Rauhnächte

Drüben bei der GLS Bank habe ich etwas zum Thema Fortschritt geschrieben und gesammelt.

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Ich bitte um freundliche Beachtung, dass Frau Novemberregen unter meinem letzten Artikel in Gastbeitragslänge bezüglich Onlinehandel kommentiert hat. Nachvollziehbare Gedanken sind das, ich muss natürlich ergänzen, dass ich tatsächlich fast alles ohne Auto besser und sogar schneller hinbekomme als mit, das ist so ein special effect, wenn man in der Stadtmitte wohnt. Dass der Offlinehandel einen nicht spontan in gute Laune versetzt, das sehe ich auch so, das von ihr verwendete Beispiel mit dem Schneebesen würde ich mir sogar recht ähnlich vorstellen. Aber wenn ich überhaupt noch in der Lage sein möchte, einen Schneebesen in der Stadt zu kaufen, dann muss ich es wohl auch tun, ich glaube, das gehört so banal zusammen. Städte ohne Läden erscheinen mir zwar vorstellbar, aber nicht unbedingt erstrebenswert, was natürlich nur daran liegt, dass ich da altmodisch bin, schon klar. Aber hey, ich bin aus dem letzten Jahrhundert, ich darf das.

Es gibt in meiner Nähe z.B. schon lange keinen akzeptablen Schreibwarenladen mehr, die haben sich alle in Luft aufgelöst. An diesem Beispiel kann ich also sehen, wie es ohne Laden ist – und es ist nicht gut, es ist überhaupt nicht gut. Ich nehme zwar nicht an, dass wir das irgendwie zurückdrehen können, aber die anderen Läden, die es noch gibt, die können da gerne erst einmal bleiben.

Das Thema Versandhandel ist zweifellos sehr kompliziert, siehe auch die Probleme mit den Rücksendungen. Ach, und siehe auch hier.

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Im Vorbeigehen gehört: “Was die auf Rügen verdienen, da kommen wir niemals ran.”

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Ich habe das mit den Rauhnächten nachgelesen, weil ich das Wort schön finde und bis vor zwei, drei Jahren nicht einmal kannte, es gab oder gibt hier nämlich kein mir bekanntes Brauchtum zum Thema. Also wenn man vom obligatorischen Bleigießen zu Silvester absieht, das wohl auch diesen Bräuchen entstammt – aber da das niemand weiß, nützt die Erkenntnis ja eher gar nichts. Rauhnächte also, die Nächte zwischen Weihnachten und dem 6. Januar, wobei die Zählung regional abweicht, aber das können Sie ja alles selbst nachlesen, das ist schon interessant. Kurz gesagt, es ist eine Zeit für Fantasy-Romane, die Tore zwischen den Welten sind offen, zwischen den Zeiten vielleicht auch, es ist jedenfalls im kleinen Grenzverkehr zwischen den Dimensionen mehr möglich als sonst und gut ist das nicht unbedingt, das kennt man aus Filmen. Nach altem Brauch hängen zu dieser Zeit, ein nettes Detail, keine Wäscheleinen draußen, damit sich die wilde Jagd der Dämonen nicht darin verfängt. Wobei man sich fragt, welcher Dämon von Stand und Ehre denn bloß an einer banalen Wäscheleine scheitern kann, aber egal. Was die wilde Jagd wohl heute zu den zahllosen Windrädern in der Landschaft sagt? Kommen die Dämonen nicht sowieso nur noch scheibchenweise geschreddert bei uns an?

Ich habe gestern aus anderen Gründen noch lange wachgelegen, es war für meine Verhältnisse spät, es war sogar, wie ich nach einem Blick aufs Handy feststellte, gerade Geisterstunde, also die klassische Variante davon, wobei man auch nicht darüber nachdenken darf, wie es sich bei der guten alten Geisterstunde eigentlich mit der Zeitverschiebung verhält. Spukt es nun zur Sommerzeitgeisterstunde oder zur anderen, werden Geister überhaupt rechtzeitig umgestellt und von wem? Ich hörte gespannt in die Rauhnacht, immerhin habe ich gerade gruselige Geschichten von Ambrose Bierce gehört, ich war sozusagen bestens vorbereitet. Ich vernahm aber zuerst nur den üblichen Verkehr an der Alster entlang, ferne Motoren, dazu ein ganz schwaches Windgeräusch am Fenster, nichts also, was einen schaudernd erzittern lassen würde, nur eine ganz normale Luftbewegung, wie es sie in Hamburg fast immer gibt, denn das gehört hier nun einmal so, mit freundlichen Grüßen von der Nordsee.

Aber dann! Nachdem ich eine Weile immer angestrengter in die Dunkelheit gelauscht hatte – rollkofferte die wilde Jagd tatsächlich lärmend an unserem Haus vorbei, auf dem Weg vom Hotel zu einem sehr späten Zug vermutlich. Die Dämonen von heute reisen also modern, Sie kennen das viellecht von Geschäftsreisen.

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Ich habe es wieder aufgegeben, beim Gehen Musik oder Texte zu hören, auf Dauer bewährt sich das für mich nicht. Wenn ich auf die Umgebung achte, dann verstehe ich den Text nicht, wenn ich auf den Text achte, höre ich nicht, was die Leute um mich herum sagen, das fühlt sich insgesamt nicht gut an. Der Entschluss passt zwar glänzend zum aktuellen Hörbuch von Kagge (Gehen – Weitergehen), hat aber gar nichts mit ihm zu tun, das ist Zufall, ab und zu kann man ja auch mal selbst einen schlauen Gedanken haben, ganz ohne Vorsagen, sogar ich kann das.

