Auf der Gewinnerstraße

Am Donnerstag noch am Vormittag mit heftigen Magenbeschwerden aus dem Büro gegangen. An der Ampel beim Hauptbahnhof steht dann ein Vater neben mir, den etwa vierjährigen Sohn auf der Schulter. Und der ist sehr, sehr gut gelaunt, der kräht und lacht und zeigt immer wieder total begeistert nach vorne, mit einer ausladenden Geste, als würde er wilde Ritterhorden in die sicher siegreiche Schlacht führen wollen, “Weiter!”, ruft er, und er ruft es immer drängender, denn der sture Vater will einfach nicht weiter, der bockt, weil die Ampel leider gerade rot ist. “Weiter! Da lang! Los!” Und der Junge zeigt und ruft und ruckelt mit den Beinen, um seinen lahmen Gaul endlich in Bewegung zu setzen. “Weiter! Das ist die Gewinnerstraße!” Wobei er auf den Fußweg zu meiner Wohnung zeigt.

Ich mache mir zuhause eine Wärmflasche, gehe ins Bett und weiß nicht recht, Gewinnerstraße? Aber wenn er meint. Wer weiß.

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Eine ganze Woche keine Kinder in der Wohnung gehabt. Zwischendurch haben die Herzdame und ich uns kurz gewundert, dass die Tage gar nicht super entspannt waren. Wir hatten beide eher etwas mehr Arbeit im Büro, wir hatten viel organisatorischen Kram und natürlich die ganzen Sachen, zu denen man sonst nicht kommt, zack, zwei, drei, vier Tage vorbei. Darüber haben wir uns unterhalten und festgestellt, dass die Woche ganz normal anstrengend war, so sind Wochen eben, das war eine völlig handelsübliche Woche für Erwachsene mit ein bis drei Jobs und Haushalt. Und die Wochen mit Kindern, die sind dann eben noch anstrengender, oder sagen wir ruhig: viel anstrengender. Auch wenn man die Kinder noch so herzensinnig liebt, das löst ja keinen Stress auf. Und das kann man ruhig ab und zu mal feststellen, wie unlösbar der Alltag eigentlich ist, denn dann geht man vielleicht wieder eine Weile etwas toleranter mit sich selbst und dem Partner um.

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Auf der Straße im Vorbeigehen gehört, wie jemand “wegen dem Geld” gesagt hat. Sofort den Impuls gehabt, laut “wegen des Geldes!” zu rufen und mich dann lange über diesen Impuls geärgert, ach, zu spät, du rettest die Grammatik nicht mehr und es ist ja auch Unfug, so zu denken. Als ob ich selbst alle Fallstricke der Grammatik jemals vollständig an Bord gehabt hätte, was jetzt ein höchst unglückliches Bild ist, da können Sie mal sehen, nicht wahr. Stümper überall! Und es ist ja auch egal, soll er doch sterben, der olle Genitiv, da macht ja gar nichts, Sprache ändert sich nun einmal, Goethe ist eine Weile her und es ist viel schlimmer, dass die Insekten sterben, da mal drum kümmern! Sich nicht mit Unsinn befassen. Leben und leben lassen, es ist völlig schnurz, wie die Leute reden, immerhin reden sie noch miteinander, voll schön. Lieber alles aufschreiben, was die Leute reden, Chronistenpflicht und so. Man muss sich zur Ordnung rufen und milde, nett und einfühlsam werden, das ist es, was fehlt. Aggressiv und übergriffig sind alle ganz von selbst.

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Der Hibiskus, denn die Herzdame und Sohn I mit dem beim Magier um die Ecke erworbenen Bewurzelungspulver gerettet haben, ich schrieb darüber, der möchte gerne blühen. Jahreszeitlich ist das dezent verfehlt, aber nun. Wir wollen uns nicht beschweren.

Da ich einen Tag lang nur auf dem Bett herumlag, habe ich einen ganzen Echolot-Band von Kempowski durchgelesen. Der Untergang in Stalingrad in Feldpostbriefen etc., eine absolut furchtbare Lektüre. Dazu rüttelte ein unfassbar kalter Ostwind stürmisch am Dachfenster neben dem Bett. Wenn man dabei dann zwischendurch einschläft, träumt man so schlecht wie seit vielen Jahren nicht mehr. Nicht nachmachen.

Danach mit Flaubert begonnen, Drei Geschichten, neu übersetzt und herausgegeben von Elisabeth Edl. In der alten Übersetzung vor Jahren schon einmal gelesen, zu lange her.

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Terminhinweis für Hamburger Eltern

An diesem Wochenende (17. und 18. März) läuft wieder die Ausstellung “Floating Bricks” im Hamburger Hafen beim Hamburg Cruise Center Altona. Wir waren schon im letzten Jahr da, der Veranstalter hatte in dieser Woche bei uns Bannerwerbung, dem einen oder der anderen fiel es vielleicht auf.

Am Sonntag gehen wir da auch hin, obwohl die Legobegeisterung der Söhne im letzten Jahr stark nachgelassen hat – sie werden so schnell groß und wünschen sich plötzlich Kinogutscheine und dergleichen. Für die Ordnung im Kinderzimmer ist das eine ganz erfreuliche Entwicklung, andererseits stimmt es mich doch etwas nostalgisch, wenn ich die große Legokiste zwischen ihren Betten sehe.

Bei der Ausstellung sind aber genug erwachsene Baumeister dabei, die machen da Sachen, die man in Kinderzimmern üblicherweise nicht so vorfindet. Das beeindruckt ziemlich sicher auch Kinder, die aus dem klassischen Legospielalter so langsam rauswachsen.

Alle Details zur Ausstellung hier. Was dort allerdings nicht steht – man kommt da auch sehr gut mit der Fähre hin. Ab Landungsbrücken mit der 62er Richtung Finkenwerder und dann Dockland aussteigen.

Der NDR berichtet auch.

