Ja, mach nur keinen Plan

Als ich noch in Travemünde wohnte, gingen wir oft nach Norden aus dem Ort raus. Da kam die Steilküste, da kam ein kleines Wäldchen, dann noch eines, dann noch eines, das waren für uns so Wegmarken, man plante Spaziergänge bis zum ersten, zweiten oder dritten Wäldchen. Danach kam die Hermannshöhe, ein damals gutbürgerlich genanntes Restaurant, in dem man also so etwas wie einen Senatorenteller bekam, mit viel Fleisch. Das war bis dahin ein Sommerurlaubsstandardspaziergang, der wurde und wird routinemäßig in jedem Reiseführer erwähnt, den machten alle, die ihn nur irgendwie schaffen konnten. Den machten auch ganz alte Menschen, es standen und stehen viele Bänke am Weg, man kann sich jederzeit ausruhen und über das Meer gucken, bis die Kräfte wieder enatofür ein paar Meter reichen. Der Blick ist sehr gut von da oben, wirklich bemerkenswert gut. In meinem Buch über die Strandjugend kommt der Weg mehrfach vor.

Nach dem Essen in der Hermannshöhe kehrten die meisten Spaziergänger um. Wenn man aber doch einmal nach Norden weiter ging, kam man bald nach Niendorf, das ist der nächste größere Ort, immerhin mit Hafen und kleinem Schwimmbad. Danach das noch größere Timmendorf, da ging man aber wegen einer Traditionsfeindschaft zu Travemünde nicht gerne hin, das war für uns Kinder oder Jugendliche eher eine No-go-area. Timmendorf war schnöselig, vermutlich ist es das bis heute, ich kann es nicht objektiv beurteilen, denn ein paar liebevoll gepflegte Vorurteile möchte man sich auch bewahren, wenn das Leben einem schon im Laufe der Jahrzehnte die meisten raubt. Hinter Timmendorf, das leider auch noch elend lang ist, schien erst einmal nicht mehr viel zu kommen, das sah da alles gleich aus, eine Bausünde neben der anderen und ein immer gleicher Strand, eher schmal als breit. Ganz normalen Strand hatten wir aber auch in Travemünde, und der war sogar breiter. Wir kehrten also meistens kurz vor Timmendorf wieder um, kletterten auf dem Rückweg ausgiebig an der Steilküste herum und landeten bald wieder in Travemünde, wo wir dann wie immer im Imbiss Pommes aßen, denn der Senatorenteller in der Hermannshöhe war doch eher etwas für Erwachsene.

Aber schon seit dieser Zeit dachte ich, es müsste doch auch spannend sein, einmal noch weiter zu gehen, also noch viel weiter. Die ganze Küste rauf, an diesem Timmendorf und an den ganzen Bausünden vorbei, bis nach Dänemark, auch wenn man dabei durch Kiel muss, was für Lübecker wieder nicht ganz einfach ist. Einfach mal gucken, was da noch so kommt, durch Gegenden, die nie zuvor ein Mensch … na ja, fast Und kurz vor Dänemark dann links abbiegen und fix rüber zur Nordsee gehen, an der entlang unter Auslassung aller Inseln nach Süden zurück, bis ganz zur Elbe, da einbiegen, das geht zu Fuß eh nicht anders. Dann schließlich hinter Hamburg dem Elbe-Lübeck-Kanal folgen und schon ist man einmal im Kreis um die Heimat herum. Dachte ich. So eine einfache Tour, also von der Orientierung her! Immer nur am Meer entlang, erst liegt die Ostsee rechts, dann liegt die Nordsee rechts, zum Schluß noch ein wenig am Fluss, der liegt auch immer rechts, das ist genauso simpel. Man braucht nicht einmal eine Karte! Man ist immer wie von selbst orientiert, so stellte ich mir das jedenfalls vor. Das geht mir übrigens bis heute so, ich fühle mich nur am Meer perfekt orientiert, im Binnenland ist mir tendenziell unklar, wo ich bin. Sobald ich aber das Meer sehe, weiß ich, wo auf dem Globus ich bin und alle Himmelsrichtungen fühlen sich logisch, richtig und wohlsortiert an.

Zu dieser Tour kam es dann aber nie. Nicht zu Fuß, nicht mit dem Fahrrad, nicht einmal mit dem Auto. Das ging nie, das passte nie, dazu kam ich genauso wenig wie zu sonst irgendwas. Ich wartete immer auf genug Zeit, auf mehr Geld, auf besser passende Gelegenheiten. Wie man eben so wartet, während die Jahre vergehen. Man kann gerade nicht, aber als Dauerzustand und ehernes Gesetz. Man kann nicht wegen des Jobs, wegen der Gebrechen, wegen des Wetters und wegen der Jahrszeiten, wegen des Nachwuchses und auch wegen anderer Urlaubsplanungen, man will auch noch hierhin und dorthin. Natürlich ist es im Nachhinein Unsinn, überhaupt auf etwas zu warten, denn es sagt ja keiner, dass man alles am Stück laufen muss, man kann sich das nett in handliche Tagesausflüge zerlegen, in Zweitagestouren, in was auch immer. Dann hat man irgendwann verdammt viele An- und Abfahrten, aber hey, Schleswig-Holstein-Ticket.

Weswegen Sohn II, der dem Freundeskreis Einfach-Machen ganz entschieden angehört, und ich jetzt einfach losgegangen sind, von Travemünde bis nach Sierksdorf. Das ist für den Anfang gar nicht so schlecht,das waren rund 20 Kilometer an einem Tag unter ziemlich schweren Bedingungen, dazu später mehr. Wir hatten eine Übernachtung auf einem Campingplatz, damit haben wir das also auch mal geübt und für gut machbar befunden.

In Sierksdorf gibt es einen Bahnhof, wir sind von da aus zurück nach Hamburg gefahren. Demnächst fahre ich da mit oder ohne Sohn wieder hin und gehe von da aus nach Norden weiter bis nach Neustadt in Holstein, da gibt es dann wieder einen Bahnhof. Dann fahre ich irgendwann bis Neustadt, gehe nach Großenbrode viertel vor Fehmarn, na, und immer so weiter. Da ist irgendwann auch ein längeres Stück ohne Bahnhof dabei, da brauche ich dann mal drei Tage oder so, aber das wird sich alles finden. Es hat Zeit, es hat sogar viel Zeit, aber es ist jetzt in Bewegung geraten.

Das ist doch mal ein Plan, der vor allem gut ist, weil es eben kein Plan ist. Da muss man nämlich gar nichts planen, oder fast nichts. Einfach machen, wie es gerade auf den Schienbeinen des Herrn in der Berliner S-Bahn stand, ich berichtete. Einfach gehen, und gehen kann ich. Ich kann wirklich nicht viel, aber geradeaus weitergehen, das kann ich seit der Strandjugend definitiv, an der Küste war eben alles enorm langgezogen. Weit und schnell gehen, kein Problem. Stoisch immer weiter, das kann ich auch, eselhaft blöd und beladen einfach immer einen Schritt vor den anderen. Genau mein Ding, wenn nicht sogar mein Leben.

Andere können Schmerzen und Probleme veratmen, ich kann die vergehen. Ja, da staunt die Grammatik, das liest sich ungewohnt, das soll aber so. Zum Bericht über die Tage 1, 2 und 3, Etappe Travemünde bis Sierksdorf mit Niendorf, Timmendorf, Scharbeutz und Haffkrug dann in Kürze mehr. Also im Sinne von viel mehr, das Notizbuch war natürlich dabei und der Sohn und ich haben einiges beobachtet. Wir waren nur einen Tag wirklich unterwegs, es waren aber doch drei Tage Berichtszeit, das erkläre ich dann auch noch.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, diese ganze Wanderung ist komplett leserinnenfinanziert. Und wenn das nicht das beste Finanzierungsmodell überhaupt ist?

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Kurz und klein

Leichtes Gepäck

Bei der GLS Bank habe ich etwas zum Thema Ernährung geschrieben.

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Eine kleine Sache aus dem Heimatdorf der Herzdame, die Dame kennen wir sogar. Und nein, in Wahrheit ist es natürlich keine kleine Sache.

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Wir steigen in Berlin aus dem Zug und fahren mit der Rolltreppe hoch zur S-Bahn. Da oben fährt einer, der nur mit einer abgeschnittenen Jeans bekleidet ist, auf einem Fahrrad auf dem Bahnsteig herum und pöbelt Leute an, wieso die da im Weg stehen, wo er doch gerade lang will, ey, hau mal ab da, wa. Man kommt bei Stadtbesuchen nicht darum herum zu vergleichen, und hier drängt sich der Abgleich mit Hamburg sofort nach der Ankunft auf, dieser Abgleich ist ohnehin interessant, dazu müsste man mal mehr bloggen, nicht wahr, Kollege? Wenn man nämlich in Hamburg so tollkühn ist und mit dem Rad in den Hauptbahnhof fährt, man wird vermutlich nach zehn Metern von zehn Sicherheitskräften niedergerungen und steht am nächsten Tag in der Zeitung unter der Überschrift: „Provokation im Bahnhof“, dazu ein Bild, wie man gerade schreiend auf dem Boden liegt, während einem zwei Muskelpakete in Uniform auf dem Rücken knien und sich hektisch umsehen, ob heute noch mehr Irre unterwegs sind. In Berlin fährste mit dem Rad durch den Bahnhof und klingelst einfach die lästigen Leute aus den Weg. Die Leute vom Sicherheitsdienst wedeln gelangweilt Fliegen weg und gucken auf die Uhr, es ist bald Mittagspause.

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In der Berliner S-Bahn sitzt mir ein tätowierter Mann gegenüber, auf dessen linkem Schienbein, also vom Betrachter aus, steht „Einfach“, auf seinem rechten steht „Machen“. Wenn der nun bei einem Unfall den Unterschenkel des rechten Beines, also vom Betrachter aus, verlieren würde, dieses „Einfach“ würde sich in seiner Bedeutung der neuen Lage sehr schön anpassen. Na, was man in unfassbar heißen S-Bahnen so denkt.

