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Hamburgnahe Menschen wollen bei der Wochenendeplanung vielleicht diese Lesung mit mir bedenken – morgen nachmittag in Hamburg-Hamm. Es ist rattenkalt draußen, da kann man  lieber reingehen und sich etwas vorlesen lassen, nicht wahr.

Lassen Sie sich von der Sonne draußen nicht täuschen oder zu Spaziergängen verführen, das ist gar nicht die echte Sonne, die wärmt gar nicht.

Lieblingskinderbücher – die Auswahl von Sohn II

Während Sohn I ein Büchervielfraß ist, der Unmengen konsumiert, liest Sohn II nur wenige Bücher, die dann aber immer wieder. Seine Lieblingsbücher sind also wirklich seine Lieblingsbücher, über Monate hinweg, da war die Auswahl auch ganz leicht. Bei Sohn I dagegen ist ein Lieblingsbuch vielleicht nur zehn Minuten lang ein Lieblingsbuch. Das hier ist also eine wesentlich verlässlichere Liste.

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Linde Knoch, Christiane Lange, Meike Teichmann: Die Zaubermühle oder wie das Salz in das Meer kam, ein friesisches Märchen auf plattdeutsch und hochdeutsch/ De Zaubermöhl oder wie dat Solt in de Nordsee kam, een freesch Määrken op Plattdütsch mit Hochdütsch: “Weil da ein böser Kapitän drin ist und ein  Leuchtturm und ein Schaf und eine Kaffeemühle.”

Juija Wieslander, Sven Nordquist, übers. von Angelika Kutsch: Mama Muh braucht ein Pflaster: “Weil die Kuh ausrutscht und ein bißchen  blutet, aber nur ein ganz bißchen, und da braucht sie ein Pflaster, darum geht es. Das ist lustig.”

Ruth Sonneborn/Eric Gurney: Jemand frisst die Sonne auf :  “Weil es da ganz dunkel wird, aber die Sonne ist in Wahrheit gar nicht weg, der Mond ist da nur davor, das nennt man Sonnenfinsternis, das weiß ich alles schon, das weiß ich alles, alles.”

Zehn kleine Kätzchen (ein Erbstück aus der Kindheit der Herzdame, keine Verfasserangaben, charmantes Design aus den Siebzigern oder noch früher): “Weil da sehr schöne Katzen drin sind. “

Zdenek Miler: Der Maulwurf rettet das Häschen: “Weil der Hase sich verläuft und der Maulwurf bringt ihn zu seiner Mutter und das weiß der Hase auch und der Maulwurf weiß, wo die Mama wohnt und am Ende ist alles gut.”

Gunilla Bergström, übers. von Anna-Liese Kornitzyk: Mehr Monster, Willi Wiberg!: “Weil da Messer drin sind und ein Dreistiefler und ein Monster.”

Peggy Rathmann: Gute Nacht, Gorilla: “ Weil der Mann gute Nacht zum Gorilla sagt.”

 

 

Lieblingskinderbücher – die Auswahl von Sohn I

Drüben bei Friederike kann man gerade die fünf Lieblingsbücher ihres Sohnes nachlesen, da kam sie drauf, weil sie selbst selbst vor ein paar Tagen ihre eigene Auswahl von 5 Büchern hier vorgestellt hat. Und das ist natürlich eine großartige Idee, denn warum soll immer nur ich hier meine Leselisten veröffentlichen, das können die Söhne doch auch schon.

Zunächst die aktuelle Auswahl und die Begründungen von Sohn I, der sich für die Liste fast gar keine Vorlesebücher ausgesucht hat, sondern nur solche, die er gerne alleine liest. Also nicht den Text, denn den kann er noch nicht, aber die Bilder. Und einige Buchstaben, immerhin. Er liest sehr viel, sehr lange und ja, auch heimlich mit Taschenlampe unter der Bettdecke. Es wachsen eben trotz aller modernen Entwicklung immer noch richtige Bücherwürmer heran, auch wenn sie nebenbei noch so begeisterte iPad-Nutzer sind.

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Gruselgeschichten für Vorschüler und Erstklässler, diverse Autoren, erschienen in der arsEdition 2005:  “Da sind so Wörter im Text durch Bilder ersetzt und die kann ich dann selbst lesen, das finde ich gut. Und das ist alles mit Drachen und Geistern und Monstern und Grusel und Grusel ist natürlich immer gut. Nur die eine Geschichte mit dem Angeln ist doof, weil Angeln doof ist. Finde ich. Total langweilig.”

Yakari: Neue Geschichten mit den Indianerjungen: “Yakari kommt immer überall durch, das finde ich toll, weil er ja auch mit den Tieren reden kann und immer einen Ausweg findet aus allem oder einen Trick. Ich finde auch immer Tricks. In dem Buch ist auch die Geschichte mit dem dummen Pelikan, das ist die beste von allen Yakari-Geschichten, der stürzt ab und das ist sehr lustig, weil abstürzende Pelikane wirklich lustig sind, das ist so.”

