Heimwerken, Festhalten

Beim abendlichen Besteigen seines Hochbettes kracht Sohn I eine der Latten unter seiner Matratze runter, was ihn vom Schlafen abhält, da er verständlicherweise Angst hat, der Rest der Bretter könnte im Laufe der Nacht auch nachgeben und er auf seinen unter dem Bett befindlichen Schreibtisch abstürzen, was wiederum schon deswegen schlimm wäre, weil darauf sein Computer steht, so dass der Schaden am Bett also sofort repariert werden muss. Und auch repariert werden kann, denn es geht nach meiner Diagnose nur um eine einzige große Schraube, die wohl beim Aufbau damals nicht fest genug gedreht worden ist. Es ist die letzte in einer langen Reihe von Schrauben, da hatte jemand wohl keine Lust mehr oder schon Wochenende. Allerdings ist die Schraube an einer Stelle, die der Teufel selbst ausgesucht haben muss, sie ist nur unter üblen Verrenkungen zu erreichen und wir brauchen mindestens sechs Hände, um dort mit einem Werkzeug heranzukommen. Ein Vater, zwei Söhne, das sind allerdings genau sechs Hände, manchmal muss man eben auch Glück haben bei der Familienplanung. Wir stehen, knien und hocken also so um das Hochbett drapiert, als wollten wir mit der Nummer im Zirkus auftreten, einer hebt von oben die Matratze und zieht am Brett, einer drückt von unten alles in Position, einer hockt auf dem Schreibtisch und dreht in Yogapose über Kopf die Schraube. Zu dritt müssen wir dabei auch noch die Herzdame aus dem Zimmer werfen, die vorbeikommt und im falschen Moment besser weiß. Die Übung gelingt aber tatsächlich, auch ganz ohne Herzdamenspezialwissen, was vor allem daran liegt, dass Sohn II bei handwerklichen Problemen nur Lösungen sieht, so albern das klingt. Das Kind ist die personifizierte Heimwerkermarktreklame, es gibt immer etwas zu tun oder wie das heißt. Und er ist vor allem immer selbst zuständig und schafft es dann auch, es ist sehr faszinierend, mit welcher Kraft Begabungen über die Menschen kommen können.

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In der FAZ war ein kurzer Text über eine der Glaubensfragen im Garten, über “EM”. Effektive Mikroorganismen, die Kennerinnen verwenden stets nur die Abkürzung, das gehört zum Spiel. Es ist sehr kompliziert und etwas esoterisch.

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Außerdem habe ich mich bei der abendlichen Lektüre in einem Buch über den Gemüseanbau verlesen, denn der Satz “Halten Sie den Boden fest, bis die ersten Blätter sprießen”, der stand da gar nicht wirklich, da stand natürlich feucht, nicht fest. Danach aber das Licht ausgemacht und im Geiste immer weiter den Boden festgehalten, dabei sehr gut eingeschlafen. Besser als die Nummer mit den Schafen!

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Herr M. macht nicht mehr mit.

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“Papa, warum steht da ein Buch “Kinder verstehen” im Regal?”

“Was?”

“Warum das Buch da steht?”

“Ich verstehe dich nicht?”

“Papa! Das ist nicht lustig!”

“Was?”

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12 von 12 im Februar

Die anderen Ausgaben zahlloser Bloggerinnen wie immer hier.

Die Woche beginnt problematisch, ein krankes Kind, wir haben da gerade ein Abo. Dafür hatten wir in den letzten Jahren auch ziemlich viel Glück, statistisch ist alles okay. Kann man sich aber auch nichts für kaufen.

Also die übliche Spontanverhandlung mit der Herzdame, wer wie lange ins Büro kann, erfreulicherweise schaffen wir das regelmäßig ohne Streit.

Ich fahre kurz ins Büro, d.h. ich würde fahren, wenn die S-Bahn fahren würde, sie fährt aber nicht, sie steht. Der Herr mir gegenüber sieht, und das ist wirklich irritierend, aus wie Mr. Bean, macht aber nichts Lustiges. Das stelle ich mir sehr schwierig vor, wie Mr. Bean auszusehen. Nach zehn Minuten eingehender Mr.-Bean-Betrachtung fährt die Bahn dann doch einmal los.