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Wir verbringen entspannte Stunden im Prinzessinnengarten, am Boxhagener Platz und am Badeschiff in der Spree, wir sagen uns alle paar Minuten, dass dies die Orte sind, die es in Hamburg eher nicht gibt, diese Orte, an denen man in Frieden einfach sein kann, ohne irgendwie sonst sein zu müssen, also mode-, schicht- oder ausrichtungsgmäßig. In Hamburg ist immer alles speziell, zumindest kommt es uns so vor. Und in Hamburg, versteht sich, guckt jeder, wie du bist und was du bist, das ist in Berlin wohl eher unüblich. Zumindest fällt es uns nicht auf, obwohl wir intensiv gucken, wie die anderen sind und was sie sind, man ist ja doch Tourist.

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Ich habe Nina Verheyens „Die Erfindung der Leistung“ durchgelesen, die beiden letzten Kapitel ausgerechnet in einem Freizeitpark. Ironisches Lesen, das ist auch so eine völlig unterschätzte Disziplin. Ich merke mir eine der Kernbotschaften, die da lautet, dass es kategorisch keine individuellen Leistungen gibt – Leistung ist „genuin sozial“. Zur Begründung bitte Buch lesen, das wird da fein hergeleitet. Und das ist doch ein interessanter Aspekt, ich warte jetzt auf eine gute Gelegenheit, diesen Satz jemandem um die Ohren hauen zu können. Wird das lange dauern? Ich glaube nicht.

Da ich für die nächsten Tage leichtes Gepäck brauche, lese ich „Wozu macht man das alles“ von Fredrik Sjöberg auf dem Handy, es geht gerade um den Namen Bing, und das hat mit Herrn Crosby nicht einmal etwas zu tun, wohl aber jüdischem Leben in Deutschland.

Ebenfalls angefangen habe ich Thomas Bauer: „Die Vereindeutigung der Welt – Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Viefalt“. Über verlorene und vermeintlich gewonnene Vielfalt, über ausgestorbenen Apfelsorten und industriell hergestellte Apfelshampoosorten, auch über Ambivalenz und Ambiguität. Darin eine schöne Stelle über die erstaunlich der Ambiguität zugewandte katholische Kirche, in der es ein traditionelles Statement für Fragestellungen gibt, die nicht beantwortet werden können, ohne Prinzipien zu verletzen oder politisch unklug zu sein, für Fragen also, die besser gar nicht erst gestellt worden wären: Nihil esse respondendum. Also die edle und weihrauchumwaberte Version von „Dazu sagen wir nix.“ Das kann man hervorragend für den eigenen Alltag übernehmen, einfach mal die Meinungsbildung ablehnen und jegliches Statement verweigern, bei mir gibt es heute kein Ja und kein Nein, gehen Sie weiter, es fällt kein Urteil: Nihil esse respondendum. Auch schön als Joker auf Twitter.

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Hat jemand den Wälzer von Hartmut Rosa zur Resonanz gelesen? Lohnt das? Die Besprechungen lassen mich etwas ratlos zurück, andererseits fand ich ihn in Interviews ganz interessant.

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In Berlin waren wir außerdem im Freilichtkino, immerhin drei Familienmitglieder auch zum ersten Mal überhaupt. Es gab Ocean’s 8, das ist ein vollkommen entbehrlicher Film von nervtötender Vorhersehbarkeit und ohne jeden originellen Aspekt, wäre es nicht Freilichtkino gewesen, ich würde noch absatzlang verbittert über verschwendete Lebenszeit klagen. Aber so – ganz nett, das. Die Vorführung fand im Freilichtkino im Volkspark Friedrichshain statt und wenn Sie Berlinerin sind, Berliner sind mitgemeint, dann kann ich Ihnen jetzt etwas über diese Vorführungen dort erzählen, das Sie wahrscheinlich nicht wissen. So ist das ja oft mit Reisenden, das die dann plötzlich Sachen parat haben, da staunt der Anwohner.

Wenn Sie nämlich dort einen Film sehen und hinterher gehen, dann machen Sie das vermutlich genau wie alle, Sie stauen also in der langen Schlange vor dem Ausgang herum, Sie nehmen sich noch eine taz, die da wohl standardmäßig verschenkt wird, Sie gehen langsam vorwärts und wenn Sie endlich draußen sind, dann bleiben Sie erst einmal stehen und warten auf den Rest Ihrer Gruppe, Ihrer Familie, Ihrer Beziehung, was auch immer. Dabei befinden Sie sich fast unweigerlich vor einem Baum, der steht da nämlich gleich vor dem Kassendings. Wenn Sie jetzt gerade die Schwäche überkommt, wollen Sie sich dort vielleicht anlehnen, denn der Baum macht einen stabilen Eindruck, der steht da schon länger. Aber es ist so – Sie sollten sich da nicht anlehnen. Wirklich nicht. Das Folgende könnte Sohn II noch besser als ich ausführen, aus leidvoller Erfahrung, wie man so sagt, aber er kann gerade nicht, er muss irgendwas auf dem Handy spielen, also übernehme ich eben. Wenn Sie sich da anlehnen, dann finden das die Wespen, die diesen Baum besiedeln, nicht so toll, und Sie haben Mittel und Wege, Ihnen das schmerzhaft klarzumachen.
Wie sich später herausstellte, als der Sohn nicht mehr ganz so laut schrie, kommt das da öfter vor, der Baum ist bei den Veranstaltern schon bekannt und „da müsste man mal was machen“, aber das ist diese Berliner Form von „da müsste man mal was machen“, das dauert noch etwas. Wissen Sie jetzt also Bescheid.

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Der Plan – ja, mach nur einen Plan! – sieht im Moment so aus, dass ich am Freitagmorgen mit Sohn II und Rucksack Richtung Ostsee aufbreche, Sohn I und die Herzdame aber in anderer Richtung das „A Summer’s Tale“-Festival besuchen, da sind wir dann wieder bei der neulich verhandelten familiären Teambildung, die ich nach wie vor empfehlen möchte. Ich hatte eigentlich vor, bei der Wanderung dekadent in Hotels zu übernachten, ich nehme jetzt aber aus reiner Reaktanz ein Zelt mit, genauer aus wild lodernder Abneigung gegen die Usability von Hotelbuchungsseiten und überhaupt Tourismus-Info-Seiten im Internet, über die ich mich aus dem Stand heraus geradezu endlos aufregen könnte. Ich möchte mit diesem Quatsch keine Zeit mehr verbringen, ich hasse Urlaubsrecherchen online von ganzem Herzen, dann gucke ich lieber vor Ort wie so ein Rentner auf den Plan vor dem Rathaus: „Sie sind hier“.

Und wenn ich schon dabei bin, ich lasse diesmal nicht nur die Onlinebuchung und die Onlinerecherche weg, ich lasse gleich fast alles weg. Ich nehme nichts, wirklich überhaupt nichts mit, was wir nicht unbedingt für eine Übernachtung brauchen, nur ein winziges Zelt, zwei Isomatten und zwei Schlafsäcke, zwei Zahnbürsten, zweimal neue Unterwäsche, fertig. Ich nehme keine Bücher oder Comics mit, kein Spielzeug, keinen Proviant, kein Gummiboot und keinen Kescher, keine drei paar Schuhe und keine Kuscheltiere, nichts, nichts, nichts. Na gut, eine Powerbank. Na gut, Wasser und Sonnencreme. Bloß nicht weiter nachdenken! Der Sohn sagt allerdings gerade, wir müssen auch einen Hammer einpacken, denn man weiß ja nie, wann man einen Hammer braucht. Also gut, einen Hammer, er hat ja Recht. Aber mehr dann wirklich nicht.

Nach all den Jahren ist wenig Ballast auch mal wieder schön, denn das ist etwas, was mich von Anfang an bei diesem ganzen Familiending genervt hat, diese Gepäckmenge, diese Berge von Zeugs und Zubehör, und das man nie einfach aufbrechen kann. Ich möchte gar nicht so oft gehen, aber wenn ich gehen möchte, dann möchte ich gleich gehen – und nicht erst Äpfelchen schneiden. Ich finde es fürchterlich, Äpfelchen zu schneiden, ich habe es von Anfang fürchterlich gefunden. Äpfelchen schneiden und eintuppern, die dann den ganzen Tag vom standhaften Nachwuchs verweigert werden und die man schließlich, pflichtbewusster Öko, der man nun einmal ist, abends selbst vor dem Notebook mümmelt. Siehe auch Karotten, Kohlrabi, Gurken, ich kenne jedes Gemüse in allen Zuständen der Labberigkeit und Austrocknung, ich habe Erfahrungen gemacht, die machen auf Ferienbauernhöfen sonst die Karnickel und die Schweine.

Nein, Schluss damit, die Kinder sind groß, also ziemlich groß jedenfalls (*fuchtelt mit der Hand in Lichtschalterhöhe herum*), wir gehen einfach los. Wir nehmen nicht einmal einen Plan mit, nicht einmal im Kopf. Es ist mir völlig schnurz, wie weit wir kommen und wie wir zurückkommen, ich habe nur eine Richtung im Sinn, der Rest ergibt sich. Alles also herrlich unklar, abgesehen von der Tatsache, dass wir eh nur zwei Tage Zeit haben und das damit sicher kein Groß-Event wird. Aber gut, man muss eben irgendwo anfangen und wir können es vielleicht bald fortsetzen, wenn es sich denn bewährt, das geht ja auch noch im Herbst. Die Schlafsäcke, so steht es auf einem Zettelchen daran, bewähren sich bis minus fünf Grad. Minusgrade! Die Älteren erinnern sich.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, Sie müssen aber nicht. Es ist ein freies Land (Stand August 2018).

