Das besondere Glück des zweitkleinsten Zeltes

(Die Fortsetzung zu diesem Artikel)

Timmendorf war dem Sohn dann irgendwie nicht sympathisch. Ich halte mich da allerdings für unschuldig, ich habe ihm nicht von meiner jugendlichen Aversion gegen den Ort erzählt, keine Silbe. Aber er fand es einfach nicht nett dort, vermutlich lag es an den dominierenden Hotelklötzen, so etwas mag er nicht. Dazu trug aber auch eine Cola bei, die er dort getrunken hat, die war nämlich exorbitant teuer, selbst wenn man Szeneviertelpreise aus Hamburg gewohnt ist. Also sie war immerhin so teuer, dass sogar dem Kind der Preis auffiel, was man auch erst einmal hinbekommen muss. Sie war außerdem abgestanden und wurde mit überschaubarer Freundlichkeit serviert, das kam zusammen nicht gut an. Es bestärkte auch wieder einen Eindruck, der sich bei mir immer mehr verfestigt, auch nach zahlreichen Erfahrungen drüben an der anderen Küstenlinie des Landes und auf gewissen Inseln, dass nämlich die Verpflegung der Touristen im Norden ziemlich oft genau so erfolgt, dass sich die Mehrheit der Gäste nicht ausdrücklich beschwert – und nicht etwa so, dass alle die Köchinnen und Herstellerbetriebe preisen ob der sensationellen Qualität der dargebotenen Speisen und Getränke. Wozu man sich jetzt natürlich ein anderes Beispiel als eine Cola denken muss, pardon. Und selbstverständlich wird es auch reichlich Gegenbeispiele für diese Annahme geben, ich finde sie nur eben nicht. Oder nur selten. Oder ich kann sie mir nicht leisten, das kann natürlich auch sein. Ein Bekannter hatte zu diesem Thema einen sinnvollen Einwand, den will ich auch nicht unterschlagen, er meinte nämlich, dass das, was mir wie unteres Kantinenniveau vorkommt, vielleicht genau das ist, was allgemein gewünscht ist, und dann ist das eben alles berechtigt so. Ja nun, ich weiß es nicht. Ich halte mich keinesfalls für einen Gourmet oder auch nur für einen Kenner. Aber abgestandene Getränke und vertrocknete Fischbrötchen erkenne ich doch, und da fängt es eben an.

Der Sohn geht also grummelnd durch Timmendorf, findet, dass Gosch Sylt gefälligst nur auf Sylt zu sein hat, was soll denn dieser blöde Name sonst, irreführend ist das doch, und er ist auch sonst mit allem unzufrieden. Peak Wanderlust ist eventuell deutlich in Sicht, denke ich mir. Aber wir gehen und gehen und der Ort wechselt irgendwann, wir passieren ein gelbes Schild.

Wir kommen an der Ostseetherme vorbei, an dem großen und aus meiner historisch geprägten Sicht neuen Schwimmbad in Scharbeutz, das ist so eine Anlage der Superlative, ein Wellnesstempel vermutlich erster Klasse, ich bin auch da wieder kein Kenner, ich habe es nicht so mit Wellness. Auf der Homepage, die ich mir im Vorbeigehen reflexmäßig ansehe, steht, dass man da auch Bademode kaufen kann, und die ist natürlich – was sonst – exklusiv, ich kann das Wort allmählich nicht mehr hören. Ob ich wohl jemals exklusive Bademode erkennen würde, wenn sie jemand neben mir tragen würde? Erkennt das überhaupt irgendwer und was hat man davon? Ich stelle mir vor, wie ich mit einer exklusiven, also einer gesellschaftlich abgrenzenden Badehose am Strand stehe, inmitten des allgemeinen und sehr inklusiven Getümmels. Würde mir das weiterhelfen, ginge es mir dann besser?

Den Sohn und mich fasziniert aber noch viel mehr, dass es entlang des Gebäudes noch heißer als ohnehin schon ist, wir brauchen eine Weile, um uns das vernünftig zu erklären. Abluft der Wasserheizung, reflektierendes Glas, gespeicherte Wärme im Stein, ich habe keinen Schimmer, woher er das eigentlich alles wissen kann, sie lernen also doch etwas in der Schule. Dann gehen wir als seriöse Forscher noch einmal testweise hin und her, Irrtum ausgeschlossen, das Ding strahlt Wärme ab wie irre, man könnte es sich glatt für kalte Tage vormerken, daran vorbeizugehen. Wobei es an kalten Tagen natürlich keine gespeicherte Wärme im Stein gibt, schon klar.

Aber davon abgesehen wäre es nett und dringend, jetzt irgendwo anzukommen. Ich gucke also auf dem Handy nach einem Campingplatz. Es gibt auch wirklich welche, gleich mehrere, und sie liegen sogar in machbarer Entfernung, kurz vor Haffkrug. Da müssen wir nur noch eben durch Scharbeutz durch, wobei das natürlich auch ein langer, langer Ort ist, aber eben nur einer, das müsste gehen. Wenn man noch ein Eis isst jedenfalls. Auf der Suche nach dem Eis finden wir für eine Weile keinen Schatten, das setzt uns zu. In einer Bäckerei versorgen wir uns wenigstens mit kaltem Wasser aus dem Kühlschrank und lassen uns auf den Boden vor dem Laden fallen, Zwangspause, nichts geht mehr. Immerhin erreichen wir den Punkt gleichzeitig, das macht es einfacher.