Dummerweise habe ich mich aber gerade an Hörbücher gewöhnt, ich muss jetzt also eine andere Gelegenheit finden, mich ihnen zu widmen. Deswegen haben wir jetzt eine sehr saubere Wohnung, denn die intensivierte Hausarbeit scheint mir die einzige Chance zu sein, die keine Nachteile hat. Beim Putzen des Badezimmers gibt es nichts, auf das ich sonst noch achten müsste, dabei kann ich ruhig gute Texte hören, das klappt. Das wird hier jetzt also eine außerordentlich vorzeigbare Wohnung und die Herzdame ist mit dieser Entwicklung auch ganz zufrieden, wie ist es wieder schön.

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Musik! Ich habe ja eine Schwäche für letzte Auftritte, letzte Stücke, letzte Gelegenheiten und dergleichen.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Anagata

Kiki macht halblang. Kann man gut nachmachen. Mir gehen ohnehin, ganz unabhängig von den sattsam bekannten Amazonbegleiterscheinungen, die Probleme, die an dem ganzen Lieferwahnsinn hängen, auf die Nerven. Also etwa die vielen, vielen Lieferautos, die in unserem kleinen Bahnhofsviertel überall im Weg stehen, im Halteverbot, auf den Radwegen, auf den Fußwegen, im fließenden Verkehr, überall. Und die nichtankommenden oder irrlichternden Pakete nerven auch, das zeitraubende Hinterherrätseln, was jetzt gerade wo sein mag, der unendliche Spaß mit der Sendungsverfolgung, die Umstände mit den Retouren und all das, ich finde es immer bescheuerter. Mir graut außerdem vor der Arbeitswelt, die hinter dem Versandhandel steht, ich möchte dazu möglichst wenig beitragen.

Zumal ich als Blogger natürlich auch ganz banal festellen muss – gehste in einen Laden, haste eventuell eine Story. Klickste auf “Bestellen”, haste garantiert keine.

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Die Bücherei als kultureller Treffpunkt in Dänemark. Bei uns gibt es Pläne, so las ich neulich, die Hamburger Zentralbücherei, die bei uns um die Ecke zu finden ist, künftig im Winterhalbjahr auch am Sonntag zu öffnen. Immerhin. Ich stelle mir das sehr romantisch vor, da im nächsten November an einem dunkelgrauen Sonntag hinzugehen, das Notebook unterm Arm, dort dann ein wenig durch die Gänge zu strolchen, hier und da in ein Buch zu blättern und schließlich in Ruhe zu schreiben, um mich herum dabei lauter lesende und lernende Menschen, im Hintergrund sanfte Umblättergeräusche, wie motivierend wird das denn sein? Vermutlich gar nicht, weil es so nicht stattfinden wird, denn der Laden wird voll wie sonst was sein und vor schwatzhaftem Leben nur so wimmeln. Schlimm.

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Ich habe sehr gelacht, als ein Journalist auf Twitter eine der dort häufigen privaten Anekdötchen von irgendwem mit Verweis auf den aktuellen Spiegelskandal angezweifelt hat. Eine amüsante Entwicklung, wenn jetzt alles hinterfragt wird, wenn gar nichts mehr für bare Münze genommen wird und auf jeden Scherz mit erhobenem Zeigefinger reagiert wird. Unter jedem zitierten Witz-Dialog steht neuerdings: “Gut ausgedacht”, unter jedem Humorbruchstück postet irgendwer: “Wenn das mal wirklich so war”, wir wollen jetzt also nichts als die reine Wahrheit, die ganze Wahrheit, wir wissen nur dummerweise nicht, was das ist und beißen daher erst einmal alles weg, was auch nur ansatzweise verdächtig sein könnte, wie übereifrige Wachhunde, die schon bei raschelndem Laub durchdrehen.

Aber egal. Mir geht es wie vielen schreibenden Menschen zur Zeit, ich finde es irgendwie charmant, wenn plötzlich alle über das Schreiben, die Darstellungsmöglichkeiten, die Wahrheit und die Intention nachdenken. I feel you.

Siehe übrigens nebenbei auch hier noch einmal, einige Gründe gegen Geschichten (wir hatten das schon einmal), das Thema bleibt abgründig und faszinierend.

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Passend zum letzten Link beim Spaziergang Geschichten der altmodischen Art gehört, “Die Totenwache” und “Ein psychologischer Schiffbruch” von Ambrose Bierce, gelesen von Andreas Fröhlich. Die dazu passenden Bücher von Ambrose Bierce, die ich noch aus meiner Antiquariatszeit besitze, habe ich seit langer Zeit nicht mehr in der Hand gehabt, aber sie werden sicher im Regal bleiben dürfen, schon wegen der Tonfallschönheit.

Außerdem habe ich den Anfang von Erling Kagges “Gehen. Weitergehen – Eine Anleitung” gehört (gelesen von Wolfram Koch). Da kommt das schöne Wort Anagata vor, ein Sanskritwort. Wenn ich es richtig gehört habe, ist es die Verneinung von Gata, was wohl Gehen oder gegangen heißt, und meint Zukünftiges im Sinne von “wohin wir noch nicht gegangen sind”. Anagata, kennen Sie das, wenn man sich spontan und heftig in ein Wort verliebt? Ich habe jetzt das dringende Bedürfnis, irgendwas Anagata zu nennen, ein Schiff oder so etwas, “er ging an Bord der Anagata”. Wobei ich mit einem Schiff gar nichts anfangen kann. Ein Schiff ist leider auch wahnsinnig teuer und ohnehin geht es gar nicht, es fährt, das passt also überhaupt nicht, das kann weg. Ich könnte natürlich auch eine Band gründen und sie Anagata nennen. Das klingt dann allerdings irgendwie dumpfrockig, das will ich auch wieder nicht. Außerdem müsste ich dafür erst ein Instrument lernen, das macht alles nichts als Umstände.

