Peter und die Schwäne

Bezüglich Peer (siehe letzter Text von mir): Ich habe gestern auf dem Weg zur Arbeit noch einmal genau nachgesehen, ob man nicht vielleicht einfach in das ee im Namen ein schnelles t einfügen könnte, um so quasi über Nacht einen völlig überraschenden Peter ins Spiel zu bringen und Peer zu entlasten, aber nein, das geht nicht. Das ee ist formschön und mustergültig schreibschriftverbunden wie in der Grundschule, da ist keine Lücke. Die nächste einfache Variante wäre natürlich, das z in Schwänze einfach weiß zu übermalen, dann würde Peer plötzlich Schwäne lutschen und alle Passanten hätten künftig sehr merkwürdige Bilder im Kopf. Das ist doch im Grunde ein attraktiver Gedanke, nicht wahr? Sie sehen, es lässt mich nicht los.

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Ich war routinemäßig beim Augenarzt, weil man ja hier und da Vorsorgetermine locker in den Kalender streuen soll. Da steht jetzt an der Rezeption so ein Foliending mit einer zerknickten Mitteilung darin, auf der steht, dass man die Datenschutzerklärung der Praxis gemäß DSGVO selbstverständlich jederzeit auf Verlangen einsehen könne. Natürlich macht das nie jemand, nicht einer, kein Schwein, niemand möchte das ernsthaft lesen, es ist barer Unsinn, Schwachsinn, dummes Zeug, Zeitverschwendung, Beschäftigungstherapie und byzantinisch verschwurbelter Quark, für den vermutlich auch noch jemand geschult wurde – wenn man nicht verdammt gut aufpasst, dann kriegt man Blutdruck wegen so etwas und braucht gleich den nächsten Arzttermin.

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Frollein Polly über Verpackungen und Papier und Plastik und alles. Apropos Plastik, ich habe bei der GLS ein paar Links zu Pilzen zusammengetragen, die passen gut dahinter.

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Hamburg Wasser fordert Verbot von Mikroplastik.

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City-Defluencer. Zur Regulierung der Touristenmassen kann man sich doch eigentlich überall bezahlte Defluencer vorstellen – und dann relativiert man beruflich eben z.B. dauernd und auf allen Plattformen Florenz: “So doll ist es da auch nicht.” Weil der Rest der Gegend dort eben auch Besucherinnen braucht. Na, Hauptsache Arbeit, ich begrüße solche Entwicklungen.

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Ich empfinde es allmählich geradezu als brechreizerregend, mich mit solchen Themen überhaupt zu beschäftigen, aber es muss ja sein: Die Sache mit der Informationsfreiheit im Netz. Schauderhaft.

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Gestern stand unter dem Artikel von Jojo, dass das Spendengeld dafür an ihn geht. Er lässt vielen Dank ausrichten und ja, die eine Summe wird selbstverständlich wunschgemäß mit dem Bruder geteilt. Der Vorgang führte hier übrigens zu bemerkenswerten Szenen brüderlichen Friedens, das war auch einmal schön. Läuft.

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Nessy über Parship. Faszinierende Kommentare darunter. Sehr faszinierende Kommentare. Und viele. Alter Falter. Ich bin ja so alt, ich habe diese Dating-Dinger nie benutzt, keines davon, nicht einmal aus Spaß. Aber wie die Oma der Herzdame einmal mit Blick auf die Jugendlichen im Heimatdorf sagte: “Das ist doch schön, dass die jungen Leute heute so etwas nutzen können.“ Sie hatte damals nach dem Krieg so gut wie keine Auswahl.

Ich habe einmal eine ganz große Liebe kennengelernt, weil ein Bild von ihr in einem Printprodukt war, das können sich diese jungen Leute vielleicht schon nicht mehr vorstellen. Und ich bin dann einigermaßen kreativ geworden, um dieser Dame näher zu kommen. Was dann auch gelungen ist, ich habe mir aber auch nicht nur ein bisschen Mühe gegeben. In der Folge dieser Aktion lief mir später übrigens auch die Herzdame über den Weg, die dann eine noch größere Liebe wurde, na, und den Rest kennen Sie ja schon. Das war aber alles damals, als Print noch gewirkt hat, die Älteren erinnern sich, those were the days, my friend.

Genug davon, hier passt heute ein anderes Lied.

 

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Eine azurblaue Frauenschrift

Es gibt Muscheln. Macht aber nichts, es ist eh kein Monat mit r am Ende.

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Eine Vokabel zum Klimawandel, die mir bisher noch gar nicht geläufig war: The blob.

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Auf meinem Weg zur Arbeit komme ich an einem mehrteiligen Bauzaun vorbei, an einem dieser mannshohen Drahtgestelle auf Betonfüßen, mit Planen als Sichtschutz bespannt. Mit weißen Planen bespannt. Auf drei Segmente dieses Zauns hat jemand etwas gesprüht, einen großen Schriftzug, den kann man schon von ganz weit weg lesen. Je Segment nur ein Wort: “Peer lutscht Schwänze“ steht da. In einer erstaunlich manierlichen, irgendwie brav aussehenden Handschrift, in leuchtend blauer Schreibschrift auf weißem Grund. Ich lese das jeden Tag zweimal, auf dem Hin- und auf dem Rückweg, seit Wochen lese ich das schon und allmählich nervt es, denn es spricht ja doch vieles gegen diesen Satz. Obwohl da immerhin kein Nachname genannt wird, es sich also um jeden beliebigen Peer handeln könnte, von denen es sicher ein paar mehr gibt in dieser Stadt, selbst wenn man bedenkt, dass es ein eher seltener Name ist. Ich z.B. kenne keinen Peer, was ich jetzt nicht sage, um mich aus der angedeuteten Affäre zu ziehen. Ich kenne Peer nur als Zigarettenmarke und das auch nur von damals. Stünde jedenfalls auf dem Zaun ein Nachname dabei, es ginge hier eindeutig um besonders schützenswerte personenbezogene Daten, aber so, einfach nur Peer – das steht zumindest nicht im Konflikt mit der DSGVO, um mal die wichtigste Frage zuerst zu klären, DSGVOmäßig machen wir da also erleichtert einen grünen Haken dran. Puh!

