Andere Jahre, später

In Südfrankreich werden meine Notizen zu Baumgartner von Auster weitergeführt.

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Gehört: Eine Folge von Radiowissen über Homer – Der erste Dichter des Abendlandes. Etwas herausfordernd, was die Allgemeinbildung beim Thema griechische Mythologie und beim Hin und Her um Troja betrifft. Man merkt wieder, was man alles nur noch halb weiß oder schon nicht mehr, einiges war bei mir doch einmal präsenter. Man müsste sich die Sagen des klassischen Altertums noch einmal vornehmen. Irgendwann. Vielleicht.

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Gelesen: Albert Camus: Der glückliche Tod. Nach einem Manuskript mit erneut schwieriger Geschichte. Also schon wieder ein Buch, das es vielleicht nicht geben sollte, je nach Betrachtung. Im Sinne des Autors war die Veröffentlichung nicht. Ich habe das Thema offensichtlich gerade öfter.

Der Roman stand hier im öffentlichen Bücherschrank um die Ecke, neben einer Schopenhauer-Gesamtausgabe, es geht da manchmal anspruchsvoll zu. Es ist eine alte, abgegriffene Rowohlt-Taschenbuchausgabe, noch mit der Werbung für Pfandbrief und Kommunalobligation in der Mitte. Man sieht staunend die Zinsversprechungen von damals. Das schmale Buch passte in meine Sakkotasche, so kommt man auch zur Lektüre für unterwegs.

Ich hatte Camus nicht auf dem Zettel, bin aber sehr angetan. Für mich unvermutet sind etliche Passagen von fast lyrischer Schönheit darin. Die Beschreibungen Algeriens habe ich gemocht, die Sonne und die Wärme dort waren spürbar, und einige Schilderungen von Straßen, Szenen und Personen habe ich besonders gerne gelesen. Deutsch von Eva Rechel-Mertens.

Dass mir aber nach meiner intensiven und langen Beschäftigung mit Kafka und seinem Krankheitsverlauf durch wirklich wilden Zufall mit diesem Werk von Camus ein weiteres Buch in die Hände kommt, in dem eine Hauptfigur in einem Kapitel fiebernd ausgerechnet durch Prag geht – es ist schon etwas grotesk.

Nach den Bürostunden klappe ich das private Notebook auf, ich lese einen Newsletter, mir fällt ein Satz auf: „Wenn Sie gerade in Prag sind …“ Ich gucke dreimal hin, es steht da wirklich.

Ich denke länger darüber nach und frage mich zum xten Male, was es mit dem Zufall, dem Schreiben und der Wirklichkeit auf sich hat, mit dieser befremdlichen Intensität, mit der alles manchmal, nein, eher ziemlich oft ausgedacht und an den Haaren herbeigezogen wirkt und wie sich das dann seltsam intensiviert, sobald ich etwas in einem Text vorkommen lasse.

Ich öffne Instagram auf dem Handy und denke mir, da kommt jetzt bestimmt auch etwas mit Prag. Und Sie ahnen natürlich, was tatsächlich kommt. Ein Filmchen aus der Prager U-Bahn war es. Ist es unheimlich, ist es normal, ist es kafkowski, habe ich das alles so bestellt, oder liegt es noch im Rahmen klar berechenbarer Wahrscheinlichkeiten?

Man weiß es nicht.

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Und sehen Sie, da hat uns doch tatsächlich bereits der Juni erreicht, oder vielleicht auch wir ihn. Wie ist es eigentlich, wer bewegt sich hier.

Man guckt jedenfalls und staunt und wundert sich. Und man fragt vielleicht nach der Zeit, wo sie blieb und wie sie war. Leise „What’s another year“ summend starte ich in den letzten Monat des Halbjahres, mit leichtem Kopfschütteln ob der rasenden Geschwindigkeit dieses Formel-1-Frühjahrs.

Es wird noch einige Jahre dauern, aber ich denke, es wird interessant werden, in der Zeit der Rente Jahreszeiten ohne alle berufliche Vorgaben zu erleben, die im Moment mein Erleben der Monate stark bestimmen. Es wird dann Jahre ohne beruflich bedingten saisonalen Stress geben und also mit der Möglichkeit, Tage, Wochen und Saisonwechsel anders wahrzunehmen.

Ob mir dann der Sommer wieder mehr zum Sommer wird, zu einem Sommer, wie er früher einmal war, ob der Winter dann noch länger und dunkler wird, ob der Herbst sich von den früheren stark unterscheiden wird?

Das sind Fragen, bei denen ich noch neugierig bin.

