Susan, Tina, Tom und die Essstäbchen

Ich habe drüben bei der GLS Bank einige Links zu Rohstoffen für die Auto-Industrie zusammengetragen.

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Patricia über Arbeit und Konsum. Sie ist eventuell noch konsumunlustiger als ich, und das will etwas heißen. Und wenn man schon dabei ist, David Hugendick hat da in der Zeit auch noch etwas Passendes: “Alles in Ordnung“.

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In den Hamburger Fleeten sieht es noch aus wie folgt, von wegen Frühling und so. Eine ausbaufähige Jahreszeit.

Siehe zum Hamburger Eis und dessen Verwertung auch drüben im hermetischen Café.

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Und nun ein Garten-Update – wenn Sie das Gartenthema uninteressant finden, Sie könnten jetzt noch schnell aussteigen. Es ist allerdings ein Garten-Update ohne Garten, da waren wir nämlich gar nicht, es kann hier also nur um unsere vorbereitenden Bemühungen in der Wohnung gehen.

Eine neue Lage gibt es da bei der unlängst erwähnten Magnolie, also bei dem im Garten vom Abrissunternehmer abgebrochenen Zweig und den Blüten in der Wahnsinnsfarbe. Es handelt sich wohl um die Blüten der Purpurmagnolie Susan, wenn ich das auf den zu Recherchezwecken besuchten Baumschulseiten richtig erkenne. Die Blüten sehen mittlerweile so aus:

Wenn die Magnolie noch alle weiteren Bauarbeiten überleben sollte, steht sie ab dem Frühling 2019 also auf diese Art blühend neben der Eingangstür der neuen Laube, wir freuen uns jetzt schon darauf.

In der Küche steht u.a. die vorgezogene Kapuzinerkresse. Im Hintergrund andere vergeilte Pflanzen, eigentlich geht Voranzucht hier nämlich gar nicht, der Platz ist viel zu warm – aber wir wollen eben spielen. Und zwar dringend.

Das ist nun nicht die gewöhnlichste Voranzucht, man kümmert sich da eigentlich eher um Gemüse, aber die Kapuzinerkresse gehörte zu den ersten Pflanzen, die wir im letzten Jahr im neu übernommenen Garten erfolgreich vom Samen zur Blüte gebracht haben, deswegen spielt sie bei uns eine Sonderrolle als Familienfavorit und wird besonders gefördert, sie ist quasi unsere Wappenblume. Und sie geht ab wie Schmidts Katze, sie musste gerade ein wenig gestützt werden, was Sohn I sehr findig mit chinesischen Essstäbchen und einem ebenso liebe- wie kunstvoll verknoteten Schnittlauchhalm gelöst hat.

Denn das kann für Kinder ein Hauptspaß an dieser Gartensache sein: Aufgaben zu lösen ohne irgendwas zu kaufen und ohne genau passendes Zeug dafür zu haben. Das sollte man nicht unterschätzen, welchen Reiz das ausmacht, und dabei kennen die Söhne MacGyver nicht einmal. Sie werden auf der Parzelle auch alleine mehrere Beetumrandungen bauen, und es ist ganz egal, wie seltsam vermurkelt die dann aussehen werden. Sie werden in jedem Fall super sein.

Unsere beiden vielversprechendsten Pflanzen in der Aufzuchtstation sind ganz entschieden Tina und Tom, die beiden Tomaten, die Sohn II mitten im Winter gezogen hat. Die hätten eigentlich gar nichts werden können, das war die völlig falsche Zeit für Tomaten, aber das wussten die beiden wohl nicht. Unten im Bild übrigens Tina.

Tina und Tom sind von undefinierbarer Sorte, da die Söhne das Gewinnen von Tomatensamen im letzten Herbst ganz unterhaltsam fanden und reichlich davon getrocknet und eingetütet haben, wobei es allerdings etwas drunter und drüber ging. Deswegen können Tina und Tom alleredelster Bioabstammung sein oder aber einen ordinären Lidl-Hintergrund haben, man weiß es einfach nicht. Wertgeschätzt werden sie hier in jedem Fall – und zwar reichlich.

Außerdem sind die Pflanzkartoffeln angekommen, Roter Erstling und Duke of York. Das gehört zum phänologischen Kalender, Anzeichen des Vorfrühlings: Die Biogartenversände schicken die Kartoffeln auf die Reise.

Die Herzdame: Experiment Tag 5

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die überrascht ist von den Erkenntnissen der Söhne.

Die Söhne mit dem iPad

Für alle, die das Experiment noch einmal von Anfang an lesen möchten bitte hier entlang.

Es ist Dienstag und Sohn 1 ist von alleine aufgestanden. Was er als erstes getan hat, muss ich hier jetzt nicht weiter ausführen. Sohn 2 habe ich heute um 7 Uhr geweckt, das war aber auch wieder falsch, er möchte in Zukunft früher geweckt werden.

Ich spreche in regelmäßigen Abständen Empfehlungen aus, aber die Jungs sind erst auf den letzten Drücker fertig. Übrigens wieder mit geputzten Zähnen und ohne dass ich etwas gesagt habe. Es hat geschneit und sie wollen den Schlitten mit zur Schule nehmen. Eigentlich sollte ich das nicht tun, aber ich schimpfe jetzt doch und gehe dann mit ihnen in den Keller. Mich ärgert es, dass sie sich das erst so spät überlegt haben. Aber wann ist in Hamburg schon mal so viel Schnee, dass man mit dem Schlitten zur Schule kann? Und mir geht es ja auch nicht um Konsequenzen oder Strafen, sondern ich will einfach nur mehr Ruhe und Frieden haben.