Im Büro dann das Highlight des Tages, ein Kollege hat Hanseaten für alle mitgebracht. Hanseaten sind hier nicht nur die Bewohner der Stadt, Hanseaten sind auch Kuchenstücke. Da keiner weiß, warum die eigentlich so heißen, googeln wir das eben und guck an! Die kommen aus Lübeck, wie ich. So ein Büro ist also manchmal doch ganz sinnvoll, da lernt man was.

Danach verlasse ich die architektonische Perle Hammerbrook aber schon wieder. So schade.

Das kranke Kind braucht im Grunde gar keine Betreuung , das kranke Kind macht Sudokus und möchte nicht gestört werden. Wozu fahre ich dann durch die Gegend?

Danach liest das Kind in Tintenherz, weil der Bruder das auch gerade durchgelesen hat. Da könnte man ja sonst was verpassen, das immer noch eine der besten Motivationsstrategien ever.

Ich spiele währenddessen Home-Office und starre zwischendurch Tulpen an. Denn wenn ich rausgucken würde, ich müsste den Schnee wahrnehmen, das ist keine Alternative.

Das kranke Kind langweilt sich dann doch ein wenig und bastelt lieber Anzuchttöpfchen aus Toilettenpapierrollen. Wir haben jetzt sehr viele davon. Enorm viele. Wenn Sie nicht wissen, wie man so etwas bastelt – einfach hier abgucken.

Und weil das Kind danach immer noch alles langweilig findet, bügelperlt es eben etwas.

Ich hole den gesunden Bruder von der Schule ab und werde nass. Ich bringe den Bruder nach Hause, werde dabei wieder nass und gehe dann zum Einkaufen, wobei ich noch einmal nass werde. Meine Laune ist deutlich ausbaufähig, hier ein Symbolbild.

Später pikiert das kranke Kind Tomaten, alle Samen hat es natürlich selbstgewonnen, das Kind neigt in Gartenfragen zur Gründlichkeit. Die Tomaten wachsen vor sich hin, obwohl es noch viel zu früh ist.

Das andere Kind gewinnt gerade Hibiskussamen und tütet sie ein, eventuell sind wir alle etwas frühlingsreif. Eventuell ist auch die Küche voller Erde, wir haben etwas umgetopft. Schlimm.

Unterm Strich aber doch wieder so ein Tag, an dem es mir etwas hilft, abends brülllaut The Peddlers über Kopfhörer zu spielen. Irgendwo muss die Energie ja herkommen.

Charakter, Himbeeren, Sound

Zum letzten hier erschienen Text von der Herzdame und Sohn II möchte ich noch kurz etwas anmerken. Denn ich habe zwar tatsächlich in diesem Rollenspielding nichts verstanden, vermutlich weil mir einfach die Begabung für Spiele komplett fehlt und ich routinemäßig schon beim Wort “Spielregel” abschalte. Aber ich habe doch mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen, dass man in der Goblinstadt seinen Charakter über fünf Level und mehr unverändert behalten kann.

Und das ist doch schön, dass die Kinder dergleichen dort lernen und es als normal und sogar erstrebenswert kennenlernen, einfach mal den Charakter nicht zu ändern. Dann können sie das später bei ihren Karrieren in den Konzernen und in der Politik ja einfach so beibehalten. Das wird super!

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Mein heutiger Lieblingssatz aus dem wunderbaren Gartenteil des britischen Guardian: “Autumn-fruiting raspberries are embarrassingly easy to grow.” Embarassingly easy to grow, man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen. Genau die Pflanzen, die ich brauche!

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Um das Blog kurz mal um den Bereich Heimat zu erweitern: Ein Bericht mit Filmchen über einen Reetbauern. Mir ist Reet ja etwas suspekt, seit meiner Schwester einmal ein Reetdachhaus abgebrannt ist, aber auf den Anblick von solchen Häusern möchte man dann doch nicht verzichten.