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Trinkgeld Juli 2018, Ergebnisbericht

Ich führe übrigens genau Buch, welches Geld für was verwendet werden soll und wird. Wenn beim Eingang der Summe daran steht “Für die Wanderung”, dann wird es auch genau dafür benutzt und nicht für etwas anderes, soviel Krämerseele, Hanseatentum und Controlling muss schon sein. Es gab schon Verwendungszwecke “Für Holz” und “Für Eis”, “Einfach so” und dergleichen mehr, ich notiere mir das alles auf den Euro genau und buche bei mir selbst sozusagen detailliert ab. Ein Riesenspaß! Das heißt mit anderen Worten auch, sie können sich Verwendungsmöglichkeiten ausdenken, ich arbeite das dann ab. Also in einem sittlichen Rahmen und je nach zeitlicher Möglichkeit, versteht sich. Aber das Hutgeld ersetzt hier jetzt immerhin ein bis zwei Werbekunden oder andere Auftraggeber, die Leserinnen und Leser sind also in diese Rolle gewechselt, nach wie vor eine mich überraschende, wirklch feine Entwicklung.

Zur Vorbereitung der ersten Wanderetappe haben wir einen kleinen Wanderrucksack, zwei Isomatten, zwei Schlafsäcke und zwei Trinkflaschen gekauft, wir nächtigen jetzt nämlich doch in einem Zelt, dazu später mehr, das wird noch inhaltlich plausibel begründet. Das haben wir alles in Berlin gekauft, denn auf diese Art konnten wir bei Außentemperaturen jenseits aller Schicklichkeit stundenlang in einem gut gekühlten Kaufhaus sein. Da wir Kinder dabei hatten, konnten wir dort auch nicht mal eben nur schnell was kaufen, nein, die Kinder mussten erst das ganze Sortiment kritisch würdigen, so oft sind wir nämlich gar nicht in Kaufhäusern. Es hat also ein wenig gedauert – und das war gut so.

Auf Eiderstedt gab es vom Hutgeld Freibadpommes, mehrere Fischbrötchen verschiedener Ausprägung, viel, wirklich viel Eis und diesen aufblasbaren X-Fighter, ich berichtete.

Für den Garten kauften wir in diesem Monat drei Phlöxe, eine vorgezogene Cosmea, eine mir unbekannte Blume, auf deren Topf auch nichts stand, die hat mir die Herzdame überraschend mitgebracht. Auf Nachfrage, was das denn nun sei, sagte sie: “Na, eine Pflanze.” Haben wir das also auch geklärt. Ferner drei Hortensien, zwei Rutenhirsen, mehrere Großgräser, eine Blauraute. Blaurauten kannte ich gar nicht, aber ich glaube, Blaurauten gefallen mir sehr gut, die riechen auch interessant, irgendwie nach Lakritze und Salbei. Zwei Katzenminzen, eine Verbene, einen Ziersalbei, einen Prachtspier. Mehrere Zinkwannen, eine Zinkgießkanne und ebensolche Eimer, weil Plastik nun einmal doof aussieht. Pflanzschnur. Ein Sonnensegel, von dem ich gar nicht weiß, wo es hinsoll, das ist dann wohl Herzdamensache.

Holunder und ähnliche größere Gewächse, nein, überhaupt alle weiteren Gewächse werden erst später im Herbst erworben, wenn es vielleicht doch einmal wieder regnet und nicht mehr alles direkt nach dem Pflanzen verdorrt und zu Staub zerfällt.

Wie immer: Ganz, ganz herzlichen Dank an alle, die Geld in den Hut geworfen haben, welche Summe auch immer, wir freuen uns. Also tatsächlich muss man sich das so vorstellen, dass hier nach wie vor jede einzelne Summe im Familienkreis abgefeiert und gewürdigt wird, wirklich jeder Euro.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, das geht dann z.B. in die Zugfahrkarte für die Anfahrt zur ersten Wanderetappe und wird vermutlich überhaupt etwas event-lastiger verwendet, mir ist gerade nach Aktion und Erlebnis. Nanu!

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Ich sehe eine Luise

Ich bin in Nordostwestfalen und habe an Schwiegermutter Schreibtisch etwas Netz, also kann ich schnell ein paar Links fischen und einbauen, nicht ohne auf besondere Umstände am Abend der Ankunft hinzuweisen:

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Antons Familie.

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Für die GLS Bank habe ich etwas zum Thema Radverkehr zusammengestellt.

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Superkräfte. Immer gut.

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Plastikfischen vor Mallorca.

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Schon lange hat niemand mehr bei „Der Rest von Hamburg“ etwas angelegt, jetzt hat Paula Columna dort für Helgoland gesorgt.

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Wir besuchen die Uroma der Söhne im Altenheim, die Uroma wird neunzig Jahre alt. Die Hitze ist schon wieder zurück und flirrt über dem Land. Die Uroma liegt mit Fieber in einem brutheißen Zimmer, in dem niemand auch nur zehn Minuten verbringen will, aber nach dem Willen kann es hier nicht mehr gehen. Die Uroma hält eine Weile die Hand der Herzdame und wir nehmen an, dass sie uns erkannt hat – erfahren werden wir es vielleicht nicht mehr.

Auf dem Flur sehen wir Dekogegenstände aus vorigen Jahrzehnten, uralte Radios und mechanische Schreibmaschinen, Kinderwagen mit Korbgeflecht aus den Fünfzigern oder auch noch älter. Dinge, die die Menschen dort an ihre jungen Jahre erinnern, als es vielleicht noch nach ihrem Willen ging. An einigen Türen hängen Jugendbilder der Bewohnerinnen, Menschen in schwarzweiß, die vor Feldern oder Häusern stehen und unsicher in Kameras gucken, weit, weit vor der Selfie-Zeit. Da waren Bilder noch eine ernsthafte Angelegenheit, da machte man keine Faxen dabei.

Eine hundertjährig aussehende Dame läuft über den Flur, sie hat sich ein Geschirrhandtuch als Kopftuch umgebunden, wie man es früher trug, wie man es von Abbildungen kennt, als alle Frauen hier noch Kopftuch getragen haben. Das ist nicht sehr lange her, die Kinder heute kennen das von den Hexen im Bilderbuch und vielleicht aus dem ganz alten Fotoalbum. Die Dame trägt das so, weil sie sich damit vermutlich besser fühlt, richtiger angezogen, vollständiger. Oder weil man das als Frau in Deutschland ihrer Erinnerung nach nun einmal so macht.

Ein alter Mann geht vorbei und sieht uns an oder auch nicht, das kann man nicht recht unterscheiden. Auf dem T-Shirt der Altenpflegerin, die ihm langsam nachgeht, steht: „The beer that makes the days fly by.“ Das ist die Werbung für Duff Beer – und das war auch schon wieder damals, dass man darüber beim Fernsehen gelacht hat.

Vor dem Altenheim gibt es einen Ort der Erinnerung, da liegen Feldsteine mit darauf geschriebenen Namen der Verstorbenen. Manche Namen sind in Schönschrift geschrieben, manche auch eher nicht, je nachdem, wer gerade Zeit oder Dienst oder Lust hatte, nehme ich an. Manche Namen sind schon verblasst, manche scheinen lange, lange zu halten, je nachdem, welches Schreibgerät gerade da war, nehme ich an. Alle sind in schwarzer Schrift geschrieben, Vorname und Nachname. Ein einziger Stein ist weiß beschriftet, darauf steht nur ein Vorname. Was mag da denn bloß die Geschichte sein? Die Männer auf den Steinen hießen fast alle Wilhelm, erst nach einer Weile fallen ein paar andere Namen auf, Walter und Albrecht und Werner, aber das waren die Ausnahmen, hier gedenkt man einer wilhelminischen Generation, was geschichtlich natürlich nicht hinkommt. Die Namen der Frauen fallen viel abwechslungsreicher aus.

Die Söhne und ich spielen „Ich sehe was, was du nicht siehst“ mit den Namen auf den Steinen dort, denn Kinder sind immer Kinder und Erinnerungskultur geht auch anders. Ich sehe einen Wilhelm, ich sehe eine Luise.

Die Söhne fragen, ob die Uroma dort auch einen Stein bekommt. „Ja“, sage ich, „so sieht es wohl leider aus.“

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Wir gehen im Heimatdorf der Herzdame durch Felder spazieren, an deren Rändern stehen Bäume mit schon buntem Laub, das macht die Hitze. Der Regen vom Vortag ist schon wieder verpufft und vergessen, der Boden ist rissig und betonhart. Die Felder sind früh abgeerntet, das macht auch die Hitze, und ja, die Stoppelfelder sind gelb, der Ohrwurm drängt sich auf, uhund der Heherbst beginnt. Das wird dann aber ein verdammt langer Herbst, ein Halbjahresherbst wird das. Rot leuchtende Beeren in den Büschen, strohfarbenes Laub in der Birke, verdorrter Mais auf einem Acker, der kommt auch bald weg, der wird nichts mehr, der hatte keine Chance. Verdorrtes Gras und verdorrte Blumen, alles raschelt dürr in einem allzu warmen Wind, der nichts belebt und nicht erfrischt, der lässt es nur rascheln und immer weiter rascheln.

Die Stachelbeeren und die Johannisbeeren hängen überreif in den Büschen auf dem Hof, die hat die Uroma immer gepflückt und verarbeitet, das kann sie jetzt nicht mehr.

Auch hier sind die Gräben ringsum trocken und trennen nichts mehr, an ihren Böschungen zirpen vereinzelte Grillen. Ein seltsames Verb, finden Sie nicht? Ich zirpe, du zirpst, er, sie, es zirpt. Laut Wikipedia ist das Fachwort dafür Stridulation, das denke ich mir jetzt nicht aus, so heißt das wirklich, wenn man ein Geräusch durch Reibung zweier gegeneinander beweglicher Körperteile macht. Wenn Sie also jetzt Ihre Beine aneinander reiben und sich dabei z.B. ein raspelndes Geräusch ergibt, dann stridulieren Sie. Ob das dann aber auch der innerartlichen Kommunikation dient, wie es sich in der freien Natur gehört, da drängen sich sofort Zweifel auf.

