Die Brötchenpreise steigen, es gibt Chardonnay

Kaum hat man mal zwei Urlaubstage, schon kommt man nicht mehr dazu, die ganzen Notizen zu verbloggen. Aber egal, ich lasse mich wieder entspannt zurückfallen und berichte vom, was weiß ich, Mittwoch oder so. Und was ist heute überhaupt für ein Tag, man verlottert doch im Urlaub, auch im kurzen, erstaunlich schnell.

Ich gehe da also abends durch den Hauptbahnhof. Das ist meine normale Spaziergangsstrecke, durch die U-Bahngänge, durch die Wandelhalle und über die Bahnsteige, den Südsteg entlang und zurück. Noch einmal andersherum durch die Halle und vielleicht auch oben noch durch die Galerie, einmal an allen Geschäften und Gastrobetrieben und natürlich auch an den wartenden Reisenden auf den Fernbahnsteigen vorbei. Ich sehe zu, wie ein Zug einfährt oder gerade abfährt. Ich sehe zu, wie sich Menschen begrüßen oder verabreden. Wie sie Brötchen kaufen oder Alkohol und Limo und Zigaretten, wie sie reden, lesen, streiten und im Sitzen schlafen, manchmal auch wie sie sich prügeln oder küssen. Wie sie arbeiten, betteln, herumhasten oder schlendern, wie sie auf Koffern sitzen, ihre kleinen Kinder keifend reglementieren und ihre kleinen Hunde wiegend auf den Armen tragen, wie sie vor tieffliegenden Tauben in Deckung gehen, und ich weiß nicht warum, aber es ist mir gerade ein Bedürfnis, alles mitzuschreiben. Ich neige zu Hypernotaten, es fühlt sich seltsam befriedigend an, das alles aufzuschreiben. Also mache ich das.

Ich setze mich auf eine Bank an einem Fernbahngleis. Ein Zug fährt gerade ein, nach Köln wird er weiterfahren, lese und höre ich. Immer kurz an die Menschen denken, die ich dort kenne und gekannt habe, das geht Ihnen vielleicht auch so? Dass bei Städtenamen Gesichter aufschimmern, Situationen und Stimmen, dass die in geradezu unfassbarer Geschwindigkeit durchs Hirn blitzen und diese Stadt ausmachen? Im Falle von Köln blitzt sogar vieles, auch Kindheitserinnerungen sind dabei. Köln habe ich immer gemocht, ich könnte nicht sagen, warum. Nur wenige Menschen steigen in diesen Zug ein, und die paar, die ich von meiner Bank aus sehen kann, ziehen die blauen OP-Masken runter, sobald sie sich hinsetzen. Wenn jemand durch den Zug geht, ziehen sie sie mit zwei Fingern wieder hoch, es sind lässig routinierte Bewegungen.

Der Zug fährt ab, zwei Angestellte der Deutschen Bahn unterhalten sich am Gleis und sehen den Lichtern nach. Dann gehen sie langsam zurück zu ihrer kleinen Dienstbude auf dem Bahnsteig und treten an die Bildschirme dort, gucken prüfend zum Zuganzeiger und auf ihre Uhren.

Ich bleibe da noch sitzen. Der Bahnsteig ist jetzt leer. Ich habe nichts anderes vor und bin gerade gerne draußen. Ich sehe mir die Werbung auf der anderen Seite der Gleise an. Ich soll eine Ausstellung in Halle an der Saale besuchen. Ich war noch nie in Halle an der Saale, obwohl es mir bereits mehrfach empfohlen wurde, diese Stadt einmal zu besuchen, allerdings habe ich vergessen, warum. Irgendeinen Grund wird es für jede Stadt geben, versteht sich. Ich kenne immerhin sympathische Menschen aus Halle an der Saale, das ist nicht nichts. Eine Ausstellung des Malers Sitte soll ich mir da ansehen, eine große Retrospektive. Den kenne ich nicht, aber ich googele ihn natürlich pflichtgemäß, vielleicht ist es peinlich, ihn nicht zu kennen. Der hier war das. Aha. Die Gröner hätte den bestimmt gekannt, denke ich.

Ich frage mich, ob es ernsthaft Menschen gibt, die im Hamburger Hauptbahnhof ein Plakat für eine Ausstellung in Halle an der Saale sehen, und dann tatsächlich dort hinfahren. Lohnt sich denn diese Art von Werbung? Es muss so sein, ich arbeite ja sogar für eine Firma, die Werbewirksamkeit misst und beweisen kann, solche Plakate hängen nicht umsonst, wo sie hängen. Nicht kostenlos und nicht umsonst. Aber es wundert mich doch ein wenig. Vielleicht gehe ich dabei zu sehr von mir aus. Wie lange man wohl für die Fahrt braucht? Dann fällt mir ein, dass meine Mutter und ich das gemacht haben, damals. Also ganz damals, in der Travemünder Zeit. Plakate für Dalí in Paris gesehen, und dann sind wir da mit dem Nachtzug hingefahren. Jeden Betrag hätte ich damals gewettet, dass ich später mal einer von denen werde, die das öfter machen. Jeden Betrag hätte ich verloren. Vielleicht werde ich als Rentner noch so. Nie zu spät und all das? Als Rentner, ich habe da so eine pessimistische Ahnung, wird mir eventuell das Geld dafür fehlen. Aber wenn nicht – dann habe ich jetzt etwas vorgemerkt. Ausstellungsplakate sehen und spontan hinfahren, dann darüber bloggen. Sie wissen, der Mensch braucht Ziele.