Die Highlights in diesem Jahr:

Und hier noch einmal die Bilder aus dem letzten Jahr:

 

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Aufwärmübung

Ich erzähle jetzt aus reiner Bockigkeit eine Sommergeschichte, nur weil ich mit dem aktuellen Wetter nicht klarkomme. Ich hoffe, ich habe sie noch nicht erzählt, zumindest finde ich nichts unter dem Stichwort “Sackkarre”, und ohne diesen Begriff macht die Geschichte eigentlich keinen Sinn. Nehmen wir also einfach an, es gibt sie noch nicht.

Sommer also, und zwar ein richtig heißer Tag. Das ist jetzt vielleicht etwas mühsam, sich das vorzustellen, aber die Geschichte geht ohne Hitze nicht, woraus man schon ableiten kann, dass sie mindestens zwei Jahre her sein muss, denn im letzten Jahr, da war bekanntlich nichts mit Hitze. Hitze über Hammerbrook, es flimmert über dem Asphalt zwischen den eintönigen Bürobauten. Die Menschen gehen langsam, denn wenn man schnell geht, dann macht es einen schon nach ein paar Metern fertig, so eine Hitze ist das. Früher Nachmittag, beim Bäcker ist die Truhe mit dem Eis am Stiel längst leergekauft und die radelnden Kurierfahrer an der Kreuzung tragen sehr, sehr kurze Sachen, eigentlich tragen sie fast nichts. Aus einem Cabrio an der Bushaltestelle wummert es dumpf. Da vorne ist die S-Bahn-Station Hammerbrook, da geht die breite Treppe hoch, es ist die einzige aufgeständerte S-Bahn-Station in Hamburg und die Treppe da rauf ist gar nicht mal so kurz, sie hat mehrere Absätze. Etwa auf der Mitte der Treppe ist ein kleiner Kiosk, Brötchen, Zigaretten, Cola, Boulevardzeitungen.

Die Cola wird gerade geliefert. Der große Getränkewagen steht unten verboten nah am Zebrastreifen und ein junger Mann astet in diesem Moment eine Sackkarre mit Colakisten die Treppe hoch. Stufe um Stufe. Eine der Colakisten ragt oben bedenklich weit über die Sackkarre, die muss er mit einer Hand extra festhalten, leicht sieht diese Übung nicht aus und tauschen würde man mit ihm gewiss nicht wollen. Der schwitzt wie ein Hochleistungssportler nach dem Wettkampf, bei näherer Betrachtung ist er auch ähnlich gebaut wie ein Hochleistungssportler, das bringt der Beruf vielleicht so mit sich. Er wuchtet die Last langsam eine weitere Stufe und noch eine hoch, es ist nicht so, dass er das nicht kann, was der Job da von ihm verlangt, er kann das sogar sehr gut. Aber es ist eben verdammt heiß heute und es sind auch noch verdammt viele Stufen. Jetzt dreht er sich um und sieht nach oben, wo dieser verdammte Kiosk mit der Getränkebestellung endlich kommt. Aber das dauert noch, da muss er noch eine Menge heben bis dahin, und begeistert sieht er ganz und gar nicht aus.

Von oben kommt ihm eine ältere Dame entgegen. Deutlich fortgeschrittenes Rentenalter, sehr gepflegte Erscheinung, lachsrosafarbenes Kostüm, passender Hut mit nur symbolischer Schleierwinzigkeit daran. Eine Erscheinung, bei der man sich unwillkürlich fragt, was die denn nun in Hammerbrook will? Hammerbrook ist doch eher für 16 bis 66, in Hammerbrook arbeitet man – und wenn man da nicht arbeitet, dann ist man da eigentlich nicht. Rentner kommen hier kaum vor, es sei denn, sie machen Hilfsjobs, aber der Gedanke an Hilfsjobs verbietet sich, wenn man diese Dame so ansieht, der verbietet sich sogar gründlich. Menschen, die so angezogen sind, die machen keine Hilfsjobs, die schreiben eher welche aus, die suchen einen netten zweiten Hilfsgärtner für das Anwesen oder so etwas.

Der junge Mann mit der Sackkarre steht also auf der Treppe und guckt nach oben, die alte Dame guckt unweigerlich nach unten, denn sie geht ja die Treppe gerade hinab. Da sieht sie dann den Mann, der immer noch da steht und erst einmal eine Runde durchatmet, der hat nämlich schwer Puls und einfach keine Lust mehr, sportliche Erscheinung hin oder her, das ist heute definitiv kein guter Tag für größere Getränkelieferungen. Und die Dame geht mit leichten Schritten von oben treppabwärts auf ihn zu, eine kerzengerade Person. So eine Dame, die sich vermutlich ihr Leben lang gut gehalten hat, das sieht man gleich, schon als Kind immer der gerade Rücken bei den Klavierstunden, das kennt man aus Filmen, wenn schon nicht aus der eigenen Familie. Sie sieht den Mann, guckt im Gehen kurz prüfend auf ihn und sein offensichtliches Problem und fragt mit großer Selbstverständlichkeit: “Kann ich ihnen helfen?”

Das fragt sie natürlich keineswegs, weil sie tatsächlich helfen könnte, oh nein. Ein völlig abwegiger Gedanke, dass sie dem Mann mal eben eine Kiste Cola oder zwei abnehmen könnte, das geht nicht, das sieht man. Das fragt sie nur, weil man das eben fragt, denn dass sie Ahnung von Benimm hat, das überrascht einen nicht, wenn man sie länger als eine halbe Sekunde zur Kenntnis genommen hat. Das fragt sie, weil es nett ist, so etwas zu fragen, weil es höflich ist, weil sie nun einmal gute Manieren hat und weil es zu ihrer Welt gehört, sich stets richtig zu benehmen. Weil man eben Hilfe anbietet, wenn jemand mit irgendwas nicht klarkommt. Sie bleibt dann tatsächlich noch stehen und wartet auf eine Antwort, das ist auch nett.

