswerte beim Auftauchen zu erreichen. Allerdings sind wir größtenteils schon aus dem Profifußballeralter raus und ein beliebiger anderer Beruf wird es wohl nicht bringen, wenn man es realistisch betrachtet, das wird also dummerweise nichts.

Wir bleiben einfach weiter präsent, alltäglich und gewöhnlich. Ab und zu freuen sich die Kinder trotzdem über uns.

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Sohn II liest gerade ein Buch, über das Sohn I schon einmal geschrieben hat, und nach seiner Begeisterung zu urteilen – ich musste ihn heute zur Schule bugsieren, weil er auf dem ganzen Weg weiterhin stoisch gelesen hat – ist das auch für andere Kinder nach wie vor als Weihnachtsgeschenk brauchbar. Falls Sie noch auf der Suche sind, ich bringe hier in den nächsten Tagen noch ein paar Tipps unter.

Nach dem gerade verlinkten Artikel von Sohn I habe ich eben übrigens mit “Kürbis Zombie Buddenbohm” gegoogelt, manchmal klingt es ja etwas seltsam, was man da so eingibt.

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Kurz mal zwischenbilanziert – das Wiederleseprojekt hat jetzt schon einen Stapel von immerhin sieben Büchern ergeben, das ist ja nicht nichts. Ich stelle mir die mal extra in ein Regal, dann kann ich im weiteren Verlauf von denen aus eine neue und sinnvolle Sortierung einführen. Nein, ich sortiere sie auch hier schon.

Aktueller Stand:

Die Kinderbibel

Emily Brontë: Sturmhöhe

Graham Greene: Der dritte Mann

Novalis: Werke

Iwan Turgenew: Väter und Söhne

Paul Zech: Vom schwarzen Revier zur neuen Welt – gesammelte Gedichte

Peter Rühmkorf: Aufwachen und Wiederfinden – Gedichte

Der Paul Zech ist also schon erledigt, so ein Lyrikband ist ja doch eher Snack-Content, wie man heute sagen würde. Jetzt habe ich mir George Orwell vorgenommen, ein Band “Meistererzählungen” aus dem Diogenes-Verlag. Die erste Geschichte hat den bemerkenswert uneleganten Titel “Ein Hamlet ohne Poesie?” und demonstriert tatsächlich schön erzählerische Meisterschaft. Ein heißer Tag in Burma, Birma, Myanmar, wie auch immer, da blickt ja keiner durch. Aber man merkt jedenfalls die Hitze, die Schwüle, man sieht die Pflanzen, man sieht irgendwie sogar die Vögel, die man nicht sieht: ”Oben in dem Bobaum erhob sich eine Unruhe und ein blubberndes Geräusch wie von kochenden Töpfen. Eine Schar grüner Tauben saß dort oben und fraß die Beeren. Flory blickte in die große grüne Wölbung des Baums hinauf und versuchte, die Vögel zu unterscheiden; sie waren unsichtbar, so vollkommen war ihre Farbe dem Laub angepaßt, und doch war der ganze Baum von ihnen belebt und schimmerte, als würde er von Vogelgeistern geschüttelt.”

Ansonsten sind alle Scheußlichkeiten und die ganze Menschenverachtung der Kolonialzeit in der Geschichte, eh klar.

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Noch schnell ein Schluss. Ja, es war ein großer Film.

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Mit Schluchten und Auen den Abend versauen

Drüben bei der GLS Bank habe ich mal etwas anders gemacht und die Links nicht nach einem Thema, sondern nach einem Land sortiert: Finnland. Warum auch nicht.

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Den Dritten Mann von Graham Greene habe ich jetzt durchgelesen, das Buch bleibt natürlich im Regal, er war doch einer der großen Erzähler, auch wenn er heute wohl nicht mehr viele Leserinnen findet. Es gab noch ein Nachwort von Annika Siems, der Illustratorin, die bei diesem Buch vor der interessanten Aufgabe stand, ein Buch zu bebildern, zu dem so ziemlich jede und jeder schon Bilder im Kopf hat, der Film ist immerhin legendär. Sie hat das sehr gut gelöst, fand ich.