Dann rappeln wir uns mit Wasser betankt wieder auf und peilen den Campingplatz an. Dabei passiert, was auf vielen Reisen passiert, wenn man lange unterwegs ist. Die letzte Stunde zieht sich und zieht sich und die Stimmung verelendet. Der Campingplatz ist am Ende dieser Straße, er ist nach dieser Biegung, hinter der Kurve, nein, nach dieser erst oder dahinten oder doch nicht. Hätten wir etwa andersherum gemusst? Längst trage ich auch den Rucksack des Sohnes und seinen Wanderstock. Längst hat sich der Handyakku im unpassenden Moment verabschiedet und eine Karte auf Papier habe ich nicht dabei, das passiert mir auch nicht noch einmal. Ganz dahinten stehen Wohnwagen, wo Wohnwagen stehen, da kann man meistens auch ein Zelt aufschlagen, aber wie kommt man da bloß hin? Wieso stehen denn nicht überall Schilder, die zum Campingplatz weisen, die sieht man doch sonst dauernd an den Straßen, wenn man gerade keinen Campingplatz braucht? Ich setze den Sohn in den Schatten eines Baumes und gehe alleine erkunden, denn da kommt ein längeres Stück offene Landstraße, da wird man schon wieder kurzgebraten, das möchte ich ihm nicht mehr zumuten. Weil der Sohn noch nicht genug Actionfilme kennt, sagt er nicht: “Alleine kannst du es schaffen”, den Satz muss ich mir denken.

Der Eingang des Campingplatzes ist gar nicht vorne am Strand, wo er nach meinem Gefühl hingehören würde, der ist ganz weit landeinwärts an der großen Straße, wo er nach dem Gefühl der Autofahrer hingehört. Wobei “ganz weit” in dieser Stimmung auf jede beliebige Entfernung größer als zehn Meter zutrifft. Ich gehe also ganz weit und dann noch um eine Kurve hinter einer Tankstelle, und da ist dann endlich der Eingang vom Campingplatz Seepferdchen. Ich gehe zurück und hole den Sohn, der mir schon von weitem entgegen ruft, dass hier aber wirklich verdammt wenig Taxis fahren, in dieser Gegend. Das sei in Hamburg ja klar besser. Mit erschöpften Wanderern soll man nicht argumentieren, ich nehme ihn an die Hand und wir gehen zum rettenden Campingplatz.

Der Mann an der Rezeption des Campingplatzes sieht uns an und fragt, wo wir herkommen. “Aus Travemünde? Zu Fuß? Respekt!” Ja, das finde ich auch, ein wenig Respekt ist völlig angemessen, das ist doch eine ganz ordentliche Strecke für zwei Anfänger. Und bei dem Wetter! Er füllt Papiere aus, er sieht sich meinen Ausweis an, er reicht mir Kurkarten, immer braucht man überall Kurkarten. Ich zahle einen erfreulich geringen Preis und erwerbe schon einmal zwei Duschchips, fünf Minuten ein Euro, damit werden wir später noch Spaß haben. Selbstverständlich liegt die Zeltwiese noch in der prallen Sonne, der Platzwart weist mit der Hand vage in eine Richtung: “Da irgendwo könnense.” Wir bauen das Zelt auf, was auch deswegen ganz außerordentlich schnell geht, weil es das kleinste Zelt auf dem Platz ist, wie der Sohn kritisch bemerkt. Er geht überall herum und guckt, er geht auch noch eine Wiese weiter, es bleibt dabei, alle Zelte sind größer als unseres. Ich finde das lustig, er weiß noch nicht recht, wie er es finden soll. “Kleine Zelte kann man besser tragen”, sage ich, “viel besser sogar.” “Hm”, sagt der Sohn und guckt nachdenklich. Sehr nachdenklich.

Wir schieben die Isomatten ins Zelt, die Schlafsäcke – wozu eigentlich Schlafsäcke? Man könnte bei den Temperaturen auch nackt auf der Wiese schlafen, selbst dabei würde man nicht frieren. Aber ich habe ja brav alles getragen, ich räume also auch brav alles ein, Camping, wie es gehört, man verbringt die meiste Zeit mit Räumen. Hinter uns zeltet ein größerer Trupp junger Männer, die habe eine Fahne aufgehängt, ein Drache und ein Schwert, was mag das sein, Fantasyzubehör, Vereinsstolz, Heimatstolz, Nazikram oder sonstwas? Und was nützt eigentlich eine Fahne, die eh niemand versteht? Man könnte auch eine exklusive Badehose hissen, gleicher Effekt.

Neben uns baut ein anderer Vater ein Zelt auf, sein Sohn hilft ihm. Das Zelt scheint groß zu sein, nach einer Weile denke ich, dass es sogar verdammt groß sein muss. Der Vater wirkt einigermaßen ratlos, wir gucken mal, ob wir helfen können. Es stellt sich heraus, dass das Zelt geliehen ist, es war kein Bild dabei und es ist angeblich für vier Personen, sieht mir aber eher nach einem Sechspersonengroßzelt aus, dessen Form man nicht so leicht erkennen oder erraten kann. Es ist so eine Sache mit geliehenen Zelten.