Geheimnisse der Welt: Dinosaurier:  “Das ist mit getöteten Tieren, wo man noch das Blut sieht. Und gejagten Tieren und Jägern und Tieren, die sich gut wehren können, auch gegen große Tiere, und da ist hinten dieses Vergleichsbild mit dem Menschen drauf, da sieht man genau, wie groß die Dinosaurier wirklich waren. Nämlich richtig, richtig groß.”

Ali Mitgutsch: Mein Piraten-Wimmelbuch: “Das sieht man ja gleich, warum das toll ist, mit den ganzen Piraten und richtigen Kämpfen und Menschen die ins Wasser fallen und Guten und Bösen und brennenden Booten und Feuer auf dem Wasser, das ist wirklich mit allem.”

Morris/Goscinny: Lucky Luke – Die Erbschaft von Rantanplan: “In dem Buch verbrennt ein Hotel, das mag ich. Das ist sonst so in keinem Buch. Und die Daltons sind auch gut, besonders der ganz Kleine. Und Lucky Luke ist sowieso gut. Die Hefte mag ich alle. Asterix ist auch gut, aber ich finde gerade keinen.”

Jan Mogensen/Irina Korschunow: Hast Du gut geschlafen, Teddy? “Da fällt ein Teddy aus dem Fenster auf eine Katze und ganz zum Schluß kommt er erst zurück ins Zimmer, mit einer Taube, das ist ziemlich kompliziert. Aber das  Beste ist sowieso, dass der Teddy aus dem Fenster fällt.”

David Henry Wilson (Bilder Axel Scheffler, Übers. Gerda und Helmut Winter): Jeremy James oder Elefanten sitzen nicht auf Autos: “Weil da ein Elefant auf dem Auto von dem Papa von Jeremy sitzt und ein Geschäft darauf macht. Das ist zwar zum Vorlesen, aber wirklich witzig. Das ist eines der witzigsten Bücher hier, glaube ich.”

Die Auswahl von Sohn II folgt morgen.


 

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Von Greenpeace gibt es eine aktuelle Aufstellung zu Fischsorten – welche kann man noch essen, welche nur bedingt, welche gar nicht.  Schlichte Schlußfolgerung: Es ist nicht mehr viel übrig. Im Grunde nur Karpfen, das ist die einzige Sorte komplett ohne roten Hinweis. Ausgerechnet Karpfen. Örgs. Da fällt einem der Fischverzicht doch wirklich gleich viel leichter.

“Die Welt wird besser”, das ist eine Schlagzeile, mit der man nicht unbedingt rechnet. Schon gar nicht in der taz. Und schon gar nicht vollkommen ernst gemeint.

Die Welt wird übrigens auch für arabische Frauen besser, hurra! Die haben jetzt nämlich ein speziell für sie designtes Tablet zur Verfügung. Das epad femme, mit vorinstallierten Koch-Apps, Yogakursen und Schwangerschaftskalendern, also mit allem, was man eben so braucht als Frau. Und auch noch sehr leicht zu bedienen, denn die können ja nix, die Frauen, mit ihren süßen Patschehändchen. Klingt wie ein Witz, sieht auch aus wie ein Witz, ist aber gar keiner (englischer Text).

Und die deutschen Frauen? Die wollen einfach arbeiten (sorry, Link kaputt), schreibt Anette Göttlicher und sie schreibt auch, warum das nicht so einfach ist. Das Thema taucht hier häufig auf, wie die Stammleserinnen merken, aber das ist auch sicher völlig angemessen. Der Gegensatz zwischen der Klarheit, mit der die Probleme benannt werden, und der Unklarheit, mit der die Politik antwortet, der wird immer faszinierender.

Nicht alles wird besser, manches bleibt auch schlecht. Wenn z.B. im Leben so viel schief geht, dass man dummerweise kein Girokonto mehr hat, dann hat man ziemlich schlechte Karten – ganz besonders übrigens in Deutschland, schreibt die Zeit.

Schlecht ist oft auch absichtlich verschleiernder Wortgebrauch, etwa bei dem Begriff “Bankenabgabe”, den wir gerade im Zusammenhang mit Zypern alle paar Minuten in neuesten Nachrichten wahrnehmen müssen. Auf Neusprech.org findet man eine lesenswerte Analyse des Wortes.