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Waldmeister und Katenschinken

Mit vermutlich ein paar Stunden zu wenig Abstand las ich nach Beendigung der Kafka-Biografie in den freundlich zugesandten Auster-Roman hinein, Baumgartner, ins Deutsche übersetzt von Werner Schmitz. Und es war einer der gar nicht so häufigen Fälle, bei denen das Anschlussbuch für mich vollkommen unverträglich war. Als würde man beim Essen irgendetwas mischen, das auf gar keinen Fall kombiniert werden darf, Waldmeister auf Katenschinken, dergleichen. So unverträglich sind die beiden Arten des Tonfalls und auch die erzählten Inhalte in den Büchern, die Herangehensweisen ans Schreiben. Gegen die tiefe Ernsthaftigkeit beim Kafka-Thema wirkt es doch eher larmoyant, wenn sich die alternde Hauptfigur bei Auster darüber beschwert, wie oft er vergisst, nach dem Gang zur Toilette die Hose zu schließen und dergleichen. Es passt einfach nicht nebeneinander. Käme ich aus anderer Richtung, der Auster wäre besser.

Ich hatte neulich den Verriss von u.a. Elke Heidenreich zu diesem letzten Buch von Auster in einem Video verlinkt (hier im Artikel). Ich vermute nach dem ersten Drittel des Buchs, denn ich habe es dann trotz der Unverträglichkeit weitergelesen, dass ich mich den kritischen Stimmen am Ende anschließen werde.

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Nebenbei stelle ich fest, dass meine Online-Zeit insgesamt weiter zurückgeht, dass mein Interesse besonders an den endlos brandenden Diskussionen in den Timelines, an den Aufregern und den Aufgeregten dort, seit nun schon längerer Zeit spürbar nachlässt. Was ich nicht als Affront meine, wenn das für Sie alles weiterhin passt, dann ist auch das vollkommen in Ordnung. Ich muss bei dem Thema gar nicht gegen etwas sein, ich muss nur nicht mehr dauernd dabei sein.

Ich merke jedenfalls, dass ich Handy oder Notebook immer öfter und immer länger weglege und denke: Lesen ist jetzt besser. Das Schreiben längerer Texte auch. Oder etwas ganz anderes, Staubsaugen, Kochen und Bügeln sogar.

Vielleicht waren über zwanzig Jahre der Internet-Intensivnutzung auch einfach genug für mich, das mag sein. Ich halte es mittlerweile fast für möglich. Aber bereuen tue ich immerhin nichts bisher, und das folgende Bild entspricht auch der Sachlage nicht, es fiel nur neulich im Stadtteil an einer Straßenecke an. Es ist eher Chronistenpflicht.

Ein Aufkleber an einem Verkehrsschildmast: Das Internet zerstört dein Leben

Nun also zu einem vielleicht etwas moderateren Umgang mit dieser so umfassenden Onlinebeschäftigung finden. Es ist alles nur eine Phase, wir kennen das. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ich auch bei diesem Thema nicht der Einzige mit eine derartigen Entwicklung bin, sie wird sicher wieder einmal groß sein.

Dauernd hängt man in irgenwelchen Trends herum.

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Maimorgenszenario

Am Mittwoch sehe ich gleich nach dem Aufstehen aus dem Fenster und runter auf den Spielplatz, auf das noch ruhende, regennasse Maimorgenzenario vor der Haustür, in dem nur das Rotkehlchen und der Wind als verlässliche Aktivposten vorkommen. Im Holunder unter mir schlafen die drei Ringeltauben mit dem komplizierten Liebesleben. Sie sitzen mit geschlossenen Augen tief zwischen den großen, weißen Blütenkissen des Busches, sie sehen überaus flauschig eingebettet aus, auf die angenehmste Weise. Sie verbringen die Nächte im Frühjahr zwischen blühenden Plumeaus.

Eine macht ein Auge auf und sieht zu mir hoch. Wer wohl da so irre früh schon am Fenster herumturnt, wird sie sich fragen. Immer lächeln und winken, denke ich mir, aber ihr Auge geht da schon wieder zu. Es ist noch zu früh, für fast alle Arten hier. Da kann man noch nicht auf einer Kontaktaufnahme bestehen, ich verstehe das. Und ich mache das Fenster wieder zu und trinke meinen Kaffee weiter.

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Ich habe die Kafka-Biografie komplett durchgelesen. Alle drei dicken Bände, wie ich streberhaft ergänzen möchte, als gäbe es ein Fleiß-Sternchen dafür. Von denen ich in der Schule allerdings nie, nie eines bekommen habe, wie mit Restbitternis anzumerken ist. In meiner Erinnerung gab es diese Sternchen ausschließlich für Mädchen, seelische Schäden, wohin man nur sieht und denkt. Allerdings kann es auch sein, dass ich einfach nicht fleißig war. Egal.