Sohn 1 hat in der Mittagspause einen Schlittenunfall, muss abgeholt werden und zum Arzt. Deshalb ist er dann auch schon ziemlich früh zu Hause. Und weil der Gatte und ich zwischendurch auch noch weitere Termine haben, u.a. mit Sohn 2, hat er nun richtig viel Zeit iPad zu spielen. Besonders schlimm finde ich es, dass Sohn 1 nicht ansprechbar ist und er es trotz guter eigener Vorsätze nicht schafft, seinen Aufgaben nachzukommen und wie magisch angezogen vor dem iPad hängen bleibt.

Gegen 19 Uhr kommt Sohn 2 zurück und klebt auch gleich neben Sohn 1 am iPad. Jacke, Schuhe und Ranzen hat er immerhin selbstständig weggeräumt.

Trotz freundlicher Empfehlungen hat niemand etwas für die Schule getan, geduscht oder sonstige Aufgaben erledigt. Dafür aber jede freie Sekunde am iPad geklebt.

Kurz vor dem Schlafengehen hat Sohn 1 dann aber eine neue Erkenntnis. Er möchte wieder feste Medienzeiten, weil er selbst merkt, dass er davon nicht loskommt und nun Angst hat, in kurzer Zeit zu verblöden.

Und Sohn 2 möchte in Zukunft wieder früher ins Bett geschickt werden, damit er noch genügend Zeit hat, ausgiebig mit uns zu kuscheln.

Es gibt dann auch noch Streit deswegen. Sohn 2 will unbedingt kuscheln, obwohl uns das schon zu spät ist, er aber sonst nicht einschlafen kann und Sorge hat, am nächsten Tag nicht ausgeschlafen zu sein, wenn er seinen Test schreibt. Er muss auch wieder oben im ungeliebten Hochbett schlafen, weil sein Lager auf dem Boden immer noch verwüstet ist.

Beide Kinder finden die Woche jetzt doof und freuen sich darauf, wenn sie endlich um ist.

Der Gatte und ich sind überrascht über die Erkenntnisse der Söhne und hätten so einen (möglichen) Ausgang des Experimentes nicht erwartet – aber es ist ja auch noch Zeit. Wir freuen uns vor allem über die Fähigkeit der Selbstreflexion bei den Kindern. Dass Sohn 1 selbst realisiert hat, dass ihm Medien ohne Limit nicht guttun und dass er feste Regeln braucht. Und dass Sohn 2 merkt, wie wichtig ihm die Kuschelzeit mit uns ist und er deshalb wieder früher ins Bett möchte, dafür also anderes aufgeben kann.

Grundsätzlich könnte ich mir mittlerweile schon vorstellen, dass Experiment noch zu verlängern, wenn das iPad auch mal wieder für längere Zeit verschwinden würde. Freiwillig!

Sven Dietrich von Pop64 hat sich zum Thema Medien auch Gedenken gemacht und dazu noch ein paar sehr interessante Links zu Lootboxen und free2play-Spielen. Den Spieleratgeber-NRW kannte ich noch nicht und werde den erstmal zu meiner Bettlektüre machen. Vielen Dank für die Leseempfehlung.

Hier noch mal alle Berichte des Experiments:

Einleitung | Tag 1Tag 2 | Tag 3 | Tag 4 | Tag 5Tag 6Tag 7 | Tag 8 | Fazit

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Da die Söhne Hauptfiguren dieser Blogartikelreihe sind, mittlerweile aber schon ziemlich gut mitlesen können und eine genaue Vorstellung davon haben, was sie von sich im Netz lesen wollen und was nicht, werden diese Artikel vor Veröffentlichung mit ihnen besprochen und lektoriert. Auch wenn ich es richtig blöd finde, wenn ein guter Witz von ihnen gestrichen wird und rausfliegt.

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Um der Verdummung durch zu viel digitale Medien entgegen zu wirken – der Sponsor dieser Reihe ist die SZ Familie.

Von inneren Bildungsbürgern und der spanischen Grippe

Ein langer Artikel über die spanische Grippe. Für den gepflegten Grusel zwischendurch.

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Ich habe einen englischen Gartenyoutuber mit wöchentlich erscheinenden Filmchen gefunden, der hat eine mir sehr angenehme Stimme und Betonung, von dem lasse ich mir gerne etwas erklären. Ich hätte jetzt außerdem gerne eine App, in der mir genau diese Stimme jeden Morgen in diesem betont freundlichen Tonfall erzählt, was ich heute zu tun habe, nicht nur im Garten, nein, überall. Natürlich mit Lösungsvorschlägen sowie Tipps und Tricks zu allen möglichen Ungereimtheiten und Komplikationen des Alltags, und das würde dann auch immer alles so klingen, als würde man das mit ein wenig gutem Willen schon hinkriegen. Das wäre fein.

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Die Söhne gucken morgens irgendwas auf Youtube und ich höre im Vorbeigehen nur den Satz eines Sprechers, der gerade eine Sequenz einer Spiel-Session erklärt, denn die Söhne gucken gerne Filme, in denen andere etwas auf dem Computer spielen, was auch irgendwie seltsam meta ist: Voll nice, wieviel damage man mit diesem Schwert anrichten kann.“

Und mein innerer Bildungsbürger unweigerlich so: “Is this a dagger which I see before me? The handle toward my hand? Come, let me clutch thee.”

Ein ganzes verdammtes Jahr lang haben wir Macbeth damals in der Oberstufe im Englischunterricht durchackern müssen, Zeile für Zeile, quasi jede Silbe analysiert, es verfolgt mich bis heute und neulich beim 30-jährigen Abijubiläum habe ich gemerkt: nicht nur mich, oh nein, wir haben alle Folgeschäden. Schlimm.

Und ja, dagger ist Dolch, nicht Schwert, ich weiß. Was kann ich für meine ungenauen Assoziationen?

