Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 28.7.2022

Einige unkommentierte Links heute, ich habe gerade gemerkt, dass ich nächste Woche keinen Urlaub mehr habe und befinde mich noch im Schockzustand, da ist man ja nicht so kreativ.

Christian über Stammkneipen und Kunst.

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Frau Novemberregen über Selbstverteidigung.

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Wir zittern vor dem Wetter, wie man vor einem Orakelspruch zittert.

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Fahrradfahren in den Niederlanden unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt vom Fahrradfahren in Deutschland: Man bangt nicht um sein Leben.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken, zum einen für die Zusendung von „Schwärmer und Schnaken“ von Harry Martinson, Deutsch von Klaus-Jürgen Liedtke. Reflexionen über die Natur, das passt gerade.

Zum anderen war es wieder so weit, dass wir die gesparten Trinkgelder in Urlaub umgesetzt haben, und damit dann auch wieder in Text. Von den zwei Wochen, die wir auf Eiderstedt waren, haben Sie freundlicherweise mehr als die Hälfte finanziert, dafür kann ich gar nicht genug danken. Es gab noch eine Summe mit dem Betreff „Zweisamkeit“, die haben wir auch dafür verwendet, denn mehr Zeit ohne Kinder als auf dem Hof (keine bezahlte Werbung) haben wir kaum jemals, die Kinder sind dort mit anderen Kindern beschäftigt. Ganz herzlichen Dank!

Vorderseite

Ich folge dem Vorsatz, über die Motive der Karten weniger nachzudenken, sondern das zu nehmen, was gerade da ist. In diesem Fall also ein Julibild aus dem Garten. Wir brauchen als Setting einen Schrebergarten, den sie sich bitte nicht zu ordentlich vorstellen dürfen, so viel Zeit haben wir nicht, und abweichend vom üblichen Bild solcher Gärten gibt es in diesem deutlich mehr alte Bäume, auch große, etwa den Weißdorn. Was in diesen heißen Zeiten wegen des Schattens selbstverständlich ein Segen ist, und genau das war sogar der Plan, als wir uns für diesen Garten entschieden haben. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.

Ein alter Apfelbaum, eher uralt schon, vor Jahrzehnten von den Pächtern vor uns gepflanzt. Seit vielen Jahren schon wurde er nicht mehr beschnitten, innen ist er längst hohl. Es ist ein Apfelbaumgreis mit ausgesprochen zauseliger Zweigfrisur, dennoch trägt er üppig. Gelbgrüne Äpfel, die in diesem Jahr besonders groß ausfallen. Eine rostrote Laterne hängt noch am Stamm, Kerzenreste darin. Ein Vogelhäuschen, ein Meisenball an den Ästen, den besucht gelegentlich auch der lebhaft interessierte Buntspecht. Unter dem Baum steht ein wackeliger Holztisch. Eher klein ist der, wenn man da sein Notebook daraufstellt, dann passt der Kaffee kaum noch daneben. Zwei ebenso wackelige Stühle davor. Man musss etwas bewusst sitzen, um die Stabilität zu wahren, aber das soll ja gut sein. Ein schöner Platz, etwa um eine Dankespostkarte zu schreiben.

Über dem Apfelbaum ragt die Weide auf, deren Laub heute etwas traurig hängt. Der Boden ist in der Tiefe zu trocken, viel zu trocken, und die Sonne brennt zu heiß. Oben in der Weide, himmelwärts oben, raschelt schon wieder aufkommender Wind in den Blättern und auf dem Handy ploppen die ersten Unwetterwarnungen auf, es kommt ein Gewitter, aber das hat noch ein paar Stunden Zeit.

Links im Bild noch eine Hortensie, die weißen Ballen der Blüten.

Aus den Apfelbündeln in den Zweigen löst sich einer und fällt in das Gras, das hitzebedingt schon etwas länger nicht mehr gemäht wurde. Der Apfel fällt weich, es gibt ein tiefes, seltsam zufriedenstellendes Geräusch, das so klingt, als sei der Apfel sehr saftig, das so klingt, als sei das Gras ein überaus angenehmes Polster.

Ein Apfel im hohen Gras, sonnenbeschienen, ein einfaches Bild. Tiefe gewinnt es erst durch die Fülle der Möglichkeiten, die sich daraus ergibt, denn was macht man, wenn da so ein Apfel neben einen fällt, im Garten, im Juli?

Ich könnte hier einfach sitzenbleiben. Ich sitze wackelig auf diesem ollen Stuhl, ich sitze so, wie alles gerade ist, sogar die Weltlage, das passt schon. Alles immer weiter ausbalancieren. Ich sitze hier vielleicht einfach, bis ein weiterer Apfel fällt. Das ist ein vollkommen unbestimmter Zeitraum, der nächste Apfel fällt jetzt gleich oder morgen erst, ich weiß es nicht, es ist unvorhersehbar. Es würde die Zeit aber schön dehnen, unter diesem Baum auf den zweiten Apfel zu warten, es ist eine ausgesprochen vielversprechende Vorstellung. Ich habe Urlaub, das passt doch. Und dann auch darauf achten, ob der folgende Apfel im weichen Gras den ersten Apfel touchiert, sehr gemächliches Baum-Boule wäre das.