Ich muss nachdenken! Bis dahin benenne ich erst einmal diesen Blogeintrag mit dem Wort. Keep it simple und so.

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Musik!

Billy Joel. Und gewissermaßen auch Bob Dylan.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Es gab ein technisches Problem mit dem wie immer folgenden Paypal-Link, das sollte aber jetzt behoben sein und wieder einwandfrei funktionieren. Sie können also hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen, herzlichen Dank!

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Als ich der Chef von Jesus war

Das ist keine Einleitung zu einer blasphemischen Schmähung der Feiertage, nein, das liegt mir natürlich völlig fern, das ist nur der Anfang einer kurzen Erinnerungssequenz, die mir heute im Auto einfiel, als im Radio Weihnachtslieder kamen und dabei irgendwas mit Jesus gesungen wurde. Vor vielen Jahren nämlich, oder sagen wir ruhig vor mehreren Jahrzehnten, denn das trifft so zu, war ich eine Weile der Chef eines Mannes, der wiederum der Chef von anderen Männern war. Dieser Mann war Spanier, weswegen die Männer, die für ihn arbeiteten, auch Spanier waren, das ergab sich irgendwie so und das war auch recht naheliegend. Menschlich war das absolut nachvollziehbar, für die Firma war es aber irgendwann nicht mehr ganz einfach, denn diese Abteilung wurde dadurch zeitweise komplett spanischsprachig und man verstand nicht mehr recht, was da eigentlich vorging. Es gab dadurch also Diskussionen, es gab Überlegungen, man wurde sich nicht recht einig, was da zu tun war – und dann kam Jesus. Den muss man selbstverständlich auch spanisch aussprechen, dann klingt es auch gleich wie ein ganz normaler Vorname, so hieß der eben, das war nicht ungewöhnlich. Jesus war eine Aushilfe, er kam häufig, es war nur leider nicht recht ersichtlich, warum er kam, man sah ihn eher selten arbeiten. Und Jesus war dann also der eine Mann zu viel, als er da war, mussten wir etwas ändern, das war allen klar, das konnte mit der Truppe da so nicht mehr weitergehen. Aber bevor wir etwas ändern konnten, gab es aus irgendeinem Anlass noch eine Firmenfeier, auf der wir dann merkten, dass die spanischen Aushilfen kein zufällig zusammengewürfelter Haufen waren, das war eine Band. Oder sie waren zumindest als Spontanband ein Wunder der Abstimmung, das war nicht ganz klar, was da wirklich passierte, es gab, wie gesagt, gewisse Sprachbarrieren. Sie spielten jedenfalls, ich erinnere das eher dunkel, Musik in Richtung Flamenco, ich würde es allerdings nicht mehr beschwören, was es genau war. Jesus sang, auch das ist eine eher schwache Erinnerung, ganz deutlich aber weiß ich noch, dass diese Truppe da überraschend gut war. Es war ein Effekt wie in einem Musical, wenn Menschen, die scheinbar in einem ganz anderen Kontext stehen, plötzlich in der Musik zusammenfinden und dann auch noch brillieren. Der Rest der Belegschaft stand staunend davor, wir hatten ja keine Ahnung.

Mit Jesus, das wollte ich nur erzählen, mit Jesus konnte ich nie etwas anfangen – aber die Musik war gut. Das fiel mir heute im Auto ein und ich finde, den Satz kann man ruhig verwenden, wenn man als nichtreligiöser Mensch mal wieder ein Weihnachtslied gut findet.

Und damit sinken wir hier in eine kleine Weihnachtspause, machen Sie es gut, haben Sie es sehr schön, seien Sie nett zu den Kindern und zu anderen Menschen. Ich wünsche Ihnen schöne Weihnachten, ob nun mit oder ohne Religion, bitte sehr, es ist ein freies Land (Stand Dezember 2018).

Und hier noch eine herausragende Albernheit aus den Tiefen von Youtube, ich kann ja nicht einfach ohne Musik in die Pause gehen.


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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Im heißen Schmalz der Ironie

Über Lokaljournalismus (darin weitere lesenswerte Texte verlinkt)

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In der großen Arztpraxis mit den vielen Behandlungsräumen sitze ich und warte. Aus einem Raum kommt eine ältere Dame, geht zu ihrem Mann, der zeitschriftenlesend im Wartezimmer sitzt, und sagt: “Das war eine Muslimin”, wobei sie auf die Tür zeigt, aus der sie gerade gekommen ist. Und sie sagt es so, als würde das in einer Arztpraxis irgendetwas erklären oder verändern, wie eine Variante von “Das war der Chefarzt.” Der Mann sieht vom Focus hoch (klingt übertrieben, ne? Es war aber der Focus, was soll ich machen. Sagen, was ist!) und sagt nur “Aha!”, aber er sagt es in einer Schärfe, als würde er jetzt alles verstehen und einordnen können, als würde er die ganze Praxis jetzt anders sehen und sich der Wahrheit nähern, so ein “Aha!” war das, einen Tick zu laut und von oben herab, aber sehr kenntnisreich. Ein furchtbares Aha.