Was aber sind die anderen Fragen? Etwa ob dieser Satz mit beleidigender Intention geschrieben wurde oder nur zum Zwecke der Information. Wenn er beleidigend sein soll, dann ist das hier leider der falsche Stadtteil dafür. Ich möchte ja nicht mit meinem Viertel angeben, aber wenn bei Budni in der Kassenschlange ein älterer Herr im pinkfarbenen Latexkleidchen steht, dann ist das hier nicht dramatisch auffällig. So etwas kommt eben vor, who cares. Es ist gar nicht so einfach, auf sexuelle Praktiken oder Vorlieben zu kommen, deren explizite Benennung im Stadtteil glatt als abwertend durchgehen würde, am ehesten vielleicht noch: “plain vanilla.” Aber Schwänze zu lutschen, das ist hier definitiv kein Problem, das macht auf einem Bauzaun ungefähr so viel her wie: “Peer hat Sex” – und wer würde ihm das absprechen wollen. Sex ist irgendwie ganz okay, das ist meines Wissens immer noch breiter gesellschaftlicher Konsens. Schwänze zu lutschen, das ist hier also kein Problem, solange man es einvernehmlich in seiner, haha, Peergroup macht.

Vielleicht deutet die manierliche Handschrift – kommt, wir wollen Klischees reiten! – auf eine Autorin hin, eine in Liebesdingen enttäuschte Autorin vielleicht. Er hat sie trotz ihrer glühenden Liebe mit einem Mann betrogen, so etwas soll ja vorkommen. Und so wütend hat sie das gemacht, dass sie nachts nach wilder Diskussion aus der gemeinsamen Wohnung gerannt ist, nur mit einer blauen Spraydose dabei. Und sie hat sich schlagartig erinnert, wo sie neulich diesen herrlich weißen Bauzaun gesehen hat, der ihr jetzt auf einmal wie ein überdimensionierter Raum für Notizen vorkommt, den sie spontan befüllen kann, wobei sie dann aller Welt mitteilt, was ihr gerade intim und verletzend vorkommt. Sie sprüht und sprüht, sie setzt nach “Schwänze” ab, tritt einen Schritt zurück, sagt zufrieden: “Ha!”. Sie steckt die Dose wieder ein und verschwindet im Laufschritt um die Ecke, denn es fällt ihr erst nach der Aktion siedendheiß ein, dass die nächste Polizeiwache quasi um die Ecke ist und gerade durch diese Straße dauernd Peterwagen fahren.

Am nächsten Tag schon haben sich die beiden wieder versöhnt, Peer und die Dame mit der azurblauen Frauenschrift, seitdem hofft sie inständig, dass er nicht an diesem Bauzaun vorbeikommt, denn er würde sich natürlich angesprochen fühlen und auch noch ihre Schrift erkennen – und dann wäre es das aber gewesen, das mit der Versöhnung. Mit allen Tricks bringt sie ihn also seit Wochen von diesem Weg ab und stirbt tausend Tode, weil sie sich auch nicht traut, das da nachts in neuer Aktion zu übermalen, denn da müsste man ja auch richtig großflächig … Eine verdammt heikle Lage und bis das Hotel fertig ist, dessen Baustelle der Zaun da schützt, fehlen noch drei ganze Stockwerke. Der steht also noch eine Weile.

Aber geht das so auf? Kann es so gewesen sein?

Wenn der Satz andererseits informierenden Charakter haben soll, dann fehlen Möglichkeiten der Kontaktaufnahme, denn Peer steht ja nicht leibhaftig am Zaun, zumindest habe ich da keine servicewillige Person dauerhaft stehen sehen. Und selbst wenn er da stehen würde, dann hätte er ja “Ich lutsche Schwänze” mit einem auf ihn weisenden Pfeil daran schreiben müssen, nicht Peer, denn welcher Peer nennt sich selbst schon Peer? Das ist doch unüblich. Ich gehe ja auch nicht ans Notebook und murmele “”Maximilian bloggt Texte”, das ist doch sprachlich abwegig. Egal. So belästigt mich dieser Satz jedenfalls täglich, das wollte ich nur sagen. es ist wirklich eine Zumutung. Immer wieder gucke ich da zwanghaft hin, immer wieder lese ich das.

Maximilian lutscht Texte, schreiben Sie das ruhig auf Bauzäune. Es beleidigt mich nicht.

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Sven schreibt kurz über Camping, inklusive eines netten Sinnspruchs. Das ist beim Schrebergarten übrigens ganz ähnlich, wenn auch etwas verdreht: sanitär gibt es noch deutlich weniger Komfort (Kompostklo, sehr speziell), aber eine Laube ist dann doch ein erheblicher Fortschritt im Vergleich zum Zelt. Möbel! Stehhöhe! Fenster und Türen! Dachpappe! Strom! Das ist alles sehr erstrebenswert. Aber man trägt – genau wie beim Camping – zum Wochenende massenhaft Zeug erst ins Auto, dann in die Laube, man sortiert alles stundenlang und wühlt sich dann hoffnungslos fest, man macht einen Kaffee wie die ollen Pfadfinder, wäscht den ganzen Krempel mit der Hand unter freiem Himmel ab und pustet sachte Ameisen von Tellern, man sitzt kurz im Garten herum – nur um dann alles wieder zusammenzusuchen und aus der Laube, ins Auto und dann wieder in die Wohnung zu schleppen, wo alles schon wieder neu sortiert wird. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft wir in den letzten Wochen “Oh, zieht ihr um?” gefragt worden sind, dabei fuhren wir jeweils nur mal kurz in den Garten. Mit ein wenig Zeug dabei. Es ist alles wahnsinnig umständlich und kompliziert, man ist im Grunde dauernd mit Räumen beschäftigt und vollführt Alltagshandlungen auf einem geradezu lächerlichen Komfortniveau wie von vorm Krieg, dazu murmelt man aber dauernd, wie erholsam das alles ist. Und das ist es dann auch wirklich.

Der Mensch ist seltsam. Definitiv.

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Halb in der Hecke

Pardon, ich war im Garten, wo das Offline immer neue Dimensionen erreicht. Deswegen erschien hier nichts, Sie werden es sich gedacht haben. Mittlerweile lassen die Herzdame und ich die Handys schon einfach irgendwo in der Laube liegen, geladen oder nicht, auch egal. Nicht einmal der abendliche Blick auf die Nachrichtenlage oder den Twitterstream wirkt noch besonders anziehend, wenn es also eine Sucht war, dann ist der Garten die Entzugstherapie. Demnächst einfach mal ohne Handy in den Garten! Stundenlang ohne Nachrichten! Revolution! Die Wahrscheinlichkeit, dass in diesen Stunden dann etwas passiert, sie ist natürlich riesig. Irgendetwas, bei dem einen hinterher alle fragen , wie man das denn bitte nicht mitbekommen konnte. Wieso ich aber überhaupt in der Lage bin, nur mittels unterbrochener Handynutzung bedeutende Ereignisse zu triggern – es ist magisch.