Ich könnte mich nach dem Apfel bücken, ich müsste nicht einmal aufstehen dafür. Ich könnte ihn nehmen und hineinbeißen und schmecken, wie weit der Sommer ist. Apfel, Apfel, wie weit ist der Sommer. Und ist er mir nicht weit genug, dann werfe ich den angebissenen Apfel in den Kompost, auch dafür müsste ich nicht erst aufstehen. Das geht über die Schulter und befriedigt sicher ungemein, wenn tatsächlich getroffen wird.

Ich könnte den Apfel dort liegenlassen. Etwa bis die Wespen kommen, die Würmer, die Asseln, die Schnecken, das ganze Gewimmel.

Ich könnte auch auf die Dämmerung warten und bis größere Gäste erscheinen, der rasselnd atmende Igel etwa, die huschenden Mäuse, das vermutlich eher desinteressierte Eichhörnchen, die alles probierenden Rabenkrähen, die hyperaktiven Jungelstern.

Ich könnte ein apfelorientiertes Gespräch mit der Herzdame beginnen, die unweit von mir sitzt und seit zwanzig Minuten schon Entsafter googelt, weil sie wesentlich pragmatischer auf Fallobst reagiert als ich.

Oder nichts davon. Ich könnte mir immer weiter Notizen machen, auf Papier, weil die Sonne auf dem Bildschirm zu sehr blendet, und die I-Punkte fallen auf das Blatt wie die Äpfel ins Gras.

Ein Kohlweißling taumelt durch das Bild, zwei Pfauenaugen hinterher. Von irgendwoher kommen Arbeitsgeräusche, weil in Schrebergärten immer jemand etwas macht, das gehört hier so. Es wird gehämmert, dann stoßen Latten aneinander. Es sind gute Geräusche, kein nervtötendener Motorenlärm.

Der Apfel liegt im Gras, ich sitze am Tisch. Zeit vergeht. Mehr muss es manchmal nicht sein.

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Dort klingen die Stimmen der Menschen matt

Ich lese Petri Tamminen, Verstecke, hier eine freundliche Rezension dazu. Das sind Texte, die fast Gedichte geworden wären, fast halbtraumartige Kolumnen über das wichtige Thema des Abtauchens, etwa auf einem Dachboden:

„Der Dachboden […] taugt immer als Versteck. Auf dem Dachboden herrscht die Wärme von verbranntem Orange. Auf dem Dachboden riecht es nach Sägemehl. Unten in der Wohnung spricht jemand, der Wind säuselt in den Bäumen, und die Wespen leben in den Ritzen des Gebälks. Auch im Drahtkäfig eines Mietshauses kann sich ein Dachbodenversteck befinden, durch entsprechende Einrichtung schafft man sich dort ein gemütliches Nest.

Jeder hat sich schon einmal klammheimlich vom Spektakel im Parterre verzogen und ist die Treppe zum Himmel emporgestiegen, in die Stille des Dachbodenverstecks. Dort klingen die Stimmen der Menschen matt. Dorthin dringt der Lärm der Welt gedämpft und wie aus einer anderen Zeit, aus einer, die man bereits überstanden hat. Dort kann man unter einem Webstuhl im Duft von alten Zeitschriften und verschossenen Tapeten liegen und lauschen, wie das Leben vorüberströmt. Man fühlt sich leicht wie in einem Bestattungsinstitut im Juli, wo der Besitzer ein Käsebrot verzehrt und die Sonne auf die Flanken der Särge scheint.“

Schönes Deutsch von Stefan Moster. Ein Sommerlochbuch, falls Sie eines brauchen, verstecken Sie sich ruhig einmal damit.

„Im Wald hält sich der Finne schon so lange versteckt, dass der Wald sich in ihm versteckt.“

Wieder in Hamburg gehe ich gleich beim öffentlichen Bücherschrank vorbei. Ich bringe die Briefe von Schwitters wieder weg, die ich dort neulich gefunden habe. „Sie können doch keinen Schwitters wegstellen!“, sagt der Mann neben mir, und ich sage doch, es müsse ja alles im Umlauf bleiben, so sei es am besten. Er nimmt den Schwitters, steckt ihn ein und sagt, der ginge jetzt aber mit nach Oldenburg. Ich sage: „Da gibt es sicher auch solche Schränke.“

Wir sehen beide die Bücher durch. Ich nehme einen David Foster Wallace mit, seinen Erstling, Der Besen im System. Da auch mal reinsehen. Dann lache ich, denn daneben steht ein Buch von mir. Der andere Mann fragt, warum ich lache, ich erkläre es ihm, ich sage: „Ich stehe neben Wallace, das ist so schlecht nicht.“ Dann erkläre ich ihm die Situation. Ich habe mich noch nie in einem öffentlichen Bücherschrank gefunden, ich finde das gut und freue mich.

„Worum geht es in ihrem Buch“, fragt der Mann. Ich sage Travemünde. Da fährt seine Tochter in Kürze hin, stellt sich heraus, da könnte er ihr doch glatt ein signiertes Buch schenken, fällt ihm ein, und ob ich nicht eben …

So habe ich nach jahrelanger Pause mal wieder ein Buch signiert, das war nett und ausgesprochen freundlich zur Wiederankunft in Hamburg. Um weitere zu signieren, müsste ich allerdings erst wieder eines schreiben, fürchte ich, das ist etwas viel Aufwand, wenn ich mich recht erinnere. Und worüber auch.