Ein anderes Plakat hängt daneben, ich soll die Messe Hamburg toll finden, steht da. Ich finde schon die Herzdame toll, die arbeitet dort, das muss erst einmal reichen. Dann noch irgendwas mit der Telekom, das ist langweilig. 5G oder so.

Ein kleines Schild lese ich auch noch, ich soll auf meine Wertsachen achten. Ich packe mein Notizbuch wieder weg.

Ich gehe weiter. Auf der Theke einer Bäckerei steht ein grellgelbes Hinweisschild, mit dem einige der aktuellen Krisen, die gerade immer öfter auf den Wirtschaftsseiten besprochen werden, in der Szenerie um mich herum ankommen und sich zu einer Aussage verdichten. Zumindest könnte man es so deuten. Gewissheit gibt es nicht, aber es fällt doch auf, was ich da sehe: „Achtung“, steht da, „Achtung, wir erhöhen demnächst unsere Preise!“ Ob jemand heute ein Brötchen mehr kauft, weil es morgen teurer wird? Was bewirkt dieses Schild, was ist der Zweck und was ist der Hintergrund? Die steigenden Mieten, die ausbleibenden Rohstoffe, die schlechteren Ernten, die Klimakrise, die Lieferkettendramatik, die Energiepreise, die Inflation, was noch alles. Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesem Schild und all den Zetteln, auf denen geradezu verzweifelt nach Personal aller Art gesucht wird, ich weiß es nicht. Ich fand VWL immer furchtbar uninteressant. Ich durchschaue die Lage nicht, ich schreibe nur mit, was ich sehe.

Ich gehe nach Hause. Vor der Haustür liegt eine zertrümmerte Flasche Chardonnay. Auch das fällt auf. Nicht weil da eine von Kippen umrahmte zertrümmerte Flasche liegt, das ist normal in dieser sogenannten besseren Wohnlage. Es wird hier überall gerne gecornert, und wo gecornert wird, fallen Scherben. Nein, es fällt auf, weil es sonst eher Wodkaflaschen sind, die da zerschlagen auf dem Boden liegen, Red-Bull-Dosen oder anderes Zeug, das die jungen Menschen schnell druckbetankt. Aber Chardonnay?

Die Brötchenpreise steigen, es gibt Chardonnay vor der Haustür, man kann nicht immer alles passend zusammenfügen. Ich schließe kopfschüttelnd auf und verbleibe für heute ratlos.

Im Treppenhaus liegt Werbung für Schiffsmotoren. Ich brauche im Moment keinen Schiffsmotor. Aber ich habe hier gerade ein neues Wort gelernt, fällt mir dazu noch ein, das Wort hieß „Seemannssonntag“. Das habe ich noch nie vorher gehört, aber ich finde es schön. Man möchte das sofort einführen, nicht wahr, es klingt nach einer überaus feinen und sehr norddeutschen Tradition. Nächsten Donnerstag vielleicht?

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Noch ein trauriges Lied? Noch ein trauriges Lied.

Falls Sie übrigens auf traurige Lieder stehen oder gar so wie ich darin wohnen, also gefühlt jedenfalls, falls Sie also traurige Lieder gar nicht so traurig, sondern eher heimelig finden: Ich arbeite gerade wieder mit Vehemenz an meiner entsprechenden Playlist „Good evening“. Ich nähere mich tausend Liedern und es ist ganz ungeheuer gemütlich. Falls Sie auf Spotify sind: Hier. Die zuletzt hinzugefügten Lieder sind in der Probezeit, die müssen sich erst noch durch lange Winterabende hindurch als solche beweisen, die ich mmer wieder hören kann, die verschwinden also vielleicht wieder.

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Links am Morgen

Ich habe für das Goethe-Institut etwas über die Stunde, in der die Läden schließen geschrieben.

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America is running out of everything (Via Sven Dietrich auf Twitter). Das Thema ist medial etwas unterbelichtet, ist es nicht? Da kommt noch was.

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Die Klimakrise ist nicht akut genug, um danach zu handeln.“ Gefunden via Nessy. Ich war mal auf einer Veranstaltung mit Irina Scherbakowa, da hat sie einen ganz einfachen Satz gesagt, der das alles erklärt: „Demokratie bezieht sich immer auf die Gegenwart.“

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für die freundliche Zusendung einer Bialetti, wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob man das eigentlich so sagt, eine Bialettti? Oder ein Bialetti-Espressokocher? Eine Bialettikanne? Wie auch immer. Die Dinger für den Treibstoff eben, Sie wissen schon. Diese war speziell gedacht für den rettenden Kaffee in der Laube im Herbst, etwa zur Wiederbelebung nach dem stundenlangen Laubharken. Ganz herzlichen Dank, die Einweihung der Kanne erfolgt in Kürze!