Wo jedenfalls gerade alle wieder von Nazis reden: Es gelingt Reiner Stach in dem außerordentlich umfangreichen Werk, den kurzen Epilog, in dem aufgezählt wird, wer alles aus Kafkas Welt in der Zeit des Dritten Reichs, wenige Jahre nach seinem frühen Tod, vertrieben und/oder ermordet wurde, ausgesprochen schockierend wirken zu lassen. Also frisch schockierend, meine ich. Obwohl man das alles längst weiß, gründlich weiß und tausendmal gelesen hat etc. Nichts daran kann einen überraschen, gar nichts.

Das Kafka-Universum wird in den Büchern aber dermaßen lebendig dargestellt, dass diese Tode und Schicksale im Anschluss umso stärker und heftiger wirken, in diesen fast lapidaren, trockenen Erwähnungen auf den letzten paar Seiten der so langen Buchstrecke. Und das Zusammenbrechen der Welt, der Familien, der Zivilisation und der Kultur in jener Zeit wird noch einmal deutlicher.

Man verträgt nach diesen letzten Seiten allerdings die aktuelle Nachrichtenlage umso weniger. Die Kombination ist doch allzu entsetzlich.

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Dickens, Drogen

Ich habe die Lange Nacht über Charles Dickens beim Deutschlandfunk angefangen. Da wird mir dann absehbar hinterher die Zeit zum Nachlesen seiner Bücher fehlen, wie nach der Sendung über Truffaut die Zeit für die Filme. Man müsste diese Lesezeit allerdings auch etwas üppiger einplanen, seine Romane sind nicht eben dünn. Und auch bei ihm kenne ich gar nicht alle Werke, fällt mir beim Hören wieder auf. Schlimm.

Aber Dickens klingt doch eher nach einem Herbstprojekt, zumindest für mich. Wenn nicht sogar nach dieser kollektiven Illusion von den ominösen langen Winterabenden. Aber gut, diese Jahreszeiten möchte man im Mai nicht einmal erwähnen. Das also erst einmal verschieben oder gleich unter „vielleicht“ einsortieren. Mit v vorne wie in „vermutlich nie“, man kennt sich immerhin so weit.

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Ein neuer Kiosk eröffnete bei uns um die Ecke. Dort kann man Lachgas kaufen, wie im Stadtteil sofort bemängelt wird. Verbunden werden diese Beschwerden dann aber mit der Erkenntnis, dass die anderen Kioske das auch tun, und längst. Die Abgabe auch an Kinder und Jugendliche ist legal (in anderen Ländern nicht), und die nehmen das zur Belebung der Stimmung auf Partys, nicht etwa zum Aufschäumen von Sahne. Wobei mir auch der Verwendungszweck in der Küche unbekannt war. In den Medien erschien in den letzten Tagen reichlich zum Thema, ich sah es am Rande. Der Gesundheitsminister hat auch schon etwas zu den Gefahren gesagt und irgendwer wird sicher gerade daran arbeiten, die entsprechenden Lehrmaterialien für weiterführende Schulen zu aktualisieren, nehme ich an.

Bis vor etwa drei Wochen hatte ich von Lachgas im Kontext mit Drogen noch nie etwas gehört, man lernt also auch auf diesem Gebiet nicht aus. Man wird aber im Laufe der Jahre nicht unbedingt interessierter daran, merke ich.

Update, noch bevor dieser Text erscheint: Wenige Stunden, nachdem ich den letzten Absatz geschrieben hatte, rief der Bruder der Herzdame an, ein Feuerwehrmann in Westfalen, der einen Jugendlichen wiederbelebt hatte, nach Lachgaskonsum und damit verbundenen massiven Lungenproblemen. Es sah nicht gut aus für den Betroffenen. Was jetzt ausgesprochen erfunden und pädagogisch passend ausgedacht klingt, ich weiß. Aber so war es eben, was soll ich machen. Sie wissen, die Wirklichkeit ist stark überzeichnet, man kann das leider nicht ändern und muss mit solchen eher plumpen Effekten leben.

Von diesem Telefonat haben wir dann jedenfalls sicherheitshalber auch den Söhnen erzählt, man hat seine Pflichten. Und falls Sie also auch Teenager in Ihrem Aufgabenfeld haben …

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Und damit erst einmal ab nach Hammerbrook. Apropos Pflichten.

Die rote Außenwand der S-Bahnstation Hammerrbook, dynamische Perspektiv-Wirkung durch die Linien von Gleisen und Wand

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Lübeck, Postkartenschnipsel

Ich fuhr mit dem Zug nach Lübeck und nach wenigen Stunden zurück, ein Abendtermin in der Heimatstadt. Beide Züge fuhren auf die Minute pünktlich, waren nur mäßig voll, sauber und mit funktionierenden Toiletten ausgestattet. Das Personal war nett, die Sitznachbarinnen schweigsam, die digitalen Anzeigen korrekt, gerne wieder. Für einen Blogbeitrag gibt eine dermaßen gut laufende, bzw. rollende Bahn allerdings wenig her. Es war alles okay, das kann man fast einsilbig abtun: Jo. Dazu ein beifälliges, anerkennendes Nicken, das war es dann schon.