 

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Ich habe weitere Bücher aussortiert, weil mir die Wiederleselust und damit die Wiederlesewahrscheinlichkeit etwas zu gering vorkommen. Gottfried Keller, E.T.A. Hoffmann, Gottfried August Bürger, Conrad Ferdinand Meyer, J. P. Hebel, Joseph von Eichendorff, Ludwig Tieck, Jens Peter Jacobsen, die können alle erst einmal raus, die müssen im Regal keinen dekorativen Aspekt mehr bedienen.

Und was lese ich jetzt? Zwischendurch kommt erst einmal wieder ein schmaler Lyrikband dran, Paul Zech mit “Vom schwarzen Revier zur neuen Welt – gesammelte Gedichte”. Paul Zech, bei dem alle Welt reflexmäßig immer zuerst an die Villonübersetzungen denkt und bildungsbürgerlich beflissen sofort ergänzt, dass das ja eher Nachdichtungen, keine Übersetzungen waren. Ja, wissen wir! Schön sind sie dennoch, die Villonstrophen von ihm. Aber hier erst einmal seine anderen, ganz eigenen Gedichte.

[…]

Turmuhren gehen ihren Kreisgang ohne Zeiger.

Am Kreuzweg, wo der Weiser wie ein Galgen droht,

lärmt eine Krähe frostverschärfte Not:

Gebt Brot …

Der Wind ist aller Kümmernis Verschweiger.

(Novembernacht)

Der Wind ist aller Kümmernis Verschweiger, das ist schon schön. Und in absehbarer Zeit muss ich dann wohl mit Shakespeare beginnen. Ich habe schon einmal hineingeblättert, das erste Stück ist Romeo & Julia, zwei junge Menschen aus krass verfeindeten Familien – wenn das mal gut ausgeht!

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Und da lag nun also gestern noch diese Kinderbibel bei uns am Bett herum und dann sah die Herzdame auch einmal hinein und hat sich gleich bei der ersten aufgeschlagenen Seite fürchterlich aufgeregt. Denn diese Bibel weicht natürlich sprachlich erheblich von den bekannteren Ausgaben für Erwachsene in den Kirchen ab, weswegen sie die Lieblingsstellen aus ihrer Jugend gar nicht wiedererkannte. Nichts mit “und ob ich schon wanderte im finstersten Tal”, nein, da wurde einfach durch eine Schlucht gegangen. Eine Schlucht! Wo es doch Tal heißt! Immer geheißen hat! Da könnte ja jeder kommen! Sie war hell empört und wollte sich gar nicht wieder beruhigen. Wir führten also eine längere Diskussion über die Begriffsinhalte von Tal und Schlucht und Aue und Wiese, was man abends kurz vorm Schlafen eben so macht, Sie kennen das.

Und als ob das noch nicht genug der religiösen Inhalte gewesen wäre, hatten wir gestern beide eine vermutlich typisch norddeutsche Erkenntnis, die Sie vielleicht peinlich und einigermaßen dämlich finden werden, wenn Sie süddeutsch oder katholisch oder gar beides sind, aber egal, ich stehe hier ja zu meinen Wissenslücken. Und zwar ist es überraschenderweise so, dass es bei Mariä Empfängnis, das ist eine Bezeichnung, mit der man hier gemeinhin rein gar nichts verbindet, die man aber aktuell gerade wieder als Rätselwort im Kalender findet, gar nicht darum geht, dass Maria empfangen hat, sondern dass sie empfangen wurde. Was auch kalendarisch besser hinkommt, wenn man mal länger als zehn Sekunden drüber nachdenkt und im Kopf etwas rechnet, aber warum sollte man überhaupt darüber nachdenken, so als Mensch aus Nordelbien. Jedenfalls lagen wir da beide im Bett, lasen das auf den Handys nach und sagten gleichzeitig: “Ach was?!” Und sind jetzt also entschieden schlauer als vorher, vermutlich sieht man es uns sofort an. Und wenn es mit der etwas unfreiwilligen religiösen Fortbildung so weitergeht, merke ich mir sogar noch irgendwann, worum es bei Fronleichnam geht. Aber wir wollen nicht übertreiben.