Der Mann guckt maßlos erstaunt und lacht dann. “Nein”, sagt er, “nein, das geht schon. Aber danke!” Er freut sich richtig, grinst breit und strahlt. Und dann hebt er die Sackkarre mit neuem und jetzt auch eindeutig demonstrativem Schwung wieder eine Stufe weiter hoch und dem Kiosk entgegen, aus dem heraus sich eine junge Verkäuferin die Szene rauchend und eher desinteressiert besieht. Eine junge Verkäuferin, die in Sachen Manieren vielleicht noch ein klein wenig Potenzial hat.

Die alte Dame aber wünscht noch einen schönen Tag, geht weiter die Treppe hinab und verschwindet in vorbildlicher Haltung irgendwo in Hammerbrook zwischen den grauen Verwaltungsgebäuden der Versicherungen, Banken und Autoteilelieferanten. Unerfindlich, was sie da will.

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Post! Viel Post!

Semantische Sättigung. Man beachte den letzten Absatz, bevor man wieder stundenlang ein Wort murmelt.

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Gärten des Grauens.

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Ein langer Text über Integration. Aber es ist eben auch ein langes Thema – und für Schlagzeilen eigentlich ganz ungeeignet.

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Ich habe doch glatt vergessen, mich für Post zu bedanken, schlimm. Das fällt mir erst jetzt auf, da ich schon wieder Post bekomme, die der ersten auch noch seltsam ähnlich sieht. Es handelt sich in beiden Fällen um handschriftliche Briefe mit beigefügten Artikeln aus Zeitungen, die meine Interessen treffen, der eine Brief aus Schweden, der andere aus Schwerte. Ja, kann man nicht vergleichen, Stadt und Land, schon gut. Das passt mir aber gerade gut, siehe weiter unten. Beide Briefe wurden jedenfalls auffällig hübsch gestaltet, mit Mühe und durchdacht und auch noch mit lesbarer Handschrift und allem, also wirklich, die setzen beide Maßstäbe, ich schreibe jetzt nie mehr Briefe, auf dem Niveau kann ich gar nicht mitspielen. Ich halte zwischendurch aber als neue Regel fest, wenn auf der Absenderangabe etwas mit Schw… steht, dann werden die Briefe sehr hübsch. Immer empirisch vorgehen, ich bin da ja auch beruflich belastet. Leserinnen aus Schweinfurt z.B. könnten das jetzt natürlich sportlich nehmen. Schwachhausen, Schwarmstedt, Schwerin anyone? Schweiz?

Also vielen Dank jedenfalls den Absenderinnen, das war sehr sinnvolle und liebreizende Post, in beiden Fällen.

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Außerdem ein Dank an Britta F., die den Söhnen Sportausstattung geschickt hat, ganz großartig!

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Durch einen bizarren Zufall morgens eine S-Bahn erwischt, in der niemand auf ein Gerät guckte. Kein Smartphone, kein E-Bookreader, kein Notebook, kein Tablet im ganzen Wagen, nichts. Sämtliche Passagiere guckten, nein, starrten einfach nur vor sich hin, überall um mich herum diese typischen Werktagsmorgengesichter, ausdrücklich unfroh, müde und genervt von allem. Lauter Blicke, die ins Leere gingen. Oder in die Architektur von Hammerbrook, was nicht viel besser ist. Alle natürlich deutlich bemüht, sich bloß nicht gegenseitig anzusehen, jetzt nur ja keinen Augenkontakt, höchstens so von der Seite mal kurz rübersehen, aber auch das eher vorsichtig. Hier und da auch bemüht geschlossene Augen, wenigstens noch drei Minuten gnädiger Dämmerzustand, noch zwei, noch eine, nächste Station Hammerbrook, da müssen alle raus. Fast alle.

Und da merkt man dann erst, dass diese Leute ohne Geräte ja nun auch kein schöner Anblick sind, Nostalgieliebe hin oder her und von wegen früher war alles besser. Wenn die Leute auf die Messages ihrer Lieben oder auf Twitter oder auf Serien in Streamingdiensten gucken, dann lächeln einige wenigstens ab und zu, oder sie nicken oder wippen im Takt, das ist doch eigentlich ganz nett so.

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Im Garten ist der Bagger weg und was erlauben Wetterbericht? Da steht etwas von minus sieben Grad, ich kann so nicht arbeiten. Aber ich werde dennoch ab und zu in den Garten fahren und mir völlig enthusiasmiert die freie Fläche ansehen.

Freie Fläche im Garten

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Kurz und klein

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Die Herzdame: Experiment – Die Zeit danach

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die das Experiment rückblickend für gelungen hält, auch wenn das meiste nicht besser geworden ist als vorher.

Die Söhne mit dem iPad

Für alle, die das Experiment noch einmal von Anfang an lesen möchten bitte hier entlang.

Das Experiment ist inzwischen schon seit ein paar Tagen beendet. Der Familienrat musste wegen Krankheit im Hause Buddenbohm immer wieder verschoben werden. Aber das war vielleicht auch ganz gut so, denn so konnten wir die Eindrücke noch mal ein paar Tage sacken lassen.

In den Kommentaren haben einige Leser angemerkt, dass eine Woche wahrscheinlich etwas zu kurz ist und die Kinder in der überschaubaren Zeit alles mitnehmen würden, was nur geht. Das trifft bei den Söhnen definitiv auch zu. Aber eine wirklich wichtige Erkenntnis hat das Experiment trotzdem geliefert – vielleicht auch gerade, weil es so kurz und exzessiv war – die Kinder haben erkannt, dass es bei Medien kein Ende gibt. Diese Illusion haben sie ja so lange, wie sie immer wieder von den Eltern gebremst werden. So lange denken sie, dass sie irgendwann freiwillig aufhören würden, dass es irgendwann genug ist, dass sie irgendwann satt sind. Wie der Gatte immer wieder sagt: Das hat damals beim Fernsehen auch schon nicht geklappt.

