Kleine Szenen (6)

Ich lese Meldungen in den Refugee-Support-Gruppen auf Facebook, da geht es oft auch um den Hamburger Hauptbahnhof. Bei der Deutschen Bahn haben jetzt mehrmals Menschen angerufen und sich beschwert: Wenn die Suppe der Hilfsinitiativen aus dem Stadtteil hier an die Geflüchteten ausgegeben wird, dann bilden die Hungrigen vor dem Versorgungsstand im Zelt auf dem Bahnhofsvorplatz eine Schlange. Und diese Schlange ist anderen Menschen im Weg, die müssen dann nämlich darum herum gehen. Und so geht es ja nun nicht.

Immer wieder fallen mir, wenn ich morgens durch den Bahnhof zu meiner S-Bahn gehe, in den Grüppchen der Geflüchteten, die da hinter den Helfern her zu einem Gleis gehen, Menschen auf, die weniger Gepäck dabei haben als die Hamburger Büroangestellten auf dem Weg zu ihrem Schreibtisch. Und Menschen mit viel Gepäck, also etwa mit einer Menge, die wir nach Mallorca mitnehmen, sieht man fast gar nicht.

Ein kleines Mädchen aus, na, sagen wir Syrien, füttert Tauben vor dem Bahnhof, lacht und freut sich, weil die Vögel tatsächlich kommen und an ihren Krümeln picken, die sie aus einem Brötchen zupft. Gibt es Tauben in Syrien? Ich habe keine Ahnung. Neben dem Mädchen stehen zwei vermutlich deutsche Rentnerinnen, kopfschüttelnd: Taubenfüttern! Das auch noch!

Ein erstaunlich warmer Herbstabend, nachdem es hier schon früh im Jahr ziemlich kalt, nass und gemein war. Aber heute geht man noch einmal entspannter durch den Abend, freundliche elf Grad, überhaupt kein Wind, die Schultern lockern sich wieder, manche laufen ohne Jacke herum. Am Nachmittag war ein merkwürdiges Licht in der Stadt, fahle Sonne, die Herbstblätter leuchteten darin noch heller als sonst, überall Straßen mit Goldrand. Auf dem Bahnhofsvorplatz liegen jetzt am frühen Abend wieder Menschen einfach auf dem Boden und schlafen eine Stunde oder mehr, bis der nächste Zug nach Norden fährt. Manche schlafen da mit ihren Kindern im Arm. Anorak, Mütze, zwei Decken, das geht. Bei diesem Wetter muss man sich nicht für ein paar Stunden ein Dach suchen, ein Zelt, einen Platz in irgendeiner Einrichtung. Man muss niemanden um etwas bitten. Man kann einfach irgendwo ein wenig schlafen. Für den nächsten Tag ist schon wieder Regen angesagt.

Ohne Titel

Ich gehe um die Alster, es ist ein Sonntagvormittag. Dunkle Wolken ziehen über die Stadt. Aber es riecht noch nicht nach Regen, die Luft ist oktoberklar und zwischen den Wolken bricht alle paar Minuten die Sonne hervor, dass die alten Bäume am Alsterufer im Licht plötzlich aufflammen, jähes Gold, unfassbares Rot. Die Alster liegt dunkelblau, darüber Wolken, die sich immer höher türmen. Jetzt ist eine Wolkenlücke mitten über dem Wasser, dass die Sonnenstrahlen wie schräge Säulen zu den Ufern streben, ein kathedralenhafter Anblick wie aus einem völlig überzeichneten Stadtwerbeprospekt. Ein Windhauch geht durch die Bäume, aus deren sachte bebenden Zweigen sich Laub löst, als würde alles auf einmal losgelassen, immer noch mehr und noch mehr kommt da herunter, obwohl es doch nur ein Windchen war. Die Bätter kapriolen durch die Luft, sie lassen sich Zeit bis zur Landung. Der Herbst wirft mit Gold, es regnet maßlose Pracht auf die Spaziergänger, die stehenbleiben und mit offenem Mund nach oben sehen, weil es ein so überaus perfekter Herbstmoment ist. Sie sehen nach oben in die trudelnden Blätter und dann wieder nach vorne über die Alster. Paare rücken enger zusammen, Handyfotos, zeigende Finger, sprachloses Staunen, es ist schön, es ist so schön hier, guck doch mal, wie schön. Ja. Die Menschen gehen weiter, sie gehen langsam durch all die Schönheit, man hat Zeit und ist beglückt. Man trägt neue Herbstmode und sieht aus wie frisch renoviert, die Kulisse ringsum könnte in keiner Oper ansprechender oder üppiger sein und der Wein an den alten Villen im Alstervorland färbt sich auch diesem Jahr wieder äußerst geschmackvoll rot, auch darauf zeigt man. Wie er das immer hinbekommt, so genau richtig rot zu werden, man könnte heute jede Mauer, jedes Blatt und jeden Zaun für so ein Landlustmagazin fotografieren. Von irgendeinem Elend, von irgendeiner Krise sieht man hier nichts, gar nichts.