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Um aus der Jahresendzeitstimmung zwanglos eine fundamentale Endzeitstimmug zu basteln, bitte hier einfach den letzten Absatz beachten.

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Ich: “Jungs, wir gehen aus, lasst die Finger von den Kerzen und ruft uns an, wenn was ist. Was macht ihr, wenn’s brennt?”

Sohn I: “Dann googeln wir die Feuerwehr.”

Nun gut. Vielleicht haben wir das mit den digitalen Aspekten in der Erziehung doch etwas übertrieben. Oder das Kind hat tatsächlich Humor, das kann natürlich auch sein. Aber wo sollte es den herhaben, bei zwei so ernsthaften Eltern? Jeden Tag stößt man auf neue Fragen.

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Wir waren auf dem Hamburger Weihnachtskonzert von Erdmöbel, wozu ich mal einen bemerkenswerten Satz zitieren möchte: “Erdmöbel wollen dem Fest der Liebe die Melancholie nehmen, den Schrecken. Dazu wenden sie ihre feinsinnigen Alltagsbeobachtungen und Ansichten im heißen Schmalz der Ironie oder braten die Melodien in Polka-Rhythmen knusprig.

Ein Satz, bei dem man Hunger bekommen kann, nicht wahr. Aber wenn Sie im nächsten Jahr ein Erdmöbelweihnachtskonzert in greifbarer Nähe haben, dann gehen Sie da ruhig hin, das ist eine feine Tradition. Wenn nach dem letzten Stück das Publikum alleine weiter singt, immer weiter und weiter, bis die Band endlich noch einmal auf die Bühne kommt, dann ist das eine sehr verbindende Angelegenheit. Und das massenhafte und minutenlange Absingen der deutschen Erdmöbelversion von “Last Christmas” ist geradezu therapeutisch wirksam, möchte ich meinen.

Erinnern Sie sich an Alice im Wunderland, an die Folgen der Pilzproben, wie sie da ganz schnell größer und kleiner wurde? Die Herzdame hat das jetzt mit ihrem Alter gemacht, in dem sie an einem Abend im Golden Pudel Club war und gleich am nächsten im Knust bei Erdmöbel. Erst war sie dabei im Vergleich mit dem sonstigen Publikum ganz alt, geradezu gesetzt, dann am nächsten Tag wieder ganz jung, geradezu flippig. So schnell kann es gehen, und man findet seine Mitte also auch einfach durch geschicktes Ausgehen, man muss nur darauf kommen.

Im Vorprogramm bei Erdmöbel sang Hanna Fearns, die findet man auch auf Spotify, kann man ruhig mal reinhören, besonders abends. Sie klingt ein wenig wie eine jüngere Schwester von Mary Coughlan, und das ist absolut als Kompliment gemeint

Hier noch der Erdmöbel-Favorit von Sohn II, der jetzt auch Noten dafür hat – mal sehen, was daraus wird. Im nächsten Jahr kommt er auf jeden Fall mit zum Konzert.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sorry …

… dass mein Vater heute nicht bloggen kann, der Tag war sehr stressig. Alles ging schief und jetzt muss er mir vorlesen (Die rote Zora und ihre Bande von Kurt Held). Warum muss mein Vater mir jetzt noch vorlesen? Weil es wichtig und genau richtig für eine gute Stimmung ist. Die gute Stimmung stellt Frieden her und der Frieden ist wichtig für die Weihnachtszeit 🙂

Und ich wünsche allen Leser/innen auch eine gute Weihnachtszeit!

(Kleiner Tipp:Lest euren Kindern mal wieder was vor)

LG Jojo

 

Ein Mitmachzweig

Besondere Waffen.

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Framing in klimatisch schwierigen Zeiten.

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Für die GLS Bank habe ich etwas über Schweden geschrieben und gesammelt.

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An der Bushaltestelle bewirbt ein bundesweit erscheinendes Boulevardblatt vulgärster Ausprägung in Kooperation mit einer Juwelierkette ernsthaft den Verkauf von Volksdiamanten. Volksdiamanten! Für alle, die schon einen Volksempfänger und einen Volkswagen haben vermutlich, das Ding kostet 699 Euro, was man dann wohl als volksnahen Preis verstehen muss. Wie man aber sicherstellen will, dass diese Diamanten nur an das richtige Volk verkauft werden, das war dem Plakat nicht zu entnehmen. Na, egal – nächstes Jahr dann der Reichsrubin, da geht sicher noch was.

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Wir essen in einem vietnamesischen Restaurant. Dem aktuellen Gastrotrend folgend eröffnen hier alle paar Wochen neue vietnamesische Restaurants, wenn man die momentane Quote weiter hochrechnet, gibt es bald in jedem Haus des Viertels ein vietnamesisches Restaurant, wenn da nicht noch eine andere Mode hineingrätscht. Für Menschen mit Unsicherheiten im Smalltalk ist das natürlich gut, man kann jetzt einfach immer vietnamesische Restaurants vergleichen, da kann jeder mitmachen, da hat jeder eine Meinung, das ist wie mit dem Wetter, nur mal was anderes. Und wart ihr schon in dem? Und in dem? Wie ist da der Mittagstisch? Das funktioniert verlässlich und einwandfrei.