Was hat nun aus Elternsicht gut geklappt? Was nicht so?

Grundsätzlich haben die Abende viel besser geklappt als die Morgende, das Zähneputzen deutlich besser als die restliche Körperpflege. Und mit Ausnahme des Kinderzimmers war die Wohnung die ganze Woche über erstaunlich ordentlich. Lernen und Hilfe im Haushalt liefen mal mehr, mal weniger gut und alles in allem gar nicht mal so schlecht. Aber ohne Erinnerungen funktionierte eigentlich gar nichts. Wobei ich Erinnerungen auch nicht weiter schlimm finde, wenn sie nicht so dermaßen häufig ausgesprochen werden müssen, dass sie irgendwann unwillkürlich doch wieder ins Schimpfen übergehen. Praktisch war für mich, dass ich weniger waschen musste, weil einfach nichts zum Waschen da war, da es alles irgendwo im Kinderzimmer verschimmelte. Nur die Mediensituation war wirklich schlimm, das wurde auch von allen Beteiligten so empfunden.

Am Ende waren alle auf die ein oder andere Art froh, dass das Experiment jetzt vorbei ist und wir wieder zur Normalität zurückkehren konnten. Wir Eltern dürfen wieder meckern, wovon ich am nächsten Tag auch schon regen Gebrauch gemacht habe. Gleichzeitig merkte ich aber, wie angenehm es war, die Verantwortung an die Kinder abzugeben und mich nicht dauernd aufregen zu müssen.

Die Kinder haben wie gesagt verstanden, dass es bei Medien nie genug gibt und dass dies zu Problemen führt. Sohn 1 hat am Ende nicht mal mehr die kleinsten Kleinigkeiten auf die Reihe bekommen und machte sich ernsthaft Sorgen, durch exzessiven Medienkonsum komplett zu verblöden. Sohn 2 wollte wieder deutlich mehr betüdelt werden und weniger Verantwortung tragen. Ich glaube, er braucht die ganzen Regeln auch, um dagegen sein zu können. Regeln geben Richtung, manchmal eben mit ein paar Umwegen. Alles in allem sind jedenfalls von beiden Kindern ausdrücklich wieder mehr Regeln gewünscht.

Für uns Eltern war eine wichtige Erkenntnis, dass unsere pädagogischen Dramen massiv durch die digitalen Medien verursacht werden. Das größte Problem war einzig und allein das iPad, der Rest regelte sich eigentlich fast wie von selbst. Das war uns vorher nicht in dem Ausmaß klar, die anderen Themen kamen uns manchmal ähnlich schwierig vor – vielleicht lagen wir da gar nicht richtig. Wir haben also beschlossen, das Meckern bei diversen anderen Themen weiterhin einzustellen und öfter abzuwarten, was sich alles von selbst auflöst.

Damit sich aber überhaupt etwas regeln kann, das fiel uns auch am Tag nach dem Experiment auf, müssen die Kinder besser wissen, was wir wann vorhaben. Es ist etwas zu viel verlangt, dass sie bei allem, was wir ihnen mehr oder weniger spontan als Aufgabe hinwerfen, sofort willig mitspielen – das würden wir als Erwachsene ja auch nicht gerne machen. Wir brauchen wohl mehr Struktur und Klarheit und haben also beschlossen, sowohl Werktage als auch vor allem Wochenenden ausdrücklicher vorzuplanen und vorzubesprechen. Wer hat wann welchen Termin mit wem, wie kann das gehen, wieviel Zeit bleibt vermutlich davor und danach, welche Aufgaben müssen – von wem auch immer – erledigt sein, damit so etwas wie Freizeit – und damit auch Medienzeit – überhaupt möglich ist.

In vielen Fällen wird man die Medienzeit schon im Vorwege dadurch klar begrenzen können und müssen, die Werktage geben da durch die Bank nicht viele Möglichkeiten her. Wir haben jedenfalls beide so gar keine Lust mehr, dauernd mit der Stoppuhr neben den Kindern zu stehen, es erscheint attraktiver, mit logisch möglichen Zeiträumen zu arbeiten. Also nicht „Du hast jetzt 25 Minuten“, sondern „Du kannst jetzt ans iPad bis wir wieder losmüssen.“ Und wenn das dann 60 Minuten sind, dann ist es so. Und wenn es nur zehn sind, dann ist das auch so. Wir werden sehen, ob das wirklich ein brauchbarer Plan ist.

Bei den Regeln für die Wochenenden schwimmen wir aber noch. Beim ersten Versuch, da eine vernünftige Regel zu finden, kamen wir gemeinsam auf ein Vorschriftenwerk mit mehreren Unterparagraphen und Ausnahmeverordnungen, nach einer Stunde Familienrat hätte keiner von uns diesen Regelwust flüssig referieren können – und dann weiß man doch gleich, dass es nicht funktionieren kann. Wochenenden bleiben also zu klären, man muss aber auch nicht immer bei allen Punkten sofort gewinnen. Vielleicht klärt das auch der Frühling für uns, ab in den Garten. Da gibt es kein WLAN – und das bleibt auch so.

Sohn II hatte dann auch noch einen sehr schönen Vorschlag, nämlich jetzt eine Woche lang alles zu machen, was wir von ihm wollen, also eine Ausgleichswoche. Sein zweiter Vorschlag, weil er Experimente nun einmal gut findet: eine ganze Woche alles hinzunehmen und mit „Mir doch egal“ zu beantworten.

Alles in allem war das Experiment kurz, intensiv und erkenntnisreich. Es hat unser Leben nicht auf einen Schlag entspannter und besser gemacht. Aber wir haben doch Ergebnisse, mit denen wir nun weiterarbeiten können.

Und wenn die Söhne in Zukunft das iPad nicht freiwillig und schnell genug weglegen, werden wir einfach als Strafe eine weitere Woche komplette Medienfreiheit androhen. Da müssen wir dann nur aufpassen, dass nicht gerade die Mir-doch-egal-Woche ist.