Ohne Titel

Ein junger Vater kniet in der Wandelhalle neben seinem etwa sechsjährigen Sohn. Sie knien vor einer Steckdose unter einer Treppe, sie laden da ein Handy auf. Vor ihnen liegen noch mehr Handys, ein ganzes Bündel verwirrter Ladekabel. Der Vater erklärt dem Jungen gerade ein Spiel auf dem Handy, der Sohn ist hochkonzentriert und ganz offensichtlich sehr begeistert. Er legt sich auf den Bauch, man sieht seine Aufregung an den wild zappelnden Füßen. Der Vater sieht ihm eine Weile zu, ob auch alles funktioniert, ob der Kleine alles verstanden hat, sagt noch einen Satz, zeigt noch einmal aufs Display, dann steht er auf und streckt sich. Genau wie ich den Söhnen etwas auf dem Handy zeige. Nur nicht mitten im Bahnhof, abends um halb zehn.

Für die Hilfsinitiativen hier im kleinen Bahnhofsviertel kann man weiterhin spenden. Für die Suppe, die den Geflüchteten am Bahnhof gereicht wird, für so elementar Wichtiges wie Trinkwasser, für die Nachtquartiere, für etwas Hilfe auf dem Weg. Spendenbescheinigung auf Wunsch möglich! Vielen Dank.

 

Doppeldank

Gleich zwei Postsendungen haben uns erreicht, wir haben zu danken – und zwar einerseits  der Leserin I. aus Irland für die Oliver-Twist-CD, die Sohn I bereits mit „sehr gut, krasse Geschichte“ beurteilt hat. Mal sehen, ob ich ihm demnächst noch mehr Details entlocken kann.

Oliver Twist (Hörbuch)

Und zum  anderen für den Comic „Q-R-T“ von Ferdinand Lutz, den uns der Leser D. geschickt hat. Mit Begleitbrief in bemerkenswert schöner Handschrift, das gibt’s ja heute kaum noch. Die Besprechung erfolgt im November durch Sohn I, auch wenn ein Buch natürlich kein Elektrospielzeug ist, aber da sind wir flexibel.  

Q-R-T Comic

Ganz herzlichen Dank!

Kleine Szenen (5)

Auf dem Bahnhofsvorplatz steht eine geflüchtete Familie, der kleine Sohn ist etwa drei, vier Jahre alt. Sie sind alle müde und verfroren, der Sohn ist aber so müde, dass er kaum noch stehen kann. Er gähnt unentwegt, die Auge fallen ihm dauernd zu, er steht schwankend und taumelnd hinter seinem Vater. Dabei hält er sich an einem der Riemen fest, die von dessen Rucksack herabbaumeln. Seine Hand klammert sich an diesen Riemen, der Vater steht und spricht mit einem der Helfer vor den Versorgungszelten. Er tastet ab und zu nach hinten, ob der Junge noch da ist, streicht ihm kurz übers Haar. Der Junge lehnt den Kopf an den zum Vater hochgereckten Arm und macht die Augen kurz zu, wieder auf, wieder zu, dann bleiben sie erst einmal zu. Der Winterjackenärmel ist weich wie ein Daunenkissen, er würde so gerne schlafen, sicher hat er schon viel zu lange nicht mehr geschlafen. Er schreckt zusammen, wenn sein Arm sinkt, wenn seine Finger sich vom Riemen lösen, den er immer weiter umklammert, ganz, ganz fest. Der Vater geht weiter, hinten auf dem Platz wird Kaffee ausgegeben. Der Kleine trottet hinterher, immer dem Vater nach, dem Rucksack nach, dem Riemen nach, dem eigenen Arm nach, dabei muss man die Augen gar nicht lange aufmachen, immer nur hinterher, er kann mit geschlossenen Augen gehen, er ist so unendlich müde. Es ist schlimm, nicht schlafen zu können, aber es ist noch schlimmer, diesen Riemen loszulassen, durch den er mit seinem Vater verbunden ist, mit den Geschwistern, mit der Familie. Wer weiß, was alles weg ist, wenn er auch nur kurz loslässt.