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Maximilian Buddenbohm von Smilla DankertSmilla Dankert hat Fotos von mir gemacht, die ich als Profilbild verwenden kann – und schon wegen der Frisur wurde es auch höchste Zeit für neue Bilder, ich habe mich ja doch etwas verändert. Vielen Dank!

 

 

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Die Söhne klopfen nachmittags auf dem Hof Kronkorken platt, wozu sie besonders schwere Hämmer nehmen, die haben sie aus den Werkzeugkisten des im letzten Jahr verstorbenen Uropas, sie gehören jetzt ihnen. Der Uropa hatte viele handwerkliche Berufe und viele Werkzeuge, nicht alle versteht man auf den ersten Blick. Aber einen Hammer, na klar, den kann man richtig einsortieren. Es hat natürlich überhaupt keinen Sinn, Kronkorken platt zu hauen, aber der Vater der Herzdame hat enorm viele davon gesammelt, und da man sie platt hauen kann, machen sie das eben jetzt, und zwar mit Feuereifer. Während der Rest des Dorfes es vorzieht, sich bei der Hitze möglichst gar nicht zu bewegen und irgendwo im Schatten sitzend oder liegend den Tag verdöst, hocken die beiden auf dem Asphalt und arbeiten unermüdlich und konzentriert. Wenn sie einen Kronkorken plattgehauen haben, werfen sie ihn in einen alten Blechmülleimer, es scheppert kurz und sie zählen laut. „Siebenundachtzig“ ruft Sohn I, „Sechsundachtzig“ ruft Sohn II, schon sind sie durcheinander, zählen aber ungerührt irgendwo weiter, wen kümmert die Genauigkeit. Aus unklaren Gründen freuen sie sich dennoch über jeden erreichten Hunderter, das macht es irgendwie noch sinnloser, irgendwer ruft irgendwelche Zahlen. Ich sitze auf einem alten, längst ausrangierten Schaukelstuhl mit einem Kaltgetränk daneben und gebe sinnlose Kommentare ab, während der Hund im Kreis um uns herum geht, was ebenfalls überhaupt keinen Sinn hat.

Man muss schon Urlaub haben, um so gründlich ohne Sinn auszukommen. Je sinnloser der Urlaubstag, desto sinnvoller der Urlaub, um mal wieder besonders tief am Grund entlang zu schrammen.

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Am nächsten Tag gehen wir in den Potts Park und schaffen alle wichtigen Attraktionen, bevor die Hitze endgültig unerträglich wird und man das sichere Gefühl hat, auf dem Weg zwischen zwei Fahrdrehflugdingern kurzgebraten zu werden. Die Kinder sind glücklich, denn mit diesem Besuch hatten sie nicht gerechnet – und da war er dann schon wieder, der Sinn. Den wird man irgendwie auch nicht los.

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Nächster Halt: Berlin.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, dann setzen wir den Eiskonsum auf hohem Niveau fort. Und das zählt zur Zeit als gute Tat, da kann man mal sicher sein.

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Elefant an Himbeeren

Wir fahren zu einem Himbeerhof, da kann man Himbeeren selbst pflücken. Sohn II studiert die Preise der Himbeerschalen und wundert sich, dass die eher über den üblichen Ladenpreisen liegen. Müssten die denn hier nicht billiger sein? Er kommt darauf, dass die vom Hof bestimmt schon mit einkalkulieren, dass die Leute beim Pflücken dauernd heimlich Himbeeren essen, die dann also nicht abgewogen werden, weswegen sich der Preis nicht nur exakt auf die gewogene Menge bezieht, und er schlussfolgert, dass man, um schlauer als die Anbieter zu sein, beim Pflücken wesentlich mehr essen müsse, als die annehmen, was er dann auch energisch in Angriff nimmt, bis für sein ausgeprägtes Zahlengefühl der Preis halbwegs stimmt. Er legt also die herein, denen er unterstellt, dass sie ihn reinlegen wollen, weil sie annehmen, dass er sie reinlegen will, das ist wohl so eines der Grundprobleme unseres Wirtschaftssystems.

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Zum Himbeerhof gehört auch ein Open-Air-Kaffee, wir essen Himbeertorte, was sonst. Einen Tisch weiter sitzt ein Rentnerpaar, das aussieht wie von M. Deix gemalt, beide sind aus der Form geraten und mit Vehemenz unfroh, sie sitzen da und stieren geradeaus in die Himbeerreihen vor ihnen. Er steht auf, geht auf die Toilette, kommt zurück, setzt sich wieder hin. Sie guckt die ganze Zeit weiter stur geradeaus und sagt erst nach einer ganzen Weile in überraschend aggressivem Tonfall: „Du kannst dich hier doch nicht einfach hinsetzen wie ein Elefant! Also wirklich!“ In seinem Gesicht ist keine Reaktion auszumachen, sie starren beide weiter in die Himbeeren. Vermutlich haben sie einen schönen Nachmittag.

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Ich lese in William Trevors: „Der Tod des Professors“, Erzählungen, übersetzt von Hans-Christian Oeser. Dezent, ich glaube, das ist das richtige Wort, das ist dezent erzählt. Behutsam vielleicht auch, aber das ist ein eher schwieriger Begriff, da muss ich an küssende Igel denken, weil die Kinder hier dauernd von denen singen, die müssen beim Küssen ganz, ganz fein behutsam sein. Gefällt mir jedenfalls, sein Tonfall.

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Ich sitze in der Ferienwohnung auf dem Hof am Computer und schreibe, irgendein Kind kommt rein und sucht in der Küche nach Keksen. Es braucht sieben Kekse, sagt es, denn die ganze Bande braucht Kekse. Ich frage, ob ich auch einen Keks bekomme, es sagt „Na klar, du gehörst doch zur Bande.“ Das stimmt mich froh, jetzt kann ich mit der Herzdame wieder gleichziehen. Sie hat einen Fanclub (siehe letzter Eintrag), ich habe eine Bande, da kann man wirklich nicht meckern.

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„Die Erfindung der Leistung“ von Nina Verheyen ist zumindest in der ersten Hälfte eine Geschichte der Leistungsmessung, also der Messung menschlicher Leistungen, das hatte ich so nicht erwartet. Das ist aber auch interessant.

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Ich brauche tatsächlich ganze vier Tage, bis ich nicht mehr zu jeder Tageszeit denke: „Ich könnte mich gut mal hinlegen“ und es dann auch tatsächlich mache. Dann war das mit der Urlaubsreife wohl nicht nur ein vager Verdacht. Ebenfalls vier Tage lang habe ich ernsthaft in Erwägung gezogen, in der Nordsee zu baden, am fünften Tag habe ich es tatsächlich getan. So schnell kann es gehen, wenn man spontan und flippig ist, wie ich es nun einmal bin.

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Wir liegen in Böhl am Strand herum, hier ist der Strand ziemlich leer, außerdem unendlich weit und von der gleißenden Sonne so dermaßen überstrahlt, man sieht fast nichts, wenn man nicht gerade eine sehr dunkle Sonnenbrille trägt. Ich habe keine Sonnenbrille, ich habe nie eine besessen. Ich kneife die Augen zusammen wie schneeblind, ich sehe nur noch die verstreut aufgebauten Strandmuscheln in knalligen Farben, Farbtupfer hier und da, bis zum Horizont, wo immer genau der sein mag, er ist nicht auszumachen, aber irgendwo muss er ja sein, bisher war das immer so. Vor den Farbtupfern sitzen ziemlich nackte Menschen wie Einsiedlerkrustentiere, madengleich und gefährdet. Wären die Möwen nur groß genug, die wären alle weg, denke ich, all die fleischigen, schutzlosen Wesen vor den Strandmuscheln, ruckzuck wären die aufgepickt, die sonnengegarten Leckerbissen in Öl.

Wenn man da am Strand herumliegt und nur lange genug guckt, verschwindet der Unterschied zwischen Himmel, Strand und Wasser komplett, alles geht ineinander über, die Strandmuscheln wurden irgendwo willkürlich hingepunktet in eine weiße Science-Fiction-Landschaft ohne Oben und Unten, ohne Ende oder Anfang. Links neben mir in der flirrenden Luft steht oder schwebt eine mintgrüne Muschel, aus der kommt eine Jugendliche, streckt die Arme nach oben, wo aller Wahrscheinlichkeit nach der Himmel ist, stürzt sich dann nach vorne und nach unten, direkt in den Handstand. Und geht auf Händen einmal um ihre Muschel herum, in der sie dann wieder wortlos verschwindet. Andere müssen erst auf Trip sein, um so etwas zu sehen, man kann aber auch einfach an einem heißen Tag in Böhl an den Strand fahren.

Sohn II fängt eine tote Qualle in einem Eimer, den Eimer parkt er neben meinem Handtuch und verschwindet sofort wieder im strahlenden Weiß des Julistrandtages. Alle Menschen, die danach an meinem Handtuch vorbeikommen, beugen sich über den Eimer und sagen „Ah, eine Qualle.“ Alle. Vielleicht muss man das so sagen, überlege ich, vielleicht ist das Pflicht, aber das mit dem Überlegen ist so eine Sache, wenn einem die Sonne so dermaßen auf den Kopf scheint, dass es sich schon nach zehn Minuten eindeutig nicht mehr gesund anfühlt.

