Zwischendurch ein Dank …

… an den Leser Michael S., der uns den vermutlich sinnvollsten Adventskalender geschickt hat, den wir hier je hatten. Nämlich diesen Saatgutadventskalender vom Versandhaus “Mohnblume”.

Das ist doch mal durch und durch vernünftig. Und auch noch wiederverwendbar! Gefällt mir sehr, ganz herzlichen Dank. Oder, wie Sohn II sagte: “Das können wir nächstes Jahr auch mal für andere machen.” Recht hat er. Aber das hat er meistens. 

Gartenvideos

Ich lerne nach wie vor viel Gartenzeug, das ist natürlich auch notwendig, da ich im Sommer bei Null angefangen habe. Nachdem ich mich mittlerweile in der Zentralbücherei einmal komplett durch die Gartenabteilung gefräst und wie damals zu Studienzeiten reichlich Notizen gemacht habe, nachdem ich mir auf Instagram Tausende Gemüsegartenbilder angesehen habe, denn bei dem Thema sind auch Bilder wirklich lehrreich, bin ich jetzt in der Youtubephase und sehe mir also Gartenvideos an. Viele.

Zu meiner Überraschung finden das auch die Söhne spannend, weswegen wir also zu dritt vor den Filmchem des Selbstversorgers Rigotti sitzen, vor Selfbio oder vor dem Gartenkanal usw., es gibt da einige zu finden. Bei den Söhnen liegt übrigens Rigotti weit vorne, der hat aber auch mit Abstand am meisten Geräte und Bastelmöglichkeiten. Und Hühner! Es wird hier zunehmend zum Problem, dass wir keine Hühner haben, zumindest nach Sohn II, aktueller Berufswunsch Selbstversorger und Gärtner. Der ist der Familie weit voraus und gedanklich schon beim Getreideanbau und Mühlenerwerb, weil man auch Brot unbedingt selbst machen sollte, findet er zumindest.

Von den deutschen Gartenvideos kam ich zu den englischen Gartenvideos, denn auch dort gibt es Schrebergärten, allotments. Vielleicht liegt es daran, dass ich ohnehin gerade sehr viel lerne, es macht mir plötzlich wieder Spaß, Vokabeln zu lernen. Beim Gartenvokabular habe ich größere Lücken, das kam alles so in der Schule nicht vor und in meinem späteren Leben erst recht nicht, aber jetzt freue ich mich über Begriffe wie comfrey tea oder, noch banaler, parsnips, das sind so Vokabeln, die habe ich längst vergessen.

Das finden die Söhne dann nicht mehr ganz so interessant, es schadet ihrer Allgemeinbildung aber auch nicht, wenn sie die Filme ab und zu bei mir mitbekommen, ganz im Gegenteil.

Ich: “Was machen wir jetzt?”

Sohn I: “A nice cup of tea.”

Die nice cup of tea aus den englischen Gartenvideos wird hier gerade zum Familienkult, es wird ein Winter mit unfassbar viel Tee in allen Varianten. Warum auch nicht, wir trinken jetzt vor allen Vorhaben erst einmal eine nice cup of tea, es entschleunigt ungemein.

Bei Sean James Cameron (Kanal hier) habe ich mich zuerst gewundert, wieso er zwischendurch völlig ungeniert seine Parzellennachbarin filmt, bis mir klar wurde, dass die auch Gartenyoutuberin ist: Vivi. Und Vivi hat eine Begeisterungsfähigkeit, die mich wieder an meine verstorbene Freundin J. erinnert, so Menschen, die sich vor Freude über eine Pastinake gar nicht mehr einkriegen, ich finde das ja sehr belebend. Hier ein beispielhafter Film von Vivi, in dem sie eine pappeinfache Suppe kocht, sich dabei aber über alles so freut – man möchte sie sofort als Nachbarin haben und ab und zu bei ihr in der Küche sitzen. Die Suppe muss schmecken, schon wegen der Freude, die sie daran hat.