Vorderseite

Eine Großstadtstraße, aber wir brauchen im Bildausschnitt nur so viel davon, dass wir genau das erahnen können, das Städtische, das Naturferne, das durch und durch Menschengemachte. Es ist früher Morgen. Künstliche Beleuchtung, Restdunkelheit, es ist die Stunde zwischen Nacht und Tag. Vielleicht sekundenlang in der Totalen anfangen, vorbeifahrende Busse auf der Straße, Motorroller, Elektroroller, Fahrräder, Mietsmarts, da ist was los, auf dieser Straße, da geht es zur Arbeit, es ist die morgendliche Rushhour. Eine Ampel vielleicht noch, die wird gerade rot, aber das dient nur dem Farbeffekt im Halbdunkel, das tut nichts zur Sache. Undeutlich sehen wir Menschen über die Straße hasten und in einer hell beleuchteten Bäckerei verschwinden. Kamerafahrt auf diese Bäckerei zu, eine Bewegung nach unten auch, der Blickwinkel wird bodennah. Gelbes Eichenlaub am Kantstein vor den Reifen der parkenden Autos. Zwei, drei leere Bierflaschen vor einem roten Mülleimer, eine blaue OP-Maske, die dort vielleicht hingeweht wurde, Kippen und eine zerdrückte Zigarettenschachtel, man erkennt eine Discountermarke. Graue Gehwegplatten. Die Wand der Bäckerei, davor das Zusammengekehrte des Morgens, der Besen steht noch daneben und der Mensch, der ihn vermutlich gerade eben benutzt hat, der steht da auch noch, blaue Sneaker, Jogginghose. Noch tiefer der Blick, zum Kehricht, dieses Wort habe ich eventuell noch nie in einem Text benutzt, fällt mit gerade auf. Im Kehricht wieder Laub, und zwar Eiche und Linde, weitere Kippen, bunte Plastikfetzen, Papierschnipsel und nicht zu identifizierendes Zeug der kleinteiligen Art. Dreck. Am Rande aber auch, und sie sehen aus wie gruppiert und drapiert: Eine Eichel, eine Kastanie, eine Weintraube und eine blasse Scheibe Salatgurke.

Das ist alles. Man muss die Herbststillleben in den großen Städten nehmen, wie und wo sie kommen, und auch die Erntedankarrangements des Zufalls.

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Eine gewisse Grandezza

Dienstag. Im Laufe des Tages wird es kälter. Auch in die Wohnung ist die Kälte während des Vormittages eingezogen und hat sich dann über den Nachmittag dort festgesetzt, die Küche bleibt die letzte sattwarme Insel. So kühl ist es auf einmal in der Wohnung, dass wir im Home-Office an den Schreibtischen sitzen und ab und zu schon zur Heizung sehen, ob man denn jetzt, und man könnte doch, es ist bei geöffnetem Fenster doch geradezu frisch, ist es nicht? Aber ich lebe mein life natürlich to the fullest, wie es immer so schön heißt, bei mir kommt also erst richtiges Frieren, dann deutlich nachgelagert das Heizen, sonst macht es ja keinen Spaß.

Ich home-office, du home-officest, wir home-officen.

Die Abendrunde. Die Außengastronomie auf dem Platz um die Ecke ist nur noch dürftig besetzt, nicht einmal ein Viertel der Plätze ist belegt. Die Gäste, die dort sitzen, tragen auf einmal Wintermode, aufgeplusterte Jacken und Wollschals. Da wird der Herbst gleich komplett übersprungen, sonst hält man keine zwei, drei kalten Biere durch auf diesen Stühlen, am Abend, draußen, im Wind. Die Körper der Menschen vor den Kneipen wirken seltsam zusammengeschnurrt. Verkürzte Hälse, eingezogene Beine, untergeschlagene Arme, die Leute krümmen sich um ihre Restwärme und ziehen die obligatorischen blauen oder roten Decken fröstelnd enger um sich. Es ist gar nicht furchtbar kalt, es ist nur ungewohnt, so hat man lange nicht gesessen. Alles erst mühsam wieder einüben, auch den Herbst.

Vor dem Hauptbahnhof sitzt einer auf dem Boden, in einer eher dreckigen und dunklen Ecke des Vorplatzes sitzt er, und spielt Gitarre. Er spielt spanische Musik, wenn ich es richtig deute, ist das Flamenco. Seine Hände machen Sachen, die mir anatomisch eher unwahrscheinlich vorkommen und seine Finger rasen in einer galoppierenden Geschwindigkeit über die Saiten, die mit der norddeutschen Feierabendträgheit so gar nichts zu tun hat. Ein Mensch bleibt vor ihm stehen, noch einer, noch einer. Sie sehen sich an, sie sehen den Gitarristen an – der ist richtig gut, oder nicht? Ist der besonders? Fragende Blicke, hier und da ein anerkennendes Nicken, alter Schwede, das ist aber nicht die übliche Straßenmusik, das ist deutlich mehr. Ein Publikumskreis bildet sich schnell. Die ersten filmen den Musiker mit dem Handy, immer muss alles mit dem Handy gefilmt werden, sonst ist es nicht passiert. Jetzt singt der auch noch. Oder er schreit, aber es ist doch irgendwie Gesang, was ist das. Der singt sich da die Seele aus dem Leib, das klingt vollkommen unerwartet, schon gar aus dieser Haltung heraus, aus dem Sitzen, aus dem Dreck, aus der Dunkelheit dieser schlecht beleuchteten Stelle vor einem Bauzaun. Aber es ist großartig.