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Musik!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Vom Verschwinden der Lektüre und der Zunahme der Bildung

Und dann war der Dritte Mann von Graham Greene auf einmal weg. Das passte zwar inhaltlich ganz gut, war aber doch ziemlich irritierend. Ich hatte das Buch beim Kochen neben den Herd gelegt, denn beim Umrühren kann man ja lesen, nach dem Essen war es nicht mehr da. Ich habe etwa eine Stunde intensiv nach dem Buch gesucht, ich habe sämtliche Familienmitglieder wahnsinnig gemacht, das Buch war weg, es war sowas von weg, es hat sich ein paar Zentimeter neben mir dematerialisiert. Ich habe nach einer Weile auch im Tiefkühlfach und in Räumen gesucht, in denen ich den ganzen Tag nicht gewesen bin, sogar im Treppenhaus. Ich habe sämtliche Comicstapel im Kinderzimmer umgewälzt und etliche Schränke geöffnet, in die ich sonst nie sehe. Ich habe etwas altes Zahngold gefunden und den letzten Brief meiner verstorbenen Freundin J., ich habe lange verschollene Playmobil- und Legoteile gefunden, aber nicht das Buch.

Kennen Sie das, dass es einen seelisch unangemessen erschüttert, wenn man etwas nicht finden kann? Als würde das Chaos bösartig ins Leben einbrechen und sich da breit machen wollen, als wäre die Ordnung des Alltags fortan grundsätzlich gestört, als würde ein wenig Sicherheit wegbrechen und eine gefährliche Lücke aufreißen. Ich ging irgendwann höchst unzufrieden und irritiert ins Bett, aber ich stand noch dreimal wieder auf und suchte doch noch weiter, auch im Müll, auch im Altpapier, auch in der Schublade unterm Herd. Das Buch blieb verschwunden.

Schließlich las ich stattdessen einfach in der Kinderbibel weiter, die immer noch wegen der Religionsarbeit von Sohn I neulich auf meinem Nachttisch liegt. Die Geschichte von David und Goliat, der da tatsächlich ohne h am Ende geschrieben wird, wie sieht denn das aus? Ich erinnere die Schreibweise anders. Die Geschichte jedenfalls kennt man, die kenne auch ich. Aber hätte ich darüber eine Klassenarbeit schreiben müssen, ich hätte doch zwei Punkte Abzug in Kauf nehmen müssen, immer ehrlich bleiben. Denn dass der zuständige König auf Davids Seite Saul hieß, das hätte ich nicht mehr gewusst, und dass Goliath zur Mannschaft der Philister gehörte, das ebenfalls nicht. Und was sind oder waren eigentlich Philister? Da habe ich dann noch einmal zehn Minuten in der Wikipedia herumgelesen, beflissen wie ich bin. Ein schönes Beispiel dafür, wie mein fleißig gepflegtes Wiederleseprojekt der Allgemeinbildung auf die Sprünge hilft, allerdings ohne dass ich die leiseste Ahnung habe, ob ich mit diesem speziellen Wissen jemals etwas anfangen kann. Aber man weiß ja generell selten, wozu man etwas weiß, wenn ich das mal so tiefsinnig abschließen darf.

Der Dritte Mann wurde dann übrigens heute im morgendlichen Trubel gefunden, in einem kleinen Schapp, in dem wir nur leere Batterien aufbewahren und das wir entsprechend selten öffnen. Ein Schapp, wenn Sie das Wort nicht kennen, ist hier im Norden ein Schrank oder ein Fach, irgendwas mit einer Tür davor jedenfalls, das ist ein betont heimatliches Wort. Ein Sohn wollte das Buch gestern aus der Küche zu meinem Schreibtisch tragen und auf dem Weg noch schnell zwei Batterien weglegen, da hat er es versehentlich dort deponiert und sofort vergessen – so etwas passiert.

Es hat mich etwa zwei Stunden gekostet, aber immerhin weiß ich durch die umfangreiche Suchaktion jetzt wieder ziemlich genau, was alles in dieser Wohnung wo genau ist. Auch recht!

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Im Vorbeigehen gehört:

“Sie ist keine Heilerin oder Seherin oder so etwas, sie ist eher chinesisch.”

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Musik!

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Der leise Stich der Entbehrlichkeit

Ich habe die Sturmhöhe beendet, das Buch bleibt natürlich im Regal. Man kann bei ruhelosen Streifzügen durch die Wohnung ab und zu ob der grauenvollen Handlung kopfschüttelnd davor stehen bleiben und sich denken: “Was es alles gibt!” Und solche Bücher sind eben auch gut und nützlich.