An der Glasfront des Restaurants jedenfalls hängt ein Tannenzweig, der wurde mit zwei Saugnäpfen eher unschön an die Scheibe gepappt. Es ist auch kein sehr attraktiver oder großer Zweig, es ist eher so einer, der bei irgendeinem Adventskranzbastelevent auf den Boden gefallen und später weggefegt worden ist, nicht einmal die Schnittstelle sieht anständig aus, ausgefranst und schief, vielleicht wurde er auch einfach irgendwo abgerissen. Der Zweig hängt etwa in der Mitte der Fenster und er ist da sehr alleine, auf ihm lastet der ganze Druck, dort Weihnachten darstellen zu müssen. Das ist ein Druck, dem er so vereinzelt nicht gewachsen ist, genau genommen erfüllt er jeden denkbaren dekorativen Anspruch für dieses Restaurant so eindeutig überhaupt nicht, es muss eigentlich eher um etwas Symbolisches gehen. Dieser eine Zweig, der wirklich verzweifelt deplatziert und verloren aussieht, er nimmt vermutlich etwas schüchtern Bezug auf all die anderen mehr oder weniger prächtig dekorierten Fenster der Straße, mit diesem einen Zweig sagen die Menschen, die das Restaurant führen: “Hier auch.” Oder vielleicht: “Wir auch.” Dann ist es ein sozusagen integrativer Tannenzweig, ein seltsam rührendes Dekoding, ein etwas unsicher wirkender Mitmachzweig.

Oder es ist ganz anders. Die Chefin des Ladens hat ihren Sohn gebeten, das Restaurant weihnachtlich zu dekorieren und der Sohn, lange schon genervt von den ewigen Anweisungen der Eltern, hat sich drüben beim Blumenladen schnell einen Zweig geholt und den höchst unwillig ans Fenster geknallt, da, zack, habt ihr eure Deko, fertig. Um dann erst einmal in wüster Wut vor der Tür eine zu rauchen. Der Zweig blieb da hängen, ein gezischtes “Darüber sprechen wir noch” hängt aber ebenfalls noch im Raum.

Oder es ist ganz anders. Ein Stammgast hat da beim Essen aus Spaß einen Zweig hingeklebt und fröhlich verkündet: “Guckense mal, jetzt hamse endlich auch Weihnachten hier. Hübsch, ne? Und bringense mir noch sone Mangoschorle?” Und dann hat das Personal den seltsamen Zweig lieber nicht mehr abgenommen und wartet damit jetzt, bis alle in der Straße die Weihnachtsdekoration komplett entfernen, denn sie wissen nicht recht, wie ernst es den Deutschen mit ihrer Deko ist, das Fest ist ja doch irgendwie wichtig, lieber mal abwarten.

Wie auch immer. Es ist nur ein einzelner, kleiner, etwas vermurkelter Zweig. Er muss einem sofort auffallen.

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Ansonsten möchte ich allen Verkäuferinnen und Verkäufern, die bei ihrer Arbeit zur Zeit lustige Wichtelmützen, alberne Rentiergeweihe und sonstiges Zubehör der eindeutig entwürdigenden Art tragen müssen, mein ausdrückliches Mitgefühl aussprechen.

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Musik! Weihnachten ohne zählt ja nicht.

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Szenen und Geschichten

Ich kann über das Tool Nuzzel sehen, welche Links in meinen Timelines am häufigsten geteilt werden. Im Moment dreht sich alles um den seltsamen Fälschungsfall beim Spiegel und nicht wenige haben angemerkt, dass der Tonfall, in dem im Spiegel über diese Fälschungen berichtet wird, mit ziemlicher Sicherheit Teil des Problems ist, mit Pathos gegen Pathos, also bitte. Wenn man ab und zu über das Schreiben und über Geschichten nachdenkt, dann sind viele der Wortmeldungen zu Thema gar nicht uninteressant, ich lege mal kurz etwas zu meinem Schreiben an.

Wenn ich aus dem Haus gehe und gut aufpasse, sehe ich in aller Regel etwas, über das ich schreiben kann, das ist nicht schwer. Wenn ich mein Revier verlasse, sehe ich sogar mit enorm hoher Wahrscheinlichkeit etwas, über das ich schreiben kann, denn außerhalb des Reviers ist natürlich alles viel interessanter. Was ich da sehe, das sind Szenen, im Journalismus wäre das die ganz kleine Form, so etwas passt höchstens in Glossen und Kolumnen. Manchmal sind das Ansätze zu Geschichten, manchmal sind es Ausschnitte aus Geschichten, es werden aber eher keine ganzen Geschichten. Schon weil ich tendenziell eher soziophob bin und also sicher nicht mit fremden Leuten rede, noch weniger als es der nordddeutsche Normalfall ist. Ich spreche niemanden an, ich frage nichts nach. Ich gucke nur so herum. Würde ich nachfragen und ermitteln, recherchieren etc. (wovon ich gar nichts verstehe), ich würde vermutlich auf viele kleine Geschichten kommen, auf Geschichtchen. Auf Geschichten, die vielleicht als Kurzgeschichten tauglich wären, weil mit dem richtigen Blick einfach alles als literarische Kurzgeschichte brauchbar ist, auf Geschichten, die Alltägliches erhellen, Undramatisches, Gewöhnliches oder immer wieder und wieder das Zwischenmenschliche, er liebt sie, sie liebt ihn nicht, das bleibt ja spannend. Woran auch nichts schlecht ist, denn das Gewöhnliche ist das, was wir leben und ich halte es für eine anständige Aufgabe, das zu beschreiben.