Nach ein paar weiteren eingeschobenenen Stangen wird klar, dass dieses Zelt dort ganz bestimmt nicht aufgebaut werden kann, es würde sonst glatt die Nachbarzelte vereinnahmen, man hätte Zelte im Zelt, das geht beim besten Willen nicht. Der andere Vater baut also alles wieder ab und verstaut es fluchend im Kofferraum, in dem er noch ein Ersatzzelt hat, weil er mit so etwas schon gerechnet hat. Das Ersatzzelt ist ruckzuck aufgebaut und noch kleiner als unseres, mein Sohn nimmt das mit Vergnügen zur Kenntnis. Große Zelte sind richtig schwierig, hat er gerade gelernt, zweitkleinste Zelte sind aber vielleicht am allerbesten, die sind super praktisch, sie sind leicht zu tragen, sie sind aber auch kein Negativrekord. Er sitzt jetzt wieder deutlich besser gelaunt im Zelteingang und findet alles gut. Denn das ist ja total interessant, so ein Campingplatz. Man kann lange zusehen, was andere so machen, man kann rätseln, warum sie es genau auf diese Art machen und man kann sich vorstellen wie es wäre, dieses Zelt oder jenen Wohnwagen zu haben. Das ist alles erstaunlich unterhaltsam und kurzweilig, dauernd passiert etwas und man lernt wirklich leicht Leute kennen, auch solche, die einem sonst nicht begegnen, wir hören um uns herum sämtliche deutschen Dialekte, der Sohn spricht mit Kindern, die wirklich komisch reden, was die von ihm sicherlich auch denken. Die Kinder fragen sich, wo sie herkommen, die Namen der Städte und Dörfer sagen ihnen oft nichts, das sieht man ihnen an. Einige nennen benachbarte Großstädte, das hilft auch nicht in jedem Fall, manche Kinder nicken aber immerhin wissend, wenn sie zum genannten Ort einen Fußballverein kennen. Es gab in den Medien gerade Debatten zu dieser Frage nach dem Woher, ich glaube, die Regel ist einfach. Reisende fragt man nach uralter und sicherlich weltweit gültiger Tradition, wo sie herkommen und wo der Weg hinführt, denn das Woher und Wohin der Reisenden ist immer von Interesse. Alle anderen fragt man nicht, denn mit der Frage ignoriert man eventuell Tatsachen, die man seit mehreren Jahrzehnten hätte zur Kenntnis nehmen müssen, in diesem Land sehen nun einmal nicht alle Menschen gleich aus, man muss da nicht mehr überrascht sein. Den Rucksacktouristen kann man fragen, den Fischbudenverkäufer nicht, ich finde das recht einfach.

Camping rutscht jedenfalls auf der Urlaubswunschliste des Sohnes weit, weit nach oben, das scheint ja überhaupt nicht langweilig zu werden. Und es ist so günstig! Man kann, wie der Sohn nachrechnet, für eine Hotelübernachtung locker fünfmal auf dem Campingplatz schlafen. Man bekommt aber nicht fünfmal so viel Urlaub, sage ich schon einmal zur Sicherheit.

Aus einem Wohnwagen riecht es nach angebratenem Fleisch, eine Mutter reicht einem Kind Essen in einer Plastikschüssel aus der Tür, mir fällt eine ganz frühe Erinnerung ein. Meine Familie hat vor Urzeiten mal Camping in Scharbeutz gemacht, da war ich noch klein, ich weiß gar nicht, wie klein genau, sehr klein, weit vor der Grundschule. Ich liege vor dem Wohnwagen auf einer Decke im Gras und jemand gibt mir eine Banane. Warum merkt man sich so etwas? So spektakulär werden Bananen doch damals im Westen nicht gewesen sein? Ich weiß sonst fast nichts aus dieser Zeit, nur diese eine Banane und dann noch eine weitere Sekunde, in der ich mit meinem Bruder im Wohnwagen liege und schlafen soll, wozu wir aber viel zu gut gelaunt sind. Eine Situation, die mir heute natürlich aus der Elternsicht bekannt ist. Das denke ich tatsächlich dauernd in solchen Momenten, wenn die Kinder abends in den Betten randalieren, so waren wir damals auch, genau so.

Wir machen das Zelt zu und gehen zum Strand, es wird jetzt Zeit für das Feierabendschwimmen und für ein Abendessen. Höchste Zeit sogar.

Fortsetzung hier

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Jojos erstes Festival: A Summer’s Tale

Ein Text von Jojo Buddenbohm, fast elf Jahre alt, auch bekannt als Sohn I.

Wir sind mit einer Freundin von Mama und ihren Söhnen, die ungefähr so alt waren wir ich, zum A Summer’s Tale gefahren. Die Freundin hat auch Workshops angeboten, das waren Swing-Workshops. Wir konnten deswegen dann auch mit auf dem Crew-Campingplatz wohnen.

A Summer‘s Tale #asummetstale2018 #asummerstale

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Es gab Konzerte, Workshops, Lesungen und auch ab und zu mal Comedy. Für die Workshops brauchte man meistens eine Anmeldung. Zu einem Workshop, den ich gerne gemacht hätte, konnten wir nicht hin, weil wir keinen Platz mehr bekommen haben, das war Kanufahren. Aber bei anderen haben wir Glück gehabt, z.B. bei „One Bowl – One Love“. Da mussten wir selber kochen und es kam ein richtig gutes Rezept raus, das war ganz lecker.

Es gab auch einen Comic-Workshop mit einem richtig guten Comic-Zeichner (Markus Winter), der auch selber Postkarten gestaltet. Da war ich alleine, das hat Spaß gemacht.

Meine Mutter hat noch zwei Swing-Workshops bei ihrer Freundin mitgemacht. Ich glaube, sie fand die gut. Insgesamt war alles sehr lustig.

#asummerstale #asummetstale2018

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Wir haben uns öfters Konzerte angeschaut, die zum Teil auf der Hauptbühne waren, wie z.B. Madness. Die waren aber langweilig. Und meine Mutter hat da noch Kettcar gesehen. Die Band Fury in the Slaughterhouse haben wir verpasst, weil wir da eine Nachtwanderung mit Schnitzeljagd gemacht haben, die wollte sie aber eigentlich auch sehen.

Außerdem gab es noch ein Zirkuszelt, da haben wir die Band Meute gesehen. Die fand ich eigentlich ganz gut und meiner Mutter und ihrer Freundin hat das richtig gut gefallen, alle haben getanzt.

#Meute #asummerstale #asummetstale2018

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Meine Mutter hat dann noch Tocotronic gesehen, da war ich aber nicht dabei.