Hier noch mal alle Berichte des Experiments:

Einleitung | Tag 1Tag 2 | Tag 3 | Tag 4 | Tag 5Tag 6Tag 7 | Tag 8 | Fazit

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Da die Söhne Hauptfiguren dieser Blogartikelreihe sind, mittlerweile aber schon ziemlich gut mitlesen können und eine genaue Vorstellung davon haben, was sie von sich im Netz lesen wollen und was nicht, werden diese Artikel vor Veröffentlichung mit ihnen besprochen und lektoriert. Auch wenn ich es richtig blöd finde, wenn ein guter Witz von ihnen gestrichen wird und rausfliegt.

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Um der Verdummung durch zu viel digitale Medien entgegen zu wirken – der Sponsor dieser Reihe ist die SZ Familie.

12 von 12 im März

(Die anderen 12-von-12-Ausgaben zahlloser Bloggerinnen wie immer hier)

Ein Werktagmorgen, also ab nach Hammerbrook und in ein formschönes Bürohaus. Das Wetter ist eklig, es ist Montag, niemand hat die Absicht, deswegen zu jammern. Wie wir in unserem von Altersweiheit und Tiefsinn geprägtem Großraumbüro immer sagen: “Wenigstens arbeiten wir überdacht.”

Im Büro ist der Kaffee so unfassbar schlecht, dass ich auf Hagebutten-Hibiskus-Tee umgestiegen bin. Unterm Strich endet man dabei aber schon wieder mit hängenden Schultern bei: “Immerhin arbeiten wir überdacht.” Schlimm.

Zwischendurch strolche ich unentschlossen durch den Regen und an den vielen Imbissen vorbei, die in Hammerbrook für vergleichsweise üppige Preise ziemlich mäßige Speisen anbieten. Kann aber alles nicht mehr sehen. Immerhin sind die Brötchen überdacht, denke ich, es ist irgendwie nicht der allerfröhlichste Tag des Monats, wie Sie vielleicht merken.

Ich esse nix, ich trinke nur einen Kaffee und sehe mir hässliche Autos im hässlichen Hammerbrook an.

Dann doch noch ein Lichtblick, ich treffe mich nach Büroschluss mit der Herzdame zum Mittagstisch im kleinen Bahnhofsviertel.

Wir gehen zu Gao Kitchen auf der Langen Reihe, hier eine Besprechung des Ladens. Mittagstisch 7,50, ich finde das sehr gut da, gerne wieder.

Nach dem Essen gehe ich noch in einen Drogeriemarkt, dummerweise gibt es da auch Saatgut. Stelle fest, dass ich bei Saatgut nach wie vor etwas unbeherrscht bin. An der Kasse lege ich die Bohnen ordnungsgemäß aufs Laufband. Die Dame vor mir, Typ pensionierte Schuldirektorin, besieht sich über ihre Lesebrille hinweg erst die Bohnentüte, dann mich. Sagt in seltsam strengem Tonfall: “Aha!” Schüttelt missbilligend den Kopf. Und ich weiß gar nicht recht, was sie meinte. Vielleicht sehe ich mit meinen mittlerweile recht langen Haare genau aus wie so ein Typ, der anderen die Bohnen für den Garten vor der Nase wegkauft?

Ich bespreche den Fall zu Hause mit meiner Dahlie, aber die weiß auch nicht recht.

Lese etwas im Echolot, da ich abends im Moment dauernd zu müde bin, um mehr als eine Seite zu lesen. Mein Biorhythmus ist völlig aus dem Ruder, ich falle um acht Uhr um und wache um vier auf, das muss sich ändern. Oder ich mache das einfach solange weiter, bis ich alle überrundet habe, passt dann auch wieder.

Gucke dann einen Clip auf Youtube, dessen Charme sich vermutlich nur Garteninteressierten erschließt, pardon. Aber wenn man weiß, mit welch fancy Methoden und Mitteln und Ausrüstungskomponenten einige Gartenyoutuber arbeiten, dann kann man über den Herrn hier schon einmal lachen, der sinngemäß sagt: “Himmel, steckt das Zeug doch einfach in die Erde.” At no cost! Wie er ungefähr hundertmal wiederholt. Großartiger Dialekt auch, muss mir angewöhnen, das “okay” genau so auszusprechen wie der Gärtner im Filmchen.

In der Wohnung keimen übrigens jetzt die Kartoffeln vor, und mangels Platz tun sie das im Schlafzimmer. Die Herzdame is not amused, um es milde auszudrücken.

#12von12 #schrebergarten

Ein Beitrag geteilt von maximilian buddenbohm (@buddenbohm) am

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Es folgt Werbung, und zwar ein Terminhinweis für Hamburg, besonders für Hamburger Eltern. Wir waren da schon im letzten Jahr, wenn man legobegeisterte Kinder hat oder selbst in der Richtung interessiert ist, dann ist man da auch richtig. Und dem Wetterbericht nach kann man draußen eh nix machen.

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Die Herzdame: Experiment Tag 8

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die heute leider gar nicht viel zu berichten hat.

Die Söhne mit dem iPad

Für alle, die das Experiment noch einmal von Anfang an lesen möchten bitte hier entlang.

Es ist Freitag und der letzte Tag des Experiments. Auch heute Morgen läuft es nicht anders als die Tage zuvor. Sohn 1 kommt wieder nicht vom iPad los, schafft es dann aber tatsächlich noch, in letzter Minute zu duschen. Hurra! Konfetti! Alles geht, man braucht nur ein paar Tage Anlauf.

Beiden Jungs fällt dann allerdings ein, dass sie nachmittags zum Schwimmen wollen und das dieses Duschen daher eigentlich überflüssig war, und diese Erkenntnis ist nicht gut für die Stimmung.