Selten hätte ich mal einen Knaller dabei. Eine Hammergeschichte oder auch nur eine mit Pointe, mit einer super Wendung, mit Wow-Effekt und starken Figuren. Ich habe zufällig gerade vor ein paar Tagen mit Isa über das Auffinden von Geschichten gesprochen, weil mir in diesem Jahr auffiel, dass mir aus dem Alltag heraus keine begegnet ist, keine einzige, ich habe nicht einmal eine erzählt bekommen. Also keine starke Geschichte jedenfalls. Keine spektakuläre Trennung, kein wildes Liebesdrama, kein Kriminalfall, kein Plot als Gottesgeschenk, nada. Keine einzige Begebenheit, die eine wirkliche Story gewesen wäre. Das macht auch nichts, das war nur eine für mich spannenden Feststellung, denn es gab auch mal Zeiten, da hätte ich mir das anders vorgestellt und mehr Erzählungen im Alltag erwartet. Aber das, was ich sehe, es sind Szenen, keine Geschichten. Es ist nun mit etwas Fantasie nicht schwer, aus Szenen Geschichten zu drehen, Geschichtenansätze, die man so verwenden könnte, die sehe ich quasi ohne Ende. Literarisch ist das Verwenden in dieser Art der Normalfall und einwandfrei, es ist zu begrüßen und notwendig und gerne gelesen und alles, gar kein Thema. Journalistisch ist das aber vermutlich der Anfang vom Untergang, wenn etwas am Ende Geschichte sein muss, weil der Stil des Hauses es so verlangt, und das ist auch der Teil, den ich nicht verstehe. Wo doch die Abfolge von Szenen reicht, um zu sagen, was ist.

Und das wiederum trifft einen Gedanken, den ich häufiger habe, dass nämlich in Artikeln und Meldungen oft nicht gesagt wird, was meiner Wahrnehmung entspricht. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Wirklichkeit grundsätzlich wesentlich öder und gewöhnlicher ist als das Aufregungsniveau in den Redaktionen, das würde mich jedenfalls nicht überraschen. Den Exkurs über Clickbait kann sich jeder an dieser Stelle zwanglos selbst denken, das leuchtet ja unmittelbar ein. Die in unaufhörlicher Szenenfolge abgespulte Wirklichkeit, die kommt mir oft zu kurz. Das meine ich nicht als allgemeine Medienkritik, das klingt nur so. Ich verstehe gar nicht genug von Medien, ich meine es eher als persönliche Geschmackssache. Ich lebe in der Mitte einer Großstadt, das Leben hier ist nennenswert friedlicher, beschaulicher, normaler als es in den Medien dieser Stadt dargestellt wird, da fängt es schon an, und so geht es immer weiter. Wann immer in Artikeln pauschalisierend über die Stimmung im Land und ähnliche vermeintliche Seelenregungen einer mehr oder weniger unklar umschriebenen Bevölkerungsmenge geschrieben wird, ich sehe mich oft ratlos um und denke ”Was? Wo denn?”

Die Normalität fällt hier vor meinen Fenstern nach wie vor ziemlich normal aus und ändert sich geradezu nervtötend langsam. Da draußen findet eben keine Verkehrswende statt, da steht nur plötzlich eine Ladesäule für E-Autos, die ist über Nacht einfach da und mehr passiert dann nicht, an der hält zunächst nicht einmal ein Auto. Und nach sechs Monaten steht da dann eine zweite Säule und das ist es, finde ich. Das ist, was passiert. Wenn man nun neben der neuen Ladesäule stehen bleibt und die Reaktionen der Leute beobachtet, dann hat man nach nur zwanzig Minuten einen Text, und je länger ich blogge, desto spannender finde ich genau so etwas. Das ist so ziemlich das Gegenteil der Pathos- und Scoop-Welt einiger großer Medien, und mich bestärkt diese ganze Angelegenheit darin, die kleine oder ganz kleine Form noch viel größer und interessanter und spannender zu finden, das wollte ich nur eben sagen.

Noch besser aufpassen, noch mehr beschreiben. Da hat man doch wieder was vor. Auch gut.

Update: Siehe auch bei Anke.

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Ein Held der Höflichkeit

Der Herr Knüwer über die Goldenen Blogger des Jahres 2018 und auch über die Rolle der neuen Akademie, der anzugehören u.a. auch ich die Ehre habe (ich muss das unbedingt noch irgendwie in meinem Lebeslauf unter “akademische Titel” unterbringen). Von den nominierten Bloggerinnen und Bloggern kenne ich einige bisher überhaupt nicht, das ist ja auch gut so.

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Abschied vom Wintersport im Harz. Und den Harz, den hatten wir hier doch gerade.

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Slowtiger über Sex auf Tumblr.

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Eine bemerkenswerte Kritik am neuen Mary-Poppins-Film.

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Vielleicht hat das Leben keinen Sinn. Gefunden via Kaltmamsell.

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Und da kann man sehr schön anlegen, an diesen letzten Artikel gerade, denn wenn schon keinen Sinn, dann auch richtig: Would human extinction be a tragedy?

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Ich habe den “Nikolaus Nickleby” von Charles Dickens angefangen, ich habe jetzt drei mal nachgesehen, in meiner Ausgabe steht wirklich nicht, wer sie übersetzt hat, vermutlich fiel sie in deutscher Sprache vom Himmel, das ist ja auch schön. Ich habe den Nickleby jedenfalls noch nie gelesen, obwohl er seit Jahrzehnten im Regal steht, aber ich bin schon vom Anfang schwer begeistert. Es beginnt in ganz herrlicher Weise langatmig, wobei es eigentlich erstaunlich ist, dass man dieses Wort meist im negativen Sinne verwendet und es also schlecht findet, wenn jemand beim Erzählen einen langen Atem hat. Man muss es hier als Kompliment verstehen, denn man möchte es sich nach nur drei Seiten gemütlicher machen, um länger lesen zu können, viel länger, und was könnte man von einem Erzähler sagen, das ihn noch mehr loben würde? Doch, das Wort muss positiv verwendet werden.