Dann werfe ich zuhause einen langen Blick in leere Schränke und Regale und kaufe so viel ein und hänge hinterher so unfassbar viel Wäsche auf, dass ich bald nicht mehr weiß, ob Stunden oder Tage vergangen sind. Das Leben ist eine lange, ruhige Wäscheleine. Ich hänge das letzte T-Shirt auf, da ist das erste vielleicht schon wieder trocken, denn sogar im Keller ist es sehr warm. Der Trockenkeller ist groß, niemand außer mir benutzt ihn. Einige Mieterinnen kennen ihn gar nicht, der Raum liegt versteckt und ist kryptisch irreführend beschriftet. Es sind nur Wäscheleinen darin. Wäscheleinen und Spinnweben und ein kleiner roter Klappstuhl, den ein Sohn einmal hierhin mitgenommen hat, um oben an die bunten Wäscheklammern auf den Leinen anzukommen, es wird mindestens zehn Jahre her sein. Ich kann die Stimmen der Passanten von hier unten hören, unklares Gemurmel, selten nur verstehe ich ein gerufenes Wort: „Post!“ Dann der Türsummer, ein Klacken, das Rumpeln einer Sackkarre, die gegen den Türrahmen stößt, ein Fluchen in einer anderen Sprache. Ich könne mich auf den allerdings sehr kleinen Klappstuhl unter die nasse Wäsche setzen, Waschmittelgeruch und Kellermuff um mich herum, sirrende Neonbeleuchtung über mir. Das Geräusch der Schritte von Menschen und Hunden vor dem Haus dringt durch den Lichtschacht, zwischen mir und dem Treppenhaus liegen immerhin drei Stahltüren – ich bin beim Verstecken gar nicht so unbegabt, glaube ich.

„Seine Verstecke findet man nie, sucht man sie erst im Moment der Not. Der Kluge hält unentwegt nach Verstecken Ausschau.“

Na, egal. Ich setze mich erst einmal wieder in meine zum Schreiben eingerichtete Abstellkammer.

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Es wird noch Pflaumenkuchen geben

Der Kuckuck ruft wieder. Ich lese also den Kuckuck nach, immer alles nachlesen. Der reist, hätten Sie das gewusst, Anfang August, quasi gleich also, schon wieder ab ins südliche Afrika, let‘s call it a summer, das war es dann schon. Er hat hier alles erledigt und genug erlebt. Dann flieg doch, möchte man da etwas patzig rufen, dann flieg doch. Hier aber wird es noch Pflaumenkuchen mit zwei Teigsorten geben, zu denen man Meinungen haben kann und muss, und reichlich Wärme im August und feinstes Licht im September wird es auch geben, und dann erst kippt das alles wieder ins Herbstliche. Es hat schon noch ein paar Wochen Zeit.

Kuckuck, da ruft er gerade wieder. Auch noch nie gesehen, den Vogel, immer nur gehört. Im April kommt er wieder, jedenfalls vielleicht. Er gehört zu einer gefährdeten Art, aber wer nicht.

Ein Junge auf dem Hof hat einen Frosch gefangen, in einem dieser „Forscherbecher“, wie es sie für Kinder gibt, mit einer Lupe im Deckel. Er besieht sich den Frosch begeistert, läuft herum und zeigt ihn allen. Er lässt ihn vorsichtig hinaus, der Frosch springt sofort zu mir. Der Junge ist etwas enttäuscht, er hatte gehofft, der Frosch hätte schon Freundschaft mit ihm geschlossen und würde prompt zurück auf seine ausgestreckte Hand springen, aber von wegen. Er fängt ihn noch einmal in dem Becher, lässt ihn dann wieder frei. Der Frosch weiß nicht, wie ihm geschieht, die ersten Erwachsenen um die Szene herum werden unruhig, mit Tieren spielt man nicht, da muss reagiert werden. Der Frosch aber, er springt wieder zu mir.

Der Junge sieht den Frosch an, sieht mich an: „Du bist einer, den die Frösche mögen“, sagt er schließlich leise, mit ein wenig Neid in der Stimme.

Ich bin einer, den die Frösche mögen. So wird man auch im Urlaub einmal gelobt, sogar ohne irgendeine Leistung erbracht zu haben. Vielleicht diesen Satz in die Bio aufnehmen. Es ist doch etwas Besonderes, möchte ich meinen, es ist markant und selten.

„Herr Buddenbohm, was können Sie uns noch über sich sagen?“

„Ich bin einer, den die Frösche mögen.“

Oder später auf dem Grabstein: „Frösche mochten ihn.“ Da haben Friedhofsbesucher dann etwas zum Nachdenken.

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Und weil alle, besonders alle aus Hamburg, gerade ihre Uwe-Seeler-Geschichten erzählen: Es ist nicht lange her, da habe ich ihn den Söhnen noch gezeigt. Er saß in einem Café bei uns um die Ecke, nachdem er bei einer Beerdigung in der Kirche vor unserer Haustür war, Teil einer größeren Trauergesellschaft. Alle in schwarzen Anzügen, Kleidern und Mänteln, alle in Trauer, deswegen gab es keine fröhlich-begeistert drängenden Fans. Aber etliche Passanten waren doch sehr erfreut ihn zu sehen, winkten ihm wenigstens im Vorbeigehen erfreut zu und er winkte verlässlich zurück, grüßte höflich und um Verbindlichkeit bemüht, ein freundlicher Mann. Ich zeigte ihn den Söhnen und sagte, dass den vermutlich alle kennen in dieser Stadt, diesen alten Mann da, der früher einmal sehr gut Fußball spielen konnte, es ist schon eine Weile her.

