Mittwoch, Wallungen

Ein Frühlingstag, fast ist es schon ein Sommertag, es geht alles etwas schnell und hopplahopp. Die Kastanie ein paar Häuser weiter ist auf einmal üppig ergrünt, und ich könnte schwören, das war sie doch gestern noch nicht. Dieses Grün wirkt wie angeknipst, das kann sich unmöglich langsam entfaltet haben. Reichlich Deko ist da auf einmal über Nacht, mach das mal alles sommerlich da, hat die Natur gesagt. Das unübersichtliche Menschengewimmel in der Außengastro, Gesichter in der Sonne, es werden noch mehr und noch mehr Stühle rausgetragen. Neue Mode trägt man unübersehbar, der ganze Stadtteil sieht frisch eingekleidet und ausgestattet aus. All diese Sachen, die heute zum ersten Mal getragen werden, alles sieht so gebügelt, faltenfrei, leuchtend und farbfrisch aus, und wie sie alle im Vorbeigehen ihr Spiegelbild in den Schaufenstern prüfen, das Wippen der neuen Sachen und der Frisur. Sehr junge Männer mit sehr lauter Musik in Cabrios, das auch wieder.

Am Straßenrand jetzt hier und da der blühende Löwenzahn, ein gelbes Leuchten aus Steinritzen, summer in the city. Spatzen mit Nistmaterial in den Schnäbeln fliegen herum, dermaßen schwer beschäftigt, da kommt kein Workaholic gegen an.

Vor dem Bürohaus, in dem die besonders strammen Consultingmenschen arbeiten, in deren Offices auch nachts und am Wochenende immer noch Licht brennt, steht eine junge Frau und dreht den Nacken und hält ihn in die Sonne, ach, diese Verspannungen! Die Sechzigstundenwoche macht sich doch bemerkbar. Und ihr Kollege fragt, ob er nicht einmal, und dann sagt sie tatsächlich ja und er drückt beflissen seine Zigarette aus und massiert. Sie rollt die Augen und schnurrt, und er erklärt, was er da Tolles kann, so eine spezielle Massagetechnik, die hat er mal gelernt, sagt er, und sein Kollege neben ihm guckt etwas sparsam, der hätte sicher auch gerne einmal.

Auf dem Spielplatz sehe ich am frühen Abend das erste Liebespaar der Saison, sie treten schon dermaßen innig knutschend auf, dass sie dabei kaum geradeaus gehen können. Stolpern da kichernd durch den Sand und dann bleiben sie vor dem Spielhäuschen stehen. So ein Spielhaus für kleine Menschen, etwa für Dreijährige. Zwei von denen passen da rein und können dann Haus spielen, also rausgucken und andere nicht reinlassen und aus dem Fensterchen winken zum Beispiel. Er zeigt auf das Haus und sie lacht auf, sie bückt sich, sie sieht rein, sie lacht wieder. Dann schüttelt sie aber den Kopf, ist sie ein Schlangenmensch oder was. Er beugt sich da testweise rein, ob man nicht doch, es würde einen ja immerhin keiner sehen, da drinnen. Er zieht probehalber von halb drinnen an ihrem Arm und sie zeigt ihm einen Vogel, und dann küssen sie sich wieder vor dem winzigen Häuschen, dass es eine Art hat, und sie drücken sich die Luft ab, so sieht es jedenfalls aus. Verschmelzungsküsse, und die Körper der beiden wollen so unübersehbar zueinander, aber wo, aber wo denn bloß. Unter der Rutsche geht es auch nicht, und die Büsche ringsum sind doch noch nicht belaubt genug. Sie gehen sich küssend weiter, sie bleiben alle paar Meter stehen und umschlingen sich neu, und ich hoffe für sie, dass sie etwas finden, denn es ist einigermaßen dringend, das sieht man.

Auf meinem Balkon prügeln sich währenddessen zwei Spatzen um einen langen Halm, der gut in ein Nest passen könnte. Den hat der eine zuerst gesehen, was der andere allerdings nicht glaubt, denn er war doch vorher da, und er hat ihm deswegen gleich angeboten, dass er auch ein paar auf den Schnabel bekommen könnte, und das klären sie jetzt aber mal gründlich, dass die Federn nur so fliegen, und es werden dabei Beleidigungen getschilpt, dass die Ringeltauben im Holunder gegenüber indignierter gucken denn je.

Die beiden Liebenden auf dem Spielplatz gehen ab und ein Mann tritt auf, der einen so schlurfenden Gang hat, dass man gleich sieht, der ist stimmungsmäßig nicht unproblematisch. Er wirkt nicht betrunken, das nicht, aber doch irgendwie reichlich angeschlagen, und wenn man sich einen todtraurigen Gang vorstellen kann, dann geht er so. Er hat ein Gerät dabei, das ich von oben nicht sehen kann, aber es macht jedenfalls laut Musik, das kann ich hören, er beschallt den ganzen Platz. Er geht langsam, er geht mit gebeugtem Rücken und hängendem Kopf, er geht enorm belastet durch diesen so sommerlichen Abend und er hört „Woman“ von John Lennon, das Lied ist mir seit Ewigkeiten nicht mehr begegnet.

„Woman, I know you understand the little child inside the man. Please remember, my life is in your hands.“

Und wenn sein Leben in ihrer Hand ist, dann gibt es da, soweit man es als Außenstehender und nur von oben und vom Balkon Betrachtender annehmen kann, ein kleines Problem.