Und ganz schlecht ist natürlich auch unsere Ernährung, gar keine Frage. Wer ohne Schuld ist, der werfe bitte den ersten Schokoriegel. Der Rest, also all die Büromenschen, die sich ganz normal, sprich normal schlecht ernähren, erkennt sich womöglich in diesen faszinierenden Bildern wieder. Lauter amerikanische Versionen der Büro-Mahlzeit. Nebenbei runtergeschlungen, nebenbei geknipst. nebenbei hochgeladen. Achtung, manches Bild in diesem Blog wirkt deutlich appetitzügelnd.

Der Weiterbildungslink der Woche – ein langer Text zur Hyperinflation von 1923, der die Zusammenhänge vermutlich etwas besser erläutert als damals Ihr Geschichtsbuch.

Apropos Weiterbildung – bei den Scilogs geht es um Antibiotikaresistenzen, und das hat mit Wirtschaft erst einmal gar nichts zu tun, denkt man jedenfalls. Bis man den Hinweis im allerletzten Absatz findet. Aber fangen Sie ruhig vorne an und lassen Sie sich überraschen. Es lohnt sich.

In der Zeit geht es um die Grenzen des Wachstums und die Grenzen des Kapitalismus und um Jan Müller. Den kennen Sie nicht? Vielleicht doch, nur unter einem anderen Namen.

Der Wirtschaftsteil ist irgendwie nicht vollständig ohne einen Link zum Thema Architektur. Diesmal geht es in einem englischen Beitrag um den Innenausbau eines Ladens, eines Buchladens sogar, das kommt ja immer besonders gut an. Buchgeschäfte sind immerhin so etwas wie die Pandabären des Einzelhandels. Alle finden sie schön und süß und keiner darf ihnen etwas tun, auch wenn ringsum alles andere zum Teufel geht und es immer schwieriger wird, sie am Leben zu erhalten. Der Laden, um den es hier geht,  wurde mit Recyclingmaterialien eingerichtet, ziemlich ausgefallen und ziemlich cool.  Die Seite, auf der das Video verlinkt ist, Treehugger, ist übrigens generell recht interessant und unterhaltsam. Wir sagten es vermutlich bereits einmal, aber das schadet ja nicht.

Und zum Schluß noch ein Blick auf ziemlich alte Architektur, auf vergangene Größe, auf ein längst untergegangenes Unternehmen in Leipzig.  Der Fotograf und Autor des Textes nennt es eine Narbe in der Welt und es ist ja nicht ganz unüblich, sich ab und zu mal Narben zu zeigen und die Geschichten dazu zu erzählen. Auch in diesem Blog lohnt es sich, ein wenig rückwärts zu lesen. Vielleicht holen Sie sich vor dem Klick besser einen Kaffee.

GLS Bank mit Sinn

I remember you well in the Wellness-Hotel

Das kinderlose Wochenende in Kühlungsborn liegt schon wieder etliche Tage zurück und mittlerweile habe ich mich fast ganz davon erholt und kann mich auch wieder ziemlich normal bewegen. Denn während andere Menschen vitalisiert von solchen Erholungstrips zurückkommen und dynamisch wie ein junger Springbock  an den Schreibtisch zurückeilen, lief das bei mir leider etwas anders. Dafür kann aber, um es gleich vorweg zu nehmen, der Ort Kühlungsborn nichts, dafür können auch das überraschend gute Wetter und das wie immer großartige Hotel nichts. Die mangelnde Erholung begründet sich vielmehr ausschließlich in einem kleinen Mordversuch der Herzdame, aber fangen wir vorne an.

Als wir in Kühlungsborn ankamen, schien die Sonne. Das war so nicht vorgesehen, aber das haben wir mit stoischer Gelassenheit ausgesessen, das können wir gut. Einmal kurz zum Strand , drei Fotos für das Blog machen, schnell wieder aufs Zimmer gehen, fertig ist die Outdoor-Experience, da haben wir Routine, das dauert keine halbe Stunde. Um Outdoor geht es an diesen Wochenenden nun einmal definitiv nicht. Outdoor müssen wir dauernd mit den Kindern, Outdoor nervt. Das Hotel war ein Wellness-Hotel. Ein Wellness-Hotel hat einen entscheidenden Vorteil für mich, denn der Wellness-Bereich absorbiert in berechenbarer Weise die Herzdame und lässt mich ganz allein im Hotelzimmer zurück, in perfekter Ruhe und  himmlischer Ungestörtheit. Da mich Wellness-Bereiche überhaupt nicht interessieren, kann ich also tiefenentspannt und ohne die geringste Ablenkung lesen, während die Herzdame sich in einer Sauna mit absurden Temperaturen quält, in eiskaltes Wasser springt, unter Regenwaldduschen mit Vogelgezwitscher vom Band herumsteht oder was man da eben so macht, in einem Wellness-Bereich, was weiß ich, ich kenne mich da nicht aus. Nach einigen Stunden spuckt der Wellness-Bereich jedenfalls eine bestens gelaunte und köstlich duftende Herzdame wieder aus, ich habe bis dahin im besten Fall den ersten Roman komplett durchgelesen und bin daher ebenso blendend gelaunt. Ich liege bettwarm und sehr entspannt herum, sie kommt saunaheiß und auf dem Gipfel der Wohlfühlerei dazu, und den Rest überlasse ich der Phantasie der Leserschaft. So weit, so schön.