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Schließlich habe ich etwas gesehen und eine Frage dazu. Im Blog der GLS Bank werden jetzt Texte nämlich auch vorgelesen, d.h. am Anfang einiger Artikel gibt es eine Audiodatei, die man abspielen kann (hier ein Beispiel). Verschiedene Mitarbeiterinnen der Bank werden für diese Aufnahmen eingespannt und ich finde die Idee recht sympathisch, nicht nur für Nutzerinnen mit Sehbehinderung, auch z.B. für solche, die neben dem Konsum des Textes noch etwas anderes tun wollen, denn der Mensch an sich ist heute ja unkonzentriert oder multitaskend, was ich zwar für weitgehend identisch halte, aber egal, es liegt mir fern, das zu bewerten, chacun à son gout und so. Was ich fragen wollte – ist das eventuell auch für die eher erzählenden Texte im Blog hier interessant und wünschenswert? Dann würde ich da mal drüber nachdenken und vielleicht etwas damit herumspielen.

Tagebuchvertiefung und anderes

Phänologischer Kalender: Im Supermarkt entdeckt man jetzt die ersten Bärlauchprodukte, zartgrün leuchten sie aus dem Kühlregal, ein weiteres Zeichen des Vorfrühlings.

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Wenn das Tagebuchbloggen in diesem Jahr schon so seltsam aktuell ist, kann ich das ja auch theoretisch etwas unterfüttern, dachte ich, strebsam wie ich bin. Also habe ich mir noch einmal den Hocke, “Europäische Tagebücher” auf den Nachttisch gelegt. Das Buch habe ich zwar vor Ewigkeiten schon einmal gelesen, davon weiß ich aber so gut wie nix mehr, außer dass es zwei Teile hat, einen recht langen literatur- und geistesgeschichtlich einordnenden Anfang und nachfolgend eine üppige Anthologie mit Originaltexten. Es ist natürlich auch eine prächtige Fundgrube. Etwa bei Samuel Pepy: “In Westminster Hall kam ich mit Mrs. Lane ins Gespräch. Sie redete viel, daß sie niemals fortkäme; so nahm ich sie mit ein Weinhaus und gab ihr einen Hummer …”

Vielleicht stoße ich auf Erkenntnisse, die mit dem heutigen Bloggen etwas zu tun haben? Als das Buch geschrieben wurde, war die Entwicklung des Internets noch nicht zu ahnen.

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Ganze vier Schulen in Schleswig-Holstein bleiben bei G8. Das war dann wohl eine Schulreform mit durchschlagendem Erfolg. Mannmannmann!

Don Dahlmann über Athen.

Drüben bei der GLS Bank habe ich Daniel Überall vom Kartoffelkombinat um einen Gastbeitrag zum Thema Landwirtschaft gebeten, bitte hier entlang. Unter dem Artikel übrigens auch ein sinniger Kommentar aus dem Publikum. Ferner habe ich drüben drei Links zum Wochenende gepostet, mit Kunstrasen!

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Die alte Gartenlaube wurde jetzt komplett abgerissen und war, das ist dann doch etwas überraschend, über die ganze Länge unterkellert. Vermutlich stammt das noch aus der Nachkriegszeit, gut möglich, dass auch der Pächter vor uns gar nichts davon wusste. Die Stelle, wo die Gemüsebeete hinsollen, liegt jetzt endlich auch frei – und sieht nach Arbeit aus. Also im Grunde sieht sie nach nichts aus, was auch zutrifft, da ist eben gar nichts, davon aber reichlich. Blanker Boden im Winter, man möchte ihn sofort mit irgendwas zudecken, es greift einem förmlich ans Herz. Wir konnten aber nicht lange bleiben, denn wir hatten aufgrund einer wie immer komplexen Terminlage bizarr deplatziert wirkende Kinder in äußerst luftigen Karnevalskostümen dabei, die mussten wir zuerst wieder zudecken. Prioritäten!

Die Herzdame: Statt Instagrambild

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die heute laufen war.

Ich war gerade krank, drei Tage nur zwischen Bett und Sofa gewechselt. Jetzt fühle ich mich deutlich besser, aber vom Nichtbewegen aufgedunsen wie eine fette Qualle. Außerdem habe ich mittlerweile Rückenschmerzen vom vielen Liegen. Ich brauche Bewegung. Es friert zwar, aber die Sonne scheint, bestes Wetter um zu Laufen. Ich ziehe mich warm an und gehe zur Alster runter. Beim Atlantic starte ich meine Runde, will es aber langsam angehen und nur eine halbe Alsterrunde machen. Mir kommen Zweifel, ob Laufen jetzt überhaupt schon so eine gute Idee war. Aber es ist schön an der Alster. Ich prokel mir die Ohrstöpsel rein und höre ein Jazz-House-Album aus den späten 90ern. Perfekt zum Laufen.