Vielleicht sollte er auch mal eine spezielle Massagetechnik lernen. Oder so.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 14.4.2022

Bei Croco geht es um Vorräte: „Wo sollte ich da größere Vorräte anlegen? Im Keller? Und dann vergesse ich sie bestimmt. Ich muss Dinge sehen, sonst sind sie verschwunden, für immer.

Dem kann ich mich anschließen. Ich habe keine oder kaum Vorräte, nichts was ernsthaft wochenlang reichen würde, ich habe nicht einmal eine Kolumne auf Vorrat, das sagt ja schon alles. Ich erinnere mich noch mit Heiterkeit daran, dass in der ersten Corona-Mehlkrise das Zeug hier immer noch im Stadtteil verfügbar war – man musste nur ein paar Meter weiter in die Läden gehen, in die die deutsche Mehrheitsgesellschaft eher nicht so häufig geht, und bekam dann noch so einen verschwörerisch kumpelhaften Blick an der Kasse kostenlos dazu. That was easy!

Davon abgesehen habe ich den starken Verdacht, nein, eher die Gewissheit, dass die unbeholfenen Versuche des Preppens bei vielen, vielen Menschen irgendwann schlicht zu Mehlmotten, abgelaufenen Dosen und letztlich weggeworfenen Lebensmitteln führen werden. Aber beim Einräumen der Regale haben sie sich kurz gut gefühlt, doch, doch.

Dieser kollektive Verknappungswahnsinn übrigens wird auch in einem Buch erklärt, das ich gerade höre. Ein Buch, das ich als nützlich empfinde, weil es schön Gedanken ordnet und all das, was man schon weiß oder wenigstens immer geahnt hat, noch einmal sauber durchsortiert und angenehm verständlich aufbereitet: „Konsum – Warum wir kaufen, was wir nicht brauchen“ – vielleicht ist es auch das passende Buch zur gerade eintretenden Teuerung. Von Carl Tillessen ist das Buch, eine Empfehlung ist es, denn ich finde es erhellend, zumindest den ersten Teil. Man rutscht beim Lesen aber schon wieder unwillkürlich etwa nach links, gucken Sie lieber vorher, ob da überhaupt noch Platz ist.

Eon Spruch auf einem Geländer am Bahnhof: No war but class war

Wobei der Umstand, dass viele Menschen ihren Konsum gar nicht ändern können, dass viele Menschen schlicht zu arm für Auswahl und Alternativen sind, auch in diesem Buch eher keine Rolle spielt.

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Bei Vanessa geht es u.a. um die ebenfalls gerade im Preis steigende Gutebutter, die von meiner längst verstorbenen Großmutter noch regelmäßig als ihr Lebenselixier bezeichnet wurde. Butter und Speck, diese beiden. Ich verwende beides eher nicht beim Kochen, das hätte sie komplett ratlos zurückgelassen. Kindheitserinnerung, wie sie am Tisch neben mir Speck schneidet und mir ab und zu ein Stück rüberschiebt: „Iss!“ Speck schmeckt und riecht nach Oma, und schlecht ist das nicht. Auf Tiktok begegnete mir neulich der Begriff „Grandmacore“, nicht zu verwechseln mit Cottagecore, und was das ist, so denke ich, das hätte ich meiner Großmutter nicht erklären können.

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Dienstag, Garten

Ich fahre mit dem Rad in den Garten, ich will Rillen ziehen und Samenkörner versenken. Radieschen, Zuckererbsen, dicke Bohnen, so etwas. Speisezwiebeln stecken, das auch. Ich bin spät dran, ich bin spät im Jahr wie nie. Das Wetter war speziell, die Terminlage war speziell, es wird generell nicht so einfach mit dem Garten in diesem Jahr. Aber auf der kleinen Weide neben den Hochbeeten sitzt zuverlässig die Heckenbraunelle und singt, während ich in der Erde wühle, und dafür kann man auch mal kurz in den Garten radeln, dafür lohnt es sich doch. Heckenbraunellen sind stark unterschätzte Vögel, so ein wunderbarer Gesang. Weiter hinten singen Rotkehlchen und Kohlmeise, die sind auch nett, aber die Heckenbraunelle! Weit vorne.

Die Hecke, die wir neulich gepflanzt haben, macht Blättchen, das sieht alles gut aus, vivat, crescat, floreat. Die Pflaume blüht, die Birne und die Äpfel blühen demnächst, die Kirschen bereiten gerade noch etwas Dickknospiges vor. Eine rote Tulpe leuchtet im Beet. Die Blutjohannisbeere gibt auch schon mit roten Accessoires an, der Edelflieder macht wieder etwas mit Lila und die Purpurmagnolie unternimmt einen zweiten Versuch nach den herben Verlusten im Sturm, im Schnee, im Hagel.

Eine Pflaumenblüte in unserem Garten

Ich führe mit der Pfingstrose schon einmal das routinemäßige Gespräch über Pünktlichkeit, in dem ich aber auch deutlich mache, dass meine Hoffnungen nur noch begrenzt sind, nach den Erfahrungen in den letzten Jahren. Saumselig, das Wort habe ich lange nicht mehr benutzt, dabei ist es ein schönes Wort. Auch mal bei den Söhnen verwenden!

Die Herzdame macht währenddessen emsig die Biotonne voll, denn zu ihren großen Ängsten gehört die Vorstellung, dass Mülltonnen abgeholt werden könnten, ohne randvoll zu sein und dass, meine Damen und Herren, ist heutzutage eine schön entspannte Angst, und vielleicht auch schon selten geworden.