#tocotronic #asummerstale #asummetstale2018

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Und mir hat noch so ein Comedy-Typ gefallen, Jan Philipp Zymny, der hat ein einen eigenen Rap verfasst und eine Geschichte erzählt, über einen gruseligen Melonenmenschen.

Es gab da auch einen Fußballmoderator, Arnd Zeigler, der hat lustige Fußballbilder und Videos gezeigt und kommentiert. Das ging sehr an die Schmerzgrenze, das war sehr lustig.

Das Essen da war auch gut, besonders lecker war der Burgerstand. Da gab es ein Kindermenü, obwohl der Burger genauso groß war wie der Erwachsenenburger. Oder die Quarkerei, da gab es verschiedene Quarksorten und Frozen Quark, das kannte ich bisher nicht.

Die Preise waren schon etwas teuer. Aber das Essen war auch wirklich lecker.

Man durfte keine Glas- oder Plastikflaschen mit auf das Gelände nehmen. Aber es gab Zapfstellen, wo man sich die Pfandbecher von den Getränkeständen kostenlos wieder auffüllen konnte. Man musste also nicht immer wieder Getränke kaufen. Die Becher waren ganz schön, deshalb haben wir nicht alle zurückgegeben und welche als Erinnerung mitgenommen.

Auf dem Festivalplatz gab es Kompostklos, wenn man mal musste, musste man sich immer einen Becher Holzspäne mitnehmen. Sehr umweltfreundlich.

Die Stimmung war gut, gut, gut. Ich habe immer alle total happy gesehen und alle waren nett zu einander.

#asummerstale #asummetstale2018

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Am besten fand ich die Comedy. Meiner Mutter haben am besten die Swing-Workshops von ihrer Freundin und die Band Meute gefallen.

Nächstes Jahr würde ich liebend gerne wieder hinfahren und kann es anderen auch nur empfehlen.

Abschied vom #asummerstale #asummetstale2018

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12 von 12 im August

(Die zahllosen anderen Ausgaben der Reihe 12 von 12 wie immer hier)

Ich stehe wie fast immer weit vor der Familie auf, koche mir einen Kaffee und gehe an den Schreibtisch, wofür hier unten gleich ein Symbolbild folgt, natürlich schreibe ich am Computer. Sonst würde die Familie ja auch nicht mehr schlafen.

Mit der schlafenden Familie im Rücken schreibt es sich am besten, das gilt bei mir seit vielen Jahren. Ich tippe weiter am seltsam ausufernden Wanderbericht, zwischendurch frage ich mich auf einmal, ob ich die Orte dabei eigentlich in der richtigen Reihenfolge wiedergebe, also sehe ich lieber noch einmal auf der Wanderkarte nach. Schreibende Menschen kennen das vielleicht, ab und zu überkommt einen die Angst, dass man nicht nur die üblichen kleinen Fehler macht, sondern TOTALEN STUSS schreibt, deswegen gucke ich so etwas sofort gründlich nach. Immer.

Sohn I steht wie üblich als Zweiter auf, er sieht auf die neben mir liegende Wanderkarte, die kennt er noch gar nicht.

“Was ist das hier unten, diese Biegung?”
“Das ist die Lübecker Bucht.”
“Die könntest du doch mal längs gehen!”
“Das habe ich gerade gemacht. Mit deinem Bruder.”
“Oh.”

Kommunikation in der Familie, darüber könnte man ja auch Bände schreiben.

Ich gehe Brötchen holen, da das Kind, das Brötchen holen sollte, verspannt ist. Verspannt! Das Wort hätte ich in seinem Alter gar nicht gekannt, aber gut formulierte Ausreden müssen belohnt werden, sprachliche Förderung geht bei mir immer vor, also gehe ich selbst. Meine Verspannungen interessieren hier eh keinen.

Die Brötchen sind furchtbar wie immer, die sehen nur gut aus, im Grunde ist die Qualität, die da geboten wird, gar nicht mehr zumutbar, sie ist unter aller Sau, eine Frechheit und eine Schande für den altehrwürdigen Begriff Bäckerei.

Im Flur unserer Wohnung steht eine wartende Holzeins, für die die Herzdame gestern in immerhin fünf Geschäften war, diese Holzzahlen scheinen nicht mehr so üblich zu sein. Man braucht aber doch eine Holzeins, genauer eine zweite Holzeins, wenn Kinder ein gewisses Alter erreichen, und das ist hier demnächst der Fall.

Apropos Geschäft, ich habe neulich in einem Kaufhaus hier um die Ecke einen Ball für die Söhne gekauft. Der verlor aber nach jeweils fünf Stunden schon die Luft, deswegen habe ich den zurückgebracht, denn fünf Stunden sind auch für einen recht günstigen Ball eher wenig, finde ich. An der zentralen Kasse im Erdgeschoss, die mir wie ein ziemlich logischer Anlaufpunkt für so etwas vorkam, fragte ich, ob ich da richtig sei: “Nein, da sind sie hier aber ganz falsch. Ganz falsch!” Ein abwehrender Satz, vorgebracht in heller Empörung, wie Kunden nun wieder so doof sein können, so etwas zu fragen, also wirklich. Man schickte mich in den vierten Stock, denn da habe ich den Ball ja auch ausgesucht, logisch. Im vierten Stock war aber kein Mensch, auch logisch, also aus Kundensicht. Als dann eine Verkäuferin auftauchte, war sie, na klar, nicht zuständig, als ein Verkäufer auftauchte, verwies er auf einen anderen, der müsse eigentlich bald kommen – und der kam dann auch irgendwann, durfte aber nichts entscheiden. Und als der, der was entscheiden durfte, schließlich gefunden war, schickten sie mich mit dem doppelt unterschriebenen Bon wieder ins Erdgeschoss, wundern sich aber jeden Tag, warum die Leute alles online kaufen. Meine Güte.