Eigentlich hätte ich Lust, mich auf Sekundärliteratur zum Buch zu stürzen, auf Biographien der Verfasserin etc., aber wo kommt man da hin. Nein, das wäre dem Projekt abträglich, es geht hier um das Wiederlesen, und das wird noch eine ganze Weile eisern durchgezogen.

Als nächstes lese ich – ohne jeden inhaltlichen Bezug zum Vorgängerbuch – Graham Greenes Dritten Mann in der neuen Übersetzung von Nikolaus Stingl, auch das ist wieder eine feine Ausgabe der Büchergilde Gutenberg, schön illustriert von Annika Siems.

Das Buch habe ich zum ersten Mal, vermutlich in einer stark gekürzten Version, im Englischunterricht auf dem Gymnasium gelesen. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, weiß aber immerhin, dass ich die Behandlung entschieden zu lang fand. Das ging mir allerdings bei jedem durchgenommenen Buch so, auch in Deutsch. Was etwas seltsam ist, denn einerseits fand ich es schon als Jugendlicher interessant, möglichst viel über ein Buch und die Autorin oder den Autor zu erfahren, andererseits wollte ich das aber nie von jemandem erzählt bekommen, sondern immer nur selber lesen. Fragen zu Büchern hasse ich bis heute. Wer hat darin wann was und warum gemacht und was bedeutet dieses Ding und jener Name? Ganz schlimm. Ich komme wirklich gerne selbst drauf, aber als Prüfungssituation war mir das immer unangenehm. Der dritte Mann also, wir haben damals im Unterricht übrigens nicht den Film gesehen, das fand ich auch falsch, das finde ich bis heute falsch. Ohne den Film hätte es die Erzählung immerhin nicht gegeben – und umgekehrt. Außerdem ist es ein sehr guter Film. 

Hier etwas mehr zum Buch und zur Übersetzung.

Und hier auch, dort wird ganz zu Recht dieser Satz zitiert: “Martins spürte den leisen Stich der Entbehrlichkeit, als er an der Bustür stand und zusah, wie der Schnee so dünn und sanft herabschwebte, dass die großen Verwehungen zwischen den zerstörten Gebäuden eine Anmutung von Dauerhaftigkeit besaßen, als wären sie nicht die Folge dieses mageren Geriesels, sondern lägen für alle Zeiten oberhalb der Linie ewigen Schnees.“

Schnee, ein natürlich wichtiger Hinweis für die Freunde der jahreszeitlich geschickt gewählten Lektüre. Später, viel später im Leben habe ich übrigens fast alles von Graham Greene gelesen, aber nicht noch einmal den Dritten Mann. Manchmal ist es ja seltsam.

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Währenddessen fielen andere Bücher gerade meinem Projekt zum Opfer, etwa die Werkausgabe von Lessing, die ich mit ziemlicher Sicherheit niemals lesen werde. Da könnte natürlich jemand wegen der literaturgeschichtlichen Wichtigkeit des Herrn protestieren, aber um die eben geht es gar nicht. Es geht darum, dass in meinem Regal das für mich Richtige steht. Ebenfalls nicht genug interessieren mich die Selbstbiographie von Jacob Grimm, dito die Werkausgaben von Herwegh, Uhland und Gryphius. Den gesamten Schiller werde ich dagegen behalten, aber schwerlich en bloc lesen können, den Goethe und den Shakespeare auch nicht, die werde ich eher stückweise (ha!) in die Lektürereihe einbauen.

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Musik! Ich wünsche eine schöne und fine Woche. 

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Die Zeitlupe des Spätsommers in der Provinz

Wie es dem Arm geht, wurde in den Kommentaren gefragt. Vielen Dank für das Interesse, ich habe die Operation gerade abgesagt. Wie erwartet, wurden die Symptome sofort wieder schlimmer, manchmal ist diese Vorhersehbarkeit wirklich ein wenig nervtötend. In Kürze gibt es noch einen Therapieversuch – und dann weiß ich auch nicht. Neues Jahr, neues Glück – oder so.