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Morgens noch wie ein angetrunkener Pinguin über Blitzeis erst zum Feriencamp der Söhne und dann in die Firma gewatschelt, einmal quer durchs kleine Bahnhofsviertel und die benachbarte Hafencity, links und rechts von mir überall stürzende Fußgänger, schlingerne Radfahrer und schlitternde Autos – nachmittags schon die Jacke von mir geworfen und bei 11 Grad fröhlich pfeifend durch einen geradezu lauen Frühlingstag nach Hause gegangen. Ein seltsamer Tag. Zu den Radfahrern siehe übrigens auch hier, das ist alles nicht richtig so, das muss sich ändern.

“Papa, du gehst so langsam und breitbeinig, das sieht voll albern aus.“

Und nur einen halben Meter weiter hat sich der Sohn dann mit Schmackes aufs Eis gelegt. Ausgleichende Gerechtigkeit kann schon schön sein.

Die Herzdame: Experiment Tag 4

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die Gott sei Dank den ganzen Tag unterwegs war.

Die Söhne mit dem iPad

Für alle, die das Experiment noch einmal von Anfang an lesen möchten bitte hier entlang.

Es ist Montag, 6:30 Uhr und ich empfehle den Kindern aufzustehen. Sohn 1 springt sofort aus dem Bett, rennt zum iPad und muss dringend „anfordern“. Ich verstehe bis heute nicht so richtig, was das eigentlich ist. Es gibt eine ganze Reihe Spiele, bei denen man Belohnungen bekommt, nur weil man einmal kurz online war. Und von den Belohnungen scheint dann das ganze Leben abzuhängen, so klingt es jedenfalls immer, wenn wir die Kinder bitten, das iPad wegzulegen. Aber heute Morgen spielen diese Bitten keine Rolle.

Um 7 Uhr weise ich Sohn 2 noch mal darauf hin, dass es jetzt 7 Uhr ist. Lust aufzustehen hat er keine und Lust auf Schule noch viel weniger. Irgendwann kommt er doch aus dem Bett und gesellt sich direkt zu seinem Bruder.

Ich spiele in regelmäßigen Abständen Zeitansage, sage aber sonst nix. Innerlich bin ich mittlerweile echt genervt, weil ich pünktlich zur Arbeit muss. Gerade rechtzeitig bekommt Sohn 1 die Kurve, um noch pünktlich seinen Kumpel zur Schule abzuholen. Mit geputzten Zähnen, aber ungekämmten Haaren.

Eigentlich finde ich auch, er könnte mal wieder duschen und Haare waschen, vielleicht sogar heute Abend. Diese Empfehlung gebe ich noch schnell mit auf den Weg.

Sohn 2 hat während dessen auf der Suche nach seinen Handschuhen seinen halben Kleiderschrank rausgerissen und auf seinem Nachtlager auf dem Fußboden verteilt, in dem er seit Wochen schläft, weil er sein Hochbett nicht mag. Unter dem ganzen Wust sehe ich auch Möhrenreste und eine halbe Gurke durchschimmern. Ich bin unsicher, was ich machen soll, bleibe dann aber ruhig und spreche eine freundliche Empfehlung aus. Jetzt bloß nicht ausrasten! Ich freue mich aufs Büro.

Montags habe ich immer einen langen Arbeitstag und bin erst um kurz vor 19 Uhr zu Hause. Ich möchte mir von ihrem Tag berichten lassen, aber die Söhne kleben schon wieder oder immer noch am iPad. Ich bin so froh, dass ich das heute nicht die ganze Zeit miterleben musste.

Sohn 1 hatte spontan Besuch zum Zocken bekommen. Es scheint sich rumgesprochen zu haben, dass es bei Buddenbohms kein Limit mehr gibt. Was Sohn 2 gemacht hat, erfahre ich nicht. Der Gatte weiß es auch nicht, der war froh, dass er ungestört arbeiten konnte. Er hat den Kindern aber zwischendurch den Spaß verdorben, und festgestellt, dass unbegrenzte Medienzeit nicht für Besuchskinder gilt. Denn er kann ja nicht wissen, was deren Eltern davon halten und ob er da irgendwie die Preise verdirbt.

Die Kinder wollen noch was von mir und räumen freiwillig die Spülmaschine aus. Ich muss irgendwie an die Pawlowschen Hunde denken, die jetzt ihre Belohnung erwarten.

Sohn 1 fällt dann noch ein, dass er lernen wollte. Und Sohn 2 möchte in seinem „Lesepass“ von der Schule weiterkommen und mir vorlesen. Eigentlich ist es dafür schon zu spät, aber wenn sie selbst dran denken, kann man doch nicht nein sagen. Oder?

Am Ende ist es schon ganz schön spät, als die Kinder im Bett liegen. Ich nehme an, sie haben Zähne geputzt, aber geduscht hat keiner mehr.

Da sich der Schrank leider nicht wieder von alleine eingeräumt hat und es auf dem Kleiderhaufen so unbequem ist, schläft Sohn 2 jetzt wieder oben in seinem Hochbett.

Ich stelle fest, dass ich heute gar nicht gemeckert habe, auch wenn ich manchmal kurz davor war. Trotz allem war es aber vergleichsweise entspannt, nur der Medienkonsum nervt mich.

Wobei ich mich schon frage, warum eigentlich? Ist doch so schön friedlich. Und was ich alles schaffen könnte, in der Zeit, in der die Kinder mit dem iPad ruhiggestellt sind! Auch wenn es ganz ohne Limit offensichtlich nicht funktioniert, warum nicht mal Fünfe gerade sein lassen? Warum nicht einfach mal die erlaubte Medienzeit von 30 Minuten pro Tag ausdehnen und die Ruhe genießen? Und vieles regelt sich dann bald durch den Frühling sowieso von selbst.

Hier noch mal alle Berichte des Experiments:

Einleitung | Tag 1Tag 2 | Tag 3 | Tag 4 | Tag 5Tag 6Tag 7 | Tag 8 | Fazit

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Da die Söhne Hauptfiguren dieser Blogartikelreihe sind, mittlerweile aber schon ziemlich gut mitlesen können und eine genaue Vorstellung davon haben, was sie von sich im Netz lesen wollen und was nicht, werden diese Artikel vor Veröffentlichung mit ihnen besprochen und lektoriert. Auch wenn ich es richtig blöd finde, wenn ein guter Witz von ihnen gestrichen wird und rausfliegt.