Zwei Männer aus der Trinkerszene hören zu und fangen vor Begeisterung an zu tanzen. Der große und nicht eben grazil gebaute Kerl, der dabei spontan die Dame gibt, er macht das gar nicht schlecht und nicht ohne eine gewisse Grandezza in der Bewegung, so ein schickes Schnörkeln in der Bewegung von Hand und Arm bei der Drehung… zumindest bis er ins trunkene Taumeln gerät und doch lieber wieder stillsteht und sich aufs leider kastagnettenlose Fingerschnippen beschränkt.

Jemand wirft Geld in den Rucksack des Gitarristen, andere machen es ihm kurz darauf nach. Ich kann kein Spanisch, ich habe in seinem Gesang leider nur ein einziges Wort verstanden, hermosa war es. Das heißt wunderschön.

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Trauriges Liedgut mit Herbst- und Spanienbezug? Haben wir auch. „So take heed, take heed of the western wind, take heed of stormy weather.“

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Zur Seite gekippt, allein und zurückgelassen

Home-Office. Ich gehe frühmorgens um den Block, weil es mir zu nervtötend ist, bis in den Nachmittag hinein nur das Rechteck des Bildschirms gesehen zu haben, ich will etwas anderes sehen, irgendetwas anderes, das nicht Internet, Excel oder Word ist.

Die Straßen sind um 07:15 immer noch leerer, als sie es präpandemisch waren, so viel scheint mir festzustehen. Die paar Menschen nur, die mir begegnen, das wäre doch früher ein Sonntag gewesen? Auf den Stufen der Kirche wachen die Obdachlosen auf und wickeln sich aus ihren Schlafsäcken, einer klappt einen großen, blauweißen Regenschirm ein, der in der Nacht über seinem Kopf gestanden hat. Es hat nicht geregnet, aber es hätte ja können.

Im Coffeeshop schäumt jemand Milch, obwohl noch keine Gäste da sind. An der Ampel hängt ein neuer Zettel, da wird enggedruckt zum Kampf gegen die Mächtigen aufgerufen, wenn ich das beim flüchtigen Lesen richtig mitbekomme, von links. Die Wahlen haben nichts genützt, steht da, das Klima, die Wohnungsnot … Aber es ist zu viel Text, es ist auch zu klein gedruckt, es hängt außerdem zu tief, man muss sich erst bücken, um das zu lesen, so wird das nichts mit der Revolution.

Auf dem nahen Platz liegt ein weißer Damenschuh vor der Kreuzigungsgruppe, mittig vor der Jesusfigur. Ein weißer Schuh ist es, halbhoch, ein Teil eines Pumpspaares, was ein seltsames Wort ist. Salamander steht innen auf der Sohle. Der Schuh sieht auf den ersten Blick ein wenig nach Brautmode aus, aber das denkt man vielleicht bei jedem weißen Damenschuh ohne Kontext, der nicht gerade ein Sneaker ist. Jedenfalls liegt er da, zur Seite gekippt, allein und zurückgelassen. Nichts liegt neben ihm, kein weiteres Indiz für was auch immer. Das Relikt einer wilden oder verwirrten Nacht ist der Schuh vielleicht, man weiß es nicht.

Auf einem E-Scooter kommt mir eine Frau entgegen, in einem Moment, in dem gerade kein Auto auf der Straße zu sehen ist. Sie trägt einen langen, schwarzen Mantel, der ist offen und weht im Fahrtwind nach hinten, er sieht aus wie ein Cape. Sie hat lange, schwarze Haare, die wehen parallel zum Cape, und bei allem, was ich gegen E-Scooter habe, das sieht schon sehr gut aus, diese junge Frau mit den wehenden Haaren und dem eleganten schwarzen Cape auf dem lautlosen Roller, die da schwungvoll an mir vorbeikurvt, seltsam superheldinnenmäßig auf dem Weg ins Büro. Ein Fall für Officewoman.

Ich gehe nach Hause, eine kurze Runde war das nur, mehr Zeit habe ich heute nicht. In einem Geschäft für Schreibwaren und Geschenkartikel liegen die Kalender für 2022 im Schaufenster, die nehme ich noch zur Kenntnis. Ich könnte kurz stehenbleiben, hineinsehen und mich auch an diese Zahl gewöhnen.

Wie an alles.

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Was hört der Freundeskreis trauriges Liedgut? Die Herren Elridge und Lage, Sleeping by myself. Der Text wirft einen nicht um, aber gute Feierabendmusik ist es doch.