In der Küche stelle ich nebenbei fest, dass wir in diesem Jahr den Frühjahrsputz ausgelassen haben, viel im Garten und überhaupt wochenlang weg waren, dass wir ferner, wenn wir denn doch einmal da waren, wohl gehaust haben wie die Dreijährigen, und so sieht es hier auch aus. Während draußen die Kirchenglocken die Frommen zur sonntäglichen Andacht rufen, suche ich also Putzmittel zusammen, räume die erste Schublade aus und starte die dringend notwendige Großaktion, da haben wir also Besinnung und Fleiß in einem Moment schön vereint, wenn das kein norddeutscher Sonntag ist.

Es kommt dabei allerdings zum Küchen-GAU, ich räume nämlich auch die Schublade mit dem ganzen Tupperzeug und den Frühstücksboxen und Trinkflaschen der Söhne komplett aus, die Schublade also, die nur fortgeschrittene Gamer und ausgeprägte Fans von 3-D-Puzzles wieder vollständig einräumen können. Alle Familienmitglieder gucken sofort angestrengt weg und müssen dringend andere Dinge tun, ich dann auch. Wenn sich das Zeug bis morgen nicht von selbst einräumt, dann machen wir eben einen neuen Plan, ziehen um oder wandern aus, was weiß ich. Wir hinterlassen jedenfalls bemerkenswert saubere Schubladen.

Egal, ich versuche es mit einem Mittagsschlaf, scheitere aber wieder an dem Phänomen, dass hier alle Familienmitglieder sofort etwas von mir wollen, wenn mein Körper tagsüber waagerecht ausgerichtet wird. Faszinierend. Aber auch enervierend, zumal wir im Schlafzimmer weiße Vorhänge haben, die bei offenen Fenstern so sachte herumwehen und sich hier dezent etwas bauschen, dort ein paar kleine Wellen schlagen, bei dem Anblick kann man wirklich hervorragend ruhen und einschlafen. Eigentlich.

Draußen ist grauer Himmel, das ist hier keiner mehr gewohnt, die Stimmung ist etwas getrübt. Ich gehe zwischendurch mit Sohn I etwas planlos raus und sehe mir in den Schaufenstern des Stadtteils die neuesten Modetrends an, nicht alle können mich überzeugen.

Bei grauem Himmel kann man sich aber wenigstens mal wieder an den Herd stellen, das ist in dieser Wohnung bei Sommerhitze nicht möglich. Es gibt Couscous mit Huhn, Zucchini, Datteln, Kreuzkümmel und Koriander, ein hervorragendes Essen, wenn ich mich mal kurz selbst loben darf. Das Rezept kam wieder aus der von mir viel genutzten KptnCook-App, keine bezahlte Werbung, nein, nicht einmal ein Link.

Ich lese außerdem weiter in Ortheils Moselreise, zu der mir erstaunlich lange kein Symbolbild einfallen wollte. Dann aber doch noch:

Passt schon.

Eines der Fotos ist bei mir traditionell ein Video, da lade ich jetzt das ab, was mir Youtube seit Wochen aus mir völlig unklaren Gründen wieder und wieder empfiehlt, mit einer Hartnäckigkeit, die schon erstaunlich ist. Porque te vas. Vielleicht hört es jetzt auf? Vielleicht musste es nur einmal raus?

Ich schreibe weiter am Wanderbericht, ich sortiere Termine, ich mache Schreibtischzeug. Die Herzdame geht zum Tanzen, ein Sohn liest, einer haut ab zu einem Kumpel, der Tag dümpelt so dahin, das ist gar nicht schlecht. Unaufgeregt.

Fehlt nur noch der Hinweis, was der Sohn liest:

Er findet es allerdings eher langweilig. Vielleicht wird es noch? Dann schreibt er was darüber, dann merken Sie das. Und wenn nicht – tja.

 

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Der kleine Tierfreund

Da die Kaltmamsell in den Kommentaren zum letzten Artikel “Die Moselreise – Roman eines Kindes” von Ortheil empfohlen hat, habe ich mir das Buch aufs Handy geladen und umgehend angelesen. Ich hatte heute eine Stunde komplett freie Zeit dafür, da die Söhne im Jumphouse waren (keine bezahlte Werbung) und ich im Vorraum auf sie wartete, über die Aktion wird Sohn I eventuell noch schreiben. Ein sehr feines und rührendes Buch ist das jedenfalls, ich danke für die Empfehlung.

Was Sohn I sicher nicht über das Jumphouse schreiben wird, das nehme ich schon vorweg. Ich bin nämlich wegen meiner immer noch schrottreifen Ellenbogen nicht mit in diese Trampolinhalle gegangen, das schien mir nicht ratsam. Als die Herzdame das letzte Mal Kunststückchen auf einem Trampolin machen wollte, da hatte sie hinterher wochenlang Spaß mit einem Orthopäden, und die Herzdame ist deutlich jünger als ich und hat zwei völlig gesunde Arme. Ich habe also weise verzichtet, was mir, wie man sich vielleicht denken kann, nicht allzu schwer fiel. Herumhüpfen, nein, das ist einfach nicht meins. Andere Eltern sahen das anders, andere Eltern gingen da wild entschlossen und in betont sportlichen Klamotten mit rein – und ich habe mich mehr so nach innen etwas darüber amüsiert, dass die deutliche Mehrheit dieser anderen Eltern nach etwa zehn Minuten mit hochroten Köpfen ziemlich wörtlich in den Seilen hing oder in den Gastrobereich retirierte. Auf Trampolinen herumzuhüpfen ist nämlich doch nicht mehr ganz so einfach, wenn man ein gewisses Alter und ein gewisses Gewicht überschritten hat. Es sieht nur leicht aus.