Zwischendurch habe ich ganz ohne Netzzugang eine Kolumne für die Zeitung geschrieben, das war aber ein wenig albern, weil ich im Garten keinen Platz gefunden habe, an dem ich den Bildschirm einwandfrei erkennen konnte, immer spiegelte es oder es gab andere Probleme, übergriffige Insekten und dergleichen, im Haus dagegen war es viel zu heiß. Die Nachbarn halten mich jetzt vermutlich für irre, weil ich mit Klappstuhl laut fluchend halb in der Hecke saß und dauernd ein paar Meter weiter rückte. Mit Schreibmaschine wäre das nicht passiert!

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Ein Artikel über Mitgemeinte und Nichtgemeinte mit einem Satz zum Merken und Mitdenken: “Das generische Maskulinum macht Frauen besser unsichtbar als jede Burka.” Noch nie übrigens ist mir ein Artikel begegnet, der das Thema für die schöne Literatur aufgreift. Warum eigentlich nicht? Gleiches Problem? Die Räuberinnen? Nein, kein gutes Beispiel, schon klar. Aber ein Thema müsste es dennoch sein.

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Abgelaufene Lebensmittel sollen künftig ausgepackt werden. Ja nun, klingt ziemlich logisch, ne. Oder sagen wir gleich – wie bitte konnte es denn jemals anders sein? Nicht ganz dicht? Immer wieder sitzt man auf diese Elternart augenrollend vor den Nachrichten und möchte alle zusammenfalten. Schlimm. Dazu noch: The week in plastic. Oder hier, der Strand, der Müll und das Meer.

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Vielleicht entlastet es die eine oder den anderen, ich möchte hier freimütig bekennen, dass ich den Herrn, den offensichtlich meine gesamte Timeline seit Jahren intensiv liest, verfolgt und analysiert, überhaupt nicht kannte: Anthony Bourdain. Sein Tod wird vielfach beklagt, ich aber habe den Namen noch nie gehört, das fühlt sich immer ganz seltsam an. Hoffentlich kenne ich irgendwen, den Sie nicht kennen, von wegen Ausgleich und Fairness. Der muss dann aber nicht gleich sterben, wir wollen nicht übertreiben.

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Komm, gieß mein Glas noch einmal ein. Das ist eines der etwas bekannteren Lieder von Reinhard Mey, das ich hier kurz aufgreife, weil es einen ganz amüsanten Bezug zum Degenhardtschen Wildledermantelmann im letzten Beitrag hat. Denn da geht es ja um die Freunde aus der wilden Zeit, um die mit der geplanten Weltrevolution, die da im Song und im Wein heraufbeschwört werden. Es geht darum, was aus denen geworden ist, wo die jetzt wohl sind, die Kameraden aus den glorreichen Zeiten, wo die hingedriftet sind, um im Kontext zu bleiben. Wenn man das noch einmal hört, da sieht man den Sänger doch im Lehnstuhl vor sich, wie er sich den grauen Bart krault und eine gute Flasche leermacht, die er vermutlich nur aus Understatement als billig bezeichnet, nicht wahr? Dazu muss man aber wissen, das Lied ist von 1970. Das ist ganze sieben Jahre jünger als der Widledermantelmann. Wie isses nun bloß möglich!

Und wie alt dieser eine Satz geworden ist: “Geschrieben haben wir uns kaum”. Damals, als Kontakt noch aus Briefen bestand.

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Die ersten Erbsen im Garten sind reif, es sind Zuckererbsen, man kann sie direkt roh essen, gleich von der Pflanze, den Geschmack kannte ich so gar nicht. Stark! Falls Sie auch mal Erbsen anbauen wollen, das ist sehr simpel. Ich hatte die Sorte “Graue Rotblühende”, die gibt es im Bioversandhandel, etwa hier. Nein, keine bezahlte Werbung, reiner Servicegedanke. Die Erbse blüht weder grau noch rot, sie blüht überraschend schön dunkelrosa und lila, sie rankt brav, schmeckt toll, sie hat keine besonderen Pflegeansprüche. Das Rankgitter hat Sohn II aus zwei Stöcken und Draht gebaut, der Sohn ist acht Jahre alt, das kann man also problemlos an den Nachwuchs delegieren. Dicke Empfehlung.

Wie es aber die Erbsen schaffen, dass da alles plötzlich voller Schoten hängt, wo gestern noch nichts war? Unerfindlich. Pflanzen sind so verdammt schnell, man macht sich keinen Begriff. Und nie sieht man, was passiert, immer ist alles plötzlich da. Quasi grüne Ninjas. 

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Außerdem sind die ersten Stachelbeeren reif, die ersten Johannisbeeren und bald die ersten Him- und Blaubeeren und Kirschen. Die immerhin sechs Pfirsiche am Baum könnten sogar auch etwas werden. Die Erdbeeren werden immer mehr, der Garten fühlt sich jetzt noch sommerlicher als sommerlich an. Die Zwiebeln und der Knoblauch sind schon raus und trocknen, der Kohlrabi ist bereits abgeerntet und verzehrt. Der Spitzkohl ist in Kürze dran, der erste Mangold auch, die Kartoffeln blühen. An den Tomaten hängen grüne Kugeln und der Basilikum schmeckt irre gut, aber der bekommt hier ja auch deutlich mehr Sonne als im grauen Italien.

Der Cammarata-Kürbis hat währenddessen die Hälfte des Komposthaufens eingenommen und wirkt ganz außerordentlich dominant. Vivat, crescat, floreat!