Ich beschließe ins Wasser zu gehen und ich gehe und gehe, aber es wird einfach nicht tiefer. Es ist knöcheltief, wadentief, knietief und mehr nicht, dann wird es sogar wieder flacher. Vor mir gehen noch andere Leute, einige sind schon weit weg von mir, fast außer Rufweite, sie gehen irgendwo zwischen Wasser und Himmel und das Meer ist bei ihnen dahinten oberschenkeltief, mehr nicht. Mehr kommt da also nicht, tiefer wird es erst Gott weiß wo, hinter Amrum vielleicht oder kurz vor Helgoland, so weit möchte ich dann doch nicht gehen, da brauche ich ja Stunden. Ich bleibe stehen, ich lege mich einfach hin, wo ich gerade bin, mein Bauch guckt deprimierend weit aus dem Wasser, die Hallig Buddenbohm. Ich wedele mit den Armen und sage: „Schwimm, schwimm.“

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Am nächsten Tag kaufe ich den Kindern einen aufblasbaren X-Fighter, so ein Star-Wars-Ding als Luftmatratze. Wir fahren nach Lundbergsand, das vielleicht auch Lundenbergsand heißt, ich kann hier gerade nicht googeln. Wir fahren jedenfalls dahin, das ist kurz vor Husum im Ort Simonsberg, da kann man parken und baden und auf dem Deich herumliegen, während andere Touristen und Schafe unentwegt blökend vorbeiziehen, die einen fast gar nicht, die anderen ungeheuer bekleidet.

Die Herzdame bläst den X-Fighter auf, das dauert erstaunlich lange. Ich will sie sicherheitshalber irgendwann ablösen, weil sie erst knallrot und dann sehr blass wird, aber sie ist nicht ansprechbar, sie besteht nur noch aus konzentrierter Atmung. Jedem seinen Weg zur Erlösung, denke ich, und die Herzdame pustet mit geschlossenen Augen immer weiter und veratmet vermutlich den ganzen Stress des ersten Halbjahres, ich warte, dass der X-Fighter platzt. Früher, als wir beide noch geraucht haben, wir hätten nicht einmal die Flügelchen vollbekommen.

Dann ziehen die Söhne endlich johlend mit dem X-Fighter in die Nordsee, sie setzen sich beide darauf und ich hänge mich hintendran, ich bin der getunte Motor und treibe sie so durch die Badestelle. Die Söhne sind schwer beeindruckt, wie schnell ihr Vater schwimmen kann, ich sage ihnen nicht, dass ich da die ganze Zeit auf Grund komme und also heimlich laufe, man muss ja auch mal Punkte sammeln.

Dann lasse ich sie schließlich los und schwimme ein paar Meter ins Tiefere, wobei mir aber der linke und dauerentzündete Ellenbogen so dermaßen durchdreht, ich bin ganz froh, dass ich nicht weiter draußen bin. Schwimmen ist erst einmal gestrichen.

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Wenn man vier, fünf oder sechs Tage mal nicht online ist, wenn man weder FB noch Twitter noch SPON oder sonst etwas liest, dann merkt man, wenn man plötzlich wieder Netz hat, wie erstaunlich weit weg vom Offline-Alltag das alles mittlerweile ist. Da im Online ist es so fürchterlich überhitzt und dauereskaliert, so extremverliebt und süchtelnd polarisiert, es ist eine fortwährende Schulhofisierung der Kommunikationskultur, man möchte wie bei streitenden Kindern dauernd alle auseinanderziehen.

Und ich möchte hier mit einem Missverständnis aufräumen, es ist nämlich gar nicht primär so, dass man selbst ruhiger wird, wenn man offline ist, das ist keine seelische Angelegenheit. Die ganze Offline-Welt an sich ist ruhiger, ist friedlicher, ist zurückhaltender. Das wird selbstverständlich auch vom Standort des Betrachters abhängen, aber es stimmt immerhin für alle Standorte, die ich kenne. Da draußen ist nichts, keine Aufregung, kein Skandal, kein Gebrüll, kein wütender Mob, die Leute gehen ganz normal miteinander um und machen so Alltagszeug. Wenn man Twitter liest, denkt man, es brennen schon überall die Mülltonnen und auf den Kreuzungen werden bald Barrikaden errichtet.

Selbstverständlich ist die Lage nicht problemlos, das ist sie ja nie, es ist sinnvoll und richtig und notwendig, gegen Rassismus vorzugehen, gegen die Nazis, gegen Ungerechtigkeiten und Schweinereien aller Art, auch ich denke, es ist Zeit für Parteieintritte und Bewegung, für Protest und Politisierung, aber für enorm viele Menschen wird schlicht gelten, was die Söhne so formulieren würden: „Ey, checkt mal euren gechillten Alltag.“

Auf den ersten Blick habe ich gar keine Lust, online wieder mitzuspielen. Na klar, man kommt sicher wieder rein, man hat ja auch immer schon mitgemacht und es gibt da auch Spaß, aber meine Güte. Die sozialen oder anderen Medien sind im Moment sicher kein Teil der Lösung.

Ich lese „Die Welt im Zwiespalt“, eine Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts von Edgar Wolfrum. Beim Lesen fällt mir auf, was für ein grotesk falsches Bild der Wirklichkeit des Jahres 2018 in Deutschland man zeichnen würde, wenn man sich ausschließlich auf soziale Medien als Quelle verlassen würde, wie parteipolitisch ausgewogen auch immer man sie zusammenstellen würde. Das Jahr ist so nicht, wie es sich online anfühlt.

Auch Blogs sind Quellen, auch dieses Blog, vielleicht sollte ich das noch mehr bedenken, einfach aus Spaß am Chronistenspiel. Noch mehr schreiben, was da draußen ist, noch mehr beobachten. Mehr besuchen, Veranstaltungen, Termine, Orte, Menschen, Events, auch solche, zu denen ich bisher keinen Bezug hatte. Immer wieder selbst nachsehen, wie es ist. Heute noch sehe ich in Nordostwestfalen nach, nächste Woche in Berlin und danach auf der Wanderschaft mit Sohn II in Schleswig-Holstein.

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In der Dünentherme in Sankt Peter-Ording gucke ich mir zwei Stunden die Menschen an, die da baden. Einige wenige sind mit religiösen Merkmalen versehen, tragen muslimische Badekleidung für Frauen oder silberne Kreuzchen um den Hals, die baden aber dennoch alle durcheinander und ein Problem ist nicht zu erkennen. Viel öfter als die religiösen Erkennungszeichen kommt der Anker vor, der ist nahezu überall drauf. Auf Rucksäcken und Badehandtüchern, auf Badeanzügen und Badehosen, auf T-Shirts, Shorts, Pullovern, Bechern und sogar auf Taschenbüchern, man liest hier Küstenromane. Der Anker ist das Symbol der Saison, gefolgt vom Leuchtturm und vom Schiffssteuerrad. Wie das wohl geht, dass plötzlich in einem Frühjahr überall das gleiche Zeichen drauf ist, wer spricht sich denn da ab? Und wann, drei Jahre im Voraus? 2021 machen wir mal Quallen. Oder liegt ein Hersteller irgendwann uneinholbar vorne und alle anderen ziehen hektisch mit, haltet die Maschinen an, Anker! 2018 sind es die Anker! Und in den Grafikbüros zeichnen sie dann Anker bis tief in die Nacht.

Früher waren viel mehr Fische, Seesterne, Rettungsringe und Robben überall drauf, auch Symbole haben ihre Moden, auch Symbole sind irgendwann durch. Wer jetzt in den ach so echten Norden fährt – oder wie das hier gerade marketingtechnisch korrekt heißt -, der trägt Anker oder hat den Anker überall, es gibt, kein Scherz, Toilettenpapier mit Ankern drauf. Na, wem es Halt oder ein nordisches Gefühl gibt …

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Die Herzdame: „Wir haben hier die Kurkarten …“

Angestellter der Stadt Sankt Peter-Ording: „Das heißt jetzt Gästekarten. Weil alles heute anders heißen muss.“

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Die Kaltmamsell erwähnt die Münchner Spatzen, was mich daran erinnert, dass ich längst schon schreiben wollte, dass es in Hamburg wieder mehr Spatzen gibt. Wie auch immer das nun möglich sein kann, denn das Verschwinden der Spatzen soll ja an mangelnden Nistgelegenheiten gelegen haben, an den glatten Glasfassaden überall. Es ist nun nicht so, dass auf einmal wieder mehr Fachwerkhäuser in Hamburg gebaut werden, aber es ist nicht zu übersehen, dass die Vögel wieder da sind. Ich sah neulich sogar dieses Bild, das mir sonst nur aus Berlin bekannt ist: Ein Restauranttisch auf einem Fußweg in der Stadtmitte, die Leute zahlen und gehen weg, eine Horde Spatzen inspiziert sofort gründlich die Reste auf den noch nicht abgeräumten Tellern. In Berlin völlig normal, in Hamburg habe ich das jahrelang nicht gesehen. Oder noch nie.

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Aber es ist nur alles wie immer: es ist irgendwas mit Medien.

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Gestern Blutmond über Eiderstedt, in der Tat eine dolle Sache.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, auf dem Sie sich bitte unbedingt einen Anker denken. Man will ja mit der Zeit gehen.

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Der Ausgang des Menschen und der Fliegen

Ich lese in Ralf Konersmanns „Die Unruhe der Welt“. Das ist nicht unbedingt die fluffigste Urlaubslektüre, denn der Herr ist hauptberuflicher Philosoph, ganz ähnlich wie bei Verwaltungsbeamten ist das ein Job, der wohl unweigerlich auf die Sprache durchschlägt. Es gibt da also eine gewisse Neigung, sich nicht allzu süffig auszudrücken, oder, um im sprachlichen Duktus Konermanns zu schreiben, wir werden in unserer Eigenschaft als Rezipient einer gewissen Gestelztheit des Ausdrucksgefüges gewahr. Macht aber nichts, interessant ist das dennoch. Das Buch ist kein Slow-Irgendwas Buch, kein Ratgeber, der zur Besinnung und zur Langsamkeit drängt, es ist ein Aufklärungsbuch. Und Aufklärung definiert er wunderschön zitierbar:

„Aufklärung heute heißt demjenigen nachzuforschen, was oft gesagt und tausendmal wiederholt worden ist, ohne jemals begründet worden zu sein – Überzeugungen, Erwartungen und Behauptungen, die nicht deshalb Bestand haben, weil sie in einem rationalen Verständnis des Wortes wahr wären, sondern weil sie den Zeitgenossen unbestreitbar erscheinen.“

Die altvertraute Definition von Kant ist natürlich auch okay, aber den Konersmann kann man doch dekorativ danebenstellen. Den guten alten Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, den musste ich im Geschichtsunterricht auf dem Gymnasium noch auswendig hersagen können, was damals genauso ging wie im neunzehnten Jahrhundert oder auch noch bei Thomas Mann, der überaus gefürchtete Herr Dr. S. bellte einen Namen, man sprang auf und ratterte los, unmündig wie ein Soldat in der Grundausbildung, aber egal. Selbstverständlich kann ich den Satz heute noch, das muss man immer dazusagen.