Die Herzdame veranstaltet ein Kettensägenmassaker

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, brrmmmm, brrmmm.

Ich bin auf den Geschmack gekommen. Seit einiger Zeit. Genau genommen, seitdem wir uns für einen Garten entschlossen haben.

Aufgewachsen als Tochter eines Bauunternehmers und zwischen Baumaschinen hatte ich schon als Kind eine Leidenschaft für Bagger und schweres Geschütz. Aus nicht mehr rekonstruierbaren Gründen bin allerdings nie damit gefahren, was wahrscheinlich zum Kindheitstrauma geführt hat. Denn wer mich kennt, der weiß, dass es mein größter Traum ist, endlich einmal Bagger zu fahren. Oder noch lieber Bobcat (keine bezahlte Werbung).

Darüber hinaus habe ich während meiner Kindheit auf dem Bau aber eigentlich nichts wirklich Brauchbares gelernt. Leider. Ich kann gerade mal einen Nagel krumm in die Wand schlagen und habe dabei auch noch Angst, etwas kaputt zu machen. Da ich dazu noch einen Mann geheiratet habe, der zwar mit Füller und Bleistift umgehen kann, sonst aber zwei linke Hände hat, wird in unserem Haushalt quasi gar nicht gehandwerkt. Sehr zum Bedauern von Sohn 2, der gerne und sehr kreativ mit Hammer und Schrauber hantiert.

Ich bin auch immer wieder erschüttert über unsere Beziehung, zwei Handwerkerkinder, die nichts können. Egal …

Als wir uns mit dem Thema Strebergarten befasst haben, habe ich mich auch gedanklich intensiv damit auseinandergesetzt, dass man dann nicht alles extern machen lassen kann und irgendwie selbst ran und dazulernen muss. Nun habe ich mir einen Ruck gegeben und gleich mal mit der Kettensäge angefangen.

Freunde von uns haben sich ein Wochenendhaus auf dem Land gekauft, welches sie gerade zum Großteil selbst komplett renovieren. Anfangs fand ich es ziemlich meschugge, dass sie die Bruchbude nicht einfach abreißen und neu bauen. Soo viel Arbeit! Mittlerweile habe ich aber kapiert, dass das ja der Witz ist … selbst zu renovieren. Und so sind wir auch schon ein paar Mal damit hingefahren und haben mitgeholfen.

Weil aber immer nur Rasenmähen und Steineschleppen auf Dauer uncool ist, habe ich darum gebeten, dort Kleinholz zu machen. Mit der Kettensäge. Natürlich.

Brrrrmmmm brrrrmmm

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Und weil das so ein befriedigendes Gefühl ist, wenn der Holzhaufen zentimeterweise kleiner wird, und weil es toll ist, wenn man sich körperlich verausgabt, und weil es so befreiend ist, wenn man bei seiner Arbeit mal nicht nachdenken muss, bin ich jetzt voll auf den Geschmack gekommen und möchte das öfter machen.

Weil man aber nach der Arbeit nicht immer aufs Land rausfahren kann, habe ich mir jetzt bei uns im Garten was für die Kettensäge gesucht: Die Koniferen.

Auf unserer Parzelle haben wir 10, in Worten „zehn“ Koniferen. Und wo die Koniferen stehen, wächst kein einziger Grashalm mehr. Deshalb spricht man davon wahrscheinlich auch als Friedhofsbaum. Alles drumherum ist tot. Nicht nur auf dem Friedhof.

Außerdem hat unser Vorgänger einen Großteil der Koniferen als Sichtschutz direkt vor der Laube gepflanzt. So dicht, dass absolut kein Licht mehr reingekommen ist. Wobei ich mich da frage, wozu er dann überhaupt Fenster in die Laube gebaut hat. Egal, die Koniferen müssen weg.

Jetzt hätte es natürlich auch die Möglichkeit gegeben, wieder mal jemanden damit zu beauftragen. Oder vielleicht den Abrissunternehmer, der hoffentlich bald mal die Laube abreißt, das auch machen zu lassen. Aber das ist unsportlich. Das kann man ja auch selbst machen, dafür muss man niemanden bezahlen.