Da wir im Auto nur ein altes Radio mit CD-Player haben, habe ich angefangen meine alte CD-Sammlung nach und nach wieder anzuhören. Ich traue mich nicht, ein neues Radio mit mp3-Player einbauen zu lassen, weil ich immer Angst habe, dass dann unser altes Auto den Geist aufgibt. Aberglaube, ich weiß. Aber ist es nicht immer so? Radio neu – Auto kaputt.

Also höre ich jetzt wieder CDs. Manche Sachen davon dann auch bei Spotify, so wie jetzt. Schnell komme ich in den Flow, ein Schritt nach dem anderen, synchronisiert mit dem Beat der Musik. Nur noch der Sound, die Bewegungen und ich. Gelegentlich bekomme ich mit, wie mich andere Jogger überholen. Das ist eigentlich immer so. Es gibt niemanden, der mich nicht überholt. Frustrierend ist es dann aber, als die mega unsportlich aussehende, schnatternde Frauengruppe an mir vorbeizieht und dann auch noch der Rentner, der bestimmt zwanzig Jahre älter ist als ich. Egal, ich werde immer die langsamste Joggerin an der Alster bleiben. Aber ich habe ja die Musik.

Dann komme ich an den Anleger am Uhlenhorster Fährhaus, wo ich umdrehen will. Ich halte kurz an, weil mir auffällt, dass die Alster langsam beginnt zuzufrieren. Es ist immer noch etwas diesig, die Wintersonne kann nicht ihre ganze Kraft entfalten und die Alsterwiesen auf der gegenüberliegenden Seite erscheinen in einem warmen, diffusen Licht. Die kahlen Äste der Weiden hängen noch schlapp ins Wasser und warten darauf, vom Frühling wach geküsst zu werden. Das Eis glitzert in der Sonne und nur noch in der Mitte sieht man leichte Wellen, auf denen sich Möwen treiben lassen.

Für einen kurzen Moment sieht der Blick auf die andere Alsterseite gar nicht mehr aus wie Hamburg. Ich muss an einen See denken. Vielleicht in den Bergen, vielleicht in Italien. Die Berge hinter mir. Alles sehr ruhig und friedlich, wie unter einem Schleier. An einem anderen Ort. Nur die Möwen stören ein bisschen.

Ich denke, ein Foto für Instagram wäre jetzt schön, ich habe schon lange keines mehr gemacht. Und da fällt mir dann auch auf, dass ich gar keine Musik mehr höre. Verflixt noch mal, der Akku hat schon wieder seinen Geist aufgegeben. Mein iPhone ist schon alt, also richtig, richtig alt. Und der Akku hält auch maximal nur noch einen halben Tag. Bei dem Gatten ist es nicht besser, aber wir müssen damit noch weiterhin leben, weil erstmal Anschaffungen für den Garten wichtiger sind. Akku-Heckenschere, Bohrmaschine, Werkzeuge und so weiter. Egal. Auf jeden Fall stehe ich hier schon wieder ohne iPhone und kann kein Foto machen.

Um dieses Bild dennoch möglichst lange in meinem Kopf zu behalten, stehe ich da minutenlang und versuche mir alles einzuprägen. Das Glitzern, das Licht, die andere Alsterseite, die nicht nach Hamburg aussieht. Dann setze ich mich wieder in Bewegung und laufe zurück. An der Alsterperle bleibe ich noch einmal stehen, hier ist die Alster deutlich breiter und noch etwas diesiger. Ich schaue Richtung Innenstadt, vom Ufer auf der anderen Seite ist nicht mehr so viel zu sehen. Hier komme ich mir jetzt vor wie am Meer. Vielleicht wie in einer Bucht an der Ostsee.

