Déjeuner dinatoire

In der Harzreise von Heine gibt es eine Stelle, da trifft der Autor unterwegs einen Schäfer, es ist um die Mittagszeit, sie essen gemeinsam Käse und Brot am Wegesrand, was Heine dann als “déjeuner dinatoire” bezeichnet. Wäre es nicht nett gewesen, diese Bezeichnung hätte sich für so eine Mahlzeit durchgesetzt? Und man wüsste gar nicht, was ein Brunch ist? Ein Brantsch? Sowieso ein furchtbar klingendes Wort, dieser unangenehme Endlaut, äußerst unschön. Nach dem Brunch zieht der Mensch einen Flunsch, das klingt doch alles nicht, was so aufhört. Wobei ich nebenbei gerade sehe, dass manche Menschen wohl auch die Flunsch sagen, das habe ich ja noch nie gehört, das klingt dann für mich eher maritim, siehe auch Winsch. Hisst die Flunsch! Egal, wo war ich? Déjeuner dinatoire, so ein wunderschöner Begriff jedenfalls. Komm, wir treffen uns auf ein kleines déjeuner dinatoire. Das klingt doch so, als würde man dabei über Bücher und Bedeutendes reden, nicht über Business und Bullshit.

Ansonsten ist Heine gerade in Goslar, über Goslar weiß ich nichts, wie ich sowieso über den Harz nichts weiß. Einmal, es ist viele Jahre her, war ich mit einer Frau, die nicht die Herzdame war, so unvorstellbar lange ist das her, wild entschlossen, einen Urlaub im Harz zu verbringen, im Westharz damals, denn den anderen gab es noch gar nicht wirklich, also zumindest nicht aus westlicher Sicht. Man konnte damals noch nicht zu jeder Bude online zwanzig Bilder und dreißig Bewertungen prüfen, das Buchen von Urlaubsunterkünften war mehr so glücksspielartig und beruhte auf nichtssagenden Zweizeilern und winzigen Bildern in gedruckten Prospekten, wir hatten ja nichts. Wir wollten aber kein Glück – was ein Satz! -, wir wollten verlässliche Planung, also suchten wir uns nach den spärlichen Beschreibungen in den Reisekatalogen etwas aus und fuhren dann einfach kurzentschlossen an einem Sonntag hin, um es uns vor der Buchung genau anzusehen. Das Wort “romantisch” kam definitiv in der Beschreibung vor, den Rest habe ich natürlich vergessen, aber “romantisch”, das wollten wir haben, und zwar viel davon und mit alles. Im Atlas schien der Harz gar nicht so weit entfernt von Hamburg zu sein, die Fahrt dauerte dann aber viel länger, als wir es uns vorgestellt hatten. Viel, viel länger. Das tat der Stimmung nicht gerade gut, damit fing es schon an. Wenn man so liebesnestmäßige Ideen im Kopf hat, dann will man nicht in Niedersachsen auf der Autobahn herumstauen und sich dann, damals noch mit dem Finger auf der Landkarte herumsuchend, auf Landstraßen verfahren, zumal man bei der schwierigen Frage des Navigierens auch leicht aneinander gerät, wenn nicht sogar zwingend aneinander gerät.

Als wir das Hotel schließlich fanden, empfing uns die Hausherrin in reservierter Höflichkeit und führte uns herum, nachdem sie uns bei der Begrüßung einigermaßen erstaunt angesehen hatte – wir waren zu jung, wie uns schnell klar wurde. Aus ihrer Sicht gehörten wir eher in eine Jugendherberge oder auf einen Zeltplatz. Das Hotel war ein Albtraum an Spießigkeit, das allervermuffteste Etablissement, das wir uns nur vorstellen konnten. Ein liebloses Durchschnittsgebäude aus den Fünfzigern, bei dem man sofort nach dem Eintreten keine Luft mehr bekam. Mobiliar, Tapeten, Teppiche, Gäste, Kegelbahn, Partyraum, eines schlimmer als das andere, knietief in der Nachkriegszeit, konservativer und gestriger als Adenauer, und der Ausblick aus den Zimmern ging auf eine höchst gewöhnlich aussehende Wiese in enttäuschend unspektakulärer Hanglage und auf einen Parkplatz, der mit gepflegten Fahrzeugen der oberen Mittelklasse vollgestellt war. “Wir haben hier viele Stammgäste”, das hatte die Hausherrin gebetsmühlenartig wiederholt, “wir haben hier eigentlich nur Stammgäste. Aber wenn Sie ganz früh buchen …” Und ihr Blick sagte: “Tun Sie es nicht.”

Wir haben selbstverständlich nicht dort gebucht und sind keine Stammgäste geworden, wir haben uns sehr schnell zurückgezogen und versucht, unter freiem Himmel wieder normal zu atmen. Bis heute denke ich aber, dass der Harz gewiss irgendwo und irgendwie schön ist, wir haben es nur damals nicht gefunden.