Ich gehe mit Sohn I am frühen Morgen aus dem Haus, er muss zur Schule, ich ins Büro, wir gehen ein Stück gemeinsam. An einer Hauswand sehen wir ein neues Graffiti, es ist ein ungelenk gesprühter Schriftzug PKK, daneben Hammer und Sichel in der gekreuzten Version, an die man sich als Erwachsener noch dunkel erinnert. Der Sohn fragt etwas erstaunt, ob das Zeichen da ein Buchstabe sei, den würde er ja gar nicht kennen. Ich erkläre ihm die Sache mit dem Hammer und den Arbeitern, mit den Bauern und der Sichel. Er fragt weiter und weiter nach, wir kommen irgendwie auf Monarchie und Revolution und Republik und Kommunismus, auf absolute Herrscher, hungernde Weber und Arbeiter, reiche Fabrikanten und Gutsherren. Es ist ganz erstaunlich, wie viele Themen auf wenige Meter Schulweg passen, wenn jede Antwort immer noch eine Frage erzeugt. Im baufälligen Gemäuer meiner Allgemeinbildung zieht es bei dem Gespräch allerdings eiskalt durchs morsche Gebälk, hier und da wackelt ein Ziegel, und es wird reichlich Staub in lange verschlossenen Kammern aufgewirbelt. Ich denke hektisch nach, wer war wann und was, was kam wovon und seit wann ist das eigentlich so und wie kann ich das erklären, kann ich überhaupt irgendwas erklären? Wie war das denn damals noch im Schulbuch? Und was hat das mit heute zu tun, mit der PKK in der Türkei, mit den Parteien in Deutschland? Der Sohn und ich landen kurz vor dem Schultor bei den Rechten und den Linken, ich erkläre ihm, wieso die so genannt werden und dass es damals, als das alles in Frankreich anfing, um ganz andere Themen ging, zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten vielleicht schon nicht mehr. Oder? Europa diskutiert gerade wieder über Grenzen und es ist der Tag mit dem Beschluss zur Vorratsdatenspeicherung in Berlin, das Volk im Generalverdacht. Im Grunde ist es ein schlechter Witz, wie alles zusammenhängt. Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten, man möchte direkt lossingen. Ich höre mich über geschichtliche Zusammenhänge reden, ich müsste aber selbst mal wieder dringend darüber nachdenken. Vielleicht wäre es angebracht, wieder in ein Geschichtsbuch zu sehen, man sollte sich nichts auf sein Halbwissen einbilden. Der Sohn fragt nach den Rechten und den Linken, er findet es blöd, dass die Rechten böse sind. Denn als Rechtshänder findet er rechts eigentlich okay. Es wäre ihm lieber, wenn man die Rechten die Linken nennen würde.

Die Söhne reden beim Einschlafen über Flüchtlinge, über die Spendenaktionen bei Edeka und Budni. Die Lage am Bahnhof ist hier dauernd Gesprächsthema, weil man die Menschen vor unserer Haustür nun einmal nicht übersehen kann. Sohn II sagt: “Man kann für die Flüchtlinge Sachen kaufen und dann spenden. Aber wenn man alles klauen würde, das wäre mehr Robin Hood.”