Ich streue noch Kompost in die Beete, ich liebe Kompost. Kompost ist tröstlich. Hatten Sie mitbekommen, dass man jetzt auch selbst nach dem Ableben zu Kompost werden kann? Mit dem äußerst einladenden Werbetext „Werde Erde“. Das spricht mich an. Hier ist das. Ich stelle mir das vor, also ohne es besonders eilig damit zu haben, aber ich stelle es mir doch vor, ich finde es ungeheuer anziehend. Und dann, wenn man schließlich Kompost geworden ist, dann, und da muss man bitte einmal ernsthaft drüber nachdenken, dann wird man endlich, endlich – nach all den Jahren! – sinnvoll eingesetzt. Wie schön wird das denn.

Im Supermarkt jetzt der Spargel, im Wetterbericht etwas mit über zwanzig Grad. Atemlos durch das Jahr.

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So geht es jetzt hier wieder zu

Vor dem Bahnhof, an einer Treppe runter zur U-Bahn, riecht es auf einmal nach Lavendel, und wie es dort nach Lavendel riecht, so richtig. Im April. Es gibt jetzt keinen Lavendel, keinen blühenden jedenfalls, es gibt nur die vergrauten Staudenreste auf den noch winterlichen, unaufgeräumten Balkonen, wenn überhaupt. Aber doch riecht es hier so. Intensiv. Und nicht wie Parfüm oder irgendeine Belästigung aus diesem schrecklichen Seifenladen in der Innenstadt. Sondern so, wie die echte Pflanze riecht, an einem schönen Tag im Sommer, in einem Beet vor einer Terrasse vielleicht, und es ist und bleibt auch unerfindlich, wo das herkommen kann. Es ist nicht einmal ein Blumengeschäft um die Ecke, und doch ist hier, auf ein paar Metern, so ein durchziehender Lavendelduft, in einem Cartoon wären es helllila Schwaden. Wabern da so herum. Aber woher. Denke ich so, frage ich mich so, und noch während ich frage und denke, sehe ich, dass einer der Passanten kurz … wittert. Ja, das ist das richtige Wort, genau das macht er. Das habe ich vermutlich ebenfalls gerade gemacht, und da, die Frau dort auch, und auch diese und der Typ da, und der. Ich bleibe stehen und sehe zu, das machen hier fast alle. Sie werden kurz langsamer oder bleiben sogar stehen, sie wittern, schnuppern, sie sehen sich um und sind kurz nur, ganz kurz, Instinkt und checken die Lage genau wie der, was ist denn das eigentlich, ein Yorkshireterrier, glaube ich. Sein Frauchen und dieser Hund, beide für einen Moment die Nase nach oben gerichtet, beide für eine Sekunde mit dem gleichen Gesichtsausdruck, so fragend schräg nach oben und um die Stirn ein irritiertes Nachdenken. Lavendel im April. Da mal genauer hinschnuppern, da mal eben Tier sein und wieder so reagieren wie vor Jahrtausenden, mit der Nase im Wind.

Ein paar Meter weiter das Erbrochene auf der Treppe, da riecht es dann schon anders. Da schnuppert nur noch der Hund, der aber gerne und interessiert.

Klebekunst an einer Hauswand, die sehr bunte Collage einer Frau

Ich ahne das unweigerlich nahende Ende der Corona-Bleigrauphase im alsbaldigen Frühling auch deswegen deutlich, weil die Anzahl der morgendlich zu entdeckenden Kotzpfützen im kleinen Bahnhofsviertel wieder deutlich zunimmt. Pardon, aber es ist ein Stadt- und Brauchtumsblog. Es wird hier jetzt also wieder zum Szene-Stadtteil, man glüht schon vor, man kommt schon wieder zum Trinken her, und wieviel Nachholbedarf wird es da in diesem Sommer geben.  Siehe dazu auch die neulich erst beschriebene Szene, die Betrunkenen auf der Fahrbahn. So geht es jetzt hier wieder zu.

Papierklebekunst an einer Hauswand, eine bunte Fliege

Egal. So viel zu der einen Krise. Die andere bemerke ich beim Brötchenholen am Wochenende. 13% zahle ich da diesmal mehr als in der letzten Woche. In den sozialen Medien teilen andere weitere Preissprünge, teils mit Preisschildfotos. Nicht im Sinne eines wilden Protestes, es ist bisher eher dokumentarisch. Die Kaltmamsell weist im Blog darauf hin:

Drei Semmeln (ok, große) beim Bäcker: 4,20 Euro. Sich privilegiert fühlen, weil man sich Semmeln vom Bäcker leisten kann. Die steil steigenden Lebenshaltungskosten sind seit einiger Zeit Medienthema (Energiepreise, Inflation, Lieferkettenprobleme der Pandemie jetzt verschärft durch Ukrainekrieg), für prekär lebende Menschen muss das eine echte Belastung sein.

Später gehe ich an der Binnenalster spazieren, da blühen die Narzissen grellgelb auf dem Uferstreifen, dahinter das blaue Wasser: Ukraine. Das denkt man jetzt immer bei dieser Farbkombination, in jeder Lebenslage, einige werden es auch beim Müllrausbringen denken, die blauen Deckel, die gelben Deckel: Ukraine.