Also wir schlafen dann natürlich sofort gemeinsam ein, es sind kinderfreie Tage, was denken Sie denn.  Sich hinlegen und ungestört einschlafen, das ist so toll, das machen wir an diesem Wochenende dauernd, davon können wir gar nicht genug bekommen. Wir stehen ab und zu sogar extra kurz auf, gehen einmal ums Bett herum und legen uns wieder hin, nur um noch einmal ungestört einschlafen zu können. Es ist phantastisch, es ist unbeschreiblich, ein Gefühl, dass alle Eltern sicher sofort verstehen werden. Hinlegen, horchen – nichts. Wieder wegdämmern. So schön.

Wobei es allerdings nicht ganz stimmt, dass mir Wellness vollkomen egal ist, ein Teilaspekt könnte mich schon lebhaft interessieren, und zwar die Massagen, die oft dazugehören. Massagen sind ohne Zweifel großartig und erstrebenswert, besonders für Menschen, die mit solcher Ausdauer am Schreibtisch kleben wie ich. Aber leider sind sie meist recht teuer, deswegen halte mich dabei ebenfalls zurück.  Das ist vielleicht auch gut so, denn aufgrund eines familieninternen Sprachgebrauchproblems leide ich unter der etwas exotischen Angst, das Wort Massage öffentlich falsch auszusprechen, und diese Peinlichkeit bleibt mir dann zumindest erspart. Sohn II hat Schuld an dieser Angst, denn er spricht regelmässig von Maschase, wenn er eine Massage haben möchte. Da die Herzdame nicht nur irgendwas mit Internet macht, sondern als Ausgleich u.a. auch eine Ausbildung zur DELFI-Gruppenleitung absolviert hat und regelmäßig Mütter mit Babys auf diese Art betreut, übt sie gelegentlich Babymassagetechniken an den Söhnen, was diese verständlicherweise sehr angenehm finden. Besonders Sohn II mag diese Massage-Übungen und er fordert sie regelmässig ein. “Kann ich eine Maschase? Bitte, ich möchte eine Maschase, Mama! Und dann noch eine? Eine ganz, ganz lange?” Und er bittet so überzeugend und er spricht das Wort mit einer solchen Präzision und Häufigkeit falsch aus, dass Massage bei uns routinemäßig schon längst nur noch Maschase heißt und das Umschalten auf den korrekten Sprachgebrauch mit der Zeit verblüffend schwierig geworden ist. Das Wort hat sich schlicht festgefressen.  Eine Maschase bitte. Eine Maschase in einem Massagesalon am Maschsee, bitte. Oder in Massachusetts.  Ich schweife ab.  Was ich sagen wollte: Es wäre mir ungeheuer peinlich, irgendwo in einem Wellness-Bereich eine Maschase zu bestellen, wie steht man denn dann da.

Während ich jedenfalls zum wiederholten Male gemeinsam mit der Herzdame einschlief, dachte ich noch im seligen Hinübergleiten in den Schlaf,  dass eine Maschase doch wirklich nett wäre, und dass ich doch eigentlich auch einmal etwas Wellness bekommen könnte. Gratis, versteht sich, denn den Controller in mir lasse ich auch an solchen Wochenenden nicht zu Hause, der sitzt bombenfest in seiner Leitstelle. Ein Einsatz für die Herzdame also. Und ich wartete ein, zwei Nickerchen ab, denn an kinderfreien Wochenenden muss man nichts überstürzen, und machte Ihr dann hoffnungsfroh einen Antrag auf eine lange Maschase, den sie für ihre Verhältnisse sogar wohlwollend beantwortete. Im Laufe einer Ehe sinken die Ansprüche an Freundlichkeit natürlich deutlich ab. “Wenn’s unbedingt sein muß”, murmelte also die Herzdame  und ich warf mein T-Shirt von mir und mich vor sie hin und sie sich auf mich. Quasi.  Dann griff sie mir mit ihren verblüffend kräftigen Zangenfingern in die Schulterblätter und ich machte “uh” und “oh” und “ah”,  was man eben so von sich gibt, wenn man herrlich maschiert massiert wird und die Herzdame fragte “Da auch?” und “Wie ist es da so?” und es war alles ganz wunderbar. Bis sie befand, dass mein Kopf auf der falschen Seite lag.