Ich habe schon früh einen Termin zur Bestellung unserer Laube und muss kurz vor 8 Uhr los. Als ich gehe, ist Sohn 1 immer noch nicht fertig. Ich laufe zufällig am Haus seines Kumpels vorbei, der schon auf dem Balkon steht und seit einer Weile auf ihn wartet. Und obwohl es mich diese Woche ja eigentlich nichts angeht, macht es mich echt traurig, dass diese Kleinigkeiten nicht funktionieren, ohne dass man alles anweist.

Eigentlich wollten wir heute Familienrat halten und über unsere Erkenntnisse sprechen, aber die Termine machen uns wieder einen Strich durch die Rechnung. Abends sehe ich die Jungs nur für eine halbe Stunde, da sie lange unterwegs sind und ich dann mit einer Freundin zum Essen verabredet bin. Der Familienrat wird also erst einmal kurz verschoben.

Und das Fazit dieser kleinen Reihe damit auch.

Hier noch mal alle Berichte des Experiments:

Einleitung | Tag 1Tag 2 | Tag 3 | Tag 4 | Tag 5Tag 6Tag 7 | Tag 8 | Fazit

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Da die Söhne Hauptfiguren dieser Blogartikelreihe sind, mittlerweile aber schon ziemlich gut mitlesen können und eine genaue Vorstellung davon haben, was sie von sich im Netz lesen wollen und was nicht, werden diese Artikel vor Veröffentlichung mit ihnen besprochen und lektoriert. Auch wenn ich es richtig blöd finde, wenn ein guter Witz von ihnen gestrichen wird und rausfliegt.

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Die Herzdame: Experiment Tag 7

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die heute doch geschimpft hat.

Die Söhne mit dem iPad

Für alle, die das Experiment noch einmal von Anfang an lesen möchten bitte hier entlang.

Donnerstag ab 6 Uhr klebt Sohn 1 wieder am iPad. Immer noch ungeduscht, die Haare sehen immer schlimmer aus, mittlerweile wie eine durchgehende Filzmatte. Ich spreche meine freundliche Empfehlung aus, keine Reaktion.

Ich wecke Sohn 2, der dreht sich aber wie immer nochmal um. Als ich ihn das nächste Mal auf die Zeit hinweise, bekomme ich wieder Ärger, dass ich ihn nicht früher geweckt habe. Das interpretiere ich so, dass ihm Schimpfen wohl lieber gewesen wäre. Nun ja. Ich stelle laut fest, dass er so langsam riecht. Da springt Sohn 2 auf und geht duschen. Leider auf den letzten Drücker, deshalb bleibt keine Zeit mehr, noch die Haare zu waschen. Aber ich freue mich auch über die kleinen Erfolge.

15 Minuten bevor Sohn 1 losmüsste, klebt er immer noch am iPad und hat sonst nichts gemacht. Als ich ihm das mitteile, gibt es keine Reaktion. So langsam kocht doch die Wut hoch. Mir fällt es wirklich schwer mich zu zügeln und dann rutscht es mir doch raus. Ich schimpfe kurz, fange mir aber böse Blicke von allen Seiten ein, auch vom Gatten.

Sohn 1 reißt sich dann doch los und wirft einen alten Pullover über, das muss reichen. Ihm fällt aber noch ein, dass er frühstücken muss, Sohn 2 schließt sich da an. Die Zeit rennt. Und wo ich gerade dabei bin mich aufzuregen, rege ich mich auch gleich über alles auf. Ich falte den Gatten zusammen, das darf ich ja. Das ist nicht verboten, denke ich, das Experiment bezieht sich nur auf die Kinder. Der Gatte sieht das natürlich anders. Ich bin still und rege ich mich innerlich weiterhin auf. Es wird immer hektischer. Die Kinder laufen durch die Wohnung – erst mit Toast, dann mit Zahnbürste. Ich schicke sie zurück ins Bad, das darf ich aber wirklich. Das war Bestandteil der Vereinbarung: die Wohnung bleibt weitgehend ordentlich und sauber (haha).

Das Fazit für morgens: irgendwie geht es nicht ohne Meckern, auch wenn ich eigentlich ruhig bleiben will und es mir egal sein sollte, ob die Kinder zu spät kommen. Vielleicht ginge es, wenn das iPad nicht wäre. Ich stelle noch schnell eine Waschmaschine an. Es ist weniger Wäsche zu waschen als sonst, weil noch bergeweise Kleidungsstücke im Kinderzimmer liegen. Das hat immerhin einen Vorteil, es spart Wasser und Waschmittel und ist gut für die Umwelt.

Nebenbei stelle ich fest, dass die Kinder es eigenständig geschafft haben, sich wettergerechte Kleidung anzuziehen, es sind immerhin Minusgerade.

Nachmittags gehen die Kinder eigentlich zum Parkour, aber wir stellen es ihnen frei, weil das irgendwie auch zum Experiment gehört. Sie entschließen sich nicht zu gehen, was mich anfangs insgeheim freut. Ich muss keinen Fahrdienst machen und kann an meinen Berichten schreiben. Was sie statt Sport machen, muss ich hier nicht weiter schreiben … Aber obwohl das alles klar und abzusehen war, bin ich dann doch etwas enttäuscht.

Sohn 1 hat sich mit seinem Kumpel zum gemeinsamen Zocken am Telefon verabredet. Sie spielen stundenlang Clash Royal, das Telefon liegt daneben, sie besprechen Strategien und man darf auf keinen Fall stören. Nur Sohn 2 darf zugucken.

Abends gehe ich zum Lindy Hop, bekomme also nicht mit, wie es läuft, der Gatte ist jedenfalls hinterher ganz zufrieden. Bisher waren die Jungs abends aber immer so spätestens um 21 Uhr im Bett, was ich durchaus vertretbar finde.

Ich stelle fest, abends läuft es besser als morgens. Wesentlich besser.