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Musik! Im Laufe der Woche soll es ein Flöckchen schneien, sagt der Wetterbericht. Für diese ungewöhnliche Situation haben wir auch etwas.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Gerechtigkeit für Keely Smith

Da wurde in den Kommentaren also gerade gefragt, wer denn da im vorletzten Video die stocksteif herumstehende Frau neben Louis Prima sei – das war Keely Smith, seine Ehefrau zur Zeit der Aufnahme, und es ist nur fair, ihr ein paar Zeilen zu widmen. Es war fester Bestandteil ihrer Auftritte, dass er auf der Bühne völlig ausflippte und mit der Musik und der Band wild eskalierte, während sie stets vollkommen beherrscht daneben stand und abfällig oder versteinert guckte. Manchmal verleitete er sie auch zu Tanzschritten, die ihr dann regelmäßig und geradezu hanseatisch misslangen, das war Programm und kam beim Publikum bestens an, wie auch ihre Neigung zu undamenhaften Gesten, sie kratzte sich etwa bei sentimentalen Nummern ungeniert an der Nase und dergleichen – und zwar auch dann, wenn sie selbst sang. Denn das konnte sie, wie man hier gleich sieht. Keely Smith, sie ist erst im letzten Jahr, fast genau zu dieser Zeit, gestorben.

Wenn Sie Streamingdienste wie Spotify nutzen, gucken Sie doch mal nach dem Album “The intimate Keely Smith”. Das ist gut für einen Sonntagabend mit Regen und Kälte, versprochen.

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Ein Artikel zur Psychologie und zur Geschichte des Trinkgelds. Der Text ist nicht oder kaum auf Trinkgelder in Blogs via Paypal zu übertragen, aber doch interessant. Bei dieser Gelegenheit aber auch zwischendurch einen herzlichen Dank für die Einwürfe in den Hut in den letzten drei Tagen, es sind mir nach wie vor die herzallerliebsten Euros, die da herangeflogen kommen.

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12 Bilder des Jahres.

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Ich war der Ansicht, ich würde bis zur 7. Klasse locker mit dem Gymnasialstoff mithalten können, andere Mütter und Väter nannten auch mutig höhere Zahlen, mir kamen da schon Zweifel wegen Chemie und Physik. Das mit der 7 war aber, wie sich herausstellt, nicht falsche Bescheidenheit von mir, das war schon Größenwahn. Denn wenn ich auch in Deutsch, Mathe und Englisch noch lustig winkend im Sattel sitze, gestern kam der Sohn mit Musik – und ich bin raus. Ich bin so etwas von raus, ich weiß überhaupt nichts, was nicht als Scherz oder heitere Übertreibung gemeint ist, sondern bitter wörtlich. Zwar kann ich sicher sein, in der Schule auch einmal Noten gelernt zu haben, aber das wurde im Hirn längst gelöscht und überschrieben, da ist keine Datenrettung mehr möglich. Ich erkenne keine Note, kein anderes Zeichen, ich weiß rein gar nichts über Musik, mein musikalisches Wissen erschöpft sich im Grunde mit: “Klingt ganz gut” und “Drück mal repeat”, es ist wirklich schlimm.

Aber wie auch in den anderen Fächern, es gibt für Musik eine App, man kann damit lernen und den Wissensstand online testen. Wir, also der Sohn und ich, haben uns gemeinsam durch einen Test geraten und ohne alle Kenntnisse eine glatte Drei geschrieben, das war dann auch die einzige Note im Spiel, die uns dabei bekannt vorkam. Geht doch! So haben wir eben etwas über Glücksspiel und Wahrscheinlichkeitsrechnung gelernt, das ist ja auch nicht unwichtig fürs weitere Leben.

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Den Keyserling habe ich wieder weggelegt, ähnlich wie bei Huxley ist das Frühwerk zwar interessant, man weiß aber eben auch, es wird noch besser. Und dann will man es auch besser. Nach meinen aktuellen Maßstäben kann das Buch jetzt weg, seine späteren Romane werden aber sicher weiter im Regal bleiben.

Ich habe mir jetzt Heinrich Heine gegriffen, sämtliche Reisebilder, beginnend mit der Harzreise. Drei Bemerknisse gleich auf den ersten Seiten: Ich muss das Buch schon mehrmals angefangen haben, so sehr kommt mir alles dort bekannt vor, aber ich bin nicht sicher, ob ich es auch einmal wirklich durchgelesen habe. Die Bedeutung von Heine für den Humor in deutscher Sprache kann gar nicht überschätzt werden, es lassen sich sofort Sätze finden, nach deren Muster heute noch Bespaßung per Text hergestellt wird, auch in diesem Blog, womit ich mich jetzt selbstverständlich nicht mit Heine vergleichen möchte. Drittens schreibt er im Jahr 1824 schon über den verfallenden Wert von Kleidungsstücken, die einfach nicht mehr geschätzt werden, so viele haben die Leute davon, so beliebig sind sie. Während früher (!) ein Überrock noch dreimal vererbt wurde und entsprechend mit den Geschichte der Generationen betankt war, wissen die Menschen heute, also 1824, so schreibt er, kaum noch, wieviel Knöpfe sie an der Weste haben, so wenig beachten sie, was sie haben und anhaben. Guck an. So weit reicht das also zurück.

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Musik!

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Und damit gute Nacht. Wie wir hier mit Storm  früher an der Bettkante der Söhne gesungen haben:

Över de stillen Straten

Geit klar de Klockenslag;

God Nacht! Din Hart will slapen,

Un morgen is ok en Dag.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Tingelträume

Das Shift-Phone.

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Mich stört bei Ereignissen wie der Wahl einer neuen CDU-Parteichefin vehement, dass die Medien sich nahezu flächendeckend mit Wahrsagerei beschäftigen und reihenweise prophezeien, was demnächst passieren wird, statt zu beschreiben, was ist. Beliebiges Beispiel, die SZ-Schlagzeile (online) am Morgen: “Der Frühling in der CDU könnte bald vorbei sein.” Könnte! Ja, es könnte morgen auch regnen oder schneien, wer weiß. Was alles sein könnte! Es könnte auch sein, dass ich so etwas gar nicht lesen möchte.