Als gebürtige Nordostwestfälin mit dem in dieser Region üblichen eklatanten Mangel an kommunikativen Fähigkeiten ist sie nun kein Mensch, der lange fragt, sie ist ein Mensch, der sofort zugreift. Ich spürte also zwei Hände an meinem Kopf, ich spürte ein schwungvolles Drehen und ich spürte ein ausgesprochen unheimliches KNACK – und dann dauerte es eine ganze Woche, bis ich den Kopf wieder nach rechts drehen konnte.  Und während ich noch in den Sekunden nach dem Knack darüber nachdachte, wie hoch eigentlich meine Lebensversicherung zu ihren Gunsten noch einmal war und während sie noch versuchte, von nicht eben florence-nightingale-mäßigen Lachkrämpfen geschüttelt, eine wenig glaubwürdige Entschuldigung  zu murmeln, zog sich ein seltsam glühender Schmerz vom Nacken zur Hüfte und mir wurde am ganzen Körper  beunruhigend heiß. Ganz ohne Sauna, aber da wollte ich ja ohnehin nicht hin.

Der Schmerz blieb im Nacken und im Rücken, der Kopf blieb links. Nach einer Stunde war mir klar, dass dieser Zustand etwas länger dauern konnte. Da war es ganz praktisch, dass die Ostsee vom Balkon aus auch links zu sehen war. Am Anblick der dunkelgrünen Wellen und der strahlend weißen, sturmzerfetzten Schaumkrönchen in der Brandung konnte ich mich von da aus erfreuen, ohne mich dafür schmerzhaft verdrehen zu müssen. Toll, so ein Hotel in richtiger Lage, passend zu den aktuellen Verrenkungen, wie hatte ich das wieder geschickt gebucht.

Ich ziehe nach dieser Erfahrung jetzt jedenfalls lose in Erwägung, beim nächsten kinderlosen Wochenende doch einmal im Wellness-Bereich nach einer professionellen Madings für mich zu fragen. Sie wissen schon. Das mit den Händen. Das Gefährliche.

 

 

Nächstes Wochenende, Sonntag

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Am kommenden Sonntagnachmittag  lese ich auf Einladung der Buchhandlung Seitenweise bei den Stadtveränderern in Hamburg-Hamm aus meinem letzten Buch.

Die Lesung findet im gleichen Haus statt, in dem einmal die legendären Kaffeesatzlesungen stattfanden, damals, vor irgendeinem Krieg.  Die Älteren erinnern sich vielleicht noch. Und wissen vielleicht auch den Weg noch, und auch noch wie der seltsame Fahrstuhl geht. Aber Achtung, es ist diesmal ein anderes Stockwerk.

Woanders – diesmal ganz kurz mit der S- und der U-Bahn, einem Klavierspieler, alten Häusern und Keimzellen

Anke Gröner wartet auf die S-Bahn und guckt sich Leute an. Die liebe Nessy fährt U-Bahn. Mehr braucht’s ja gar nicht, für ein gutes Blog, im Grunde sind wir Blogger ja sehr bescheidene Kreaturen. Stehen oder sitzen irgendwo herum, schmutzen nicht, machen nichts und am Ende ist alles doch irgendwie ein Text.  Es begeistert mich immer wieder.

Und übrigens müsste man Klavier spielen können, das sagte ich bereits einmal, aber nach solchen Videos denke ich es doch mit einiger Vehemenz.

Verlassene Häuser aus Lego. Das hat was. Im Hintergrund schleicht eine unheimliche Figur durch durch die nächtliche Szenerie. Ist es womöglich Badman?

Verweigerung der Keimzellenvereinnahmung” ist natürlich eine besonders hübsche Überschrift von Journelle, da muss man gar nichts mehr ergänzen.

Der große Schweizer Autor Us Widmer, einer meiner deutschsprachigen Lieblinge, über die Märchen der Brüder Grimm,  ein Artikel in der NZZ. Falls jemand Urs Widmer nicht kennt – da kann man dann noch einen ganz schrägen Vogel der Gegenwartsliteratur kennenlernen.

Das beste Essen der letzten sieben Tage war dieses Süßkartoffelcurry. Allerdings mit diesem Weizen-wie-Reis-Zeug statt Reis. Verblüffend, aber die Söhne essen das Getreide gerne einfach so. Dafür dann aber den ganzen Rest vom Gericht nicht. Irgendwas ist immer, ich nehme auf diese Neigungen ja keine Rücksicht. Hier kann man abends entweder das essen, was ich koche, oder sich ein Stück Brot machen. Schon hat man mit dem Thema keinen Stress mehr.