„Aha“, sagten sie, und was sollten sie auch sagen. Keiner von ihnen kann sich daran erinnern, habe ich gestern festgestellt.

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Die im Nachhinein seltsame Alltäglichkeit des Nichtkennens

Ich bin zwischendurch genervt von meiner Antriebslosigkeit im Urlaub, vielleicht bin ich auch endlich ein wenig gelangweilt. Was ich gut finden würde, denn das war immerhin der Plan. Ich lese jedenfalls etwas in einem Buch von Rebecca Maria Salentin, Klub Drushba heißt es, darin geht es um ihre Wanderung auf dem Weg zwischen Eisenach und Budapest, das sind immerhin 2.700 Kilometer. So weit will ich gar nicht, ich will nur einmal die große Runde um den Hof gehen, das sind etwa 5 Kilometer, das wäre schon gut. Bescheidenheit und Maß! So wichtig.

Ich lese also nur die ersten Kapitel, bis bei mir Motivation eintritt, und das geschieht dann so prompt und der Bucheinsatz war so dermaßen zielgerichtet, ich sollte vielleicht auf Bibliotherapeut umschulen und fremden Leuten mitfühlend passende Bücher zureichen. Aber das nur am Rande.

Ich gehe, ich gucke. Nicht irgendwie gehen, auch hinsehen. Wie so ein Achtsamkeitsapostel, ich habe ja Zeit. Es sind Vögel in der Luft, die kann ich streberhaft alle sofort benennen: Rauchschwalbe, Lerche, Buchfink und Reiher. Ein landender Storch einen Acker weiter, gemächlich segelt er herab. Eine Stockente, die im Graben hektisch paddelnd einen verletzten Flügel vortäuscht und mich so vermutlich vom Nest weglocken will. Wie im Tierfilm, ich gehe durch eine Doku.

Der Wind hat deutlich nachgelassen, aber das Schilf bewegt er doch noch. Ich sehe die Wellen im Schilf, sie sehen aus, als würden die Wellen der Nordsee sich hinter dem Strand entlang der Gräben fortsetzen, bis weit ins Landesinnere hinein, wer weiß bis wohin.

Auch die Pflanzen benennen, genauer hinsehen. Über Ampfer gehen, an der Schafgarbe vorbei, am blühenden Klee. Dort die Wicken, dort die Winden. Geknickter Mohn und aufrechte Ackerkratzdisteln, schmetterlingsumflattert. Lilafarbene Weidenröschen, vielleicht ist die Farbe auch ein mildes Pink, jedenfalls viel davon. Die Farbe prägt den Weg, farblich abgesetzt mit Kornblumenblau, das hat sich alles geschmackvoll selbst ausgesät. Die Wiesenflockenblume. Das blassere Blau des Borretsch. Wie die Farben sich in Blühstreifen verweben, wie gut das aussieht, die Natur ist einfach unfassbar sicher und routiniert in solchen Fragen.

Benennungszauber. All die Namen wissen und murmeln, das ist auch mal schön. Dich nenne ich Glockenblume, dich nenne ich Stockrose. Es gibt, das habe ich mehrfach gelesen, einen Zusammenhang zwischen diesem Benennenkönnen und der Wahrnehmung, das ist auch gut vorstellbar. Was wir nicht mehr bezeichnen können, das fällt aus unserer Wahrnehmung – und damit auch aus der zugemessenen Wichtigkeit. Das ist dann eben nur noch Straßenbegleitgrün und dergleichen, und es ist uns eher egal.

Bei einigen Bäumen kann ich Benennungen schnell und sicher, bei einigen nicht. Birken kann vermutlich jeder, Kiefern vielleicht auch, Kastanien wohl noch. Aber bei Linden schon: Lieber erst einmal mal auf die Blattform gucken. So eine Linde steht nicht da hinten an der Biegung des Pfades und ich denke dann sofort: „Linde.“ So eine Linde will genauer angesehen werden. Man kann das ändern, man kann sie auch aus der Distanz erkennen, und es ist vielleicht lohnend. Man ist dann vielleicht noch mehr in der Landschaft, wenn man so etwas kann, das mag sein.

In meinem Stadtteil in Hamburg kann ich mittlerweile die meisten Bäume und Sträucher im Vorbeigehen benennen. Es ist eine Art Spiel, ich finde das gut. Pokémon ins richtige Leben geholt, es erscheint ein wildes Lindi.

Neben dem abgelegenen Reetdachhaus Büsche, die kann ich nicht erkennen, obwohl sie sicher auch eine typische Form haben. Weißdorn ist es, ich sehe es dann im Vorbeigehen auf kurze Distanz. Weißdorn ist eigentlich einfach. An einer Wildhecke vorbeigehen und alles zuordnen können, so schwer ist das nicht. Pfaffenhütchen, Holunder, Schlehe. Machbar ist das und man sucht sich doch sowieso immer Projekte.