Nur der junge Mann neben mir, der leise telefonierte und mit dem Menschen am anderen Ende zweifelnd diskutierte, ob die Elbe auch durch Dresden fließe oder nicht, der ist vielleicht eine Erwähnung wert. Zumal er in fast rührendem Lokalpatriotismus endete mit: „Aber dann ist sie da bestimmt schmaler als in Hamburg!“

Ich hörte mich, immer noch angeregt durch die Truffaut-Sendung im Deutschlandfunk, während der beiden Zugfahrten durch einige Playlists mit französischen und italienischen Soundtracks zu älteren Filmen. Durch Stücke, die nicht zur Landschaft da draußen passten, nicht zu den wenig attraktiven Unterwegsbahnhöfen Bad Oldesloe oder Reinfeld. Michel Legrand in der norddeutschen Tiefebene, das ist eine Verbindung, für die man mehr Fantasie braucht, als ich an dem Tag zur Verfügung hatte.

Am Bahnhof Lübeck-Moisling, der mir auf der Strecke neu war, da hielt früher kein Zug, da gab es gar nichts, wie ich schon wieder krückstockfuchtelnd anmerken möchte, stand groß „Kill your ego!“ auf die Lärmschutzwand gesprüht.

Aber welches, fragten sich die Stimmen in meinem Kopf, als wir dort vorbeifuhren, eine kurz aufflammende interne Debatte. Wer ist hier eigentlich was, wer hat daran den größten Anteil und wer muss dann zuerst raus. So stellt man sich Zen-Momente auch nicht vor.

Kurz und nur im Vorbeifahren, aus dem Auto meines Bruders heraus, habe ich dann später die Lübecker Sehenswürdigkeiten gesehen. Die bekannten Kennzeichen der Stadt, das Holstentor, die alten Häuserzeilen an der Trave, die Salzspeicher etc., die Türme. Die Bilder, die Sie vermutlich auch im Kopf haben, wenn Sie an Lübeck denken, selbst wenn Sie die Stadt nicht näher kennen. Backsteinfassaden, Treppengiebel, so etwas.

Ich sah den Turm der Marienkirche, neben der ich einmal gewohnt habe, deren Glocken mich an Sonntagen geweckt haben. Den Turm der Jacobikirche, in der ich getauft wurde. Postkartenschnipsel mit Bezug, die nebenbei anfielen.

Das könnte man sich alles auch wieder einmal in Ruhe ansehen, dachte ich, es ist ausreichend lange her. Na, irgendwann einmal.

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Am Montagmorgen merke ich, dass wir am Wochenende größere Mengen Gartenerde mit den Schuhen in der Wohnung auf dem Parkett verteilt haben. Es ergibt ein etwas rustikales Gehgefühl, wie in einem Ferienhaus an der Nordsee in Strandnähe kommt mir dieses Knirschen vor, es hat auch etwas. Es führt aber zu früher Hausarbeit, so beginnt die Woche wieder mit rastlosem Fleiß und Emsigkeit, eine Hausfrau aus dem letzten Jahrhundert ist nichts dagegen. Man muss sich Punkte geben, wo man nur kann.

Die Wetter-Apps versprechen uns sieben Tage Regenwetter. Der Freundeskreis Schrebergarten guckt enthusiasmiert und lehnt sich etwas zurück. Es wird wachsen, es wird alles wachsen.

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Die Hummeln sind unruhig

Die neulich erwähnte Lange Nacht über Truffaut war interessanter, als ich zunächst erwartet hatte. Ich bin nicht einmal ansatzweise ein Filmkenner, ich kenne mich mit dem Thema nicht aus. Ich habe sicher weniger Filme gesehen als Sie, aber diese Sendung war hervorragend gemacht. Eine gute Wahl der Interviewpartnerinnen, es war unterhaltsam und lehrreich, ich möchte das ausdrücklich bejubeln. Ich finde es angenehm, wenn ich in Themen so hineingelockt werde und eher wider Erwarten hängenbleibe.

Jetzt fehlt mir allerdings komplett die Zeit, die Truffaut-Filme noch einmal anzusehen. Dabei wäre es doch angebracht.