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Spaziergänger und Stadtbetrachterinnen

Diese Schriften an den Häusern! So großartig. Wobei mir einfällt, dass ich gerade ein halbwegs dazu passendes Bilderbuch für Erwachsene gelesen habe. Ein kulturhistorisches Buch über bedeutsame Belanglosigkeiten im Städtebau. Der Autor hat den faszinierenden Namen Vittorio Magnago Lampugnani, da lieber mehrmals hinsehen. Für alle Spaziergänger und Stadtbetrachterinnen sei es empfohlen, es ist erhellend und faszinierend. Man sieht wieder etwas anders hin, wenn man nach der Lektüre durch die Straßen zieht, und das ist ja immer gut. Sicher ist das Buch auch gut zu Weihnachten als Präsent geeignet, jetzt ans Schenken denken. Wunderschöne Bildbeispiele aus der Vergangenheit sind darin, wunderschöne Bildbeispiele aus der Gegenwart muss man dann nach der Lektüre bitte selbst suchen. Haha, als ob man die finden würde. Lasst alle Hoffnung fahren. Ich habe mir gestern die neuen Treppen angesehen, die man hier am Hauptbahnhof an eine Brücke angeflanscht hat, um den überfüllten Bahnhof zu entlasten, sie sind hässlich wie die Nacht. Man möchte von Undesign sprechen, aber dann ist wieder jemand beleidigt. Es geht mir aber gar nicht um Kränkungen, nicht einmal um berechtigte, es geht mir nur um den Wunsch nach etwas mehr Schönheit im öffentlichen Raum. Ja, Schönheit. Das Wort ruhig mal ernst meinen und stehenlassen.

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Den hier dargestellten Zusammenhang zwischen moderner Literatur und Merchandising fand ich auch interessant.

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Ansonsten Home-Office, Einkaufen, Kochen, einen Sohn zu einem Termin gebracht, etwas Haushalt, kurz nachgesehen, ob die Alster noch da ist. Das war sie. Zack, Tag vorbei.

Nebenbei am Schreibtisch noch bemerkt: Der Zimtpegel in den Foodblogs steigt stark an, da kommt etwas auf uns zu.

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Noch ein Lied? Noch einmal John Prine:

„Summer’s end is around the bend just flying
The swimming suits are on the line just drying
I’ll meet you there per our conversation
I hope I didn’t ruin your whole vacation“

Das ist ein sehr guter Anfang, echtjetztmal.

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Was bleibt

Ich lese in der SZ, die ich nach Ewigkeiten mal wieder als Printausgabe zum Frühstück lese, in einem Artikel über unbekannte Wildtiere in Deutschland vom Waldrapp, von dem habe ich noch nie etwas gehört. Jetzt aber würde ich gerne mal einen sehen. Der Vogel hat ein besonderes Begrüßungsritual, ich zitiere die Wikipedia: „Nach der Landung werfen Männchen wie Weibchen den Kopf mit aufgestelltem Schopf in den Nacken und verbeugen sich dann unter lauten Chrup-Chrup-Rufen voreinander.“ Das mal im Büro nachspielen! Mach mir den Waldrapp! Ansonsten fällt mir auf, dass man sich in dieser Zeitung vehement über den Tonfall auf Twitter mokiert, aber dabei exakt in diesem Tonfall schreibt. Es könnte natürlich daran liegen, dass die Autorinnen beides vollschreiben, nicht wahr, die sozialen Medien und auch die gedruckten Zeitungen. So auch ich, fällt mir gerade ein. Alles als Raum für Notizen betrachten.

Ich harke zum ersten Mal wieder Laub im Garten, der Herbstsport, die lange Trainingsrunde beginnt. Unter dem großen Rechen verbluten die letzten und gerade erst gefallenen Kornelkirschen, unerwartet aufspritzendes Alarmrot im nassfrischen Grün des Rasens. Erst jetzt beim Schreiben fällt mir die entsprechende politische Assoziation zu den Farben ein. Ich habe es aber tatsächlich geschafft, im Moment des Erlebens daran vorbeizudenken, das ist mittlerweile auch schon eine erstaunliche Leistung, zumal da ganz in der Nähe auch noch appetitlich gelbgrüne Äpfel unter einem Baum lagen. Ich höre beim Harken etliche Playlists auf Spotify durch, es ist eine fast ideale Beschäftigung, um dabei etwas zu hören. Es ist sogar so dermaßen gut dafür geeignet, ich werde demnächst wohl nur zum Harken und Hören wieder in den Garten fahren und es auch in meine Bio übernehmen – meine Hobbys: Harken und Hören. Ich höre Sadcore und Slowcore. Ich finde die Begriffe gut und vielversprechend, ich habe sie allerdings gerade erst gelernt. Vermutlich habe ich wieder jahrelang nicht richtig aufgepasst und alle anderen kennen sie längst. So geht es mir bei der Musik immer, die trendsichere Coolness ist für mich quasi unerreichbar. Das fing schon damit an, dass ich eine Jugend ohne jeden Konzertbesuch hatte, von den wildbewegten Auftritten der Gruppe Torfrock beim Lübecker Altstadtfest einmal abgesehen. Wir hatten ja nichts.