Die Möwe dort ist nicht nur irgendeine Möwe: Eine Mantelmöwe wird es sein, ein großer Vogel mit enormen Flügeln. Kennen Sie das mit den Möwenflügeln und den Matrosenseelen? Hier in der schönen Version von Tim Fischer. Peer Raben hat das Stück geschrieben.

An einem langen Halm, der die anderen überragt, schon wieder ein Schilfrohrsänger, Wie laut der singt, man kann ihn eigentlich nicht überhören. Ein paar Meter weiter dann noch ein Schilfrohrsänger, und das geht so weiter. Die Böschung dieses Grabens ist ein prächtiges Revier. Das wird sicher auch nicht erst seit heute so sein, aber ich komme seit zehn Jahren hier her und ich habe noch nie vorher auch nur einen Schilfrohrsänger gesehen, noch nie.

Erst seit ich neulich den einen gesehen und erkannt habe, sehe ich auch die anderen. Es ist so einfach, sie zu sehen. Ich müsste jetzt schon absichtlich an ihnen vorbeisehen, um sie nicht … aber das geht ja gar nicht. Sie sind nun einmal da, und vermutlich waren sie auch all die Jahre vorher da, ich habe sie schlicht nicht beachtet.

Was mich zur Frage führt, wie deckungsgleich eigentlich das so passiv wirkende Unwissen und die so aktiv wirkende Ignoranz sind – und was das alles erklärt. Da auch mal drüber nachdenken.

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Das Wasser war in jenen Zeiten wärmer

In der ersten Schwimmphase damals stieg ich mit den noch kleinen Söhnen gemeinsam in die Planschzone und suhlte mich stundenlang herumrobbend darin herum. Ich blubberte sogar väterlich-walrosshaft lustig in dem körperwarmen Wasser, das vermutlich zu etwa 50% aus Kinderpipi bestand, was mir aber merkwürdigerweise in diesen Jahren nichts ausmachte, und es war alles schön, lustig und warm, sehr warm.

In der zweiten Schwimmphase konnten die Kinder schon verlässlich schwimmen und kamen also weitgehend alleine klar. Sie vergnügten sich ohne permanente elterliche Aufsicht,  sie erreichten Mindestaltermarken und machten absurde Sachen, sie sprangen also von 5ern oder 10ern und benutzten seltsam aussehende Express-Rutschen mit mehrseitigen Warnhinweisen am Rand und dergleichen, aber ich musste nicht mehr neben ihnen sein und nicht mitmachen, ich musste nur ab und zu mal hingucken und ehrlich beeindruckt „Toll!“ rufen und den Daumen hochrecken. Ich konnte mich währenddessen aber auch auf eine Liege legen und zwei Stunden hochkonzentriert lesen. Noch später konnte ich dabei auch so dermaßen tief schlafen wie zuletzt damals, als ich selbst noch Kind war, auf der Rückbank im Auto irgendwo zwischen Hamburg und Köln, und es war alles sehr entspannt, besinnlich und ich wurde gar nicht mehr nass dabei.

In der dritten Phase, ich habe sie gerade erst freudig erreicht, halte ich kurz vor der Schwimmhalle, drücke den Kindern ein wenig Geld in die Hand und komplimentiere sie dann mit den besten Wünschen für zwei, drei vergnügte Stunden aus dem Auto. Dann begebe ich mich mit der Herzdame direkt dorthin, wo es Lounge-Möbel, Latte Macchiato, Eierlikörtorte und Schatten gibt, wo wir ganze Sätze wechseln können, sogar mehrere nacheinander. Es ist alles sehr angenehm, komfortabel und nur leider auch etwas teurer als früher, als ich lediglich den Schwimmbadfamilienpreis und die Pommes bezahlen musste.

Alle drei Phasen haben zweifellos ihren Reiz.

In einer theoretisch möglichen vierten Phase gehe ich vielleicht wieder alleine in eine Schwimmhalle, um dort einfach mal zu schwimmen, wie son Mensch mit Freizeit und Interesse am eigenen Wohlbefinden. Ich lese ab und zu in Blogs, dass andere das so machen und finde das dann kurz interessant und denke: „Okay, später mal.“

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In einem der Schwimmbäder hier, in dem wir dann doch wieder gemeinsam waren, war, so stand es groß dran, die Temperatur des Wassers abgesenkt worden – die aktuellen Krisen etc., man kennt das, es ist vermutlich bundesweit so, die Gemeinden fangen an zu sparen.

Die Söhne fanden es viel zu kalt, das machte keinen Spaß, früher war alles besser und das Wasser war in jenen Zeiten wärmer, und das war, es sei doch kurz festgehalten, der vermutlich erste und noch sehr harmlose Einschlag von „Die fetten Jahre sind vorbei.“

Der erste von vielen, die wir wohl zu erwarten haben. Ich werde nach Möglichkeit berichten.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 20.7.2022

Die Kaltmamsell über autobiografisches Erzählen. Das mit dem Leseverbot kenne ich, weil es doch die Augen verdarb, wenn man zu lange las, und was ist Lesen, wenn man nicht zu lange liest. Lustigerweise sagt man heute den Kindern, dass zu viel Bildschirmzeit die Augen verdirbt, was vielleicht darauf hinweist, dass in jeder Generation die Lieblingsmedien der Kinder die Augen verderben, vielleicht verderben aber auch Podcasts auch schon die Ohren, das mag sein. Die Augen verderben, was für ein Ausdruck überhaupt. Im Kühlschrank die Joghurts und im Kind die Augen, sie sind verdorben.