Ich gehe mit der Herzdame auf den verregneten Wochenmarkt und frage Händler mit wetterbedingt novembriger Laune nach Gemüsespenden für die Suppenaktion. Für die Welcome Soup St. Georg, die hier von Eltern und anderen jeden Tag hundertliterweise zubereitet wird, damit die durchreisenden Flüchtlinge am Bahnhof etwas Heißes essen können. Da muss man sich schon ein wenig überwinden, einfach so fragen zu gehen, das macht man sonst nicht. Können wir den Chef sprechen? Können Sie noch einmal etwas spenden? Für die Suppenküche? Bitte? Lächeln, weiter lächeln, fragende Blicke aushalten, die Herzdame kann das viel besser als ich, das ist nichts für mich. Aber die Händler machen mit.

Ich gehe abends über den Steindamm, ich habe hier schon einmal über diese Straße geschrieben, die nicht wie andere Straßen ist. Es ist kalt und es regnet, ich habe eine Mütze und eine Kapuze auf, ich sehe wie durch einen Tunnel, immer nur einen schmalen Ausschnitt der Straße im Blick. Nasses Gemüse und Obst in Auslagen ziehen durchs Bild, viel mehr Sorten als in jedem deutschen Supermarkt, die Schilder daran handgeschrieben in verschiedenen Sprachen, etliche versteht man nicht, einige sind längst im Regen verlaufen. Es gibt in diesen Läden Gemüse, das ich noch nie gegessen habe, eingeflogen aus Afrika oder Indien oder woher auch immer. Riesige Früchte, auf deren Namen ich nicht komme, und seltsames Grünzeug, was ist das, Tang? Irgendwelche Schlingpflanzen? Keine Ahnung. Türkische Imbisse, einer nach dem anderen, immer noch einer, Läden nur für türkisches Gebäck, Regalmeter um Regalmeter nichts als Kekse und Kuchen. Dann ein afghanisches Restaurant, ein indischer Laden, es gibt noch kein Restaurant mit syrischem Essen. Das wird aber sicher nicht mehr lange dauern, und die syrische Küche soll gut sein. Diese Straße ist wohl das, wovor die Demonstranten in Sachsen und anderswo solche Angst haben, diese Straße sieht nicht aus wie die durchschnittliche Einkaufsstraße in einer deutschen Kreisstadt. In dieser Straße kann man gut einkaufen.

Im Drogeriemarkt im Hauptbahnhof stehen drei vermutlich arabische Männer vor dem Regal mit den hundert Sorten Zahnpasta. Einer hält eine Packung in der Hand, die anderen sehen ihm über die Schulter, während er das Ding hin und her dreht und versucht, etwas darauf zu entziffern. Sie sprechen kein Englisch und kein Deutsch und kein Französisch, helfen kann ich ihnen nicht, wobei ich auf Französisch auch nur sinnlose Sätze wie etwa “es ist kalt heute” und “der Bahnhof ist groß” sagen könnte. Die Männer sehen auf die Packung, schütteln den Kopf, sie wissen nicht recht. Einer greift nach der nächsten Packung. Die ist genauso rätselhaft. Sie diskutieren leise, sie sehen alle Packungsseiten an, sie sehen sich an, sie kommen zu keinem Schluss. Es ist schwer. Alles ist schwer.

Für die diversen Hilfsgruppen in unserem kleinen Bahnhofsviertel kann man weiterhin spenden. Geld für eine heiße Suppe, für ein Nachtlager im Stadtteil, für etwas Versorgung der Menschen auf der Flucht.

 

Kleine Szenen (4)

Eine Szene aus der Vergangenheit der Herzdame. Als sie nach der Schule nach Hamburg zog, machte sie hier ein Freiwilliges Soziales Jahr, dabei arbeitete sie in einem evangelischen Altersheim. Eine der dementen Bewohnerinnen dort gab immer wieder denselben Satz von sich, immer wieder und wieder, tagelang: “Ach nein, ach nein, muss es denn ein Flüchtling sein!” Ob sich der Satz auf eine selbsterlebte Liebesgeschichte in der Nachkriegszeit bezog oder ob es eine ganz andere Erklärung dafür gab, das hat man nie erfahren.