Haben wir das also ausdefiniert, fein. Soviel zum Bildungsfunk.

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Die Familie schläft noch, es ist unanständig früh. Ich kann wie immer nicht lange schlafen, ich sitze in der Küche einer Ferienwohnung auf einem Hof in Nordfriesland auf der Halbinsel Eiderstedt und bechere Kaffee. Fliegenumsummt, denn das gehört auf einem Bauernhof dazu, das geht hier allen so, den Menschen wie dem Vieh. Denke ich mir jedenfalls, denn sonst würde es ja an mir liegen, diesen Gedanken lehne ich ab.

Es gibt hier sogar ein wenig WLAN, mehr jedenfalls als im letzten Jahr, ich schreibe dennoch offline. Denn das Warten auf langsam ladende Seiten, es fühlt sich so dermaßen nach den Neunzigern an, so retro, ich möchte das nicht, Männer, die auf Ladebalken starren. Unterm Strich waren die Neunziger auch gar nicht mein Lieblingsjahrzehnt. Nein, ich verzichte einfach ganz auf das Internet und schreibe nur mit Word, wie so ein konzentrierter, bewusster Typ. Also wenn da nicht die Fliege zwischen mir und dem Bildschirm wäre, die lenkt schon etwas ab. Hat man kein Netz und kein Twitter, hat man eben etwas anderes, aus dem Zwitschern wird sofort ein Summen, die Lücke ist gefüllt, die Unruhe der Welt, da haben wir sie wieder.

„Jahrhundertelang hat der Mensch seelische Ruhe als Idealzustand empfunden“, erkläre ich der Fliege, denn ich lerne ja etwas aus dem Buch, ich lese das schließlich nicht aus Spaß. Die Fliege fasst sich dahin, wo vielleicht auch bei Fliegen der Arsch ist, ich weiß es aber nicht genau, denn in Bio mussten wir damals nicht so höllisch gut aufpassen, der Lehrer war jünger und netter als der in Geschichte. Das hat man nun davon.

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„Ursprünglich ist nichts in uns gewesen, was uns zu ständiger und schmerzhafter Anstrengung angestachelt hätte“, zitiert Konersmann den Soziologen Émile Durckheim. Auch ein Satz, den man sich merken könnte, denke ich und plane dann das Tagesprogramm für den Ferientag, man wird an den Strand müssen.

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Am zweiten Urlaubstag habe ich sieben Nickerchen gemacht. Aber satt war ich noch immer nicht.

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Ich gehe zwischendurch kurz in den Stall und streichele ein Lamm. Ich gucke kurz auf Instagram, da streichelt Angela Merkel ein Kalb. Was man eben so macht, wenn man im Sommer mal aufs Land fährt, es geht den Kanzlerinnen wie den Leuten.

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Ich lese außerdem „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“ von Uwe Kopf, bei dessen Namen ich natürlich an eine Zeit denken muss, in der man sich noch auf das Erscheinen von Zeitschriften gefreut hat, die Zeit von Tempo und Wiener. Wie gründlich etwas vorbei sein kann. Beim Lesen fehlt mir dann doch das Internet ein wenig, ich kann nicht alles sofort nachschlagen, wie ich es sonst immer mache. Der Protagonist hört etwa dauernd Rory Gallagher, ich müsste den jetzt auch hören, das geht aber nicht. Wie war nochmal Rory Gallagher? Egal, das Buch ist nicht recht mein Fall, ich lege es nach einem Viertel wieder weg. Ich frage die Herzdame, wie noch einmal Rory Gallagher war, sie fragt „Wer?“ So lange ist der also schon her, denke ich.

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Ich sitze in einem Strandkorb und gucke auf weidende Schafe, neben mir steht ein Dreijähriger, der sehr gerne redet. Ich hatte auch einmal dreijährige Kinder, das ist hundert Jahre her, es fühlt sich ganz fremd an, mit Dreijährigen zu reden.

„Ich wünsche mir einen Portosaurus, eine E-Gitarre und ein Motorrad. Aber alles in echt“, sagt der Kleine und guckt so verwegen, wie es nur Dreijährige können.

„Ich wünsche mir einen Bagger“, sagt die Herzdame, die neben mir sitzt, „aber auch in echt.“

„Das“, sagt der Dreijährige und guckt so ehrlich beeindruckt, wie es nur Dreijährige können, „ist auch nicht schlecht.“

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Sohn I ist jetzt das größte Kind auf dem Hof, das wollte er jahrelang sein, das hat er endlich geschafft. Jetzt folgen ihm all die kleinen Kinder wie eine Entenschar, himmeln ihn an und machen ihm alles nach, das ist aber auch wieder nicht recht, wenn ich seine irritierten Blicke richtig deute. Vorsicht vor Wünschen, die in Erfüllung gehen, das gilt auch für Zehnjährige.

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Das Land auf Eiderstedt ist trocken wie nie, die Entwässerungsgräben führen kein Wasser mehr. In einem steht noch ein Rinnsal, darauf dümpeln ein paar Enten, die aber schon mit den Füßen auf Grund kommen, wie der oben erwähnte Dreijährige im Nichtschwimmerbecken. Die Gräben um die Vennen, wie hier die Weiden heißen, sie trennen normalerweise wie Zäune, da stehen Schafe, da stehen Kühe, da Bullen, da Pferde. Die Tiere bleiben weiter brav auf ihren Vennen stehen, obwohl sie eine einigermaßen spektakuläre Wanderung anfangen könnten, denn durch die Gräben könnten sie jetzt einfach durchgehen. Aber das machen sie nicht, weil da ja immer Gräben waren, sie merken das nicht einmal, das da etwas anders ist, dass da die große Freiheit ist. Die Freiheit kann nicht da sein, wo immer ein Graben war, Kafka und die Nutzviehhaltung, wer käme nicht darauf.

Für Schafe gilt das übrigens nicht. Schafe sinken im modrigen Boden der Gräben ein, kommen dann nicht mehr raus und müssen mit Seilen mühsam gerettet werden. Schafe sind also entschuldigt. Der Bauer geht seine Vennen ab und guckt nach den Schafen, er geht sie alle ab, das sind mehr als 10 km. Vorsicht bei der Berufswahl!

Die Söhne helfen, Wasser zum Vieh zu bringen, sie fahren mit dem ganz großen Trecker mit und transportieren Wasser in riesigen Tonnen. Das Land ist nicht saftig grün, wie es gehört, das Land ist staubig gelb wie im spanischen Binnenland, das Wetter ist herrlich, sagen die Touristen am Strand.

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Ich lese außerdem „Die Erfindung der Leistung“ von Nina Verheyen, im Urlaub schafft man ja mal was.

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Im Freibad in Tönning fallen mir viele beschriftete Menschen auf, das sind die Tätowierten, von denen einige gar nicht so wenig Text auf der Brust, auf dem Rücken oder auf den Oberarmen haben. Bei einigen steht so viel Text, dass die Schrift recht klein ausfällt, das kann man dann im Vorbeigehen gar nicht mehr mal eben so lesen, sehr unangenehm. Man kann ja schlecht stehenbleiben, näher rangehen, die Gleitsichtbrille zurechtruckeln und „Moment“ sagen, „ich habe Sie noch nicht durch.“

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Ich lese außerdem „Ein fauler Gottt“ von Stephan Lohse, das ist sehr gut geschrieben und sehr schwer, denn es geht um ein Kind, dessen Bruder gestorben ist. So etwas kann ich, wie unlängst schon einmal erwähnt, nicht gut ab. Das lese ich aber weiter, weil es wirklich gut ist. Der Autor gehört zu meiner Generation, die dort beschriebene Kindheit passt zu meiner Kindheit, also von Kulisse und Requisite her. Beim Lesen stellt sich ein unerwartetes Gefühl der Zugehörigkeit ein, das ist die in der heutigen Öffentlichkeit empörend wenig vorkommende Westdeutschlandnostalgie. In einem Land vor unserer Zeit.

Ich lese das Buch unter anderem in der Dünentherme, dem Schwimmbad von Sankt Peter-Ording, wo ich mich kurz freue, dass die Söhne in einem Alter sind, in dem man ihnen nicht mehr dauernd hinterherrennen muss, auch nicht im Schwimmbad. Bis mir einfällt, dass ich gerade ein Buch lese, dessen Initialzündung der Tod eines Kindes ist, der wiederum durch einen Krampfanfall in einem Freibad eingeleitet wird. Gehe dann doch mal gucken, was die Jungs so machen.