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Das Heizen, die Hitze, das Private ist politisch, auch unsere Suche nach Schatten.

Einigermaßen dreist fand ich neulich diesen, was war er denn, CEO, Aufsichtsrat oder irgendwas, von einem deutschen Konzern, der in der Presse meinte, die Angestellten sollten im Winter doch lieber wieder Home-Office machen (was er vor Wochen vermutlich noch eher doof fand), denn dann könnte die Firma die Temperatur in den Büros absenken und Geld sparen, und die Leute könnten dann doch „zuhause normal heizen.“ Eine bemerkenswerte Formulierung, denn wenn ich normalerweise im Büro bin, heize ich normalerweise zuhause nicht eine leere Wohnung.

Man wird von diesem Thema noch hören, nehme ich an, wenn es so schlimm kommt, wie viele jetzt annehmen.

Ansonsten in Gesprächen mehrfach gehört, wie diese etwas tantenhaft anmutenden Spartipps zu Strom und Gas wiedergekäut werden, die gerade durch die Medien gehen, mit der Schlussfolgerung: Machen wir doch schon alles. Niemand in meinem Umfeld sagt: Okay, ich mache dies und das, dann spare ich mindestens 25%, super. Siehe dazu auch hier. Man beachte das Wort Pulloverpotential, wir lernen ja dazu und tunen den Wortschatz jetzt schon für den kalten, den bitterkalten Herbst und für den Winter unseres Missvergnügens, der es wohl werden wird.

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Hinter dem Gemüsestand verwirbelt ein Ventilator die Luft. Daneben ein Aufsteller für „Erbsensuppe mit Einlage“; eine Frau mir kräftigen Armen rührt in einer Gulaschkanone. Rentner schlurfen über den Platz, am Arm Einkaufsnetze mit Gemüse.“ Aufschreiben, was ist. Sehr schön ist das.

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The end is near.

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Maritime Möglichkeitsluken

Ich lese am Abend die Nachrichten nach, jemand sagt da gerade irgendwas von einem Möglichkeitsfenster. Ich sehe hoch und aus dem Fenster hier, ob das wohl so eines ist? Und gibt es auch Möglichkeitstüren oder -klappen, gibt es draußen auf der Nordsee, wo der Wind endlich nachlässt, maritime Möglichkeitsluken, die man tatendurstig aufstoßen kann?

Vor dem Fenster das üppige Grün, die Bäume, die Weiden und Äcker. Weiter hinten grast eine Reitmöglichkeit. Alles als Potential betrachten! Auch die unreifen Äpfel am Baum lassen, als Wette auf die Zukunft. Möglichkeitsobst. Alles langsam kommen lassen.

Ich mache Twitter auf, ich sehe Werbung für chinesische Industriegebiete. Vielleicht für den Fall, dass ich gerade eine Fabrik irgendwo hinstellen möchte, wie früher ein Haus oder Hotel bei Monopoly? Ach komm, eine geht noch, na gut, nach China. Und dann zurücklehnen, wieder würfeln und warten, was die anderen machen. Guck an, sie ziehen Ereigniskarten und treten an Möglichkeitsfenster, so geht das Spiel.

Ich schalte diese Werbung stumm, es kommt aber gleich die nächste, die wirbt für ein anderes chinesisches Industriegebiet. Nochmal nachdenken, immer alles ernst nehmen, was sich so aufdrängt. Neulich sah ich dort auch die Werbung eines Rüstungskonzerns. Vielleicht für den Fall, dass ich beim Themenbereich Artillerie ein Spontankäufer bin? Kann ja sein. Kann ja alles sein. Es wird sich doch bei allem jemand etwas gedacht haben. Was wäre das sonst für eine Welt.

Die Reitmöglichkeit geht währenddessen rechts aus dem Bild.

Ein schönes Fotoprojekt für diesen Sommer wären Desinfektionsmittelspender in allen Stadien des Verfalls gewesen. Wie die sämtlich leer, beschädigt, vergessen, vernachlässigt, ignoriert noch an den absurdesten Orten hängen, auch hier mitten im Stall. Ein Fotoalbum nur mit solchen Bildern, Desinfektions-Tristesse. Beim Discounter in der Nähe ist noch einer in Betrieb, heil und voll ist er, dicht neben ihm nimmt man sogar im Vorbeigehen den Duft des Desinfektionsmittels wahr, es riecht nach Herbst 21. Das ist sehr lange her.

Das Folgende können Sie ignorieren, wenn Sie mir auf Twitter ebenfalls folge, ich habe das dort auch schon gepostet. Eine kleine Begebenheit von gestern ist es nur.

Wir waren auf Sylt, mit der Bahn (der Zug war pünktlich). Wir sind mit dem Bus dann noch ganz in den Norden der Insel gefahren, nach List. Da war ich vor, was weiß ich, 27 Jahren oder so schon einmal, und ich wusste noch, ich fand es gut da. Das wollte ich noch einmal sehen. Wir gingen an den kleinen Strand neben dem Hafen.