Ich denke beim Gehen über das Schreiben in Krisenzeiten nach, ich denke diese Zeilen hier. Ich denke, zum Klima haste aber noch nichts, aber da könntest Du das mit dem Methan verlinken, wo war denn das. Hier, guckense mal, da ist schon wieder ein Superlativ in der Überschrift, immer diese Superlative, einer nach dem anderen, interessiert aber alles keinen. Ich mache mir eine Notiz, ich gehe weiter. Drei Schritte weiter fängt es an zu hageln, der Wind frischt kurz auf und haut mir feinkörniges Eis um die Ohren. „Wetter ist kein Klima!“, sage ich trotzig, als ob die Welt mit mir reden würde, nur weil ich mit ihr rede, vielleicht doch noch einmal Kommunikationsmodelle nachlesen.

Zur Vermischung der Krisen im Alltag übrigens, da kann ich Ihnen noch etwas erzählen. Etwas, das ganz kurz, für meinen Geschmack ungeheuer treffend und allerdings unangenehm zynisch wirkend ist. Zeitgemäß wie sonst was ist es auch. Nämlich: Ich lese die Nachrichten am frühen Morgen. Ich überfliege die Newsticker auf diversen Medienseiten, ich grase am Morgen erst einmal alles ab, allerdings recht flüchtig. „Schulen geschlossen“, steht da, also lade ich den Corona-Kontext ins Hirn, frage mich kurz, in welchem Land das denn schon wieder passiert und es wird doch wohl nicht etwa in Deutschland, in Hamburg … ich sehe also genauer hin. Da steht aber gar nicht „Schulen geschlossen.“ Da steht „Schulen beschossen“, und ich muss über das Land nicht weiter nachdenken.

Zuhause sehe ich in den Foodblogs die Rhabarberrezepte, und wie viele davon. Das Rad dreht sich unweigerlich weiter, das Jahr geht voran.

Was noch? Hier ein Interview mit Marina Weisband, es wird Sie beunruhigen und ich finde das richtig so.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 11.4.2022

Ich habe drüben beim Goethe-Institut wieder etwas über die Lage geschrieben. Wie erwartet und angekündigt übrigens legt das Institut bei den Deutsch-Kursen für Menschen aus der Ukraine noch einmal nach, siehe hier, zum symbolischen Preis von nur 25 Cent. Das gerne weitersagen.

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Frau Herzbruch ist etwas on fire. Finde ich gut, on fire sollten wir wohl sein, es gibt Gründe genug.

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Bei Spontiv werden Boulevardzeitungen gelesen, ich fand es via Herrn Fischer.

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Und hier geht es, wir können uns von den Krisen auch einmal kurz abwenden, die kommen auch ohne unsere fortwährende Beobachtung sicher schnell voran, um reitende Reiter. Genauer geht es um Anfänge von Schulaufsätzen, und es wird auch auf einen meiner Lieblingsanfänge in der Literatur hingewiesen, nämlich auf den von Moby Dick. Ganz erholsam, so etwas zu lesen. Also den Blogeintrag, meine ich.

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Weiter mit der Literatur. Eine Besprechung von Kristine Bilkaus „“Nebenan“, das ich zwar noch nicht gelesen habe, von dem ich aber stark annehme, dass es gut ist. Im Feuilleton, ich las das jetzt mehrfach, scheint der Roman wenig Beachtung zu finden, da läuft womöglich etwas verkehrt.

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Falls jemand beim Thema Social-Media am Puls der Zeit bleiben möchte, in diesem Blogeintrag wird die App BeReal erwähnt, von der ich noch nicht gehört hatte. Aber natürlich finde ich es interessant, was da kommt, bei Twitter und Instagram hört die Geschichte nicht auf. Bitte das unten in einer Fußnote benannte Problem beachten, bei mir ist es dann nämlich schon vorbei mit der Neugier.

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Im Landlebenblog wird die Sache mit dem Palmstrauß nachgelesen, was ich schon deswegen interessant fand, da hier ein Sohn für Religion gerade einiges Österliches durchzunehmen hatte, was mir die Gelegenheit gab festzustellen, dass ich da auch nicht ganz sattelfest war.

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Zwischendurch mal zur Kenntnis nehmen, was andere für Zeug machen, das früher normal war, etwa einfach so nach Wien fahren. Ich habe tiefes Verständnis dafür, dass der Eintrag so lang geworden ist. Mir würde ein Tag Wien vermutlich den Kopf sprengen.

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Europacamp 22 (Kooperation)

Das Wort Kooperation wird hier selten in einer Überschrift stehen, auch das war nur eine Phase. Für einige wenige Kunden finde ich es weiterhin in Ordnung und ist es mir auch in Zukunft willkommen, wie auch die Bannerwerbung unter Artikeln, das sind allerdings nur noch solche Kunden, zu denen ich auf irgendeine Art eine besondere Beziehung habe. Beim Europacamp war ich jetzt ein paar Mal, da habe ich mittlerweile ein angenehmes Stammgastfeeling, ich mag es dort und ja, ich würde auch ohne Honorar vor Ort sein, was jetzt marketingmäßig nicht der allerklügste Satz meines Lebens ist, schon klar. Egal. Ich mag es dort sehr, auch wenn ich diesmal etwas angeschlagen nach Hause ging, aber dazu gleich.

Frau Diekmann, die Sie vielleicht aus dem Fernsehen kennen, und ich aber nur als Bloggerin, was vermutlich eine lustige Fremdbild-Differenz ergibt, war auch dort, und schadlos hat sie es ebenfalls nicht überstanden, wie man hier lesen kann. Aber sie hatte andere Gründe für die Nachwirkungen, sie war dort, um ein Panel zu moderieren, ich habe nur zugehört.