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Am Hof fährt ein seltsamer LKW vorbei, der hinten einen riesigen silbernen Kasten als Aufbau hat, dessen Zweck wir uns zunächst nicht erklären können. Ein Wassertank? Sind Tanks nicht immer rund? Der LKW hält abrupt und wendet staubumwölkt in der Hofeinfahrt, dann bleibt er stehen. Der Fahrer steigt aus, der Motor läuft weiter. Der Fahrer geht um den Wagen herum und betätigt Schalter, da fährt ein Greifarm aus dem Heck des Fahrzeugs und der riesige silberne Kasten öffnet sich oben. Ein infernalischer Gestank weht heraus und heran, brechreizerregend, schwer und schlimm. Der Fahrer drückt an den Hebeln, der Greifarm schnappt sich ein totes Schaf, das am Straßenrand gelegen hat, seltsam, dass es keiner von uns dort gesehen hat. Das Schaf wird an einem Bein hochgezogen, der Greifarm dreht über den geöffneten Kasten und lässt es fallen, es fällt wie ein nasses Tuch, wie ein nasses Lammfell vielmehr, und man muss wohl vermuten, dass es auf etliche andere tote Tiere fällt. Der Kasten geht wieder zu, der Fahrer springt auf seinen Sitz und braust weiter, der hat es eilig, noch viel zu tun. Wo das Schaf gelegen hat, da liegen Wollreste im Gras, große Flocken, die im Laufe des Nachmittages allmählich verwehen. Stunden später sehen wir den LKW ein paar Dörfer weiter, er hält da gerade am Straßenrand, der Fahrer steigt aus. Wir fahren an ihm vorbei, wir haben wegen der Hitze alle Fenster auf, der atemraubende Geruch füllt sofort unser Auto. Wir halten die Luft an, solange wir können, und lange genug ist das nicht.

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Mein Bruder schickt mir Ergebnisse aus seiner Ahnenforschung, ich kann die angehängten Dateien allerdings nicht öffnen, es gibt nicht genug Netz. Ich entnehme seiner Mail immerhin, dass wir von der Abstammung her auch Verbindungen zu den britischen Inseln haben.

Ich muss schon sagen, das ist ein starkes Stück, ist es nicht? Gute Güte. Plötzlich Lust auf Tee.

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Ich lese außerdem in Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“, das haben natürlich alle schon gelesen, nur ich wieder nicht. Unterm Strich, denke ich zwischendurch, habe ich da unwillkürlich durch die Bank recht unfrohe Lektüre eingepackt. Was will mir mein Unterbewusstsein damit sagen? Dass ich etwas unfroh bin? Und wie flach ist das denn, bitte? Andere haben ein Unterbewusstsein, das unentwegt total subtile Botschaften sendet, kunstvoll verschlüsselt und durch elegante Symbolik ausgedrückt, daraus kann man Romane machen, die große Preise gewinnen. Und mein Unterbewusstsein so: „Batsch, nimm das, hier guckstu, alles Großbuchstaben. Du Trottel.“

Na, vielen Dank.

In der Nacht träume ich von Toten, die ich einmal gut gekannt habe, die sagen mir sogar Botschaften auf und was soll ich sagen, stimmungsaufhellend ist es auch nicht gerade, von Toten zu träumen und mit ihnen ernsthaft zu reden. Für den nächsten Urlaub doch besser heitere Familienromane vormerken.

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Heiter weiter: In einer Fischbude in Sankt Peter-Ording stehen eine Verkäuferin und eine männliche Küchenhilfe einigermaßen schlechtgelaunt hinter der Theke und warten auf Kundschaft. Es ist unfassbar heiß, sogar für Nordfriesland gibt es heute Unwetterwarnungen wegen Hitze. Die Luft in dem Laden ist kompakt und backfischdick, wenn man länger als zehn Minuten da drin war, man fühlt sich selbst wie in siedendem Öl ausgebraten. Die Verkäuferin und die Küchenhilfe stehen und gucken ausdruckslos auf den endlosen Strom der Touristen, die draußen vorbeiziehen und Touristendinge machen, die also zum Strand hingehen oder vom Strand weggehen, die Strandzubehör kaufen oder nörgelnde Kinder auf bunte Plastikdelfine setzen, die für 50 Cent lustig hin- und herwackeln. Im Radio, das ziemlich laut läuft, kommt ein Lied, es ist eines dieser alten Lieder, die jeder kennt, denn da läuft ein Oldiesender. Opamusik, wie die Herzdame sagen würde, wobei sie mit Opa allerdings nicht ihren Vater oder ihren Großvater, sondern ausdrücklich mich meint, weil ich immer die ganzen Texte kann. Pardon, ich komme aus den Jahrzehnten, die da immer wieder abgespult werden. Die Verkäuferin und die Küchenhilfe lächeln plötzlich beide als hätte man auch bei ihnen 50 Cent eingeworfen, sie singen gemeinsam die ersten Zeilen mit und sie schunkeln sogar ein ganz wenig, wobei sich ihren Schultern kurz berühren. Sie singen: „You talk like Marlene Dietrich and you dance like Zizi Jeanmaire …“ aber weiter kommen sie nicht, denn da kommt ein Kunde in den Laden und bestellt zwei Kräutermatjesbrötchen und zwei Bier.

Und wäre dieser Kunde nicht gekommen, genauso hätte ein Musical anfangen können, mit diesem singenden, schunkelnden Verkaufspersonal in einer Fischbude am Strand. Ich hatte mich schon gefreut, denn ein Musical ist mir da draußen in der Wirklichkeit noch gar nicht begegnet, das hätte ich aber entschieden gut gefunden. Ich würde es ausdrücklich begrüßen, wenn die Menschen um mich herum zur Verdeutlichung ihrer Absichten und Stimmungen singen und tanzen würden.

„Where do you go to my lovely …“

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Ich spiele mit der Herzdame Tischtennis, was etwas schwierig ist, da sie Tischtennis nicht mag und aufgrund eines unkontrollierbaren Reflexes dauernd die Bälle fängt, statt sie mit dem Schläger zu treffen. Vielleicht liegt es daran, dass sie aus einer Handballgegend kommt? Die Herkunft wirkt sich eben auf alles aus, in diesem Lichte muss ich auch die Ahnenforschung meines Bruders noch einmal neu bedenken. Egal, wir spielen jedenfalls dennoch weiter. Nach ein paar Minuten und einigen äußerst seltsamen Ballwechseln wachsen neben der Herzdame drei Knirpse aus dem Boden, und meine sind das nicht. Irgendwelche Feriengastkinder, die uns fasziniert zusehen. „Ich bin für die Frau“, sagt einer, nachdem sie eine Weile stoisch beobachtet haben, welches Desaster sich da abspielt. „Ich auch“, sagt der nächste und „Ich auch“ schließt sich der Dritte an, der kaum über die Platte gucken kann. Sie stehen alle drei neben der Herzdame, so dass sie keine Rückhand mehr spielen kann, sie würde sonst einem Kind den Schläger um die Ohren hauen. „Das ist schön und recht von euch, dass ihr euch auf diese Art für die Schwachen und Chancenlosen einsetzt“, sage ich, denn soziales Engagement soll man immer früh fördern. Die drei Knirpse gucken mich böse an und machen Furzgeräusche mit dem Mund. Der größte von ihnen erklärt der Herzdame, dass sie jetzt einen Fanclub habe.

Ich lasse die Becker-Faust nach dem Spiel weg, junge Seelen darf man nie zu sehr erschüttern. Die Herzdame zieht geschlagen aber mit immerhin mit Fanclub ab. So kommt man auch im Urlaub zu kleinen Erfolgen und bewahrt sich das Leistungsdenken, womit ich wieder zu meinen Büchern zurückkehre.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, dann sehe ich mich demnächst in weiteren Fischbuden nach Musicals um. Wer weiß!

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Texte und Zeichen

Weltgeschichte am Rande: In englischen Gartenblogs geht es um Easy to grow vegetables for a hard brexit.

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Auch andere sehen beschriftete Menschen:

Und dann war da noch einer ohne Text, aber immerhin mit Zeichen, das will ich auch gelten lassen. Im Hamburger Stadtteil Hamm war das, wo ein äußerst vergnügter und schwer angetrunkener Mann mittleren Alters fröhlich falsch und beeindruckend laut pfeifend über eine rote Ampel ging. In der rechten Hand hielt er eine Flasche Schnaps, die war etwa halb leer, mit der linken Hand winkte er freundlich Passanten und Autofahrern zu. Er sah nicht aus wie ein gewohnheitsmäßiger Trinker, nicht heruntergekommen, nicht verwahrlost, weder das Gesicht noch die Kleidung entsprachen den üblichen Klischees. Vielleicht hatte er einfach nur ungewöhnlich früh am Tag mit hervorragendem Anlass und guten Freunden gebechert, vielleicht kam er direkt von einer leicht eskalierten Feier. Er sah geradezu sympathisch besoffen aus, wie in Fernsehkomödien, wenn der freundliche Protagonist sich einmal gehen lässt und dabei immer noch anziehend wirkt. Der Mann trug ein weißes T-Shirt, auf dem etwas kugeligen Bauch konnte man gut Handabdrücke erkennen, Spuren von schwarzölig verschmierten Fingern, eine Hand links, eine Hand rechts. Ob er wohl das getan hat, was man eigentlich nur aus der Redewendung kennt, ob er sich den Bauch vor Lachen gehalten hat? Das macht nämlich eigentlich keiner, das sagt man immer nur so. Sie könnten jetzt zu Testzwecken mal eben lachen und sich dabei den Bauch halten, sehen Sie, das fühlt sich nicht echt an, eine ganz seltsame Geste ist das. Der Mann da auf der Straße hat ein Auto repariert, daher sicher die verschmierten Finger, so wird es angefangen haben. Und dann nahm der Tag eine sensationelle Wendung, eine, die dringend begossen werden musste, ja, so wird es gewesen sein.

Der Mann lachte mir zu und ging winkend weiter, verschwand pfeifend zwischen den rotgeziegelten Häuserblöcken, er war wirklich enorm gut gelaunt. Ich fuhr nach Hause an den Schreibtisch, es war noch nennenswert zu früh für Alkohol.