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Wildledermantelmann

Beim Freitext schreibt Michael Ebmeyer (den ich versehentlich und leicht übergriffig gerade per Tippfehler als Elbmeyer hanseatisch requiriert habe, hihi) über die Sehnsucht nach linken Erzählungen, er erwähnt dabei auch ein Lied vom ollen Degenhardt. Wie es der Zufall will, habe ich gestern gerade bei Spotify drauf geklickt, als ich nach etwas ganz anderem suchte. Ein völlig vergessenes Lied von 1977 also, das mir in zwei Tagen zweimal über den Weg läuft, guck an. Der Wildledermantelmann. 1977, da war ich elf Jahre alt, da konnte ich die modische Anspielung im Titel vielleicht sogar einordnen, da gab es genug solche Typen im Stadtbild, vielleicht waren es die etwas älteren Freunde meiner großen Schwester. Heute sind Wildledermäntel sehr weit weg. Bei Ebay-Kleinanzeigen laufen sie unter “Vintage” und kosten so 70 Euro, vielleicht kaufen die Söhne der damaligen Männer wieder so etwas, oder es sind schon die Enkel. Schön die Frage im Refrain: “Und wie ist das Gefühl, wenn man so langsam, langsam, langsam driftet nach rechts?” Wobei dem Degenhardt natürlich keine Gnade für den menschlich, allzu menschlichen Aspekt dieses damalige Driftens in den Sinn kam, dazu war er viel zu überzeugt und viel zu weit links. Aber doch eine interessante Sache, kann man 2018 auch mal wieder hören, das gilt doch heute schon als Geschichtsunterricht. Und es gibt auch wieder genug Drift da draußen, diesmal allerdings aus der Mitte nach ganz rechts, das war damals im Lied gar nicht so gemeint, so verschieben sich die Maßstäbe.

1977 war Helmut Schmidt Bundeskanzler und man ahnte allgemein eher nicht, dass er später einmal heiliggesprochen werden würde. 1977 gab es keine Nazis. Also natürlich gab es sie doch, gar keine Frage, aber sie sind mir nicht begegnet. Es gab diese eine ultrarechte Zeitung am Kiosk, die kauften aber nur ausgemachte Irre, und ansonsten war da ganz rechtsaußen der Strauß. In meiner Grundschule gab es keine Ausländer, auf dem Gymnasium gab es ein einziges Mädchen aus Griechenland, Rassismus hatte im Alltag kaum ein Ziel. Man spendete für Brot für die Welt oder ähnliche Einrichtungen, das war der gepflegte Umgang mit den Menschen im Süden, dieser Umgang war leicht und fand zu Weihnachten statt.

Ein paar Jahre später, Anfang der Achtziger, liefen die ersten Skins durch Lübeck, die hatten einen Aufnäher “Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein. an den Klamotten” Das war so abgedreht und absurd, wir haben das erst für einen Witz gehalten, so etwas konnte es doch gar nicht geben, das war undenkbar. Das Programm dieser Skinheads bestand darin, sich zu betrinken und andere zu verprügeln, wobei die anderen alle waren, die keine Skinheads waren, das war also ein recht schlichtes Programm. Die Skinheads prügelten sich abends durch Lübeck, während wir tagsüber das Dritte Reich auf dem Gymnasium durchnahmen. Nazis, das war klar, das waren in der Gegenwart nur Irre, das waren Jugendliche, die aus dem Gleis gekommen waren, genau wie die auf Drogen, im Grunde waren das vergleichbare Schicksale, Resozialisierung in beiden Fällen nicht ausgeschlossen. Diese Skinheads, das waren ja keine richtigen Nazis, das waren bestenfalls Show-Nazis. Echte Nazis, da war man sich damals noch parteienübergreifend einig, mussten massiv bekämpft werden, vorzugsweise mit Armeen. Aber es gab ja gar keine Nazis, die hatte man 45 erfreulicherweise erledigt.

Bei der Bundeswehr, damals gab es noch den Grundwehrdienst, ist mir kein einziger Rechtsradikaler begegnet, da fand ich eher die oben erwähnten bereits Gedrifteten mit der Frankfurter Rundschau. Eine Gefahr für die Demokratie ging von dieser Truppe nicht aus, eher schon eine Gefahr für die Verteidigungbereitschaft, denn ernst meinte da keiner irgendwas, auch die Offiziere nicht, nein, die schon gar nicht. Diese alte Bundeswehr war vermutlich die ironischste Truppe, die dieses Land jemals aufgestellt hat. Alles Martialische war in Anführungszeichen zu setzen, quasi per Dienstanweisung. Mit mir dienten auch Menschen, die aus anderen Ländern kamen, ein Problem waren die allerdings immer noch nicht, für niemanden, ich habe nicht erlebt, dass man die angefeindet hat. Die brachten aber eine schwer verdauliche Dimension in die Angelegenheit, denn die hatten manchmal Angehörige in anderen Staaten, in denen gerade Krieg war. Bei denen hatte dieses abstrakte Wort also tatsächlich eine ernste Bedeutung, da kamen wir dann nicht mehr mit. Einer hatte ein Foto seines Elternhauses, da waren Einschusslöcher drin. Das war ein Bild von einem anderen Planeten.

Als ich ein Jahr später in meinem ersten Job in der Sozialforschung anfing, habe ich offene Fragen aus Fragebögen für die EDV vercodet, da fiel mir überhaupt zum ersten Mal im Leben auf, dass es eine gar nicht so kleine Gruppe von Leuten geben musste, die radikal waren, und zwar radikal rechts, hasserfüllt und feindselig. Bei denen brach es heraus, wenn sie interviewt wurden, die schlugen vor, politisch Andersdenkende abzuschlachten und dann an den Füßen aufzuhängen. Oder sie über die Mauer in die DDR zu werfen. Oder sie in der Ostsee zu ertränken und dergleichen mehr, es ging da recht kreativ zu, Hass macht erfinderisch. Meine Chefin, eine damals bekannte Sozialforscherin, schätzte die Anzahl dieser Typen auf etwa zehn Prozent in der Gesellschaft, und zwar über alle Staaten, Zeiten und Systeme hinweg. Zehn Prozent, die schon vom Typ her so sind, man muss sie und ihren Hass nur irgendwie wecken – und schwer ist das nicht. Das war nur ihre Meinung, versteht sich, dafür gab und gibt es keinen Beleg. Und auch diese zehn Prozent, wenn man die Zahl denn überhaupt glauben möchte, nahm man im Alltag damals kaum jemals wahr, Hass war noch nicht gesellschaftsfähig.

Vor etwa zwölf Jahren habe ich Social-Media-Monitoring gemacht, für Medienhäuser und vereinzelt auch für Kunden aus der Politik. Da habe ich zum ersten Mal eine rechtsradikale Öffentlichkeit im Web kennengelernt, die war damals noch gar nicht so bekannt, die hat sich gerade erst eingearbeitet und Seite um Seite aufgemacht, Foren eingerichtet, Gruppen gegründet und sich in Sachen Medien erst einmal langsam warmgespielt. Das waren die Anfänge zu dem, was man heute kennt, und viele, viele Menschen haben auch das überhaupt nicht mitbekommen. Denn es war zwar öffentlich, aber man fand es nur, wenn man danach ausdrücklich gesucht hat. Da war sozusagen eine Tür im Internet, da stand “Hass” drauf, die konnte man aufmachen, und dann fand man den Hass in reichlicher Menge.  Aber der Hass kam da eher nicht raus. Und wenn man sich mit Framing etwas auskennt, dann weiß man auch, dass das damals (bis vor drei Jahren!) noch anders lief, es gab noch keine Sinnverschiebung nach rechts und die Äußerungen der Hassenden wirkten daher in der Regel wie die Äußerungen von Spinnern, weit ab vom Mainstream. Weil der Sprachrahmen noch deutlich anders eingestellt war.