Die Auswahl Slowcore/Sadcore erfordert allerdings geschicktes und vor allem schnelles Skippen, denn es ist elend viel Gewimmer in hohen Tonlagen dabei, das kann ich nicht gut ab. Ächzende oder nur noch heiser brummende alte Männer sind okay, der späte Cash etwa, der alte Cohen, der reife Waits, immer wieder gerne, aber jammernde junge Männer – nein. Geschmack ist eine seltsame Sache, es lässt sich nicht alles rational begründen. Egal, ich bin der Mann, der schneller skippt als sein Schatten und ich bin auch beim Musikhören Jäger und Sammler. Jedes Stück, dass ich auf eigene Listen abspeichere, ist ein kleiner Erfolg, ist Beute. Ich lande aber schließlich doch wieder bei Americana, siehe ganz unten. Americana und herbstliche Gartenarbeit, das passt sensationell harmonisch zusammen, finde ich.

Das Wetter neigt zu jähen Wechseln. Die Sonne kommt durch und wärmt sogar, ich werfe beim Harken alles von mir und schwitze wie im Juli. Im nächsten Moment wieder dichte, dunkelgraue Wolken und flott heranpfeifender, regennasser Wind, der mir übergriffig ans T-Shirt und an die Nieren geht. Ich flüchte in die Laube und finde dort beim aufräumenden Herumwühlen einen Gedichtband von Karl Krolow, den ich gerade erst in der Wohnung überall und lange gesucht habe. Fluchend stand ich in der letzten Woche vor den Regalen, ich wusste doch, dass ich das Buch besitze, nirgends war das verdammte Ding zu finden. In der Laube lag es neben dem Bett. „Ich höre mich sagen“, heißt der schmale Band. Mein Lieblingsgedicht von ihm ist darin, „Was bleibt“ heißt es. Das auch immer wieder im Herbst lesen, unbedingt sogar, es ist mir wichtig und geradezu heilig. Es kam hier im Blog schon einmal vor, das macht nichts:

Von allem nichts mehr, denn ich habe

genug und ich hatte zuviel.

Ich hatte Gedächtnis. Ich grabe

Darin halb wie im Spiel

 

Noch einmal vergeblich, vergesse,

wie alles eigentlich war

und ein bloßer Schein nur, ich messe

die Zeit nicht mehr, Jahr um Jahr.

 

Ich lasse mir Zeit jetzt und lasse

Den Tag mit dem Tage vergehen.

Von allem bleibt nichts und ich fasse

In Luft nur und nenn‘ es Geschehen.

***

Falls Sie übrigens zu den freiberuflich Schreibenden gehören, es gibt bei der VG Wort noch Stipendien, im Rahmen des Programms Neustart Kultur. Das klingt alles sehr gut, da ruhig mal bewerben! Für mich kommt das leider nicht in Frage, ich bin ja ein heikles Mischwesen als Angestellter, Freiberufler und Selbständiger. Ich bin zwischen allen Stühlen und passe weder in ein staatliches Formular noch in eine Bewerbung auf egal was. So etwas wie mich kann es eigentlich gar nicht geben.

***

Noch etwas für den Freundeskreis trauriges Liedgut. Ich will da im Oktober und November möglichst oft etwas nachlegen, weil auch das zur Saison passt. Und weil ich es kann. Immer wieder diese aufblitzenden Momente der Freude beim Bloggen, Sie kennen das vielleicht, wenn Sie es auch einmal gemacht haben oder sogar immer noch betreiben: Ich kann hier machen, was ich will. Wie toll das ist. Und Sie lesen das! Das ist dann noch toller.

Heute John Prine, der hat schöne Stücke geschrieben.

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Freitag – Was jetzt in Sicht kommt

Auch mal notieren, wie sich das Älterwerden im Alltag manifestiert, in Kleinigkeiten und Trivialitäten nämlich. Ich war bei einer Ärztin und wurde im Gespräch dort ganz nebenbei und in einem sicher hundertfach aufgeführten Routinedialog gefragt, ob ich denn schon über sechzig Jahre alt sei. Dann ihr kurzer, prüfender Blick auf den Computer, ach nein, ein paar Jahre hat er ja noch, okay. Eine kleine Änderung am Horizont war das. Noch nie vorher habe ich dieses Alter in Bezug auf mich gehört, jetzt ist die Zahl auf einmal zu sehen. Wie bei einer Fahrt über die Nordsee, wenn man weiß, wo Helgoland ist, dann sieht man es auch irgendwann, da hinten, da hinten, rufend an der Reling, ein Finger weist dorthin, dann kommt es bald näher und wird größer.

Meinem auf einmal weit fortgeschrittenen Alter entsprechend schäle ich abends am Küchentisch sitzend Kartoffeln aus dem Schrebergarten für die Gulaschsuppe, eine geruhsame Beschäftigung. Schwarze Erde bröselt von den Schalen und es steigt ein Duft auf, den die Kartoffeln aus dem Supermarkt nie haben. Der große Kartoffeleimer steht normalerweise in der Abstellkammer, in der ich gelegentlich auch arbeite. Wenn ich jetzt dort sitze und schreibe, riecht es dabei dezent nach Herbst und Essen, das ist schön. Diese Kartoffeln reichen schon eine Weile und gewiss noch für weitere zwei, drei Wochen, eine ergiebigere Ernte hatten wir noch nie. Die Kürbisse wurden sämtlich bereits versuppt oder gestampft. Einige Äpfel wird es noch geben, klein, aber gut, Jonagold und andere Sorten. Die Birnen fielen in diesem Sommer aus, die Pflaumen haben wir direkt vom Baum gegessen, alle zwölf. Die zahlreichen Himbeeren gab es sämtlich gleich von den Ranken, und immer gleich nach der Ankunft im Garten. Einige Zwiebeln gibt es auch noch, die vergesse ich schnell, sie sind so selbstverständlich. Im Kühlschrank steht die Kirschmarmelade, die bleibt uns am längsten, bis über Weihnachten sicherlich, vielleicht sogar bis ins nächste Jahr. So kommt auch das in Sicht.