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Mir war gar nicht klar, wie viele Platanen wir in Hamburg haben, das fällt erst jetzt auf, wo sie alle ihre Rinde so rekordmäßig abwerfen, dass sogar die Zeitungen und Fernsehsender darüber berichten und sich jeder fragt, was das nun wieder ist. Klimawandel, Wetter, Katastrophe, Phänomen. Die ganze Stadt liegt voll mit Platanenrinde, große Stücke, ihr Zerbersten unter Füßen und Rädern ist das Geräusch des Sommers 2018, knackerack, der Trockensommer 2018, der Dürresommer. Viele Rindenstücke sind so groß, man könnte ganze Texte darauf schreiben, es sieht eigentlich verlockend aus, ein paar Zeilen im Vorbeigehen vielleicht, plane poetry.

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Ich habe ab sofort Urlaub, ich bin mal hier und mal da, wenn auch größtenteils in Hamburg, im Garten, im Beet, in der Hollywoodschaukel. Zwischendurch bin ich auch mal auf Eiderstedt, da gibt es dann wieder kein Netz, nehme ich an. Wenn hier also mal nichts erscheint, dann dichte ich gerade aufm Deich, wobei das Verb natürlich nur der Alliteration halber gewählt wurde, nicht wegen des damit verbundenen Anspruchs. Wenn Sie auch an der Nordsee sind, dann winken Sie ruhig, ich bin der, auf dessen T-Shirt nichts steht.

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Und ich wär hier so gerne zuhause,

denn die Erde ist mein Lieblingsplanet

Doch ich werde hier nie so zuhause sein

Wie die Freunde der Realität.

(Funny van Dannen, kann man auch mal wieder hören, schöne Sommerempfehlung)

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Noch etwas Drama. Benjamin Clementine, den würde ich ja auch einmal live sehen wollen. Sechs unwirkliche Minuten. 

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, dann gönne ich der Familie im Urlaub mal ein Eis. Oder ein Fischbrötchen.

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Vom Aufhängen der Lampions

Sohn II: “In vierzehn Jahren kannste in Rente, Papa. Dann wird alles ruhiger.”

Ich: “Wieso weißt du denn sowas nun wieder? In deinem Alter wusste ich nicht einmal, was Rente überhaupt ist!”

Sohn II: “Ist eben so.”

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Urlaubsreif.

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Der Erfolg der neuen Rechten ist nicht alternativlos. Ach? Am Ende werden die Linken noch wirkungsgleich? (Ich muss aufhören mit dem Lesen von Nachrichten. Dringend.)

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Isidor Eisenstein.

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Heute habe ich wenig beschriftete Menschen gesehen, aber einen dann doch. Der hängte gerade vor einem Lokal eine Lampiongirlande auf, gespannt zwischen Straßenbaum und Hauswand, und wie gewissenhaft er das tat! Er stand auf einer Leiter und zuppelte an der Strippe, stieg wieder runter, besah sich kritisch sein Werk, stieg gleich wieder rauf. Zog noch einmal, dass die Leine mit den Lämpchen etwas weniger durchhing, stieg wieder runter, besah sich sein Werk. Stieg dann noch einmal auf die Leiter, fummelte etwas, stieg wieder ab – und so ging das noch eine ganze Weile. Eine dieser ganz normalen Lampionleinen war das, wie man sie auch in Gärten aufhängt. Und ganz müde und zerknittert sah der Mann aus, er sah genauso aus, wie ich mich gerade fühlte, verbraucht, urlaubsreif, überfordert und lustlos. Aber er gab sich dennoch nicht so leicht zufrieden, das musste schon perfekt sein, dieses Lämpchendings da oben.

Dabei sah man gar keinen Unterschied. Wenn er wieder auf die Leiter stieg und etwas zog, das machte überhaupt nichts aus, dieses Ziehen, da hingen eben Lampions, wie auch immer, vorher wie nachher. Niemand wird je darunter sitzen und sich mit einem Blick nach oben denken: “Es wäre noch schöner hier. wenn sie ein klein wenig anders hingen, diese Laternen da.” Nein, es ist tatsächlich völlig wurscht wie sie hängen, am Ende sind es eh nur kaum beachtete Lichtklunker in der Dunkelheit einer Großstadtnebenstraße.

Aber der Mann da hatte eben seinen eigenen Ehrgeiz, der sah etwas, was ich nicht sah, was vielleicht auch keiner jemals sehen wird. Ich verstand im Vorbeigehen seine Mühe nicht, er hätte wiederum vermutlich meine Ignoranz nicht verstanden, denn für ihn war es ja sicher klar, was seine Mühe da ausmachte. Ratlosigkeit also auf beiden Seiten, Grundprobleme der Menschheit, wohin man auch blickt, es ist im Grunde ein Wunder, dass wir uns überhaupt ab und zu verstehen.

Am Ende überspannte die Lichterkette sachte schaukelnd ein winziges Stück Fußweg. Auf dem T-Shirt des Mannes stand: Street Style.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Das folgende Stück würde Ende Dezember sicher noch besser passen, aber der Refrain sprach mich gerade an, und wie der mich ansprach: “Pass the wine, fuck the government, I love you.”

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen. Bitte, danke, hurra. Mögen Lampions Ihren Abend erleuchten! Und mögen sie völlig richtig hängen!

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Love and laugh

Endlich mal eine Stellenausschreibung, die mich anspricht. Warum auch immer man da teamorientiert sein soll, warum muss man überhaupt kategorisch teamorientiert sein? Wörter, die einem auf den Geist gehen können.

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Ich habe mir zwei Bücher besorgt, einfach weil mir die Titel gefielen, dann fiel mir erst auf, dass es zwischen ihnen einen Zusammenhang geben könnte. Zum einen Ralf Konersmann: Die Unruhe der Welt. Zum anderen, und es empfiehlt sich vielleicht wirklich, das dann direkt danach zu lesen, Fredrik Sjöberg: Wozu macht man das alles? Deutsch von Paul Berf.

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Neues von der Plastikfront: Beim Edeka hängt jetzt ein Hinweisschild, dass sie da an der Frischetheke gerne auch mitgebrachte Behälter befüllen. So etwas sehe ich zum ersten Mal, das sei hier also festgehalten.

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Auf dem Fußweg in unserem kleinen Bahnhofsviertel steht eine Dame fortgeschrittenen Alters, sie raucht mit einiger Grandezza aus einer Zigarettenspitze, das sieht man heute kaum noch. Sie trägt eine übergroße Sonnenbrille, sie sieht überhaupt aus wie eine alternde Filmdiva aus den Siebzigern. Sie wirft den Kopf zurück, sieht sich um und fragt Passanten, in einem Tonfall, dem man anmerkt, wie wahnsinnig lästig es ihr ist, irgendwelche dahergelaufenen Leute ansprechen zu müssen: “Pardon, wo ist denn hier heute der Bahnhof?” Wobei sie mit der Zigarettenspitze vage in der Gegend herumwedelt. Irgendwo da muss er sein, der Hamburger Hauptbahnhof.

Es ist natürlich nicht so, dass sie ihn nicht gefunden hat, nein. Man wird ihn wieder irgendwohin verschoben haben, was wirklich ungemein enervierend ist, wer würde das nicht verstehen.

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Aus einem Supermarkt kommt mir eine junge Frau entgegen, die ein Sixpack mit großen Plastikwasserflaschen auf dem Kopf trägt. Also freihändig und einfach so, als sei das gar kein besonderes Kunststück. Selbstverständlich geht sie dabei ungemein gerade, es sieht dennoch entspannt und natürlich aus, und man fragt sich sofort, warum nicht alle ihre Einkäufe so wunderschön nach Hause tragen. Es sieht entschieden besser aus als die sonst übliche Methode, dieses schiefe Schleppen, das bei vielen Menschen wie auf orthopädischen Warntafeln anmutet. Warum machen wir das denn nicht auch auf die elegante Art? Natürlich weil uns alles sofort und immer wieder runterfallen würde – aber das ist als Antwort vielleicht doch etwas kurz gegriffen, denn man könnte ja üben. Man könnte schon Kinder üben lassen, dann würden das bald alle können, das dauert doch nur ein, zwei Generationen. Früher, als ich noch viel ferngesehen habe, da haben in Reisereportagen irgendwo aus Afrika Frauen das Wasser vom Brunnen so ins Dorf getragen, und das Kleid, das die Frau mit dem Sixpack auf dem Kopf da vor mir trägt, das passt übrigens hervorragend zu diesen vage erinnerten Bildern. Ob es in unserer Weltgegend überhaupt jemals üblich war, Gegenstände so zu tragen? Ich habe keine Ahnung, das kam in Geschichte nicht vor.

Und ob wohl in Afrika jemals jemand denkt, dass er einmal in irgendeinem Reisebericht im Fernsehen gesehen hat, wie Menschen irgendwo in Europa total malerisch vor einem Brunnen am Dorfrand standen … so ganz ohne auch nur ansatzweise das richtige Land parat zu haben, weil die Länder da oben im Norden doch eh keiner unterscheiden kann? Mazedonien, Dänemark, Portugal, irgendwas? Europa eben. Reicht doch.

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Aus der Reihe words of the prophets: In einer Bäckerei in Eppendorf steht eine Frau vor der Theke mit den Brötchen und Kuchenstücken, sie guckt akut verstimmt und geht die Reihen der Auslage wieder und wieder durch, der Blick geht von links nach rechts und von oben nach unten, sie liest Kuchen, aber es gefällt ihr alles nicht. Sie schüttelt energisch den Kopf, verzieht leicht angewidert den Mund und sagt, als sie endlich drankommt: “Das ist ja jetzt nicht so einfach!” Sie sagt es scharf und ganz so, als könne die Verkäuferin etwas dafür und müsse daher erst einmal zusammengefaltet werden. Auf dem T-Shirt dieser Kundin steht: love and laugh.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Was noch? Musik! Luftgitarren raus!

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, Sie müssen aber nicht. Aber wenn Sie wollen und auch können – nichts möge Sie aufhalten, Sie feiner Mensch.

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