Was war nun das Problem, mein Problem, von dem ich aber weiß, dass es einige hatten, vielleicht die meisten dort? Das Problem war der Krieg. Um den ging es in mehreren Gesprächsrunden. Ich habe mir hervorragend besetzte und auch gut moderierte Panels zum Ukraine-Krieg angehört. Militär, Politik, Wissenschaft, alles vertreten, handverlesene Gäste, geballte Kompetenz, wie leider anzuerkennen war. Warum leider? Weil auch nur ein Ansatz von Optimismus, wie soll ich sagen, argumentativ niemandem vertretbar schien. Das ist mir zwar auch vorher klar gewesen, dass die Lage nicht gut ist, das kann man überall nachlesen und sich zusammenahnen oder meinetwegen auch nur fühlen, und wer im Freundeskreis Fatalismus ist, der macht das eh schon die ganze Zeit, der fremdelt auch mit dem so gerne verbreiteten Zweckoptimismus auf Postkartenniveau, den man an vielen Stellen im Netz findet.

Es hat aber doch eine andere Qualität, wenn es solide untermauert wird. Von den trocken bitteren Einschätzungen eines Generals a.D. bis zum Professor, der auf die Panel-Abschluss-Frage, wie es denn nun weitergeht, nicht mit einem routinemäßig erwartet ausholenden Rundum-Statement antwortet, sondern vielmehr in ultimativer Kürze und resigniertem Tonfall mit: „Keine Ahnung“ – ich kann das Ergebnis der Gesprächsrunden für mich zusammenfassen mit: Das hat gesessen.

Und es kam dann noch drastischer. Timothy Garton Ash hielt eine Keynote für ein Panel mit u.a. Wolfgang Schmidt, er ging gleich zu Anfang die deutsche Rolle im Konflikt recht scharf an. Das Land macht nicht genug, so die im Moment naheliegende These, sie ist nicht gerade exzentrisch. Das bezog sich auf das vieldiskutierte Energieembargo und auch auf andere Möglichkeiten, es war eine Verschärfung dessen, was sich schon vorher in Gesprächen abgezeichnet hatte, er sprach aus, was andere mehrfach angedeutet hatten: Es reicht nicht, was Deutschland beiträgt. Wolfgang Schmidt antwortete als Vertreter der deutschen Regierung, natürlich war er eloquent erklärend, und es wäre ein bald ermüdendes Hin und Her gewesen, hätte es nicht einen zugeschalteten Gast aus Kyiv gegeben, Galina Yanchenko. Wenn ich es richtig verstanden habe, Vize der Regierungspartei im Parlament der Ukraine. Die da also auf Schmidt antwortete, aus einer, wie man sich vorstellen kann, sehr anderen Situation heraus als die Gesprächsteilnehmer im Saal.

Und die dann Sätze sagte, die den Gepflogenheiten deutlich widersprechen, die zu Schmidt etwa sagte, und nicht nur nebenbei: „Sie haben Angst.“ Sie sagte es eher in Großbuchstaben. Als der Herr Minister wiederum lange erklärt hatte, wofür Deutschland alles verantwortlich sei, wofür „wir“ alles noch Verantwortung übernehmen müssten, wie unglaublich verantwortlich doch dieses Land in dieser Krise vorgehen müsse, nachdem er also den Begriff Verantwortung einigermaßen totgeritten hatte und wir im Grunde, so habe ich gelernt, gerade Verantwortung für die halbe Welt übernehmen, sagte die ukrainische Parlamentarierin in einem Tonfall, den ich so schnell nicht vergessen werde: „Was glauben Sie eigentlich, wofür wir hier verantwortlich sind?“

Es war eine Runde, in der die deutsche Position keine Punkte machen konnte. Ich fand es unmöglich, der Ukraine und ihren Forderungen nicht Recht zu geben, aber ich bin auch kein Politiker und so etwas nicht gewohnt, ich möchte das auch nicht sein.

Die online zuhörende Frau Herzbruch twitterte, dass sie froh sei, nicht zuständig zu sein. Das ist ein lapidarer Satz, den man vielleicht im Alltag mehr würdigen muss, denn was haben wir für ein Glück, nicht zuständig zu sein, wie unlösbar ist diese Aufgabe und was für ein fragiler Segen ist es, nur überlegen zu müssen, was ich morgen wieder koche.

In einem der Panels sagte einer der Teilnehmerinnen auf die Frage, was nun zu tun sein, dass es doch schön wäre, wenn Deutschland in irgendwas führend sein würde, in wenigstens irgendeiner Art der Reaktion, dass das Land doch eine Rolle habe, die das hergeben müsse, deutlich und unbedingt sogar. Es war dies vielleicht die Quintessenz der Gespräche an diesem Tag, dass es nicht reicht. Dass es einfach nicht reicht.

Und dass man lieber Bürgerin oder Bürger eines Landes wäre, das nicht nur „ausreichend“ reagiert. Sondern wenigstens befriedigend, besser aber gut oder sehr gut.

Wobei ich nicht einmal ansatzweise den Eindruck erwecken möchte, ich wüsste, was jetzt gut oder sehr gut sei. Ich weiß gar nichts, ich weiß, fällt mir gerade auf, nicht einmal, was ich morgen kochen werde. Aber das wird sich finden, da bin ich mir sicher. Bei allen anderen Fragen der Zeit bin ich es nicht.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 8.4.2022

Über das Wort Neurussland und seine Bedeutung in der Propaganda.

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Ein kleiner Hinweis zur Lage, ein Einschub nur: „Die ersten Kinder sind in unserer Schule angekommen, ich hatte aber noch keines im Unterricht. Wir werden Stühle brauchen. Und Tische. Die Klassenmesszahl, also die maximale Schüleranzahl pro Klasse, muss irgendwann erhöht werden.