Der Ehrgeiz hatte mich gepackt und ich habe mich kurzerhand mit unserem Kettensägen-Freund verabredet und brrrrmmmm … Kettensägenmassaker.

Die ersten drei von zehn Koniferen haben wir geschafft. Angefangen haben wir mit den beiden direkt vor dem Fenster unserer Laube. Ehrlich gesagt, hatte ich anfangs dann schon noch ein bisschen Angst, dass es mir vielleicht doch nicht so gefallen würde, wenn alles gerodet ist.

Ich habe mir das nach dem ersten gefällten Baum noch mal genau angeschaut, aber es war alles richtig so. Der Blick durch den Garten auf die Laube… eigentlich schade jetzt, dass sie abgerissen wird. Mit ein bisschen Farbe könnte sie noch ganz hübsch werden.

Und drinnen erst! Da hat man jetzt richtig Tageslicht. Und einen tollen Ausblick auf den Garten. Das müssen wir unbedingt bei der Ausrichtung der neuen Laube berücksichtigen.

Hier kann man sich bei Instagram durch die Vorher-/Nachherbilder klicken:

Und es werde Licht! #Kleingarten #Schrebergarten #Garten #BillerhuderInsel

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Und wo wir gerade so gut dabei waren, haben wir uns auch sofort an die größte Konifere im Garten gemacht. Immer alles sportlich angehen!

Es war nicht ganz einfach, da die Konifere doch deutlich größer war als wir. Aber wir haben es dann zu zweit geschafft, sie Stück für Stück umzulegen. Ein bisschen schade war es dann, dass es so stark zu regnen anfing, dass wir abbrechen und den Stumpf stehen lassen mussten. Jetzt dient er den Söhnen als Kletterbaum und Hochsitz. Ich befürchte, er wird auf ewig da stehen bleiben müssen.

Da musste ich also erst fast Ende 30 werden, um meinen ersten Baum zu fällen. Und das fühlt sich richtig gut an. Brrrmmm.

Frauen bei der Arbeit:

Frauen bei der Arbeit #Kettensäge #Kleingarten #Schrebergarten #Garten #BillerhuderInsel

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Hier kann man sich bei Instagram durch die Vorher-/Nachherbilder klicken:

#BillerhuderKettensägenmassaker #Kettensäge #Schrebergarten #Kleingarten #Garten #Billerhuderinsel

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Sämtliche Sicherheitsbelehrungen über fehlende Ausrüstungsgegenstände und Sicherheitsvorkehrungen sind übrigens schon reichlich durch den Gatten erfolgt. Mehrfach.

PS: Beim Schreiben dieses Blogposts musste ich an den Horrorfilm „Texas Chainsaw Massacre“ denken und weil ich dann mal „kurz“ recherchieren musste, ob ich den Film in meiner Jugend eigentlich gesehen habe und wenn ja, worum es da noch ging, bin ich dann die nächsten zwei Stunden im Internet hängen geblieben und habe die Trailer sämtlicher Splatterfilme gesehen. Um dann festzustellen, dass ich offensichtlich ziemlich wenig dieser Filme geguckt habe und auch nicht das Bedürfnis habe, dieses jemals nachzuholen.

PPS: Als ich Sohn 2 dann am nächsten Abend zu Bett brachte, in sein Hochbett kletterte und dann am Regal, an der weißen Wand, am Bettrahmens und auf dem Bettlaken die weiträumig verteilten Blutspritzer des letzten Niesers mit Nasenbluten sah … brrrmmmm.