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Apropos Lesen. Das abendliche Vorlesen ist mir etwas entgleist, Sohn I und die Herzdame, die beiden Interessenten für die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens, sie sind nicht mehr synchron zu bedienen. Da die Herzdame an einem Abend keine Zeit hatte, aber wider Erwarten doch auf einer Fortsetzung besteht, lese ich jetzt versetzt, wobei Sohn I Vorsprung hat, immerhin etwa zehn Seiten. Bisher ist es mir noch nicht gelungen, sie wieder auf den gleichen Stand zu bekommen. Dadurch lese ich also alles doppelt und kann die Geschichte bald auch ganz ohne Buch vortragen, vielleicht kann ich damit ja künftig über Weihnachtsmärkte tingeln und in Glühweinschwaden altertümlich gewandet besinnliche Klassiker rezitieren? Immer die Geldquellen, die Fähigkeiten und die Gelegenheiten im Auge behalten! Allerdings bin ich nach mehreren Leseabenden erst beim Geist der vergangenen Weihnacht angekommen, das zieht sich also.

Im Gegensatz zu Sohn I schläft die Herzdame gerne ein, während ich vorlese, ein immer etwas zweifelhaftes Kompliment für Vorleser.

Ich: “Was habe ich gerade gelesen? Du dämmerst doch schon wieder weg!”

Die Herzdame: “Gar nicht! Marleys Geist erschien im Türknauf und so.”

Ich: “Himmel, das habe ich vorgestern gelesen!”

Die Herzdame: “Oh.”

Sohn II ist bei dem Buch erst einmal raus, der ist zu sehr mit dem E-Piano beschäftigt und übt wie besessen, wir teilen uns hier sozusagen kulturell auf. Auch recht.

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Bei den zahllosen Orthopädenbesuchen im letzten Halbjahr fiel auf, dass mein Ehering etwas eng geworden ist, den bekam ich nicht mehr schnell genug ab, und so etwas stört manchmal den Ablauf in Arztpraxen. Ich habe den Ring jetzt zu einem Juwelier gebracht, dort wird er geweitet, das sollte problemlos klappen, sagten die da. Und hinterher bietet der Ring dann etwas mehr Platz und ich kann den eingravierten Vornamen der Herzdame um einen Kosenamen ergänzen. Oder um ihr Geburtsdatum, die Anschrift und einen kurzen Lebenslauf, mal sehen.

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Musik! Einmal im Jahr muss das schon sein. Und das Original dann natürlich auch noch. Schönen zweiten Advent!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Es passiert nichts

Lange keine Fotos mehr verlinkt.

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Unter Polizeischutz gut geschlafen, Angela Merkel residiert nur ein paar Meter weiter. Es fällt aber kaum auf, es fällt im Grunde verdammt wenig auf. Wenn man an all diese Zuschreibungen wie etwa “mächtigste Frau der Welt” etc. denkt – also dafür passiert hier rein gar nichts. Wenn man sich kurz mal in einen Science-Fiction-Film denkt und da tritt die mächtigste Frau irgendeines Planeten auf, an welche Prunkentfaltung denkt man da unwillkürlich, an welche extravaganten Thronmöbel und gigantomanischen Paläste, an welche Zeichen der Macht, welche Leibgarden? Hier stehen ein paar normale Polizeiwagen vor dem Hotel, zwei, drei Absperrgitter, mehr ist nicht los.

“Wo sind denn die Demos?”, fragen die Söhne, und sie fragen das deswegen, weil ihnen die Nachrichten ein Bild vermittelt haben, in dem immer irgendwer irgendwo gerade gegen Regierende demonstriert. “Ich sehe und höre jedenfalls keine”, sage ich, und das stimmt auch. Wir gucken gemeinsam aus dem Fenster auf die Straße. Polizisten lehnen an einem Polizeiwagen und gucken in die Gegend. Vielleicht passen sie auf die Kanzlerin auf, vielleicht checken sie auch nur mal die Tempo-30-Zone, das wäre ebenfalls notwendig.

Wir leben in einem Land, in dem die Macht nichts hermacht – und das ist auch gut so.

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Während andere Bloggerinnen ihre Schränke zum Jahresende öffentlich aufräumen, sitze ich sinnend vor meinen gesammelten Links (“Kommst du noch mit rauf, ich zeige dir meine Linksammlung.”) und klicke hier, klicke da, überlege herum. Heute habe ich den ganzen Tag (Urlaub im anderen Job) mit der dringend notwendigen Verschlagwortung zugebracht. Die Artikel werden älter, die Inhalte bleiben brauchbar, aber will ich denn ewig sammeln?

Eigentlich finde ich genug Links für tägliche Wirtschaftsteile und ähnliche Formate, ich muss das Konzept noch einmal durchdenken. Obwohl – unterm Strich sind es vermutlich nicht mehr als vier Links pro Tag, die ich im Durchschnitt wirklich interessant finde, das ist gar keine uferlose Menge, keine, mit der man nicht umgehen könnte. Wenn ich sie archiviere, kann ich sie thematisch sortieren und gegeneinander setzen, was mir eine liebgewordene Bastelarbeit ist und die Links oft auch aus meiner Sicht aufwertet, wenn ich sie aber sofort raushaue, ist immer alles topaktuell. Und topaktuell, da stehen Sie doch drauf.