Eine Szene aus der jüngeren Vergangenheit, es ist vielleicht vier Jahre her. Irgendeine Kinderparty auf einem Spielplatz in einem Nachbarstadtteil. Der Spielplatz ist umzäunt, ein halbhoher Metallzaun, über den man als Erwachsener mit etwas Anlauf auch springen könnte. Es ist ein privat betriebener Platz, wir können ihn an diesem Nachmittag nutzen, wir haben den Schlüssel für das Tor im Zaun und auch für das kleine Haus mit den Toiletten, Spielsachen, Bobbycars. Die Kinder spielen, die Erwachsenen stehen am Grill und am Bierkasten, es ist ein ziemlich entspannter und sonniger Nachmittag, jedenfalls bis Sohn II das Karussell mit dem Gebiss bremst, aber das ist eine andere Geschichte, darum geht es nicht. Kinder, die nicht zu unseren Kindern gehören, kommen zwischendurch vorbei, sie sind etwas größer als die in unserem Rudel. Sie klettern über den Zaun und gehen zur Schaukel, ohne sich um uns zu kümmern. Das wird hier ihr Revier sein. Der Mann neben mir, ein türkischer Vater, fragt mich, ob die das denn dürfen. Die würden ja nicht zu uns gehören und der Platz sei doch für uns reserviert. Ich sage, dass hier nun einmal ein Spielplatz sei, dass es doch völlig egal sei, ein paar Kinder mehr. “Pardon”, sagt der türkische Vater, “aber da ist ein Zaun und das Tor ist geschlossen. Und ich bin hyperintegriert, ich kann so etwas nicht ab.”

Letzte Woche. Vor dem Hamburger Hauptbahnhof spielt die Tochter einer deutschen Helferin mit den zwei Töchtern einer geflüchteten Familie, sie sind alle drei etwa fünf Jahre alt. Sie hüpfen über die Palettenstapel, die man dort aufgebaut hat, damit man sich darauf etwas ausruhen kann, es sind Behelfsmöbel in einem etwas grotesken Loungestil.  Es ruhen dort gerade keine Menschen, es gibt nur diese drei Kinder, die kreischend über die Paletten hüpfen, rauf und runter und rüber von Stapel zu Stapel. Wenn man eine Weile zusieht, so wie Sohn I und ich, dann sieht man, dass dieses Spiel irgendwelchen Regeln folgt. Es geht wohl um eine Reihenfolge, in der man von Palette zu Palette muss, ohne die anderen Kinder zu berühren. Oder muss man sie gerade berühren? Und darf man zwischendurch mit den Füßen auf den Boden oder nicht? Das ist dem Sohn zunächst nicht ganz klar, und den Mädchen ist das vielleicht auch nicht ganz klar, jedenfalls stoßen sie ab und zu wild kichernd zusammen, weil die Choreografie doch noch nicht ganz klappt. Dann rufen sie sich aufgeregte Sätze zu und lachen sich kaputt, weil sie überhaupt nichts verstehen und so komisch fremd klingen. “Die können nicht miteinander reden”, sagt Sohn I, “aber man muss ja auch nicht reden, um zusammen rumzuhüpfen.” Die Mädchen liegen japsend auf den Paletten und kichern, dann kitzeln sie sich laut lachend und hüpfen wieder los und jagen sich über die Holzstapel.

Die Herbstmode sorgt seit ein paar Wochen dafür, dass die Frauen Ponchos tragen. Ponchos in allen denkbaren Größen, Materialien und Farben. Wenn man eine Weile am Hauptbahnhof steht und in das Menschengewirr sieht, sind die Silhouetten der zur Arbeit eilenden Frauen in modischen Ponchos und die der geflüchteten Frauen in übergeworfenen Decken manchmal ganz ähnlich.