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Im Garten röten sich die Erdbeeren und die Kirschen, die Johannisbeeren auch, und von denen schmecken einige schon nach den nächsten Monaten. Es geht auf den Juni zu und man sieht es. Ich drehe Rhabarberstängel ab, es wird Kompott geben, wie in einem Kindheitssommer. Nur dass mir niemand mehr Nachtischschüsselchen reicht, ich muss es alles selber machen. Ich könnte, ein norddeutscher Proust-Verschnitt der eher unbeholfenen Art, die Siebziger aus einer gläsernen Schale Rhabarberkompott auferstehen lassen. Es fällt mir beim Pflücken auf, als die Assoziationen vor sich hin eskalieren und meine Großmutter und Dosenmilch auftauchen. Aber auch das ist natürlich wieder eine Zeitfrage.

Die Äpfel in unseren Bäumen haben schon etwa Golfballgröße erreicht und Zucchini und Kürbis fangen an, sich planmäßig etwas Raum in den Gemüsebeeten zu greifen. Die Bohnen entdecken kletternd das lockende Oben.

Die Lupinen bauen ihre Blütentürme in anspruchsvollem Design auf, während die deutlich verspätete Pfingstrose endlich eine derartig abgefahrene Extravaganz aus Pink und Gold demonstriert – da kommt keine andere Pflanze in diesem Garten mehr mit. Sie hat eine konkurrenzlose Divenrolle

Es grummelt, es blitzt in der Ferne, irgendwo weit hinten in Rothenburgsort, im Nachbarstadtteil. Es dunkelt finsterbewölkt am frühen Nachmittag, es tröpfelt, dann rauscht Regen auf. Die Vögel in den Büschen klingen auf einmal dschungelhaft, wie es nur in Gewitterluft möglich ist, ein schmelzendes, seufzendes Trillern in Alt-Stimmen. Sie klingen in solchen Stunden nicht wie die Vögel von hier.

Der Regen zieht zügig durch, die Sonne holt sofort wieder auf, es ist eine Luft wie in der Sauna und die Mücken starten einen Großangriff auf unsere Arme und Gesichter. Die Herzdame kriecht durch die Stauden und filmt etwas für Instagram. Die Herzdame sitzt zwischen nassen Sommerfliederzweigen vor einem umsummten Salbei und sagt: „Die Hummeln sind unruhig.“ Da haben wir schon wieder ein Lied gewonnen, und es passt sogar recht gut.

Und erst Stunden später fiel mir dann die naheliegende Frage ein – sind Hummeln jemals nicht unruhig?

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Mit fragendem Blick nach oben

Teile des Landes gingen wieder derartig im Regen unter, dass von neuen Rekorden die Rede war. Die Medien schrieben immer noch und immer wieder von „Jahrhunderthochwasser“ und kaum jemandem schien etwas aufzufallen, (hier Frau Büüsker wie immer lesenswert über Hochwasserschutz). In Hamburg waren die Niederschläge der letzten Tage eine eher flickenteppichhafte Veranstaltung. Es schauerte prompt an unserem Garten vorbei, es gewitterte weitläufig um den Garten herum. Es nieselte auf der anderen Seite der Bille und es schüttete zu weit nördlich in der Stadt, da dann prompt als Starkregen.

Von einer fairen Verteilung der Niederschlagsmenge übers Stadtgebiet konnte keine Rede sein. Es schien eine Art Glückspiel zu sein, und das richtige Los hatten wir diesmal nicht. Einmal sah ich Regen, der ein paar Parzellen vor unserer aufhörte, wie abgestellt. Nur als ich kurz zuhause Wäsche auf den Balkon zum Trocknen stellte, da gab die eine Wolke über mir nach. Es war dermaßen erwartbar.

Man möchte man wieder alles persönlich nehmen, mit fragendem Blick nach oben und klagenden Gedanken. Man versteht in solchen Momenten intuitiv, wie Religionen einst entstanden sind. Das Numinose als Beschwerdeannahmestelle gedacht, viel mehr Theorie braucht es vermutlich nicht und ein großes Stück der Menschheitsgeschichte ist schon bündig erklärt.

Ich setze ein paar vergessene, längst allzu langstielig vorgekeimte Kartoffeln im Beet nach, die wir noch in der Laube gefunden haben. Ich sehe dabei, dass der Boden nur zweifingerbreit von kurz durchwehendem Regen angefeuchtet wurde. Darunter ist alles staubtrocken, pulveriges Erdmehl. Und im Rasen um mich herum sitzt der Gilb.

Unsere Regentonnen sind leer und die Radieschen hatten während des Wachstums in den letzten Wochen nicht genug Wasser, man schmeckt es. Die Bitternis des versäumten Gießens, da geht es auch um den Fleiß und den Einsatz der Gärtnerinnen. Man verzehrt das Ergebnis der Handlungen, die man unterlassen hat. So ein Garten kann zu seltsam anmutenden Sätzen führen, aber wie für alle Gartenmetaphern und -bilder gilt auch hier, dass alles übertragbar ist.