Das war vor der großen Drift, das war vor 2015. Das war, um es noch einmal und abschließend mit Degenhardt zu sagen, “In den guten alten Zeiten”. Aber das ist ein anderes Lied von ihm, das ist von 1966. Da wurde ich geboren, da war Kiesinger Bundeskanzler und Nazis gab es gar nicht. Na ja.

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Der Plastiktütenverbrauch sinkt rapide. Es ist ja nicht alles schlecht.

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Junifall

Sohn I hat sich auf dem E-Piano die Titelmelodie von Akte X selbst beigebracht und spielt das dauernd, ich habe jetzt also einen interessanten Soundtrack, wenn ich durch die Wohnung gehe und in die Räume gucke oder wenn ich einfach nur am Schreibtisch sitze und auf eine weiße Seite starre. Denn wenn man diese Töne hört, dann weiß man ja, gleich kommt was, und seltsam wird es auch, das ist im Grunde wie in jedem Familienalltag. Ich stehe beispielsweise in der Tür des Kinderzimmers und betrachte das deprimierende Chaos auf dem Fußboden, die umgestürzten Kinderstühle, die zerfledderten Comics, dieses wirre Gemisch von undefinierbarem Spielzeugs auf dem Boden, Eltern kennen das, diese Kinderalltagssedimente. Es ist dieses mit Lego, Paninibildchen und Zwiebackresten durchsetzte Gemisch von Zeugs aller Art, in dem wir kategorisch alles vermuten, was in den letzten Wochen hier in der Wohnung verloren ging. Man müsste eben mal aufräumen oder wenigstens umgraben, um etwas zu finden, aber wann. Man wüsste dann auch, was wirklich weg ist, das wäre immerhin interessant, denn dann müsste ich eventuell etwas nachkaufen. Frühstücksboxen etwa, von denen mittlerweile etwa fünf fehlen, aber bevor ich die wirklich kaufe, da brauche ich erst mehr Gewissheit.

Ich stehe in der Tür des Kinderzimmers und betrachte das Chaos und das Zeugs, der Sohn spielt im Wohnzimmer diese Melodie und ich denke mir: “Die Wahrheit ist irgendwo da drinnen.” Scully nickt nur neben mir und sieht auf einmal aus wie die Herzdame.

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Junifall, das habe ich gerade erst gelernt, so nennt man das also fachgerecht, wenn die Obstbäume einem in diesen Wochen unreifes Obst in rauen Mengen vor die Füße werfen. Ein normaler Vorgang, etwas Schwund ist immer, kein Grund zur Sorge. Bei Kirschen nennt man es Röteln, aber damit kann man nichts weiter anfangen, das klingt zu sehr nach Kinderkrankheit. Junifall dagegen ist ein wunderschönes Wort und ginge auch zweifelsfrei als Romantitel durch, den Schutzumschlag dazu hat man doch gleich vor Augen, ja, ich möchte fast sagen, es klingt nach Beststellerliste.

“Haben sie den Junifall vom Dings da?”

“Aber sicher, der große Stapel hier.”

Man müsste das Wort nur als passende Metapher für irgendwas sehen und sich dazu schnell eine Geschichte ausdenken, was weiß ich, über einen Autor, der nie zum Zuge kommt oder so, immer wieder wird alles früh verworfen, nichts reift aus, aber währenddessen bereitet das Leben selbstverständlich – von ihm unbemerkt, weil Spannung! – die Grundlage für die wahre Frucht zu einem späteren Zeitpunkt, da kommt dann die große Liebe ins Spiel, was sonst. Ohne Liebe geht eh kein Buch, das zieht sich dann aber noch über mindestens dreihundert bis vierhundert Seiten, bis da endlich alles klar ist mit den beiden. Am Ende ist sie auch noch schwanger und er sitzt glücklich dabei und schreibt wie noch nie, das Bild aus der Verfilmung sieht man schon vor sich, na, so in der Art.

Aber es ist viel zu heiß für Ideen, die fallen bei der Hitze alle unreif von mir ab, das wird so nichts.

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In Sachen Lyrik verweise ich heute auf den Gottvater der Monatsgedichte, also auf Erich Kästner und seinen Juni. Nicht ohne Warnung vor plötzlich auftretenden Melancholiestrudeln – und man beachte bitte unbedingt die allerletzte Zeile. Es gab also Zeiten, da ging man im Juni davon aus, dass der Sommer noch kommt.

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Sie können hier Trinkgeld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, dann kaufe ich davon Wein  Nicht als Getränk, in der Form mag ich ihn ja nicht. Als Rankpflanze dagegen kann ich mich spontan mit ihm  anfreunden.

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Kurz und klein

Radfahrer erzählen nichts

Seit Wochen fahre ich mit dem Fahrrad zur Arbeit, weil es hier ja neuerdings nicht mehr regnet – oder nur am Sonnabend. Das ist gesundheitlich sicherlich fein für mich, die Bewegung unter der Glanzkröte (Sarah Kirsch) soll ja gut sein, aber fürs Blog taugt das so nichts. Als Radfahrer erlebt man einfach keine erzählbaren Geschichten, man könnte nur immer wieder den lodernden Hass auf SUV-Fahrerinnen, Nichtblinker, Rotfahrerinnen, Drängler, Radwegparkerinnen, Psychos etc. ins Blog kippen, aber das möchte ja nach nur einem Tag schon niemand mehr lesen, das ist alles sattsam bekannt und Hass ist eh nicht die feine englische Art, das wollen wir hier nicht. Aber diese netten Beobachtungen nebenbei, die in der S-Bahn eben so anfallen, weil man da eine Weile nebeneinander sitzt und kurz Zeit hat, die kleinen aber irgendwie doch feinen urbanen Szenen, die fehlen hier jetzt jedenfalls. Hm.

Vielleicht sollte ich abends mal ein wenig U-Bahn fahren, S-Bahn oder Bus und Fähre, einfach nur um diesen Mangel auszugleichen, ziellos und planlos quer durch die Feierabendstadt, immer dem weißen Kaninchen nach?