Ich kann mich nicht erinnern, in meiner Kindheit einem frei bespielbaren Trampolin begegnet zu sein. Es gab zwei Dinge, die damals beim Springen halfen. Zum einen das Sprungbrett, das unser stets heillos besoffener Sportlehrer immer vor den großen Kasten schob, damit Kleine wie ich und auch Übergewichtige an dem Gerät eine Chance hatten. Zum anderen das Sprungbrett am Einer im Schwimmbad, von dem mich anlässlich des endlich zu erwerbenden Freischwimmers der Schwimmlehrer ohne Warnung warf. Es gibt so Vorkommnisse, die merkt man sich für die Ewigkeit und ja, das habe ich schon einmal erzählt. Da kann man mal sehen, was so etwas anrichtet.

In der Sporthalle der Schule gab es zwar ein kleines Trampolin, fällt mir gerade ein, das wurde aber nie aus dem Verschlag geräumt, das stand da eben so herum. Hochkant abgestellt.

Und übrigens immer wenn ich daran denke, wie viele unverkennbar alkoholkranke Lehrerinnen und Lehrer ich hatte, wie viele Erlebnisse mit krass übergriffigem Lehr- und Betreuungspersonal aller Art, fällt mir wieder auf, dass die Söhne es in dieser Hinsicht eindeutig besser haben, das kann und muss man doch ab und zu lobend erwähnen. Es wird nicht alles schlechter.

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Wir haben Ameisen in der Küche, es sind so dermaßen viele, da muss man etwas machen. Ich bitte also einen Sohn, das mal eben zu recherchieren, wozu hat man große Kinder. Der Sohn geht an den Computer, wie wir es alle machen würden. Allerdings sieht er gleich auf Youtube nach, ich dagegen hätte wohl erst einmal gegoogelt, das sind so die Unterschiede. Die Ergebnisse sind aber nicht großartig verschieden, merke ich später, man kommt bei solch einfachen Fragen auf dieselben Hinweise und guckt dann kurz darauf gemeinsam in den Schränken nach Backpulver, Essig, Spülmittel, Gurkenschalen und Zimt. Ich war auf Google deutlich schneller als er, er weiß dafür aber besser, was man genau wie mit dem Zeug machen muss, denn er hat ja Bilder gesehen – es gleicht sich irgendwie aus.

Ansonsten möchte ich Ameisen in der Küche als stundenlange Beschäftigung für Kinder ausdrücklich empfehlen, denn man muss ja herausfinden, wo die Tierchen herkommen, wo sie hingehen, was sie unterwegs so machen und welche Lebensmittel sie besonders toll oder abstoßend finden, ganz wie ein richtiger Tierforscher. Und genau wie die echten Tierforscher muss man dazu natürlich alles gründlich und lange beobachten, fotografieren und filmen. Darauf hätte ich auch früher schon viel kommen können, so ein billiges, lehrreiches und leicht verfügbares Entertainment.

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Die Deutsche Welle schaltet die Kommentare ab, ein längst überfälliger Schritt.

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Eine Reportage über einen Unfall. Auch beklemmend.

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An den Wänden geht es hier im Stadtteil gerade so zu, es eskaliert gewissermaßen vor sich hin:

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Was noch? Ein weiteres Filmchen, wir bleiben bei dem oben eingeleiteten Gefühlsmodus. Was man im Internet eben so findet.

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Nachdem mir auf der Wanderung mit Sohn II an der Ostseeküste so viel aufgefallen ist, was ich notiert und ausgewertet habe, so viel sogar, dass es mindestens noch für zwei, drei Blogeinträge reichen wird, bin ich heute zum Vergleich durch den ganzen Stadtteil hier gegangen. Ich bin ganz langsam gegangen und habe mich besonders viel umgesehen, ich habe auch hier und da bei den Gesprächen der Passanten mal hingehört. Ich bin ab und zu auch extra lange einfach so in der Gegend stehen geblieben – und mir ist überhaupt nichts aufgefallen. Nichts, gar nichts, worüber ich schreiben könnte, nur blanker Alltag der reizlosesten Art, das meinte ich neulich mit den Sehstörungen in der eigenen Hood. Hier ist nichts, gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.

Ich muss also wirklich wieder los, allerdings wird das an diesem Wochenende nicht klappen. Wir müssen und wollen nächste Woche zur Trauerfeier für die Urgroßmutter der Söhne, das verwirbelt terminlich erst einmal einiges. Wenn hier wieder mal nichts erscheint – Sie wissen Bescheid, ich fahre durch die Gegend. Und ab Montag geht es auch zurück ins Büro, es wird irgendwie nicht einfacher. Aber ich bleibe dran.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Nackt mit Hund im Boot

(Die Fortsetzung zu diesem Artikel)

Nachdem der Sohn dem Meer endlich wieder entstiegen ist, gehen wir in Niendorf ein Eis suchen, das dauert unerwartet lange. In meiner Erinnerung gibt es an der Ostsee alle hundert Meter eine Imbissbude mit Pommes, Strandspielzeug, Comics und Eis, das ist aber gar nicht mehr so, oder es war überhaupt nur in Travemünde so, das kann natürlich auch sein. Wir müssen jedenfalls etwas suchen, bis wir endlich Eis finden und da ist die junge Verkäuferin dann von unserer harmlosen Bestellung so dermaßen überfordert, man kann es nur mit der Hitze erklären, mit der man gerade so ziemlich alles erklären kann. Sie bekommt ihre Hände nicht sortiert, sie weiß nicht, wie sie die Waffel halten soll, wie die Eiszange, sie wechselt die Hände, sie guckt ihre Finger an, als seien die alle fremd und neu, sie dreht sich im Kreis, sie weiß nicht, was wo ist, sie weiß auch nicht, welches Eis wo ist, sie ist so dermaßen verwirrt, man möchte ihr gut zureden und sie in die Pause schicken, kurz mal ins Meer oder nach Hause. Ich reiche ihr das Geld und sage sicherheitshalber, was ich gerne zurück haben möchte, sie zählt verbissen Geld ab. “Das war jetzt aber komisch”, sagt der Sohn, “Es gibt so Tage”, sage ich, “hat jeder mal”, und dann essen wir erst einmal Eis, und an der nächsten Bude essen wir gleich noch ein Eis, denn wer viel wandert, der braucht auch viel Eis und der Gedanke an andere Nahrung ist bei der Hitze eh nicht zu ertragen.