In der Kafka-Biografie lese ich, dass er sich auch mit so etwas intensiv beschäftigt hat. Mit Gemüseanbau, mit Obst und Gärten, mit der Landwirtschaft etwa, die seine Schwester Ottla betrieb. Das habe ich nicht gewusst. Ich hatte ihn als Bild eher ausschließlich im Büro, an einem Schreibtisch in städtischer Umgebung im Sinn. Jetzt kann ich ihn mir auch am Beet vorstellen, beim Gießen, beim Jäten. Kafka in den Kartoffeln, warum auch nicht.

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Hammer Kirche

Den mittleren Band der Kafka-Biografie habe ich beendet, den dritten und letzten Band habe ich gerade angefangen. Die Begeisterung hält auch bei diesem über die ersten hundert Seiten hinaus an. Ich habe lange nicht mehr so viel am Stück gelesen, das gefällt mir und das tut mir gut. Es ist entschieden besser für die Nerven, merke ich, stundenlang Bücher zu lesen, als am Smartphone und an den Nachrichten zu hängen oder in der Freizeit zu arbeiten, es ist doch ein signifikanter Unterschied. Ab und zu muss man sich selbst wieder über die einfachsten Dinge belehren, streng und ermahnend.

Und ich glaube, ich habe bisher noch keine umfangreichere Biografie als diese gelesen.

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Das „Hammer“ in der Überschrift bezieht sich auf den Hamburger Stadtteil Hamm, nicht auf das Werkzeug. Ich sollte es für Menschen, die nicht von hier sind, wohl dazuschreiben. Man assoziiert sonst in vollkommen falscher Richtung.

An der U-Bahnstation Hammer Kirche gibt es eine Unterführung der eher trostlosen Art, blass weißgelb und krankenhaushaft gnadenlos gekachelt. Eher unangenehm lang, öde und grell neonbeleuchtet, nicht einmal durch Werbung belebt. Da gehe ich durch.

Vor mir her geht ein Paar weit im Rentenalter. Er laut ächzend am Rollator, langsam, jeder Schritt ein Akt und vermutlich schmerzhaft. Sie daneben, humpelnd, auch nicht wesentlich besser in Form, aber doch noch ein wenig fitter als er. Sie kämpfen sich vorwärts, es sieht gequält und nach erheblicher Anstrengung aus. Wenn die beiden nach Hause kommen, von ihrem vermutlich nur kurzen Ausflug, werden sie erschöpft sein und wieder etwas geschafft haben, das sieht man ihnen deutlich an. So ein kurzer Ausflug reicht dann vermutlich für einen Tag.

Der Tunnel macht am Ende einen Knick, dann kommt der gerade neu eingebaute Fahrstuhl, und der ist außer Betrieb. Hamburg hat mehr Fahrstühle und Rolltreppen an den Stationen als etwa Berlin, viel mehr sogar, aber sie sind oft außer Betrieb. Merkwürdig oft. Und dann oft lange.

Ich biete den beiden an, seinen Rollator die Treppe hochzutragen. Sie sagen nein, sie wollen doch Fahrstuhl fahren, es gibt doch jetzt endlich einen Fahrstuhl. Sie können die digitale Anzeige, dass der Fahrstuhl nicht fährt, nicht lesen, merke ich, vermutlich ist die Schrift auf dem Display zu klein. Endlich verstehen sie es, nachdem sie vergeblich die Knöpfe gedrückt, gewartet und mich irritiert angesehen haben. Sie sagen: „Wie kann es denn sein!“, als sei es eine unerhörte Begebenheit, dass ein Fahrstuhl an einer U-Bahn-Station nicht geht. Wo gibt es denn so etwas.

Ich trage ihnen dann den Rollator die Treppe hoch. Ich gehe ihnen mit der Gehhilfe voraus nach oben, sie mühen sich hinter mir her, die Stufen lauter Herausforderungen. Und ich höre noch, wie er tatsächlich zu ihr sagt: „Das ist ein netter junger Mann.“

Eine Rolle, in der ich lange nicht mehr war, glaube ich. Und ich ergänze selbstverständlich, wie es sich für meine Generation gehört, im Geiste den Text: „Was der sich alles merken kann.“ Ich sage es nicht laut, aber mir wäre gerade danach, passagenweise dieses alte Lied zitieren, leg die Musik von damals auf.

Mit den Textschnipseln von damals im Kopf gehe ich danach weiter durch Hamm, unter den alten Platanen an der Hammer Landstraße entlang, in Richtung Billerhuder Insel, zum Garten. „Hier links ist eine Kirche, sie wurde erbaut in der Vergangenheit“, heißt es in dem Songtext von Max Goldt.