“Was schreibst du gerade?”

“Einen sehr langatmigen Text.”

“Oh, wie toll!”!

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Die S-Bahn ist rappelvoll, die Tür geht auf, ein alter Mann schiebt seinen Rollator in die unwillig zurückweichende Menge der stehenden Fahrgäste und tapst wackelig hinterher. Ein junger Mann arabischer oder ähnlicher Herkunft springt sofort mit großer und in Hamburg nicht gerade häufig zu erlebender Selbstverständlichkeit von seinem Platz auf, sagt: “Bitte, sitzen!”, und zeigt auf seinen Platz. Der alte Mann verneint freundlich, er fährt nur eine Station, das Hinsetzen und Aufstehen würde ihm viel zu viel Mühe machen, er winkt ab. Neben dem alten Mann steht eine nicht ganz so alte Frau, und weil dem jungen Mann auffällt, dass er seinen Platz ja nur einer Person angeboten hat, andere aber vielleicht ebenfalls sitzen möchten, fragt er die jetzt sicherheitshalber auch noch, denn wo hört die Höflichkeit gegenüber Älteren auf? Die Frau freut sich daraufhin sehr und lobt ihn laut, verneint dann aber, woraufhin dem jungen Mann auffällt, dass neben der nicht ganz so alten Frau noch eine steht, die ist etwa im gleichen Alter, vielleicht einen Tick jünger, man müsste genauer hingucken und raten. Er sieht sie etwas unsicher an, ist die nun im korrekten Sitzanbietealter oder nicht, so etwas wird ja schnell wahnsinnig kompliziert, wenn man zu lange darüber nachdenkt. Die Frau guckt zurück und schüttelt lebhaft und grinsend den Kopf – und ich steige lieber schnell aus, bevor der junge Held der Höflichkeit mich genauer ins Auge fasst.

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Musik! Chet Baker. Ja, das dauert zehn Minuten und am Ende fehlt ein Stückchen. Aber hey. Es ist nicht irgendwas.

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So viele Töne

Wir haben einen neue Nachbarn. Bisher dachten wir, man würde in diesem Haus nie die Nachbarn hören, super Wände und Decken und so, jetzt müssen wir aber umdenken, den Herrn hört man. Vermutlich konnten die vorigen Bewohner der Wohnung einfach nicht so gut singen wie der, denn das zeichnet ihn aus, er singt. Laut und viel und gut, so gut immerhin, wie Sie und ich vermutlich nicht singen können. Also ich ganz sicher nicht, Sie wahrscheinlich nicht, denn wer singt schon gut, wer singt schon publikumstauglich, chorgeeignet, bühnenreif? So singt der aber. Zur Zeit singt er Weihnachtslieder. Dauernd singt er die, rauf und runter, er übt sicher für irgendwelche adventlichen Auftritte. Wenn ich gloria in excelsis deo auch nur summe, dann wird es tendenziell schnell peinlich, bei ihm höre ich mit dem Staubsaugen auf, höre durch die Wand zu und wundere mich. Was Menschen alles können! So viele Töne! Und alle an der richtigen Stelle!

Wie weit weg das von mir ist. Ich kann mir mühelos vorstellen, einen Tausendseitenroman zu schreiben, aber ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, vor anderen richtig zu singen.

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Acht Stunden Arbeit.

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Der Weihnachtsmann ist gar nicht fair. Oder nur ein wenig.

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Klimaschutz zum Mitmachen.

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Ich finde hier die Stelle mit dem Gullideckel sehr nachvollziehbar.

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Ich habe vorgestern über Ragoutfinpasteten (Königinpasteten) getwittert, an den zahlreichen Reaktionen sah ich, dass die wohl kein Mensch mehr macht. Daher sei es hier noch als Tipp für Eltern betont – die Dinger sind erstaunlich kinderkompatibel, versuchen Sie das ruhig mal. Milder Geschmack, seltsame Konsistenz, eigenartige Form, mehr Krümel als bei jedem Croissant, das ist doch was. Und man kann auch endlich mal wieder die Worcestersauce einsetzen, die aus ansonsten völlig unklaren Gründen ganz hinten im Schrank steht.

(Ich habe sie mit Huhn gemacht, etwa so)

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Die ganze Familie war im Kino, auf besonderen Wunsch von Sohn I gab es “100 Dinge”.

Ein Film mit ein paar zuverlässigen Lachern, um mir einen positiven Satz abzuringen. Doch, es gibt noch etwas Gutes zu vermelden, man kann nach dem Film prima mit Kindern über Konsum reden, das ist auch willkommen, schon recht.

Ansonsten ein Film für die Freunde des verfilmten Kalenderspruchs, um die moralische Tiefe des Werks kurz anzudeuten. Und er ist sicher auch empfehlenswert, wenn man selbstverliebte männliche Hauptdarsteller mit erstaunlichen Muskeln gerne nackt sieht. Und schließlich muss man ihn lieben, wenn man wie die Filmemacher davon ausgeht, dass befreundete Männer sich zwischen ihren rührseligen Kumpelmomenten immer mal wieder kurz prügeln müssen. Warum auch immer. Na egal, nicht meine Welt.