In der Mitte, da wo die Alster nicht zugefroren ist, sitzen an der Eiskante zig Möwen, aufgereiht wie Perlen, vielleicht sind es auch Enten oder was auch immer, soweit kann ich gar nicht gucken. Hin und wieder fliegt ein Vogel in die Luft, dreht eine Runde und lässt sich dann wieder am Rand des Eises nieder. Es soll ja Menschen aus Süddeutschland geben, die ernsthaft denken, Hamburg wäre am Meer. Ich habe tatsächlich mal jemanden kennengelernt, der enttäuscht war, dass man bis zum Meer dann doch noch ein bis zwei Stunden mit dem Auto braucht.

Ich stelle mir also vor, ich stehe an einer Bucht an der Ostsee und schaue auf das langsam zufrierende Mer. Die salzige Luft fehlt irgendwie noch, aber vielleicht kann ich sie mit meiner Rotznase auch einfach nur nicht riechen. Ich höre die Möwen schreien und im Hintergrund klingt der Autoverkehr wie die steife Brise an der winterlichen See. Bestimmt sehe ich gleich einen Fischkutter aus dem Nebel von weit draußen in den Hafen einlaufen.

So lange kann ich aber nicht warten, vom Herumstehen wird mir langsam kalt. Ich setze mich wieder in Bewegung in Richtung unserer kleinen Reetdachkate am Strand, wo ein heißer Grog auf mich wartet. Naja, vielleicht auch nur eine heiße Dusche in Hamburg-Mitte.

ÖPNV

Wenn ich morgens doch einmal mit der S-Bahn zur Arbeit fahre und nicht zu Fuß gehe, weil es etwa regnet oder kalt ist oder noch dunkel oder neblig oder mir ein klein wenig zu grau, wenn es also irgendein furchtbar extremes Wetterereignis gibt, das mich vom Frühsport bedauerlicherweise abhält, dann sind die Bahnsteige im Hamburger Hauptbahnhof immer brechend voll. Wenn Sie Hamburg vielleicht nicht so gut kennen, die sind voller, wesentlich voller, als Sie sich das jetzt vielleicht vorstellen. Sie müssen etwas mehr Richtung Tokio denken, nicht Richtung Berlin oder so. Sie sind oft sogar so voll, dass man, wenn man sie von oben sieht und die Treppen zu den sich dort unten stauenden Massen staunend hinuntergeht, denkt: “Oha!” Das ist natürlich nicht sehr geistreich, was man da denkt, aber es ist eben auch noch verdammt früh und es trifft immerhin den Kern.

Der Hamburger Hauptbahnhof ist zu Stoßzeiten also dramatisch überfüllt. Wie man das baulich irgendwie auffangen kann, das wird seit Jahren thematisiert, mehr passiert ist bisher aber nicht. Die meisten Menschen in dieser Masse da auf dem Bahnsteig sind außerdem mörderisch schlecht gelaunt, denn sie müssen zur Arbeit, und die Szenen, die sich abspielen, wenn eine Bahn einfährt und die Türen aufgehen, die sind nicht immer schön. Denn obwohl die Bahnen alle zwei oder drei Minuten fahren, es müssen natürlich ausnahmslos alle genau die nehmen, die da jetzt gerade kommt, in drei Minuten ist alles rettungslos zu spät, ist alles vorbei.

Neuerdings stehen da jetzt, das wollte ich eigentlich nur sagen, Türlotsen auf dem Bahnsteig. Menschen mit signalgelben Westen , auf denen hinten groß “Türlotse” steht. Schülerlotsen lotsen Schüler, Türlotsen aber keine Türen, man möchte Deutsch auch lieber nicht als Fremdsprache lernen. Die Türlotsen stehen jedenfalls auf dem Bahnsteig und an der Bahnsteigkante herum und wenn die S-Bahn abfährt, dann stellen sie sich in die zugehenden Türen, damit niemand mehr in letzter Sekunde hineinhechtet und auch damit keine weiteren Ringkämpfe mehr in den sich schließenden Türen stattfinden. Mehr machen die Westenträger nicht, das ist wohl der Job. Die Bahn fährt ab, sie machen einen Ausfallschritt in die Tür, ansonsten stehen sie da eben und sind da. In Tokio schieben und drücken sie bekanntlich auch Menschen in Bahnen, das ist in Hamburg nicht so, sie fassen niemanden an. Aber Menschen, die so gucken wie Hamburger auf dem Weg zur Arbeit, die möchte auch niemand anfassen, das ist soweit verständlich.