Wenn Sie sich für Kirchenarchitektur interessieren, fällt mir am Rande ein, die Hammer Kirche, an der ich da vorbeigehe, ist etwas Spezielles.

Ich habe aus dieser Zeit, 1982 war das, als das Lied von Foyer des Arts erschien, noch eine erstaunliche Menge Lyrics irgendwo im Hirn, jederzeit abrufbar.

Verse, die lange auf Einladungen warten, auf irgendwelche banalen Zeichen im Alltag, um sich endlich einmal wieder komplett abzuspulen und für ein paar Stunden aufzuleben, um zumindest leise und unauffällig doch noch einmal gesungen zu werden.

Und ich weiß bis heute nichts weiter über Erlangen, abgesehen von diesem Lied. Prägende Erfahrungen.

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Reeperbahn

Auf dem Weg durch Sankt Pauli, siehe gestern, gingen die Herzdame und ich auch ein Stück über die Reeperbahn, wo ich also ebenfalls lange nicht war, und wo sich an dem aufgeführten Stück nichts geändert hat. Der gleiche alkoholbetriebene Tourismusbetrieb wie immer, das gleiche zusammengebrochene Elend am Straßenrand, die Armut, das Trinken im Endstadium. Die feiernden, johlenden Fußballfans in lauten Gruppen auch, die üblichen schwankenden Touristen aus England und anderen Ländern. Ich höre Dänisch, ich höre Schweizerdeutsch, ich höre Sprachen, die ich nicht erkenne.

Die gleichen eher angespannt aussehenden Reisenden aus der Provinz, teils im eng zusammengehenden Familienverband. Auf der Suche nach dem, was es dort nun alles ausmachen soll, dieses Legendäre, das Berühmte, das eben, von dem sie alle immer reden.

Sich immer wieder umsehend, was ist es denn nun eigentlich. Sind wir zu früh und wo gehen wir rein, einen Reiseführer in der Hand. Auch heute noch sieht man sie vereinzelt in Buchform, diese Reiseführer, und ein älterer Mensch hält tatsächlich einen Stadtplan, die kreuzenden Straßen darauf mit der Beschilderung abgleichend, über die Lesebrille hinweg.

Das gleiche Gedränge wie früher auf dem Fußweg vor den Lokalen, die teils noch so heißen, wie sie immer schon hießen. Also wie sie in meiner Wahrnehmung immer schon hießen. Die gleichen Menschenmassen, die Horden, das Geschiebe. Die Torkelnden im Weg, die fetten Imbissgerüche über allem, das Erbrochene an den Ecken auch, die Glasscherben. Die aggressiven Streitgeräusche aus einer Kneipe, vielleicht ein Schlägereibeginn, die Polizeisirenen. Das schrille Lachen der jungen Freundeskreise. Zehn singende junge Männer in den gleichen, lustig sein sollenden T-Shirts.

Die kreisenden Piccolöchen und Bierflaschen in Betriebsausflugs- und Rentnergruppen. Irgendwo weiter hinten warten die Reisebusse, die Fahrer lehnen rauchend in den offenen Türen, es ist ein warmer Abend.

Wie bei uns im kleinen Bahnhofsviertel ist das alles, nur drastisch gesteigert. Der ganze Tourismus- und Szene-Viertel-Wahnsinn im Quadrat und mit deutlich mehr Promille und dazu noch mit blinkenden Neonschriftzügen an den Fassaden. Und mit den rufenden Koberern, die vermutlich eine bessere Menschenkenntnis haben als wir alle.

Es ist, ich muss erst rechnen, über zwanzig Jahre her, dass ich aus Gründen des Entertainments selbst nachts auf der Reeperbahn war. Es ist gefühlt ein Leben her. Wie Erlebnisse und Kapitel aus einem vorhergehenden Band einer mittlerweile recht umfangreichen Romanreihe, so fühlt es sich an. Damals kamen noch Figuren in den Handlungssträngen vor, die längst keine Rolle mehr in meiner Lebenserzählung spielen. Die teils schon beerdigt sind. Oder die weggezogen sind nach Berlin, Köln, aufs Land in Schleswig-Holstein, elbaufwärts und wer weiß wohin. Die womöglich schon vergessen sind oder deren Rolle ein unklar offenes Ende beim Abgang hatte. Was wurde eigentlich aus der und aus dem. Es kommen Gesichter vor, da bin ich mit den Namen nicht mehr sicher, irgendwas mit J vorne vielleicht, aber so hießen sie ja alle. Die zwanzig Julias, die man kennenlernte.

Und mit der einen wichtigen Figur, die über alle Bände in der Geschichte blieb, gehe ich heute Arm in Arm dort entlang. Und die Herzdame und ich reißen uns dabei zusammen und führen nur ein kurzes, eher betont beiläufiges Weißt-du-noch-Gespräch. Es bleibt alles im Rahmen. Wir verlieren uns nicht in Nostalgie, es trägt uns nicht fort und durch die Jahre.