Na, wie auch immer. Vielleicht ist das ein Lebensbereich, in dem mir mein Bibliothekarsstudium doch noch nachhängt. Ich bewahre Informationen gerne auf und erfinde dafür dauernd Ordnungssysteme und Formate. Quasi Berufskrankheit, obwohl ich nie in dem Beruf gearbeitet habe.

Währenddessen versüße ich Ihnen erst einmal den Tag mit diesem älteren Artikel über Zucker, da lernen Sie auch noch was. Toll!

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Ich mache mit Sohn I Deutsch, es geht gerade, wie bereits berichtet, um Märchen. Ich lese ihm zum Zwecke der Nacherzählung das Märchen vom süßen Brei vor, als voraus denkender Mensch habe ich dazu tatsächlich süßen Brei besorgt, ich bin ja soweit bemüht. Wenn das Kind schon lernen muss, dann soll das wenigstens eine nette halbe Stunde sein, mit Verpflegung und Komfort und allem. Was ich aber eigentlich sagen wollte, falls Sie im Laden ein Produkt namens Proteinbrei sehen, mit Datteln und Kakao, kaufen Sie das lieber nicht. Das schmeckt wie zermahlenes Kistenholz mit einem Hauch Kaba, 80% Baumarkt, 20% Kantine. Meine Güte, was es alles gibt.

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Musik!

Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Probleme mit Häusern und Städten

Drüben bei der GLS Bank habe ich etwas zum Thema LKW zusammengestellt.

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Mir fällt auf, dass ich ein Problem mit Häusern habe, also als Autor. In meinen Texten kommen dauernd Straßen in der Stadt vor, aber nie schreibe ich, was da genau herumsteht. Das merke ich bei jedem Buch, in dem Gebäude anschaulich beschrieben werden, dass ich genau das eher nicht mache und vermutlich auch gar nicht kann. Wobei das vielleicht keine faire Betrachtungsweise ist, da ich dauernd Klassiker lese, die zu Zeiten spielen, in denen jedes Haus noch als ausgeprägte Persönlichkeit in der Gegend herumstand. Was wiederum, schon klar, auch nur für die Häuser ab der oberen Mittelschicht gültig war, aber egal, andere kamen da ja auch kaum vor. Die Häuser der Menschen der oberen Mittelschicht jedenfalls, wie exquisit und detailliert die oft beschrieben wurden! Drei Seiten und man kann es heute noch zeichnen, das Herrenhaus derer von und zu, mit Auffahrt und Balkonbrüstung und Rabatten drumherum und allem.

Und heute? Selbst wenn ich mir Mühe gebe, ich kann irgendwie keine Hausbeschreibungen. “Ihr Haus war ein weiterer schlammfarbener Würfel in einem Neubaugebiet.” Hm.

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Vor dem Hauptbahnhof steht am Nachmittag eine junge Dame mit Rollkoffer, sie hat den Bahnhof im Rücken und das Schauspielhaus vor sich und telefoniert in exaltierter Stimmlage: “Hamburg ist so unglaublich hässlich, du machst dir keinen Begriff!

Wo die wohl herkam? Köln kann es nicht sein.

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Musik! Der jährliche Weihnachtssong von Erdmöbel ist da. 

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Hungrige Wölfe und junge Hüpfer

Ich übe mit Sohn II Deutsch, unbegreiflicherweise nehmen sie in der 5. Klasse gerade Märchen durch, dabei sind die Kinder da in einem Alter, in dem sie garantiert alle Märchen völlig bescheuert finden, das ist dann doch ein wenig schade. Aber egal, Lehrplan ist Lehrplan, da nützt kein Lamento. Wir machen einen Quiz zu Märchen, es gibt immerhin für alles eine App, und mit einer App macht vieles mehr Spaß. Wen hat der Wolf also zuerst gefressen, den Jäger, das Rotkäppchen oder die Großmutter? Der Sohn überlegt kurz, ich mache nebenbei eine Nachrichtenseite auf, da steht diese Schlagzeile aus Norddeutschland: “DNA-Analyse – Kein Nachweis für Wolfs-Attacke”.

Ich muss über diese Sache mit den Zufällen noch mehr nachdenken. Viel mehr.

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Erinnern Sie sich noch, als das Kind Kind war, nein, pardon, das war Handke, um Gottes willen, als Sie Kind waren, meinte ich, da sind Sie doch auch manchmal in diesem hüpfendem Gang eine Straße entlang kapriolt, jeder Schritt ein Hüpfer, nicht wahr? Oder war es jeder zweite Schritt? Ich müsste einmal probehüpfen, aber ich habe gerade gegessen und sitze so gut, lassen wir das. Egal, dieser Hüpfgang jedenfalls, Sie wissen schon. Erinnern Sie sich noch an das Körpergefühl, an diese Hops gewordene gute Laune?

Die Herzdame ist gestern am Nachmittag um die Alster gelaufen, Sohn II ist neben ihr hergehüpft, womit wir jetzt auch wissen, dass so ein Kind tatsächlich über sieben Kilometer durchgehend hüpfen kann, das ist doch auch interessant und aus erwachsener Sicht ziemlich schwer vorstellbar. Die Herzdame fand es natürlich ein klein wenig enervierend, zumal der Sohn hinterher im Gegensatz zu ihr nicht ansatzweise außer Atem war, sondern in die Wohnung stürmte und mich fragte, ob ich nicht auch noch etwas mit ihm machen könne?

Vielleicht war ich ja auch einmal so. Wahrscheinlich doch. Aber ich kann mich nicht mehr an das Gefühl erinnern, so dermaßen viel Energie zu haben, das habe ich gründlich verlebt.