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Um der Verdummung durch zu viel digitale Medien entgegen zu wirken – der Sponsor dieser Reihe ist die SZ Familie.

Rausch und Roben

Der Terminkalender auf dem Smartphone sagt “Sie haben heute einen freien Tag”, eine höchst irritierende Meldung. Aber auch im Familienkalender steht rein gar nichts, es liegt nirgendwo ein halbvergessener Zettel herum und es steht auch nichts auf der Tafel in der Küche. Eine andere App sagt, dass ich heute keine Actions habe, das aber mit aufkommendem Regen und Glatteisgefahr.

Ein außerordentlich unwahrscheinlicher Fall, aber tatsächlich sieht es schwer so aus, als hätte niemand in dieser Familie heute irgendeinen Termin. Das ist gefühlt zum ersten Mal seit zehn Jahren der Fall, ich bin auf so etwas überhaupt nicht vorbereitet. Bei mir funktioniert seit langer Zeit alles nur noch aus der terminlichen Defensive heraus, im Grunde mache ich alles immer trotz irgendwas. Heute könnte ich irgendwas einfach so machen! Freiwillig! Werde also völlig ideenlos und gnadenlos überfordert stundenlang auf dem Sofa sitzen und immerzu “Jetzt” denken, “Jetzt haste mal Zeit. So ist das dann.”

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Bei SPON kommt man nicht mehr zu den Artikeln, ohne den Adblocker auszuschalten, man kann die Meldung also nicht mehr wegklicken. Ich habe den Adblocker ausgeschaltet, es erscheinen, das ist keine polemische Übertreibung, gleich drei (!) hektisch blinkende Anzeigen über und neben dem Artikel, den ich lesen wollte, es erscheinen außerdem zwei Werbebanner mitten im Text, die in Neonknallfarben gehalten sind. Ich habe gar nichts gegen Werbung, auf dieser Seite hier ist schließlich auch Werbung, ich verdiene in allen meinen Berufen Geld mit Werbung und ich schalte den Adblocker oft aus – aber man kann die Artikel da beim besten Willen so nicht lesen. Es ist einfach falsch und es wird auch nicht klappen. Niemand wird denken, ach Gott, den armen Leuten beim Spiegel fehlt Geld, da halte ich den Irrsinn eben mal kurz aus. Nein, es ist ein totes Pferd, so heißt das doch in den Präsentationen immer, bitte absteigen. Es ist ein totes Pferd, aber es blinkt noch.

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Ich bin Micha noch eine Antwort schuldig, die neulich in den Kommentaren nach den Gegenwartsbezügen im Echolot von Kempowski fragte. Es drängen sich vor allem selbst bei nur flüchtiger Lektüre die Parallelen in der Sprache des Hasses auf. Die Sprachmuster der Angst, der Aggression, der Machtgeilheit, der Selbstüberschätzung, der völligen Empathielosigkeit, die findet man ja mittlerweile alle auch in einigen Medien der Gegenwart und ebenso bei diversen Regierungen wieder, man muss überhaupt nicht lange suchen. Das rassistische Vokabular und die dahinterstehenden Denkstrukturen, die Aufteilung der Welt in Feinde und Freunde, wobei die Freunde gar keine Freunde sind, sondern nur eben gerade nicht Feinde. Die allgegenwärtige dummerhaftige Pauschalisierung, die Betrachtung anderer nur noch als Teil einer Gruppe, die Russen, die Katholiken, die Deutschen, die Juden, die Araber, die Japaner, die Volksverräter, die Untermenschen, die Übermenschen. Die Flüchtlinge. Die Sündenböcke. Die Bereitschaft, anderen stets und ständig und wider jede Logik die Schuld an allem zu geben – und am Ende kann dann niemand was für gar nichts, war auch nirgends dabei, hat gar nichts gemacht

Also ja, man kann das Echolot sehr gut auch daraufhin lesen, das ist unangenehm lehrreich, also richtig so.

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“Wer müde ist, muss schlafen.”

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Der freundliche Abrissunternehmer hat im Garten einen Zweig der Magnolie abgefahren, den haben wir mitgenommen und in der Wohnung in eine Vase gestellt. Wir haben diese Magnolie noch nicht in Blüte gesehen, denn wir haben den Garten im letzten Jahr im Hochsommer übernommen, da war sie einfach nur ein Baum mit Laub, unspektakulär.

Gestern erst fiel mir auf, dass aus diesem Zweig jetzt Blüten kommen, und zwar Blüten in einer Wahnsinnsfarbe, das Bild hier bringt das nur höchst ungenügend zum Ausdruck. Die Farbe liegt zwischen sündlila und prachtmagenta, sie sieht unverschämt teuer aus, extravagant, sie sieht nach Roben und rauschhaften Nächten aus, eine wahre Opernblüte, in diesem Ton inszeniert man Liebesdramen erster Klasse. Oder künftig unsere Laube im Frühling, auch recht.

Währenddessen fragen wir uns weiterhin, wann der Frühling überhaupt wiederkommt.

Die Herzdame: Experiment Tag 3

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die so langsam doch Zweifel bekommt.

Die Söhne mit dem iPad

Für alle, die das Experiment noch einmal von Anfang an lesen möchten bitte hier entlang.

Es ist Sonntag und die Söhne schlafen tatsächlich mal bis 8 Uhr. Sie kommen kurz für ein paar Minuten zu mir ins Bett, werden aber schnell unruhig, weil das iPad ruft.

Gegen 9 Uhr fragen wir ob jemand Brötchen holen könnte und uns bei der Spülmaschine hilft. Es fällt ihnen schwer, sehr, sehr schwer. Das merkt man. Aber Sohn 2 entschließt sich dann doch Brötchen zu holen und Sohn 1 hilft uns, die Spülmaschine auszuräumen.