Hier noch mal alle Berichte des Experiments:

Einleitung | Tag 1Tag 2 | Tag 3 | Tag 4 | Tag 5Tag 6Tag 7 | Tag 8 | Fazit

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Da die Söhne Hauptfiguren dieser Blogartikelreihe sind, mittlerweile aber schon ziemlich gut mitlesen können und eine genaue Vorstellung davon haben, was sie von sich im Netz lesen wollen und was nicht, werden diese Artikel vor Veröffentlichung mit ihnen besprochen und lektoriert. Auch wenn ich es richtig blöd finde, wenn ein guter Witz von ihnen gestrichen wird und rausfliegt.

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Blind-Date Edition #4 „Peaches“

PFIRSICH

(Bildquelle: Das Titelbild stammt von Sandra Geeck vom Blog GrüneLiebe.)

Was kommt dabei heraus, wenn sich 12 GartenbloggerInnen zu einem festgelegten Song Gedanken machen und die entstandenen Beiträge zeitgleich ins Internet stellen? Unter dem Motto „Peaches“ hat jede/r von uns einen Beitrag zu dem gleichnamigen Song von den The Presidents of the United States of America geschrieben.

Wir wissen nicht was die Anderen geschrieben haben, es gab keine inhaltliche Abstimmung und wir sind sehr gespannt auf das Ergebnis!

Mit dabei sind:

Gartenbaukunst, Hauptstadtgarten, Beetkultur, Der kleine Horrorgarten, Karo-Tina Aldente, Cardamonchai, Milli Bloom, Rienmakäfer, Garteneuphorie, Garteninspektor, Faun und Farn, Mrs. Greenhouse, Buddenbohm & Söhne.

Viel Spaß beim Lesen!

Ich habe ein Blog und ich habe einen Garten, das macht mich nicht zwingend zum Gartenblogger, wirklich nicht, man verbindet ja irgendwie doch Kompetenz und Ahnung mit Gartenblogs, das habe ich beides nicht zu bieten, also noch nicht. Ich arbeite nur daran, stets bemüht.

Umso mehr freute mich die Einladung, bei einer Gartenbloggeraktion mitzumachen, vielen Dank, das ist wirklich ganz reizend.

Man wirft also etlichen Bloggerinnen ein Stichwort hin, jeder schreibt irgendwas und alle veröffentlichen ihre Texte gleichzeitig, sie nennen es Blind Date. Im Grunde ist die Idee ziemlich gut, das könnte man auch anderweitig einmal … aber nein. Bloß keine neuen Projekte! Contenance!

Der Pfirsich ist nun eine Frucht, zu der ich assoziativ erstaunlich wenig zu bieten habe, mein Leben ist ausgesprochen arm an Pfirsichgeschichten. Nur zwei Szenen fallen mir ein, die eine erklärt mein eher schwieriges Verhältnis zu Pfirsicharoma, die andere unterstreicht in geradezu erschreckendem Ausmaß meine Ahnungslosigkeit.

Als ich damals jeden Tag mit dem Doppeldeckerbus zwischen Lübeck und Travemünde hin- und herfuhr, um das Gymnasium in der Altstadt zu besuchen, war es unter den Schülern üblich, sich vor der langen Fahrt am Kiosk mit Süßigkeiten zum Preis von fünf oder zehn Pfennig pro Stück einzudecken. Die meisten davon gibt es heute noch, nur kosten sie jetzt fünf oder zehn Cent. Darunter war auch weingummiähnliches Zeug in Pfirsichform, dick mit Zucker bestreut, das werden viele kennen, nehme ich an. Diese übersüßen Stücke habe ich ab und zu gegessen, sie waren weder besonders gut noch besonders schlecht, ich gehörte eher zur Salino-Fraktion, das war cooler. Oder Nappos, mitttlerweile tun mir die Zähne schon weh, wenn ich nur daran denke. Ganz anders mein Mitschüler T***, der diese Pfirsichsurrogatextraktweingummis in beliebiger Menge essen konnte und das auch regelmäßig tat. Allerdings zeichnete sich dieser T*** auch dadurch aus, dass ihm ab und zu während der Fahrt schlecht wurde. Weswegen er einmal, als er neben mir saß, eine größere Menge dieser rosafarbenen Zuckerpfirsiche hochwürgte und zwischen uns erbrach. Und diese fatal süßsaure Geruchsmischung aus Pfirsicharoma und Kotze führte in Sekunden dazu, dass ich auch … nur eben in schwarz, weil Salinos.

Seit dieser Zeit reagiere ich bis zum heutigen Tag vehement ablehnend auf alles, was auch nur entfernt nach Pfirsich riecht. Shampoo, Weingummi, Parfum, egal was, ich flüchte sofort. Es sei denn, es ist ein echter Pfirsich, dann geht es. Der Mensch funktioniert manchmal seltsam.

Zweitens habe ich mir bis vor wenigen Jahren nie, wirklich nie Gedanken gemacht, wo Pfirsiche wohl wachsen. Ich habe sie irgendwo im Süden verortet, das aber nicht weiter definiert, wie etwa beim Pfeffer. Irgendein malerischer Süden, eher weiter weg als näher dran. Ich war daher ziemlich überrascht, als ich zum ersten Mal in Südtirol bei einem Obstbauern war und dort Pfirsichbäume standen, ich hatte diese Frucht tatsächlich noch nie vorher an einem Baum gesehen. Und weil ich Pfirsiche vorher nicht mit Italien in Verbindung gebracht habe, kam mir Südtirol in dem Moment, in dem ich vor diesem Baum stand, noch südlicher als ohnehin schon vor, sagen wir ruhig: traumhaft südlich. Bei etwas besserer Allgemeinbildung bezüglich Pflanzen hätte ich natürlich östlich denken müssen, traumhaft östlich, der Pfirsich kommt ursprünglich aus China. Der Obstbauer hat sich dabei prächtig amüsiert, zumal ich auch nach längerem Nachdenken nicht darauf kam, um was es sich bei dem Baum neben dem Pfirsich handelte. Kaki, die waren mir bis dahin nicht einmal ansatzweise geläufig, nie gegessen.