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Und hier noch ein Buchtipp von Jojo (Sohn I), geeignet als Weihnachtsgeschenk für Kinder ab etwa neun oder zehn Jahren, die auf Actionbücher stehen- Moment, ich reiche die Tastatur mal an ihn weiter:

“Die Bücher wurden geschrieben von Fabian Lenk, der erste Band heißt “Darklands – Im Reich der Schatten” und der zweite “Darklands – Höhle des Schreckens”. Im Frühjahr 2019 soll auch noch Band III erscheinen, der wird dann “Darklands – Himmel in Flammen” heißen. Der erste Band beginnt, nachdem eine Naturkatastrophe die ganze Erde geschrottet hat. In Blackpool haben sich mehrere Gruppen aus Teenagern zusammengeschlossen, jede Gruppe hat ihr eigenes Revier. Raven, das ist die Hauptperson, ist ein Gruppenchef, er leitet die Deserts. Er hat seine ganze Familie verloren. Auf einmal stürmt eine andere Gruppe ihr Revier und die ganze Gang ist gezwungen, sich in einen Schutzbunker zurückzuziehen. Dann schafft es ein Mann namens Mysticon in den Bunker, obwohl überall Wachen der feindlichen Gang stehen. Mysticon erzählt, dass er Ravens Vater kannte und auch seine Zwillingsschwester, von der Raven gar nichts weiß. Das kommt Raven natürlich komisch vor, aber er hat die ganze Zeit einen Traum, in dem ein Mädchen eine Rolle spielt, ein Mädchen im Meer … Raven hat nur eine einzige Sache von seinem Vater, ein Metallröhrchen, Mysticon sagt, er weiß, wie man es öffnet und was darin ist. Er überzeugt Raven, mit zu seiner Schwester zu kommen – so fängt die Handlung an.

Die Bücher sind sehr kreativ geschrieben, es gibt immer wieder neuen Spannungsaufbau , so dass man immer wieder Lust hat, noch weiter zu lesen. Manchmal wird es auch ziemlich traurig, mir standen einmal sogar die Tränen in den Augen. Es endet aber nicht traurig, eher so, dass man den nächsten Band lesen will. Was natürlich für mich etwas blöd ist, da ich den dritten Band noch nicht lesen kann. Die Bücher sind aber als Geschenk auf jeden Fall empfehlenswert und auch gut, um Kinder zum Lesen zu kriegen. Ich finde, man muss sie haben. Sie sind einfach cool.”

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, heute natürlich wieder für Jojo. Herzlichen Dank!

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Abendliche Figuren auf ersten Seiten

Noch etwas weiter im Charles-Dickens-Kontext, ich hatte bisher nämlich erstens noch nicht genug Zeit, die Szene von neulich bis zum Ende zu schreiben, man kommt ja zu nix. Ich habe da also abends diese beiden Herren in viktorianischer Kleidung gesehen, ich berichtete. Dann bog ich um eine Ecke und sah eine Szene, die ein heute lebender Charles Dickens vermutlich auch mit großem Interesse beobachtet hätte. Es hatte sich ein Unfall ereignet, ein Krankenwagen stand auf der Straße vor einer Ampel, blinkende Warnlichter und vorsichtig heranfahrende Autofahrer, erst einmal die Lage einschätzen, was ist da passiert? Fußgänger blieben stehen und machten lange Hälse, Radfahrer stiegen ab. Auf der Straße lag flach auf dem Rücken einer dieser Restaurantlieferfahrer in farbiger Dienstkleidung, sein Rad lag neben ihm, einen Meter dahinter die fröhlich-bunte Lieferbox, die solche Fahrer gewöhnlich auf dem Rücken haben. Die Box war nicht einmal aufgegangen, die lag da wie unversehrt, der Verschluss der Dinger taugt etwas. Ein Sanitäter kniete neben dem Fahrer, hielt eine Hand auf seine Schulter und sprach mit ihm.

Am Straßenrand stand ein Obdachloser in fortgeschritten desolatem Zustand, er zitterte und wankte, auch neben ihm stand ein Sanitäter, hielt eine Hand auf seine Schulter und sprach mit ihm. Ich bleibe bei solchen Szenen nicht stehen und starre die Leute an, ich sah das alles nur im Vorbeigehen, vermutlich war es aber so, dass der Radfahrer mit dem durch den Abend schwankenden Obdachlosen zusammengestoßen ist. Oder fast zusammengestoßen ist. Und wenn man sich fragt, welche Figuren heute bei Charles Dickens vorkommen würden, die beiden wären sicher Kandidaten für eine gegenwärtige Geschichte von ihm, diese beiden und genau dieser Moment ihres Zusammentreffens, der soziale Aspekt war ja kaum zu übersehen, und aus einem Blick auf so eine Szene konnten und können Bücher entstehen. Die zwei Männer würden bei ihm natürlich sofort Namen bekommen, Vornamen und Vorgeschichten und Schicksale, und nach drei, vier Seiten würden sie schon jeweils für eine Gruppe stehen, wären Typen geworden, mit denen es später noch spannend werden würde. Das würde man dann beim Lesen schnell erahnen, nach wenigen Seiten schon, auch wenn die Herren Hauptfiguren in diesem Augenblick, also auf genau dieser Seite des Buchs, noch lediglich herumliegen und -stehen, während rings um sie die Szene erst langsam mit Worten ausgemalt wird und auch sie selbst erst allmählich Konturen und Merkmale bekommen.