Die Söhne sehen, wie vermutlich alle Teenager, permanent aufs Handy, wenn man nicht fortwährend interveniert. Die Söhne bekommen bei Ausflügen von Bahn- und Busfahrten nicht viel mit.

Wir saßen also in List am Meer. Es ging ein nur noch milder Wind, es war eine überaus angenehme Temperatur, während es im Rest des Landes heiß wurde. Es war ein sehr entspannter Tag, sehr friedlich, sehr weit weg von allem. Großartig war das.

Es war leer und schön dort. Ein rotweißer Leuchtturm in der Ferne, eine rotweiße Fähre, ein blaues Meer, weiße Möwen. Ein Sohn aber wirkte die ganze Zeit auffallend nachdenklich.

Schließlich fragte er, was ihm die ganze Zeit keine Ruhe ließ, den Kopf hat er sich zerbrochen, lange hat er darüber nachgedacht: „Papa. Ich weiß, wir sind Zug gefahren. Wie können wir jetzt auf einer Insel sein?“

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Eine etwas schmuddelige Veranstaltung

Ich lese Robert Louis Stevenson, Das Licht der Flüsse. Deutsch von Alexander Pechmann, hier eine Rezension dazu. Das ist Stevensons Erstling und vom Stil her etwas, das man heute zwischen Reiseblog und Kolumnenserie einsortieren würde. Dass er schreiben konnte, ist auch in diesem Buch schon nicht zu überlesen. Der hoffentlich große Freundeskreis Stevenson kann sich über zwei Stellen freuen, die auf spätere Werke verweisen, zum einen bei seiner Begeisterung für Landkarten (Die Schatzinsel) und bei einer bemerkenswert modern wirkenden Betrachtung über verschiedene Ich-Zustände (Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde).

Ich mochte besonders eine Umschreibung des Alltags, Stevenson spricht da von der „bärenhaften Umarmung der Gewohnheit“. Den Ausdruck mal merken.

Und dann noch eine kleine Passage für alle, die während einer Reise im E-Mail-Account ihrer Firma eingeloggt bleiben, wie es immer häufiger zu erleben ist, gerade jetzt, wo das Home-Office bis an die Strände und in die Berge und sogar bis zu fernen Inseln reicht. Stevenson hat schon in den späten Siebzigern des Neunzehnten Jahrhunderts, als der Individualtourismus gerade erst erfunden wurde, ganz richtig festgestellt:

„Niemand sollte auf einer Reise Korrespondenz führen. Es ist schlimm genug, dass man schreiben muss, aber Briefe zu erhalten ist der Tod jeglichen Urlaubsgefühls.“

Recht hat er gehabt, aber zu der Erkenntnis müssen viele wieder neu kommen.

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Wir waren ein paar Stunden am Strand von Sankt Peter-Ording. Ein paar Stunden reichen uns dort meistens, wir sind keine Strandfamilie. Das Wetter war aber auch nicht ganz danach, Reste der Oktoberfrische des letzten Sturmtiefs waren noch in der Luft.

Über dem Strand von Sankt Peter-Ording war so dermaßen viel weißblaues Oben, dass man trotz der unweigerlichen Wimmelfülle von Menschen um uns herum dennoch ein Gefühl von Weite und Leere hatte, ein immer wieder faszinierender Effekt.

Der Wind, der Wind, immer der kalte Wind, ohne Strandmuschel ging es nicht. Man brauchte einen Schutz, ohne konnte man dort unmöglich liegen, man brauchte irgendetwas, dass man aus dem Wind und mindestens halb in die Sonne drehen konnte. Natürlich brauchten diesen Schutz alle, was wieder dieses merkwürdig futuristisch wirkende Bild ergab, ein schier endloser Strand voller Plastikhalbkugeln in Neonfarben und allen Stadien der Buntheit, aus denen eingeölte Körperteile in den weißen Sand ragten. Tausendfach, unabsehbar, kilometerweit. Wie anders dieses Stranderlebnis im Vergleich zu den Strandtagen meiner Kindheit ist, das ist kaum noch zu erklären und wird für deutlich jüngere Menschen schwer vorstellbar sein. Wir damals in der aus heutiger Sicht seltsam unfrohen Bademode, die Frauen und Mädchen mehrheitlich oben ohne, die meisten Erwachsenen lässig rauchend und Kippen in die Gegend werfend, nicht eben wenig auch mit Alkohol dabei, und alle, alle waren wir durchweg dunkelbraun verschmort oder krebsrot – es ist doch mittlerweile verdammt lange her, auch kulturgeschichtlich. Aus heutiger Sicht waren wir eine vielleicht etwas schmuddelige Veranstaltung. Und nicht einmal der dick wabernde Geruch von Delial ist uns durch die Jahrzehnte erhalten geblieben. Delial bräunt ideal, an jedem Kiosk stand das damals auf einer gelben Werbefläche mit eingelassenem Thermometer, natürlich nach Süden ausgerichtet.