Saisonende. Demnächst Laub harken und allmählich schon Zeug aus der Laube holen, alles wieder einkellern. Das Trampolin auch abbauen, damit es in den Herbststürmen nicht stiften geht, wie es mehrere seiner Art in der Kolonie tatsächlich schon getan haben, randalierend über die Wege und Hecken, durch die Beete und Büsche. Das Wasser müssen wir vor dem ersten Frost abstellen, da mal den Wetterbericht im Auge behalten. Oktoberrituale.

Die Söhne haben den letzten Schultag und fallen am Nachmittag erschöpft in die Herbstferien wie Hallensportler in die großen Matten. Das würde ich auch gerne, mich so hinsinken lassen, aber die Herzdame und ich haben keinen Urlaub mehr übrig, oder doch nur zwei, drei Tage. Die füllen sich von selbst mit Terminen, kaum passt man mal eine Stunde nicht auf.

Immerhin aber habe ich es geschafft, an diesem Wochenende ziemlich ernsthaft frei zu haben, nur kleine Korrekturen an nahezu fertigen Texten fallen noch an, die mache ich gerne. Es sind die kleinen Erfolge, daran mal schön festhalten.

Ich höre bei der Hausarbeit und beim Kochen weiter Roger Willemsens „Die Enden der Welt“. Reiseberichte, die in mir kein Fernweh auslösen, ich bin dafür allerdings auch überhaupt nicht anfällig. Reisen ist nicht so meins. Ich bin gerne, wo ich bin, ich bin gerne hier auf dem Sofa. Aber ich mag weiterhin, wie der Herr Willemsen beobachtet, was ihm alles auffällt und wie er es beschreibt, das mag ich auch ausreichend oft, und ich versuche, etwas zu lernen. Ich denke wieder daran, wie er einmal beim Bäcker hier um die Ecke vor mir in der Schlange stand und dann ein Schwarzbrot gekauft hat, wie er die Auslage mit den Broten und Kuchen so angesehen hat, wie er vielleicht alles angesehen hat, freundlich interessiert.

Ich lese abends in den Dublinern von James Joyce, die mich trotz des gewaltigen Sekundärliteraturdrucks nicht recht beeindrucken. Ich lese eine Geschichte, ich lese noch eine Geschichte, ich lese dann etwas über die Geschichten nach, dann noch etwas, ich denke: „Na, meinetwegen. Es wird schon stimmen.“ Es wird selbstverständlich an meiner mangelnden Bildung oder schlicht und wie fast immer an einer falschen Phase liegen, aber es ist auch vollkommen egal. Das Gutfinden von Literatur ist nach wie vor eine freiwillige Leistung, glaube ich. Als ich damals ungefähr im Alter der Söhne war, waren Joyce und Kafka noch die Posterboys der damaligen Intellektuellenszene, fällt mir ein. Postkarten und Bilder mit Portraits und Zitaten von ihnen in WG-Küchen und Lehrerwohnzimmern, keinen Literaturkalender gab es ohne ein Blatt für sie, und sie nahmen auch noch erstaunlich viel Platz in den Feuilletons ein. Virginia Woolf als weibliches Pendant. Ich weiß gar nicht, wer heute diese Geltung hat, wenn überhaupt jemand. Gibt es bei Ikea wohl Schriftstellerinnenposter? Damals gab es diese Bilder bei Karstadt in Lübeck. Hermann Hesse war auch dabei, das war dann die etwas weniger intellektuelle Variante, die Zitate darauf mit einem Zug ins Liebliche.

Ich lese zum Einschlafen in den Gedichten der Kaléko und freue mich über jedes. Ein Lieblingsbuch. Was für ein überaus erfreuliches Gesamtwerk, und wie schön, dass es hier liegt.

Es gibt Neues von Bedouine.

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Heute Nacht die Grenze

Die Tage zerrinnen wie Wasser, eher uninteressant, schnell und unaufhaltbar. In der nächsten Woche, so sagen die Söhne, beginnen hier schon die Ferien, wie ist das nun wieder möglich? Man weiß es nicht. Herbstferien. Danach gleich die Weihnachtsferien, so ist es ja immer. Man tunnelt sich so durch.