Der alte Obdachlose mit dem wirren Haar, der gar nicht sprach, der nur mit weit aufgerissenen Augen entsetzt in den Abend guckte, auf die Lichter des Krankenwagens an der Ampel vor ihm, der da immer weiter den Verkehr aufhielt. Der Mann trug eine Decke über den Schultern, vielleicht hatte der Sanitäter sie ihm gerade gereicht, vielleicht trägt er sie aber auch den ganzen Winter über. Der junge Kurierfahrer, der im Liegen probeweise ein Körperteil nach dem anderen bewegte, der schließlich vorsichtig aufstand und wie ungläubig an sich hinuntersah, alles noch heil, alles noch dran, der dann hinüber zum Obdachlosen sah. Wie gesagt, ich weiß nicht, wie es da weiterging, aber als ich ein paar Minuten und ein paar hundert Meter später das Ende der Straße erreichte, in der die Szene passiert war, überholte mich ein Restaurantkurierfahrer und sah von hinten genauso aus wie der, der da eben noch gelegen hatte, er wird es wohl auch tatsächlich gewesen sein. Der strampelt also schon weiter, dachte ich, ohne Licht und verdammt schnell über eine große Kreuzung zum nächsten Kunden, wie irre ist das denn.

Aber in einer Geschichte würde man das dann selbstverständlich genau verstehen, warum das so weiterging und nicht anders. Das ist nämlich das Gute an Geschichten, man versteht so viel. Wenn man aber einfach nur durch die Straßen geht – man versteht im Grunde überhaupt nichts.

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Zweitens finde ich es gerade sehr schön, dass wir die Weihnachtsgeschichte von Dickens hier ganz ungeplant multimedial im Familienkreis durchgehen, erst als Kinofilm, dann zuhause noch einmal in einer alten Disneyverfilmung mit Dagobert als Scrrooge, dann natürlich als Buch, vor Jahren haben wir das auch schon einmal im Theater gesehen, fällt mir gerade ein. Gestern haben wir die Geschichte in der Bücherei noch als Comic gefunden und Sohn I hat beim abendlichen Vorlesen die passenden Bilder zum Kapitel herausgesucht und Textstellen verglichen, einfach so, aus Neugier, da braucht es überhaupt keinen pädagogischen Ehrgeiz.

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Ich habe den Huxley wieder weggelegt, sein erster Roman war, bei allem Respekt, wirklich nicht sein bester. Ich lese jetzt zur Erholung wie bereits angekündigt Keyserling, “Feiertagsgeschichten”, sehr winterliche Geschichten sind da übrigens dabei. Es gibt wohl wenig Autoren, die den Winter in deutscher Sprache so nebenbei und treffend beschrieben haben wie Keyserling. Drei Sätze und man weiß ganz genau, welches Licht da war, als sie mit dem Pferdeschlitten in den Wald … Ich freue mich da immer wieder drüber. Als ob es einfach wäre, Licht zu beschreiben oder auch nur zu sehen.

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Kleine Anmerkung zur Adventszeit

“Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da sollen sie eine Weihnachtsfeier ausrichten, eine Nikolausfeier und auch eine Adventsfeier. Und sie sollen Adventskalender alle Art verfertigen und sich des Wichtelns erfreuen und viele sonstige Aktionen ersinnen.”

So oder so ähnlich muss es in irgendeiner heiligen Schrift stehen, ich kenne mich da ja kaum aus, ich erlebe nur die Auswirkungen und habe einen Vorschlag dazu, nämlich den Vorschlag eines fünfjährigen Neins. Die Idee kam mir gestern am aus Kindersicht schon späteren Abend, als ich gegen halb neun noch mit dem Online-Mathe-Adventskalender, kein Scherz, aus dem Gymnasium kämpfte. Die Seite lief nicht richtig und als sie dann doch lief, erschien uns eine elend lange Textaufgabe, die nicht in zehn Sekunden zu lösen war, nein, für die man sich auch noch erst einmal hinsetzen musste, mit Zettel und Stift und allem. Kurz davor war die ichweißnichwievielte Einladung zu irgendeinem Feierding per Mail gekommen, zu irgendeinem weiteren Besinnlichkeitsbooster eben, man guckt ja kaum noch genauer hin, so viele kommen davon.

Deswegen möchte ich vorschlagen, dass wir allen Menschen, die eine vermeintlich originelle Idee für einen weiteren Adventskalender haben, für eine wie auch immer geartete Weihnachtsaktion, für eine wie auch immer benannte Feier im Dezember, dass wir also allen, die auf irgendetwas in der Art kommen und dann an uns mit diesem leicht irren Leuchten der Organisationsfreude in den Augen eine Frage richten à la “Könnten wir nicht …”, gefolgt von ihrer wunderbaren Prachtidee, dass wir diesen Menschen ihre Fragen bitte alle kategorisch, laut und deutlich mit Nein beantworten. Etwa fünf Jahre lang.

Und dann, wenn diese fünf Jahre vergangen sind, dann macht eine dieser Ideen vielleicht wirklich mal wieder Spaß. Aber bis dahin – nein. Einfach nein. Zu viel ist zu viel.

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Zwei Herren mit Zylinder

Würde der Dichter heute leben, er wäre gewiss auch Blogger.” Über die Fontanisierung Brandenburgs. Im Rahmen des Wiederleseprojektes komme ich dann im Laufe des Winters auch noch bei Fontane vorbei, nächste Ausfahrt Stechlin. 

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Auch in Australien schwänzen die Schüler fürs Klima. Das wird weltweit noch größer werden, nehme ich an.