 

Kurz und klein


Plastik, Pixar, Piano – Im Museum für Kunst und Gewerbe

Bevor ich ihn in ein Museum locken kann, muss ich dem Sohn erst erklären, was es da zu sehen gibt, wir haben da allmählich etwas Routine. Außerdem wünscht er zur Vorbereitung jeweils die Homepage des Museums zu sehen, darauf kommt man heutzutage auch mit fünf Jahren schon. Die überzeugt ihn aber nicht, die ist nur etwas für Erwachsene. Ich erkläre ihm, dass es im Museum für Kunst und Gewerbe gerade eine Sonderausstellung zum Thema Plastikmüll gibt, außerdem noch eine zu Pixar, der Firma mit den ganzen Trickfilmen. Ratatouille, den Film kennt er, das müsste ihn doch eigentlich interessieren, nicht wahr. Der Sohn hält das mit dem Müll erst einmal für einen Witz und fragt, ob da im Museum auch die Filme von Pixar gezeigt werden? Cars und so? Nein? Ach. Nur die Zeichnungen dazu. Hm. Was das denn soll?

Aber es gibt es da auch noch einen richtigen Kinderbereich, sage ich, mit seltsamen Möbeln und so. “Möbel”, sagt der Sohn langsam, “aha.” Er denkt nach und sieht wenig begeistert aus und ich reite lieber nicht auf dem Plastikmüll herum, der kommt mir gerade nicht verlockend genug vor. Dann fragt er, ob wir nicht lieber in ein Café gehen könnten, statt in das Museum. Mir fällt gerade noch rechtzeitig ein, dass man auch im Museum ins Café gehen kann, und von da an ist alles kein Problem mehr, das Argument überzeugt. Kuchen überzeugt überhaupt immer, manche Sachen sind in dem Alter dann doch noch sehr einfach. Er besteht darauf, seine eigene Kamera ins Museum mitzunehmen, er besteht auch darauf, einen Rucksack mitzunehmen, denn manchmal, erinnert er sich, sind in den Museen so Läden. Und manchmal haben die Läden so Spielzeug. Oder Bilderbücher. Und wenn man da etwas kauft, dann muss das ja irgendwo rein. Er ist unverkennbar auf dem besten Wege, ein richtiger Museumsprofi zu werden.

Wir kaufen die Eintrittskarte für mich, sein Eintritt ist frei, wie in fast jedem Museum. Wir geben die Jacken und Mützen an der Garderobe ab, wir hängen uns die Kameras um und könnten jetzt reingehen, allerdings hält mich der Sohn auf der Schwelle zum ersten Saal am Ärmel fest und will mir etwas ins Ohr flüstern. Ich beuge mich runter: “Hast du auch gefragt, ob wir da fotografieren dürfen?” Er ist nicht nur auf dem Wege, ein Museumsprofi zu werden, stelle ich fest, er ist es bereits. Ich sage, dass man fotografieren darf, das stand nämlich am Eingang auf einem Schild. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil, haha. “Kann ich ja auch bald”, sagt er, “dann lese ich das alles selber.” Dann erkläre ich ihm vorsichtig, dass der Kinderbereich heute gar nicht geöffnet ist, ich habe mich nämlich dummerweise im Tag vertan, das stand da leider auch auf einem Schild. Nur wer richtig lesen kann, ist auch richtig im Vorteil, das denke ich aber nur, das sage ich nicht. Er sieht mich mit einem Blick an, den ich ganz gut von seiner Mutter kenne. Manchmal ist Vererbung doch etwas sehr Unheimliches. Seine Stimmung ist jetzt bestenfalls als gemischt zu bezeichnen. Ich suche den Weg zu der Pixar-Ausstellung, hier muss schnell etwas gerettet werden. Dummerweise landen wir dann aber doch zuerst in der Ausstellung zum Plastikmüll. Da liegt natürlich reichlich Plastikmüll herum, den man aus dem Meer gefischt und hier dramatisch aufgetürmt hat, da liegen aber auch sehr viele eher informative Ausstellungsstücke mit Erklärtafeln daneben, auf denen ziemlich üppige Textmengen stehen. Da werden lang und breit Werkstoffe und Produkte erklärt. Da laufen auf Bildschirmen Videos über Umweltverschmutzung und über Müllverbrennungsanlagen, das ist wirklich kein ideales Kinderprogramm, denke ich.

Der Sohn ist also sofort begeistert. Er findet den Müllberg faszinierend, er fragt immer wieder, ob das wirklich alles aus dem Meer kommt und wie jetzt hier hin und wann und warum. Er lässt sich ein paar Tafeln von mir vorlesen, er rennt von Bildschirm zu Bildschirm und sieht gebannt zu, wie da das Schicksal einer Plastiktüte geschildert wird, die jemand auf einem Parkplatz verliert und die dann vom Wind durch die Welt getrieben wird, über Rasenflächen, Büsche, Wälder, Straßen, bis sie schließlich im Meer landet, bis sie auf den Wellen herumtreibt, bis ein Delphin seine Schnauze hineinsteckt…. den Rest kann man sich denken, da wird dann abgeblendet. Der Film läuft in Endlosschleife, das Kind bleibt fasziniert davor stehen und sieht ihn sich einmal an, zweimal, dreimal. Der gesprochene Ton ist englisch, aber das macht ja nichts, die Story versteht man auch mühelos so. Ich lese mir die Tafeln ringsum durch, während sich der Sohn den Film noch einmal ansieht, immer noch völlig gebannt. Er winkt mich zu sich und zeigt auf den Fernseher: “Da geht es um eine Plastiktüte. Aber sie sagen plastic bag, das ist Englisch, weißt du, Papa. Guck, der Delphin. Da, die Tüte.”