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Eine Schulung zur DSGVO mitgemacht und danach solange im weiteren Gespräch vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen, bis ich wirklich gar nichts mehr wusste. Ein schönes Gesetz, es stellt einen vor herrlich existentielle Fragen: Darf ich überhaupt wissen, wie ich heiße? Und wenn ich es weiß, darf ich es mir merken und wie lange? Aber keine Sorge, morgen geht es sicher schon wieder.

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Ich habe dieses Buch angefangen, Annemieke Hendriks über Tomaten. Das ist allerdings kein Buch für Hobbygärtner, es ist ein Buch für alle, die sich z.B. auch für die Themen meines Wirtschaftsteils bei der GLS Bank interessieren, also für nachhaltige Landwirtschaft und dergleichen. Und Frau Hendriks macht das sehr interessant, sie nähert sich dem Thema über die handelnden Menschen. Sie nimmt deren Hintergründe mit, all die Familiengeschichten, die Umstände, die Zeitläufe. Slow Journalism nennt sie das und es gefällt mir sehr, wenn man beim modernen Tomatenmarkt in der EU landen will und erst einmal irgendwann in der grauen Vorkriegszeit oder gar im alten Preußen beginnt, erst einmal Fragen zu Familienstammbäumen hat und etwas zur Kulturlandschaft im Oderbruch erklärt oder Ruinen zeigt, in denen irgendwer mal irgendwas gemacht hat, was sich bis heute so und so auswirkt. Das hat was, und “Reportage” ist hier ein nettes Understatement.

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Für die Lyrikabteilung pflücken wir uns heute einfach einen Song aus den FB-Kommentaren zum letzten Artikel – die hier aus irgendwelchen verdammungswürdigen technischen Gründen übrigens gerade nicht erscheinen – und dann müssen wir auch schon wieder einen trinken. Ladies and gentlemen, auf Herrn Koppruch! Lebend gehen wir nicht mehr aus der Welt. Prost.

Im Garten erröten derweil die Kirschen an dem Baum, den die Herzdame und ich im letzten Jahr nach langer Überlegung radikal zurückgeschnitten haben. Und er trägt so viele Früchte, das haben wir wohl versehentlich richtig gemacht. Anfängerglück!

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Sie können hier Trinkgeld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, dann kaufe ich davon die Tomatensamen fürs nächste Jahr. Dem oben erwähnten Buch nach zu urteilen, werde ich trotz aller Bemühungen vermutlich nicht wissen, wo sie herkommen.

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Der Sommer war, bleibt, kommt

In Osteuropa geht es bergauf, deswegen pflückt hier keiner mehr Erdbeeren. Ein total kaputter Markt. Meine beiden kleinen Erntehelfer arbeiten noch ganz ohne Lohn, das ist natürlich angenehm. Allerdings essen sie auch die gesamte Ernte selbst auf. Irgendwas ist immer.

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Wal stirbt an acht Kilo Plastikmüll im Magen.

Hier geht es um einen Plastikfänger. Aus Plastik, eh klar.

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Wie alle Familien wirken wir auf Außenstehende sicher oft so, als hätten wir nicht alle Latten am Zaun, ein Eindruck, der sich jetzt allerdings nachhaltig bestätigt, wenn wir mit dem Auto irgendwo ankommen. Denn dann steigen wir aus und gehen um das Auto herum, wobei jeder jeweils immer wieder gründlich an einer Tür oder am Kofferraum rüttelt. So umkreisen wir in stiller Prozession das ruhende Gefährt, bis wir uns endlich zufrieden zunicken und weitergehen. Wie immer kann man alles logisch erklären, denn das etwas betagte Auto hat ein Problem mit der Zentralverriegelung und macht gerne nach dem Abschließen heimlich eine Tür wieder auf, man weiß aber nicht welche und wann, wie bei einem Glücksspiel. Weswegen man also überall mal anfassen muss. Und wenn man die heimlich entriegelte Tür dann aufmacht, zack, sind alle Türen wieder auf, großer Spaß, und dann fangen wir von vorne an.

Natürlich könnte man das Auto auch mal in eine Werkstatt fahren, aber das würde womöglich Geld kosten und so wichtig ist es dann doch nicht. Das Auto geht hier nicht vor und man gewöhnt sich schnell an seltsame Rituale. Sollten wir jemals ein neues Auto haben, vermutlich behalten wir dieses Verhalten einfach bei, so entstehen immerhin auch Religionen und Traditionen, denn es ist irgendwie schön und beruhigend, dieses “Das haben wir immer so gemacht.”.

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Ich stelle fest, dass mein Biorhythmus durch den Wind ist, und zwar nicht bezogen auf die Tageszeit, eher bezogen auf die Jahreszeit, und ich glaube, das kenne ich so gar nicht. Aber wenn man jetzt irgendwo draußen sitzt, mitten in dieser Sommervolldröhnung, die nur gestern und heute gerade mal aussetzt, dann wollen das Erleben und das Gefühl einfach nicht zu Anfang Juni passen, weil schon so viel Hitze hinter uns liegt. Das Gefühl geht eher Richtung Ende Juli und es wird dann wohl auch bald Herbst, denn zumindest als Hamburger haben wir die jährliche Sonnen- und Wärmeration eigentlich schon komplett verbraucht, da kann jetzt nicht mehr viel nachkommen. Wie es dann aber sein kann, dass noch gar keine Sommerferien waren – rätselhaft.

Tatsächlich kommen noch drei Sommermonate, was vollkommen unglaublich klingt. Es ist ein Sommer, der schon war, der noch kommt, der die ganze Zeit ist. Ein Phänomen.

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In Hammerbrook im Vorbeigehen gehört:

“Was ist sein neuer Job, wie nennt sich das jetzt?”

“Der ist jetzt Director.”

“Na, directen kann ja jeder.”

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Beim Orthopäden angerufen und nach einem dringenden Termin gefragt. Dann haben die Sprechstundenhilfe und ich sehr gelacht und schließlich irgendwas in vier Wochen gefunden. “Und das ist jetzt echt mal schnell”, sagte sie. “Es tut auch echt weh”, sagte ich, und dann lachten wir wieder, sie vielleicht etwas heiterer als ich.