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Aber apropos Arm. Das dämliche Gelenk hat mich im September und Oktober davon abgehalten, die Wandererzählung korrekt zu beenden, da fehlen immer noch drei Tage. Mittlerweile habe ich allerdings den Eindruck, es ist einigermaßen egal, ob ich nun stundenlang schreibe oder nicht, der Arm richtet sich mit den Schmerzen eher nach dem Wetter, dem Mond, den Dieselpreisen oder nach Gott weiß was, ich kann also auch einfach schreiben. Das Jahr neigt sich dem Ende zu und nach alter Gewohnheit sind noch vor der Silvesternacht alle alte Themen abzuarbeiten, jeder hat eben so seine Marotten. Erst muss das Alte weg, dann geht es an die Fortsetzung, gerade gestern erst erkundigte sich der Sohn nach der Möglichkeit einer Winterwanderung, “aber ohne Zelt”, wie er sicherheitshalber hinzufügte. Es ist sogar noch Geld für Fahrkarten da, das haben Leserinnen uns bereits freundlich vorfinanziert. Das Projekt der Umrundung Schleswig-Holsteins bewegt sich also wieder etwas, aber zunächst erst einmal zum geordneten Abschluss der Sommerwanderung.

Dafür müssen wir zurück in die Hitze, das wird jetzt bei aktuell drei Grad in Hamburg etwas Fantasie erfordern, aber die haben Sie ja und ich bin immerhin stets bemüht. Sommer, Sonne, Strand also, Sie erinnern sich vielleicht, der Sohn hatte einen seligen Tag am Meer, das war bei Sierksdorf in der Lübecker Bucht an einem der heißesten Tage des Jahres und der letzte Eintrag zum Thema endete so:

“Der Sohn schwimmt, der Sohn steht am Meer, der Sohn sammelt Steine und setzt sich kurz neben mich. Der Sohn macht Strandjugenddinge, denke ich, es ist ganz schön, dass er das einmal so kennenlernen kann. Frierend aus der Ostsee kommen und in der prallen Sonne langsam wieder warmglühen. Auf dem Bauch im Sand liegen und in die Gegend sehen, sonst nichts. Am Meer stehen und Schiffe ansehen, wie sie von Travemünde aus nach Norden fahren. Und immer wieder auch ins Meer gehen, einmal, zehnmal, zwanzigmal an nur einem Vormittag. Er kommt zwischendurch zu mir und will wissen, ob es hier Feuerquallen gibt, die Frau aus dem Nachbarstrandkorb hört das und verneint: “Hier gibt es gar nichts. Also außer Tang.” Sie sagt es, als sei das eine gute Nachricht, dass es im Meer nichts gibt, nicht nur keine gemeingefährliche Feuerquallen, sondern auch keine Krebse oder andere Untiere, im Meer ist einfach nur Wasser.”

Hier war das.

Viel später am Tag werden wir im Zug sitzen und diskutieren, wie lange wir nun eigentlich in Sierksdorf am Strand gewesen sind. Dieser Tag ist jetzt mehrere Monate her, wir diskutieren das gelegentlich immer noch. Denn der Sohn, der in euphorischer Ferienekstase den vermutlich besten Strandtag seines Lebens hatte, er fand das da etwas kurz. Ich aber, der ich mehrere Stunden ohne Lektüre und mit leerem Handyakku in einem Strandkorb bei lächerlich hohen Temperaturen aushalten musste, ich fand das da eher etwas zu lang. Wenn ich also von diesem Tag spreche und darauf verweise, wie lange ich in Sierksdorf für ihn und sein Kinderglück durchgehalten habe, sagt er in einem Tonfall, der mir nicht recht gefällt: “Ist klar, Papa, richtig lange.” Mit diesen beiden Sichtweisen im Kopf und unter Berücksichtigung einiger Fakten wie etwa der späteren Zugabfahrzeit, waren wir nach bestem Wissen etwa sechs Stunden an diesem Strand. Wie auch immer das nun zu bewerten ist, ich jedenfalls war seit 1987 nicht mehr so lange in einem Strandkorb. Und da um mich herum Menschen in allen Stadien der Verbrennung lagen, kann das so empfehlenswert auch nicht sein. Aber da steigen wir also wieder ein in den Bericht:

Nach diesen sechs Stunden ist der Sohn endlich so oft im Meer gewesen, dass er keinen einzigen Zug mehr schwimmen kann. Die Sonnencreme geht langsam zur Neige, wir haben weder Getränke noch Essen dabei, und um etwas zu besorgen, müssten wir erst eine Bank finden, das Bargeld wird auch knapp, das ist alles etwas ungünstig. Der Gedanke, heute noch weiter zu wandern, er kommt uns beiden vollkommen grotesk vor, da sind wir uns einig. Also packe ich alles zusammen und wir gehen langsam zum Bahnhof. Wir gehen zum einen langsam, weil der Sohn sich nicht trennen kann und bei jedem Schritt überlegt, ob er nicht doch noch einmal schnell zum Meer rennt und reinspringt, wir gehen zum anderen langsam, weil ich wieder beide Rucksäcke trage, meinen heute aber viel schwerer als am Vortag finde und den Verdacht nicht loswerde, dass der Sohn heimlich mehrere ihm attraktiv vorkommende Steine beträchtlicher Größe hineingepackt hat.

Am Bahnhof steht ein Häuschen in fragwürdigem Zustand, in dem Toiletten und Fahrkartenautomaten sind, die zu meiner Überraschung sogar funktionieren. Unter einer Bank im Wartebereich finde ich eine Steckdose, ich krieche darunter und stöpsele das Handy ein, aber es passiert nichts, es gibt keinen Strom. Ich umrunde das Haus auch von außen, es ist aber keine weitere Steckdose zu finden. Man findet überhaupt sehr wenig Steckdosen in Schleswig-Holstein, wenn man einmal wirklich eine braucht, das ist wie mit dem Handynetz. Auf dem Bahnsteig warten zwei, drei Familien auf einen Zug, man sieht auf den ersten Blick, dass sie da schon zu lange stehen oder eher lagern. Eingedöste Kinder, fortgeschrittenes Wartekoma in brutal heißer Spätnachmittagsluft. Eine Mutter gräbt leise fluchend in mehreren Gepäckstücken nach Wasserflaschen, findet endlich eine und hält sie hoch, es ist nur noch ein Tropfen darin. Sie sieht sich um.

Neben dem Bahnsteig steht eine Baracke, vor der sitzt ein Mann in Uniform auf einem runtergerockten Drehstuhl. Er hat beide Beine lang ausgestreckt und die Dienstmütze der Deutsche Bahn so western-like in die Stirn geschoben, Detlev Buck hätte es auch nicht schöner inszenieren können, wie der da sitzt, unbeweglich und mit starrem Blick in der grillheißen Sonne, spiel mir das Lied vom Zug. Die Mutter geht zu dem Mann zu und fragt: “Bitte, haben Sie hier Wasser?” Der Mann schiebt die Mütze mit einem Finger höher und guckt, es ist herrlich, wie langsam er das tut, die Zeitlupe des Spätsommers in der Provinz, genau so stellt man sich das vor. Aber er sitzt da beruflich, er möchte nicht gestört werden. Er sitzt sehr gründlich und im Dienst, das müsste man eigentlich erkennen. Jeder müsste das erkennen, nur die Touristen wieder nicht. Er sieht die Frau an und sagt dann: “Jo.”

Die Frau hebt ihre leere Flasche, nach wie vor läuft alles wie in einem Drehbuch ab. Der Mann sieht die Frau an, die Frau sieht den Mann an. Aus dem benachbarten Freizeitpark hört man kreischende Kinder auf der Achterbahn. Langsam lässt die Frau die Flasche wieder sinken, denn das müsste der Typ ja allmählich verstanden haben, was sie will, jeder hätte das jetzt verstanden. Der Mann atmet tief ein, legt den Kopf zurück und sagt: “Aber es ist kein Trinkwasser.” Dann schiebt er die Mütze wieder über die Augen und verschränkt die Arme vor der Brust.

Eine Viertelstunde später steht er ächzend auf und stellt sich an die Bahnsteigkante, ein Zug fährt durch. Ein Zug, der nur in Städten einer respektablen Größe hält. Er fährt enorm schnell durch und der Mann steht wirklich dicht am Zug, der Fahrtwind reißt und zerrt an seinem Hemd. Der Mann guckt stoisch auf die Wartenden, bei denen die Eltern jetzt unwillkürlich die Kinder festhalten, als der Zug auf einmal so dicht an ihnen rasend vorbeilärmt. Der Mann aber steht da und passt auf, das ist sein Job. Nur er darf da so stehen und immerhin weiß er: Die Kinder im Freizeitpark kreischen auf der Achterbahn wegen der vermeintlichen Gefahr, aber das, was er da macht – das ist echt. Und dann setzt er sich langsam wieder hin, auf seinen uralten Bürostuhl.

