Drei Bemerknisse, nur was gerade so anfällt. Eingesammelt in den drei letzten Tagen, ganz so, als würde täglich brav ein Vorkommnis anfallen. Ich werde das weiter beobachten, denn ich habe, wie der Arzt mir vor einigen Tagen erklärt hat, noch wochenlang Gelegenheit dazu (was Sie zunächst nicht sehen: Der Autor unterbricht an dieser Stelle das Tippen und sieht minutenlang schlecht gelaunt in den enorm heiteren Himmel über Hamburg. Dann macht er Gesten, die eine verdächtige Ähnlichkeit mit dem haben, was man zu Stummfilmzeiten noch unter „Händeringen“ verstand, bevor er sich wieder entschlossen der Tastatur zuwendet und endlich weiterschreibt).

Erstens
Ich gehe am frühen Abend eines ungewohnt warmen Tages eine fast menschenleere Straße entlang, in der mir nur ein einziger Mensch entgegenkommt. Im Spektrum „Männliche Bewohner Hamburgs“ ist es eine Art Gegenentwurf zu mir, denn er ist groß, muskulös und außerordentlich athletisch gebaut. Außerdem ist er jung, hat dunkle Haut, sieht gut aus und trägt bunte Sportkleidung. Allerdings hat er, darin immerhin mir gleichend, seinen rechten Fuß in einer Plastikverschanzung. Er geht daher auch ähnlich unelegant wie ich, unterarmgehhilfengestützt und eher langsam.
Wir gehen da also seltsam filmreif aufeinander zu, einer denkwürdigen Inszenierung folgend. Als wir auf gleicher Höhe sind, heben wir beide freundlich grinsend die linke Hand zum Gruß, denn man kann sich kaum ignorieren, wenn man sich derart ähnlich markiert begegnet. Selbst in einer unterkühlten Stadt wie Hamburg nimmt man sich in solchen Momenten zur Kenntnis, und sogar wohlwollend. Da der Weg aber eng ist und wir uns ungewollt nahekommen, wird aus dem Grüßen mit den linken Händen ein durch und durch lässiges, aber eher ungeplantes High-Five auf halber Höhe.
Dann hinken wir beide weiter.
Zweitens
Noch etwas absurder. Noch etwas mehr in Richtung jener Vorfälle und Momente, bei denen man sich umsehen und die Kameras suchen möchte.
Ich gehe im Hauptbahnhof eine Treppe hinab. Nachdem ich kurz vorher am Rathaus noch dachte, Treppen seien für mich kein Problem, und dann prompt fast einen Salto gemacht hätte. Was übrigens eine enorm belebende Erfahrung ist, man ist dann auf einmal sehr wach. Ich gehe die Treppe im Bahnhof daher etwas vorsichtiger hinunter, etwas bedächtiger.

Dabei sehe ich, dass ein paar Meter unter mir auch einer geht, der wie ich den rechten Fuß in grauem Plastik hat und bei jedem Schritt konzentriert Beine und Krücken sortiert. Das wäre noch ein Zufall, den man so hinnehmen könnte, nicht wahr. Aber ein paar Meter weiter geht noch einer diese Treppen hinab, und auch der hat den Fuß, wenn es bei ihm auch der am anderen Bein ist, in Plastik. Und auch er stemmt sich auf Krücken.
Wir haben regelmäßige Abstände zwischen uns. Es ist sonst gerade niemand auf der Treppe. Und ich habe doch wahrhaftig lange genug MTV gesehen, um zu erkennen, wenn Szenen perfekt in Musikvideos passen. Wenn etwas nicht einfach nur irgendeine Szene, sondern vielmehr eine Choreografie ist. Aber es läuft keine Musik in der Grand Hall um uns herum, nur die üblichen Bahnhofsgeräusche sind zu hören, die nicht einmal rhythmisch ausfallen.
Irgendetwas stimmt wieder nicht mit der Wirklichkeit.
Drittens
Es ist der Pfingstsonntag, da macht man gefälligst einen Spaziergang. Denke ich mir als traditionsbewusster Mensch so und ziehe mich also pfingstgemäß an. Inklusive der „witten Maibüx“. Da fehlt Ihnen vielleicht der Bezug, kann ich mir vorstellen. Welcher nämlich ausdrücklich hamburgisch ausfällt und auf Hein Köllisch zurückgeht. Ein Dichter aus dieser Stadt, der u. a. das berühmte Lied „To Pingsten ach wie scheun“ geschrieben hat, in dem diese feine Hose erwähnt wird.
De witte Maibüx ziehe ich mir also an. Ich schnalle mir als braver Patient den so lästigen Plastic-Walker um, greife nach den Krücken und gehe los. Ich halte dann aber noch einmal an, um nach meinen Kopfhörern zu suchen und mir mein Hörbuch anzumachen. Wenn man an Krücken geht, hält man überhaupt dauernd an, wegen allem und alle paar Meter. Es ist ein wenig enervierend, wenn man ansonsten zu den Menschen gehört, die sich eher zügig fortbewegen.
Ich höre immer noch Stefan Zweigs „Ungeduld des Herzens“, da ich zwischendurch eine Weile vom Roman abgekommen war. Es kamen zu viele Podcasts dazwischen. Die Pause war etwas länger, kaum weiß ich noch, an welcher Stelle ich mit dem Hören aufgehört hatte. Jedenfalls war es aber eine Szene mit der weiblichen Hauptfigur, die eine starke Gehbehinderung hat. Welche auch den Kern der Handlung und das ganze Drama erzwingt. Das weiß ich noch.
Ich drücke auf dem Smartphone auf Start. Ich greife wieder nach den Krücken, ich mache den ersten Schritt. Die Erzählstimme liest vor:
„Ja, vom Krückengehen bekommt man stramme Muskeln“, sagte Edith.
Sie sehen also, der Zufall und ich, wir führen hier weiter ein Tänzchen auf. Auch wenn ich mich dabei schon einmal gelenkiger gegeben habe.

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