Die Sache mit den drei Astscheren also

Als wir im Sommer den Garten übernommen haben, hatten wir keine Ausrüstung dafür, wirklich gar keine. Keine Harke, keinen Spaten, keine Gießkanne, gar nichts. Ich hatte auch mangels jeglicher Kenntnis keine genaue Vorstellung, was man für einen Garten alles so braucht, es schien mir aber auf jeden Fall teuer zu werden, immerhin hatten die Nachbarn in der Gartenkolonie ganze Schuppen voller Gerätschaften. Teilweise sogar recht große oder gar mehrere Schuppen. Wir beschlossen also, die Gartengeräte nicht neu, sondern bei Ebay-Kleinanzeigen zu kaufen. Die Herzdame schrieb bereits einmal darüber, glaube ich.

Ich hatte mit dieser Plattform vorher keinen Kontakt gehabt, sie ist natürlich auch wieder eine Welt für sich und man könnte darüber wunderbare Witze machen, die aber durch die Bank schon gemacht worden sind, wie mir scheint. Das Netz ist voll von lustigen Verkäufer- und Käuferklassifizierungen, von falschen Zustandsbeschreibungen etc. Lassen wir das also, keine Scherze über Ebay. Zumal es in unserem Fall auch gar keinen Grund zum Scherzen gab, eher im Gegenteil, denn es zeigte sich, dass gerade Gartengeräte nicht selten von Menschen verkauft werden, die den Hausstand von Verstorbenen auflösen. Und das ist nicht lustig, wenn man etwa in einer Hochhauswohnung steht, in der jemand mit dem versteinerten Gesicht der Trauernden vor großen Gartengerätschaften steht, die in diesem kleinen Flur grotesk fehl am Platz wirken, wenn dieser Mensch stöhnend etwas räumt, etwas stapelt, etwas sucht und dabei murmelt: “Er hat doch auch noch eine andere Astschere gehabt.” Und man schließt dann erst langsam, dass er wohl nicht mehr da ist, man erfährt noch, dass er mit seinen Geräten immer sehr gut umgegangen ist und wo sein Garten war, wie groß und schön der immer war, die Äpfel! Man sieht im angrenzenden Zimmer ein Stück vom Pflegebett, in dem er gelegen hat – und mehr wird man zu ihm niemals erfahren. Aber man geht immerhin mit seiner Astschere aus dem Hochhaus und lässt trauernde Menschen zurück, die seufzend weiter Reste verräumen, die er ihnen hinterlassen hat und die darauf warten, dass die Stapel in den Zimmern und im Flur bald kleiner werden.

Es war einer der wenigen warmen Tage in diesem Sommer, als ich im fernen Norden der Stadt auf diese Art gleich drei Astscheren kaufte, unhandliche Riesengeräte, bestens gepflegt. Eine war zwar vorne an der Schneide etwas kaputt, aber damit hatte er dennoch weiterhin gearbeitet, wie die Tochter sagte, die ging schon noch, die Schere. Und ob ich nicht noch? Sie zeigte auf zahlreiche andere Geräte, die ich teilweise nicht einmal erkannte, alle merkwürdig sauber, als wären sie nie in einem Garten gewesen. Nein, ich wollte nicht noch mehr, ich wollte diese drei wirklich günstigen Astscheren, mit denen er so gut umgegangen ist. Ich zahlte und ging. Die Tochter scrollte durch ihre Ebay-Liste: “Es ist immer noch so viel.”

Eine der Astscheren ging immer wieder auf, sie ließ sich wegen ihrer Größe schlecht greifen. Es war viel schwieriger als gedacht, drei große Astscheren durch die Gegend zu tragen. In meinen Rucksack passten sie nicht und ich merkte zu spät, dass er eine der Scheren vor nicht allzu langer Zeit noch geölt hatte. Ich kam aus dem Büro und trug ein weißes Hemd, das schon nach ein paar Schritten schwarzverschmiert war. Ich kam mir albern vor, wie ich da erfolglos versuchte, diese drei Riesenscheren zu bändigen, mir wurde allmählich heiß und der Weg zum S-Bahnhof war weiter als gedacht. Ich merkte, die entgegenkommenden Leute auf dem Fußweg fingen an, mich seltsam anzusehen. Dem Schild an der Kreuzung nach zu urteilen, war das außerdem gar nicht der Weg zum Bahnhof.