Sie beteiligen sich auch freiwillig am Frühstück, Sohn 2 sogar, obwohl er nicht mal Hunger hat. Ich habe nicht so genau drauf geachtet, aber ich glaube Sohn 1 hat tatsächlich was „Gesundes“ gegessen.

Danach wollen sie mal kurz vor die Tür, was erledigen. Ganze 10 Minuten schaffen sie draußen an der frischen Luft. Dann ist wieder iPad angesagt. Was sonst…

Ich erinnere Sohn 1 daran, dass er noch lernen wollte. Ja, später. Irgendwann kommt er dann tatsächlich an und möchte mit dem Gatten ein bisschen Mathe lernen. Der hat aber leider gerade was anders vor. Ein paar Spiele später finden sie dann doch noch kurz zusammen.

Um 13 Uhr ist Sohn 1 mit einem Freund fürs Kino verabredet. Die ganze Familie bringt ihn dahin und fährt dann zum Garten weiter, einmal kurz nach dem Rechten schauen. Sohn 2 hatte heute keine Lust sich anzuziehen und ist im Schlafanzug mitgekommen, bei Minusgraden. Aber wie sagt man so schön? Nur die Harten kommen in den Garten. Haha.

Wieder zurück, schaut Sohn 2 von 14 Uhr bis 19 Uhr Youtubevideos, genauer Bibis Beauty Palace und knabbert nebenbei einen ganzen Sack Möhren. Er ist so begeistert, dass ich mich zu einem Video überreden lasse. Ich schaffe ein halbes. Ich bitte darum, noch ein anderes anmachen zu dürfen, vielleicht finde ich das ja lustiger. Nach drei angefangen Videos breche ich ab. Dann doch lieber Bibi und Tina. Gegen 19 Uhr ist dann auch Sohn 1 zurück und klebt sofort neben seinem Bruder am iPad. Wie die Verabredung war, erfahre ich nicht.

Bis dahin war es ein wirklich entspannter Sonntag. Aber so richtig glücklich bin ich nicht mit dem vielen Zocken und Youtube gucken. Ich hatte gehofft, dass es den Jungs nach spätestens 3 Stunden langweilig wird. Aber Fehlanzeige, es geht immer noch mehr und noch mehr.

Ich gehe in den Keller, die Wäsche hochholen. Alleine, denn niemand hat Lust mir zu helfen. Es sind drei Wäschekörbe voll und ich habe jetzt auch keine Lust, alles allein zu schleppen. Also lasse ich die Wäsche der Söhne hängen. Zurück in der Wohnung teile ich das den Kindern mit. Sie springen sofort auf und holen ihre Wäsche. Freiwillig und ohne, dass ich gemeckert habe. Ich hatte einfach nur keine Lust.

Ich empfehle den Kindern ins Bett zu gehen, da sie die letzten beiden Nächte nicht viel geschlafen haben. Es ist mir aber verabredungsgemäß auch egal, ich gehe Tatort schauen. Nein, eigentlich ist mir das nicht egal, wenn die Kinder nicht ausgeschlafen sind, aber da muss ich jetzt wohl durch.

Es dauert dann tatsächlich nicht lange bis sie schlafen und ich glaube, Zähne geputzt haben sie am Ende auch.

Hier noch mal alle Berichte des Experiments:

Einleitung | Tag 1Tag 2 | Tag 3 | Tag 4 | Tag 5Tag 6Tag 7 | Tag 8 | Fazit

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Da die Söhne Hauptfiguren dieser Blogartikelreihe sind, mittlerweile aber schon ziemlich gut mitlesen können und eine genaue Vorstellung davon haben, was sie von sich im Netz lesen wollen und was nicht, werden diese Artikel vor Veröffentlichung mit ihnen besprochen und lektoriert. Auch wenn ich es richtig blöd finde, wenn ein guter Witz von ihnen gestrichen wird und rausfliegt.

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Um der Verdummung durch zu viel digitale Medien entgegen zu wirken – der Sponsor dieser Reihe ist die SZ Familie.

Lauben und Schrullen

Die Herzdame hatte einen Termin, um den Vertrag für die neue Laube zu unterschreiben. Sie ist nämlich die offizielle Pächterin der Parzelle, denn ich bin ja älter als sie und außerdem ein Mann, also vermutlich früher tot, wie sie mir mit ihrem unbedingt liebenswerten Nordostwestfalencharme sachlich und überzeugend erklärt hat. Die Laube ist tatsächlich die teuerste Anschaffung, die wir jemals getätigt haben, fällt mir gerade auf. Also abgesehen von den Kindern natürlich. Die gehen sicher auf Dauer mehr ins Geld, haben aber auch noch interessantere Features.

Die neue Laube wird etwa Mitte Mai geliefert und aufgebaut, wir müssen mal sehen, wie man die Gartenbaustelle bis dahin schon einigermaßen sinnvoll gärtnerisch bewirtschaften kann. Neuer Rasen etwa hat vermutlich keinen Sinn, da rollt dann eh noch einmal ein Laster drüber. Oder auch zwei.

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Sohn II lässt das Plattdeutsche im Moment keine Ruhe, er fragt nach Kinderbüchern op Platt – hat jemand vielleicht einen Tipp für etwa acht- bis zehnjährige Kinder? In dem Bereich kenne ich mich leider überhaupt nicht aus.

Und apropos Platt: “Aber mi is wichtig, drupp hentoweesen, dat wi in Düütsland mehrere Spraaken hebben, und dat wi in Düütsland bunt upstellt sünd.

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Ich empfehle dieses Blog, da geht es gerade wieder los:

“Und ich bin wieder hier. Hier an meiner alten Arbeitsstätte. Voller Enthusiasmus und Energie – die ich nach 4 Wochen auch schon wieder gut brauchen kann.”