Das ist nun einer der wenigen Fälle, in denen Jobs neu entstehen, für die man vermutlich keinen hochkomplexen Ausbildungsweg braucht, was ich überhaupt nicht beleidigend meine, denn es ist ja erstrebenswert, dass es von diesen Jobs viele gibt. Und weil man immer nur davon liest, wo und wie diese Jobs mit eher geringer Qualifikationsschwelle überall verschwinden, durch die Globalisierung, die Digitalisierung und weiß der Kuckuck welche -ungen noch, muss man doch auch einmal zur Kenntnis nehmen, wo diese Jobs offensichtlich neu entstehen, nämlich bei der Verkehrswende.

Denn je mehr Menschen den ÖPNV nutzen, desto mehr Menschen brauchen wir wohl, die uns daran hindern, uns beim Ein- und Aussteigen umzubringen. Weil der Mensch als solcher eben doof und rücksichtslos ist und Platz da jetzt, ich bin stärker als du – das Problem kennen wir ja von der Autobahn, das verlagert sich also auch in den ÖPNV.

Faszinierend.

Offline

Ich war, wo ich sonst nie bin, ich war in einem Kaufhaus. Also in einem ganz großen, in der Hamburger Innenstadt stehen noch welche. Da gab es in der hinterletzten Ecke einen Ständer mit Notizbüchern im dringenden Sonderangebot, denn vermutlich werden Notizbücher überhaupt nur im Januar verkauft: “Dieses Jahr schreibe ich aber mal was auf!” Und dann liegen sie da doch wieder leer herum und niemand kauft im Februar ein zweites und in den Kaufhäusern schiebt murrendes Personal lustlos die Stapel hin und her. Aber wo Notizbücher liegen, da blättere ich jedenfalls interessiert herum, denn Notizbücher kann man nie genug haben und die Suche nach dem perfekten Notizbuch ist bekanntlich endlos und nein, Moleskine ist doch nicht die Antwort auf alles.

Da lagen dann, ich habe sehr gestaunt, “Blogger-Notizbücher”, das stand tatsächlich so auf dem Einband. Man konnte vorne seine Followerzahl eintragen, auch seine Wunschfollowerzahl und seinen Blognamen mit Domain und so etwas, überall waren lustige Bulletpoints und handgeletterte Dingse und Aufzählungszeichen für viele, viele tolle Ideen, die man dann verbloggen soll, kann, was auch immer. Unten auf jeder Seite stand lustig “Eat. Blog. Sleep. Repeat”. Vielleicht war es auch eine andere Reihenfolge, vielleicht war es auch noch ein Wort mehr, ich konnte das kaum erkennen, ich musste so lachen. Blogger-Notizbücher! Es war leider schon spät und kurz vor Ladenschluss, sonst hätte ich noch schnell bei der Herrenmode nachgesehen, ob man in diesem Frühling Bloggeranzüge und Bloggerübergangsjäckchen trägt. Aus besonders selfiefreundlichem Material und mit Extratasche für das Blogger-Notizbuch.

Eat. Blog. Sleep. Repeat. Wirklich, dieses Offline ist viel unterhaltsamer als man immer denkt. Da ruhig mal hingehen!

Jetzt erst einmal eat. 

Unbekannte Gemüse und weiterführende Schulen

Ich habe hier drüben Wasserspinatsamen gewonnen. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was Wasserspinat überhaupt ist, ich habe nie vorher davon gehört, aber egal, ich pflanze das ein. Obwohl das Gemüse etwas problematisch klingt, Wasserspinat, da denkt man doch eher an Rahmspinatfail, Küchenprobleme und Chefkochdesaster als an feines Essen. Ich bin aber sicher, das wird gut, ich vertraue der Bloggerin drüben voll und ganz. Den Beschreibungen nach wächst das Zeug außerdem gut, wenn es nass steht, das sollte in Hamburg nun wirklich kein Problem sein, nass können wir. Vom Geschmack werde ich dann nach der Ernte berichten. Wenn ich es bis zu einer bringe.