Die Sonne ist immerhin über den höchsten Punkt und jetzt tritt ein angenehmer Effekt ein, wenn wir stur immer an den Promenaden entlang gehen, die es natürlich in jedem Ort an der Küste gibt, dann gehen wir oft im Schatten der teureren Hotels und größeren Privathäuser, die immer in der erste Reihe stehen. Küstenorte funktionieren vermutlich weltweit nach diesem Prinzip, man kann sich überall danach orientieren: Strand, Promenade, erste und teure Häuserreihe, zweite und etwas billigere Häuserreihe mit mehr Geschäften, in den Querstraßen noch weitere Geschäfte. Dahinter die besseren Wohnviertel mit vielen Ferienwohnungen, dahinter die schlechteren ohne Ferienwohnungen, dann die Gewerbegebiete und Supermärkte. An der Ostsee hat man am Nachmittag also nach vorne raus oft Schatten, an der Nordsee wird das anders ausfallen, da muss man dann morgens mehr Strecke machen.

Niendorf, Timmendorf, Scharbeutz, Haffkrug und Sierksdorf haben gewisse Ähnlichkeiten und funktionieren vergleichbar, in der Erinnerung gehen die Orte nach der Durchwanderung schnell durcheinander, was natürlich keiner dort gerne hören wird, schon klar. Und ja, Timmendorf wirkt teurer. Niendorf hat einen Hafen. Sierksdorf hat den Hansapark. Haffkrug ist besonders klein. Scharbeutz bietet laut Homepage den “modernen Ostsee-Lifestyle”, was auch immer das ist, das habe ich auf dem Weg durch den Ort nicht registriert, vielleicht war ich nicht aufmerksam genug. Wenn man durch die Orte hindurch geht, merkt man jedenfalls nicht unbedingt, dass man gerade ein Ortsschild passiert hat. Rechts ist immer ein nicht allzu breiter Strand voller Strandkörbe und Strandmuscheln, die Strandabschnitte sind alle paar Meter gespickt mit verwirrend vielfältigen Schildern, die erklären, was nun genau von wo bis wo an jedem Abschnitt erlaubt oder verboten ist, Hunde, Grillen, Strandkörbe, Strandmuscheln, FKK, Boote, und alles in allen denkbaren Kombinationen. Wenn man nackt mit Hund auf einem Katamaran segelt und mal eben kurz an Land springen und etwas grillen möchte, es gibt vermutlich auch dafür einen genau passenden Abschnitt, den gilt es dann zu treffen. Aber darf man überhaupt nackt segeln?

Ansonsten bietet die Gegend keinen umwerfenden landschaftlichen Reiz, ohne die Orte unnötig beleidigen zu wollen, selbstverständlich macht man da bei Sommerwetter dennoch prima Strandurlaub, dafür braucht man ja keine legendären Panoramen. Die werden auf Mallorca etc. auch oft genug nicht gewürdigt und Strand ist Strand, da gibt es nichts. Sohn II etwa möchte da sehr gerne wieder hin, auch oft, also bitte, die Orte funktionieren wie sie sollen Der Himmel ist blau und das Meer ist warm wie das Mittelmeer oder noch wärmer, auf einem Schild, das irgendwo an der Promenade auf die aktuellen Temperaturen hinweist, steht “Luft: Warm” und “Wasser: Schön”. Mehr Präzision ist in diesem höchst speziellen Sommer auch nicht mehr erforderlich.

Erst hinter Sierksdorf wird es landschaftlich wieder interessanter, da steigt der Uferstreifen wieder auf, aber das kommt noch, da war ich noch nicht. Das war auch früher nicht mein Revier, ich kam immer nur bis Haffkrug. Eine Perle der Architektur ist jedenfalls keiner dieser Orte, aber wenn man schon einmal da ist und da man nun einmal Tourist ist, sieht man sich die Häuser eben intensiv an, was sonst. Es ist überhaupt das Beste am Reisen, das man wieder alles sieht, jede Kleinigkeit fällt auf, alles ist markant, während man in der eigenen Hood irgendwann wie sehgestört durch die Straßen geht und nur noch grelle Auffälligkeiten mitbekommt. In Niendorf sehe ich sogar die gar nicht so großen Werbeplakate für den baldigen Auftritt des Schlagersängers Roland Kaiser. Roland Kaiser – hängen die Plakate noch seit den Achtzigern da? Nein, er sieht jetzt älter aus. “Santa Maria”, singe ich vor mich hin, der Sohn guckt mich irritiert an. “Ich hab meine Sinne verloren, in dem Fieber, das wie Feuer brennt”, sagte ich, er beachtet mich nicht weiter. Man muss Erwachsene auch nicht immer verstehen.