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Patricia über Jugendjahre.

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Nach wie vor habe ich keine Lust, mich um SEO und ähnliches Zeug zu kümmern, aber ich lese ab und zu doch mit Interesse solche Texte wie diesen hier, da geht es um den Instagram-Algorithmus in seiner aktuellen Ausprägung. Das kann natürlich morgen schon wieder alles ganz anders sein. Und ich finde es weiterhin eher absurd, meine wie auch immer gearteten “Werke” auf eine bestimmte, fremd vorgegebene und genau abgezirkelte Art zu posten, zu taggen, zu benennen, zu kommentieren, zu beschreiben, zu verlinken usw., nur damit die Logik einer Firma sie richtig aufgreift. Ich habe da mittlerweile eine gewisse Grundbockigkeit.

Oder sagen wir es anders, auf Twitter hat der Herr Mierau einen meiner Texte gerade als “leicht schrullig” bezeichnet. Vielleicht ist es ja das, vielleicht bin ich tatsächlich schon altersbedingt leicht schrullig und habe auch deswegen keine Lust mehr, mich ausführlich mit solchen Mechanismen zu befassen. Ich möchte hier einfach nur sitzen und posten.

Egal. Nach schrullig kommt kauzig, ich arbeite daran.

Die Herzdame: Experiment Tag 2

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die einen sehr entspannten Tag hatte.

Die Söhne mit dem iPad

Für alle, die das Experiment noch einmal von Anfang an lesen möchten bitte hier entlang.

Obwohl die Kinder am Abend zuvor erst irgendwann zwischen 22-23 Uhr geschlafen haben, sitzt Sohn 1 am Samstag schon um 6 Uhr vorm iPad und Sohn 2 gesellt sich um 7 Uhr direkt nach dem Aufstehen dazu. Sagt der Gatte. Ich kann das nicht beurteilen, ich habe bis 8 Uhr geschlafen.

Sie spielen dann mit wenigen Unterbrechungen bis 9 Uhr. Unsere Fragen, ob jemand mitfrühstücken möchte oder gar Brötchen holen könnte, werden mit „Nein“ beantwortet. Der Gatte und ich frühstücken also ganz in Ruhe, ohne Gezappel, ohne Gesabbel und ohne dass mir jemand meinen O-Saft wegtrinkt. Wir schweigen und lesen, ganz wie in alten Zeiten ohne Kinder.

Als ich das nächste Mal auf die Uhr schaue, ist es dann 10:30 Uhr und die Kinder spielen immer noch. Oder schauen Serien, wer weiß. Geht mich auch nichts an, ist ja ihre Entscheidung.

Zwischendurch machen sie dann mal eine kurze Pause, um sich ein Honig-Toast (normalerweise bestehe ich erst mal auf ein „gesundes“ Brot und dann ein süßes hinterher, egal aktuell nicht mein Bier) zu machen, wollen dann eigentlich auch aufhören …

Es ist jedenfalls sehr entspannt und ruhig hier. Man merkt gar nicht, dass Kinder in diesem Haushalt leben. Warum haben wir das nicht schon früher angefangen? Die Diskussion über „Medien und Kinder“ scheint mir gerade völlig überbewertet.

Sohn 2 bekommt dann spontan eine Anfrage für ein Date am Vormittag, entscheidet sich aber weiter iPad zu spielen und sagt ab. Mittags hängen die Kinder immer noch am iPad. Haben es sich im Bett gemütlich gemacht, und das Süßigkeitenglas mit Bonbons geholt, glauben wohl, dass ich das nicht merke. Ich sage aber nichts. Irgendwann nach 5 Stunden stelle ich fest, dass sie schon seit 5 Stunden zocken und Serien gucken: „Wir wollten gerade aufhören und ein bisschen aufräumen.“ Aha!

Langsam mache ich mir ein bisschen Sorgen. Normalerweise bekommen sie nach zu viel Medien (also einem durchschnittlichen Spielfilm) wirklich schlechte Laune und drehen auch gerne mal richtig durch.

Es ist 13:30 Uhr, ein sehr ruhiger Tag heute, unglaublich entspannend. Die Sonne scheint, alles ist toll. Ich kann in Ruhe schreiben und habe schon 3,5 Artikel geschafft. Von den Kindern habe ich noch nicht viel gesehen. Die gucken inzwischen seit 7 Stunden Serien und zocken auf dem iPad. Mich wundert, dass es noch nicht heiß gelaufen ist. Das ist der ultimative Belastungstest, was das Gerät abkann.

Weil wir um 16 Uhr verabredet sind, teile ich um 14 Uhr mit, dass ich mich jetzt langsam fertig mache und spreche die Empfehlung aus, dass Zähneputzen so langsam mal ganz gut wäre. Die Zähne würden sich freuen. „Ja, gleich, nur noch die Runde zu Ende.“ Uff.

Ich weise noch zwei bis drei mal auf die Uhrzeit hin, aber es ist ja ihre Entscheidung, ob sie pünktlich fertig sind und mitkommen oder nicht. Obwohl ich es sehr schade fände wenn nicht, weil wir die Freunde seit ihrem Umzug lange nicht gesehen haben.

15:30 Uhr Abflug. Die Kinder haben bis dahin 9 Stunden fast ununterbrochen gezockt und Serien geschaut und sich ausschließlich von Honig- und Nutellabrötchen und Bonbons ernährt. Sie tragen jetzt ihre Sachen von gestern, inklusive Wäsche und Socken.

Wir kommen dann doch nicht so pünktlich los, wie ich wollte, weil die Kinder auf den letzten Drücker noch unbedingt Zähne putzen wollen. Also mir wäre das ja egal gewesen…

Es war ein wirklich schöner Nachmittag und wir kommen erst sehr spät um 23 Uhr nach Hause. Die Kinder sind wahnsinnig müde und auch unter normalen Umständen würde ich sie um diese Zeit nicht mehr zum Zähne putzen zwingen. Aber Sohn 2 kommt wie selbstverständlich mit mir ins Bad und putzt, ohne dass ich was sage, seine Zähne. Und als Sohn 1 schon im Bett liegt und ich einfach nur nachfrage, springt er noch mal auf und rennt ins Bad. Ich bin beeindruckt.