Die Herzdame hilft in den Messehallen, wo immer noch gespendete Kleidung empfangen und sortiert wird. Von hier werden jetzt alle Unterkünfte in Hamburg beliefert, von hier wird auch eine mobile Kleiderkammer am Hauptbahnhof versorgt, aus der man den Durchreisenden nach Skandinavien die notwendigsten Dingen gibt, Winterjacken, feste Schuhen, warme Pullover. Immer noch kommen Syrer und andere in Flipflops und T-Shirts an, immer wieder sieht man erbärmlich frierende Menschen. Die Herzdame sortiert in den Messehallen einen Tag lang Damenoberbekleidung für Frauen, die in Europa auf Asyl hoffen, darunter auch dieses bemerkenswerte Stück:

T-Shirt: Hinterm Horizont gehts weiter

 

Zwischendurch fahren wir für ein Wochenende ins Heimatdorf der Herzdame in Nordostwestfalen. Es ist ein kleines Dorf in der Nähe einer nicht ganz so großen Stadt. Wir sehen drei Tage lang keinen einzigen ausländischen Menschen, also zumindest keinen, dem man die Herkunft ansehen würde. Man läuft immer Gefahr, den kleinen Ausschnitt Deutschlands, den man bewohnt, für das Land zu halten, man läuft immer Gefahr, das da vor der Haustür für die allgemeine Lage zu halten. Das kleine Bahnhofsviertel in Hamburg und das kleine Heimatdorf in Nordostwestfalen sind so absurd verschieden, dazwischen könnten auch Kontinente liegen. Und doch reden alle gerade dauernd über Deutschland, als ob das eine vollkommen klare Sache sei, was das nun ist und wie es da zugeht. Aus dem Ausland kommen im Heimatdorf der Herzdame nur ein paar Vögel bei der dörflichen Geflügelschau. Sie sind bestens integriert, wenn man die kleinen Schilder an den Käfigen nicht lesen würde, man käme gar nicht auf die Herkunftsländer. Vögel eben, Tauben oder Hühner. In einigen Nachbardörfern in der Gegend leben viele Russlanddeutsche, Spätaussiedler, wie auch immer sie korrekt benannt werden, ich weiß es gar nicht. Die kamen damals in den Neunzigern. Und die erkennt man auch nicht, nur einige ganz alte Frauen mit bunten Kopftüchern sehen manchmal so aus, dass man Großmütterchen zu ihnen sagen möchte, wie in russischen illustrierten Kinderbüchern. Gegen die Kopftücher dieser alten Damen hat man nie etwas gehabt, glaube ich.

Für die diversen Hilfsgruppen in unserem kleinen Bahnhofsviertel kann man weiterhin spenden. Geld für eine heiße Suppe, für ein Nachtlager, für etwas Versorgung.

 

Zwischendurch ein Dank …

… an die Leserin A.H., die den Jungs eine Cro-CD geschickt hat. Darauf ist sogar ein Lied für mich, sagt Sohn I, es trägt den überaus sinnigen Titel “Papa schüttelt den Kopf”. Keine Ahnung, was das mit mir zu tun hat, sie dürfen Cro hier eh nur hören, wenn die Kinderzimmertür geschlossen ist. Aber selbstverständlich sollen sie ruhig ihren eigenen Geschmack haben, gar keine Frage. Ich höre ja auch Musik, die sie nicht mögen, das ist alles vollkommen in Ordnung so, es ist auch zu erwarten, dass man sich irgendwann auseinander entwickelt.

Und sie freuen sich sehr über die CD und haben sie bereits tausendmal gehört. Was womöglich nur ein von mir gefühlter Wert ist, mag sein.

Vielen herzlichen Dank! Sohn I sagt, ich habe super Leserinnen. Recht hat er.

Terminhinweis: Manfred Maurenbrecher in Hamburg

Nächste Woche Mittwoch, das ist der 14.10.: Manfred Maurenbrecher gastiert solo im Polittbüro auf dem Steindamm in unserem kleinen Bahnhofsviertel. Wenn jemand Manfred versehentlich nicht kennt, hier ein Wikipedia-Artikel über ihn, besonders schön unten die Zitate zu ihm und seinem Schaffen.