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Der Dickens von gestern beschäftigt mich noch etwas, auch das Gespräch mit Sohn I über den Nebel in der Weihnachtsgeschichte, denn da kriege ich doch glatt Lust, wieder mehr zu beschreiben. Wofür ich allerdings erst einmal das Haus verlassen müsste, ich sehe ja sonst nichts von der Stadt und der Welt. Da fangen die Probleme also schon an, kaum dass ich einen halben Satz gedacht habe. Schlimm.

Aber wissen Sie was, ich bin am Abend nach dem Kinofilm über Charles Dickens noch etwas durch unser kleines Bahnhofsviertel gestrolcht, ziellos und nur aus Prinzip, der Mensch braucht ja angeblich Bewegung – da kommen mir in einer kleinen Seitengasse zwei Herren in viktorianischer Kleidung entgegen. Also im Ernst jetzt, nicht zum Zwecke einer Pointe ersonnen und auch nicht dem Alkohol geschuldet, ich war stocknüchtern. Die beiden waren also aus weiß der Kuckuck welchen Gründen kostümiert, mit Zylinder und Weste und Uhrenkette und allem. Selbstverständlich denke ich so etwas augenblicklich mit dem gerade konsumierten Film zusammen, das geht ja gar nicht anders, das drängt sich auf, das wäre Ihnen auch so gegangen. Ich gehe die zehn Schritte an diesen Herren vorbei also auf einmal durch ein historisches London, so fühlen sich Dimensionslöcher an, auch interessant. Denn es ist ja so, wie in diesem Blog schon mehrfach festgestellt: Es gibt gewiss gar keine bedeutungsvollen Zufälle, das wissen wir im Freundeskreis Aufklärung und Logik ganz genau, aber man kann sie mit Geschichten doch geradezu erschreckend gut herbeizaubern.

Ich hätte den Herren nachgehen sollen, was? Zu spät.

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Am Morgen des Montags ist es unziemlich warm für Dezember, dazu schüttet es unaufhörlich, ein fast vergessener Anblick und ein ungewohntes Geräusch. Regen, der Blasen wirft, das gibt es ja heute kaum noch. Wenn der Regen Blasen wirft, so hieß es in meiner Kindheit immer, dann hört er gleich wieder auf. Das hat schon damals nicht gestimmt, das stimmt auch heute nicht, es regnet immer weiter, und wie es regnet. Die Menschen steigen nass, fluchend und schwitzend in die S-Bahn zum Arbeitsplatz, feuchte Winterjacken, tropfende Schirme und zerstörte Frisuren, dazu ein Geruch wie seit drei Wochen nicht gelüftet. Mir gegenüber löst ein Mann mit einem Kugelschreiber Kreuzworträtsel in einer Zeitschrift, das Blatt ist nass und die Schrift daher kaum zu lesen, verlaufende Spuren von blauen Buchstaben. “Großer Rätselspaß” steht über der Seite und der Mann sieht überhaupt nicht, also wirklich nicht im allergeringsten so aus, als hätte er auch nur ansatzweise Spaß, er sieht eigentlich auch nicht so aus, als hätte er jemals irgendeinen Spaß gehabt, nicht an diesem Morgen, nicht gestern, nicht in den letzten Jahren. Unglücksrabe mit elf Buchstaben senkrecht: Werktätiger.

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Im Büro steht ein Kollege in der Küche am Fenster, sieht hinaus auf den dunklen Hof und schimpft über das Wetter, weil er dabei keinen Sport machen kann. Ich lobe das Wetter, weil man so gut dabei lesen kann. Dann sehen wir uns an und respektieren freundlich unsere Fremdheit, wozu wir sehr schlechten Kaffee trinken.

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Im Supermarkt am Nachmittag:

Kundin: “Stehen sie an der linken oder an der rechten Kasse an?”

Ich: “Ich stehe links. Immer schon.”

Kundin: “Und zu Weihnachten besonders? Das ist recht so, junger Mann!”

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Beim Kinderarzt gehört:

“Ich möchte auch wie du von Ast zu Ast springen, sagte der Elch.”

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In einer U-Bahn sitzt mir ein Rentnerpaar gegenüber. Er redet unaufhörlich leise schimpfend vor sich hin, sie legt ab und zu eine Hand auf sein Knie und lächelt verbindlich. Als ich mich zu ihnen setze, erklärt er gerade, dass sie das – was auch immer, das habe ich verpasst – zu DDR-Zeiten noch in Mülltonnen verbrannt hätten. Er spuckt jedes Wort aus, so wütend ist er. Verbrannt hätten sie das! Verbrannt! Wie den anderen Müll! Er hat ein Problem mit dem Magen, er muss dauernd aufstoßen, es klingt ein wenig so, als würde er seine Wut hinausrülpsen. Also regelrecht verpönt war das jedenfalls – was auch immer, ich erfahre es nicht – damals in der DDR. Verpönt! Er sagt, dass jetzt ja alles ein Saftladen sei, ein elender Saftladen! Und der könne ruhig zusammenbrechen, alles könne ruhig zusammenbrechen, oder nein, noch besser, es solle sogar ruhig zusammenbrechen. Er nickt jetzt heftig und bäuert mehrmals nacheinander. In dieser Stadt hier, so sagt er, seien genau eine Million Menschen über, eine Million! Er sieht mich dabei an und ich habe das unangenehme Gefühl, dummerweise auch zu dieser Millon zu gehören, nicht zum auserwählten Rest, der sich durch was auch immer auszeichnet, vielleicht durch Magenprobleme.