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Dialog beim Wecken im Kinderzimmer:

Sohn II: “Fass meine Decken nicht an! Jetzt hast du mir die ganze Gemütlichkeit hier versaumeiert!”

Ich: “Versaumeiert? Tolles Wort, kannte ich gar nicht.”

Sohn II: “Dann geh das doch verbloggen und lass mich hier in Ruhe liegen, verdammt!”

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In einem Kaufhaus in der Innenstadt steht ein Punk in der Damenstrumpfabteilung, es ist ein Punk alter Schule, mit Iro und allem, die sieht man ja heute kaum noch. Er steht vor einer ganzen Wand höchst damenhafter Strümpfe, die in Packungen mit kryptischen Bezeichnungen und unverständlichen Abkürzungen darauf stecken, sein Gesicht ist ein einziges Fragezeichen. Mit spitzen Fingern nimmt er eine Packung und liest, seine Augenbrauen erreichen Höhen, da kommen sie vermutlich nicht jeden Tag hin. Weihnachten kann herausfordernd sein.

Bei den Parfums steht ein bulliger Mann, der direkt von einer Baustelle kommt, zumindest lässt seine Kleidung samt Warnweste (nicht gelb, wie man jetzt wohl ergänzen muss) diesen Schluss zu, der ist wohl nur kurz zwischendurch mal rein, schnell ein Geschenk besorgen, dann geht es weiter mit dem Straßenbau oder mit etwas in der Art. Er steht vor einer ganzen Batterie von Flakons, Düfte für Frauen. Er besprüht seinen linken Arm, an dem er für diesen Zweck die Jacke bis über den Ellenbogen hochgeschoben hat. Er sprüht, riecht, überlegt einen Moment. Dann nimmt er den nächsten Flakon, sprüht, riecht überlegt. Dann macht er so weiter, von Oberarm bis Handgelenk besprüht er sich nach und nach, und er macht das sehr konzentriert, ernsthaft und zügig. Er wird nach dieser Aktion ganz außerordentlich und meilenweit rosa duften, denn er nimmt nicht gerade wenig von dem Zeug. Er hat schon nach zwei Flakons einen ganz routinierten Bewegungsablauf, würden da hundert Flakon stehen, er würde sie vielleicht alle abarbeiten, so sieht das aus – nur sein Arm wäre natürlich nicht lang genug, er müsste bald den anderen Arm und auch die Beine dazunehmen. Ein Mann der Tat und des planvollen Beschlusses. Weihnachten kann eine lösbare Aufgabe sein.

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Musik!

 

Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Alte Regel, frischer Schnee

Ich war mit den Nerven so runter, dass es weder zum Lesen noch zum Schreiben gereicht hat, jetzt ist es aber auch mal gut, let’s call it a year.

Ich habe noch eine Weihnachtskolumne zu schreiben, wofür ich aber erst noch stimmungsmäßig etwas beidrehen muss. Mal sehen, welche Hilfsmittel mir da noch einfallen und nein, Glühwein ist keine Option, Glühwein ist einfach nur furchtbar. Schnee würde mir vielleicht helfen. Es roch hier auch tatsächlich schon nach Schnee, was immer wieder erheiternd ist, weil der gewöhnliche Großstadtmensch ohne die geringste Bindung an die Natur plötzlich nach Feierabend witternd vor seinem Büroturm oder seinem Wohnklotz steht, die Nase wie ein Jagdhund in den Wind hält und von Wetterphänomenen murmelt, als müsste er gleich noch fliehendes Wild in der Tundra erlegen. Da kommt eine archaische Regung durch, da klingeln die rudimentären Neandertalergenreste, wenn wir Schnee riechen. Besonders klingeln sie natürlich, wenn wir den ersten Schnee des Winters riechen. Und es wird uns so, als müssten wir mit dieser Information etwas anfangen, Schnee, Schnee, es gibt Schnee, was machen wir denn jetzt? Wir denken eine Weile darauf herum, ein, zwei Atemzüge lang. Weil wir aber gut geheizte Wohnungen und Streudienste und Supermärkte und Winterreifen haben, machen wir doch einfach nur die Jacke etwas weiter zu und erzählen es dann dem nächstbesten Menschen, wobei wir vermutlich unbewusst nach uraltem Brauch den Stamm oder die Horde warnen. “Es riecht nach Schnee”, sagen wir kenntnisreich, jedenfalls sagen wir es dann, wenn dieser nächstbeste Mensch uns damit nicht zuvorkommt, denn wenn es nach Schnee riecht, dann sagen es sich mit großer Gewissheit alle Menschen gegenseitig, dass es nach Schnee riecht, alte Regel, also im Sinne von: uralte Regel. Und wir gucken kurz in die Wolken, als könnten wir sie lesen und deuten wie damals, als es darauf noch ankam. Wir fühlen uns für einen kurzen Moment so, als könnten wir ganz genau benennen, wann, wieviel und auf welche Art es schneien wird, gut fühlt sich das an, wir nicken ungeheuer vielsagend. Und aus uns nicken in diesem Moment tausend Generationen Erfahrung mit Schnee, das ist doch, wenn man drüber nachdenkt, auch ein wenig beeindruckend.

Für den Sonntag ist hier eine Schneeflocke in der Wetter-App, die riecht nach gar nichts.

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Musik! Ich mag die Gesichter im Publikum. Die Herzdame aber fragte: “Wer sind denn Peter, Paul and Mary?” und eventuell bin ich doch schon über hundert Jahre alt.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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