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Im Vorbeigehen gehört:

„Wie diese kleinen Läden hier wohl alle überleben, mit dem überschaubaren Angebot?“

„Du überlebst doch auch.“

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Heute erfolgte die Anmeldung eines Sohnes auf einem Gymnasium, also schon wieder ein erstes Mal. Die Kinder werden heutzutage zu diesem Anlass dort dem Direktor vorgestellt, ich kann mich nicht ansatzweise erinnern, dass das in meiner Kindheit auch der Fall war. Vermutlich wurden wir noch kurz vor Beginn des Schuljahres nebenbei per Telefon im Sekretariat avisiert oder aber am ersten Tag der fünften Klasse einfach dort durch die Tür geschoben. Und es gab natürlich auch im Jahr vor dem Schulwechsel keine Tage der offenen Tür, an denen sich die weiterführenden Schulen den künftigen Schülerinnen möglichst liebreizend und einladend präsentiert haben, also mit beeindruckenden Aufführungen der Schülerband und des Schulchores, mit hilfreich herumführenden Oberschülerinnen und endlosem Erklärwillen aller Beteiligten und lustig experimentierenden Physiklehrern vor brandneuen Legorobotern, oh nein, es gab da eher einen ausgeprägten Angstkult.

“Warte bis zum Gymnasium, da wird es richtig schwer!” “Du kriegst Latein, da musst du dann erst richtig arbeiten.” “Ja, das wird alles sehr mühsam, aber da musst du eben durch.” “Viele schaffen das ja nicht, immer dran denken, mein Freund!” “In Mathe hast du eh keine Chance. Überhaupt keine.”

Und alle haben bei diesem Angstkult mitgemacht, im Nachhinein ist es eigentlich recht merkwürdig. Ich hatte aber sowieso durch das fliegende Klassenzimmer und die Feuerzangenbowle  etwas falsche Vorstellungen von Gymnasien und den dort lehrenden Professoren, ganz so schlimm kam es dann doch nicht. Na, die Zeiten ändern sich.

Damals war übrigens auch die Schulwahl noch viel einfacher als heute beim großen Sohn, ich ging selbstverständlich dahin, wo meine Geschwister auch schon waren. Um mir dann neun, nein, zehn  Jahre lang anzuhören, wie es mit denen war: “Ihre Schwester war ja auch nicht gerade die Fleißigste!” “Ihr Bruder war aber viel interessierter an Bio! Der war richtig gut! ”

Bauen und Lernen

Famous first times, wir haben eine Baugenehmigung, und es ist die erste Baugenehmigung meines Lebens! Spät, aber doch noch. Wir dürfen jetzt also ganz offiziell eine neue Laube dort hinstellen, wo dummerweise noch die alte halbe Laube steht, es ist weiterhin kompliziert. Das macht aber nichts, denn bei dem Wetter will ich eh nicht rausgehen. Ich will eigentlich überhaupt nichts, wie immer im Februar. Nur etwas Winterschlaf wäre schön, und dann irgendwann von zweistelligen Temperaturen geweckt werden. Buddenbär.

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Mein Bruder ist währenddessen weiter in der Ahnenforschung aktiv und findet dabei etwa den lapidaren Hinweis eines Standesbeamten zu einer Todesursache: “Verkohlt. Fliegerangriff.” So gesehen geht es uns heute ja noch gold, das kann man sich gar nicht oft genug klarmachen.

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Hier die Stelle mit dem Trecker bitte beachten. Fundstellen wie im November!

Und Frau Nessy fährt durch Herford.

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Ich mache mit dem Sohn Mathe, dann mache ich mit dem Sohn Englisch. Wozu der andere Sohn meint anmerken zu müssen: “Wenn du einfach Mathe englisch abfragen würdest, ihr würdet tierisch Zeit sparen“. Kinder mit Sinn für Effizienz! Da freut sich der Vater aus dem Controlling aber, und wie der sich da freut.

Blogs, Frost, Feldversuch

In der Berichterstattung über die Goldenen Blogger-Preise 2018 wurde an manchen Stellen erwähnt, dass sich in der öffentlichen Wahrnehmung von Blogs etwas verändert habe. Das kann man natürlich auch etwas lustig finden, denn das hat man seit dem Jahr 2000 oder so bisher in absolut jedem Jahr festgestellt, das ist also ein klein wenig redundant. In der Wahrnehmung der Medien hat sich in letzter Zeit womöglich auch etwas geändert. Oder auch in der Wahrnehmung des Wetters. Alles fließt, ne.