Ich bin mir nicht ganz sicher, aber es könnte seine Premiere sein, das erste Mal, das ihm jemand den Zustand der Welt in dieser geballten Ernsthaftigkeit vorführt, das erste Mal, dass er beginnt, etwas davon zu verstehen, dass womöglich da draußen nicht alles in Ordnung ist. Er sieht die toten Vögel mit dem Plastik im Magen, die Fische, die Schildkröten, all die Tiere, die an Plastik verreckt sind. So sieht es nun einmal aus, was soll man machen. Ich erkläre, was ich kann, bei dem Film über die Müllverbrennung weiß ich auch nicht wahnsinnig viel mehr als er, was interessiert mich Müllverbrennung. Wir sehen beide zu, wie die riesigen Maschinen Unmengen an Zeug sortieren. Wir sehen uns den Müllberg daneben noch einmal genau an, was da alles drin ist, was alles aus Plastik ist. Dann schlage ich vor, zu Pixar weiter zu gehen, ich will den Sohn auch nicht gleich in der ersten halben Stunde komplett überfordern. Was verträgt man mit fünf Jahren? Schwer zu sagen. Er geht noch einmal zu dem Film über die Plastiktüte zurück und bleibt davor stehen: “Ich bleib noch hier. Ich finde Plastikmüll sehr interessant, Papa.” Man kann ein Kind noch so gut kennen, man kann mit ihm Tage und Monate und Jahre verbringen, man weiß doch nie genau , wie es auf etwas Neues reagieren wird.

Im nächsten Flur geht es dann um Pixar, um die Filme der Firma, die Zeichnungen und die Entwürfe dazu. Natürlich laufen auch Filmausschnitte, da hängen wieder Monitore an der Wand, sogar mehrere nebeneinander, und auf jedem läuft ein anderer Kurzfilm. Der Sohn probiert, wie viele man gleichzeitig sehen kann. “Drei! Hier, wenn man genau hier steht, dann kann man drei Filme sehen!” Er ist mehr als entzückt, das hier erfüllt Träume, endlich eine fette Überdosis Trickfilm, endlich die volle, die wirklich volle Dröhnung, das ist ein Stück vom Himmel. Seine Augen zucken hin und her, seine Mundwinkel steigen in ungeahnte Höhen, vor ihm wirbelt lebendes Spielzeug über die drei Bildschirme, Figuren, Kinder, Gegenstände, in rasender Folge, es ist alles viel zu viel und viel zu schnell und es ist toll. So toll, dass ihm zehn Minuten tatsächlich ausreichen, den Effekt kannte ich bisher gar nicht.

Wir gehen danach an den Zeichungen und Skizzen der berühmten Figuren entlang, die uns beiden sehr gefallen. Da gibt es auch Modelle der Cars-Prototypen, detaillierte Charakterstudien des bösen Kochs aus Ratatouille, große Plüschtiere aus der Monster AG. Ein riesiges Bild mit einer Stadtansicht aus Ratatouille, in bester Disneytradition, detailreich und romantisch. Der Sohn steht davor und fragt, ob das denn wohl die beste Kunst der Welt sei, wenn man so malen könne? Und ob es wohl toll sei, so malen zu können? Wenn man so der Beste sei? Ja, sage ich, ja, alles ja. Ich muss nur an meine eigenen Kindheitskinotrickfilme zurückdenken und an den nachhaltigen Eindruck, den sie bei mir hinterlassen haben. Natürlich ist das die größte Kunst, aus seiner Sicht, gar keine Frage. Für die Kunstgeschichte mit dem ganzen anderen Zeug ist später immer noch Zeit genug. Und wer weiß, was ihn daran beeindrucken wird. Ein Kindertrickfilm im Kino, so viel steht fest, ist ein wirklich umwerfendes Stück Kunst und das kann man nun wirklich nicht gerade von jedem Ölgemälde behaupten.