Hier noch mal alle Berichte des Experiments:

Einleitung | Tag 1Tag 2 | Tag 3 | Tag 4 | Tag 5Tag 6Tag 7 | Tag 8 | Fazit

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Da die Söhne Hauptfiguren dieser Blogartikelreihe sind, mittlerweile aber schon ziemlich gut mitlesen können und eine genaue Vorstellung davon haben, was sie von sich im Netz lesen wollen und was nicht, werden diese Artikel vor Veröffentlichung mit ihnen besprochen und lektoriert. Auch wenn ich es richtig blöd finde, wenn ein guter Witz von ihnen gestrichen wird und rausfliegt.

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Um der Verdummung durch zu viel digitale Medien entgegen zu wirken – der Sponsor dieser Reihe ist die SZ Familie.

Drogen und Vorräte

Ich habe gelesen, dass man die Knollen der Dahlie essen kann, dass man das wohl früher auch öfter getan hat, ja, es gab sogar Überlegungen, sie kartoffelähnlich deutschlandweit anzubauen. Überraschend, nicht wahr? Geschmacklich sollen sie zwischen Spargel und Schwarzwurzel liegen. Wobei die Knollen der Dahlie tatsächlich irgendwie essbar und gemüseartig aussehen, da gibt es nichts, ich habe gerade noch einmal nachgesehen, meine Dahlie steht hier gleich neben mir. Aber immer interessant, was man alles nicht weiß. Im letzten Jahr hat es mich ähnlich überrascht, dass Menschen Hortensienblüten aus Gärten stehlen, um sie zu rauchen, denn das ist angeblich besser als gar kein Rausch (don’t try this at home, es ist wohl nicht ganz ungefährlich).

Man geht an Gärten vorbei und denkt sich: wie nett, so hübsche Blümchen in den Beeten – aber nach etwas Lektüre und Weiterbildung sieht man überall nur noch Drogen und Vorräte. Schlimm.

Gelesen habe ich das mit den Dahlien übrigens in diesem Buch, das auch sonst interessant ist und dazu noch ein paar Rezepte für die Gemüseküche mitliefert, die ich mir sofort notiert habe. Kann ich also empfehlen:

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Ich war gestern beim Stadtteilbeirat, das ist eine lokalpolitischen Spezialität in Hamburg. Da wurde nämlich ein Bauvorhaben vorgestellt, das hier ein paar Meter neben uns geplant ist, damit werden wir noch einiges zu tun haben, erst Abriss mehrerer Häuser, dann Neubau in beträchtlicher Höhe, der auch uns Licht kosten wird. Da standen also der Architekt, der Bauherr, der Bauvorhabende oder wie immer seltsam sie sich neuerdings bezeichnen, der Investor. Bzw. ein Vertreter des Investors, des Architekten, des Bauherren, eh klar. Im Publikum waren Interessierte aus dem Stadtteil, darunter Vertreter einiger Parteien, Nachbarn, Leute vom Mieterverein usw. Da werden sehr heruntergekommene Häuser abgerissen, in denen billige Wohnungen waren, es werden Wohnungen neu gebaut, die selbstverständlich keineswegs billig sein werden, wie das heute so ist, alles nur kleine 2- bis 3-Zimmer-Wohnungen, Familien sind als Kunden sowieso uninteressant. Fragen zur künftigen Miethöhe wurden tatsächlich mit Grinsen und Schweigen beantwortet. Jemand fragte nach sozialem Wohnungsbau und die Gesichter der drei Herren hätte man filmen müssen, großes Kino. Erstaunte Blicke, dann Befremden, das in eher verkniffene Heiterkeit überging, denn richtig lachen durften sie ja erst hinterher draußen, beim Bier nach dem Sozialpolitklimbim, so viel Benehmen musste schon sein. Keiner im Saal hatte eine andere Reaktion erwartet, das war auch klar, aber eigentlich kann man darüber noch einmal kurz nachdenken, dass die bloße Frage nach sozialem Wohnungsbau, nach günstigen Wohnungen, hier nur noch als Scherz durchgeht, als Politkabarett von links, als Mahnung der Sozialromantiker, dass es so etwas einmal ganz selbstverständlich gab.

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Scared is scared of all the things you like. Nicht irgendein Filmprojekt.

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Von einem Sohn gehört, dass sie in der Grundschulklasse ein Ritual haben, das sie “warme Dusche” nennen. Da wird ein Kind ausgelost und alle anderen sagen, was sie gut an ihm finden, eine Prozedur, die sie in der Klasse alle sehr mögen. Auf diese Art erfährt also jemand, dass er nett ist, lustig ist, ein toller bester Freund ist, sehr gut malen kann, gut im Tor ist, hilfsbereit ist und dergleichen mehr, da freuen sich die Ausgelosten dann hinterher noch tagelang wie Bolle über all die guten Botschaften. Natürlich gibt es auch bei den Kindern welche, die sich gegenseitig schwer unsympathisch finden, aber da werden dann Lösungen gefunden. Sie haben eine Weile drüber gegrübelt und sich etwas ausgedacht, was man in solchen Fällen sagen kann, mit einem wirklich faszinierenden Ergebnis. Das endet dann nämlich in Sätzen wie “Du hast einen schönen Ranzen.” Guck an, was Kinder heute so lernen. Stark.