Die Frau sieht mich ebenfall an, lächelt und schüttelt ganz sacht den Kopf. Nett sieht sie aus.

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Der richtige Nebel

Die ganze Familie war im Kino, “Charles Dickens – der Mann, der Weihnachten erfand”, ein Film über die Entstehung seiner Weihnachtsgeschichte. Wer schon jemals Geschichten geschrieben hat, wird an dem Film mit Sicherheit einen ganz eigenen Spaß haben, alleine die Szene, in der die Figuren des Buches unzufrieden im Arbeitszimmer des Dichters sitzen, ihn kritisch ansehen und an der Handlung herumnörgeln – schon schön. Und Christopher Plummer als Scrooge ist eine hervorragende und äußerst passende Besetzung.

Sohn II: “Ich fand den Anfang des Films gut und das Ende und alles dazwischen. Dass mit dem kleinen und kranken Tim fand ich bewegend, und dass mit den Armen war sehr traurig. Es ist aber richtig, so etwas in Filmen zu zeigen, damit man auch an die Armen denkt und sich Mühe gibt, gut zu sein. Oder besser zu sein. Ich war noch nie in einem so traurigen Film, aber ich finde es jetzt sehr toll, dass ich ihn gesehen habe.”

Sohn I: “Ich fand das auch gut, dass Charles Dickens sich für Arme engagiert hat und ich sehe gerne Filme, die in älteren Zeiten spielen, mit den Kostümen und Kulissen und so, das finde ich interessant. Der Film ist ab etwa zehn oder elf Jahren geeignet, für Erwachsene ist er aber auch gut.”

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Den Band von Orwell lese ich nicht zu Ende, der ist mir gerade zu negativ. Die Wiederlesewahrscheinlichkeit ist außerdem gering, der kann also weg. Jetzt kommt ein nicht ganz so bekannter Huxley, sein erster Roman: “Eine Gesellschaft auf dem Lande”. Aus dem Englischen von Herbert Schlüter.

Nebenbei wird auf vielfachen Wunsch abends im Kinderzimmer die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens vorgelesen, das ist nach dem Film natürlich naheliegend. Und wie Sohn I ganz richtig feststellt: “Der konnte ja mal richtig gut beschreiben.” Wir haben uns darüber noch etwas unterhalten und gemeinsam festgestellt, dass etwa Nebel, der in einem Buch beschrieben wird, nur richtig gut dargestellt ist, wenn man beim Lesen die Decken unwillkürlich fester um sich zieht. Und es nebelt sehr in der Weihnachtsgeschichte.

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Zur optimalen Nutzung des Dezembers, heute der Stimmungspart. Ich war mit Sohn I an einem Abend in der Hamburger Innenstadt, Weihnachtsmärkte gucken. Die Straßen waren noch brechend voll, ungeheure Menschenmassen in den Läden und an den Ständen. Wir hatten uns vorher gegen die sauteuren Verlockungen der Buden immunisiert, indem wir uns höchst clever schon zuhause mit Lebkuchen vollgestopft haben, danach geht man ganz entspannt sogar an Crêpeständen vorbei, an denen die Preise übrigens um teils zwanzig Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sind, man kann nämlich überall Mathe üben.

Weder der Sohn noch ich sind große Freunde von Menschenmassen, er sieht aufgrund noch mangelnder Größe zwischen all den Leuten nichts, ich bekomme im Geschiebe Rückenschmerzen und wilde Sehnsucht nach der Hegloländer Düne im Winter oder nach irgendwelchen anderen Flecken, die weitgehend frei von menschlichen Besuchern sind. So schoben wir uns also so schnell es nur ging durch die Spitaler Straße, warfen einen Blick auf den Gerhart-Hauptmann-Platz und auch auf die Buden vor der Kirche in der Mönckebergstraße, was da alles so am Weg lag. Wir gingen an den religiösen Spinnern vorbei, die mitten im Gedränge versuchten, die Massen zu missionieren, immerhin wurden sie dafür nicht mit Pfeil und Bogen erlegt wie auf gewissen Inseln.

Die ersten Geschäfte waren schon geschlossen, in den Eingängen bauten Obdachlose sorgsam ihre Betten aus Isomatten und Kartons und Schlafsäcken, während Menschen mit prallvollen Einkaufstüten buchstäblich noch über sie hinüber stiegen, da wurde wieder kein Klischee ausgelassen, reiche Stadt, arme Stadt, die Themen von Charles Dickens laufen immer noch. Am Rande der Weihnachtsmärkte saßen Menschen mit neongelben Westen auf den großen Lastwagensperren aus Beton. “Security” stand hinten auf ihrer Dienstkleidung, sie saßen da und rauchten und sahen auf ihre Handys. “Schön”, sagten wir, “sehr besinnlich hier!” Dann eilten wir weiter, denn wir mussten noch zum Rathausmarkt, vor dem wir dann Hand in Hand stehenblieben und eine ganze Minute lang auf das großflächige Gewimmel und das vielfältige Leuchten und Blinken sahen und auch auf den Klangbrei aus den besten Weihnachtsliedern der 60er, 70er, 80 usw. lauschten.

“Ungeheuer stimmungsvoll”, sagte ich. “Voll schön”, sagte der Sohn und dann gingen wir wieder nach Hause.

Die Sache mit den Weihnachtsmärkten haben wir dann jetzt erledigt, ich vermute sogar in Bestzeit.

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Noch einmal vielen Dank für die Zusendung des Saatgutadventskalenders, der ist ja auch noch richtig dekorativ! Stark.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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