Das defizitäre Gefühl bleibt, der Coronakraftrückstand. Vielleicht lässt sich der auch gar nicht mehr beheben, vielleicht gehört das alles jetzt so? Das ist am Ende auch eine Möglichkeit. Wenigstens wird es draußen zusehends kalt und ungemütlich, das ist mir recht. Die meteorologische Sofalizenz, ab Oktober erlaube ich mir auch Lebkuchen dabei. Im September kaufen nur durchgeknallte Irre so etwas, ab Oktober ist das aber vollkommen okay, heute Nacht also die Grenze. Der Mensch braucht Regeln, und seien es selbstgemachte. Lebkuchen und Sofa, ich habe viele, natürlich zu viele Bücher bereitgelegt, ich bin vorbereitet. Meinetwegen kann es wochenlang regnen. Heute ist es immerhin schon kühl und windig, ein Nordseetief rüttelt im Vorbeiflug an den Dachfenstern. Ein Geräusch, das beim Lesen so dermaßen gut ist, keine Chill-Playlist kann je dagegen ankommen.

Ich gehe abends in die Stadt, ich suche Bilder und Szenen für einen Text. Ich lungere herum, ich strolche durch die Gegend, ich warte auf irgendetwas, ich gucke allen und allem zu, Jäger und Sammler. Ich lehne mich an eine Hauswand und schreibe etwas in mein Notizbuch. In dem Haus ist ein Schreibwarengeschäft, das finde ich passend. Auf der anderen Seite des Schaufensters steht ein anderer Mann, der hat auch ein Notizbuch in der Hand, der schreibt auch etwas hinein. Er bemerkt mich im gleichen Moment wie ich ihn, wir lachen, wir grüßen, dann stecken wir die Notizbücher weg und gehen in verschiedene Richtungen weiter. Er sitzt jetzt vielleicht auch irgendwo und schreibt ähnliche Sätze, wer weiß – und warum auch nicht. Alle Fragen, die mit „Bin ich eigentlich der Einzige, der …“ beginnen, können grundsätzlich verneint werden. Das habe ich einmal als Lebensweisheit gelernt, und ich fand sie viel nützlicher als viele andere Erkenntnisse. Ich finde es immer noch. Der Satz stimmt, und er kann tröstlich sein.

Ich sehe im Weitergehen in einen geschlossenen Frisiersalon, ich sehe mir heute alles genau an. Die Spiegel vor den Stühlen spiegeln sich gegenseitig und mich vielfach, ich komme da sechs- oder achtmal vor, im Halbdunkel des Salons. Bin ich eigentlich der Einzige, der sich hier spiegelt, könnte ich mein Spiegelbild fragen. Aber welches.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für die überaus freundliche Zusendung einer antiquarischen Ausgabe der Erzählungen von Stig Dagerman: „Die Kälte der Mittsommernacht“. Eine DDR-Ausgabe, Volk und Welt. Übersetzungen von Gisela Kosubek, Ilse Meyer-Lüne, Klaus Möllmann, Ilse Pergament. Ein gebundenes Buch mit bemerkenswert gut erhaltenem Schutzumschlag, dazu ein zweiseitiger und auch noch handschriftlicher Brief der Schenkenden, es ist alles ganz vortrefflich. Herzlichen Dank!

Vorderseite

Wiederum ein frisches Bild, nur eine Stunde ist es alt. Wir befinden uns im unteren Bereich des abendlichen Hauptbahnhofs, in einer schmucklosen Halle zwischen U-Bahnabgängen und Aufgängen zu den S-Bahnen. Ein geschlossener Bäcker, Gitter vor den Fenstern. Ein kaputtes Telefon mit magentafarbenem Hörer, ein verlassenes Büro des Sicherheitspersonals. Fahrkartenautomaten, auch einer für Süßigkeiten. Ein paar bunte Poster, auf denen wieder für Theater und Kino geworben wird, auch für Museen. Es ist leer hier, nur wenige Menschen kreuzen die Halle, kleine Grüppchen. Einer kommt aus einem Passbildautomaten, gerade schlägt er den schwarzen Plastikvorhang zurück. Ein Mann, nicht ohne Eigenschaften, das sicher nicht, aber doch ohne auffällige Merkmale. Besondere Kennzeichen keine. Mittelalt. Sein Aussehen ist keiner Herkunft zuzuordnen, die Kleidung weist ihn keiner Szene oder Schicht zu, seine Frisur hat jeder. Mittelgroß, nicht dick, nicht dünn. Wir können es als Vorteil sehen, sich auf solche Art einer näheren Beschreibung zu entziehen, besondere Kennzeichen können enorm störend sein. An diesem Mann stört gar nichts, soweit ich sehe. Jetzt nimmt er die Bilder aus dem Ausgabeschacht. Er sieht sie genau an, mehrmals geht sein Blick zwischen den verschiedenen Bildern hin und her – und dann schüttelt er langsam den Kopf, wobei er auf einmal unendlich traurig aussieht, geradezu verzweifelt. Dann lehnt er sich an den Automaten.

Weiter nichts. Nur wie er dort am Automaten steht und sich auf diesen Bildern ansieht, mit einem derart sorgenvollen Gesicht, das man weiß, es ist ernst und schlimm. Mehr erfahren wir nicht. Vielleicht ist es ein Absatz auf der siebten Seite einer Erzählung, was wir da gerade sehen, aber es ist nicht aus dem Buch, das wir gerade lesen, nicht wahr. Es ist eine fremde Geschichte. Dauernd geht man durch fremde Geschichten.

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