(Fortsetzung folgt. Ich baue jetzt einfach wieder jeden Morgen eine halbe Stunde Schreibzeit ein.)

Die Herzdame erlebt Bullerbü

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die den neuen Garten sehr genießt.

Vorher kannte ich die meisten Mitglieder meiner neuen Whats-App-Gruppe nur sehr flüchtig. Eltern aus dem Stadtteil, mit denen wir bisher kaum Berührungspunkte hatten. Durch das St. Georg-hilft-Projekt änderte sich das damals. Es gab den ersten Kontakt zu einem der Gruppenmitglieder, der zufällig einen Schrebergarten hatte und uns vorschwärmte, wie schön das sei. Wir waren irgendwann angefixt.

Als es dann endlich geklappt hatte, stellte sich nach und nach für uns heraus, dass noch einige weitere Familien aus dem Stadtteil in derselben Kolonie ihre Gärten hatten. Man kam in Kontakt, zeigte sich Gärten und Pflanzen und lud sich zum Kaffee ein. Die Kinder, die sich bisher auch eher flüchtig kannten, begannen ebenfalls, sich zusammen zu rotten und von Garten zu Garten zu tingeln.

Mittlerweile gibt es selbstverständlich die bereits erwähnte Whats-App-Gruppe. Hier findet dann quasi ein digitales Fahne hissen statt, damit jeder weiß, wer gerade da ist und wo es Kaffee gibt.

Letzten Sonntag war ein sonniger, schöner Herbsttag und alle Familien waren im Garten. Jeder arbeitete vor sich hin, die Kinder tobten von einem Garten zum nächsten Garten. Gemischte Altersklassen, Mädchen und Jungen, auch Gastkinder und Kinder, die sich sonst nur vom Sehen kannten. Alles friedlich und harmonisch.

Sohn II ging zwischendurch mal seinen eigenen Interessen nach und schraubte uns mit seinem neuen Akkuschrauber einen Briefkasten zusammen, den jeder Gartenfreund (heißt hier so) an seiner Parzelle haben muss. Dann holte er sich Holz vom Nachbarn und fing an, eine Garderobe zu bauen.

Irgendwann wurde per Whats-App verkündet, wann und wo Kaffee getrunken werden sollte, und man traf sich zu Kaffee und Kuchen. Der eine brachte eine Kanne Kaffee mit, der nächste die Milch, einer Kekse, einer Kuchen. Wir Erwachsenen saßen alle an einer großen Tafel, die Kinder machten Stockbrot über einer Feuerschale.

Danach gab es noch mal einen Gang durch die Gemeinde und eine Inspektion der Gärten, dann ging jeder wieder seinen Interessen oder Pflichten nach. Sohn I hing mit den Mädchen ab, Sohn II reparierte erst der einen Nachbarin ein Gartentor und besserte dann mit einem anderen Nachbarn einen Zaun aus. Ich hörte mir noch stundenlang Vorträge des Gatten über Beete, Stauden und was wo hin soll an. Ganz versunken im Garten, beschäftigt mit Laub harken, dem Schmieden von Plänen und Werkeln.

Erst als abends eine Gartennachbarin Fotos von dem Tag in die Gruppe schickte, habe ich gemerkt, dass ich wieder mal ganz vergessen habe, selbst welche zu machen, was ich wirklich schade finde. Aber vor lauter Bullerbü-Glück kommt man gar nicht mehr zum Fotografieren. Bilder dann vielleicht beim nächsten Mal.

Astern

Zu den Pflanzen, die ich in letzter Zeit im Garten verbuddelt habe, gehören naheliegenderweise auch Astern, die gibt es ja gerade quasi an jedem Kiosk. Lilafarbene Astern, lilafarbene Literaturblümchen, denn natürlich sieht man als Möchtegernbildungsbürger beim Verbuddeln von Astern nach oben um zu prüfen, was denn die Götter da nun gerade mit der Waage machen. Sie erinnern sich vielleicht dunkel an Schulzeiten, Gedichtinterpretation, Benn, zehnte Klasse oder so und was will der damit sagen? Schwälende Tage? Hm? Der Lehrer stand und lehnte und sah der Klasse zu.