Der Sohn und ich fahren nach einer schier ewigen Wartezeit an diesem Bahnsteig mit dem Zug zurück nach Hamburg, nur um gleich am nächsten Morgen wieder aufzubrechen. Denn sofort nach dem Aufwachen ist ihm klar, dass er immer noch nicht ganz strandsatt ist. “Wir könnten Brötchen kaufen und im Zug frühstücken”, sage ich. “So machen wir das”, sagt der Sohn. Und so haben wir es dann auch wirklich gemacht.

Fortsetzung hier.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Eine faire Wendung

Noch etwas zur Dürre.

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Auf eine subtile Art war es ein bemerkenswerter Tag, es gab ein zwar nur ganz kleines Bemerknis, das aber doch so unwichtig nicht ist, wenn ich länger darüber nachdenke. Denn nachdem ich jahrelang Sätze und Sprüche der Söhne auf Twitter, Facebook oder hier im Blog gepostet habe – in den letzten Jahren übrigens nur noch mit ihrer Erlaubnis -, hat heute Sohn I zum ersten Mal einen Satz von mir in seinen Kreisen und Medien geteilt. Ich werde den Satz hier nicht zitieren, den hat er immerhin redlich erbeutet, über den verfügt er jetzt alleine. Aber diesen Satz von mir fand er also witzig, den fand er richtig gut, über den sollen jetzt auch andere lachen.

So dreht die Geschichte der Buddenbohmscherze in eine nur faire Wendung und ich werde mein Bestes tun, als komischer Vater vom Dienst die Schulden nach und nach zu begleichen.

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Weiter in der Sturmhöhe gelesen. Cathys Tochter Cathy (es ist kompliziert) verliebt sich in Heathcliffs Sohn, der allerdings nicht Heathcliff, sondern Linton heißt, im Hintergrund gedeiht ein außerordentlich bösartiger Racheplan. Soap Opera nichts dagegen. Man muss zwischendurch auch einmal bewundern, auf welches Handlungskonstrukt die junge Dame da gekommen ist, denn das ist eine höchst ungewöhnliche, widerborstige Romanentwicklung voller unsympathischer Personen mit schweren Defekten, das lag doch nicht gerade im Trend der Zeit, wenn ich es korrekt erinnere. Mir fällt auch nach längerem Nachdenken keine andere Romanfigur ein, die so dermaßen niederträchtig handelt wie Heathcliff, dagegen werden ja sogar die Schurken bei Dickens mit ausgeprägt menschlichen Zügen gezeichnet.

Es ist übrigens erstaunlich wenig Landschaft in dem Buch, das habe ich ganz anders erinnert. Natürlich, ab und zu wird die Heide erwähnt und es windet, irgendwo gluckst ein Moor – aber viel mehr findet man nicht, ich finde es glatt ein wenig enttäuschend. 

Die Übersetzung macht mir im letzten Drittel immer mehr zu schaffen, jetzt werden noch andere Dialekte hineingemischt, Dorfbewohner klingen auf einmal wie Hessen, vielleicht soll es auch etwas anderes sein, pardon, ich bin gar nicht so gut in Dialekten südlich des Ruhrgebiets, aber ich merke jedenfalls, dass ich deutsche Dialekte nicht gut in einen ausländischen Kontext hinein denken kann. An Dialektwörtern hängt mir zu viel Heimatkontext, die Begriffe reißen die Figuren förmlich aus Yorkshire heraus. Also nach meiner Empfindung jedenfalls, das werden andere anders sehen und fühlen. Einige Kraftausdrücke sind mir außerdem entschieden zu modern, das wiederum reißt mich aus dem richtigen Jahrhundert, und ich müsste jetzt, um das alles recht zu verstehen, ältere Übersetzungen und natürlich auch das Original ansehen, aber wer hat Zeit für so etwas? Dann verstehe ich es eben nicht, das macht ja nichts. Interessant ist die Übersetzung dennoch.

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Musik!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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