Heute sind all die kugeligen Windschutzdinger selbstverständlich grellbunt, die Badebekleidung ist es auch. Sogar die dunklen Pfähle im Sand haben Markierungen in leuchtendem Neon-Orange und oben, die vielen, vielen Lenkdrachen, sie knallen genauso. Wenn man über den Strand geht, gerät man leicht zwischen die Strippen der Drachen, überall lässt jemand gerade so ein Gerät steigen. Windschutzkugeln, , Neonfarben und Sportdrachen, ich liege auf dem Rücken in meiner Mupfel und lese und fremdele.

Die Söhne ziehen lieber einen Strandabschnitt weiter, wo sie andere Menschen vermuten, die sie für nennenswert interessanter als ihre Eltern halten, das ist gut und richtig und altersgerecht. Ich liege und lese, was soll man am Strand auch sonst machen. Ich schlafe ein, das ist die Erlösung. Erst am Abend, als wir längst wieder woanders sind, fällt mir auf: Ich habe das Meer gar nicht gesehen.

Ob es wohl da war?

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Von irgendwoher ruft ein Kuckuck

Das Wetter auf Eiderstedt ist streifig. In dem einen Moment ist es grau und von so ausgesprochen oktobriger Temperatur und Nässe, dass sich die zahlreichen Meldungen und Warnungen bezüglich Hitze und Dürre in sämtlichen Medien etwas absurd lesen, es muss da um einen anderen Kontinent gehen. Im nächsten Moment reißt es plötzlich auf, die Temperatur steigt in der Sonne sprunghaft, schultintenblauer Himmel präsentiert sich mit dezent weißem Flor, nur an den Rändern wird er weiterhin oder schon wieder dunkelgrau heranstürmend bedrängt, und wie gut das aussieht. Weil der Himmel hier immer gut aussieht, quasi Hauptvorteil dieser Gegend. Ich vertreibe mir die Zeit als Max-guck-in-die-Luft, und das ist sehr gut so.

Im Wohnzimmer neben dem Tisch mit dem Notebook ein Fenster, das ist von außen mit Weinlaubvignetten bewachsen, die in der immer wieder durchbrechenden Sonne frisch grün aufleuchten. Silbrige Spinnenfäden kreuz und quer davor und wenn man an die Scheibe herantritt, sieht man außen in den unteren Ecken, rechts und links, zwei genau gleich aussehende und ausgesprochen edel geformte Vogelnester auf den Ziegelumrandungen der Fenster, elegante Halbkugeln mit feinster Moos- und Flaumpolsterung, derzeit unbewohnt, obwohl in bester Lage. Aber diese Symmetrie der Gebilde, dieses intensive Grün, diese überaus lässigen Kurven der feinen Weingirlanden, diese funkelnden Glitzerfäden … Man könnte glatt noch einmal auf den Jugendstil kommen.

Ich lese, ich schreibe, ich sehe aus diesem Fenster, ich finde das überaus unterhaltsam. Oben nur ein kleines Stück Himmel, das Fenster ist wirklich fortgeschritten zugewachsen. In den alten Apfelbäumen davor schlagen aprikosengroße Äpfel im Wind wild aneinander und fallen früh. Ich sehe dezentes Rot auf den Äpfeln, ich sehe oben Blau, ich sehe Grün – und dann steht da auf einmal ein riesiger Greifvogel im Blau, genau in dem kleinen Stück, das ich sehen kann. Steht da oben wie angeschlagen, zur ausgiebigen Betrachtung freigegeben.

Aus einem anderen Fenster sehe ich Windkraftanlagen am Horizont und bin mir nicht sicher, ob ich die von hier aus immer schon sehen konnte. Vielleicht sind sie neu? Waren die im März denn wirklich auch schon da? Oder wurden sie schnell hochgezogen wegen der Weltlage, die Mühlen der anzustrebenden Unabhängigkeit? Na, das ist nur ein bemüht konstruktiver Gedanke, ich weiß. Aber besser als nix.

Ich gehe raus, ich gehe spazieren, ich sehe zum ersten Mal einen Schilfrohrsänger. Wie im Vogelbestimmungsbuch hängt er an einen langen und stark schwankenden Halm gekrallt und singt beeindruckend laut. Verstummt dann, als er mich sieht und taucht geräuschlos ab ins Schilfdickicht. Von irgendwoher ruft ein Kuckuck, der Wind trägt es mir zu. Ich habe seit Jahren keinen Kuckuck mehr gehört, ich bin zufrieden mit den Ereignissen des Tages.

Ein Lamm kommt vorbei, während ich im Strandkorb sitze. Es stupst mich fordernd an, es möchte gekrault werden. Das kann man als Mensch nicht, denke ich. Mal eben Fremde anstupsen, wenn man gekrault werden möchte, und dann nach drei Minuten einfach grußlos weitergehen, als sei es ein vollkommen unverbindlicher Vorgang gewesen. Sich nicht einmal den Menschen merken, nur weitermachen.

Das Buch neben mir ist von Edith Wharton, Das Riff, Deutsch von Renate Orth-Guttmann. Edith Wharton habe ich mir für Urlaube aufgespart, und das war eine gute Idee, denn ihre Bücher sind exzellent, meisterhaft, genau wie erwartet. So viel Feinheiten auf einer Seite. Ich komme nur langsam voran, aber das macht nichts.

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Ohne jeden Zusammenhang, ich fand diese Übersicht bei der Republik zu Long-Covid gut lesbar und interessant. Die Republik ist immer wieder empfehlenswert.

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