Die Söhne berichten hier noch nichts von Schülerinnen aus der Ukraine.

Eine ukrainische Flagge hängt vor einem katholischen Altenheim in Hamburg Sankt Georg

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Ohne etwas Besonderes herausgreifen zu wollen hier noch der Hinweis, dass bei Nicola eine ihrer lobenswerten Monatsnotizen erschienen ist, wie immer sind reichlich Links zum Weiterdenken darin.

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Und in Frankreich, wenn wir mal nicht an Le Pen denken? „Ça va”, das kann eine schöne Aussage sein.

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Der Chef vom Dienst, der gerade die nächste Folge “Deutschland“ dreht, sitzt bestimmt heute sehr zufrieden im Sessel. Das Drehbuch ist zwar hart an der Grenze zu “total überzogen“, aber immerhin ist der Herbst gerettet. Nach dem Sommerloch mit Restkrieg und ohne Gas machen wir einfach wieder eine Staffel Pandemie, sitzen bestimmt schon Redakteure an der Konzeption der nächsten Mutante. Ich bin so gespannt, was die dann wieder kann!

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Über die Angst vorm Krieg.

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Während ich dieses schreibe, es ist ein Donnerstagnachmittag, steht die lange Schlange vor der Essensausgabe an der Kirche gegenüber geduldig im Regen und die Hamburger Medien melden, dass die Tafeln in der Stadt mit dem Andrang nicht mehr zurechtkommen. Ich weise wie zufällig noch einmal auf unsere Seite dazu hin. Egal, wo die Gäste herkommen, es wird Hilfe gebraucht.

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Es folgt Werbung. Gleich gehe ich da mal hin und sehe mir das an, wofür ich hier Banner schalte. Aber ich war früher auch schon dort, ich fand es gut. Meine erste Veranstaltung seit März 2020 ist es, und es war damals übrigens auch die erste, die ausfiel. Wie konstruiert wirkt das denn wieder? Aber so isses eben.

Das Ausdenken ist im Grunde entbehrlich

Ich war in den letzten sieben Tagen zweimal aus, einmal in einem Restaurant, einmal in einer Kneipe. Ich hätte mich jeweils lieber draußen getroffen, das Wetter war aber nicht danach, beim besten Willen nicht. Zwischen den beiden Dates lagen ein paar Tage und, das ist das Entscheidende, obwohl sich in der Hotspotstadt Hamburg an den Regeln so gut wie nichts geändert hat, lag dazwischen auch, wie ich es erwartet habe, ein bedeutender Zuwachs an Lässigkeit im Umgang mit den Regeln. Am ersten Abend noch die genaue Kontrolle von App und auch Ausweis, am zweiten: „Ihr habt ja sicher alles dabei, ne?“ Dann Abwinken und fertig.

Das Ende dieser Kontrollen ist absehbar, das Verfahren läuft aus. Auf Wiedersehen im Herbst.

Ich sitze am Schreibtisch, ich höre auf der Straße lautes Reden, Lachen, aber nicht auf die erfreuliche Art. Ich gehe auf den Balkon und sehe runter, zwei Betrunkene gehen auf der Fahrbahn, Arm in Arm, leicht schwankend. Ein Autofahrer kommt nicht an ihnen vorbei und muss wegen der beiden abbremsen, er hupt, sie schlagen ihm wütend und brüllend aufs Dach, er hält an, er springt heraus wie ein Schachtelteufel. Alle drei schreien aus Leibeskräften herum und gestikulieren, raumgreifend und breitschultrig werden die Arme gewedelt, alle drei recken auch die Brust so dermaßen albern raus, dass ich unwillkürlich an Tierfilme denke, an Imponiergehabe, Silberrücken und dergleichen, das hier ist etwas für Verhaltensforscher. Ganz dicht kommen sich die drei und es ist einen Moment arg knapp vor Handgreiflichkeiten, bevor der Autofahrer doch wieder einsteigt und einfach so weiterfährt, ohne Prügelei, nur dauerhupend. Die beiden Betrunkenen klatschen sich ab, der Triumph, der herrliche Triumph, dem haben sie es aber gegeben.

Neulich noch die Gewaltfantasien hier im Blog, aber es ist alles auch in der Wirklichkeit so. Das Ausdenken ist im Grunde entbehrlich.

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Weltweit wächst der Druck auf die Zivilgesellschaft. Diese eine Zahl im Artikel, diese 3% vor der Angabe „offen“. Schwer auszuhalten, der Gedanke. Wir summen dazu: Keep on blogging in the free world.

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Von da an gings bergab. (Gefunden via Heike Rost auf Twitter)

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Es folgt Werbung

Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 6.4.2022

Etwas vorweg, auch wenn es kein Bloglink im eigentlichen Sinne ist. Wir kooperieren wieder mit der benachbarten Kirche, in der, wir hatten das schon 2015 und auch zu Beginn der Pandemie, eine Essensausgabe für Bedürftige regen, wirklich regen Zulauf hat. In der letzten Woche waren dort etwa 50 Gäste aus der Ukraine, Grund genug also, alte Verbindungen wieder zu aktivieren und auf unsere Spendenseite noch einmal hinzuweisen: Sankt Georg hilft. Ich werde vermutlich in Kürze noch Weiteres dazu berichten. Die Spenden laufen bestens organisiert über die Gemeinde der evangelischen Kirche, es gibt eine reguläre Spendenbescheinigung, und wie die Gelder verwendet werden, das kann ich tatsächlich beim Schreiben vom Fenster aus beobachten – ich sehe die Schlange der Wartenden, sie kam hier schon oft vor. Sohn I hat bei dieser Essensausgabe ein Praktikum gemacht, die Herzdame hat die Website gestaltet, ich schreibe mit, wir sind der Angelegenheit familiär und nachbarschaftlich sehr verbunden. Ich bitte um freundliche Beachtung.