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Apropos Orthopäde, ich möchte an dieser Stelle auch einmal Freundinnen und Freunde lobpreisen, die einfach in den Garten kommen und helfen. Ohne Namensnennung, versteht sich, alles Datenschutz! Aber weil ein Gartenweg z.B. in geradezu herkulischer Anstrengung von einem gewissen Helgoländer in wenigen Stunden angelegt worden ist, wird er jetzt für alle Zeiten Lung Wai genannt, der Weg, und ja, das ist ein Insider für Inselkenner. Und der Freundin, die in der Laube das Schlafzimmer gestrichen hat, ihrer wird fortan immer gedacht werden, wenn wir dort einmal nächtigen, denn der Raum ist bei näherer Betrachtung der einzige, der wirklich vernünftig gestrichen wurde. Es ist natürlich etwas schade, dass der Herr nicht Tiefbauer und die Dame nicht Malerin geworden sind, bei so offensichtlich ausgeprägten Begabungen, aber gut. Vielen Dank jedenfalls, Ihr seid super und das war eine beglückende Erfahrung.

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Sie können hier Trinkgeld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, dann kaufe ich davon vorgezogenen Rosenkohl, das passt zum Juni. Ich weiß, Sie mögen keinen – aber ich.

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Unter der Sonne Hamburgs

Noch einmal Enno Park zur DSGVO.

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Während bei uns im kleinen Bahnhofsviertel in jedem zweiten Haus ein Bäcker zu finden ist, der allerdings gar kein Bäcker ist, sondern, wie nennt man das denn, ein Backshop, also so ein Teiglingaufbackdings einer Franchise-Kette eben, machen auf dem Land die echten Bäcker nach und nach dicht und es kommen keine mehr nach. Hier ein Einzelfall etwas näher betrachtet. Dann legt er sich zu seinen Bäckern nieder – und er kömmt nimmer wieder.

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Für die GLS Bank habe ich hier etwas zum Thema Landwirtschaft zusammengestellt.

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Und dann wurde es noch heißer in Hamburg. Ich bin, ich weiß gar nicht mehr an welchem Tag, nach der Arbeit in den Garten geradelt, um ein paar Pflanzen mit ein paar Tropfen Wasser zu helfen, ich habe die Laube aufgeschlossen, die da in der prallen Nachmittagssonne stand und in der die Luft wie ein gefährlicher Glutball waberte, ich habe gelüftet und gemerkt, wie mein Kreislauf sich dabei sachte verabschiedete und gleich, Achtung, bitte, kommt wieder so ein Vergleich, den verstehen nur ältere Menschen, die damals ferngesehen haben, also ganz damals. Denn ich habe mich dann notgedrungen für ein paar Minuten in der Laube auf eine Matratze gelegt, ein Bett gibt es da nicht. Bullenheiß war es zu der Stunde im gesamten Garten, da konnte ich drinnen wenigstens weich liegen, dachte ich, und lag da also schwitzend wie in der Sauna, wobei ich in so etwas ja nicht gehe, aber egal. Dergestalt beschädigt lag ich jedenfalls da, dass ich mich fühlte wie Sebastian Flyte in der letzten Folge von “Wiedersehen mit Brideshead”, wo er da in Marokko oder wo das war völlig zugedrogt und verkommen unter sengender Sonne vor sich hin krepierte. Genau so entsetzlich fühlte ich mich ein paar Minuten lang, denn etwas Selbstmitleid ist manchmal die beste Medizin. Und dann ging es auch schon wieder.

(Wenn Sie Wiedersehen mit Brideshead versehentlich nicht kennen: ruhig mal lesen (Evelyn Waugh) und danach gucken. Beste Fernsehproduktion ever, es bleibt dabei.)

Am Freitagnachmittagnachmittag erreichte die Hitze dann Temperaturen, bei denen ein finales Gewitter doch irgendwie logisch und unvermeidlich erschien, es war, ich will das zeitgemäß ausdrücken, alternativlos. Wir waren im Garten, als die ersten Tropfen fielen, die dann schnell zu Starkregen wurden, der in geradezu irrer Geschwindigkeit drei Regentonnen bis zum Überlauf füllte und dann noch lange nicht aufhörte, es kübelte, es goss, es flutete nur so herab. Es blieb dabei aber weiterhin warm und tropisch, wir saßen bei weit offener Tür in der Laube und beschlossen, dort zu übernachten, mit diesem trommelnden Regen auf dem Dach und mit Blick auf die Pflanzen in den Beeten, die quasi sofort beschlossen, jetzt aber mal ordentlich zu wachsen, die sich streckten und reckten und mit allen Zellen gierig Wasser pumpten.

Ich lief noch einmal durch den Garten, um noch ein paar Zutaten für das Abendbrot zu pflücken, ich wurde dabei nass wie beim Duschen, aber es gab frische und regennasse Kräuter und Gemüse. Es war einer der besten Momente im Garten bisher, ach was, das war einer der besten Momente der letzten Jahre.

Zwiebeln! Das muss ich eben einschieben. Vom Anbau von Zwiebeln wird oft abgeraten, den Zwiebeln sind im Laden ja so billig, superschnell sind sie in der Entwicklung auch nicht gerade, besondere Hübschigkeit sagt man ihnen ebenfalls nicht nach und angeblich schmecken sie immer genau gleich, egal, wie und wo man sie anbaut. Man liest also: Zwiebeln eher nicht. Ich aber habe im frühen Frühjahr Zwiebeln gesteckt, Stuttgarter Riesen, da ist ja schon der Name toll. Beim Abendbrot fehlten uns Zwiebeln und mir fiel da erst ein, dass ich die ja im Beet habe! Viele sogar! Keine Ahnung, wie reif die sind, aber jetzt her damit. Ich habe die zwei größten Zwiebeln herausgezogen, wir haben sie feierlich angebraten und auf diese bescheidene Art wurde dann auch das äußerst lapidare und tausendmal wiederholte Anbraten von Zwiebeln endlich zu so einem herrlich intensiven Erlebnis, bei dem man ganz genau hinsieht, hinriecht, hinschmeckt, bei dem man also ganz Aufmerkamkeit ist, denn es waren ja meine eigenen Zwiebeln aus meinem eigenen Anbau, die hatte ich selbstgemacht, mit reichlich Hilfe der Natur jedenfalls.

Selbstverständlich waren sie schon durch diese völlig ungewohnte Aufmerksamkeit sensationell wohlschmeckend, fünf Sterne gar nichts dagegen. Das war also wie in diesen ganzen Ratgebern, die ich mit Anfang 20 gelesen habe, als ich noch genau wie alle glaubte, man könne mit ein paar Tricks besser leben und das Glück sei irgendein Instantprodukt, per Gebrauchsanweisung schnell und leicht verfügbar. Da ging es ja auch dauernd um die Aufmerksamkeit für den Moment, in diesen schnell verschlungenen Büchern, um Achtsamkeit und dergleichen, da muss man heute natürlich spontan brechen, wenn man dieses geradezu widerlich abgenutzte Wort nur hört, so verschlissen und ranzig ist das, aber unter uns und mit aller Vorsicht: Da ist dann vielleicht doch was dran. Die Zwiebel im Hier und Jetzt, die bringt einen schon weiter ans Glück ran. Ein kleines Stück.