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Im Wetterbericht steht – also wenn man weit genug nach unten scrollt jedenfalls – wieder etwas von steigenden Temperaturen und Regen. Guter alter Regen! Da wird einem als Hamburger sofort ganz warm ums Herz. Regen ist hier ein wichtiges Stück Heimat, für uns müsste es folgerichtig ein Regenministerium geben, da würde niemand spöttisch und herablassend nach dem Sinn fragen. Oder zumindest viel seltener und leiser als bei einem “Heimatministerium”. Ja, manchmal müssen so in die Luft gemalte Gänsefüßchen schon sein.

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Sven mit naheliegenden Gedanken zu den Fahrverboten in Hamburg, die mich zugegebenermaßen auch etwas verwirren. Kiki denkt da ebenfalls drüber nach, hat aber zusätzlich ein Chili-Rezept anzubieten, das man nachkochen kann. Immer auf den Mehrwert achten!

Und dann noch das Neusprech-Blog zum schönen Wort “Fähigkeitslücke”.

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In Kürze übrigens wird es abends wieder lieblichen Amselgesang geben, akustischer Schmelz über Dächern im warmen Abendrot, auch wenn man es sich gerade noch überhaupt nicht vorstellen kann. In ein paar Wochen nur! Und welches Lied fällt uns bei Amselgesang ein? Genau.

 

Die Herzdame: Experiment Tag 1

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, hat zwei ganz neue Kinder.

Die Söhne mit dem iPad

Kurz vorweg, wir freuen uns, dass wir das Familienmagazin der Süddeutschen Zeitung als Werbekunden für diese Reihe gewinnen konnten, siehe ganz unten.

Freitag nach der Schule berufen der Gatte und ich den Familienrat ein und stellen den Söhnen unser Experiment vor. Erst mal etwas gelangweilte Blicke, an der Stelle mit „unbegrenzte Medienzeit“ dann leuchtende Augen. Und beim Hinweis zu „Eigenverantwortung“ Schulterzucken und Gähnen.

Alles in allem aber zwei durchaus interessierte Experiment-Teilnehmer. Und je länger wir darüber sprechen, desto mehr bringen sie sich mit ein, was für unsere Kinder eher ungewöhnlich bei einem Familienrat ist. Normalerweise kann sich Sohn 1 dabei vor Müdigkeit kaum auf dem Stuhl halten und Sohn 2 macht demonstrativ desinteressiert etwas anderes und hört gar nicht erst zu.

Die Möglichkeit, viele Dinge selbst zu entscheiden, also ohne elterliche Vorträge, scheint sie offensichtlich sehr zu motivieren. Sohn 2 äußert dann doch etwas sorgenvoll seine Bedenken, dass er möglicherweise zu spät zur Schule kommen könnte und wir ihn bitte weiterhin morgens ermahnen sollen. Wir können uns dann aber darauf einigen, dass ich ihn ab und zu freundlich auf die Uhrzeit hinweise, mich dann aber nicht weiter aufrege und ihn ansonsten alleine machen lasse.

Auch bei anderen Themen kommen wir überein, dass der Gatte und ich den Kindern freundliche Empfehlungen geben, sie dann aber selbst entscheiden lassen, ob sie denen nachkommen wollen oder nicht.

Zum Thema „Hilfe im Haushalt“ halten wir fest, dass wir Eltern um Hilfe bitten, sie aber ebenfalls entscheiden, ob sie Lust dazu haben oder nicht. Wenn wir allerdings am Ende vor Erschöpfung umfallen, weil wir alles alleine machen mussten, können sie nicht erwarten, dass wir noch irgendwas für sie tun.

Gesunde Zähne, gesundes Essen, ausreichend Schlaf, saubere Wäsche, gute Noten – das sind alles Entscheidungen, für die die Söhne eine Woche lang selbst verantwortlich sein wollen.

Und das geht dann tatsächlich auch gleich gut los. Der Gatte und ich verteilen den restlichen Tag nur freundliche Hinweise und die Söhne überschlagen sich vor verantwortungsvollem Verhalten.

Sohn 2 hat am Ende des Tages eher weniger Medienzeit als mehr, obwohl er sich durchaus mehr hätte gönnen können. Ganz ohne Gezeter der Eltern. Er hilft mir auch ganz freiwillig beim Wäsche aufhängen. Und als wir aus dem Keller wieder in die Wohnung kommen, putzt sich Sohn 1 schon die Zähne und hat abends (!) freiwillig (!) eine Bürste in der Hand, mit der er sein Vogelnest auf dem Kopf bearbeitet.

Sie bieten an, alleine ins Bett zu gehen und als Sohn 2 auch noch seine Haare gebürstet haben möchte, übernimmt das Sohn 1. Ich bin wirklich fassungslos, zwei Brüder, die sich gerade ziemlich doof finden, einträchtig im Wohnzimmer sitzend und Haare bürstend.

Als ich mich dann ins Bett zurückziehe und langsam in den Schlaf sinke, höre ich sie noch lange einträchtig reden, was sie schon seit ewigen Zeiten nicht mehr getan haben.

Es ist schon interessant, was so ein bisschen mehr Freiheit ausmachen kann. Das sind nicht meine Kinder! Aber wie lange das anhält – warten wir es ab.

Pia Ziefle hat ähnliche Probleme und einen etwas anderen Ansatz. Auch sehr interessant.

Hier noch mal alle Berichte des Experiments:

Einleitung | Tag 1Tag 2 | Tag 3 | Tag 4 | Tag 5Tag 6Tag 7 | Tag 8 | Fazit

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Da die Söhne Hauptfiguren dieser Blogartikelreihe sind, mittlerweile aber schon ziemlich gut mitlesen können und eine genaue Vorstellung davon haben, was sie von sich im Netz lesen wollen und was nicht, werden diese Artikel vor Veröffentlichung mit ihnen besprochen und lektoriert. Auch wenn ich es richtig blöd finde, wenn ein guter Witz von ihnen gestrichen wird und rausfliegt.

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Um der Verdummung durch zu viel digitale Medien entgegen zu wirken – der Sponsor dieser Reihe ist die SZ Familie.