Und mein hochgeschätzter Kunde, das Goethe-Institut, bietet währenddessen Sprachkurse Deutsch für Menschen aus der Ukraine mit einem Rabatt von 99,9% an, gucken Sie mal hier. Im Moment sind sie gerade ausgebucht, es wird aber zügig nachgelegt, diese Info also gerne weitergeben.

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Bei der Geschichte der Gegenwart geht es um die Demokratie und den Nationalismus in der Geschichte der Ukraine.

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Mir gewünscht, dass es so etwas wie das RKI Dashboard zu Corona-Fallzahlen auch zur Ukraine gebe. Es ist so schwer alle Nachrichten zu verfolgen und zuzuordnen. Den Gedanken verworfen, das wird der Situation nun auch nicht gerecht.

Ein naheliegender Gedanke. Darüber möchte ich einen behaglich langen Essay in einer Sonntagszeitung lesen, über das Denken in Dashboards. Eines zu Corona, eines zum Krieg, eines zum Klima. Ich kann mir das bunte Infotainment-Trio auf den Titelseiten aus beruflichen Gründen gut vorstellen, vielleicht zu gut. Und wenn das Management wechselt, pardon, die Regierungen, wechseln auch die Kennzahlen, das ist ganz wichtig und löst Probleme, doch, ja.

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Frau Brüllen mit einer Sicht auf Corona (weiter unten im Text), die von der in meinen Timelines nicht unerheblich abweicht, was unter anderem daran liegt, von wo aus sie schreibt, nämlich aus der Schweiz. Auch interessant. „Ansonsten versuche ich auszublenden (klappt so mittel), wie meine deutsche TL über die stückweise Aufhebung der Coronamassnahmen schockiert ist.

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Ich sah gestern einen Tweet, Sie werden ihn vernichtend negativ finden. Ich finde, man muss darüber nachdenken. Es hat keinen Sinn, nicht nachdenken zu wollen, selbst wenn man zum Optimismus oder zur Ignoranz neigt. Eine Lehre aus dem gerade gelesenen Buch „Februar 33“ von Uwe Wittstock ist, dass viele, die damals zu den intellektuellen Größen zählten, das Schlechte nicht zu Ende gedacht haben, dass sie weiterhin an die Möglichkeit des Guten geglaubt haben, wie man später wusste, zu sehr. Es war ein verbreiteter Gedanke, dass es so schlimm doch nicht kommen kann. Doch, konnte es, kann es also.

Ich lese „Acht Tage im Mai“ von Volker Ullrich. Es ist mir ein wenig zu militärisch ausgerichtet, der Teil interessiert mich nicht sehr, ich möchte mehr über andere Personen lesen, nicht über Generäle, aber aus diesem Buch doch auch mal eine positive Ableitung – nämlich wie wichtig später Tagebücher und ähnliche Texte sind, wie ungemein aufschlussreich, wie erhellend.

Weiterschreiben, ne.

In diesem Sinne: Gestern im Discounter gab es kein Mehl und kein Öl, jetzt mit der Steigerung, dass es gar kein Öl mehr gab, nicht einmal mehr das der Olive.

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Es folgt Werbung. Auf dieser Veranstaltung gilt übrigens, ich habe mich da gerade informiert, eine FFP2-Maskenpflicht. Ich gehe am Freitag auch hin und habe da, so lese ich, als Blogger einen Bereich, in dem für einen Stuhl und für Strom gesorgt ist. Ich möchte bitte überall so hingehen, dass für Stuhl und Strom gesorgt ist, ich finde das hervorragend. Lassen Sie mich sitzen, ich bin Blogger.

Ich aber werde nur nass

Ich erwähne also im Blog, dass es bei uns einen Mangel an Regen gibt und wohl auch weiterhin zu wenig regnen wird. Als wahnsinnig witziger Kommentar zu meinem Text regnet es am Montag so, wie es lange nicht geregnet hat. Es regnet ergiebig, ausdauernd und mit Spezialeffekten, es stürmt nämlich auch noch dabei und es schüttet also in ungewohnt klatschendem Schwall und kübelt quer. Eine Geräuschkulisse auf und vor den Dachfenstern, als sollte für ein Kinderhörspiel von Europa „Sehr schlechtes Wetter“ als Regieanweisung umgesetzt werden. Stark übertrieben sind diese Geräusche, aber deutlich, keine Frage. Man erkennt sofort: Unwetter. Okay.

Keinen Hund möchte man bei diesem Wetter vor die Tür schicken, nur die Söhne, wie immer. Und mich selbst, merke ich dann, nachdem ich eine Weile dem Dachfensterkonzert zugehört und versucht habe, es schön zu finden, wobei ich wie immer stets bemüht bin. Mich selbst muss ich auch rausschicken. Denn ich muss in den Garten, fällt mir ein. Dringend. Diesen Sturm habe ich im Wetterbericht nicht gesehen, vielleicht war er dort tatsächlich nicht, vielleicht habe ich wieder nicht aufgepasst. Ich passe oft nicht auf, das stand schon in den Grundschulzeugnissen. „Ist oft abgelenkt“, so wurde es dort vermerkt. Wo war ich.