Manfred am Klavier, das sollte man erlebt haben, wenn man sich für Lieder interessiert, für Texte mit ordentlich Kawumm und Abgrund, wenn man sich für Lyrik interessiert. Wenn man es etwa mag, dass jemand aus dem Fenster guckt, wo gar nichts ist, nichts außer einem alten Mann mit einem Fahrrad im morgendlichen Nieselregen, und dass dann aus diesem tristen, banalen Anblick ein Lied von Format wird (hier im Video ab 2:13). Das ist wunderschön. Und ebenso beeindruckend ist es, wenn der Sänger wütend wird, weil er an der Lage verzweifelt, was man in seinem Beruf selbstverständlich ein Leben lang tun kann, wer würde das nicht verstehen. Er kann es eben nur wesentlich besser ausdrücken als wir. Da lebt einem jemand am Klavier etwas vor, es geht dabei nicht zimperlich zu, die Texte und die Lieder reißen einen rauf und runter und mittendurch, und so gehört es auch.

Manfred Maurenbrecher solo im Polittbüro – sehr große Empfehlung von mir. Ich bin auch da und ich freue mich riesig auf den Abend.

Manfred Maurenbrecher

 

Foto: Christian Biadacz

 

Kurz und klein

 

Anmerkung zum Straßenbau

Ich bin neulich durch die Gegend gefahren, in der meine erste Ehe spielte. Das war nicht Absicht, das war eher wie bei Degenhardt, einige werden das noch kennen: “Du wirst umgeleitet, von der großen Straße musst du ab, fährst kreuz und quer durch die Landschaft, und dann bleibst du stehen …” Ein schönes Lied, kann man ruhig mal wieder hören, es heißt “Umleitung”.

Ich fuhr an dem Gericht vorbei, in dem diese Ehe vor vielen Jahren endete, ich habe in dem Buch mit der Marmelade im Titel eine Geschichte über diesen Tag geschrieben. Ich fuhr da vorbei, ich sah das Landgericht – hieß es Landgericht? – aus dem Augenwinkel, und die Straßenführung war etwas anders als früher. Das bog nicht da ab und schwenkte nicht dort herum, wo ich es erwartet hatte, das lief irgendwie anders, ich habe es gar nicht recht verstanden. Der Weg zu der Wohnung damals, der war nicht da wo er hingehörte, rechts war links und alles seltsam vertauscht. Das geht mir übrigens auch in Travemünde so, da passt auch nichts mehr zusammen, meinen Jugendort gibt es teilweise gar nicht mehr. Aber der Strand ist immerhin noch da, wo er hingehört.

Und dann merkt man doch, wie sehr Geschichten, wie sehr die eigene Geschichte zumindest auch an kartografierter Gegend hängt, wie man immer “hier war das” und “dort war jenes” denkt, das fällt plötzlich auf. Weil da nicht mehr dort ist. Wie fest man doch die Kurven und Kreuzungen abgespeichert und mit Inhalt verbunden hat. Wie irritierend das ist, wenn man aus dem einen Bild der Erinnerung nicht mehr nahtlos ins andere Bild gehen kann, weil dazwischen nichts mehr ist oder die Ränder einfach nicht mehr richtig aneinanderliegen. Wenn das alles nicht mehr passt, dann kommen nämlich all diese Geschichten ins Rutschen, da fallen plötzlich Inhalte durcheinander und haben keinen Halt mehr, die neuen und gerade gesehenen Bilder stehen quer im Hirn wie grelle Umleitungswarnungen. Und im halb unterbewussten Denken versucht man vergeblich noch tagelang, die Gegend wieder geradezubiegen, die Straßen zurück zu verlegen, alles wieder ins Lot zu bringen und Wege freizuschaufeln. Wo ging es denn bloß von da nach da? Wie war das noch? Unwillkürlich geht man doch die alten Wege wieder im Geiste ab, steht grübelnd an den Kurven und Kreuzungen. Die Erinnerungen sollen nicht schief im Rahmen hängen, da war doch alles so schön aufgeräumt und gerade gerückt, an dieser Wand da hinten im Eck. Da purzeln sonst noch Inhalte raus, aus diesen alten Bildern, die einem dann durch die Tage spuken wie nicht geschriebene und unerlöste Kurzgeschichten. Und ich habe weder die Zeit noch überhaupt die Absicht, diese Geschichten zu schreiben.