Auf dem Europacamp der Zeitstiftung in Hamburg wurden gerade etliche Panelteilnehmerinnen mit einer Wortreihung vorgestellt, die etwa “Journalistin, Publizistin, Bloggerin” oder “Autor, Blogger, Kolumnist” oder so ähnlich hieß, man merkte den teils beeindruckenden Wortballungen jedenfalls an, dass sie zu dem tendieren, was ich neulich hier als “irgendwer schreibt irgendwo irgendwas, alle können es lesen” definiert habe. Man braucht die Begriffe eigentlich gar nicht mehr.

Noch eine Beobachtung am Rande, die mich sehr amüsiert hat, nur ein winziges Detail des Europacamps, zu dem ich im Wiederholungsfall übrigens gerne wieder gehen würde, das war ein gutes Format – Sohn I wird noch etwas darüber schreiben. Im Foyer gab es einen Info-Tisch vom Blog der Republik, das wurde von altgedienten Medienhasen gegründet, man kann das drüben alles en detail nachlesen. Und weil sich die Zeiten eben ändern, ist das ein Blog, zu dem es schick designte Info-Flyer gibt, die lagen da auf dem Tisch auch aus. Wir Steinzeitblogger haben ja früher noch einfach auf Links gehofft, um irgendwann irgendwie bekannt zu werden, wir hatten ja nix! Aber egal, Opa erzählt vom Krieg. Außerdem saßen da jedenfalls drei Herren und eine Dame hinter den Flyern, die waren vielleicht die Betreiberinnen des Blogs, vielleicht aber auch nicht, ich wusste es nicht. Ich konnte sie auch nicht fragen, weil sie nämlich alle hochkonzentriert auf Notebooks herumtippten und energisch nicht hochguckten, auch nicht, wenn man direkt vor ihnen stehenblieb und sich einen Flyer nahm und sie fragend ansah. Vielleicht notierten sie gerade, dass da jemand vor ihnen stand, vielleicht schrieben sie auch gerade auf Twitter “Warten auf Interessierte” oder “Jetzt Blogvorstellung in der Halle” oder so etwas, wie auch immer, ich fand das sehr erheiternd, ein wirklich schönes Gleichnis für das Verhältnis von digitaler zu analoger Kommunikation: “Das Blog ist anwesend.”

(Hätte mir auch passieren können, eh klar. Nur ohne Flyer.)

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Was ganz anderes: Ein langes Stück über eine untergehende Insel. Und bei der GLS Bank habe ich drei Links zu den Themen Umweltschutz, Gemeinnutz und Ilse gepostet. Ja, Ilse.

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Es gibt viele erzählende Gartenbücher, die ungemein lustig sein sollen. Das erste, bei dem ich tatsächlich mehrmals gelacht habe: Max Scharnigg, “Feldversuch”. Kann man bedenkenlos jedem schenken, der einen Garten übernimmt oder neu anlegt, das passt schon. 

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Gestern sehr kurz im Garten gewesen, es war zu kalt und zu ungemütlich für alles, das Wetter im Grunde eine einzige Beleidigung. Im Garten hat sich aber ohnehin nichts verändert, der Bagger steht weiter sinnlos auf dem Rasen herum und rostet, in den beiden riesigen Containern daneben sammelt sich Schneeregen, durch die halb abgerissene Laube fegt der nasse Nordwest, das sieht insgesamt alles nicht schön aus. Auf Nachfrage sagte der freundliche Abrissunternehmer, er warte auf Frost. Ich gucke auf meine Wetter-App: minus ein Grad. Bei mir fällt das ja unter Frost, aber was weiß ich schon.

Immerhin: Ein paar Schneeglöckchen in der hintersten Ecke der Parzelle. Und neben dem Birnbaum, den ich im Herbst gepflanzt habe,  wächst auch noch irgendwas, das spannend werden könnte. Für einen weiteren Fotobeweis dazu hätte ich mich aber in den Schneematsch knien müssen, wir wollen hier nicht übertreiben.