Im Garten ist ein halb aufgebautes Trampolin nicht gesichert und Trampoline wandern gerne einmal beim Sturm durch die Kolonie, sie marodieren über die Hecken und durch die Beete, das sollen sie nicht. Außerdem steht da noch ein ungestütztes Zaunfragment, das auf neu gepflanzte Heckensträucher kippen kann Das geht so alles nicht, ich muss dahin, ich muss mich kümmern. Windstärke 9 in Böen immerhin.

Ich gehe zur U-Bahn, die ist hier um die Ecke. Ich werde auf den paar Metern schon nass wie unter der Dusche. Ich fahre U-Bahn gemeinsam mit anderen durchnässten Menschen, die alle diesen zusammengerissen schlechtgelaunten Blick haben, dieses ausgeprägte „Muss ja“ im Gesicht, dieses angestrengte Durchhalten. Wir sitzen und tropfen. Ich steige aus, ich gehe zum Garten. Der Weg von der Station zur Insel ist noch ein ordentliches Stück, es reicht für viel Wettererfahrung und ich mache sie allein, kein Mensch ist außer mir auf den Wegen zu sehen, nur vorbeijagende Autos. Ich setze mir die Hoodie-Kapuze und auch die Outdoorjackenkapuze auf, ich hoffe, dass die Kopfhörer darunter halbwegs trocken bleiben. Ich höre beim Gehen immer weiter „Sie kam aus Mariupol“ von Natascha Wodin. Und auch wenn ich dabei gerade, wie bei allen Familienerzählungen, durcheinanderkomme, wer da nun gerade mit wem wie verwandt ist und um was genau es geht (das liegt nicht am Buch, das liegt an mir), bleibt unterm Strich der stark relativierende Eindruck, dass alles, was die Personen in der Geschichte erleben und erleiden, schlimmer ist, als nur ein paar Meter durch den Regen zu gehen. Wieder der Kempowski, mir geht‘s ja noch gold, ich murmele es verbissen, klappernd und frierend und halte die Kapuzen fest, an denen die Böen wie irre herumzerren. Das ist alles nur Wetter, das ist nicht schlimm.

Im Grunde bleibt es unfassbar, was in der im Buch beschriebenen Weltgegend alles wem angetan wurde. Da stirbt niemand eines natürlichen Todes, da bringen sich alle selbst oder gegenseitig um und es ist fast egal, welche Truppe da gerade gegen welche ist, als Mensch war und ist man dort allzu häufig Opfer, entweder im Jetzt oder potenziell demnächst, und die Nachrichten, ich komme da nach wie vor nicht drüber weg, zeigen es aktuell wieder. Das Buch ist ein Lehrstück über die Gemeinheit des Menschen, über seine unfassbare Bosheit, Verkommenheit, Grausamkeit und bitte, wie kann das in einer Gegend so zusammenkommen, durch die Jahrzehnte, in Wellen, immer wieder von vorne. Es ist ein Buch, das einen nicht mit der Menschheit versöhnt, im Gegenteil. Ich aber werde nur nass, okay.

Im Garten setze ich mich einen Moment in die Laube, in der es natürlich rattenkalt ist, aber immerhin windstill. Der stürmische Nordwest poltert gegen die Fenster, es ist klammkalt aber schön hier drin und ich sitze fünf, zehn Minuten und höre mir das an und sehe zu, wie es die Zweige der Magnolie wüst hin und herschlägt, dass die noch ungeöffneten Purpurblüten in Fetzen gehen. Der Frühling wird mit etwas weniger Deko auskommen müssen in diesem Jahr.

Ich lese kurz die Nachrichten auf dem Handy, es geht um den Krieg, es geht um Corona, es geht um das Klima, die drei weltbestimmenden Katastrophen sind heute alle drei auf den Startseiten. Es gibt bittere Neuigkeiten an allen Fronten, gute Meldungen sind nicht dabei und Gründe für Optimismus fallen mir nicht ein. Alles, was normal ist, noch mehr genießen. Ich freue mich darauf, dass ich zuhause trockene Kleidung habe, eine Dusche, eine Heizung, ein Buch und ein Bett, das ist nicht nichts. Ich freue mich vielleicht etwas mehr als sonst.

Dann sichere ich das Trampolin mit Kompostsäcken, den Zaun mit Holzpfählen. Auf dem Rückweg kaufe ich die Zutaten für Hühnersuppe, Prophylaxe ist wichtig. Ich fahre wieder U-Bahn. Es ist gut, dass ich U-Bahn fahre, dass ich nicht das Auto nehme. Es ist gut wegen der Umwelt und jetzt auch wegen Putin, es ist aber in Wahrheit gar nicht moralisch oder politisch motiviert, ich fahre nur einfach nicht gerne Auto. Und zwar ganz und gar nicht gerne. Es gibt Aversionen, die passen manchmal gut zum Weltgeschehen.

Am Abend ein freundlicher Hinweis auf Facebook, wo ich nur selten etwas lese: „Es gibt einen beliebten Beitrag, den du vielleicht verpasst hast.“ Der Beitrag enthält: Die grauenvollen Bilder aus Butscha. Es ist so eine Sache mit den Algorithmen, es ist so eine Sache.

Die Söhne, die wie nasse Hunde nach Hause kommen, melden aus der Schule, dass trotz der Lockerungen alle weiterhin Masken tragen, die SuS und auch die Lul, wie man heute sagt. Ich denke nicht, dass es lange anhalten wird, aber das Bemühen ist schön und ehrenwert.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

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