Klimatisch kommt es 2017 übrigens gar nicht hin, dieses Gedicht zu murmeln, die dort gemeinte zögernde Stunde findet in diesem Jahr einfach nicht statt, so schnell und zügig schreitet das Jahr durch die Wochen. Wir befinden uns vom Wetter her ja schon Ende Oktober, mindestens, da zögert nichts, nicht einmal eine halbe Stunde. Zurückbleiben bitte, der Herbst fährt ein, wir haben eine Fahrplanänderung. Und auch die Rosen bringt man nicht mehr mit Rausch in Verbindung, die Rosen sehen eher so aus, als müsse man sie in Sicherheit bringen, vielleicht mit einer Beschwörung, einem Bann? Die Schwalben sind schon abgereist, die schlauen Biester, die streifen keine Fluten mehr, die sind drüber weg. Und der Sommer steht und lehnt auch nicht, der Sommer steht verprügelt in seiner Ecke und spricht mit seinem Trainer eher lustlos über die nächste Saison.

Was aber doch interessant ist, man kann mit dem Gedicht einen kleinen und lustigen Versuch machen. Dazu müssen Sie nur den Anfang kurz mal sprechen, Sie kennen den ja sicherlich.

Astern

Astern – schwälende Tage,
alte Beschwörung, Bann,
die Götter halten die Waage
eine zögernde Stunde an.

Noch einmal die goldenen Herden – na, und so weiter.

Wie spricht man das? Vermutlich so wie fast alle, mit einer bedeutungsschwangeren Pause nach dem Namen des Blümchen.

“Astern” [*wart*]

Nicht wahr? Die Astern erst einmal einwirken lassen, als würde dem Pflanzennamen schon so viel Bedeutung mitgegeben sein, dass diese Pause da völlig klar ist. Dann überdeutlich und langsam weiter mit den “Schwälenden Tagen”, feinakzentuiert und die Pausen auch vor der Beschwörung und dem Bann nicht vergessen, das ist ja alles wichtig und ernst und irgendwie feierlich, ist es doch.

Wenn man auf Youtube nach dem Gedicht guckt, dann spricht man das da so. Wenn man Freunde spaßeshalber fragt, dann sagen sie den Anfang so auf, denn die Astern dürften zu den bekanntesten Gedichten abseits der Klassik im deutschsprachigen Raum gehören. Alle sind sich einig, wie man das zu rezitieren hat, nur einer macht das falsch, ganz falsch: Der olle Benn.

Der leiert das wie nebenbei und unbewegt runter, als würde er im Radio die Verkehrsmeldungen aus NRW aufsagen. Wie bei Youtube jemand kommentiert hat: “Ich höre seine Stimme gerade zum ersten Mal. Finde sie eher enttäuschend, ein bischen emotionslos. Ganz im Gegensatz zu dem Gedicht selber, das mich tief berührt.”

Setzen, sechs! Emotionsloser Vortrag, vermutlich gar nicht verstanden, worum es geht. Aber wir, wir wissen das, wir machen die Pause richtig, wir sprechen den Titel und den Beginn der ersten Zeile quasi in Fraktur und sechzehn Punkt, damit die Pause auch gerechtfertigt ist, wir machen die Lücke zwischen Beschwörung und Bann schön groß, da passt dann wirklich eine enorme Menge Bedeutung rein, wir machen die Lücke mindestens groß wie ein Pflanzloch, während wir vor dem Beet knien und graben. Denn nur so verbuddelt man Astern angemessen geistreich im Erdreich. Wobei sie bei mir dennoch direkt nach dem Pflanzen den besagten Geist aufgegeben haben.

Nächstes Mal zögernder graben! Egal. Mein grüner Daumen wächst noch.