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Nur versehentlich habe ich zwischendurch Nachrichten mitbekommen, als ich, einem dummen Reflex folgend, doch einmal aufs Handy sah. Einer aus der Nazipartei sagt also irgendwas, ich wiederhole so etwas nicht, ich arbeite mich daran auch nicht ab. Ich lese die Juni-Gedichte in der Reclam-Anthologie und zitiere kurz aus Tucholskys „Park Monceau“ die letzte Strophe:

“Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.

Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.

Ich sitze still und lasse mich bescheinen

 und ruh von meinem Vaterlande aus.”

Reicht doch auch.

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Sie können hier Trinkgeld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, dann kaufe ich davon die Steckzwiebeln fürs nächste Jahr.

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Die Herzdame im Garten: Anfängerfehler

Schon seit Tagen wollte ich mal über den Garten und die Laube schreiben, aber genau deswegen komme ich zu nichts.

Es ist 7 Uhr morgens, nach meiner ersten Nacht im Garten. Ich habe sauschlecht geschlafen – Schlafsack und Isomatte sind einfach nicht für meinen Rücken gemacht. Der Gatte buddelt schon seit einer Stunde, Sohn 2 werkelt ebenfalls und Sohn 1 ist mit seinem Kumpel zur nächsten Tankstelle Brötchen holen. Ich sitze in der Sonne, wärme mir den steifen Rücken und schaue „unserem“ Rotkehlchen zu, das vor mir auf und ab hüpft und mir beim Tippen zusieht.

Die Vögel in der Hecke geben alles und wollen endlich die Nachbarn wecken. Die Blätter von Weißdorn und Apfelbaum über mir rauschen im Wind und in der Ferne rattert ein Güterzug vorbei – das Industriegebiet fängt hinter der Insel an.

Die Sonne hat schon richtig Kraft und wenn ich hochsehe, sehe ich nur Grün und blauen Himmel. Es ist ein wunderbar friedlicher, idyllischer Morgen. Und dafür hat sich die ganze Anstrengung gerade wirklich gelohnt.

Wie der Gatte ja bereits geschrieben hat, wurde unsere Laube vor kurzem aufgebaut und wenn ich auf die letzten Wochen zurückblicke, war der Weg bis dahin ganz schön anstrengend. Irgendwie hatte ich das Gefühl, es lief nichts, ich hatte mit wenigen Ausnahmen nur mit Idioten zu tun und der Garten entwickelte sich finanziell wie ein Fass ohne Boden. Hauptärgernis – der Laubenlieferant.

Der Gatte schreibt meistens, wie schön alles ist, aber mit dem Laubenbau hat er ja auch nichts zu tun, das mache alles ich. Und Laubenbau ist offensichtlich wie Hausbau – man hat nichts als Ärger und alles wird teurer als gedacht. Im Moment bin ich sehr froh, dass wir nie den Gedanken hatten, jemals ein Haus zu bauen.

Eine neue Laube vom Laubenbauer kostet Geld. In unserem Fall 12.000€ für die Standardausführung – Fundament, Wände, Dach, Montage, Voranstrich, was bei uns nur ging, da man sich das in Hamburg komplett zinslos durch den Landesbund der Gartenfreunde finanzieren lassen kann. Für optionalen Chichi ist da noch viel Luft nach oben. Meine Extrawünsche waren Strom und der Voranstrich nicht in Kiefer, Eiche-rustikal oder Kastanie (aka Hellbraun, Dunkelbrauch oder Kackbraun), auch nicht in Schwedenrot oder Friesenblau (haben alle) oder Weiß (wegen Schmutz), sondern Grau. Außerdem wollte ich die Laube selbst noch von innen weiß streichen.

Bezüglich Strom, Farbe und ein paar anderer Kleinigkeiten habe ich mehrfach mit dem Geschäftsführer des Laubenlieferanten telefoniert. Der sagte bei allem „kein Problem“, „machen wir eben mit“, „Ihr Elektriker muss am Ende nur noch die Kabelenden in den Sicherungskasten führen, dauert maximal 10 Minuten“ oder „das können wir auch noch problemlos nachträglich machen“.

Die Sekretärin hat dann hinterher alles relativiert mit „ich weiß gar nicht, was Ihnen der Chef da erzählt hat“, „das muss ein Missverständnis gewesen sein“, „warum das jetzt so viel teuer geworden ist, weiß ich auch nicht. Das müssen alles Nettopreise gewesen sein“, „da hat Ihnen der Chef was Falsches erzählt, die Steckdosen dürfen wir ja gar nicht anschließen, das muss Ihr Elektriker machen“ oder „nachträglich haben wir ja nochmal Anfahrtskosten, das wird teuer, kaufen Sie das lieber im Baumarkt und lassen das von einem Handwerker in der Familie machen.“

Der Stromanschluss der Laube hat dann so knapp 1.000€ mehr gekostet, als ich dachte. Anfängerfehler, ja nun …

Beim Aufbau der Laube stellte sich dann auch noch raus, dass die versprochene „Superfarbe“, die so exzellent-hochwertig ist, dass man sie nur einmal auftragen muss und die mich wegen meines Sonderfarbtons nochmal eine ganze Menge Geld gekostet hat, dann doch noch dringend ein zweites und drittes Mal aufgetragen werden muss und mich noch weitere 500€ kosten wird. Anfängerfehler, ja nun …

Die Monteure kugelten sich im Dreck und hielten sich die Bäuche vor Lachen, als ich denen erzählt habe, was mir deren Chef noch so alles versprochen hat.

Auch der Innenanstrich ist dann nochmal deutlich teurer geworden, weil ich einfach nicht glauben konnte, dass der 70€ teure Farbeimer nur für ein Fünftel der Laube reicht. Anfängerfehler, ja nun …

Inzwischen habe ich es verstanden und fahre mit Gleichmut alle zwei Tage in den Baumarkt und kaufe einen weiteren Eimer Farbe – für Innen, für Außen, für Fußboden, für Fensterrahmen. Und wenn ich nicht wegen der Farbe fahre, dann halt für was anderes. Irgendwas braucht man immer.