Der Sohn hat Hunger, er fragt, wo denn das Café nun sei. Wir gehen durch viele Gänge, ab und zu werfen wir einen Blick in die Räume links und rechts davon. Vasen, sehr viele Vasen, und danach noch mehr Vasen neben anderen Vasen. Wir verstehen beide nicht, was an Vasen so toll sein soll, aber das Museum ist ja groß und bietet vieles. Chinesische Schriftzeichen auf gerolltem Papier, der Sohn schüttelt den Kopf und geht desinteressiert weiter, noch bevor ich zum Dozieren ansetzen kann. Ostasienabteilung, Kunstgegenstände, noch mehr, noch mehr und noch mehr. Der Sohn läuft daran vorbei. Herrje, Porzellan. Götter, Buddhas, Figürchen, man trabt so daran längs. Schüsselchen, Schälchen, Dingse, Samuraischwerter. Die Bremsspur des Sohnes kann man im Teppich vermutlich nach wie vor sehen. Echte Samuraischwerter! So richtige! Und Helme! Echte Helme! Und Rüstungen! Mit allem! Auf dem nächsten großen Bildschirm daneben laufen Ausschnitte aus Samuraifilmen, von der japanischen Kinoklassik bis hin zu Kill Bill. Nicht eben kleinkindkonform, aber höchst interessant, versteht sich. Es braucht eine Weile, bis er alle Filmausschnitte gesehen und sich vor den Vitrinen entschieden hat, welches Schwert er selbst nehmen würde und welches für seinen besten Freund wäre und bis er in allen Einzelheiten zu Ende gedacht hat, wer dann gewinnen würde, das verlangt natürlich alles sorgfältige Erwägungen und wir werden noch einmal hingehen müssen, mit dem Freund, das geht ja nun nicht, dass ihm so etwas nicht zeigen kann. Wie soll man richtig Samurai spielen, wenn nicht alle auf dem gleichen Kenntnisstand sind? Eben. Aber dann ist der Hunger schließlich doch zu groß und wir gehen endlich zum Café. Nur noch schnell durch die Jugendstilabteilung, die er befremdlich findet, wirklich seltsam, geradezu unheimlich. Unvorstellbar, dass so etwas mal in Wohnungen stand? Diese riesigen schwarzen Monstermöbel? Nein, oder? Er ist wirklich entsetzt, bis er merkt, dass da gerade ein echter Maler vor den Möbeln sitzt und die abmalt, da ist der Schrecken gleich wieder vergessen. Möbel abmalen, was für eine Idee, er findet das ebenso amüsant wie beeindruckend, weil die gemalten Möbel nämlich wirklich wie die echten aussehen. Der kann malen, der Maler, der kann toll malen. Also etwas anders sind die Möbel schon auf dem Papier, aber irgendwie auch ähnlich, nur die Farbe passt da nicht ganz und dass da ist in Wahrheit doch größer, oder nicht? Nachdenken über Kunst. Kann man in jedem Alter.

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Die Kuchenauswahl im Café ist bescheiden, nur ganze vier Sorten und der Sohn erklärt mir beleidigt, dass das doch dann kein richtiges Café sein, mit so wenig Kuchen. Ich überrede ihn dennoch zu einem Brownie, Brownies gehen immer. Wir setzen uns hin, ich giesse ihm Limo ein und probiere den Kuchen, der sehr gut schmeckt. Ich kaue angetan, bis ich merke, dass der Sohn gar nichts isst. Der sitzt nur da und guckt in die Gegend, mit ungewöhnlich konzentriert aussehendem Blick. “Was ist?” frage ich, “stimmt was nicht? Jetzt doch kein Kuchen? Kann ich ihn dann essen? Nehme ich gerne.” “Papa”, sagt der Sohn unwillig, “wir wollen erst der Klaviermusik zuhören.” Das kommt dabei heraus, wenn man mit dem Nachwuchs zu oft ins Museum geht, so wirkt sich also ein schwerer Kulturflash aus. Ich sitze und staune. Aus den Lautsprechern kommt Chopin, wobei ich auf den Komponisten nicht wetten würde, aber doch so halbwegs sicher bin, irgendeines der bekannteren Stücke. “Schön”, sagt der Sohn schließlich, als das Stück zu Ende ist “jetzt Kuchen.” Dann atmet er den Brownie ein, leckt noch die Krümel von meinem Teller und stürzt die Limo hinunter, Kultur macht anscheinend hungrig und durstig. Schließlich schiebt er lauthals rülpsend den Teller weg und fragt nach dem Laden, es gibt doch wohl so einen Laden? Mit so Sachen? Ja, den gibt es tatsächlich und den finden wir auch ziemlich schnell und gemeinsam suchen wir ein paar ausgefeilte Designobjekte als Souvenirs aus.

Denn wenn man schon in einem Museum ist, dann kann man ja auch etwas Kunst mitnehmen. Jeder Sammler hat mal klein angefangen.

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Dieser Text erscheint in der Folge meiner Kolumnen „Kind und Kegel“ für die Online-Ausgabe des Hamburg-Führers.