Und man muss ja auch nicht alles erzählen. Auch wenn einiges noch in Geschichten gepasst hätte, so ist es ja nicht. Die Wirtin in dem Imbiss neben dem Supermarkt, die furchtbar schlechtes Essen servierte, aber mit mütterlicher Anteilnahme an meiner Beziehung interessiert war und immer besorgt nach der Lage fragte, die wäre eine gute Nebenfigur. Die Geschichte aus dem einzigen Hotel im Ort, diese Geschichte mit dem Vorfall beim Schützenfest damals, die habe ich tatsächlich nie aufgeschrieben, warum eigentlich nicht? Und all die Geschichten vom kleinen Pendlerbahnhof, auf dem an jedem Morgen dieselben Typen rauchend in der Morgenkälte standen und sich standhaft jahrelang norddeutsch ignorierten, bis der Zug einmal bei Orkan mitten im Wald stehenblieb und man gemeinsam überlegte, ob man nicht zu Fuß, wie ein Trupp Pioniere … solche Geschichten. Von damals. Will ich wirklich nicht schreiben, nein.

Ich wollte nur sagen: ich finde es furchtbar unsensibel und rücksichtslos, die Straßenführung in Orten einfach zu ändern.

 

Apfelernte im Alten Land

Apfelernte

Das ist auch schon Ritual geworden, dass wir im Herbst ins Alte Land fahren, und uns Äpfel von den Bäumen holen. In den letzten Jahren waren wir auf einem der kleineren Höfe, jetzt waren wir auf einem ganz großen, auf dem Herzapfelhof in Jork.

Apfelernte

Ein großer Hof hat den Vorteil, dass es dort auch ein Hofcafé und also auch Apfelkuchen gibt, er hat aber auch den Nachteil, dass an einem sonnigen Wochenend- und auch noch Feiertag die ganze Metropolregion Hamburg dorthin fährt. Und da auf dem Hof keine S-Bahn hält, fahren alle mit dem Auto, Idylle geht wirklich anders. Aber man verschuldet das natürlich selbst, schon klar.

Apfelernte

Auf dem Hof kann man auch Sorten finden, die einem nicht gerade im Discounter begegnen werden, das ist natürlich erfreulich.

Apfelernte

ApfelernteApfelernte

ApfelernteApfelernte

Apfelernte

Die Kinder mögen diese Ausflüge sehr, ohne Apfelernte ist es kein Herbst.

Apfelernte

Und es tritt auch wieder der seltsame und ausgesprochen lehrbuchmäßige Effekt ein, dass die Jungs plötzlich Unmengen Obst essen.

ApfelernteApfelernte

Sie nagen sich durch diverse Sorten, sie probieren links und rechts, vom Boden und von ganz oben, es ist so, wie man sich das Essverhalten der Kinder immer wünscht und sonst nie erlebt. Offen, interessiert, neugierig.

Apfelernte

Kein Kind fragt nach geschälten Äpfeln, niemand verlangt geschnittene Stückchen in Tupper, alles läuft ganz natürlich ab. An immerhin einem Tag im Jahr, da muss man auch dankbar sein, erntedankbar.

Apfelernte

Und wenn man sich komplett mit Äpfeln vollgefressen hat, dann kann man sich landlustmäßig ausruhen, das passt da alles zusammen.

Apfelernte

Die Eltern pflücken weiter, wobei man da übrigens leicht in einen gewissen Erntewahn gerät und sich am Ende fragt, was genau man eigentlich mit einer Schubkarre voller Äpfel vorhat.

Apfel

Aber egal, man kann ja nichts hängen lassen, was so gut aussieht.

Apfelernte

Und sie schmecken eben auch so, wie sie aussehen.

Apfelernte

Zwischendurch singt man pflichtgemäß die alte Hamburger Hymne vom Äpfelklauen, allerdings sind weit und breit keine Zäune, über die man ruckzuck könnte. Egal.

Apfelernte

Nächstes Jahr wieder. Eh klar.

Apfelernte