Aus komplett unerfindlichen Gründen ist mir außerdem noch bekannt, dass Goethe irgendwo “Pfirschen” erwähnt, genau so geschrieben, nicht etwa Pfirsiche. Nun kann das natürlich peinlich werden, falls die Pfirschen der Goethezeit am Ende gar nicht Pfirsiche waren, sondern Birnen oder Pflaumen oder was weiß ich. Wenn es aber tatsächlich Pfirsiche waren, dann ist “Pfirschen” klar der bessere Begriff, er klingt viel saftiger, auch irgendwie angemessen unästhetisch, er klingt so, als hätte man gerade hineingebissen und der Saft würde einem so am Kinn herunterlaufen, ich meine, wer kennt das nicht. Pfirschen klingen nach Pfirsichsabber und nach hoffentlich sieht das jetzt keiner, wenn ich über die Spüle gebeugt diese überreife Frucht verschlinge und mich einsaue wie ein Dreijähriger, Pfirschen, das ist wirklich ein äußerst treffender Begriff für Pfirsiche, besonders für angebissene Exemplare im Hochsommer. Solange sie noch attraktiv am Baum hängen, nennt man sie vielleicht doch besser Pfirsiche, das klingt niveauvoll und gepflegt, das wiederholte i hebt doch ungemein. Wenn man Pfirsich überdeutlich und langsam ausspricht, macht man fast unweigerlich einen affektierten Gesichtsausdruck, probieren Sie das mal aus. 

Egal, kommen wir zur Gegenwart. In unserem Garten wird, wie schon oft erwähnt, die Herzdame für die Laube zuständig sein, ich aber für die Beete. Sie innen, ich außen, so der grobe Plan. Ab und zu äußert sie dennoch überraschend Pflanzenwünsche, die ich natürlich möglichst berücksichtigen werde. Wenn sie sich schon nicht für Gemüse interessiert, pflanze ich ihr eben etwas anderes, Hauptsache, sie guckt mal. Allerdings weichen ihre Wünsche deutlich von meinen ab. Sie möchte beispielsweise einen Bambus, Reineclauden und tatsächlich auch Pfirsiche, warum auch immer. Bambus widerstrebt mir sehr, den isst man eher nicht und ökologisch wäre er wohl nur sinnvoll, wenn es hier Pandas geben würde. Aber sie bekommt ihren Bambus, eh klar.

Reineclauden, wenn das überhaupt der richtige Plural ist, möchte sie vermutlich nur haben, weil sie so extravagant klingen. Aber sie bekommt auch ihre Reineclauden, eh klar. Man kann auch Renekloden schreiben, dann klingen sie plötzlich wie niederdeutsches Wildobst, Renekloden, die wachsen hier auf jeder Verkehrsinsel, wenn man sie so schreibt. Allerdings pflanzt man sie besser im späten Herbst, die sind jetzt nicht dran.

Das mit den Pfirsichen habe ich nachgelesen, ich habe mittlerweile fast alles nachgelesen, was man im Garten pflanzen kann. Und der Pfirsich, da gibt es nichts, ist heikel. Ein tendenziell schwieriges, empfindsames Gewächs, eher divenhaft, eher sensibel, braucht viel Schutz und einen perfekten Standort, braucht bestes Wetter, braucht den perfekt abgestimmten Boden und keinen Wind und wenig Regen und überhaupt ideale Bedingungen, braucht eigentlich mindesten Südtirol und einen liebevoll sorgenden Obstbauern – und dann gedenkt er vielleicht, auch bei uns im Norden etwas zu werden. Mit Glück.

Das stand so in den ganzen Büchern aus der Gartenabteilung der Zentralbücherei, die ich im Winter verschlungen habe. In meiner Gartendatei, in die ich alles eintrage, was ich in diesen Büchern anwendbar finde, steht bei Pfirsich daher: “Eher nicht”. Aber das ist nur Buchwissen, und Buchwissen zählt im Garten nicht viel, es zählt sogar überhaupt nichts, wenn die Herzdame Wünsche hat.

Unser Garten liegt auf einer Insel in einem Fluss, die Insel ist ein Hügel mitten in der Hamburger Bille. Die Gärten direkt am Ufer liegen alle am Hang. Im letzten Spätsommer ging ich da einmal entlang und guckte über die Bille, und da hing mir einer ins Bild, ein Wahnsinnspfirsich, geradezu ein Stockphotopfirsich. Schimmernd im Sonnenuntergang, die Frucht schlechthin. Und ganz alleine hing er da, nichts anderes am Baum. Nur diese eine, sündhaft schön erscheinende Frucht.

Hing da an einem Baum in vollkommen verkehrter Lage, hing da, wo der wüste Westwind Norddeutschlands jeden Tag an den Ästen reißt und zerrt und unablässig das Gezweig durchwühlt. Hing da, wo der verlässliche Hamburger Regen auf die Bäume prallt wie klatschnasse Ohrfeigen, frisch über die Bille in immer neuen Schwaden herangeweht, den ganzen Sommer hindurch, im Herbst natürlich erst recht. Hing da an einem Baum am Hang, in der ungeschütztesten Lage, die man sich nur vorstellen kann. Hing also da, wo niemand mit Verstand einen Pfirsich hinpflanzen würde, weil er da einfach nichts werden kann.

Und wegen dieser einen Frucht, sei es nun eine Pfirsche oder ein Pfirsich, werden wir auch bald einen Pfirsichbaum in unserem ebenfalls winddurchtosten Garten haben. Denn was in den Büchern steht, das ist das eine. Und es ist sicher auch alles richtig und wichtig und mühsam erarbeitet und hochgelehrt. Aber das Pflanzen gar nicht lesen können, das ist eben das andere.

Und wenn man ihnen nicht erzählt, was man gelesen hat – wer weiß. Es ist am Ende alles einen Versuch wert.