Wir haben es im Griff, zumindest für einen Moment. Und so schlecht war der nicht, dieser Moment.

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St. Pauli, Heiligengeistfeld

Ich hörte auf dem Weg in den Garten und zurück die lange Nacht über Alice Munro beim Deutschlandfunk (2:37). Es gab dazu mehrere Empfehlungen auf verschiedenen Kanälen. Vielen Dank für die Hinweise! Ich habe nebenbei gemerkt, dass ich die Lange Nacht versehentlich nicht als Podcast abonniert hatte, da gibt es wieder herrlichen Nachholbedarf. Gleich noch diese Folge über Truffaut angefangen, auch interessant. Es ist alles wieder üppig angerichtet, ich liebe es.

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Gesehen habe ich diese Doku auf arte über Gregory Peck. Man kann sich während der Sendung immer wieder die Frage stellen, wie unfassbar gut ein Mann aussehen kann, ich finde das einigermaßen beeindruckend. Was für ein Gesicht.

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Apropos „Präsentationsfilmchen aus der Stadtentwicklung“, die ich im letzten Eintrag hier erwähnte – ich kam neulich durch Sankt Pauli, wo ich länger nicht war. Wo ich erstaunlich lange nicht war, wie geht das eigentlich zu – aber egal. Ich sah dort jedenfalls den auf einmal fertiggestellt wirkenden Bunker auf dem Heiligengeistfeld aus der Ferne, mit seiner etwas gigantomanisch anmutenden, neuen und begrünten Überbauung auf dem Dach. Ich weiß nicht, wie fertig er tatsächlich ist und ob er schon eröffnet wurde, aber ich war überrascht von der stark veränderten Silhouette des Riesengebäudes, die ich anders, nüchterner in Erinnerung hatte. Die hatte ich noch in der nackten, ausgesprochen trostlosen Nachkriegsoptik abgespeichert.

In meinem Kopf sah es dort weiter so aus wie in den letzten Jahrzehnten. Ein Bunker wie andere, nur erheblich größer. Ich hatte das spektakuläre Neue dort bisher nicht wahrgenommen. Ich kannte das nur als animierte Grafik im NDR aus der Planungsphase des Umbaus. Also von damals, als zu Beginn der Baumaßnahmen darüber berichtet wurde. Wann immer das genau gewesen sein mag. Durch die Coronajahre ist mein Zeitempfinden endgültig geschrottet worden, denke ich oft. Alles war irgendwann, und wie erstaunlich vage kann man Jahre empfinden.

Seit ich mit den Söhnen jedenfalls nicht mehr zum Hamburger Dom gehe, um sie dort in Karussells zu setzen, komme ich nicht mehr routinemäßig mehrmals im Jahr an diesem Bunker vorbei. Und zack, sieht es dort alles anders aus. Es ist manchmal ein wenig erschreckend, es fühlt sich an, als sei das alles es über Nacht geschehen, wie hingezaubert. Der ganze Betonklotz ein magischer Trick, was natürlich Unsinn ist.

Ich glaube, ich habe diese Stadt lange als etwas Statisches empfunden und sie auch so gesehen. Zumindest als etwas, das sich nur in Zeitlupe verändert, in einem Tempo, bei dem ich im Geiste mitgehen kann. Jahrzehntelang wird das so gewesen sein. Diese Stadt hatte die meiste Zeit ein Tempo, das exakt zu meinem Erleben zu passen schien. Hamburg war eben Hamburg, mein Bild, meine Stadt, eine feste Größe.

Erst in den letzten Jahren habe ich begonnen, die Dynamik der Entwicklung immer öfter zu sehen, die Veränderungsgeschwindigkeit des Stadtbildes und der Struktur, die Bewegung darin. Erst in den letzten Jahren fing es an, dass ich von Veränderungen überrascht wurde. Wie sieht es hier denn aus, wo ist denn dieses Gebäude hin, was steht denn da auf einmal, wo geht es denn da jetzt längs. Das war doch früher anders, da war doch keine Straße, und hier ging es doch linksherum, da wo das Kino war, wie hieß es noch.

Entweder ist auch dieses Erleben und Wahrnehmen lediglich eine Frage der Lebensphase oder es ist tatsächlich etwas schneller und eskalierender in dieser Stadt geworden – oder wir können alles, auch die veränderte Wahrnehmung unserer Umgebung, auf die Pandemie und die besonderen Umstände, Verhaltenweisen, Umbrüche und Zeiten schieben, die damit verbunden sind. Ich bin nicht sicher.

Aber im Zweifelsfalle wird alles zutreffen, eh klar.

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