Die Häuser also. Da stehen die betonlastigen bekannten Klotzbausünden der Siebziger, daneben und gut unterscheidbar in anderen, oft seltsam dunklen Farbtönen und Materialien, die der Achtziger. In beiden Gebäudetypen gibt es noch eine hohe Gardinendichte, da kann man sich überlegen, wie alt die Menschen sind, die da wohnen oder übersommern, die stellen da noch die Mehrheit. Vor einem Café ein Schild: “Kuchen wie bei Oma”. Vor dem Café daneben das Schild: “Hier backt Oma” – Humor ist überall und Kuchen wie bei Oma ist immer wichtig, vermutlich sogar für alle Generationen. Dann, aber das ist natürlich Geschmacksache, gibt es auch die Bausünden der Gegenwart, die gerade erst errichtet werden oder frisch fertig sind, funkelnagelneu und auf diese beklemmende Werbeprospektart unbelebt. Wie sehen diese Häuser aus? Sie haben blauglänzende Dachziegel, die kühlen den Gesamteindruck schon einmal ordentlich herunter. Die Wände sind weiß, an Sommertagen also strahlend weiß, die Fensterrahmen glänzen silbrig, alles leuchtet und blitzt sauber und rein, man könnte die Fassaden auch verchromen, das würde den Zweck gewiss erfüllen und den Geschmack treffen.Verchromte Fassaden, und wenn man darauf zugeht, dann geht wie in Science-Fiction-Filmen lautlos eine Tür auf, gleitet sachte zur Seite, man verschwindet im Haus und macht – ja, was macht man da dann eigentlich? So, wie diese Häuser gebaut sind, kann es innen nicht gemütlich sein, nicht einmal behaglich, schon gar nicht romantisch, höchstens stylish. So, wie die Häuser gebaut und gemeint sind, kann es innen eigentlich nur sachlich zugehen, unterkühlt und beherrscht. Sicher wird drinnen gearbeitet, lässiges Herumhängen passt irgendwie nicht. Ich stelle mir vor, dass die zweifellos wohlhabenden Besitzerinnen und Besitzer dauernd Office machen. Sie makeln vielleicht, sie verkaufen und vermieten genau solche Häuser, die sie auch selbst bewohnen, die genügen höchsten Standards, die haben vor jedem Detail das Wort Komfort stehen, die liegen bestens, die sind ein gut gekühlter Traum, die sind von Hamburg aus leicht erreichbar. Vor den Terrassentüren liegen sterile Gärten in kantiger Unbelebtheit, das überrascht natürlich keinen mehr, und man muss auch nicht nachsehen, was wohl im Carport steht, das weiß man dann schon, wie groß und neu das Auto ist. Ich hatte vor langer Zeit mal ein Interview mit diesem Philosophen, wie hieß denn der, Byung-Chul Han, im Blog verlinkt, da ging es um die Ästhetik der Glätte, gerade ist mir dieser Passus von ihm in einem Buch wieder begegnet, sonst hätte ich den natürlich nicht parat gehabt. Die Ästhetik der Glätte, das kann man sich denken, wenn man vor diesen Fassaden steht, so sieht das dann wohl aus. Mit diesem Gedanken im Kopf ist das Haus zwar immer noch potthässlich, aber man fühlt sich als Betrachter wenigstens halbwegs gebildet. Immer gut.

Der Sohn und ich, wir haben jedenfalls andere Träume, stellen wir fest, wir haben einen altmodischen und vermutlich total spießigen Geschmack, wir mögen die wenigen alten Häuser mit Reet und rotem Backstein und mit vielen Winkeln und Brüchen in der Fassade und alten Bäumen im Garten, die einladend Schatten spenden. Architekten und andere Kenner können uns dafür gerne verlachen, wir machen es uns so lange gemütlich.

In Niendorf, um wieder vorne weiterzumachen, gibt es einen Hafen, das haben die anderen Orte nicht zu bieten. Und weil es einen Hafen gibt, kann man Räucherfisch kaufen. Gesetzt den Fall, der kommt auch aus der Ostsee, ich habe nicht nachgefragt und wundern tut mich nichts mehr, ist dieser Räucherfisch das einzige regionale Produkt, das mir an den ersten beiden Wandertagen aufgefallen ist. Ein merkwürdig dünnes Ergebnis, da haben die drüben in Mecklenburg aber etwas mehr vom Marketing der Produkte aus der Gegend verstanden, wenn man sich nur überlegt, was die alles aus ihrem Sanddorn machen. Wobei es da nicht viel zu überlegen gibt, alles machen sie aus Sanddorn, alles. Die Niendorfer machen also immerhin Räucherfisch, wir haben aber leider keinen Hunger auf Räucherfisch, es gab schon zu viel Eis. Schade eigentlich.

Im Hafen findet ein Fest statt, ein Hafenfest. Fast hätte ich gerade Hafengeburtstag geschrieben, das machen all die Jahre in Hamburg mit einem. In einem großen Planschbecken schwimmen riesige luftgefüllte Plastikzylinder, in die kann man steigen und darin herumlaufen, dann drehen sich die Zylinder und fahren übers Wasser. Ein großartiges Vergnügen für Kinder, noch nie hat Sohn II das gedurft, jetzt ist es aber fällig und ich kann gar nicht so schnell gucken, wie er da in eines dieser Dinger krabbelt.

Dann tobt er darin herum und läuft wie ein Hamster im Rad und wirft sich hin, lässt sich wie eine Kugel herumwerfen und hat enorm viel Spaß, während ich mir denke, dass es in diesem Ding bestimmt grauenvoll heiß sein muss und alle Kraft, die da gerade so begeistert ausgegeben wird, gleich auf der Straße fehlen wird. Aber wir haben ja keinen Plan und kein Ziel, also setze ich mich hin und gucke einfach nur zu. Wandern und Eile, das passt nicht.

“Geben Sie mir mal fünf Euro”, sagt der Betreiber der Attraktion, “dann passt das schon.” Und er sagt es so, als sei das ein sensationelles Sonderangebot.

(Fortsetzung hier)

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, mit etwas Glück gehe ich schon am nächsten Wochenende die nächste Etappe.

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